XVIII

 

Das Telefon pulsierte in ihrer Tasche, Luise hatte den Ton abgestellt, aber sie fühlte den Herzschlag des kleinen Geräts, automatisch griff sie danach, obwohl dies nicht der richtige Moment war. Im Flur eilte jemand zur Tür, und am Telefon fragte Werner ungeduldig: Was ist denn nun? Ich dachte, wir hätten eine Verabredung.

Entschuldige, die Leute vom Beerdigungsinstitut kommen gerade. Luise stand im Türrahmen, halb im Zimmer, in dem ihr Vater verstorben war, halb im Flur, in dem sich die Anwesenden versammelt hatten, und Werner, der in Essen saß und von nichts eine Ahnung hatte, ermahnte sie: Es mag dein Vater sein, aber er gehört dir nicht allein. Wenn ihm etwas zugestoßen ist, hat das Auswirkungen auf die Firma, also solltest du mir mitteilen, wie es steht.

Wie es stand: Die Kurve hatte sich in der Mitte eingependelt, schlug nicht mehr nach oben oder unten aus, wie die Nulllinie auf einem EKG. Die Gläubiger versuchten eilig, die Kurve wiederzubeleben, doch dann erklärte sie ein langer Dünner endgültig für verloren und die Investoren wandten sich ab. Sie hörte das Pochen im Hörer, ein weiterer Anruf ging ein.

Du kannst dir nicht vorstellen, was hier los ist, rief Krays am Telefon. Ich weiß nicht, wer sie gegen uns aufgehetzt hat, aber heute früh haben sie uns das Büro ausgeräumt. Alles beschlagnahmt.

Luise blickte hinüber zu ihrem Vater, es war nur eine Erhebung unter der Decke, ein Stück Tuch, darunter lag Kurts Gesicht. Luise hörte das Pochen im Hörer, ein weiterer Anruf ging ein. Sie achtete nicht mehr auf das, was Krays sagte. Für einen Moment war es beinahe still im Zimmer, nur entfernt heulte eine Sirene, ein zermürbender Ton, der mitteilt, was man nicht ändern kann.

Luise, sagte Krays, ich muss dringend wissen, wie es bei dir steht. Wann bist du zurück?

Der Sirenenton wurde leiser, erstarb, und eine mechanisch kalte Stimme trug im Wohnzimmer eine weitere Jeopardy-Frage vor.

Bist du noch dran?, fragte Krays laut.

Krays, es tut mir leid, ich rufe dich später zurück.

Die beiden Männer trugen grobe Schuhe, von deren Sohlen Dreck auf den Teppich herunterbröckelte, als seien sie Gartenarbeiter, und was waren sie schon anderes, dachte Luise, während sie ihr Telefon in die Tasche zurücksteckte. Selbst auf einen Kurt Tietjen wartete am Ende nicht mehr als ein Grabbeet.

Wohin?, fragte sie der Größere und Luise schien plötzlich mit den beiden allein in der Wohnung zu sein, die anderen hatten sich verzogen, selbst der Fernseher war kurz verstummt.

Die beiden Männer schoben die Bahre neben das Bett, der eine fuhr sich mit dem Taschentuch über die Stirn.

Sie haben wohl Angst vor uns gehabt, bemerkte er in breitem Südstaatenenglisch.

Wir haben ja nicht mal Angst vor Toten, entgegnete Luise.

Sie hätten sofort anrufen können. Sie hätten – der Mann warf einen Blick aufs Bett – vor ein paar Stunden anrufen können.

Luise sagte nicht, dass es Fannys Schuld gewesen war, dass sie selbst und die Übrigen erst nach und nach hinzugekommen waren. Luise blieb stumm, und sie überlegte, ob sie es nicht sagte, weil es sich nach einer Ausrede angehört hätte oder weil auch sie selbst bereits seit Stunden durch den Nachmittag trieb, sich eine halbe Folge Jeopardy angesehen hatte und einen Kaffee nach dem anderen getrunken. Nein, sie sagte es nicht, weil sie nicht zugeben wollte, dass nicht sie, sondern Fanny in dieser Wohnung die Verantwortung trug.

Der Mann, das begriff Luise, als sie aufsah, erwartete keine Antwort. Wer in diesem Zimmer das Sagen hatte, das war nicht Luise Tietjen, das war auch nicht Fanny, die sich im Nebenraum auf dem Sofa streckte und von einem Programm zum nächsten schaltete. Luise blickte hinab auf das Gesicht. Es war zu weiß, um das Gesicht ihres Vaters zu sein. Fleckig. Die Wangen eingefallen, als könne er die Spannung nicht mehr halten. Dass das ihr Vater sein sollte –

Ob er sich hätte vorstellen können, dass sie die Firma nicht geliebt, dass sie sie aber auch nicht gehasst hatte? Dass sie die Firma nicht besitzen, sie aber ebenso wenig zerstören wollte, dass sie ihre Herkunft nicht abstreifen musste, auch wenn sie nicht immer glücklich war, vierzehn Stunden am Tag in der Firma durchzuhalten? Nein, dachte sie, er hätte es wohl nicht gekonnt.

Die Männer griffen, einer von links, einer von rechts, unter den Körper. Er wehrte sich nicht. Es war nicht mehr als ein Gegenstand. Sie sah das Glänzen im Nacken der Männer und das Metallgestell, über das sie sich beugten. Zweckmäßig war es, wie ein großer Aktenwagen. Zwischen den beiden Arbeitern, die das Zimmer ausmisteten, blieb nur noch ein Bettbezug, gestreiftes Muster, ein Spannbettlaken mit daumennagelgroßem Loch. Luise wandte ihren Blick ab, entdeckte sich im Spiegel, der gegenüber der Tür hing. Sie verließ das Zimmer, stieß gegen Schrank und Beistelltisch, tastete sich durch den Flur, und erst als sie die Melodie von Jeopardy hörte, drehte sie sich um. Fanny starrte gelangweilt in das Flirren auf dem Fernsehbildschirm.

Im Nebenraum stieß etwas Schweres und Sperriges gegen ein Möbelstück, die beiden Männer redeten miteinander, aber Luise verstand nicht, was sie sagten. Einer von ihnen oder ihr Vorgesetzter würde ihr eine Rechnung schreiben. Das Schnaufen und Husten der Männer war in den Flur vorgedrungen, es würde sich regeln lassen, wie sich alles regeln ließ, Luises Steuerberater würde das Geld von der Steuer absetzen oder auch nicht, sie hatte keine Ahnung, ob das möglich war, und sie würde nicht darüber nachdenken, sie bezahlte Menschen, damit solche Dinge für sie geregelt wurden, so war es immer gewesen, so würde es bleiben.

Die schweren Schritte hatten sich bereits aus dem Flur entfernt, als Kiesbert sich vor den Fernsehapparat stellte. Die beiden Polizisten standen neben ihm. Er sagte nichts, sondern musterte Luise nur, sie hatte den Eindruck, er genieße den Moment. Sie fühlte sich nackt, nicht nur körperlich, sondern als dränge er auch in ihre Gedanken ein.

Luise? Kiesbert blickte an ihr vorbei. Wir haben einiges mit Ihnen zu besprechen, sagte er.

Sicher weniger, als Sie glauben, sagte Luise.

Sicher mehr, als Sie glauben, erwiderte Kiesbert.

Ich wäre Ihnen verbunden, wenn wir die Angelegenheit hier endlich über die Bühne bringen würden. Ich werde in Essen gebraucht. Ich muss mich um die Firma kümmern.

Sie werden die Firma nicht erben, erklärte Kiesbert.

Ich führe die Firma bereits.

Sie haben Ihren Vater während seiner Abwesenheit vertreten, aber ein Toter kann sich nicht vertreten lassen, ein Toter ist tot.

Es gibt einen Pflichtanteil, der Kindern zusteht.

In Ihrem Fall ist die Sache leider etwas komplizierter. Er lächelte verhalten. Es liegt eine Strafanzeige gegen Sie vor.

Das ist doch lächerlich, entgegnete Luise und blickte Richtung Schlafzimmer. Wer bitte schön soll Anzeige gegen mich erstattet haben?

Können Sie sich das nicht denken?, fragte Kiesbert.

Ich bin nicht zum Rätselraten hier. Es handelt sich zweifellos um ein Missverständnis, das ist ärgerlich genug, wir haben bereits einen halben Tag vergeudet.

Gründe gibt es genug, sagte Kiesbert. Machen Sie sich darum keine Sorgen. Es ist alles genau dokumentiert. Sie sitzen im Vorstand einer insolventen Firma und weigern sich, die Insolvenz anzumelden.

Ich habe die Firma da herausgeführt, nicht hinein. Wenn überhaupt, dann müsste man meinen Onkel verklagen. Oder meinen Vater.

Sie haben mit falschen Umsatzzahlen operiert, Luise, mischte sich nun auch Fanny ein. Sie haben Interessenten getäuscht und eine hiesige Firma zu einer kapitalintensiven Investition verleitet. Sie haben mehr Geld von dieser Firma gezahlt bekommen, als Ihre eigene Firma überhaupt noch wert ist.

Was wissen ausgerechnet Sie von unserer Firma?

Sie werden mit einer Geldstrafe davonkommen, Luise, erklärte Kiesbert mild, als wolle er plötzlich ihren Verbündeten spielen. Er lächelte wieder, was ihn dümmlich aussehen ließ. Natürlich wird dann Ihre Karriere gelaufen sein, das ist klar, fügte er hinzu.

Es tut mir leid, sagte Fanny und erhob sich vom Sofa, der Bademantel fiel träg um ihren mageren Körper. Es tut mir wirklich leid, Luise. Fannys Gesicht war ihr zugewandt, es sah aus, als wolle sie Luise in den Arm nehmen. Luise wich zurück. Es musste ein Witz sein, wenn Fanny der Witz auch nicht gelungen war, aber was erwartete Luise von jemandem wie ihr. In Luises Tasche vibrierte erneut das Handy, sie unterließ es, den Anruf entgegenzunehmen. Sie musste zurück ins Hotel, ein Telefonat mit Krays stand an, und um 20 Uhr hatte sie einen Termin in der Upper West, wo sie den Vize-Einkaufsleiter von Bloomingdale’s zum Abendessen treffen würde.

Wenn Sie die übrigen Fragen mit meinem Anwalt besprechen würden.

Keiner der Anwesenden antwortete. Sie betrachteten Luise Tietjen, die mit beherrschter Eleganz einen Fuß vor den anderen setzte. Der Teppich war zu weich für ihre hohen Absätze, aber sie schritt darüber hinweg, ohne zu stolpern. Es war still im Zimmer, nur eine entfernte Sirene drang von draußen herein.