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as ist die Schriftgießerei«, sagte Gutenberg. Er legte einem klein gewachsenen Mann mit grauem Bart, der bei einem Schmelzofen saß, die Hand auf die Schulter. Ein zweiter Mann saß ebenfalls bei einem Ofen, neben dem ein Blasebalg lag. »Kurt hat früher Waffen hergestellt und kennt sich mit Metallen aus. Anton war Goldschmied, bevor er zu mir kam. – Hier entstehen die Buchstaben, mit denen wir drucken.«

Thomas war zum ersten Mal in der Werkstatt. Der rechteckige Raum hatte eine niedrige, von Holzbalken getragene Decke und viele Fenster. Da es draußen dunkel war, sorgten Öllampen und Kerzen für Helligkeit. Es roch nach Ruß. Die Gerätschaften, die er sah, wirkten auf Thomas fremdartig. Er zählte neun Männer bei der Arbeit, die sich lautstark unterhielten – zwei weitere, die neues Papier holten, waren ihnen gerade im Hof begegnet. Thomas fragte sich, ob er jetzt zu Gutenbergs engstem Kreis zählte.

»Wir orientieren uns so eng wie möglich am Vorbild der Handschriften«, sagte Gutenberg. »Deshalb stellen wir nicht nur Einzelbuchstaben her, sondern auch Buchstabenverbindungen und Abkürzungen. Dieser Kringel zum Beispiel ersetzt die lateinische Endung -us. – Hier, die sind schon abgekühlt!«

Gutenberg drückte Thomas einige längliche Metallbrocken in die Hand. »Wir schmelzen und mischen verschiedene Metalle. Ich habe lange experimentiert, bis ich eine Mischung fand, die meinen Ansprüchen genügt. Die Buchstaben werden stark beansprucht, und am Anfang brachen sie zu schnell. Hauptsächlich verwenden wir Blei; auch Zinn ist ein wichtiger Bestandteil.«

Thomas betrachtete das Metallstück in seiner Hand. Der Buchstabe selbst machte den kleinsten Teil aus. Er saß auf einem länglichen Metallkörper, der als Träger diente.

Gutenberg griff nach einem faustgroßen Gegenstand, der auf einem Beistelltisch lag. »Das Gießgerät hat mich unendlich viel Mühe gekostet!«, sagte er. Thomas erkannte ein Instrument wieder, von dem in den Plänen die Rede war. Es bestand zum Teil aus Holz und zum Teil aus Metall. Gutenberg klappte es auseinander und zeigte auf eine Röhre. »Durch diese Röhre fließt das Metall. Ganz unten, kaum zu sehen, befindet sich die Urform des Buchstabens, eine in Metall geprägte Hohlform. Beim Abguss entsteht der Buchstabe seitenverkehrt, und später, beim Druck, erscheint er wieder in der gewohnten Weise.«

»Schwätz nit!«, sagte Kurt, der Schriftgießer. »Das versteht man sofort, wenn man’s sieht.«

Er nahm eine Kelle mit Holzgriff zur Hand und schöpfte aus einer Vertiefung im Schmelzofen flüssiges Metall. Eine Seite des Ofens stand offen. Ein kräftiges Feuer loderte und knisterte. Behutsam ließ er die zähe Flüssigkeit in das geschlossene Gießgerät fließen. Kurt – mit rötlichem Widerschein im Gesicht wartete eine Weile, ehe er die Form auseinander klappte und der Buchstabe mit hellem Klang auf den Beistelltisch fiel.

»Haste gesehen!«, sagte er zufrieden. Er fasste die bereits abgekühlte Letter mit zwei Fingern und zeigte sie Thomas.

Gutenberg zog ihn weiter. »Man kann beliebig viele Abgüsse des Ur-Buchstabens herstellen, die sich gleichen wie ein Ei dem andern«, erklärte er. »Ich vergleiche es mit der Herstellung von Münzen, nur dass wir ein anderes Verfahren anwenden.«

»Eigenartig«, meinte Thomas, »es ist, als ob die Dinge ihre Individualität verlieren.«

Gutenberg zuckte mit den Schultern, und sie kamen zu zwei Männern auf der anderen Seite des Raumes. Sie standen vor schrägen, in umgekehrter V-Form gegeneinander gestellten Holzkisten. In quadratischen Fächern unterschiedlicher Größe lagen Metallbuchstaben, wie Thomas sie eben beim Schriftgießer gesehen hatte. Drei weitere Männer arbeiteten an ähnlichen Kästen.

»Richard und Bernd, zwei meiner Setzer. In den Fächern liegen die Lettern. Wir benutzen fast dreihundert Zeichen, also etwa zehnmal so viel, wie das lateinische Alphabet kennt. Das erklärt sich durch die Abkürzungen und Buchstabenverbindungen, von denen ich vorhin sprach.«

Die Männer hielten einen länglichen Gegenstand aus Holz in der linken Hand, während sie mit der rechten in die Fächer griffen, kleine Metallstücke hervorholten und auf dem Holzgerät nebeneinander anordneten. Gelegentlich warfen sie einen Blick auf die Textvorlage, die an einer speziellen Halterung befestigt war. War das Holzgerät voll, legten die Setzer die Lettern in einer Metallform ab. So reihte sich Zeile an Zeile.

Thomas hörte gespannt zu, denn er interessierte sich nicht nur für die technischen Details, die ihm Gutenberg erklärte, sondern er versuchte, sich einen Eindruck von den Mitarbeitern zu verschaffen.

»Wer hat die Schrift entworfen?«, fragte Thomas.

Gutenberg zog die Brauen hoch. Thomas hatte eine Frage gestellt, die ihm gefiel. »Ich selbst, in Anlehnung an eine Handschrift, die ich mir aus einer Klosterbibliothek besorgt habe. Das Entwerfen der Schrift war ein langwieriger Prozess. Erst nach unzähligen Versuchen auf Papier stand für mich fest, wie die Schriftzeichen aussehen sollen.«

Sie gingen weiter zu zwei großen Geräten am hinteren Ende der Werkstatt, wo vier Männer arbeiteten.

»Dieser Teil meiner Erfindung wirkt am imposantesten«, sagte Gutenberg. »Trotzdem hat mich die Presse weniger Zeit und Mühe gekostet als die Entwicklung einer gut funktionierenden Schriftgießerei. Man darf sich durch die Größe nicht täuschen lassen. Der Bau der Spindelpresse war vergleichsweise einfach. Ich habe mich mit einem Schreiner zusammengesetzt, der vorher Weinpressen für Winzer gefertigt hat. Viel komplizierter und mühevoller in der Entwicklung waren auch hier die aus Metall gefertigten Teile.«

Thomas betrachtete die fast bis zur Decke reichenden Maschinen. Vor einer der beiden blieben sie stehen.

»Ich möchte Euch Hermann und Eckhart vorstellen. Jener rechteckige Bereich, den Eckhart gerade mit zwei Lederballen schwarz einfärbt, entspricht später mehreren Buchseiten. Die Druckform ist beweglich, sie befindet sich auf dem so genannten Schlitten. – Wir mussten spezielle Begriffe entwickeln, damit die Verständigung klappt. – Das Papier, das bedruckt werden soll, befestigen wir im Rahmen, der gleich heruntergeklappt wird. Eine Weile habe ich damit experimentiert, das Papier abzureiben, zum Beispiel mit Hilfe einer Rolle, aber die Ergebnisse waren unbefriedigend.

Und nun aufgepasst! Auf dem Schlitten schiebt Eckhart die Druckform samt Papier unter die Spindel mit der Metallplatte. ›An die Presse geben‹ nennen wir das. Der nächste Arbeitsschritt ist körperlich anstrengend und verlangt Kraft. Ein Fall für Hermann! Am Ende der Holzspindel befindet sich eine Metallplatte. Hermann fasst den Hebel mit beiden Händen, er stemmt den rechten Fuß gegen die Presse, und nun, mit einer tausendfach geübten Bewegung, setzt er Spindel und Metallplatte in Bewegung und sorgt dafür, dass das Papier auf die Druckform gepresst wird. Jetzt fährt Hermann die Spindel zurück, zieht den Schlitten unter der Presse hervor, klappt den Rahmen nach oben – und fertig sind gleich mehrere Seiten.«

Thomas trat näher und betrachtete das noch vor wenigen Augenblicken völlig leere Blatt. Es war zweispaltig mit Buchstaben bedeckt, die schwarz und feucht glänzten. Selbst ein geübter Schreiber hätte dafür viele Stunden gebraucht. Und hier, als habe eine Zauberhand den Text übers Papier geweht, vollzog sich der Vorgang in wenigen Augenblicken.

Hermann löste das Blatt vom Rahmen, in dem es winzige Metallstifte festhielten, und hängte es über eine Leine. Dort befanden sich schon andere Blätter, und der Anblick erinnerte Thomas an Wäschestücke.

»So kann die Tinte trocknen«, erläuterte Gutenberg. »Und schon legt Eckhart den nächsten Bogen ein.«

Gutenberg wollte weitergehen, aber Thomas war so fasziniert, dass er den Druckprozess ein zweites Mal beobachtete.

»Wir drucken kein beliebiges Buch«, sagte Gutenberg, »sondern die Bibel. Der Text ist heilig. Ich lege auf saubere Arbeit größten Wert.«

Hermann zog erneut den Hebel der Presse, während er sich mit dem Fuß abstützte. Er hatte die Ärmel seiner Jacke nach oben gekrempelt. Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn gebildet und liefen ihm übers Gesicht. Während des Druckvorgangs spannten sich die Muskeln seiner behaarten Arme.

»So viel zum groben Aufbau der Werkstatt. Und jetzt schauen wir meinem Korrektor über die Schulter. Er arbeitet in der kleinen Kammer nebenan, weil er sich konzentrieren muss und nicht durch den Lärm gestört werden soll, der hier herrscht.«

Sie betraten den angrenzenden Raum. Ein Mann mit weißen Haaren und gekrümmtem Rücken stand an einem Pult beim Fenster. Er hatte die Nase dicht über ein Blatt gebeugt und machte mit einer Schreibfeder Notizen am Blattrand.

»Was er da gerade macht, sehe ich nicht gern«, sagte Gutenberg, und Thomas merkte, dass er halb im Scherz und halb im Ernst sprach. »Das kleine Tintenfass am Pult enthält nämlich rote Farbe, und jedes Mal, wenn er einen Fehler entdeckt, markiert er die betreffende Stelle und macht Randnotizen. Im schlimmsten Fall müssen wir die Seite komplett neu setzen. Das kostet viel Zeit.«

»Man kann es dir nie recht machen«, erwiderte der alte Mann, ohne von seinem Blatt aufzuschauen. »Finde ich nichts, fragst du, wofür du mich überhaupt bezahlst; und streiche ich etwas an, meckerst du auch.«

»Du kennst mich doch. Wenn ich nichts zu meckern habe, stimmt was nicht.«

»Es ist kein Zuckerschlecken, für dich zu arbeiten; da hast du wohl Recht.«

»Er ist der beste Korrektor, den ich mir wünschen kann«, sagte Gutenberg. »Ihm entgeht nichts. Ich will einen fehlerfreien Text. Wie viele Schreibfehler habe ich schon in Handschriften entdeckt! Entweder der Schreiber übersieht sie, oder sie bleiben stehen, weil eine Korrektur hässlich aussehen würde. Wenn wir den Fehler rechtzeitig entdecken, lässt er sich im günstigen Fall mit kleinem Aufwand beheben, indem man zwei, drei Lettern austauscht.«

»Im günstigen Fall …«, wiederholte der Alte spöttisch.

Einer der Männer, die hier arbeiten, dachte Thomas, ist ein Verräter. Vielleicht sogar der Mörder …