VIII

 

Nie war es Luise Tietjen möglich zu zögern, frei über ihre Zeit oder auch nur ihre Gedanken zu verfügen, natürlich war ihr dergleichen nicht erlaubt, sie wuchs mit einer Disziplin auf, so scharf, dass andere sich daran geschnitten hätten, und sie erwartete nicht das Unmögliche, sie erwartete nur, dass sie verwundert sein durfte, als ihr Vater in New York verschwand – aber auch das durfte sie nicht. Menschen wie sie taten gut daran, ihren Vater genauso schnell zu vergessen wie einen Geschäftstermin.

Sie hatte es von Werner und wenig später auch von Krays gehört: Ihr Vater würde nicht nur in New York bleiben, er hatte ihnen zudem über seinen Anwalt Wessner mit einer Unterlassungsklage gedroht, sollte Werner irgendetwas unternehmen, ohne mit ihm Rücksprache zu halten. Einen Hinweis, wie man Kurt erreichen konnte, hatten sie von Wessner jedoch nicht erhalten.

Luise, dein Vater ist übergeschnappt, hatte ihr Krays in einer Textnachricht geschrieben, und auch ihre Mutter war am Ende ihres Glaubens angelangt, falls es überhaupt jemals Glauben und nicht vielmehr Fatalismus gewesen war, der sie an Kurt Tietjen band.

Dein Vater hat den Verstand verloren, sagte Carola, als Luise am Abend das Haus betrat. Die Wohnzimmertür stand offen, Carola saß auf der Couch und trug diese Feststellung mit solcher Grazie vor, als sei ihre Familiengeschichte ein Zeremoniell. Carola hatte die perfekte Haltung einer Ballerina, und ihr Blick war stechend scharf.

Kurt Tietjen denke nicht daran, den ihm unterbreiteten Vorschlägen zuzustimmen, so Theo Wessner von der Anwaltskanzlei Wessner und Willberg in einem förmlichen Brief. Sein Klient stimme weder dem Stellenabbau in Essen zu noch der Verlagerung der restlichen Produktion von China nach Bangladesch. Wessner verwies zudem auf das Vetorecht, von dem Kurt Tietjen jederzeit Gebrauch machen könne.

Es war absurd, dass jener Mann, der einfach so untergetaucht war, jetzt auf seine Rechte als Geschäftsführer beharrte. Es war absurd, dass er ausgerechnet Wessner auf sie hetzte, einen früheren Freund der Familie.

Dein Vater will uns an den Hals, erklärte Carola trocken.

Luise sah ihre Mutter an, suchte nach Spuren von Ironie in ihrem Gesicht. Carola aber war kein Mensch, der sich auf Ironie verstand. Wessner ist nicht dumm, sagte Carola. Er hat Kurt in den Achtzigern vertreten, er hat nicht vergessen, wie blamabel es war, als Kurt die Klage gegen die Firma zurückgezogen hat. Er weiß, dass er sich mit Kurt wieder auf dünnes Eis begibt, und er wird nicht noch einmal verlieren wollen. Dünnes Eis, was sage ich, rief sie. Wasser ist es, nichts als Wasser.

Die Gardinen im Wohnzimmer waren zugezogen, niemand sollte Einblick in ihre Misere bekommen. In der Firma war längst durchgesickert, dass man auch in der Chefetage nicht wusste, was von Kurt Tietjen noch zu erwarten war, und seit Tagen hielt sich niemand mehr an die Arbeitspläne. Jeder war auf der Lauer.

Werner hatte Luise am Vortag erklärt, ein Streik sei nicht auszuschließen. Nicht auszuschließen hieß aus Werners Mund so viel wie: höchst wahrscheinlich. Und zu dem Zeitpunkt war der Brief von Kurts Anwalt noch nicht einmal eingetroffen, der alles noch schlimmer machen sollte. Luise sah bereits ganze Horden von Arbeitern ihr Elternhaus belagern, mit grauen Brillengestellen und Igelhaarschnitten, mit Schnurrbärten und geringelten Pullovern, mit dem Geruch von altem Nikotin, der an ihrer Haut haftete, und selbst der Gärtner, der sich bei den Pfingstrosen herumtrieb, würde sich ihnen anschließen.

Der Verstand deines Vaters hat vor Jahren ausgesetzt. Aber das, was er uns jetzt zumutet, hätte ich ihm nicht zugetraut, sagte Carola und blickte ihre Tochter vorwurfsvoll an, als sei Luise dafür verantwortlich. Luise selbst fühlte sich durchaus noch bei Verstand, wenn auch nicht ganz bei Trost, aber es war nun einmal nicht sonderlich tröstlich, im Halbdunkel zu sitzen, von der Welt abgeschottet, nur weil der eigene Vater sein Leben ändern wollte.

Man macht Fehler, natürlich, aber dein Vater ist dabei überaus konsequent, auf einen Fehler lässt er einen noch größeren folgen, sagte ihre Mutter, erhob sich, schritt durch das Zimmer. Luise saß ein wenig zusammengesunken auf dem Sofa, was ihre Mutter mit einem despektierlichen Blick quittierte. Eine Frau, die etwas auf sich hielt, verlor nicht die Fasson, auch nicht, wenn sie am Ende war. Dann erst recht nicht. Carola Tietjen war das, was man eine hauptberufliche Ehefrau nennen konnte, sie hatte ihre ganze Kraft in ihre gerade Haltung, ihren perfekten Auftritt neben Luises Vater gesteckt, in das Herumkommandieren der Angestellten, sie besaß die richtigen Freundinnen, die richtigen Ohrringe, die richtige Figur, und einen Fehltritt erlaubte sie sich niemals. Wie eine Politikerin wusste sie, welche Sätze sie auf einer Veranstaltung an wen richtete, und sie musste es geschickter als jede Politikerin tun, denn es durfte niemals den Anschein haben, als sei es Politik. Und nun drohte Carola Tietjen den Beruf zu verlieren, den sie jahrelang so perfekt ausgeübt hatte.

Sie ermahnte ihre Tochter, gerade zu sitzen, und fügte hinzu, sie hätte nicht vor, ihre Gewohnheiten aufzugeben. Werner käme zum Abendessen, um alles ins Lot zu bringen. Entenconfit, sagte Carola und stieß die Schiebetür auf, die das Wohnzimmer vom Essbereich trennte.

Luise roch den feinen Dunst garen Fleisches, sah noch wie die Haushälterin das Besteck zurechtrückte und davonhuschte. Sie setzten sich an den Tisch, das Eis knisterte in den Wassergläsern. Ihre Mutter, die Ballerina. Luise, das ungelenke Kind. Sie beäugten sich, zwei Rivalinnen, durch ein unsichtbares Gitter voneinander getrennt. Ein Knall ließ ihre Mutter zusammenschrecken, die Haustür wurde zugeschlagen, dann hörten sie die eifrigen kleinen Schritte der Haushälterin im Flur, und kurz darauf betrat Werner den Raum, groß und bedeutsam.

Wisst ihr was, sagte er und schlug die Hände ineinander, ich würde jetzt gern ein paar Tage Urlaub machen.

Carola zog gereizt ihre dünnen Brauen in die Höhe, ihr war nicht nach Scherzen zumute, wenn dies auch wohl kein Scherz, sondern einfach nur die Wahrheit war. Aber die Wahrheit war Luises Mutter an diesem Abend möglicherweise ebenfalls zu viel, Ente reichte ihr vollkommen.

Werner rückte geräuschvoll seinen Stuhl zurecht. Was bleibt uns denn anderes übrig, rief er und legte die Stoffserviette auf seinen Schoß, da müssen wir jetzt durch. Wenn ich bei jeder kleinen Krise den Kopf verlieren würde, bräuchte ich mehr Köpfe, als das Jahr Tage hat. Es geht alles den Bach runter, daran können wir nichts ändern. Es kommt nur darauf an, als Letzter unten anzukommen. Er lachte und begutachtete die Schüsseln, die auf dem Tisch dampften.

Das, was Kurt uns liefert, wird eine hübsche Schlammschlacht werden, erklärte Werner.

Gibt es Neuigkeiten von ihm?, fragte Luise.

Nur die Nachricht von Wessner, die heute angekommen ist.

Weiter nichts?

Weiter nichts.

Dann verschone uns mit deinem Orakeln, sagte Carola und verteilte das Fleisch.

Wortlos aßen sie. Luises Mutter erlaubte sich nur wenig Ente, drei Salatblätter waren über ihren Teller drapiert, die sie akribisch klein schnitt. Man musste sich an Gewohnheiten festhalten, wenn alles zusammenbrach, und Luises Mutter, die ihr Leben lang Diät gehalten hatte, würde gerade an diesem Tag nicht davon abweichen. Werner kaute genüsslich und trank in schnellen Zügen den Wein, während Luise alles stumm und appetitlos zu sich nahm, die Ente, die ebenso gut eine Gans oder ein Huhn hätte sein können, das Wasser, den Wein.

So also kommst du der Sache bei, sagte Werner zu ihrer Mutter, mit einer Ente, das ist ausgezeichnet, meine Liebe.

Carola hielt kurz beim Schneiden inne und warf Werner einen feindlichen Blick zu.

Dass Ente wirklich ein ausgezeichneter erster Schachzug sei, dass man überhaupt immer mit Ente gegen Katastrophen angehen sollte. Bedauerlich nur, sagte Werner, dass es weltweit nicht genug Ente gibt, um gegen alle Katastrophen anzugehen, aber immerhin, sagte er, hätten wenigstens sie genügend Ente. Ob sie vielleicht Wessner zum Entenessen einladen sollten.

Der Brief, den wir von Kurt bekommen haben, ist zwar ein ausgesprochen schlechter Witz, gleichwohl durchaus schlagkräftig. Derweil schreibt die Firma Verluste, erklärte Werner. Wir hätten schon vor Monaten entlassen müssen, aber Kurt hat sich ja geweigert, er war, wenn du mich fragst, einfach zu feige. Und jetzt sind mir die Hände gebunden, ich darf alleine nichts entscheiden. Dabei brauchen wir eine Entscheidung, wir brauchen sie dringend. Leider, sagte er zu Carola gewandt, sitzt dein Mann in den Staaten und schaut von dort wie der liebe Gott vom Himmel auf uns hinab, und wir, Werners Stimme wurde laut, wir können nichts tun, für alles brauchen wir seine Zustimmung. Ich bin nur sein Stellvertreter. Der Stellvertreter Gottes auf Erden. Eine lächerliche Figur.

Er solle doch bitte nicht so tun, als sei Kurt noch ihr Mann, entgegnete Carola. Jemand, der einfach ohne ein Wort verschwindet. Du bist ja fein raus, sagte sie, deine Ehe mit Fiona hat ja schon frühzeitig im Irrenhaus geendet.

Werners Mund verzog sich zu einem süßlichen Lächeln. Seine Frau verweste seit Jahren in einem Pflegeheim, wo sie nur noch dem Pock-Pock der Tennisbälle folgte, die von einer Seite des Bildschirms auf die andere flogen, Roger Federer gewann Wimbledon, Serena Williams die Australian Open, und Luises Tante lächelte matt. Über Fionas Krankheit schwieg man sich für gewöhnlich aus, aber im Stillen gab jeder Werner die Schuld an ihrem Zustand.

Luise sah auf diesen dicken, prallgefüllten Mann, der sich, wie ihre Mutter nicht müde wurde zu betonen, seinen Wohlstand nicht verdient hatte, der nicht aus einer guten Familie kam, sondern lediglich im richtigen Moment Kurts Schwester Fiona einen Antrag gemacht hatte, als diese noch zu jung gewesen war, um zu wissen, dass eine Heirat keine Privatangelegenheit war. So verantwortungslos wie Fiona hatte sich bis zuletzt niemand in der Familie Tietjen verhalten, doch nun übertraf Kurt seine Schwester noch, und in beiden Fällen profitierte Werner Kettler davon.

Luise, ich fürchte, mit deiner Mutter ist heute Abend nicht zu reden. Ich würde aber gern, ehe ich schlafen gehe, dieses verdammte Unternehmen retten, und dazu werden einige Telefonate nötig sein.

Werner rückte seinen Stuhl zurück und warf die steife Stoffserviette auf den Tisch. Es sei jetzt halb neun, und er gedenke nicht, vor drei Uhr schlafen zu gehen, und ob etwa Luise gedacht hätte, vor drei ins Bett zu kommen, fragte er und zündete sich eine Zigarette an, deren Rauch er gierig inhalierte, im Hintergrund trat die Haushälterin mit Dessertschälchen auf, in denen sich etwas Glutrotes befand. Luise antwortete nicht.

Dann ist es ja gut, sagte Werner, dann kommst du mit, ich kann dich gebrauchen. Von glasierten Enten lernst du nichts, davon wirst du nur fett, sagte er und blickte gelassen auf Luises Mutter, die ein halbes Salatblatt und einige Fleischfasern auf ihrem Teller zurückgelassen hatte. Die Haushälterin stellte die Dessertschälchen auf dem Tisch ab und blickte fragend zu Carola Tietjen.

Gute Frau, dröhnte Luises Onkel, was rücken Sie uns jetzt auch noch mit roter Grütze zu Leibe, sehen Sie denn nicht, dass ich bereits an Übergewicht leide, und die Dame dort hat schon vor drei Salatblättern kapitulieren. Er wedelte mit der Hand, als wolle er eine Fliege vertreiben, eine Geste, die zumindest Carola wieder zum Leben erweckte. Entrüstet stand sie auf und erklärte, jemanden mit solch ordinären Manieren dulde sie nicht länger an ihrem Tisch, und wenn er zu telefonieren habe, dann solle er das gefälligst woanders tun, und ihre Tochter solle er mitnehmen, in Gottes Namen, oder hierlassen, aber er solle seinen abschätzigen Blick auf der Stelle von Isabel nehmen. Und wenn du nicht sofort das Zimmer verlässt, dann kannst du die Rote Grütze von deinem Anzug lecken, den du mit dem Geld deiner Frau gekauft hast, und nun zeig dich bitte schön erkenntlich dafür.

Werner erhob sich langsam, sieh nur, deine Mutter hat ja Temperament, stellte er amüsiert fest, ich werde doch wohl noch ein Taxi rufen dürfen, sagte er.

Nein, das wolle sie ihm nicht zumuten, Isabel werde für ihn das Taxi bestellen, und er könne vor der Tür warten.

Werner tat erstaunt, ging um den Tisch herum und blieb direkt vor Carola stehen. Ihre Miene wurde eisern. Werners gewaltiger Körper beugte sich zu ihr vor, seine Lippen spitzten sich, und er küsste Carola auf die Stirn.

Ich danke dir für alles, meine Liebe, sagte er.

 

Luise starrte auf den dunklen Kiesweg hinter ihnen, die vom Gärtner geordneten Tulpenbeete, die perfekt gestutzte Hecke, wandte ihren Blick zurück zur Straße. Autos fuhren vorbei. Feuchtigkeit sickerte aus dem Gras. Sie schreckte zusammen, als aus der Schwärze ein Hund auftauchte. Kein Mensch außer ihnen war zu sehen, das Tier trieb herrenlos durch die Gegend, hetzte ihnen über den schmalen Rasenstreifen am Straßenrand entgegen, streifte Luises Hand.

Was sie tun würde, fragte Werner, wenn sie morgen das Erbe anzutreten hätte.

Luise sah dem Hund nach, der unter einer Straßenlampe zum Halten gekommen war, der Lichtkegel stieß hart in sein Fell.

Ob sie ihm zuhörte, fragte Werner.

Ob sie ihm einmal nicht zugehört hätte, entgegnete sie.

Was sie also zu tun gedächte.

Sie dächte nicht daran, morgen die Firma zu erben.

Ob morgen oder wann auch immer, sagte Werner ungeduldig. Es ist notwendig, dass du dir die Frage rechtzeitig stellst. Jetzt kannst du deine Antwort noch berichtigen, später nicht mehr. So sind die Regeln, mit Regeln kennst du dich aus, sagte er, während sich in der Ferne ein Wagen mit Taxischild näherte.

Werner war in die Firma hineingewachsen wie Efeu, das in eine Steinwand wächst, zunächst fremd, doch später schwerer zu entfernen als ein Stein aus der Mauer. Werner hatte diese Firma gewählt, oder er hatte Luises Tante gewählt, was aufs Gleiche hinauslief. Er war es gewohnt, die Wahl selbst in der Hand zu haben, und seine Fragen waren keine Fragen, sondern Forderungen, es waren immer Forderungen, die an Luise gestellt wurden, sie hatte nie eine Wahl.

Wie willst du einen Konzern führen, wenn du mir keine Antwort geben kannst? Nicht einmal hier, nicht einmal jetzt, wo dir keiner zuhört außer mir. Das ist deine Zeit, du kannst sie nutzen. Das Taxi hielt, Werner riss heftig die Wagentür auf. Sie stiegen ein, Werner seufzte einige Male, als wolle er zu einer Klage ansetzen, über Luises Sturheit, über Kurt, der alles blockierte. Werner seufzte ein weiteres Mal und brachte nichts mehr hervor.

Ich bin fünfundzwanzig, sagte Luise. Ich habe mein Studium noch nicht abgeschlossen. Ich bin nicht verheiratet, ich habe keine Familie. Ich habe noch nicht einmal gelebt.

Fünfundzwanzig, was willst du? Einundzwanzig reicht für alles, außer für das Amt des Bundespräsidenten. Du brauchst nicht Präsidentin werden, du sollst nur unsere Geschäftsführung übernehmen.

Und wer bitte hat in der Firma Respekt vor mir?

Alle, die keinen Respekt vor mir haben, sagte Werner. Das genügt. Das muss genügen, fügte er hinzu, sein kalter Blick lag auf ihr, seine Brauen hoben sich, blondes Gestrüpp, und dann trieb sein Blick von ihr fort, hinaus aus dem dunklen Fenster. Hinter sich ließen sie den Vorgarten, die endlos lange Auffahrt, das Haus, Luises Mutter. Der Taxifahrer fragte, wohin sie fahren wollten. Luise war erstaunt, dass Werner sie nicht zu sich nach Hause bringen ließ, sondern in die Firma mit ihren verödeten Gängen und den unbehausten Büros. Wollte er etwa nachsehen, ob Kurt in der Firma eingetroffen und womöglich gar zur Vernunft gekommen, ob wenigstens eine Nachricht von ihm oder von Wessner im Sekretariat eingegangen war? Natürlich würde Luises Vater nicht in der Firma sein und zur Vernunft gekommen erst recht nicht.

Es muss genügen, wiederholte Werner in die Stille hinein, als beschwöre er etwas, an das auch er noch nicht wirklich glaubte. Wenn es nicht geht, hast du dein Erbe mit fünfundzwanzig ruiniert. Das wäre früh, die meisten bekommen es erst Anfang fünfzig hin. Du bist mit der Firma aufgewachsen. Du hast Talent für die Wirtschaft, auch wenn dein Vater das nie wahrhaben wollte. Für dein Studium bleiben dir noch sechs Wochen, das muss reichen, Leben hin oder her, und so einen Abschluss bekommt heutzutage jeder Dummkopf hin.

Aber ich kann keine Entscheidungen für eine ganze Firma treffen.

Natürlich kannst du Entscheidungen treffen, du hast nur Angst davor. Du willst dir nicht die Hände schmutzig machen. Genau wie dein Vater. Ich sage dir eins, du machst dir die Hände gerade dann schmutzig, wenn du keine Entscheidungen triffst. Wenn du zusiehst, wie alle Entscheidungen von anderen getroffen werden. Du wirst dir diese Haltung nicht ewig erlauben können. Du weißt, wer du bist, wenn du erst einmal geerbt hast.

Luise nickte. Die Möglichkeit war ihr bewusst, aber Möglichkeiten spielten in einer anderen Liga als Gegebenheiten. Mit Möglichkeiten kam sie zurecht, wirkungslos, wie sie waren.

Du weißt doch, wer du bist?, fragte Werner erneut, und natürlich war die Frage falsch gestellt, wer wusste schon, wer er war, man wusste nur, und das meist zu genau, wer man zu sein hatte, und genau das hatte Werner gemeint.

Ich erwarte von dir nicht, im Voraus die richtige Entscheidung zu treffen, sagte er und lehnte sich im Sitz zurück. Darum geht es nicht, es geht darum, eine schnelle Entscheidung zu treffen. Niemand kann vorher wissen, welche Entscheidung am Ende die richtige ist. Ein Firmenchef ist ja kein Wahrsager, kein Hexenmeister, und der liebe Gott ist er ebenso wenig. Er wird auch nicht als lieber Gott bezahlt. Er griff über den Mittelsitz hinüber, drückte Luises Hand, sie spürte die schwere Wärme seines Ballens auf ihren Fingern, sie wollte ihre Hand zurückziehen, aber er ließ sie nicht los. Du wirst es schon besser machen als dein Vater. Du stehst ja nicht alleine da, du hast mich an deiner Seite.

Und Krays, dachte Luise. Sie war müde, ihr war kalt, sie wollte nicht mehr ihren Onkel sehen, dessen Mondgesicht bleich in der Dunkelheit leuchtete. Natürlich war es nutzlos, sich gegen etwas zu wehren, das längst feststand, schließlich war sie nicht in ein freies Leben hineingeboren worden, sondern in einen lebenslangen Arbeitsvertrag.

Wenn man in diesem Haus geboren wird, hatte eine ihrer Tagesmütter gesagt, kann man nur noch absteigen, ich kann wenigstens noch aufsteigen, sagte sie spöttisch, nachdem Luise sie wochenlang mit Juckpulver, Gummipfeilen, einer Wasserpistole durchs Haus gejagt hatte. Wie oft war der weiche Körper der Tagesmutter zusammengezuckt, wie oft waren ihre Gesichtszüge entglitten, während Luise lachend vor ihr auf und ab getanzt war. Als Luise ihrer schließlich überdrüssig geworden war, überließ sie es ihrem Vater, der Tagesmutter zu kündigen. Luise konnte herrschen, damals, als sie noch nicht wusste, was es bedeutete. Warum wollte sie es jetzt nicht mehr, wo hatte sie die Ignoranz gelassen, die es brauchte, um sich über die anderen zu stellen, um selbstverständlich über fremde Leben zu verfügen?

Vor ihnen das Firmengebäude. Werner reichte einen Schein nach vorne, ließ sich das Rückgeld geben, wie immer geizig beim Trinkgeld. Der Fahrer hielt Luise die Wagentür auf, zögernd stieg sie aus, das Firmengebäude sah in dieser Nacht größer aus als gewöhnlich. Sie ging hinter Werner auf den Eingang zu.

Wenn dein Vater nicht bald zurückkommt, müssen wir uns verhalten, als sei er nicht verschwunden, sondern tot. Das ist unsere einzige Chance. Ich möchte dich bitten, Luise, dass du dich in den nächsten Wochen darauf einstellst, den zweiten Platz in der Geschäftsführung zu übernehmen. Werner hatte schon die Hand gegen die Tür gestützt, bereit, sie aufzustoßen, sobald Luise ihr Ja gab.

Kurt wird es nicht zu weit treiben, sagte sie. Er kann es gar nicht.

Werners Antwort war keine Feststellung, sondern eine Frage: Wollen wir es hoffen?

 

Eine verlorene Gestalt wischte durch den unteren Flur des Tietjen’schen Firmengebäudes, schrak zusammen, als Werner und Luise ihr entgegentraten. Ihren blauen Kittel mit dem Namensschild zurechtrückend, antwortete sie: Nein, Herrn Tietjen habe sie nicht gesehen, das könne sie sicher sagen, denn sie habe überhaupt niemanden gesehen außer ihrer Kollegin Frau Potschinski, die aber sei vor einer drei viertel Stunde gegangen, und sie selbst sei nur so lange hier, weil sie die Etage von Frau Klein übernommen habe, die heute krank sei, erklärte die Putzfrau, und es klang entschuldigend, als habe sie etwas an sich genommen, das ihr nicht zustand.

Schämen Sie sich doch nicht! Solchen Einsatz weiß ich zu schätzen, sagte Werner. Gerade so wünsche ich es mir! Wenn mehr Menschen solchen Einsatz zeigen würden, Frau Dombrowski, dann wäre dies ein besserer Ort. Er tätschelte ihr wohlwollend den Arm. Sie schritten weiter über das feucht glänzende Linoleum, umgeben von scharfem Reinigungsgeruch, und Frau Dombrowski rückte ihr Namensschild zurecht und stieß den Feudel zurück in den Eimer.

Meine Freunde von der Gewerkschaft werden es lieben, um diese Uhrzeit vom Arbeitskampf belästigt zu werden, sagte Werner, während er die Tür seines Büros hinter ihnen schloss. Er ließ sich an seinen Schreibtisch nieder, wies Luise den Besucherstuhl zu, zog das Telefon an sich heran und drückte einige Knöpfe, um die Leitung freizuschalten.

Morgen wird alles stillstehen im Betrieb Tietjen, es wird einen Streik geben, verkündete Werner, und wie soll ich darauf reagieren, wenn ich gar nicht reagieren darf? Ich habe vorhin schon mit einigen Herren von der Gewerkschaft telefoniert, aber tagsüber haben sie den Kopf voll mit allem möglichen Zeug und verstehen nicht, dass hier alles aus den Fugen gerät.

Beim Reden verschob er die Gegenstände auf seinem Schreibtisch, Brieföffner, Kugelschreiber, Füllfederhalter. Heute Abend wirst du sehen, wie verkommen der ganze Haufen ist, sagte er, diese Gewerkschafter, die ihre Leute nicht unter Kontrolle haben, die überhaupt nichts unter Kontrolle haben außer ihrer eigenen Gehaltsabrechnung. Er ordnete die Gegenstände auf dem Schreibtisch wieder und wieder um, doch es gelang ihm nicht, sie aus der sterilen Ordnung herauszulösen.

Dabei haben wir im Frühjahr alles mit ihnen abgesprochen, aber es bleibt doch ein Trupp bequemer Chaoten. Es nützt nichts, sich darüber aufzuregen. Man muss ihnen in den Hintern kriechen, um irgendwann zu ihrem Mund wieder herauszukommen, und wenn man Pech hat, hören sie in dem Moment nicht einmal zu.

Er legte sich den Hörer ans Ohr, seine Stimme verwandelte sich, als er ins Telefon sprach. Walter, ich bin es noch mal, Sie werden es mitbekommen haben, die Lage ist nicht besser geworden. Die Sätze flossen aus ihm heraus, sie hatten nichts mit dem Werner Kettler zu tun, den Luise kannte, sie waren leicht und bestimmt. Walter, ich denke nicht, dass wir noch warten können, Sie sind nicht hier, Sie haben kein Bild von der Lage, deshalb dränge ich darauf, dass Sie herkommen, Sie müssen Ihre Leute in den Griff kriegen. Werners Stimme drang in Luises Kopf und verdrängte jeden anderen Gedanken. Walter, das geht so nicht, es gab Absprachen, und Luise hörte nur noch Werners Stimme, während sein Körper schwer und fett im Sessel hing und daran erinnerte, dass er eben doch nur ihr Onkel war.

Er legte den Hörer auf den Apparat zurück und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Als er sein Gesicht zu Luise drehte, sah sie, wie erschöpft er war. Eine Erschöpfung, die sie ihm nicht zugetraut, die sie immer nur an ihrem Vater vermutet hatte.

Im Übrigen, sagte er, es wäre gut, wenn du demnächst nach New York fliegen würdest, ich will wissen, was dort vor sich geht.

 

Kurz war Luise hinausgegangen, hatte ihren Onkel mit seinem Adressbuch allein gelassen, aus dem er eine weitere Nummer wählte, ja, Klaus, grüß dich, Werner hier. Luise fuhr mit dem Fahrstuhl durch das leere Gebäude, lief Flure entlang, die sie noch nie betreten hatte, eilte sie doch sonst, wenn sie hier war, zielstrebig in den obersten Stock. Etage eins, eng zusammengescharte Bürotüren, Etage drei, gleißendes Neonlicht, jemand (Frau Dombrowski?) hatte vergessen, es auszuschalten. Luise dachte an Krays, der auf seinem Bett lag, auf sie wartete, ihr etwas vom Abendessen in der Küche übrig gelassen hatte, daneben eine Flasche Rotwein, von dem er selbst wieder einmal nichts trank. Du kannst dir nur Anstand leisten, was, Krays?, hatte sie ihn aufgezogen, und er hatte gelacht, obwohl der Witz auf seine Kosten ging, und Luise spöttelte weiter: Weißt du was, zu Weihnachten schenk ich dir ein bisschen Auslauf. Er legte ihr zwei Finger auf den Mund, übertreib es nicht, Luise, flüsterte er, aber er nahm es ihr nicht übel, er hatte gar nicht den Mut, es ihr übelzunehmen. Manche Leute hatten Talent, andere hatten ein Vermögen, das war der Unterschied. Krays wusste nur, wie man Verantwortung übernahm, nicht, wie es sich anfühlte, sie zu besitzen. Was würdest du tun, wenn du morgen die Firma leiten müsstest, Krays? Sie roch seine süßliche Haut, der Geruch von Säuglingen. Luise fühlte sich schlapp, wie man sich an einem schwülen Sommerabend schlapp fühlt, an dem das erlösende Gewitter Stunde um Stunde ausbleibt.

Hinter einer der Bürotüren hörte sie das Tackern einer Tastatur, blieb stehen, durch das Milchglas drang warmes Licht auf die Neonfront des Flurs. Sie war Hausherrin, ihr gehörten alle Büros hier, würden ihr zumindest eines Tages gehören, sie klopfte an und öffnete dabei bereits die Tür.

Frau Tietjen, Sie machen Überstunden. Etwas Spöttisches lag in seinem Ton, Konstantin Krays, dabei wusste er, dass er sie zu hofieren hatte, sie stand zwar auf seiner Seite, doch schwankend, wie man eben für jemanden Partei ergreift, immer auf dem Sprung, sich wieder zu distanzieren.

Du solltest schlafen gehen, Luise, fügte er hinzu. Er war nahe an sie herangetreten, atmete ihre Wangen an, kalt war sein Gesicht, erfrischend, es roch nicht mehr nach Säuglingshaut, sondern metallisch, vielleicht hatte der Computer auf ihn abgestrahlt. Sie blickte über seine Schulter, spürte seinen Arm, den er um ihre Hüfte legte, sie hätte gern gewusst, mit was er sich um diese Uhrzeit beschäftigte, doch die Deckel der Aktenmappen waren zugeklappt und über den Bildschirm flatterte lediglich der Schriftzug Tietjen und Söhne Frottee GmbH.

Auf dem Tisch blinkte lautlos sein Handy, ein Anruf oder eine Nachricht ging ein. Luise wollte ihn fragen, was er hier machte, ob Werner davon wisse, ob Krays ihm vielleicht sogar zuarbeite. Krays’ kantiger Körper drängte sich an sie, er war nicht ungeschickt dabei, er war nur geschickter im Erstellen von Kalkulationen. Manche Menschen suchten die Nähe von Macht wie Ratten den Müll, und sie traute Krays zu, einer dieser Menschen zu sein, deswegen hatte er sich in ihre Nähe begeben, er die Ratte und sie der Müll. Das Telefon verdunkelte sich wieder, er strich ihr über die Schulter: Mach dir nicht so viele Gedanken, ich regle hier alles, ruh dich aus.

Was weißt du schon, was zu regeln ist?

Sei ehrlich, was weißt du davon? Sein Blick übernächtigt und klar, eine sanfte Kälte ging von ihm aus, die sie beruhigte und vergessen ließ, dass sein letzter Satz eine Beleidigung war.

Was würdest du tun, wenn du morgen diesen Betrieb übernehmen müsstest?, fragte sie.

Heute übernehme ich keinen Betrieb mehr, es ist schon nach zehn.

Du würdest jederzeit einen Betrieb übernehmen, entgegnete Luise. Wenn du nur könntest.

Luise, was soll das Ganze? Du bist fünfundzwanzig, du solltest um diese Uhrzeit nicht in der Firma rumgeistern. Du musst mal leben. Wie andere Menschen auch.

Welche anderen? Von wem sprichst du. Von dir?

Von normalen Menschen mit normalen Gewohnheiten, sagte Krays und wandte sich von ihr ab.

Sein Hinterkopf, die frisch geschnittene Frisur, Luise streckte die Hand aus, um über seinen Nacken zu streichen, zögerte, ließ die Hand wieder sinken. Was bitte schön war denn normal? Krays suchte mit der Maus den Bildschirm ab, öffnete Dateifenster, die er bei ihrem Eintreten hatte verschwinden lassen. Hatte er vergessen, dass sie neben ihm stand? Normale Menschen mit normalen Gewohnheiten stellte sie sich vor, Menschen ohne Unternehmen, und dachte dabei nur: Das Unternehmen. Es ging seit Jahrzehnten in den Wellen der Stadtgeschichte auf und unter, der Ministerpräsident tauchte in ihrem Salon auf, es gab Entenconfit, es gab immer Entenconfit, wenn der Herr Ministerpräsident da war, und er war ja, glaubte man Werner, stets bei ihnen. Dass er in Wahrheit nur zweimal auftauchte, einmal unter dem Namen Kühn, der kurz darauf nach Pittsburgh flog, um zu sehen, wie die USA mit Opel und dem Dreck aus den Hochöfen fertig wurden, einmal und zwar dreißig Jahre später unter dem Namen Clement, das erwähnte Werner nie.

An Krays’ Schreibtisch gelehnt, dachte Luise daran, dass auch Werner einmal hübsch gewesen war, ein aufstrebender junger Mann aus der Mittelschicht, der Anfang der siebziger Jahre bei wöchentlichen Tennispartien ihre Tante umworben hatte, und kaum war der Trauschein unterzeichnet, ließ er sich nur noch selten auf dem Tenniscourt blicken und begann, sich mit Reh und Rind zu mästen. Ihre Tante lief währenddessen wie ein weidwundes Tier in ihrem Zimmer herum, weil sie es nicht schaffte, schwanger zu werden, ließ Abendveranstaltungen ausfallen, Firmenfeiern, sogar das Treffen mit dem Ministerpräsidenten. Sie blieb an der Seite ihres Mannes, dessen Leib immer mächtiger wurde und beim Tod des Seniors bereits einhundert Kilo wog, sie blieb bei Werner, weil er ihr einmal ein wenig Normalität versprochen hatte, wenn er dieses Versprechen auch laut und krachend brach.

Seitdem, seit jeher also, hätte Luise skeptisch sein müssen, wenn sich jemand unter dem Deckmantel der Normalität an ihre Familie heranpirschte. Sie verabscheute Krays’ Turnschuhe, die vor ihrem Bett standen und über die sie in der Dunkelheit stolperte, misstraute dem harmlos auf ihrem Bett liegenden Körper, der noch schmal und elastisch war, wie es einst Werners Körper gewesen sein musste. Sie hätte, dachte Luise plötzlich, Krays wenigstens einmal fragen sollen, ob er Tennis spielte, Golf oder Hockey. Im Mogengrauen joggte er allein durch den Stadtwald. Gegen sechs Uhr, wenn alle anderen noch schliefen oder frühstückten, Graubrot, Marmelade, Kaffee aus dem Sonderangebot, wusste Luise Krays mit seinen Laufschuhen im Stadtwald, früher als die anderen drehte er seine Runden, denn Krays, dachte Luise, wollte nicht normal sein.

Sieh dir diese Zahlen an, sagte er, und dann frag mich noch einmal, was ich an deiner Stelle tun würde.

Luise beugte sich vor, ihre Brüste streiften seinen Oberarm, Krays aber blieb bei seinen Zahlen, griff nicht nach ihrem Bein, drückte sie nicht gegen die Stuhllehne. Wieder blinkte sein Handy, diesmal vibrierte es dazu leicht, er drehte sich um, entschuldige, Luise, und verschwand mit der fremden Stimme am Ohr im Nebenraum. Luise hatte sie kurz gehört, eine Frauenstimme, grell und hastig, und aus dem Vorzimmer, in dem für gewöhnlich eine Sekretärin saß, hörte sie nun das Klackern einer Tastatur, die Krays während des Gesprächs bediente. Die Zahlen flimmerten vor ihren Augen, sie öffnete einige Dokumente, suchte die Dateiinformationen ab, fand jedoch keinen Hinweis darauf, woher die Daten kamen, was sie von ihnen halten sollte, ob Werner sie kannte oder Kurt.

Im Nebenzimmer Krays’ gedämpfte Stimme: Ja, natürlich, habe ich dir das nicht zugesagt? Also, warum fragst du?

Krays kam zurück, setzte sich hinter sie, sie spürte die Wärme seiner Schultern, gern hätte sie sich nach hinten fallen lassen, was sie natürlich nicht tat, man fängt auch nicht auf offener Straße an zu weinen. Ihr Blick folgte seinem Finger, der eine Zahlenreihe entlangfuhr, dann auf einige Ziffern deutete, die grün unterlegt waren.

Verstehst du, was hier steht?

Sie verstand nicht, ihr kamen in diesem Moment auch bessere Dinge in den Sinn, als zu verstehen. Den Großteil des Tages brachte sie mit Verstehen zu, und nun wäre eine Gelegenheit, endlich mit dem Verstehen aufzuhören, Krays, findest du nicht? Doch wenn sie es auch gern anders glaubte, in Wahrheit hatte nicht sie zu entscheiden, wann etwas zwischen ihnen lief, sondern er.

Das Unternehmen gibt es nicht mehr, Luise. Wäre Kurt mit diesen Zahlen an die Öffentlichkeit gegangen, hätte er die Firma genauso ruiniert, wie er es jetzt mit seiner Abwesenheit tut. Aber dein Vater hat gekniffen. Dein Vater hat die Zahlen vertuscht.

Und warum hätte er das tun sollen?

Ich nehme an, dass niemand gern eine Niederlage zugibt. Nicht einmal jemand wie dein Vater. Vor allem nicht jemand wie er. Ich will nicht sagen, dass er allein schuld daran ist. Aber ein umsichtiger Geschäftsführer hätte es nie so weit kommen lassen.

Was willst du mir sagen, Krays?

Lies doch die Zahlen, Luise. Er fuhr erneut mit der Maus die Spalten entlang, und natürlich konnte sie addieren, was dort stand und vielmehr, was dort nicht mehr stand. Sie waren hochgradig überschuldet.

Die Firma ist längst ein Wrack, sagte Krays. Ausgestorben. Wir arbeiten auf einem Geisterschiff. Und dein Vater ist der tote Kapitän. Wir haben ihn mit Tauen an das Steuerrad gebunden. Das ist kein schöner Posten. Den hält niemand lange aus.

Sie wandte ihr Gesicht zu ihm, betrachtete sein Profil, die leicht gebräunte Haut, jeden Morgen Joggen im Park. Krays wollte nach oben kommen, dachte Luise, er war vernünftig, weshalb also sollte er in einem Unternehmen bleiben, das am Ende war? Vorsichtig fuhr sie mit der Hand über seine Schläfen. Und was, dachte sie, würde er noch von ihr wollen, wenn er nicht mehr für Tietjen und Söhne arbeitete?

Die Zahlen kommen raus, über kurz oder lang, sagte Krays. Und selbst wenn nicht, auf diesem Niveau kann sich kein Unternehmen dauerhaft halten.

Was würdest du tun, wenn du die Firma übernehmen müsstest?, fragte Luise noch einmal.

Laufen, sagte Krays.