III

 

Das Vermögen der Tietjens war aus einem kleinen Betrieb herausgewachsen, der am Anfang des 20. Jahrhunderts seine Maschinen angeworfen hatte. Webrahmen klapperten ineinander, Schiffchen zischten von links nach rechts. Die erste Belegschaft bestand aus zwei ehemaligen Steinkohlearbeitern, die vor dem Dämmerlicht in den Schächten flohen, einem entlassenen Kruppianer und drei Frauen, die schweigend die Fäden sortierten. Justus Tietjen, der Firmengründer, schritt wie ein Fürst durch die Reihen, gab Anweisungen, prüfte sein Produkt, harte Leinenhandtücher, aus aschgrauen Fasern gewebt.

Abnehmer fanden sich nur zögerlich, ein Geschäft in Duisburg, zwei in Dortmund, die Konkurrenz aus Bielefeld und Münster war übermächtig, allen voran das Unternehmen Schermerhorn, das den Markt fest im Griff zu halten schien. Schließlich weigerte sich sogar Justus’ Frau, seine Handtücher zu benutzen. Sie sei eine Tochter aus gutem Hause und Besseres gewöhnt, erklärte Eleonore. Ihrem fünfjährigen Sohn könne sie das grobe Gewebe erst recht nicht zumuten. Das sei ein Verrat an ihm und ihrer gemeinsamen Zukunft, schrie Justus. Nach zwei durchzankten Wochen fuhr Justus nach Frankreich, besuchte verschiedene Webereien und ließ sich von den dortigen Experten beraten. Im Herbst 1906 brachte er ein flauschiges Frotteehandtuch in zehn leuchtenden Farben auf den Markt.

Die Weichheit des Tietjenfrottees galt schnell als Pariser Chic, als Nouvelle Doucerie. Wer etwas auf sich hielt, leistete sich Tietjenfrottee. Bald konnte Justus fünf neue Arbeiter einstellen, dann zehn, schließlich, gegen Ende des Jahres 1909, waren es sechzig Menschen, die an den Maschinen und aufgereihten Tischen des neuen Fabrikbaus saßen.

Nebenan wurde das Wohnhaus von Justus Tietjen und seiner Frau immer prunkvoller – vor allem dank Eleonores Eifer. Erst Leinen, dann Satin, dann flatterte Seide vor den Fenstern. Ein Grammophon wurde angeschafft, obwohl niemand im Haus die Angewohnheit hatte, Musik zu hören. Es verstaubte, aber es war da. Überall lagen Pariser Modemagazine und Kataloge von Sotheby’s herum. Jedes Jahr, kurz vor Pfingsten, wurden die allerneuesten Badezimmermoden aus ganz Europa bestellt und die Badewanne durch eine neue, noch elegantere ersetzt. Man speiste ausschließlich, nicht bloß sonntags, von Tellern mit Goldrand. Eleonore bestellte täglich frische Blumengestecke beim teuersten Floristen im ganzen Ruhrgebiet. Sogar die Aussicht schien weiter zu werden, als richte sich der Hang unter all der Verschwendung auf. Ein Springbrunnen wurde gebaut, dessen Wasser bald nicht mehr in ein einfaches Bassin sprudelte, sondern einen aus hellem Marmor gemeißelten künstlichen Wasserfall hinunterfloss. Unten spielte ihr Sohn Karl Schiffeversenken. Das war 1913 und Eleonore war gerade zum zweiten Mal schwanger geworden.

Justus Tietjen hatte ein gutes Gespür. Er wusste, dass sich die Mode ändern würde, dass man nicht ewig auf Paris, Müßiggang und Luxus setzen konnte, und er handelte vorausschauend. Als im Folgejahr der österreichische Thronfolger einem Attentat zum Opfer fiel und die Militaristen sich in Bewegung setzten, war Justus vorbereitet. Sein neues Erfolgsrezept lautete: Je härter die Welt, desto dringlicher der Wunsch nach weichen Stoffen. Wenn der Mensch fiel, musste er aufgefangen werden. Wenn das Leben hart wurde, musste man ihm etwas entgegensetzen. Der Mensch sehnte sich nach Weichheit, im Krieg mehr noch als im Frieden. Justus Tietjen war gewappnet.

Die maschinellen Webstühle, in denen die Schlaufen seit nunmehr fünf Jahren weicher und weicher gezogen wurden, ließ er anhalten und die Arbeiter für die Länge einer Gedenkminute von den Automaten zurücktreten. Durch eine neu installierte Lautsprecheranlage verkündete Justus Tietjen den Krieg. Er verkündete ihn mit all seinen Gefahren, seiner Gier und vergaß auch nicht die Details des Gemetzels auszumalen. Deshalb, so erklärte Justus mit seiner monotonen Stimme, müssten auch sie, die Mitarbeiter der Firma J. Tietjen, ihren Teil, wenn nicht zum Sieg, so doch zum Heil des Vaterlandes beitragen. Dass er an einem Sieg nicht im Geringsten zweifle, fügte er hinzu, aber auch ein Sieg könne bisweilen rauh gefüttert sein.

Die Maschinen surrten wieder an, die Webrahmen klappten ineinander, die Schiffchen schipperten von links nach rechts, beschleunigten, klapperten, zischten, beschleunigten, und das hysterische Fiepen der Fabrikation offenbarte, dass das kurze Innehalten während der Gedenkminute nichts anderes als ein Atemholen gewesen war, um sich daraufhin mit ganzer Kraft in die neue Aufgabe zu stürzen.

Justus Tietjen war als einziger Unternehmer auf die Idee gekommen, Frotteeprodukte zur Rüstungsindustrie zu zählen. Er sicherte sich einen Exklusivvertrag mit dem kaiserlichen Heer, das ihn in Form eines rötlichen, nach Mottenkugeln riechenden Schnurrbartzwerges empfing. Der erste Vertragsentwurf sah vor, dass Offiziere vom Brigadegeneral aufwärts während des Fronturlaubs in Tietjenfrottee zu wickeln seien. In zähen Verhandlungen setzte Justus Tietjen durch, dass auch an der Front jeder Offizier mit einem Tietjenhandtuch ausgestattet werde. An einem gewaltigen Schreibtisch aus Kirschholz wurde das Abkommen unterzeichnet. Justus Tietjen lehnte sich nach vorne, eine Feder in der Hand, bemerkte dabei, dass der Schreibtisch so groß nun auch wieder nicht war, vielmehr der Mensch dahinter wirklich klein, und setzte seinen Namen auf das kaiserliche Papier.

Justus hatte geahnt, dass der Einsatz des Tietjenfrottees beim Stellungskrieg den Ausschlag für noch größeren Erfolg geben würde. Und er hatte recht behalten. Durch diesen Schachzug stieg die Popularität des Tietjenfrottees ins Unermessliche. Jeder wollte eine Tietjengarnitur (Badetuch, Handtuch, Gästehandtuch, Waschlappen) in seinem Badezimmer hängen haben. Der Vertrag wurde nochmals erneuert und das Frottee auch an Unteroffiziere verteilt. Nach den ersten Niederlagen gegen Deutschland trafen sogar aus Frankreich Bestellungen ein, die Justus, aus patriotischen Gefühlen, zunächst unbeantwortet ließ, dann aber mit einem Preisaufschlag von 300 Prozent entgegennahm. Er war ein Kosmopolit und würde es selbst in Kriegszeiten bleiben.

In den Hallen schnurrten die Garne durch die Maschinen, Justus stellte im Wochentakt neue Arbeiter ein, die Kaskade im Garten plätscherte, der ältere Sohn spielte Schiffeversenken, der jüngere schrie in der Wiege, und alles war, so fand Justus, in bester Ordnung. Noch.

War der Krieg bisher ein Glücksfall für Justus Tietjen, so wusste er, dass er ihm irgendwann doch gefährlich werden konnte. Die Lieferung der nötigen Garne verzögerte sich immer häufiger, und zudem würde sein älterer Sohn bald das kriegstaugliche Alter erreichen. Justus zählte auf seinen Ältesten – nicht, weil er ihn für besonders begabt hielt, sondern weil er seine beiden Söhne zu Rivalen erziehen wollte. Er wollte, dass sie einander die Erfolge neideten, um sich so gegenseitig anzustacheln. Nur mit Konkurrenz kam man voran. Zudem war der Kleine noch zu zart, Scharlach, Masern, Windpocken, all das musste erst überstanden werden. Für Justus Tietjen waren zwei Söhne nicht Geschwister, sondern einer in Reserve.

Obwohl er die meiste Zeit in der Firma verbrachte, war Justus durchaus nicht entgangen, dass seine Frau sich hinter einer Wand aus Rosengeruch verbarrikadiert hatte, sie zu müde war, um seine Kalkulationen zu kommentieren und nur noch gelangweilt in den Frotteemustern blätterte, die überall herumlagen. Die Eheleute Tietjen wurden einander immer fremder, doch Justus war zufrieden mit ihrer Existenz. Sie hatten zwei Kinder, ein opulentes Wohnhaus und die Firma Tietjen in die Welt gesetzt, und das war mehr, als andere Paare verband. Man musste nicht auch noch miteinander reden. So viel zu reden, das wusste Justus, gab es überhaupt nicht. Wenn sie sich zufällig in einem der Wohnräume über den Weg liefen, grüßten sie sich höflich, wie Menschen, die viel voneinander halten, doch lieber nichts miteinander zu tun haben wollen.

 

Justus Tietjen hatte nie die Blicke seiner Arbeiter verstanden. Am unheimlichsten waren ihm die Truppen, die jeden Morgen bleigrau aus dem Dunst der Vorstädte auftauchten, den Straßenbahnen entstiegen, das Fabriktor durchschritten und sich ihre Anwesenheit von der Stechuhr bescheinigen ließen. Große runde nackte Schädel, Gesichter, die er kaum auseinanderhalten konnte. Eine Armee, zuverlässig wie die Schiffchen, die im Webautomaten hin und her klackten. Was, wenn sie sich einmal gegen ihn richten würde?

Darüber dachte er bisweilen an den freien Abenden nach, wenn er am Hang stand und sein Areal überblickte. In der Ferne rauchten Fabrikschornsteine, rasselten Zechen, wurden aus Wollballen Waschlappen und Handtücher hergestellt.

Er ging einige Schritte den Hang hinunter. Neben einem Zaun aus Rosen hatte der Gärtner ein kleines Feld angelegt, in dem kümmerlich und grün vereinzelte Erdbeeren wuchsen, perfekt geordnet, damit sie niemals über die Beete hinauswucherten. So, dachte Justus, müsste man es auch mit den Arbeitern handhaben, unter denen in letzter Zeit einige Aufwiegler mit sozialistischen Reden Unruhe stifteten. Justus schleppte sich wieder den Hang hinauf und wälzte dabei eine Idee hin und her, die ihm gerade gekommen war.

Am nächsten Tag teilte er seinem Prokuristen mit, er werde ein Haus, zwei Häuser, eine ganze Häuserzeile kaufen. Er wolle für seine Arbeiter Wohnungen schaffen.

Man erwarb einen schmalen Straßenzug unweit des Tietjen’schen Anwesens. Zehn Häuser für jeweils sechs Parteien. Da meist mehr als nur ein Familienmitglied bei Tietjen und Söhne arbeitete, machte das rund einhundert Angestellte, die Justus nun auch nach Dienstschluss in seiner Reichweite hatte.

Die Häuser waren Justus’ Eigentum, sie enthielten Möbel, die ihm gehörten, und die Logik der Regel besagte, dass auch die Menschen darin Teil seines Besitzes waren. Zu jeder Wohnung hatte er einen Schlüssel, und er benutzte ihn auch, schließlich musste er darauf achten, dass sein Eigentum pfleglich behandelt wurde. Er tat es, weil es für alle das Beste war. Zunächst hatte er einen Hausmeister engagiert, der zusammen mit seiner Ehefrau regelmäßig die Wohnungen prüfte. Hygiene und Ordnung waren das A und O, wer nicht sauber und nicht ordentlich war, konnte auch keine gute Arbeit leisten, konnte seinen Tag nicht sinnvoll einteilen, konnte nicht denken, nicht leben, konnte kein sittlicher Mensch sein. Das aber war die Voraussetzung jeglicher Arbeit in einer Handtuchfabrik. Ein Produkt, das für Körperhygiene stand, konnte nicht von unhygienischen Menschen hergestellt werden. Der Hausmeister und seine Frau sollten das Unheil im Innern aufspüren, an der Quelle.

Eines Nachmittags in seinem Büro, an dem nicht viel zu tun war, kamen Justus Tietjen Zweifel: Ob der Hausmeister vertrauenswürdig und ob dessen Frau gründlich genug war? Hatten sie dieselben Ansprüche an Reinheit wie er? Er sah Fettspuren um den Herd, roch den Gestank schmutziger Wäsche, ungelüfteter Räume, und auf dem Boden, unter dem Sofa, lag eine benutzte Windel. All die fäkale Fäulnis kroch allmorgendlich mit den Arbeitern in die Fabrik, blieb an Handtüchern und Waschlappen haften, in die sein Name, Tietjen, eingestickt war.

So begann er an den Nachmittagen, an denen er keine Termine hatte, selber nachzusehen. Der Chauffeur riss sich unterwürfig die Mütze vom Kopf, als er Justus Tietjen die Tür aufhielt. Er werde gleich zurück sein, erklärte Justus. Und das war er auch. Er erledigte, was er zu erledigen hatte, eilig und exakt: Er brachte Ordnung in die Menschen, die er besaß. Zu dieser Tageszeit waren viele der Wohnungen unbelebt, die Männer arbeiteten, einige Frauen auch, und die Kinder waren in der nahe gelegenen Schule, die Justus mit großzügigen Spenden versah.

Im Erdgeschoss lagen kostenlos Zeitungen aus. Justus hatte dafür gesorgt, dass jeden Morgen ein Stapel frischer Nachrichten in seine Häuser geliefert wurde. Die Arbeiter mussten auf dem Laufenden sein, sie mussten lesen, denn lesen bildete, und Justus wünschte gebildete Arbeiter in seinem Betrieb. Andere als die ausgelegten Blätter waren im Haus nicht erlaubt. Was wusste ein Arbeiter schon, welche Zeitung für ihn die richtige war.

Das Treppenhaus roch nach billigem Putzmittel, und Justus stieg die Stufen hinauf. Er stieg langsam, denn er wusste, dass selbst die Zeit hier drinnen ihm gehörte. Die Frauen, die zu Hause waren, ahnten nichts. Sie ordneten Wäsche. Sie bereiteten das Abendessen vor. Sie sahen aus dem Fenster und dachten, wie gut sie es hatten. Anderes zu denken hätte Justus Tietjen nicht erlaubt.

Erst als sie hörten, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte, wussten sie, dass es nicht der Hausmeister war, dessen Schritte sie im Treppenhaus gehört hatten. Erschrocken schaute Elsbeth/Anna/Käthe zur Wohnungstür: Wer konnte das sein? Die Ehemänner kamen niemals um diese Uhrzeit nach Hause, die Arbeitszeiten der Fabrik mussten genau eingehalten werden. Justus Tietjen betrat den Raum, ein Mensch, den sie nur aus der Ferne, aus Erzählungen gekannt hatten. Nie hätten sie damit gerechnet, ihm einmal leibhaftig zu begegnen.

Justus ließ sich von den Frauen die gewienerte Küche zeigen, das gescheuerte Bad, die ordentlich in der Vitrine aufgereihten Kristallgläser (vier Stück, klägliches Erbe), die gemachten Betten, die hart gefalteten Bezüge, die glänzenden Fensterscheiben. Er vergewisserte sich, dass alles in Ordnung war. Die Frauen boten ihm Kaffee an oder Likör, er lehnte ab. Nein, nein, er wolle sich hier nicht bereichern, sagte er und lachte. Die Frauen lachten verunsichert mit. Er wollte ihnen Gutes tun, wollte ihnen zeigen, dass sie für ihn wichtig waren. Er klopfte ihnen auf die Schulter, er tätschelte ihnen das Kinn, er legte seine Hand um ihre Hüften. Das Haar fiel aus dem Nacken, wenn sich der Kopf zu weit nach hinten bog. Die Strümpfe waren sauber, ebenso die Wäsche. Justus Tietjen nahm sich, was ihm zustand. Sie fürchteten ihn nicht. Furcht hätte sie aggressiv gemacht oder hysterisch. Vor Justus Tietjen hatten sie nur Angst.

 

Der Versuch, in New York Fuß zu fassen, eine Tietjenfiliale in jener fernen Metropole zu eröffnen, um der Firma neue Größe zu verleihen, war Anfang der vierziger Jahre zum ersten Mal gescheitert. Anfangs hatte alles vielversprechend ausgesehen: Die Konkurrenz war gesichtet, die ersten Produkte dem amerikanischen Markt angepasst worden und das Spektrum der Frotteefarben um California Sun und Indian Summer erweitert. Amerika hatte Deutschland den Krieg erklärt, und drei New Yorker Warenhäuser hatten ihr Interesse an ausgewählten Tietjenprodukten bekundet. Justus Tietjen schickte seine beiden Söhne. Er wusste, dass Kurt mehr Ehrgeiz besaß, und so ließ er ihn als Karls Begleiter auftreten, der Wettbewerb zwischen den Brüdern musste am Laufen gehalten werden.

Übernächtigt und zerstritten erreichten die beiden New York in den frühen Morgenstunden. Die Stadt kochte im Nebel. Doch während in Essen der Dunst alles verschlang, die Bestandteile an seinem Grund zu einer Masse vergor, stachen hier die Häuser aus dem Sud heraus, mit den Fensterreihen, die sich wie Maßeinheiten in exakt gleichen Abständen wiederholten. Hier lebte man nicht, hier handelte man Verträge aus.

Kurt und Karl Tietjen führten Vorgespräche mit dem Waldorf-Astoria und dem Ritz-Carlton. Sie besichtigten ein Ladengeschäft, gingen durch die Regalreihen und malten sich aus, wie die Frotteezungen aus den Fächern heraushängen würden. Die beiden Brüder saßen in einer überteuerten Bar in der Bleeker Street, tranken importiertes Bier, machten Scherze und lachten zusammen. In den Nebenstraßen warteten unzählige Drycleaner darauf, das widerstandsfähige Tietjenmaterial zu laugen. All die Chemie würde dem deutschen Gewebe nichts anhaben können, und hätte sich das erst einmal herumgesprochen, überlegten die Tietjenbrüder euphorisch, wäre ihnen eine Vorreiterstellung auf dem New Yorker Frotteemarkt sicher – und dann, den beiden wurde vor Aufregung flau im Magen, dann würde man Bundesstaat um Bundesstaat erobern, Massachusetts und Montana, Florida und New Mexico, bis der Name Tietjen im ganzen Land bekannt wäre. Und wäre Amerika gewonnen, so läge Europa ihnen zu Füßen.

Zum ersten Mal seit ihrer Kindheit verzichteten die beiden darauf, sich gegenseitig zu taxieren. Kurt dachte nicht mehr daran, dass er nur als Karls Begleiter reiste und Karl vergaß, seinem Bruder immer voraus sein zu wollen. Sie beschlossen, ihre Welt zwischen sich aufzuteilen. Amerika würde Karls Revier werden, Deutschland blieb für Kurt, den jüngeren der beiden. Ein Ozean würde künftig zwischen ihnen liegen, und ihre Konkurrenz in der Weite des Atlantiks untergehen. Endlich konnten sie Partner sein, etwas, was sie nie hatten sein dürfen, da es ihr Vater ihnen verbot.

An jenem Abend, während auf dem Atlantik eine halbe deutsche Flotte von amerikanischen Kampfschiffen versenkt wurde, begruben sie ihre Rivalität. Zwischen ihnen würde fortan Friede herrschen, so lange wenigstens, bis einem der Brüder sein Einflussbereich zu klein werden würde. Und das konnte noch eine Weile dauern. Deutschland war groß. Amerika war unermesslich. Die Brüder drehten ihre Bierdeckel auf der schmutzigen Tischplatte, nicht unruhig, nicht nervös, sondern von einem Tatendrang erfüllt, den sie kaum noch im Zaum halten konnten.

Kurt senior, Luises Großvater, reiste mit dem Gefühl ab, für die Eroberung der Neuen Welt alles getan zu haben, was in seiner Macht stand. Er ließ einhundertzweiundsechzig Kilogramm Frotteeware zurück, die teilweise bereits aus den Kartonschachteln hinausquoll, von Diplomatic Blue bis Sunshine Valley, von Hunting Green bis Empire Grey. Und er ließ seinen Bruder Karl zurück, der sich zwischen den Schlaufen und Farben der neuen Frotteekollektion verlor.

Die Eroberung Amerikas, die im Frühsommer 41 verheißungsvoll begonnen hatte, kam nur wenige Monate später zum Erliegen, fiel, um es genau zu nehmen, bereits kurz nach der Abfahrt des älteren Tietjenbruders in einen tiefen Schlaf, in dem zwar ein wirrer amerikanischer Traum geträumt, aber nur wenig Frottee verkauft wurde.

Karl Tietjen, der erste Vertreter für Tietjenprodukte in Amerika, bezog ein aus vorgefertigten Holzwänden gebautes Haus, eine Stunde von der Central Station entfernt. Im Vorortzug, auf dem Weg in die Geschäftsstraßen Manhattans, hielt er den Koffer mit den Mustern auf seinem Schoß, öffnete ihn leise und warf einen Blick in das geordnete Bunt. Alles war, wie es sein sollte: weich und gut. Abends besuchte Karl den deutschen Club in Manhattan, trank Highballs, rauchte Filterzigaretten, die besser zum hektischen New Yorker Leben passten als die gemächlichen deutschen Zigarren. Der Club bekam Gelder von der Parteizentrale in Berlin, mit denen Vorträge und opulente Feste finanziert wurden. Karl fühlte sich gut und fern, denn sie, die Männer des deutschen Clubs, waren in New York, und was in Europa geschah, war nicht mehr als eine Schimäre.

Karl, der jeden Abend in seinen Vorort zurückkehrte, wo die Sonne noch kurze Zeit in der Farbe California Sun erstrahlte, um schließlich in Indian Summer zu versinken, richtete sich schnell im sorglosen amerikanischen Leben ein und vergaß darüber jeden Wagemut, den es gebraucht hätte, um den Tietjenfrottee zu einem Erfolgsprodukt zu machen. Karl war zu bequem, um die nötigen Risiken einzugehen. Er vernachlässigte Termine, er hatte keinen Glanz in den Augen, wenn er in einem Linen Store seine Kollektion vorstellte. Er versprach keine Wunder, er umschmeichelte nicht, und er schüchterte niemanden ein. Die Verhandlungspartner der Hotels ebenso wie die beiden gebohnerten Abteilungsleiter des Kaufhauses Macy’s hatten Karl Tietjen längst vergessen.

 

Zurück in Essen war die neue Welt für Kurt senior schnell in der Erinnerung verblasst. Ohne das Gewicht seines Bruders trieb Kurt Tietjen mühelos an die Spitze der Firma. Er brachte steigende Umsatzzahlen und nahm dem alten Justus das Wort aus dem Mund. Dieser begriff nicht länger, was in der Firma vor sich ging und wie man in der neuen Zeit vorankam. Hin und wieder erzählte Justus von seinen einstigen Erfolgen, von den Verträgen mit dem Heer, doch niemand interessierte sich mehr dafür. Mit dem Krieg von damals, entgegnete ihm sein Sohn, habe der jetzige so viel zu tun wie eine Flugabwehrkanone mit einem Burggraben. Justus wollte etwas erwidern, ließ aber dann nur den Kopf hängen und zog sich in den hintersten Teil des Hauses zurück.

Meine Zeit ist vorbei, erklärte Justus seiner Frau. Ein Handtuch ließe sich drei, vielleicht ein viertes Mal falten. Ein Handtuch aber, das sich fünf-, sechsmal falten ließe, sei nicht schicklich. Das sei grotesk. Und er selbst habe sich viermal gefaltet: Einmal für den Kaiser und seine Streitkräfte. Einmal für die Sozialdemokraten. Einmal für das Zentrum. Und einmal für seine Mitarbeiter. Er könne nicht mehr. Justus Tietjen stahl sich in ein entlegenes Zimmer des Tietjen’schen Palastes fort, legte sich auf das Bett und stand nicht mehr auf. Alle im Haus mieden das Zimmer, in dem der einstige Phantast Justus Tietjen zusehends seine märchenhaften Ideen verlor. Die Luft sei dumpf, und man fühle sich, als würde man jeden Moment in einen tiefen Schlaf fallen, erklärte das Zimmermädchen dem neuen Hausherrn Kurt senior und weigerte sich, dort oben zu bedienen. Nur Justus’ Frau kam jeden Morgen hinauf und brachte ihrem Mann, dem greisen Dornröschen, frische Blumen.

Kurt senior übernahm die Geschäfte. Und er machte Gewinne. Dabei hatte er sich, wie es im Nachhinein hieß, aus allem herausgehalten. Er hatte, wie man im Nachhinein sagte, nie mit der Regierung kollaboriert, er hatte nicht wie sein Vater mit dem deutschen Militär Verträge geschlossen. Kurt senior hatte sich in den Kriegsjahren still verhalten und Gewinne gemacht, mit nichts, in absentia. Irgendwann, Jahrzehnte später und in einem anderen Zusammenhang, tauchte ein Handtuch auf, in dem am unteren linken Rand ein Hakenkreuz eingestickt war. Keiner konnte sagen, wo es gelegen, wer es gefunden hatte, und da war es auch schon wieder verschwunden, so plötzlich, wie es aufgetaucht war, und niemand fragte weiter nach.

 

Karl hatte in der Zwischenzeit eine Frau gefunden, die ihm aufgrund ihres Silberblicks aufgefallen war. Gwendolyn, hübsch, gelangweilt und mit einer Heirat einverstanden, war Tochter zweier Einwanderer, eines Schwaben und einer Französin, die sich auf einem Nordamerikadampfer kennengelernt hatten. Ihre Mutter war Strickerin gewesen. Gwen und Karl teilten ihre Begeisterung für Textilien und Pferde. Zusammen durchstöberten sie die Stoffgeschäfte der Vororte, und Gwen begleitete Karl zum Springreiten, folgte mit ihrem schiefen Blick dem Geschehen, und niemand hätte sagen können, ob sie dem Lauf der Pferde oder dem Treiben ringsum zusah. Karls Pferd hieß Cottonball, im Sommer 43 gewann er zum ersten Mal ein kleines Turnier, und die Frotteelieferungen aus Deutschland gingen ein ums andere Mal in den Wirren des Krieges verloren.

Während die Männer in seiner Nachbarschaft auf dem Weg nach Island waren, um Krieg gegen ein Reich zu führen, das für Karl mittlerweile nur noch als Nachricht in den United News existierte, gewann er seinen ersten Pokal beim Mazuqueeka-Amateur-Derby und erhielt den Spitznamen »Der deutsche Baumwollbaron«. Gwen beteuerte allabendlich, wie stolz sie auf ihn sei, doch sie begannen bereits, zwischen Rosenhecken und Hollywoodschaukel die distanzierte Ehe seiner Eltern nachzuleben.

Einmal im Monat trafen Neuigkeiten aus Essen ein, die der junge Mann vom Telegrafenamt, kaum dass er vor Gwendolyn stand, auszurichten vergaß. Karls Frau erwachte aus ihrer Lethargie, war zugewandt, lebhaft und hatte nichts dagegen, dass Karl immer häufiger bis in die Nacht im Reitverein blieb. Freitags gingen sie ins Kino, Gwen und Karl, aßen Popcorn, und jede Woche setzte sich während der Wochenschau, wenn es im Saal schon dunkel war, der Mann vom Telegrafenamt neben Gwen. Der Krieg fand weit entfernt statt, vielleicht nur auf der Leinwand vor ihnen, das Gerücht ging um, er sei nicht mehr als ein Filmtrick aus Hollywood.

An dem Tag, an dem Karls amerikanischer Traum platzte, war es sonnig und kalt. Ein weiteres Rennen, bei dem die Wettquoten eins zu dreihundert für den deutschen Baumwollbaron standen. Ein einziger Gegner war angetreten, ein lächelnder Greis mit einem Klappergaul. Karls Pferd stürzte noch schneller als erwartet dem letzten Hindernis entgegen, ein Huf blieb am Gestänge hängen, das Pferd rollte sich über den Rücken ab. Der auf dem Sattel festgezurrte Karl Tietjen wurde unter dem Gewicht des Araberhengstes erdrückt. Ein Riss in der Lunge, durch gebrochene Rippen hineingestoßen, sei die Todesursache gewesen, schrieb das Lokalblatt am folgenden Tag.

Mit den paar Dollar aus der amerikanischen Lebensversicherung reiste Karls Frau Richtung Süden und kehrte nie wieder zurück. Das Haus in jenem nach Weichspüler duftenden Vorort, der den Namen einer ausgelöschten Indianerkolonie trug, verwahrloste. Erst als Monate später ein Makler nach dem Rechten sah, entdeckte er einen hellen Frotteefilm, der sich von der Garage aus über den Boden des gesamten Hauses ausgebreitet hatte. Was von Karl blieb, war ein kleiner Bericht in der Essener Presse und der Vermerk, er sei in Amerika gefallen.