Die ganze Stadt war in Aufregung. Frauen und Männer standen auf dem Plan de Brie und sprachen erregt miteinander, hin und wieder wurden Taschentücher hervorgeholt. Claude hatte während des Frühstücks mitbekommen, dass Madame Corbusier nach lauten Rufen auf der Straße hinausgelaufen war, das Kind im Arm. Mit noch ungekämmten Haaren war sie in Richtung Gendarmerie gerannt. Claude war aufgesprungen und hatte den Stuhl umgestoßen, bevor er die Jacke vom Haken gerissen hatte und ihr gefolgt war. Etwas war passiert, das hatte er sofort gespürt. Auf dem Platz flatterte noch das Absperrband der Polizei. Lambert hatte ihn mit einem starren Gesichtsausdruck angesehen und nur »Marcel Lebout« gesagt, bevor er im Gebäude verschwunden war. Claude war immer noch betroffen, auch wenn er insgeheim noch die Hoffnung hegte, dass das Nachbarskind sich eines Tages wieder aus dem Fenster hangeln würde. Dass Nathalie die Tote sein konnte – nein, diesen Gedanken hatte er nicht gehabt, es kam für ihn nicht infrage, es war tabu, daran zu denken.
Als der Wagen des Bestattungsunternehmens vom Hof der Gendarmerie rollte, machten die Menschen schweigend Platz. Am Brunnen standen bereits zwei rote Kerzen und auch einige Blumen aus dem Super U, noch in Folie eingehüllt. Claude zog die Schultern zusammen, er fröstelte. Er erkundigte sich bei einem älteren Herrn, der auf der Bank saß: »Wer ist jetzt da drinnen?« Er wies auf Bertins Bürofenster.
»Die beiden Mütter und die Frau mit dem Keramikladen. Mon Dieu.« Der Alte schüttelte den Kopf. »Die Schule hat heute geschlossen, die Kinder sind zu schockiert«, erzählte er noch. Claude bedankte sich und wandte sich dem ›Chez moi‹ zu. Dort würde er vielleicht mehr erfahren. Er wollte die tragische Szene in der Gendarmerie nicht durch seine plumpe Neugier stören.
Lucas schenkte ihm einen Kaffee ein. Der Gastraum war voll, doch Ari, Claudes Kollege, hatte alle Gäste bedient und stand nun am Fenster, von wo er ihm kurz zuwinkte.
»Hast du mehr sehen können?«, fragte Claude.
Lucas stützte sich mit den Armen auf die Theke.
»Ich habe ihn gefunden.«
»Merde!«, rief Claude und starrte seinen Arbeitgeber an. Der nickte. Seine Augen ähnelten denen eines traurigen Seehundes.
»Ich war früh heute, weil ich den Keller noch einräumen wollte. Er lag da wie ein Bündel Fleisch. Ganz schlapp. Ich habe sofort erkannt, dass er tot war, sogar von Weitem. So zusammengefallen.«
»Hör auf, Lucas«, sagte Claude und legte die Hand auf dessen Arm. »Quäl dich nicht selbst. Geh nach Haus und mach den Laden dicht.«
»Bist du verrückt? Zu Hause gehe ich die Wände rauf«, wehrte Lucas ab und ließ seinen Blick ziellos schweifen. Der Himmel war bedeckt und passte sich der trüben Stimmung farblich an.
»Und du hast deine Aussage schon gemacht?«
Lucas ergriff ein Geschirrtuch, um zum zehnten Mal die Spüle zu polieren.
»Ja. Lambert hat ihn fotografiert. Und Bertin hat alles aus den Jackentaschen des Jungen rausgeholt. Da war ein Brief drin. Und Bonbonpapier – die Sorte, die du auch hast.«
»Meine Karamellbonbons meinst du?«
»Ja.«
Der nette Onkel mit den leckeren Bonbons. Claude lief es kalt den Rücken herunter.
»Soll ich Ari helfen?«, bot er an.
»Nein, lass stecken, die sind ja gleich alle wieder weg.«
Daran glaubte Claude nicht im Entferntesten. Dieser Vorfall würde die Gäste bis weit in den Nachmittag hier festhalten, allein schon weil man von hier aus den Platz gut überblicken und jede Entwicklung verfolgen konnte. So ungern er die Brasserie auch verließ – er musste sich jetzt seiner Aufgabe widmen. Mahmout wartete.
»Kann Ari wohl morgen für mich einspringen? Ich muss an die Arbeit.«
»Klar, der ist froh, wenn was reinkommt.«
»Danke, Lucas. Halt die Ohren steif.«
Mit diesen Worten verabschiedete er sich von seinem niedergeschlagenen Chef und trug Ari in Kürze sein Anliegen vor. Dann, mit einigen Gewissensbissen wegen der Heimlichtuerei gegenüber Lambert, verschwand er in Richtung Bushaltestelle. Auf dem Weg dorthin fiel ihm die Auslage des Schuhgeschäfts ins Auge, in dem Antoine Bougier seine Turnschuhe gekauft haben sollte. Er griff sich in die Gesäßtasche und zog sein Portemonnaie heraus, wo er den Kassenbon deponiert hatte. Ein Blick auf seine Armbanduhr zeigte, dass er noch genug Zeit bis zur Abfahrt des Busses hatte. Er lief über die Straße und betrat das Geschäft, das gerade öffnete. Eine junge, hochgewachsene Verkäuferin lächelte ihn an. Er ließ seinen Blick über ihre hübschen Kurven wandern und beneidete in diesem Moment die Heteromänner, die auf Schritt und Tritt auf Inspiration und beflügelnde Gedanken trafen. Wie schwer hatte er es dagegen. Immerhin sah er gut genug aus, um schnell an sein Ziel zu kommen. Die Dame lächelte ihn zuvorkommend an und hörte aufmerksam zu. An Antoine Bougier konnte sie sich nicht erinnern, geschweige denn an ein Mädchen in Nathalies Alter, doch sie erklärte sich nach wenigen Worten bereit, im System nachzusehen, welche Waren an jenem Tag das Haus verlassen hatten.
»Schauen wir mal.« Sie beugte sich ein wenig über den Monitor und gab den Blick auf ihr Dekolleté frei.
»Also, die erste Chargennummer gehört zu einem Paar Damenturnschuhe, Größe achtunddreißig. Und die Hausschuhe sind Größe einundvierzig, auch für Damen.«
Claude war baff und wandte seinen Kopf zu den Zahlen auf dem Bildschirm.
»Kein Irrtum? Das kann nicht sein!«
»Monsieur, wir haben für jeden Artikel in jeder Größe eine andere Chargennummer. Und diese gehören zu Damenturnschuhen mit Größe …«
»Merde!«, rief er. Die Verkäuferin zuckte zusammen.
»Pardon, Madame, ich habe nur laut gedacht. Haben Sie vielen Dank, Sie haben mir sehr geholfen.«
Mit skeptisch hochgezogenen Augenbrauen schaute sie ihm nach, wie er mit stampfenden Schritten aus dem Geschäft marschierte. In diesem Tempo ging er weiter zur Bushaltestelle, innerlich auf Catherine fluchend, die ihrem Mann einen falschen Kassenbon untergeschoben hatte und ihm, dem Detektiv, weismachen wollte, dass er ihre Tochter versteckte. Am liebsten hätte er Amélie angerufen und sich den Ärger von der Seele geredet, doch sie hatte schon genug um die Ohren. Zudem war sie völlig schuldlos an diesem Desaster. Warum tat Catherine das? Hasste sie ihren Mann wirklich so sehr, dass sie ihm die Pest an den Hals wünschte? Er konnte nur hoffen, dass ihr Alibi wirklich wasserdicht war, sonst hätte er auf der Stelle Lambert eingeschaltet. Doch vielleicht wusste Amélie, wo sie an jenem Vormittag gesteckt hatte. Warum hatte er nicht eher daran gedacht? Inzwischen war er an der Bushaltestelle angekommen, wo er Zeit hatte, sich bei seiner Freundin zu erkundigen. Amélie teilte ihm mit, dass Catherine einen ambulanten Termin in der gynäkologischen Abteilung des Krankenhauses in Alès gehabt hatte. Eine Frauensache – eine Zyste. Nun verstand er, warum sie und auch Bertin ihm das Alibi so schamhaft verschwiegen hatten. Claude bedankte und verabschiedete sich. Er konnte sich nicht länger um eine verbitterte Frau kümmern. Jean-Luc Corbusier war nun an der Reihe. Wenn die Spur, die von Mahmout zum Täter führte, bis morgen Abend nichts ergab, würde er den Zettel dem Kommissar übergeben.
* * *
»Welche Tarnung willst du mir verpassen?«, fragte Claude seinen Begleiter, der große Augen machte, als er Claude an der Bushaltestelle entdeckte.
»Hast du nicht mal ’ne Karre?«, kam prompt die Gegenfrage.
»Keine Knarre, keine Karre«, sagte Claude kühl. Was fiel diesem Burschen ein, sich über ihn lustig zu machen?
»Du bist ja ein komischer Kerl.«
»Danke, das weiß ich schon. Also, wer bin ich? Ein Cousin aus Algerien?«
Mahmout prustete seine Missachtung heraus. »Du bist ein Sozialarbeiter, der mich täglich betreut. Neue soziale Maßnahme des Amtes in der Versuchsphase.«
»Eins-zu-eins-Ausgang, nennt man das, glaube ich.« Claude grinste. »Scheiß Tarnung.«
»Dann mach’s doch besser!« Mahmout wandte gekränkt seinen Blick ab und inspizierte die zerbrochenen und abgeklebten Schaufenster eines ehemaligen Ladens. Überhaupt war die Umgebung nicht gerade Claudes Lieblingsgegend. Verrottete Fensterläden hingen an den Hauswänden, gegenüber die Plattenbauten, die kaum besser waren als die der Pariser Banlieue. In den Eingängen lungerten zwei rauchende Jugendliche herum, bekleidet mit Jogginghosen und Lederjacken, darunter ein Kapuzenshirt. Sie traten einen abgenutzten Kinderwagen, der vor dem Haus abgestellt war, hin und her, bis er umstürzte. Claude fühlte, wie sich eine Gänsehaut auf seinen Armen bildete. Die Jungs ähnelten den Kerlen, die ihn im Sommer mitten in Anduze zusammengeschlagen hatten.
»Keine gute Gegend hier«, sagte er und beschleunigte seine Schritte, womit er jedoch nur Spott erntete.
»Mann, bist du ein Weichei. Was hast du denn erwartet? Ein Villenviertel?«
Claude merkte, dass er sich seine Mission einfacher vorgestellt hatte. Natürlich hatte Mahmout nur Kumpel dieser üblen Sorte, und natürlich würde er mit ihnen herumhängen wollen.
»Hast du Probleme mit den hiesigen Dealern?« Der Benzingeruch einer Oil-France-Tankstelle stieg in seine Nase. Sie gelangten zu einem Kreisverkehr, der in alle Richtungen nur zu Straßen mit Hochhaustürmen führte. In dieser Gegend wollte Claude nicht tot über dem Zaun hängen.
»Nein, bin eine Nummer zu klein.«
»Dann halt deinen Arsch weiterhin in Deckung.«
Da drehte Mahmout sich um. »Meinen Arsch? Was soll das denn heißen? Bin doch nicht schwul«, raunzte er verärgert. Seine Augen funkelten, doch weil er sich für den Bruchteil einer Sekunde auf die Lippe biss, entging Claude die kaum spürbare Unsicherheit nicht. Er ging langsamer und fuhr seine Antennen aus.
»Wie alt bist du?«
»Ist doch egal.«
»Soll ich erst bei deinem Bewährungshelfer nachfragen, um es herauszufinden?«
»Neunzehn.«
Süße neunzehn – ein Alter, in dem man zwar spürte, wie es um einen stand, das Verlangen aber noch nicht verinnerlicht hatte. Ein Alter, das einen zur Verzweiflung bringen konnte.
»Hast du etwas gegen Schwule?« Sie kamen an der Esplanade de Clavières an.
»Was? Wieso fragst du jetzt danach? Wir wollen einen Entführer jagen, oder nicht? Ist der vielleicht schwul? Dann geschieht es ihm recht.«
Claude sagte nichts zu dieser unbefriedigenden Antwort. Mahmout gab sich schwulenfeindlich, jedoch nicht offen und explizit. Claude versuchte es auf eine andere Weise, denn die Neugier trieb ihn an.
»Hör mal, zu deiner Freundin gehst du aber in den nächsten Tagen nicht. Wir haben Besseres zu tun, wie du schon richtig erkannt hast.«
»Ja klar, kein Problem.«
Aha, eine Freundin gab es also nicht. Ein Casino-Supermarkt lag vor ihnen, der Bäckerstand an der Ecke verbreitete würzigen Duft.
»Hast du Hunger, Mahmout?«
Der Junge leckte sich die Lippen und nickte. Von seinem beinah kindlichen Ausdruck gerührt, zog Claude seine Geldbörse und bestellte Kaffee und Gebäck.
»Was hast du jetzt so vor?«, fragte Claude und zog seinen Begleiter zu einem Stehtisch heran.
»Heute? Keine Ahnung. Gar nichts, wie jeden Tag.«
»Wo stecken deine Freunde?«
Mahmout drehte sich zum kleinen Parkplatz des Supermarktes um. »Da hinten sind einige.«
Claude hoffte, dass sie unentdeckt blieben. Sein Spesengeld reichte nicht, um die ganze Mannschaft durchzufüttern. Doch schließlich konnte man das ja auch nicht von einem Sozialarbeiter verlangen.
»Es bleibt bei deiner Tarnung, Mahmout, ist schon OK«, sagte er noch und verbrannte sich fast die Finger, als ihm sein heißer Kaffee gereicht wurde. Mahmout schlug schon seine ebenmäßigen, weißen Zähne in den Teig. Claude betrachtete ihn und wunderte sich über das Wohlwollen, das in ihm hochstieg. Mahmout war ein hübscher Junge und hatte trotz seiner Ruppigkeit Besseres verdient als Arbeitslosigkeit und Dealerei. Wenn ihnen nur jemand ein wenig Aufmerksamkeit schenken würde, eine Wertschätzung, die diese Jungen gar nicht kannten und nirgendwo vermuteten – mit wie wenig Aufwand könnte man doch ihre Selbstachtung steigern. Bevor er sich weiter in sozialkritische Thesen vertiefte, kaute Claude mit Mahmout um die Wette. Nachdem er sich die Finger abgewischt hatte, fragte Mahmout: »Was hast du jetzt mit mir vor?«
»Da auch einer deiner Bekannten ein Entführer und Mörder sein könnte …«
»Mörder?« Mahmout erblasste und riss seine Mandelaugen auf.
Claude nickte. »Der Täter hat heute Nacht den Leichnam eines Jungen in Anduze abgelegt.«
Er holte die Aufnahme des Phantombildes auf das Display seines Telefons.
»Schon mal gesehen?«
Mahmout gab sich Mühe, doch er zog bedauernd eine Schnute. »Den kenne ich nicht. Und der soll den Kleinen umgebracht haben? O Mann.«
Mahmout wischte sich über den Mund und trat von einem Fuß auf den anderen. Seine Bewegungen wirkten fahrig, und er sah aus wie ein Junkie auf Entzug. Doch Claude hatte mit dieser Reaktion gerechnet. Er legte die Hand auf Mahmouts Schulter.
»Da kann man nichts machen«, sagte er. »Wie genau er umgekommen ist, weiß ich noch gar nicht.«
Mahmout nickte und starrte auf seine Turnschuhe.
»Weißt du, ich dachte bisher, na ja, ob das alles nicht eher eine Verarsche ist. Aber jetzt – ich werde dir helfen, Claude.«
»Dir bleibt auch nichts anderes übrig«, grinste Claude, doch Mahmout blieb unruhig.
»Meinst du, die Polizei könnte mich verdächtigen, wenn sie diesen Zettel mit meinem Namen bekommt?«
Seine Stimme klang wie die eines kleinen, ängstlichen Jungen.
»Nein, das denke ich nicht. Ich habe den Typen doch gesehen. Das warst wohl kaum du. Allerdings kann ich für deine Kumpel nicht die Hand ins Feuer legen.«
»Aber wenn die mir nicht glauben?« Mahmout folgte Claude, der sich aufs Geratewohl in Bewegung gesetzt hatte.
»Unsinn. Wir gehen jetzt zu deinen Freunden und dann zu dir nach Hause, ja?«
»Aber ich sagte doch …«
»Ich muss wenigstens mal kurz deine Familie sehen, allein um deinen Vater und deinen Bruder auszuschließen. Denk daran: Alle, die dich kennen, sind potentielle Täter.«
Mahmout seufzte.
Da kam ein junger Mann auf sie zu, der sich die fettigen Haare aus der Stirn strich. Sein stechender, hungriger Blick klärte Claude darüber auf, welche Art von Bekanntschaft er gleich machen würde.
»Salut, Mahmout. Bist du am arbeiten?«
»Nein, Mann, heute nicht«, murmelte Mahmout.
»Merde.«
»Geh zu Dominique.«
»Da war ich schon.«
»Tut mir leid, Alter.«
Der Mann eilte davon wie ein Blatt im Wind, getrieben von seinem ausgezehrten Körper. Claude fasste Mahmout am Arm.
»Jetzt sag schon: Du dealst auch mit Koks, oder nicht? Oder sogar mit Heroin?«
»Nein, Mann, nicht mit dem Zeug. Koks ja, hin und wieder«, gab Mahmout zerknirscht zu.
Claude stellte sich ihm in den Weg. »Mensch, hör auf damit«, sagte er leise.
* * *
Lambert nahm ein Telefonat an, das nach wenigen Worten bereits wieder beendet war.
»Ich komme.« Er legte auf. »Ein Treffer in der Datenbank!«, sagte er zu Leutnant Bertin und sprang von seinem Bürostuhl auf. Er raffte seine Jacke an sich. »Los, kommen Sie mit, vielleicht kennen Sie den Kerl.«
Bertin warf seinen Kugelschreiber zur Seite und klappte seine Akte zu.
»Fingerabdrücke?«
»Ja«, antwortete Lambert.
»Die auf dem Bonbonpapier?« Bertin öffnete die Tür, und beim Versuch, sie zu durchschreiten, steckte er plötzlich gemeinsam mit Lambert im Rahmen fest.
»Ja«, sagte Lambert und quetschte sich an ihm vorbei.
»Ziemlich schnell, was?« Im Laufschritt ging es über den Plan de Brie.
»Ja, ein Zufall.«
Lucas, der gerade ein Tablett voller Kaffeetassen ins Nachbargebäude schaffen wollte, trat zurück und ließ den Beamten den Vortritt.
»Da bin ich mal gespannt«, sagte Bertin gerade. Lucas spitzte die Ohren und balancierte sein Tablett hinter ihnen in den Gastraum des Bistros. Normalerweise wurde die vorhandene Kaffeemaschine genutzt. Nur den ersten, starken Trunk zum Wachwerden bestellten die Mitarbeiter des Kommissars im ›Chez moi‹. Doch Lucas bemerkte sofort, dass alle bereits hellwach waren. Sie standen in einer Traube beisammen und starrten auf einen Monitor. Als Lambert sich näherte, wichen sie auseinander. Lambert beugte sich vor den Monitor und warf einen flüchtigen Blick auf die Schlangenlinien, die einen Fingerabdruck zeigten.
»Übereinstimmung zu neunundneunzig Prozent. Das ist super!«
Er zog einen Ausdruck aus dem Drucker, während Bertin auf den Zehenspitzen wippte und versuchte, dem Kommissar über die Schulter zu schauen. Gerade als er die entsprechende Zeile mit seinem Blick erfassen wollte, ließ Lambert seine Arme fallen, als wären sie plötzlich von jeder Kraft verlassen. Das Blatt segelte auf die Schreibtischplatte, doch bevor Bertin zugreifen konnte, hatte Lambert sich auf einen Stuhl gesetzt, als ob auch seine Knie nachgeben würden, und erneut den Zettel in die Hand genommen.
»Merde«, murmelte der Gendarm und wollte zu einer Tirade ansetzen, als er den Blick des Kommissars bemerkte. Dieser war ebenso müde und träge wie sein Körper. Bertin fragte sich, welche Nachricht Lambert wohl in diesen Trancezustand versetzt hatte. Niemand achtete auf Lucas, der bescheiden seine kleinen Kaffeetassen von einem Tisch zum anderen brachte.
»Wer ist es denn nun? Ein alter Bekannter?«
»Ja.« Lambert hauchte das Wort hinaus und stierte auf die Nachricht.
»Ein Pädophiler? Aus Alès vielleicht?«
»Nein.«
Er hielt endlich den Zettel vor die Nase des Gendarm. Bertin las und öffnete seinen Mund. Sein ganzes Gesicht verzog sich zu einer ungläubigen Grimasse.
»Claude? Unser Claude?«
»Ja. Unser Claude.«
»Das glaube ich nicht. Wie kommt er in die Datenbank?«
»Von damals, als wir auf der Polizeischule waren. Ich habe die Suche nicht filtern lassen, alle vorhandenen Fingerabdrücke sollten geprüft werden.«
Bertin versuchte, auf dem Monitor zu erkennen, wie es zu diesem Ergebnis gekommen war.
»Merde, das kann nicht sein.«
»Und warum nicht? Immerhin ist er …«
»Ja, er ist schwul. Aber seit wann heißt das, dass man zwangsläufig auch pädophil ist? Was sollen wir tun?«
Bertin wanderte im Büro auf und ab, am Schreibtisch entlang bis zu den Aktenregalen, dann wieder zurück bis zur Tür. Die Kollegen hatten sich an die leere Theke zurückgezogen und diskutierten dort, während sie ihren Kaffee schlürften. Niemand merkte, dass das Tablett in Lucas’ Händen zitterte, als er die letzte Tasse abstellte. Lambert stützte seinen Kopf mit den Händen ab.
»Verflixt, was soll ich Amélie sagen?« Seine Augen schweiften auf dem Schreibtisch umher, ohne ein Ziel zu finden.
»Sie halten ihn für schuldig? Gar für überführt?«
»Er hat dem Jungen zwei Bonbons gegeben. Auf beiden Blättchen waren seine Abdrücke. Der Junge hatte sie in die Hosentasche gesteckt. Claude hat sie vergessen oder nicht gefunden. Was soll ich da denn noch dran rumdeuten?«
»Es könnte vom Entführer untergeschoben sein.«
Lambert winkte ab. »Ach, wer sollte das denn machen? Jemand, der Geld erpressen will, der streng katholisch ist und daher auch keine Schwulen mag? Ein bisschen viel auf einmal. Und wie soll er von Claudes Homosexualität gewusst haben? Rein zufällig erfahren? Und dann hat er stundenlang gewartet, bis Claude irgendwo Bonbonpapier wegschmeißt? Nein, es sieht nicht gut aus für Claude. Wir alle wissen, dass er ziemlich abgebrannt ist. Eine gute Gelegenheit, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Missbrauch und Erpressung.«
»Aber wie soll Claude an das Papier mit dem Wasserzeichen gekommen sein?«, rätselte Bertin.
»Das wird er uns bald verraten.«
»Wann wissen wir, ob der Junge überhaupt missbraucht wurde und wie er zu Tode gekommen ist?«
»Rodez! Wann haben wir die Obduktionsergebnisse?«, rief Lambert quer durch den Raum.
»In zwei Tagen ist er dran, aber die Pathologen beeilen sich. Vielleicht klappt es früher. Bisher keine äußerlichen Wunden«, antwortete der Kollege und zuckte bedauernd die Schultern.
»Also, bis dahin können wir gar nicht sagen, was vorgefallen ist.« Bertin atmete auf. Unwillkürlich war er froh, dass Claude nicht eindeutig einem abscheulichen Verbrechen zugeordnet werden konnte. In seinem Kopf verquirlten sich die Gedanken zu einer trägen Masse, die ihn lähmte und seines klaren Blickes beraubte. Er war befangen, kein Zweifel. Doch in diesem Moment war es ihm vollkommen egal.
»Und Nathalie! Er kennt sie. Er würde doch niemals Amélie wehtun.«
Lambert bewegte seinen Kopf zu einem Nicken. »Das würde er nicht, richtig. Aber wir haben immer gesagt, dass Nathalie nicht unbedingt in das Opferschema passt. Das war ein anderer. Wenn Claude die beiden Jungen entführt hat, dann gnade ihm Gott.«
Da hörte Lambert ein Räuspern hinter sich und drehte sich auf dem Stuhl um.
»Monsieur?«
Lucas drehte das Tablett in seinen Händen.
»Pardon, ich wollte ja nicht zuhören, aber ich habe eine Aussage zu machen, wegen Claude.«
Lambert errötete und schaute verstohlen auf Bertin. Dieser schien es nicht tragisch zu finden, dass ein Unbeteiligter den Namen eines Verdächtigen aufgeschnappt hatte.
»Was habe Sie denn zu sagen? Sie sind doch Claudes Arbeitgeber, nicht wahr?«
»Ja, Lucas Podron, zu Ihren Diensten. Aber der Claude, der kann die Jungen gar nicht entführt haben. Er war nämlich bei mir an jenem Vormittag, bis die Mutter von Jean-Luc kam und ihren Sohn bei uns gesucht hat.«
Lambert dachte nach. »Das ist interessant, Monsieur Podron. Vielen Dank. Wenn Sie die Güte hätten, Ihre Aussage schriftlich aufnehmen zu lassen? Rodez!« Er winkte seinen Kollegen herbei und schilderte die Situation. Zu Lucas sagte er noch: »Bitte bewahren Sie Stillschweigen über diese Angelegenheit. Das ist sehr wichtig, wenn wir den Täter ergreifen wollen.« Lucas nickte vage und ließ sich mit dem Beamten an einem anderen Tisch nieder. Zu Bertin gewandt murmelte Lambert:
»Nur ganz im Vertrauen – man weiß gar nicht, wann genau Marcel Lebout entführt worden ist. Er kann nach seiner Schicht die Gelegenheit genutzt haben, als Trittbrettfahrer des Entführers von Jean-Luc Corbusier. Er hat die Chance gesehen und sich den Jungen geschnappt.«
Bertin schlug sich vor die Stirn. »Drei Täter? Der Entführer von Jean-Luc, Claude mit Marcel und ein Dritter, der Nathalie hat? Das erscheint mir mehr als fragwürdig.«
»Mir eigentlich auch.« Doch dann lehnte Lambert sich im Stuhl zurück und starrte verklärt an die vertäfelte Decke. »Aber denken Sie mal an die roten Brunnen und das Kalb. Alles Ablenkung, alles falsche Spuren, darauf versteht er sich ja. Claude hat mir zwar die Box gebracht, in der die Heuschrecken waren, aber er will nur von sich ablenken. Claude hat einen Komplizen, der all dies getan hat und der auch Jean-Luc entführt hat. Verstehen Sie? Für jeden einen jungen Knaben. Oder er ist selbst der Komplize für den Täter und hat sich anstiften lassen, das kann auch sein.«
Bertin verzog vor Abscheu sein Gesicht. Dann fiel ihm ein: »Und Sie glauben, dass Claude den Zettel in der Kirche deponiert hat, während er diesen Fremden verfolgt hat? Was war das dann für ein Kerl?«
»Vielleicht ein Taschendieb, der abgehauen ist. Oder ein Penner, der seine Ruhe wollte. Aber wir werden es herausfinden. Und zwar bei Claude, der es ja wissen muss.«
Der Kommissar rieb seine Hände und stand voller Energie auf. »Wo steckt der Kerl überhaupt?«
* * *
Claude steckte im Schwitzkasten und tat, was man in einer solchen Situation tat: er schwitzte. Der bullige Bursche, der sicherlich ein Fitnessstudio besuchte, hatte ihn sich geschnappt, als Claude im Kreis der Freunde Mahmouts als Sozialarbeiter vorgestellt worden war. Seine Klamotten rochen nach einem penetranten Aftershave.
»Hör auf, Mensch«, keuchte Claude und versuchte, die Arme zur Seite zu drücken. Doch der junge Mann drehte sich mit ihm einmal um die eigene Achse, um die Verzweiflung seines Opfers jedermann zu präsentieren. Claude war sich noch nie so blöd und hilflos vorgekommen. Die Passanten, die in der Esplanade de Clavières unterwegs waren, drehten ihre Köpfe weg und hasteten weiter.
»Mensch, Mahmout, du bist echt zu dämlich«, lachte der Kerl. »Das ist doch der Detektiv aus Anduze. Der ist nur darauf aus, dich beim Dealen zu erwischen.«
»Blödsinn!«, rief Mahmout und zog die Arme seines Freundes von Claude fort, sodass er dem Griff entkommen und sich aufrichten konnte. Er warf seinem Bezwinger und dessen Freunden einen bösen Blick zu, doch gleichzeitig maß er ihre Gestalten aus, verglich ihre Bewegungen mit denen des fremden Mannes in der Kirche. Niemand von diesen Schlägern kam infrage.
»Das weiß ich doch alles«, erklärte Mahmout. »Er ist Detektiv im Nebenberuf, ihr Ignoranten. Jetzt ist er bei der Stadt angestellt.«
»Und nun musst du den mit dir rumschleppen? Da hast du dir aber eine Laus in den Pelz gesetzt«, sagte ein anderer und grinste.
»Ich habe keinen Bock, meine Stütze zu verlieren«, rechtfertigte sich Mahmout. Dieses Argument schien seinen Freunden einzuleuchten. Sie signalisierten mit einem Nicken Verständnis für seine Lage.
»Aber so eine schwule Laus?«, sagte der Bullige und schlug sich vor Vergnügen auf die Schenkel.
Toll, dachte Claude und rückte sein Hemd zurecht. Jetzt ist es hier auch schon bekannt.
»Was?«, hauchte da Mahmout und warf ihm einen Blick zu, der Entsetzen und Enttäuschung zugleich ausdrückte. Claude presste seine Lippen zusammen und schaute ihm fest in die Augen, als wollte er die Gedanken Mahmouts lesen.
»Schau mal, wie er ihn anguckt«, frotzelte der Bullige und schlug Mahmout auf die Schulter. Dieser wehrte sich nicht, sondern zuckte zusammen.
»Kommt, lasst uns abhauen. Ich merke schon, wir stören hier nur«, sagte der zweite Kumpan.
»Ja, lassen wir das Paar allein.« Unter allgemeinem Gelächter entfernten sich die vier Jungen, denen sie auf dem Weg zu Claudes Haus in die Arme gelaufen waren. Claude und Mahmout blieben voreinander stehen, reglos und stumm. Sie schienen auf die Explosion zu warten, die sich ganz offensichtlich in Mahmouts Innerem anbahnte. Er ballte und öffnete abwechselnd die Hände, seine Kiefer mahlten aufeinander und die braunen Augen verzogen sich zu Schlitzen. Als er den Mund öffnete und tief Luft holte, musste Claude sich zusammenreißen, um nicht einen Schritt zurückzutreten.
»Du Arschloch, du bist schwul?!« Mahmouts Stimme überschlug sich, sodass die Worte etwas kieksend aus seiner Kehle kamen.
»Ja, was dagegen?«
»Ja, verdammt! Du hast wohl nicht alle Tassen im Schrank! Warum hast du mir das verschwiegen?«
»Du verschweigst mir ja auch dein Liebesleben«, konterte Claude. Da hob Mahmout die Faust und holte zu einem Schlag aus, der knapp an Claudes Kinn vorbeisauste, da er geistesgegenwärtig seinen Kopf zurückzog. Der Schwung trieb Mahmout herum, sodass Claude seinen Arm ergreifen und ihm auf den Rücken drehen konnte. Mit einem Schmerzensschrei warf Mahmout den Kopf in den Nacken und hielt still. Sein Atem raste ebenso schnell, wie Claudes Herz klopfte.
»Da sind wir nun – wir beide, du und ich. Und ich werde nicht aufhören, dich zu begleiten, wenn nötig zu verfolgen. Ich werde diesen Scheißtypen finden, und ich kann leider nicht auf die Befindlichkeiten deiner tollen Freunde Rücksicht nehmen.«
»Claude.« Plötzlich hörte es sich an, als würde Mahmout jeden Moment in Tränen ausbrechen. »Claude, weißt du, was du mir da angetan hast? Dass ich dich im Schlepptau habe, hat sich bald überall rumgesprochen. Was glaubst du, was meine Familie von mir denkt, wenn ich mit einem Schwulen unterwegs bin?«
Claude lockerte seinen Griff, bevor ein Anwohner aufgrund dieses andauernden Tumultes die Polizei rief. Mahmout entzog sich ihm und starrte ihn verzweifelt an.
Claude spürte die Ohnmacht, die nach diesen Worten in ihm aufstieg. Wie sollte er ankommen gegen die Vorurteile, die Ignoranz in den Köpfen der Spießer, die immer noch hinter vorgehaltener Hand über seinesgleichen herzogen und nach außen taten, als wären sie modern und aufgeklärt. Von einer algerischstämmigen Familie konnte er noch weniger Verständnis erwarten. Sie waren ebenfalls in einer Minderheit und versuchten, andere Minderheiten auf der sozialen Leiter hinter sich zu lassen. Ganz zu schweigen von der vielleicht religiös motivierten Ablehnung von Homosexualität.
Er setzte sich auf die Mauer, auf der gestern das kleine Mädchen gesessen hatte.
»Und?«, sagte er. »Soll ich jetzt aufhören zu existieren?«
Mahmout wechselte das Standbein. Es schien ihm peinlich zu sein, hier zu stehen, beäugt von den Nachbarn, die hinter den Gardinen saßen.
»Soll ich aufgeben? Soll ich aus deinem Leben verschwinden, als hätte es mich nie gegeben?«
»Ja«, sagte Mahmout. »Mein Ruf ist im Eimer, wenn wir weitermachen.«
»Was machen wir denn, wir zwei Schönen? Habe ich dich etwa belästigt? Dich angefasst oder angemacht? Wovor hast du Angst?«
»Ich habe keine Angst!«
»Hör doch auf! Ich sehe doch, wie du dir gerade in die Hose machst, weil die Leute hier dich mit mir sehen können.« Claude wies mit dem Kopf auf die Fensterreihe der unteren Etage, die sich an der Straße entlangzog. Auf einigen Balkonen hing Wäsche zum Trocknen.
»Oder gibt es noch mehr, was dich ängstigt? Etwas, das tiefer sitzt?«
Mahmouts Augen zwinkerten unwillkürlich. Er schwieg.
»Bist du schwul, Mahmout?«
»Nein!« Mahmout fand zu seiner Sprache zurück und schrie das Wort hinaus. Dann wandte er sich um und ging in flammender Wut den Bürgersteig entlang, auf dem der Wind ein Stück Zeitung umhertrieb. Claude verdrehte die Augen, stand auf und folgte ihm.
* * *
»Nein, Monsieur, Claude ist nicht da. Er ist schon seit dem Morgen weg«, sagte Madame Barjac und überreichte mit zitternden Händen den Zweitschlüssel.
»Ist er denn verdächtig? Was ist denn überhaupt los?« Lambert jedoch war bereits die Treppe hinaufgegangen.
»Nur keine Sorge, es ist nur eine Routineüberprüfung«, tröstete Bertin und vernahm das Krachen der Stufen unter den Schritten zweier weiterer Mitarbeiter.
»Hatte Claude in der letzten Zeit Besuch von einem Mann?«
»Nein, nur von seinem Freund an jenem Tag, als die Brunnen rot waren.«
»Sonst nicht?«
»Nicht, dass ich wüsste, aber ich kriege ja auch nicht immer alles mit.«
Nein, natürlich nicht, dachte Bertin ironisch und bedankte sich. Als er aus der Haustür schaute, sah er weitere Kollegen, die die Nachbarn aus ihren Wohnungen klingelten, um sie zu ungewöhnlichen Vorkommnissen zu befragen. Lambert wollte in dieser Frage sichergehen und ließ nichts unversucht. Mit schweren Schritten stapfte der Gendarm die Treppe hinauf, sodass die ganze Konstruktion zu wanken schien. Claude – ein pädophiler Verbrecher. Immer noch ganz erschüttert über diese Vermutung betrat er die Wohnung und putzte seine Schuhe auf dem Türvorleger ab. Der Flur war mit braunem Teppichboden ausgelegt, während der Salon in hellem Beige gehalten war, aus dem nur eine schwere, dunkle Kommode aus Großvaters Zeiten herausstach. Zwei helle Vitrinen, ein paar Regale, in denen Bücher standen, der Schreibtisch etwas heruntergekommen – sah so die Wohnung eines Mörders aus? Als er sich im Schlafzimmer umschaute, entdeckte er eine schwarze Katze, die auf dem ungemachten Bett saß und ihren Hals reckte. Ihre Augen waren groß und rund. Mit einem Satz sprang sie herab und verschwand unter dem Bett. Besaßen Mörder eine Katze? Bertin schüttelte den Kopf. Er konnte immer noch nicht an Claudes Schuld glauben, und er beharrte innerlich auf dem Argument, dass die Sache mit dem Papier ein Zufall sein musste. Vielleicht hatte er den Jungen zufällig beim Bäcker getroffen und ihm beim Warten ein Bonbon angeboten. Warum maß Lambert der Sache so viel Bedeutung zu? In der Küche klapperten die Schubladen.
»Bertin!«
Als er seinen Namen hörte, zuckte er zusammen und spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Es herrschte plötzlich Stille in der ganzen Wohnung. Warum hatten sie aufgehört zu suchen? Weil sie etwas gefunden hatten, dachte Bertin und drehte sich schwerfällig um. Auf dem Schreibtisch lag eine Tüte mit Karamellbonbons, eingewickelt in goldenes Papier. Vor dem Computer umstanden alle Kommissar Lambert, der zwei Blätter in den Händen hielt. Briefpapier, weich und mit einem Wasserzeichen versehen.
»Hier. Das hat Claude sich ausgedruckt. Noch Fragen?«, verkündete Lambert und befahl seinen Leuten: »Nehmt den Computer mit und checkt ihn.«
Bertin schaute auf die Zettel, auf denen Bilder zu sehen waren. Bilder von einem Jungen, vielleicht acht Jahre alt, nackt, die Augen ängstlich aufgerissen, verschämt die Hände vor seinen Schritt haltend. Es war Jean-Luc Corbusier. Bertin wandte sich um und stürzte hinaus, um die Toilette zu suchen. Er hörte nicht mehr, wie ein Beamter die Wohnung betrat und verkündete, Madame Corbusier habe Claude am Tag des Verschwindens mit einem fremden, jungen Mann am Brunnen herumlungern sehen.
* * *
Claude drückte zum zweiten Mal das Gespräch weg. Er hatte keine Zeit für Lucas und fragte sich, warum er sich nicht an Ari wandte, mit dem ja alles abgesprochen war. Er hatte schließlich Wichtigeres zu tun. Als sie gerade im Hausflur standen, der zu Mahmouts Wohnung führte, spürte er erneut das Vibrieren in der Hosentasche.
»Was ist denn heute los?«, schimpfte er. Doch dieses Gespräch musste er annehmen: Lamberts Nummer leuchtete im Display.
»Grüß dich, monsieur le commissaire, was gibt es denn so Eiliges?«
Er grinste, als er merkte, wie Mahmout blass wurde. Ein wenig Eindruck schinden war keine schlechte Idee – umso besser würde der Junge spuren.
»Ich soll kommen? Eine neue Spur? Gut, das kann aber dauern … Du holst mich ab? Das ist aber nett von dir. Ich bin in der … ähm, am Place St. Jean. Also bis gleich.«
Claude war nicht sicher, ob er sich freuen oder verärgert sein sollte. Wenn Frédérics Spur etwas brachte, war es gut, aber seine eigene Spur war auch nicht schlecht. Hauptsache, die Kinder tauchen wieder auf, dachte er sich und verabschiedete sich von Mahmout mit dem Versprechen, sich bald wieder zu melden.
Eine halbe Stunde später brauste Claude an der Seite des Kommissars auf Anduze zu.
»Nun sag schon, was habt ihr gefunden?«
Lambert wirkte in sich gekehrt und antwortete nur widerwillig.
»Du hast am Tag der Entführung einen Kerl kennengelernt, nicht wahr?«
Claude war baff. Sollte Albert etwa der Entführer sein? Der Mann in der Kirche hatte keinerlei Ähnlichkeit mit ihm. Ein Komplize vielleicht? Hatte er mit einem Verbrecher geschlafen?
»Ja, was ist mit ihm? Er kam mir ganz nett vor.«
»Wie heißt er denn?«
»Albert.«
»Und weiter?«
»Weiter weiß ich nicht. Ich hab doch nur seine Telefonnummer.«
Lambert seufzte vor sich hin. »Ihr und eure Lustknaben.«
Gekränkt sah Claude zum Fenster hinaus und ließ das Panorama der Anduzer Altstadt lindernd auf sich wirken.
»Das war jetzt ein blöder Scherz, Frédéric.«
Doch Lambert ging nicht auf ihn ein, musterte ihn nur wieder so, als hätte er ihn noch nie gesehen. Claude ging auf, dass die Umstände schlimmer waren, als er dachte. Wieder einmal hatte ihn sein Instinkt im Stich gelassen. Albert hatte etwas mit der Sache zu tun, und er hatte es nicht gemerkt. Lambert kramte einen Block und einen Stift aus der Tasche der Fahrertür und warf sie ihm in den Schoß. »Schreib die Nummer mal auf. Man kann nie wissen.«
Nachdem Claude sie notiert hatte, bog Lambert in die Innenstadt ein und passierte den Platz. Lucas stand vor der Brasserie auf dem Trottoir und schaute ihn mit großen Augen an. Claude winkte freundlich, denn er hatte ein schlechtes Gewissen wegen der abgelehnten Anrufe.
»Komm rein, ich muss dir etwas zeigen.«
Lambert parkte, und gemeinsam betraten sie die Gendarmerie. Im Inneren blickten Joberton und ein zweiter Beamter ihn mit ebenso großen Augen an wie Lucas.
»Was ist hier eigentlich los?«, fragte Claude und spürte plötzlich, wie ihm schlecht wurde. Hatte Albert etwas angestellt, was Auswirkungen auf ihn haben würde? Sie betraten Bertins Büro. In der Ecke saß ein Inspektor mit einem Notizblock vor sich auf der Tischplatte.
»Wo warst du heute Nacht zwischen ein Uhr und sieben Uhr morgens?«
Eine Hitzewelle flutete durch Claudes Körper. Unwohl zappelte er mit dem rechten Bein, sein Hemd klebte an ihm. Er glaubte, Lambert nicht richtig verstanden zu haben.
»Was?«
»Sieh mal hier, was wir in deiner Wohnung gefunden haben.«
Lambert legte eine Plastiktüte mit goldglänzenden Bonbons auf den Tisch und setzte sich.
»Danke, das wäre aber nicht nötig gewesen,« murmelte Claude, dem einfiel, dass man Bonbonpapier in den Taschen des toten Jungen entdeckt hatte. »Davon abgesehen verstehe ich aber immer noch nicht.«
»Dann lies mal. Das kannst du doch, oder?«
Lambert hielt ihm ein Blatt hin. Ein Abgleich von Fingerabdrücken. Claude hatte ein solches Formular zuletzt vor einigen Jahren in der Polizeischule gesehen, doch er kämpfte sich sofort bis zum entscheidenden Abschnitt vor. Als er seinen Namen las, setzte er sich auf einen Stuhl. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, es pulsierte und pochte in ihm, dass er glaubte, sein Brustkorb würde zerspringen.
»Das … das kann nicht sein«, stammelte er.
»Willst du noch mehr sehen?«, hetzte Lambert.
»Noch mehr?« Claude fühlte, wie seine Kraft ihn verließ. Nie hatte er sich so scheußlich gefühlt wie in diesem Augenblick.
»Lag auf deinem Schreibtisch.«
Der Kommissar hielt ihm einen Ausdruck vor die Augen – Jean-Luc Corbusier, nackt wie Gott ihn geschaffen hatte. Claudes Mund wurde trocken, er zog sein Gesicht schmerzlich zusammen und schlug die Hand vor die Stirn.
»Wo ist der Junge, Claude?« Lambert beugte sich zu ihm runter.
Bei diesen Worten kribbelte es in Claude. Er sprang auf und ließ die Wut, die in ihm aufstieg, durch seine Faust auf den Tisch krachen. »Verdammt, der Typ hat mich gelinkt!« Er stützte sich auf beide Arme, die Augenbrauen tief heruntergezogen.
»Du glaubst doch wohl nicht, dass ich etwas damit zu tun habe?! Du spinnst wohl!«
Er trat gegen den Stuhl, der mit einem Krachen zu Boden fiel. Der Inspektor in der Ecke erhob sich von seinem Platz und hielt ihn mit seinem Blick fest.
»Willst du mich jetzt verhaften, Frédéric?«
»Das kann ich, ja. Dich und deinen Komplizen, der sich Jean-Luc geschnappt hat.«
»Warum tust du es nicht?« Claude streckte ihm die Hände entgegen und weidete sich fast an der Erregung, die Lambert gepackt hatte, denn er schnaufte vor lauter Anspannung.
»Hast du deine Handschellen nicht dabei?«
Da sprang der Kommissar zum Schreibtisch, sein Gesicht zu einer eisigen Maske verzogen, und riss die Schublade auf. Claude wusste, was darin lag, und er wusste auch, dass er es nicht dazu kommen lassen durfte. Ehe Lambert die Handschellen ergreifen konnte, war Claude mit einem Satz bei der Tür, die auf den inneren Flur führte.
»Claude!«, rief Lambert und stieß sich am Schreibtisch, als er ihn umrundete. Doch Claude rannte um sein Leben den Flur entlang. Mit ein bisschen Glück würde die Hintertür, die neben den Toiletten lag, nicht verschlossen sein. In der Tat öffnete sie sich vor dem Bauch des Gendarmen Bertin, der gerade eintreten wollte. Claude stieß ihn um, Bertin prallte an die Wand und geriet ins Straucheln. Als er sich aufgerappelt hatte, geriet er mit Lambert zusammen, der ihn beiseite schieben wollte. Beide steckten im Türrahmen fest, schoben sich gegenseitig hin und her, bis Lambert sich endlich herausquetschte und die Verfolgung aufnahm.
Claude rannte am Plan de Brie entlang und sah aus den Augenwinkeln, dass Joberton zur Vordertür hinausrannte und ihn schließlich entdeckte. Der junge Gendarm war gut trainiert, und während Claude sich die Lunge aus dem Leib hetzte, setzte er ihm nach. Claude schaute sich um – die Passanten blieben stehen. Eine alte Frau zeigte mit dem Finger auf ihn.
»Da läuft er, haltet ihn!« Sie presste ihre Tasche an sich.
Claudes Beine rotierten wie das Rad einer Windmühle. Er wich drohenden Gesichtern und emporgereckten Fäusten aus. Durch eine Gasse gelangte er auf die Rue Basse. Die Meute war gewachsen, und Claude fürchtete, dass ihm eigentlich nur noch eine Möglichkeit blieb: sich in den Fluss zu stürzen und forttreiben zu lassen. Die Rufe und Schreie hinter ihm waren alles andere als freundlich, doch das Schlimmste war, dass sie immer näher kamen. Claude lief weiter und verzichtete darauf, sich noch einmal umzusehen. Gerade als er den Brunnen an der Rue Basse erreicht hatte, brauste ein Wagen neben ihm her. Er musste aufgeben, man hatte ihn erwischt. Als ein Renault Clio mit quietschenden Reifen anhielt, blieb er stehen. Amélie hatte die Scheibe heruntergelassen.
»Schnell, Claude, rein mit dir!«
Überrascht warf er nur noch einen kurzen Blick auf Lambert, der soeben um die Ecke bog und von der Gruppe der Verfolger begleitet wurde: Einwohner von Anduze sowie Joberton. Wo Bertin steckte, war ihm scheißegal. Er sprang in Amélies Auto, worauf sie Gas gab und zur Rue Saint Jean hinaufschoss. Die Menge blieb hinter ihnen zurück. Claude wunderte sich nicht einmal über Amélies Erscheinen. Er war zu verwirrt von den Geschehnissen. Zu seinem Entsetzen ignorierte sie das Stoppschild und schleuderte an der Einmündung direkt auf die Rue Saint-Jean-du-Gard, die längs des Flusses verlief. Im Nu bog sie auf die Brücke ein und überquerte sie.
»Amélie, danke«, sagte Claude immer noch keuchend und hielt sich die Hand an die Brust.
»Dahinten musst du raus, Lucas wartet auf dich. Er bringt dich nach Alès.«
»Lucas?«
»Ja. Er hat mich angerufen und gesagt, dass du bei Bertin bist. Ich habe schon geahnt, dass du dich wehrst. Es sieht nicht gut aus für dich, Lucas hat mir alles erzählt.«
»Und … du glaubst mir?«
Amélie blickte ihm offen ins Gesicht. »Ja, Claude. Ich habe zu viel mit dir erlebt, als dass ich dir misstrauen würde.«
»Und du verstehst, dass ich abhauen muss?«
In TV-Krimis, in denen sich Verdächtige auf die Flucht begaben, wurde den Zuschauern gezeigt, wie dämlich ein solches Verhalten war, doch Claude befand sich nicht vor laufender Kamera, sondern in der Wirklichkeit. Er musste fliehen. Die Vorstellung, dass Lambert den Beweisen Glauben schenkte und er selbst nichts dagegen tun könnte, war beängstigend.
Amélie lächelte vor sich hin. »Ich finde es nicht gut, aber wenn du es für richtig hältst …«
Ein Felsbrocken fiel ihm vom Herzen, doch er hatte keine Zeit für Sentimentalitäten, denn am anderen Ende der Brücke wartete Lucas in seinem Kastenwagen. Claude gab seiner Freundin einen Kuss. Als er ausstieg, hörte er die Sirene eines Polizeiwagens. Er stieg schnell in den Kastenwagen und streckte sich erschöpft auf dem Sitz aus.
»Schnall dich an«, brummte Lucas und fuhr die Serpentinen hinauf. Claude blickte Amélie nach, die die Straße nach Générargues nahm. Sogleich bog der Streifenwagen, der auf der Brücke erschienen war, in die gleiche Richtung ab und folgte ihr. Arme Amélie, dachte Claude noch, aber dann, als Lucas’ nicht gerade spritziger Wagen die Anhöhe erklommen hatte, ohne verfolgt zu werden, atmete er auf.
»Lucas, danke. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.«
»Wenn du Idiot sofort ans Telefon gegangen wärst, hättest du dir diesen ganzen Zirkus ersparen können!« Lucas schaute ihn an, ernst und verärgert. Claude musterte seine Schuhe und gab Lucas uneingeschränkt recht. Dieser bog auf einen Seitenweg, um zur Irreführung über die Dörfer Boisset-et-Gaujac und Béthanie nach Alès zu gelangen. Als er verhaltenes Prusten hörte, schrak Claude auf. Lucas lachte sich eins ins Fäustchen und schlug vor Vergnügen auf das Lenkrad ein. Mit einem Mal wusste Claude, dass alles gut werden würde. Dann er dachte an Nathalie, an den toten Marcel, an den gefangenen Jean-Luc und begann zu weinen.
* * *
Bevor Lucas ihn in der Innenstadt von Alès absetzte, schaltete Claude das portable aus und entfernte den Akku. Dann steckte er beides in die Tasche und atmete auf. Er nahm Lucas’ Umarmung gerührt entgegen und winkte ihm nach, als er wendete.
»Das war cool, Claude«, lobte Mahmout, der ganz rote Wangen bekommen hatte nach einem aufgeregten Gespräch, das von Lucas’ Telefon aus geführt worden war.
»Ich helfe dir. Ich ziehe jetzt nicht den Schwanz ein.«
»Das rechne ich dir hoch an, ehrlich«, sagte Claude erleichtert und schaute dem Lieferwagen nach. Ein Stück seines bisherigen, normalen Lebens fuhr gerade davon. Er zog seine Geldbörse aus der Hosentasche und inspizierte sie mit einem mulmigen Gefühl.
»Mensch, ich bin fast pleite. Hast du noch ein altes Telefon übrig?«
Mahmout nickte. »Klar, irgendwo liegt noch eins rum. Komm mit zu mir. Du wolltest doch meinen Vater kennenlernen.«
Auf dem Weg zur Esplanade de Clavières berichtete Claude in groben Zügen von den Verdächtigungen.
»Es ist vielleicht nicht gut für dich, wenn man dich mit mir zusammen sieht. Ich werde gesucht.«
»Ich habe dir gesagt, ich helfe dir.« Claude ergriff seine Hand und drückte zu. Mahmout ließ es knurrig geschehen. Eine halbe Stunde später stand Claude vor einem großen, hageren Mann mit grauen Schläfen und Augen wie Kohle. Seine Miene war gleichgültig, als Mahmout Claude als seinen Begleiter vorstellte, den er auf dem Sozialamt getroffen hatte. Mahmouts Bruder Karim, der in seinem Blaumann der Figur seines Vaters ähnelte, beäugte ihn misstrauisch.
»Haben wir telefoniert?«
»Ja, das war ich.« Claude stellte fest, dass die Wohnungseinrichtung sich in nichts von der einer anderen französischen Familie unterschied, bis auf die Fotos an der Wand, die Menschen in Landestracht und schachtelartig verschlungenen, weiß gekalkten Häusern zeigten.
»Bist aber keiner von uns.«
»Na ja, was heißt das schon.«
Karim deponierte seine Arbeitstasche auf einer Kommode und bemühte sich um Höflichkeit. »Ich mein ja nur.«
Claude schwieg vorsichtshalber und folgte Mahmout in sein Zimmer, das mit seinen Postern an der Wand noch jungenhaften Charme ausstrahlte. Mahmout zog aus einer Schublade ein portable hervor, das so alt war, dass es bereits in die Kategorie »retro« fiel. Doch da es noch mit einer alten SIM-Karte bestückt war und nur noch aufgeladen werden musste, war Claude zufrieden.
»Danke, Mann. Du kriegst es wieder. Und jetzt muss ich hier weg, bevor Lambert seine Streife schickt. Vielleicht hat er mich noch orten können. Gibt es hier ein billiges Hotel in der Nähe?«
»Ich weiß was Besseres. Komm mit«, befahl Mahmout. Sie durchquerten den Salon. Karim verfolgte sie mit den Augen, als sie die Wohnung verließen, sagte aber nichts. Claude atmete auf. Karims Misstrauen konnte er jetzt nicht gebrauchen. Vor der Haustür angekommen, schickte er seinen Begleiter voraus.
»Schau dich mal um, ob du irgendwo einen Streifenwagen siehst oder ein Zivilfahrzeug, in dem wartende Männer sitzen.«
Mahmout steckte sich eine Zigarette an und wanderte den Bürgersteig auf und ab. Nachdem er den Glimmstängel zertreten hatte, nickte er Claude zu, der durch den Türspalt lugte. Gemeinsam gingen sie die Straße entlang.
»Wohin bringst du mich? Ist es noch weit?«
Mahmout schüttelte den Kopf und zog ihn in eine Seitenstraße, in der kein Verkehr herrschte. Die langen Reihen der Wohngebäude blieben zurück und machten baufälligen, freistehenden Häusern Platz. Ein kleines Industriegebiet war an die Wohnbebauung herangerückt. LKWs parkten an den Seitenrändern, und es war offensichtlich, dass die Wohngrundstücke der Erweiterung des Industriegeländes zum Opfer fallen würden.
»Dort hinten steht ein Haus leer, niemand kümmert sich darum. Hin und wieder treffe ich meine Kunden hier.«
»Du willst mich mit Junkies zusammensperren? Die Bullen kennen solche Treffpunkte, glaub mir.«
Doch Mahmout beruhigte ihn. »Nein, diesen nicht, sonst hätte ich schon was gehört. Und dort gibt es einige Zimmer, die man mit einem Vorhängeschloss absperren kann. Dort bist du sicher.«
Ein wenig skeptisch näherte sich Claude dem genannten Grundstück, doch seine Bedenken verschwanden, als er an den Zaun herantrat. Der Garten war zwar völlig verwildert, die Haustür wirkte jedoch stabil und die Fensterscheiben waren noch nicht zertrümmert worden.
»Wir gehen von hinten rein.« Mahmout huschte über einen schmalen Pfad, der zwischen den Häusern entlangführte, und bog dann durch wucherndes Gebüsch zur Hinterseite ab. Mit einem Schlüssel öffnete er eine eiserne Tür, und bald schon gelangten sie in einen Flur, von dem mehrere Zimmer abgingen.
»Such dir eins aus«, sagte Mahmout und wies mit dem Arm auf die Türen.
»Vielleicht eines in der Nähe der Hintertür.«
Mahmout schloss sofort ein Zimmer auf und zeigte Claude sein Reich. Abgestandene Luft schlug ihnen entgegen, doch Claude war angenehm überrascht. Es lag zwar ein Haufen Pappkartons in einer Ecke, aber die Tapeten klebten noch ordentlich an den Wänden. In der Mitte stand ein Tisch mit einer Waschschüssel und ein Feldbett mit einer gefalteten Decke. Eine einsame Glühbirne baumelte von der Decke herab.
»Gibt es noch Wasser hier?«
»Ja, es ist noch nicht abgestellt. Ein Klo hast du auch.«
»Perfekt, Mahmout, das sieht gut aus.«
Stolz winkte der junge Mann ab.
»Mann, ich bin echt müde. So ein Scheißtag«, sagte Claude und ließ sich auf dem einzigen Stuhl nieder. An der Wand hing ein Regal mit Tassen und Tellern. Er wies mit einem fragenden Blick auf die Glühbirne.
»Nein, der Strom ist abgestellt.«
»Das Licht würde mich sowieso verraten«, vermutete Claude.
»Ich gehe jetzt los und hole dir etwas zu essen. Und das Telefon lade ich auch auf.«
Claude erhob sich und übergab das portable. Dann stellte er sich vor Mahmout. Der wollte erst zurückweichen, doch tapfer entschloss er sich, stehen zu bleiben. Claude schlang seine Arme um ihn. »Du bist ein guter Kumpel. Danke.«
Mahmout schloss die Augen, und für einen Moment hatte Claude den Eindruck, er genösse die Umarmung. Doch dann, als Claude zurücktrat, schien er aufzuatmen. Seine Versuche, ihn über seine sexuelle Ausrichtung zu täuschen, schienen Claude rührend, und er glaubte sich in seine eigene Jugendzeit zurückversetzt. Mahmout flüchtete.
»Bis gleich.«
Schon war er aus dem Zimmer verschwunden. Claude setzte sich auf das Feldbett und fragte sich, wie er diese Nacht ohne Frostbeulen überleben sollte. Doch dann fiel ihm ein, dass dies sein geringstes Problem war. Er schlug sich die Hände vor die Augen und fiel rücklings auf das Bett zurück.
* * *
»Die Medien?«, fragte Leutnant Bertin ungläubig. »Ist das wirklich nötig?«
»Wenn Claude sich nicht stellt, macht er sich noch verdächtiger. Sein Telefon lässt sich nicht orten.«
»Wer hat ihm denn nun geholfen?«
Frédérics Mundwinkel zuckten. Er brachte es nicht übers Herz, Amélie Vorhaltungen zu machen und sie einer Straftat zu überführen. Sie hatte es schwer genug.
»Keine Ahnung. Amélie wohl nicht. Da hat sich der Inspektor, der sie angehalten hat, wohl geirrt.«
Bertin zog seine Augenbrauen hoch und lächelte unmerklich. Joberton hatte ihm im Vertrauen mitgeteilt, dass Claude in einen Renault Clio gestiegen war. Bertin wusste, woher der Wind wehte, und nahm sich vor, das Spiel mitzuspielen, bis er diese Tatsache gegen Lambert einsetzen konnte. Natürlich als reine Schutzmaßnahme für einen kleinen Gendarmen und nicht aus niederen Beweggründen. Er setzte sein Plädoyer für Claude fort.
»Aber wenn sein Gesicht im Fernsehen erscheint und sich herausstellt, dass er unschuldig ist, kann er sich später trotzdem nirgendwo mehr blicken lasen. Ich bitte Sie, Monsieur le commissaire, lassen Sie die Medien aus dem Spiel.«
Frédéric Lambert schaute von seinem Schreibtisch auf. So respektvoll hatte Bertin noch nie mit ihm gesprochen. Er nagte an seinen Lippen und versuchte, den bittenden Hundeblick des Gendarmen auszublenden. Ganz wohl war auch ihm nicht bei dieser Sache, daher gab er sich einen Ruck.
»Also gut, dann warten wir, ob sich morgen etwas bei der Geldübergabe tut.« Er blickte auf die Armbanduhr und seufzte.
»Merci«, murmelte Bertin bescheiden und schloss die Schubladen seines Schreibtisches ab. Sein Arbeitstag war beendet. Eigentlich zog ihn nichts in seine leere Wohnung, doch die Aufregungen des Tages hatten ihn ermüdet. Er musste heute mal früh ins Bett, ein wenig schlafen, und am nächsten Tag würde die Welt schon wieder ganz anders aussehen. Nach dem Abschiedsgruß verließ er sein Büro. Joberton war bereits in den Feierabend aufgebrochen. In der Innenstadt schimmerten die Straßenlampen. Es wurde immer früher dunkel. Dieser Tag war kein guter gewesen, vor allem nicht für den armen Jungen und für Claude. Bertin schüttelte den Kopf und nahm automatisch den Weg über den Place Notre-Dame, als könnte ihm der Anblick von Claudes Wohnung bestätigen, dass er unschuldig war. Als er auf den Platz einbog, hörte er plötzlich das Geklirr von zerbrochenen Fensterscheiben. Stimmengewirr und Rufe folgten. Er beschleunigte seinen Schritt und bemerkte zwei Gestalten in der gegenüberliegenden Gasse, die schnell davonrannten.
»Was ist hier los?«, donnerte er quer über den Platz, und Madame Barjac, die Lockenwickler im Haar hatte und auf dem Treppenabsatz stand, rang ihre Hände.
»Nun sehen Sie sich das an. Diese Bengel sind einfach gekommen, frech wie der Teufel.«
Bertin entdeckte Glassplitter auf der Straße und schaute die Hauswand hinauf. Ein Fenster von Claudes Wohnung war zertrümmert.
»Mit Steinen geworfen?«, fragte er.
Madame Barjac nickte. »Ja, ich habe es zu spät gehört. Aber ich kann sie beschreiben.«
Bertin atmete tief ein und aus. Die Jagd hatte ja längst begonnen, denn vorhin hatte er Besuch von zwei Anduzern erhalten, die behaupteten, Claude hier und dort gesehen zu haben. Was würde nur Madame Bocquillon zu alldem sagen? Wusste sie es überhaupt schon? Er machte auf dem Absatz kehrt, ohne sich um die Zeugenaussage der aufgebrachten Alten zu kümmern.
* * *
»Danke, dass du zu mir gekommen bist, Jean«, sagte Madame Bocquillon und schenkte dem Gendarmen einen Kaffee ein. Hier auf dem flachen Land, in Ribaute, das nur wenige Kilometer östlich von Anduze lag, konnte man noch ahnen, dass sich die Sonne mit einem spektakulären Untergang verabschiedet hatte.
»Der Anlass könnte besser sein, Marie«, sagte Bertin und hob die Tasse. In knappen Worten hatte er ihr Claudes Lage geschildert, doch zu seiner Verwunderung hatte sie es gefasst, fast gleichmütig aufgenommen. Wahrscheinlich hatten Bekannte sie bereits informiert.
»Wie geht es Paul?«, fragte er, bevor er vorsichtig einen Schluck des dampfenden Gebräus nahm.
»Ich rechne jeden Tag damit. Und jetzt das mit Claude. Ich habe Angst«, gab sie freimütig zu.
»Davor, dass Claude ihn nicht mehr sehen könnte, oder davor, dass er wirklich schuldig ist?«
»Er ist nicht schuldig.« Ihre Stimme klang ganz normal, nicht erbost oder verärgert. Ihre Zuversicht imponierte ihm.
»Ich erreiche ihn nicht, Jean. Wie soll ich es ihm sagen, wenn es so weit ist?«
Bertin prustete, doch er kannte Marie Bocquillon lange genug, um zu wissen, dass sie es nicht falsch verstehen würde.
»Na, wenn er jetzt das portable noch nicht weggeworfen hat, dann ist er ein Dummkopf.«
Er legte seine Hand auf die ihre und wunderte sich darüber, dass ihre Haut kaum mit Altersflecken gezeichnet war. Dabei war sie fast zehn Jahre älter als er selbst. Madame Bocquillon lächelte traurig, die Augen auf ihre Hände gerichtet. Bertin erinnerte sich an die Herzlichkeit, die Marie Bocquillon immer gezeigt hatte. Damals, vor zwanzig Jahren, war er nach Anduze versetzt worden. Sie und ihr Mann hatten ihn für drei Wochen in ihrem Haus aufgenommen, so lange, bis seine Wohnung bezugsfertig war. Schon damals war Claude ein seltsamer Junge gewesen, gewitzt, frech und doch liebenswürdig.
»Glaube mir, dein schlitzohriger Sohn wird sich bei dir melden, wenn du es am wenigsten erwartest. Und dann …«
»Und dann erwartest du von mir, dass ich dem Kommissar Bescheid gebe, oder?«
Bertin senkte seinen Kopf. Claude hatte die direkte Art von seiner Mutter geerbt.
»Ich schlage es nur vor. Es ist ja noch gar nichts sicher, alles hängt noch irgendwie in der Luft. Der Junge ist noch nicht einmal obduziert. Aber auch eine Entführung und Erpressung wiegt schwer.«
Er rückte seinen Stuhl zurück und erhob sich. Die Bodenfliesen waren blitzblank und die Küche ordentlich aufgeräumt. Der Duft von verbrannten Buchenscheiten hing noch in der Luft. »Je länger er zögert, desto verdächtiger macht er sich. Sag ihm das, wenn er auftaucht. Bitte.«
»Ich werde wohl kaum meinen eigenen Sohn verraten.«
»Nein, ich weiß.« Bertin stand am Fenster, das auf den Garten hinausführte. Der Wind bewegte die Zweige der Linden- und Nussbäume.
»Habt Ihr viele Walnüsse dieses Jahr?«
»Unmengen. Ein Drittel sitzt noch drauf.«
Er bemerkte eine Reihe kleiner Säcke aus grobem Leinen unter dem Dach eines Schuppens, in denen die Nüsse zum Trocknen aufbewahrt wurden. Madame Bocquillon gesellte sich zu ihm, und gemeinsam schauten sie auf das weitläufige Grundstück, das von kleinen, rötlich gefärbten Weinfeldern eingerahmt wurde.
* * *
Die Nacht brach an. Längst war das Licht vergangen. Claude starrte aus dem Fenster, ohne etwas wahrzunehmen von den Schatten der Büsche und Bäume oder den halb blinden Straßenlaternen. Immerhin war dort eine Aussicht, ein Ausweg, dort ging es weiter, während das Zimmer hinter ihm gefüllt war mit Gedanken, Szenarien und Ängsten, die ihm jeden Fluchtweg abschnitten. Er konnte sich nicht umdrehen und sich ihnen stellen, noch nicht. Er würde vielleicht bis in alle Ewigkeit hier stehen bleiben, um sich an die freie Sicht zu klammern. Wenn nur Mahmout endlich auftauchen würde. So viel war ungewiss, es gab so vieles, was er nicht nachvollziehen konnte. Zuerst der tote Junge: Wie hatte die Leiche ausgesehen? Wie war er überhaupt umgekommen? Es kann ja auch ein Unfall gewesen sein, dachte Claude. War der Kleine missbraucht worden? Nein, dieser Gedanke erstarb sofort wieder, er konnte ihn kaum zu Ende bringen. Dann die Beweise, die gegen ihn vorlagen: Wie kam der Entführer an seine Fingerabdrücke und der Ausdruck auf seinen Schreibtisch? Hatte Albert damit zu tun? Er konnte ihn nicht einfach anrufen – man würde sein portable nachverfolgen und ihn orten können. Seine Adresse war ihm nicht bekannt. Er fühlte, wie die Dunkelheit des Raumes nach ihm griff. Es wurde eng in seiner Brust. Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, die sich bald abkühlten und einen kalten Film auf seiner Haut bildeten. Was konnte er tun? Nichts. Alle waren gegen ihn, alle Bewohner von Anduze wussten nun Bescheid. Der arme Virenque, hoffentlich kümmerte Amélie sich um ihn. Mutter! Er schluckte und atmete zitternd ein und aus. Ihm war, als würde sie gerade an ihn denken. Ob zu Hause etwas passiert war? Verdammt, er brauchte das Telefon! Mit einem Ruck drehte er sich um. Er musste sich stellen. Nicht der Polizei, aber seiner Aufgabe. Beim Gedanken an einen höhnisch lächelnden Lambert ballte er die Hand zur Faust. Nein, er würde nicht aufgeben, darauf konnte Frédéric lange warten. Er hatte ein Ass im Ärmel – Mahmout.
Endlich hörte er Schritte im Flur. Ohne anzuklopfen polterte Mahmout ungelenk herein, einen dicken Schlafsack und eine Tüte mit Lebensmitteln in den Armen.
»Das wurde aber auch Zeit«, sagte Claude und grinste seinen neuen Freund an. Dieser bleckte die Zähne, stellte die Sachen ab und warf ihm das Telefon zu. Claude umschloss es mit den Fingern. Es war noch warm von Mahmouts Hosentasche. Er setzte sich auf das Feldbett, wählte eine Nummer und schaute zu, wie Mahmout zwei Packungen Sandwiches, ein paar Äpfel, abgepackte Schnitzel, zwei Flaschen Wasser und einen Schokoriegel auspackte.
»Mutter? Ich bin es.« Es war zu viel. Er spürte die Tränen aufsteigen, der Kummer lief durch seinen ganzen Körper.
»Ja, es geht mir gut. Nein, ich bin bei einem Freund.«
Mahmout lehnte sich an die Tür und spielte mit seinem portable, um nicht den Anschein zu erwecken, er würde lauschen.
»Mach dir keine Sorgen. Ich bin so froh, dass du mir vertraust. Wie geht es Vater? Ich hatte eben so ein komisches Gefühl.«
Claude merkte, dass Mahmout ihn hin und wieder anblickte, und er versuchte, sich die Tränen unauffällig abzuwischen. Mahmout lächelte. Eine Weile sprach er mit seiner Mutter über die Situation und erörterte die Möglichkeiten.
»Lösch sofort diesen Anruf. Ich meine, schreib dir erst die Telefonnummer auf. Wir bleiben in Kontakt. Ruf mich nicht vom Festnetz an, am besten nur mit einem fremden portable. Nein, ich werde mich erst stellen, wenn ich mehr über alles weiß. Bertin kann mich mal. Bis später, Mama.«
Mit dieser zärtlichen Anrede beendete er das Gespräch und ließ seine Hand sinken. Ein letzter, tiefer Atemzug, dann schaute er Mahmout an.
»Möchtest du mit mir essen? Oder musst du nach Hause?«
Claude fürchtete sich vor der Einsamkeit, doch er hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als dies zu gestehen. Es reichte schon, dass er wie ein Muttersöhnchen aussah.
»Klar, Mann.« Mahmout brachte die Sachen auf einem alten Holzbrett, das an der Wand stand, zum Feldbett herüber und setzte sich neben ihn. Claude wurde es tröstlich zumute. Als Mahmout zwei Kerzen entzündete und auf das Brett stellte, entstand eine wahre Lagerfeuerstimmung.
»Danke, Mahmout, du hast was gut bei mir.«
Während Claude in ein Thunfischsandwich biss, legte er den Arm freundschaftlich um Mahmouts Rücken. Dieser machte sich steif, doch dann, als Claude gerade den Arm wegnehmen wollte, merkte er einen leichten Druck an seiner Schulter. Mahmout lehnte sich an ihn. Claude wagte nicht, sich zu bewegen. Schweigend saßen sie nebeneinander, aßen vom Sandwich und kauten, verwirrt und unsicher, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Claude umfasste die Hand des Jungen. Dieser traute sich nicht, ihn anzusehen. Doch als sein Kopf auf Claudes Schulter sank und er leise seufzte, wusste Claude, dass Mahmout entschieden hatte, mit sich selbst in Frieden zu leben. Zumindest heute Abend.
»Geht es dir gut?«
Mahmout zuckte mit den Achseln.
»Geht so. Und dir?«
»Etwas besser. Bin ja nicht mehr allein. Ich meine, so ganz allgemein.«
Auf diese Antwort lächelte Mahmout und schaute Claude an, der gern noch länger seine Wange an dessen Locken geschmiegt hätte.
»Hast du dich noch nicht geoutet?«
»Nein.« Mahmout nagte an seiner Unterlippe. »Ich will das nicht haben«, sagte er energisch.
Claude lachte auf. »Mahmout, schwul sein ist nicht so wie Zahnschmerzen haben. Du kannst dem nicht entkommen. Es piesackt dich immer wieder.«
»Kennst du das auch?« Mahmouts Augen hingen an Claudes Lippen, sodass er spürte, wie sehr der Junge sich von allen verlassen gefühlt haben musste.
»Ja, natürlich.«
Eine Weile erzählte er von seinen Schwierigkeiten in der Jugend, von der Angst, sein Vater könnte sein Geheimnis entdecken, von der Erleichterung über das Verständnis seiner Mutter und von der glücklichen Zeit, die er mit seinen Partnern erlebt hatte. Je länger er sprach, desto mehr vergaß er seine momentane Lage. Mahmout war ein dankbarer Zuhörer. Ihn zu überzeugen, sich seiner Sexualität zu stellen, schien Claude eine sinnvolle Aufgabe zu sein, trotz des heiklen, familiären Hintergrundes.
»Willst du es deiner Familie sagen?«
»Nein, die schlagen mich tot.«
»Quatsch!«
»Dein Vater weiß es doch auch nicht«, rechtfertigte sich Mahmout.
»Ja, du hast recht.«
Eine Weile hing jeder seinen Gedanken nach.
»Kann ich heute Nacht hierbleiben?«, fragte Mahmout.
»Ja klar, wenn dich keiner vermisst.«
»Nee, kein Problem. Aber ich will nicht … du weißt schon. Nur ein bisschen … ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.«
Die Sprachlosigkeit seines Freundes machte Claude traurig, sodass darüber beinah seine eigenen Sorgen in den Hintergrund rückten.
»Ein bisschen die Nähe des anderen spüren.«
»Ja. Ich glaube, das möchte ich.« Befriedigt nickte Mahmout.
* * *
Amélie zog das Negligé enger um sich und öffnete die Tür. Frédéric Lambert trat ein, als wäre es die normalste Sache der Welt, sich um zehn Uhr abends in ihrer Wohnung aufzuhalten.
»Schön, dass du so diskret bist und nicht mit deinem Schlüssel ins Haus fällst. Du hast Ringe unter den Augen«, sagte Amélie und küsste ihn auf beide Wangen.
»Bin ja auch eben erst losgekommen.«
»Was ist mit Nathalie? Ich habe das Gefühl, völlig in der Luft zu hängen. Catherine ruft mich jede halbe Stunde an und fragt, ob ich etwas Neues weiß.«
Lambert schüttelte bedauernd den Kopf. »Nichts Neues. Weder, was die Jungen anbelangt, noch Nathalie. Kein Lebenszeichen, keine neue Botschaft, nichts.«
Amélie ließ sich in einen Sessel fallen. Das Negligé öffnete sich und ihr Bauchnabel lugte hervor. Frédéric leckte sich über die Lippen, dann zog er seine Schuhe aus, nachdem er sich auf das Sofa gesetzt hatte.
»Mir wäre leichter zumute, wenn eine Erpressung vorläge. Dann wüsste ich, dass sie noch lebt«, sagte Amélie mit leerem Blick.
»Hast du etwa den Eindruck, sie könnte … tot sein?«
Amélie wiegte ihren Kopf. »Nein, irgendwie auch nicht. Sie lebt. Aber es ist so verdammt ungewiss. Habt ihr denn keine Spuren?«
»Die Absolventen der Priesteruni scheinen nichts damit zu tun zu haben. Wir haben den Kreis der Befragten noch einmal erweitert. Zudem verhören wir gerade alle als pädophil bekannten Vorbestraften, die in der Gegend wohnen, alle Straftäter auf Freigang und alle Informanten. Viel mehr können wir nicht tun. Die Obduktion beginnt heute Abend. Und wenn wir Claude nicht bei der Geldübergabe erwischen, kommt sein Bild in die Zeitung.«
Amélie zuckte zusammen.
»Fredy, er war es nicht.«
»Ach, und warum nicht? Weil er dein Freund ist?«
»Nein, weil er … weil er es eben nicht war.«
Lambert strich sich über die gerunzelte Stirn. »Ach Amélie, in meinem Beruf möchte ich auch öfter sagen können, dass dieser und jener es nicht war. Ich habe schon so viel erlebt auf dem Revier: Kinder, die ihre Eltern töten und umgekehrt, schwarze Witwen und dergleichen. Ich will dich ja nicht enttäuschen, aber du musst die rosa Brille abnehmen.«
Frédéric beugte sich vor und nahm ihre Hand.
»Wir haben seine Fingerabdrücke, die nur dann als untergeschoben gelten können, wenn der wahre Entführer ein persönliches Motiv gegen Claude hat. Dann müsste er auch seine Wohnung betreten und das Briefpapier und das Foto dort deponiert haben. Aber die Nachbarn haben niemanden gesehen in der letzten Zeit.«
»Was für ein Foto?«
Lambert hätte sich beinahe auf die Zunge gebissen. Er wollte Amélie nicht erschrecken. »Das darf ich nicht sagen. Auf jeden Fall belastet ihn das alles schwer. Kennst du jemanden, der Claude so hasst, dass er ihn der Entführung und Erpressung überführt sehen will?«
»Außer dir?«, fragte Amélie. »Nein.«
Lambert schnaufte. »Schönen Dank.« Er wusste, dass all seine Bekannten hier gegen ihn waren. Dabei war er selbst immer noch unsicher, ob er wirklich auf der richtigen Fährte war. Doch Claude bot sich so an, dass es schwer fiel, an eine Finte zu glauben. Andererseits – würde Claude wirklich so viele dumme Spuren wie das Foto hinterlassen? Wahrscheinlich hatte er nicht damit gerechnet, so schnell verdächtigt zu werden, sodass er das Briefpapier und das Foto noch nicht beseitigt hatte. Tief im Inneren war Lambert traurig, dass es so gekommen war, aber er durfte doch nicht einfach einen Verdächtigen reinwaschen. Er seufzte leise.
»Amélie, wenn es dich beruhigt: Ich habe schon heute Morgen veranlasst, dass das Phantombild des unbekannten Flüchtigen aus der Kirche in die Zeitung kommt.«
Amélie stand auf und setzte sich auf seinen Schoß, um sich ganz eng an ihn zu drücken. Im Nu war die Kränkung vergessen.
»Danke. Ach Fredy, ich fühle mich scheiße.«
»Soll ich heute Nacht bei dir bleiben?«
»Du scheinst ja schon davon auszugehen«, sagte sie mit einem Blick auf seine zur Seite gestellten Schuhe. Lambert lächelte.
»Ich bin auch ganz artig.«
»Das ist auch gut so. Weißt du, was Angstvögeln ist?«
»Nein. Was ist denn das?«
»Ach, schon gut.« Amélie lächelte unmerklich und machte sich von ihm los.
»Lass uns kuscheln gehen. Aber Claude war es nicht.«
Lambert verdrehte in gespielter Verärgerung die Augen. Sein Herz klopfte.