VII

 

Die Hochstraße schnitt Redhook von der restlichen Halbinsel Long Islands ab. Der Gowanus Expressway war in den sechziger Jahren vom Stadtplaner Robert Moses entworfen worden, und die Menschen hielten sich an diese Linie, zogen die Grenze auch in ihren Köpfen. Die Brückenpfeiler standen wie unverrückbare Gegebenheiten, titanenhaft, übermenschlich, nicht ganz von dieser Welt. Sie waren zu hoch, zu breit und sicherlich zu schwer, um jemals bewegt zu werden. Die Lastwagen, Personenkarossen, Limousinen, die über den Highway fuhren, ratterten zu jeder Tages- und Nachtzeit über das Metall- und Betongestütz.

In den Staaten sei alles ein wenig grobschlächtig gebaut, hatte Kiesbert einmal gesagt. Damals, als Kurt nur gelegentlich nach New York flog, hatten sie sich im Club getroffen, auf Festen des deutschen Vereins und bei Veranstaltungen für die Führungselite der Textilfirma Bergson Softstyle. Kiesbert, bis zur Jahrtausendwende Manager bei Bergson, hängte sich an Kurt Tietjen mit einer Penetranz, die fast schon unhöflich war. Kiesbert hatte sich die grenzenlose Fröhlichkeit seiner amerikanischen Umgebung angeeignet und Kurt mehrmals genötigt, Gast in seinem Apartment zu sein, wo er ihm Vorträge über die deutsche Mentalität und den amerikanischen Traum hielt. In Deutschland, hatte er Kurt erklärt, will jeder seine Ruhe haben. Und dann gehen die Menschen in ihrer Ruhe ein.

Tatsächlich aber ging die Firma Bergson Softstyle ein, und man hörte eine ganze Weile nichts mehr von Kiesbert. Man verschwieg ihn wie ein schlechtes Omen, und in diesem Schweigen war er geisterhaft bei ihnen, früher, als Kurt noch manchmal im Club gesessen hatte, früher also, bevor er sein Leben geteilt hatte in einen Teil vor und in einen Teil hinter dem Gowanus Expressway.

Für das Treffen mit dem Makler kaufte Kurt sich einen Anzug in einem Discountladen, eine knittrige Kombination aus stinkenden Fasern. In seiner eigenen Kleidung wäre er sofort aufgefallen, dachte er, doch er fiel auch jetzt auf.

Hierhin verschlägt es niemanden, der nicht muss, erklärte der Makler und musterte Kurts Anzug.

Auf der klebrigen Resopalplatte des Küchentresens füllte Kurt einen Bewerbungsbogen aus und reichte ihn zusammen mit einem Geldschein dem Makler zurück.

Wissen Sie, ich muss eben, antwortete er.

Der Mann betrachtete den Geldschein. Sein Blick war müde, nicht, weil ihn die Wohnungen neben dem tosenden Expressway erschöpften, sondern weil er immer schon erschöpft gewesen war.

Wenn Sie müssen, dann müssen Sie wohl. Er zog die Unterlagen aus Kurts Hand, den Geldschein rührte er nicht an.

Die Wohnung wurde möbliert vermietet. Die Lampe war das Standardmodell eines bekannten Einrichtungshauses, der Schirm war abgebrochen und hing auf halber Höhe zwischen Glühbirne und Boden. Dem Wandschrank fehlte eine Tür, und die Matratze war so weich, dass Kurt beinah darin versank. Das Mobiliar umfasste ferner einen schmalen Schreibtisch, einen Couchtisch, jedoch keine Couch, einen Fernseher und einen Badezimmerschrank aus Plastik, in dem noch die Zahnbürste seines Vorgängers lag.

Dass es keinen Teppich gab, war in einer Wohnung wie dieser ein Glücksfall, für Keime und Ungeziefer blieb dennoch genügend Nährboden. Unter der Spüle fand Kurt eine von Bierresten verklebte Kronkorkensammlung. Altes Fett hatte nicht nur die Kacheln hinter dem Herd bräunlich beschlagen, sondern auch die Dunstabzugshaube und die Unterseite der Schränke, den Kühlschrank, den Boden, fast die gesamte Küche war in einen feinen Schmutzfilm gehüllt, der trostlos war wie alles, was man von Anfang an zu übersehen versucht. In der Nachbarwohnung lief der Fernseher, irgendwo bellte ein Hund, und ein Telefon klingelte.

Auf einem Zettel, der später verlorenging und noch später in einer Schreibtischschublade wiederauftauchte, notierte Kurt Tietjen über seine ersten Tage in Redhook:

Living alone, with a TV set.

 

Er begegnete ihr im Treppenhaus – sie erkannte ihn nicht wieder, ging eilig an ihm vorbei, ein kurzes Drehen des Kopfes, das grelle Licht, das Ticken des Zählers, klackklackklack, dann war die Treppenhausbeleuchtung erloschen. Kurt grüßte sie, sie grüßte vage zurück, eilte weiter. Er wagte kein weiteres Wort, als könne durch eine falsche Bewegung die Nähe zwischen ihnen zerbrechen, eine Nähe, die in Wahrheit nicht bestehen konnte zwischen einem, der nichts sagte, und einer, die keine Zeit hatte, sich noch einmal umzudrehen.

Fanny war wieder vollständig in New York angekommen und vom Alltag verschluckt. Ihr Gesicht war leer, eingerastet in die Konstanten, die sie gewohnt war, sie war nicht aufmerksam genug, um ihn zu erkennen. Oder war es seine Schuld? Er hatte sich verändert, zunächst nur die Kleidung, aber mit der Kleidung auch die Frisur. Er hatte sich seit Tagen nicht rasiert. Seine Gesten gerieten aus der Form und mit den Gesten sein Gang. Binnen weniger Tage hatte sich seine Erscheinung vollkommen gewandelt, er fügte sich perfekt in die Gegend ein, die er nun bewohnte.

Sie hatte damals einen gepflegten Mann kennengelernt, der ihre Tasche getragen hatte. Kurt beneidete diesen Mann, der er einmal gewesen war, um das Treffen mit einer Frau, die aus wenig mehr als gebleichten Haaren und abgenutzter Kleidung bestand und sich weder um Etikette noch um den perfekten Auftritt scherte. Gerade deshalb beneidete er ihn um sie. Gerade deshalb war sie die Person, mit der er gegen seinen Vater ankam, gegen die Firma, gegen seine alte kümmerliche Existenz.

Er hörte, wenn Fanny im Bad Wasser laufen ließ, hörte, wenn sie sich in das knarrende Bett legte, er konnte einen ungefähren Plan ihrer Wege erstellen. Sie war sein letzter Bezugspunkt, ein verschwommener Tintenfleck in der Agenda, er richtete seinen Tagesablauf nach ihr aus. Fünf Wochen lang beobachtete er sie und notierte ihre Gewohnheiten. Er sah sie jeden Morgen das Haus verlassen, kurz vor neun, außer sonntags. Er wusste nicht, wohin sie ging, er wusste nicht, warum sie zu unterschiedlichen Zeiten zurückkehrte, mal um halb sechs, mal erst um neun. Nie brachte sie jemanden mit. Nur einmal hörte er ihre Klingel, und es war, wie er an dem Gespräch im Treppenhaus heraushörte, nur der Briefträger. Wenn er sie morgens durch sein Fenster das Haus verlassen sah, trug sie schlichte Kleidung, Jeans, Pullover, und war in Eile.

Er wagte nicht, bei ihr zu klingeln, und bemühte sich, seine Gedanken von ihr abzulenken, aber es gelang ihm nicht. Fanny Weidmann. Wie früher die Firma, war es nun Fanny, die sein Leben diktierte. Er hatte geahnt, dass es so kommen würde. Im Bus auf dem Weg in die Stadt hatte er sie nur kurz aus den Augen gelassen, hatte sich umgesehen und gedacht, es sei nicht diese eine bestimmte Frau, die ihn in ihren Bann zog. Da saß eine Rothaarige, die in einer Modezeitschrift blätterte, eine blonde Studentin im Polojäckchen, das sie secondhand gekauft haben musste, da es älter aussah als das Mädchen selbst. Es hätte auch eine von den beiden sein können. Sie übten einen Reiz auf ihn aus, weil sie losgelöst waren von allem, was er kannte. Ihre Namen waren nichts. Sie existierten nur für sich selbst, für ihr kleines Umfeld, für einen Mann, ein paar Freunde, einen Hund daheim.

Kurt Tietjen wollte sich bewegen, so wie diese Frauen sich bewegen konnten, die nicht einmal um ihre Freiheit wussten. Er hatte sich wieder von ihnen abgewandt und zu Fanny gesehen. Nein, es hätte doch keine andere sein können, gestand er sich ein.

Fanny brauchte er, wie er glaubte, um der Firma zu entkommen. Es kam ihm nicht in den Sinn, dass er vielleicht nur die junge Frau aus dem Hotelzimmer vermisste, die fröhlich zu überspielen versuchte, dass sie trotz all seiner Bemühungen nicht miteinander geschlafen hatten. Er dachte nicht darüber nach, ob es diese Nachsichtigkeit war, die er sich wünschte. Es musste etwas mit der Firma zu tun haben, daran bestand kein Zweifel für Kurt Tietjen.

 

Früher hatte er angenommen, es würde ihm gefallen, wenn um ihn herum Leben wäre. Er hatte geglaubt, es würde ihm guttun, zu heiraten, sich ins Arbeitszimmer zurückziehen zu können, während die Wohnung belebt blieb von den Schritten seiner Frau, ihrer Stimme, ihren Gesprächen, die so anders waren als seine eigenen und nicht ständig um die Firma kreisten. Er brauchte einen Mittelpunkt, hatte Kurt gedacht. Wenigstens um davor wegzulaufen.

Bevor er mit Carola zusammengekommen war, hatte Kurt Tietjen Affären gehabt. Weil es sich so gehörte. Weil er keine Witze von Freunden über seine Enthaltsamkeit hören wollte. Er vermied es, den Frauen tags zu begegnen, und wenn er an sie dachte, kamen sie ihm stumpf und nutzlos vor. Sie begehrten ihn nicht. Sie wollten ihn haben. Und natürlich begehrte auch er sie nicht, denn um begehren zu können, hätte er bedürftig sein müssen, und das erlaubte sich ein Tietjen nicht. Kurt hatte zu der Zeit seinen Körper weniger bewohnt als provisorisch belebt gehalten, er hielt ihn wach, weil er präsent sein musste. Das zumindest wird man von dir verlangen dürfen, hatte sein Vater gesagt.

Carola Levmann war in der schrägen Hanglage des Hamburger Treppenviertels aufgewachsen, unten Fluss, Strand, Hunde, oben Ballettunterricht, Barbour-Jacken, Café Sand und noch mehr Hunde. Die Touristen kamen sonntags. Carolas Vater arbeitete in einer Privatbank, ihre Mutter beherrschte die Namen der hanseatischen Gesellschaft fließend. Mit zehn machte Carola wie alle ihre Klassenkameraden den Segelschein, seit sie zwölf war, spielte sie Verlobung, und seitdem sie Verlobung spielte, blieb ihre kindliche Figur konstant. Sie war ein feenhaftes Wesen, das allein an ein paar zynischen Gedanken hängenblieb.

Kurt und Carola waren einander vorgestellt worden, als gelte es, ein Geschäft abzuschließen. Gemeinsame Bekannte hatten vorab die Vorzüge des jeweils anderen hervorgehoben, dann waren sie an einem Abend, an dem schon mehrere Flaschen Chablis getrunken worden waren, zueinander gestellt worden, sie waren beieinander stehen geblieben, den ganzen Abend lang, so einfach war es gewesen. Beide hatten gewusst, dass ihr Gegenüber eine gute, dass es die richtige Partie war. Sie mussten nicht nachdenken, sie mussten sich nicht einmal verlieben (vielleicht aber taten sie es dennoch). Es war offensichtlich, dass dies das Gegebene war.

Kurt hatte nicht geglaubt, dass ein Mensch ihm verständlich werden konnte. Carola verstand er an jenem Abend nach zwei Flaschen Wein, und was noch erstaunlicher war: als er nüchtern wurde, verstand er sie immer noch. Sie war wie ein ausgelagerter Teil von ihm, eine Dependance. Es kam ihm paradox vor. Er konnte mit ihr zusammen sein, ohne dass er sich bedrängt fühlte.

Im Januar 1982 hatten sie geheiratet, zwei Jahre später war Luise auf die Welt gekommen. Im Herbst 1990 unternahmen Carola und Kurt ihre erste gemeinsame New-York-Reise, wenige Monate später war Kurts Vater gestorben, für Kurt hingen die beiden Ereignisse seither zusammen. Es war sein Jahresurlaub gewesen, es hätte genau genommen sein Jahresurlaub werden sollen, in dem er sich von der Firma erholen wollte, aber in letzter Minute entschied sich der Senior mitzureisen. Das Wetter war mild, aber regnerisch, die Stadt klebte an ihnen wie eine nasse Zeitung, und von Ecke zu Ecke wechselte das Jahrzehnt. Autos aus den Fünfzigern parkten am Straßenrand, Geschäftsreisende aus den Neunzigern tasteten die Stadt nach Investitionsmöglichkeiten ab, die Werbung der Zukunft lief am Times Square, im Hotelfoyer zeigte ein Fernseher den Präsidenten, der wie ein Western-Held aus dem 19. Jahrhundert aussah.

Der Senior war mitgekommen, weil er eine dringende Angelegenheit in New York klären musste. Von Essen aus waren erste Gespräche mit dem Kaufhaus Macy’s geführt worden und äußerst vielversprechend verlaufen, alles deutete darauf hin, dass der Tietjenfrottee bald in den Regalen des New Yorker Geschäfts liegen würde. Kurt hatte angeboten, sich darum zu kümmern. Du weißt nicht, wie unsere Geschäfte in New York stehen, hatte der Senior geantwortet. Niemand wisse, wie die Geschäfte in New York stünden, hatte der Junge trotzig erwidert, womit er recht gehabt hatte, doch das gab der Senior nicht zu. Seit dem Prozess folgte er Kurt wie ein lästiger Köter. Der Senior misstraute seinem Sohn, dennoch handelte der Alte nicht so, wie es die meisten, allen voran Werner, erwartet hatten.

Was zählen meine Animositäten verglichen mit einer Familientradition?, fragte der Senior. Sie zählen nichts, und ich werde Kurt nicht aus der Geschäftsführung entlassen. Im Übrigen, wenn er meint, uns verklagen zu müssen, soll sein Kopf auch in der Schlinge hängen.

Das war sein letztes Wort. Er behielt seinen Sohn in der Geschäftsführung, überwachte allerdings jeden seiner Schritte. Und Kurt blieb, weil er schon den Prozess nicht durchgestanden hatte und sich seither weniger denn je zutraute, irgendetwas außerhalb dieser Familie zu sein.

 

Dass sie nach Miami hätten reisen können, befand Carola, nach Rio oder warum nicht an die Côte d’Azur, für Hochhauswüsten hätte sie noch nie etwas übriggehabt. Kaum dass sie in New York angekommen waren, ließ Carola ihrer Abneigung freien Lauf. Ihr missfiel das Essen, das ihr zu fettig war, ihr missfiel der Lärm, von dem sie nachts wach lag, ihr missfiel das gummiweiche Englisch. In den kommenden Jahren sollte sie ihre Meinung über New York ändern, aber im Herbst 1990 pflegte Carola ihre Abneigung noch mit Bedacht. Sie wollte nicht auf die Straße, sie wollte nicht in den Regen, und der junge Tietjen glaubte insgeheim, dass sie nicht die Reise, sondern die gesamte Ehe rückgängig zu machen wünschte.

Lediglich im Hotel hatte Carola keine Angst, ausgeraubt, betrogen, bedroht zu werden. Die Stoffe hingen fest und verlässlich von den Handtuchhaltern, Betthimmeln, Gardinenstangen herunter, und schob Carola die Vorhänge beiseite, konnte sie auf den Hudson blicken, der in sicherer Entfernung floss. Die Angestellten waren zuvorkommend und dubios wie Diener aus alten Monarchien.

Sie telefonierten mit W.W., der die Firma in Essen gegen Schermerhorns Unternehmen aufrüstete, Tietjens größten Konkurrenten. Dass W.W. fünf Jahre später selbst zu Schermerhorn überwechseln sollte, war damals schon absehbar gewesen, W.W. war zu klug, um Rücksicht zu nehmen. Die Bielefelder Firma war ihnen seit langem in der Preispolitik überlegen, so kostengünstig, wie Schermerhorn seine Produkte auf dem Markt anbot, konnte man in Essen nicht produzieren. Allein die bessere Qualität der Tietjenprodukte bewahrte die Firma vor einer vollständigen Niederlage, und während der Senior in den Staaten nach Innovationen im Bereich des Luxusfrottees suchte, lotete W.W. daheim die Möglichkeiten aus, das Tietjen’sche Spielfeld zu erweitern.

Konkurrenz ist eine launische Sache, sagte der Senior zu seinem Sohn, während sich seine Schwiegertochter im Nebenzimmer inmitten ihrer vielen Kleider verlor. Man muss wissen, gegen wen man gewinnen kann. Deine Frau weiß es sicher nicht, aber das ist nicht so tragisch. Es ist leider so, dass wir es immer wissen müssen. Das ist die Verantwortung, die wir tragen.

Dass es hier doch weniger um Verantwortung als vielmehr ums Überleben gehe, erwiderte sein Sohn.

Ums Überleben! Wir weiten unseren Radius aus. Da gilt es, entschieden zu handeln. Manchmal muss man eben jemanden wegdrängen, so ist das halt.

Wegdrängen, nachdem ihr alle Chancen habt verstreichen lassen.

Ihr? Du nimmst dich aus?

Ich nehme mich nicht aus. Aber ich würde es gern.

So liegen deine Pläne, Sohn. Vortrefflich. Wären wir nicht alle gern harmlose Menschen? Nur dass die harmlosen Menschen über kurz oder lang pleitegehen und damit mehr Schaden anrichten als alle anderen. Schaden für sich, für die Angestellten, für die Investoren. Aber du willst lieber gut sein, was aus den anderen wird, ist dir egal. Was zählt es denn, fragte der Senior, moralisch zu sein? Raffinesse, das ist es, worauf es ankommt. Wir können das bedauern, aber wir können es nicht ändern. Er hob die Arme, wie jemand, der sich ergab, und ließ sie wieder sinken.

Wir haben nie etwas besitzen wollen, wir wollten immer nur investieren. Nie sind wir von etwas abhängig gewesen. Wir wollten nie besser sein, als wir eben sind. Er erhob sich und klopfte seinem Sohn auf die Schulter. Du wirst es schon hinbekommen, sagte er und trat ans Fenster. Seine schlanke, im Gegenlicht schwarze Gestalt senkte sich in den krausen Fluss hinter der Scheibe, und eine düstere Stille breitete sich im Zimmer aus, unterbrochen lediglich von dem hellen Klirren metallener Kleiderbügel im Nebenraum. Und dann, vielleicht, weil selbst dem Senior die Stille nicht ganz geheuer war, fügte er hinzu: Ich hoffe jedenfalls, dass du es hinbekommst.

 

Es klang wie ein leiser Zweifel, aber Kurt wusste, dass es mehr als das war. Es war die Sorge, unter der schon sein Vater gelitten hatte, die Sorge, es könne nicht genug Tietjen an ihn vererbt worden sein. Den baldigen Tod des Seniors, der sieben Wochen später eintrat, hervorgerufen durch eine Mischung aus wild wuchernden Krebszellen, Herzversagen und einer haltlosen Müdigkeit, hatte Kurt seinem Vater bis zu jener Reise nicht angemerkt. Auch in New York hatte der Senior auf ihn zunächst rüstig gewirkt, während Carola und Kurt in den überklimatisierten Gebäuden froren und verschreckt durch die Straßen liefen. Den Senior schien die Unruhe der Stadt nicht zu erreichen, er saß frisch und ausgeruht auf der Terrasse des Hotels, trank Kaffee und blickte auf den Hudson.

Erst als das Wetter umschlug, der Regen von einem Tag auf den anderen aufhörte, die Sonne stechend hervorkam und warme Luft vom Atlantik ein unnatürlich mildes Frühlingsklima in die herbstliche Stadt wehte, erst als Vater und Sohn sich mit dem Einkäufer von Macy’s trafen, um die geplante Kooperation perfekt zu machen, sackten die stets aufrechten Schultern des Seniors ein.

Sie waren, von einer Sekretärin geleitet, durch endlose Flure gelaufen, durch ein Großraumbüro, in dem die Mitarbeiter, durch Sichtschirme voneinander getrennt, in Headphones sprachen, die unzähligen Telefonstimmen vermengten sich zu einem einzigen, schillernden Ton. Auch dem jungen Tietjen wurde einen Moment schwindelig und er fasste sich erst wieder, als sie das Büro hinter sich ließen und in eine kleinere Kabine traten.

KOCH stand mit weißer Farbe an die Glasscheibe geschrieben, die diesen Raum, kaum größer als eine Abstellkammer, vom Lärm der Telefonisten trennte. Ein Ventilator schlappte seine Propellerblätter im Kreis, eine Kaffeemaschine brummte auf der Fensterbank, und der Schreibtisch war bedeckt von einer Schicht aus Ordnern und lose herumliegenden Unterlagen. Zwischen alldem thronte Helmer Koch in einem hell karierten Hemd und mit der hoheitsvollen Plumpheit eines Kolonialbeamten.

Der Senior war sichtlich irritiert von der Enge des Büros, in dem das für ihn bedeutsame Geschäft abgeschlossen werden sollte. Vielleicht hatte er an die Erhabenheit jener kaiserlichen Hallen gedacht, in denen einst Justus den Vertrag seines Lebens unterzeichnet hatte. Hier war nichts erhaben, hier war alles kläglich, und der schwitzende Herr Koch machte nicht den Eindruck, als habe er irgendetwas im Macy’s-Konzern zu sagen.

Herr Tietjen, Sie schickt der Himmel!, erklärte er schnaufend, während er sich vorbeugte, um seinen Gästen die Hand zu reichen.

Herr Koch, damit wir uns richtig verstehen: Ich bin den ganzen Weg von Deutschland nach New York geflogen, um an einem so kümmerlichen Ort empfangen zu werden? Hätte es nicht einen anderen Rahmen für unseren Geschäftsabschluss geben können?

Gut, dass Sie darauf zu sprechen kommen. Unser Geschäft ist nämlich ein wenig zu viel gesagt.

Zu viel? In welchem Sinn?

Wir haben uns vorgestern noch einmal zusammengesetzt und über die geplante Kooperation beraten. Wir sind, nun, wie soll ich mich ausdrücken – Koch brach ab und fuhr sich mit einem Taschentuch über den feuchten Nacken. Sie müssen verstehen, es liegen uns zahlreiche andere Angebote vor, bessere, um genau zu sein. Wir wollten es Ihnen noch vor Ihrer Reise mitteilen, versicherte er seinen Gästen. Aber wir haben Sie nicht mehr erreicht. Sie sind schon ein paar Tage in der Stadt?

Ein Tietjen wird nicht übergangen, sagte der Senior stur.

Es gibt Leute, die das anders sehen. Herr Tietjen, es tut mir sehr leid, aber –

So etwas passiert mir nicht.

Irgendwem passiert es immer.

Wir sind aber nicht irgendwer, entgegnete der Senior. Wir verlieren nicht. Wir verlieren nicht ohne unser Wissen.

In New York werden Geschäfte schnell gemacht, erklärte Koch und schnalzte mit der Zunge. Und schnell wieder fallengelassen. Für die Zukunft rate ich Ihnen, sich auf die Geschäftspraktiken vor Ort einzustellen.

New York!, rief der alte Tietjen, das ist doch nichts als ein verkommener Moloch, regiert von einer korrupten Beamtenbande. New York existiert für uns nicht mehr.

Kochs speckiges Gesicht glänzte in der Sonne, die kurz und kräftig durchs Fenster schien und dann hinter Wolken verschwand. Die muffige Atmosphäre des Büros schlug über ihnen zusammen. Kurt blickte seinen Vater von der Seite an, betrachtete das faltige Profil, in dem zwar noch Strenge, vor allem aber tiefe Müdigkeit lag. Sie sollten sich lieber zurückziehen, flüsterte er dem Senior zu. Hier sei nichts mehr zu holen, sie verlören nur ihre Zeit. Sein Vater nickte stumm. Beim Hinausgehen blieb der Senior noch einmal stehen. Er blickte sich suchend in dem Großraumbüro um, doch seine weltmännische Statur, das marineblaue Jackett, die Goldmanschetten kamen nicht an gegen das Getöse, das aus den zahlreichen Kabinen aufstieg.

Die Tietjens müssen immer die Nummer eins sein, verkündete der Senior wenige Tage vor seinem Tod, er sagte es sehr laut am Abendbrottisch zu seinem Sohn und zu seinem Schwiegersohn Werner Kettler, der in den vergangenen Monaten immer häufiger ins Haus gekommen war. Er verkündete es über das an den Rand des Porzellans gedrängte Gold, über das Entenconfit, das ihm zu fettig war, über den Kopf seiner Tochter und seiner Schwiegertochter hinweg.

Um ganz oben zu stehen, darf man nicht ständig Kompromisse eingehen, erklärte der Senior. Deshalb können Frauen ja niemals einen Konzern führen. Sie wollen es allen recht machen. Sieh dir doch an, wie lange sie brauchen, bis sie sich für eine Abendgarderobe entschieden haben. Und dann hadern sie den ganzen Abend, weil sie befürchten, das falsche Kleid gewählt zu haben. Sie trauen sich nichts. Es ist Unfug, rief er und stach mit der Gabel in das Entenfleisch, zerteilte es mit skeptischer Miene. Unfug, murmelte er und schob sich ein Stück Fleisch in den Mund.

Die beiden Frauen tauschten Blicke aus, und die Schwiegertochter triumphierte leise über das blasse Geschöpf ihr gegenüber. Fiona Tietjen hatte abgedankt, noch ehe sie für die Firma relevant geworden war. Carola hingegen hatte die richtige Entscheidung getroffen, sie war nicht über die Geburt, sondern über die Heirat an das Vermögen gekommen.

Kurt meinte später, sie hätten seinen Vater nicht nach New York mitnehmen dürfen, sie hätten ihn auf jener Reise um das gebracht, was ihn noch bei Verstand und also am Leben gehalten hatte, um den Glauben, dass es zwar jeden, nicht aber die Tietjens treffen konnte, dass diese Familie vom Lauf der Welt ausgenommen war. Carola jedoch widersprach ihm. Es sei offensichtlich gewesen, dass sein Vater bereits vor der Reise angeschlagen gewesen war. Sie denke nicht, dass er ohne New York auch nur einen Tag länger gelebt hätte, nein, vielmehr sei sie sich sicher, dass er bereits Monate vorher im Stillen abgedankt und nur so lange durchgehalten habe, bis sein Sohn mit der Firma zurechtkam. Dass der Senior auch noch hatte erkennen müssen, dass er selbst schon lange nicht mehr mit der Firma zurechtgekommen war, habe ihm höchstens noch den Rest gegeben. Dein Vater wäre gestorben, so oder so. Er hatte genug, das konnte jeder sehen, spätestens seit dem Tag, als sein eigener Sohn ihn vor Gericht gezerrt hat. Und du, warf sie ihrem Mann vor, suchst nur eine Erklärung für den Tod deines Vaters. Es sei letzten Endes die gleiche Angst, die auch seinen Vater ergriffen hätte, die Angst der Tietjens, denselben Regeln zu unterliegen wie andere Menschen auch.

Wie andere Menschen, dachte Kurt nun, Jahre später, am Rand von Brooklyn, wo er den Möwen zusah. Hoch über ihm taumelten sie durch einen schwülen Nachmittag. Das New York der Achtziger war eine Weltreise von hier entfernt und Essen war es ebenfalls. Die richtige Entscheidung, dachte Kurt, gab es die überhaupt? Es hatte sich anders ergeben, als Carola es vorgesehen hatte. Es hatte sich bereits damals anders ergeben. In New York hatte ihr Weltreich zu bröckeln begonnen, oder vielmehr waren die Risse eines längst bröckelnden Reiches sichtbar geworden. Etwas hatte seit Jahren an den Rändern der Tietjen’schen Macht geknabbert, und es fraß sich weiter voran, dachte Kurt am Ufer des East River. Er blickte auf die Brachfläche vor sich, Kinder spielten zwischen Treibholz und zerschmetterten Metallzäunen, auf der anderen Uferseite reckten sich kalt und klar die Hochhäuser Manhattans, ein von zu vielen Zähnen überwucherter Kiefer. Weiterfressen, dachte Kurt. Fressen, bis sein Vater endgültig, auch in seiner Erinnerung, tot war und vom Unternehmen nicht mehr blieb als jenes räudige Geröll am Rand von New York.