Dienstag, 6. November

Am nächsten Morgen verspürte Claude leichte Schmerzen in den Oberschenkeln, die nicht dem Trampeln Virenques, der auf ihn gestiegen war, sondern dem Herumklettern an den Uferböschungen des Gardons zu verdanken waren. Bis zum letzten Dämmerlicht hatte er, vermutlich aufgrund seines zwickenden Gewissens, mit Albert die Stellen des Flusses abgesucht, die für Jungen reizvoll waren: die mächtigen Badefelsen nördlich der Stadt in der Nähe des Campingplatzes, der nur wenige Besucher hatte, die Eisenbahnbrücke über dem Tal, die ihn im Sommer während einer Verfolgungsjagd beinahe das Leben gekostet hätte. Sie hatten in wilden Oleanderbüschen und Bambussträuchern, deren Triebe aus dem Bambuspark ausgebüchst waren, herumgestochert, hinter alle Felsen geschaut, die nach Regenschauern gefährlich glatt waren, und unter jede Brückenwölbung gespäht. Bis auf leere Getränkedosen, benutzte Kondome und verkohlte Holzstücke zeugte nichts von der Anwesenheit menschlichen Lebens. Albert hatte sich mit einem frechen Klaps auf den Hintern von ihm verabschiedet und mit dem Versprechen, bald mal wieder vorbeizuschauen. Claude war erschöpft ins Bett gefallen und hatte tief und fest geschlafen.

Nachdem der Kater seinen Dosenöffner geweckt hatte, quälte Claude sich aus dem Bett und begann den Tag mit einer warmen Dusche, die ihn sofort wieder an die Nacht mit Albert erinnerte. Er grinste. Der Junge war süß, gut für eine wohlige Ablenkung von der Sehnsucht nach Julien. Er und Julien hatten einiges zusammen erlebt, ihre Freundschaft hatte Misstrauen und Enttäuschung überstanden. Vielleicht war das der Grund, warum er mehr auf ihn fixiert war, als ihm lieb war.

Das musst du dir abgewöhnen, Claude. Das wird nichts mit Julien und dir, ermahnte er sich und spülte das Shampoo aus seinen welligen Haaren. In der Küche stellte er die Kaffeemaschine an und warf einen neugierigen Blick zum etwas entfernt gelegenen Fenster, aus dem sonst die beiden Geschwister Corbusier hinausschauten. Der graue Fensterladen war jedoch noch geschlossen, ein Zeichen dafür, dass die Suchaktion erfolglos geblieben war. Was konnte er jetzt noch unternehmen?

Auf der Straße kaufte er sich eine Ausgabe des Midi Libre, aus dem ihm im Lokalteil ein großer Aufmacher über das rote Brunnenwasser, das tote Kalb und auch über die verschwundenen Kinder entgegensprang. Wenn der Täter das sehen würde, hätte er einigen Spaß daran, fiel Claude dazu ein, und er verwünschte den Perversen, der für all den Kummer verantwortlich war. Virenque war mit hinausgekommen und begleitete ihn bis zum Plan de Brie. Claude setzte sich auf die Bank vor der Gendarmerie, ließ seine Finger durch Virenques schwarzes Fell gleiten und dachte nach. Ob er wirklich seine Mutter beauftragen sollte, nach einem privat verkauften Kalb zu forschen? Wahrscheinlich hatte Bertin bereits eine Spur aufgenommen, er musste ihn gleich befragen.

Eine Frau mit einer Einkaufstasche überquerte den Plan de Brie und machte mit einem Mal einen Ausfallschritt. Virenque schlich über den Platz, kauerte sich zusammen und visierte seine Beute an. Claude blätterte in der Zeitung. Als Virenque plötzlich auf seinen Schuh sprang, wurde er aufmerksam.

»Was hast du denn da?« Er beugte sich vor, musterte seine Füße. Etwas bewegte sich unter der Bank. Virenques Pfote schlug zu, ein knirschendes Knacken war zu hören, das Katzenmäulchen kaute.

»Was ist das, du Räuber?« Claude kniete sich hin und packte den Kater am Nacken. In dieser Welpenstarre hielt Virenque still und ließ sich anheben. Unter ihm kam ein Insekt zum Vorschein, ein grünes Ungetüm mit langen Hinterbeinen – eine Heuschrecke. Claude ließ Virenque los, richtete sich auf und schloss die Augen. Eine seltsame Resignation drückte ihn plötzlich nieder, als hätte der Herbst ihn in eine ähnlich düstere Stimmung versetzt wie seinen Arbeitgeber Lucas. Mit einem Mal wollte er gar nichts mehr wissen, nichts mehr fühlen, sich nicht mehr erinnern an die zwei verschwundenen Kinder. Er saß hier auf einer Bank wie ein Rentner, untätig, erfolglos in allen Belangen. Ein toller Kerl war er, ein Nichtsnutz, der in den Tag hinein lebte, sich einen Frischling mit unter die Dusche nahm und nach seinem Liebsten jammerte. Dazu noch rotes Wasser, ein totes Kalb und Heuschrecken, die zu seinen Füßen herumhopsten. Es fiel ihm schwer aufzustehen, aber dann riss er sich zusammen und schaute sich auf dem Platz um. Neben den Treppenstufen zur Kirche hüpften zwei Insekten herum, neben dem Brunnen lagen zwei, die bereits das Zeitliche gesegnet hatten. Hier und dort sprangen die Tierchen über den Platz, auf die Straße – es mochten ungefähr dreißig Exemplare sein. Claude wich rücklings an die Wand der Kirche, dann ging er in die Gendarmerie hinein und rief:

»Jean, komm mal her!«

In der geöffneten Bürotür erschien Leutnant Bertin.

»Wenn du eine weitere Plage sehen willst, beeil dich, bevor die Viecher alle überfahren oder zertreten sind!«, mahnte Claude und winkte ihn heraus. Auf dem Platz waren inzwischen einige Passanten stehen geblieben, wiesen mit den Fingern auf den gepflasterten Boden und unterhielten sich erregt. Eine Frau schrie auf und flüchtete auf die Stufen zur Kirche, als hätte sie eine Maus gesehen.

»Was zum Teufel …«, stammelte Bertin und marschierte los, um eine Runde über den Platz zu drehen. Lahm holte Claude sein portable aus der Jackentasche und hielt die Plage fotografisch fest. Die Heuschrecken, er nannte sie einfach mal so, obwohl er sich nicht sicher über die richtige Bezeichnung war, sollten ihm ein Ansporn sein, sich zusammenzunehmen. Vielleicht brauchte er auch nur einen leckeren Kaffee aus Amélies Automat. Ob sie ihn schon in ihre Wohnung gebracht hatte und mit der Räumung des Ladens fertig war? Auf dem Weg durch die Rue Droite zu Amélies Ladenlokal warf er unwillkürlich einen Blick in einen der Mülleimer. Aus den Augenwinkeln bemerkte er auf einer durchsichtigen Plastikbox ein Etikett, das ihn aufmerksam machte. Er trat näher und las die Aufschrift: Zoohandlung Durell, Alès. Sein Herz begann zu klopfen. Es war, als bliese ein frischer Wind seine Mattigkeit fort. Beinahe hätte er im ersten Impuls nach der Box gegriffen, doch dann zog er ein Papiertaschentuch aus seiner Jeans, fasste eine Ecke der Box und nahm sie vorsichtig an sich. Vergessen war der Besuch bei Amélie. Mit dem kostbaren Fund in der Hand kehrte er zur Gendarmerie zurück.

Nur wenige Minuten später saß er mit Bertin am Schreibtisch. Der Leutnant trug heute einen dunklen Rollkragenpullover, für Claude Anlass genug, um zu fragen: »Ist dir kalt?«

»Wieso?«

»Wegen des Pullovers. Wir haben noch nicht Weihnachten.«

Bertin durchbohrte ihn mit einem drohenden Blick.

»Was geht dich das an?« Er trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte und begutachtete die Plastikbox. Da fiel Claude etwas auf, was ihn umwarf: Bertins linker Ringfinger zeigte einen weißen Streifen dort, wo der Ehering hätte sein müssen. Claude biss sich auf die Lippe, die Neugier brachte ihn um, doch er nahm sich zusammen. Der arme Kerl. Seine Frau, die er erst vor sieben Jahren geheiratet hatte, war ihm offensichtlich abhanden gekommen. Wahrscheinlich waren ihm die Hemden in der Waschmaschine eingelaufen und er hatte kein passendes Kleidungsstück mehr gefunden. Doch es gab jetzt Wichtigeres, als im kaputten Liebesleben des Leutnants herumzustochern. Sicher würde er gleich bei Madame Barjac das Wesentliche erfahren. Wie konnte ihm das nur entgangen sein? Er ließ wirklich nach.

»Danke, Claude, da hast du gut aufgepasst. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass der Täter die Tierchen in dieser Verpackung transportiert hat. Warum werden die überhaupt verkauft?«

»Das ist Lebendfutter für Echsen und so ’n Zeug«, erklärte Claude. Bertin gab sich damit zufrieden.

»Wir lassen es auf Fingerabdrücke untersuchen.«

»Ist schon irgendeine Forderung eingegangen?«

In diesem Moment pochte es an der Tür und Brigadier Joberton kündigte Pastor Flabert an, seines Zeichens Oberhaupt der protestantischen Gemeinde von Anduze. Der grauhaarige, kleine Mann schüttelte jovial sämtliche Hände und Bertin zog hastig den Besucherstuhl unter Claudes Hintern weg.

»Nein, nein«, wehrte Flabert ab und schob kurzerhand einen zweiten Stuhl an den Tisch. »Claude kann ruhig dabei sein. Es geht ja um seinen Schützling, den Jungen, den er so eifrig gesucht hat.«

Bertin und Claude schauten sich an. Eine Spannung lag in der Luft, die nicht zum lässigen Verhalten des Priesters passte, der sich jetzt eine Zigarette anzündete, als wäre er hier zu Hause. Bertin sorgte für den Aschenbecher, den er für solche Gelegenheiten in einer Schublade aufbewahrte.

»Haben Sie diesbezüglich etwas erfahren, Monsieur Flabert?«

Der Priester legte die Zigarette ab und holte einen Briefumschlag aus seinem dunklen Jackett, dessen Ärmelränder bereits ein wenig abgewetzt waren.

»Hier, einen Zettel habe ich gefunden, beim morgendlichen Rundgang. Er muss wohl seit gestern Abend dort gelegen haben. Ich habe ihn zwar angefasst, aber dann sofort in einen von meinen Umschlägen gesteckt, wegen der Fingerabdrücke.«

Ein Brief des Entführers mit seiner Forderung, schoss es Claude durch den Kopf. Nun war es so weit. Doch als Bertin, der mit äußerster Vorsicht den Zettel mithilfe eines Bleistifts entfaltet hatte, die Brauen zusammenzog, wurde Claude stutzig.

»Was steht drin? Wieviel Geld will er haben?«

Bertin und Flabert tauschten einen Blick, der Claude alarmierte. Der Gendarm knetete seine Nasenwurzel, während Flabert nur wortlos Rauch aus seinem Mund entließ. Da sprang Claude auf und ging um den Schreibtisch herum. Er beugte sich neben Bertin nieder, der ihm die Nachricht zuschob, die auf weichem Papier mit einem Wasserzeichen gedruckt worden war.

Claude las: »Die Kinder des Lichtes sind Gottes Eigentum, er hat ihnen sein Siegel aufgedrückt, er wird sie retten.«

Er richtete sich auf und verstand den Ausdruck der beiden Männer. »Etwa ein religiöser Fanatiker?«

Claude setzte die Lektüre fort: »Haltet zehntausend Euro bereit. Bald werde ich mich melden.«

Claude lehnte sich an eine Fensterbank. »Merde, was ist das für ein komischer Brief. Erst so etwas wie ein Psalm, dann eine Geldforderung. Ich sage ja immer, die Kirche hat Geld nötig.«

»So ein Schweinehund, so ein Arschloch«, schnauzte Bertin. Der Pfarrer senkte verschämt seine Augenlider.

»Woher wissen wir, dass dieser Typ wirklich der Entführer ist? Und wenn es nur ein verrückter Trittbrettfahrer ist?«, gab Claude zu bedenken.

»Nein.« Pfarrer Flabert zog einen weiteren Umschlag aus seinem Jackett. Bertin ergriff ihn, öffnete die Lasche und stöhnte auf. Claude lief ein Schauer über den Rücken, und er erwartete, einen abgeschnittenen Finger zu sehen, doch als Bertin ihm den Umschlag vor die Nase hielt, entdeckte er nur Haarsträhnen, blond und schwarz. Er wusste nicht, ob er erleichtert sein sollte oder nicht.

»Kein Trittbrettfahrer«, sagte er und setzte sich wieder auf den Stuhl. Obwohl der Raum kaum beheizt war, hatte er das Gefühl zu schwitzen.

»Hast du die Kripo eingeschaltet?«

»Ja, natürlich«, sagte Bertin. »Gestern schon.« Vielsagend fuhr er fort: »Die schicken einen aus Nîmes.«

»Aus Nîmes?« Claude sprang auf. »Willst du damit sagen, dass Inspektor …«

»Ja. Dein spezieller Freund wird kommen, noch vor Mittag. Er ist allerdings jetzt Kommissar.«

Claude schaute auf die Uhr. »Gut, dann sieh zu, dass dem Herrn Kommissar etwas dazu einfällt. Mir geht die Geschichte ganz schön an die Substanz. Ich muss erst mal nachdenken.«

Er erhob sich und verabschiedete sich vom Priester, der fragte:

»Wie geht es deinem Vater?«

Claude zuckte die Schultern. »Es kann jeden Tag zu Ende sein. Er wird immer schwächer. Aber genau weiß man es ja nicht.«

Flabert nickte. »Wenn ihr mich braucht, meldet euch.«

»Danke.«

Claude verließ das Gebäude und ging durch die Altstadt. Er war erleichtert über die Zurückhaltung des Geistlichen. Ein Spruch wie »Ich werde für ihn beten« hätte ihn jetzt nicht weitergebracht. Zumal sein Vater ja gar nicht sein Vater war. Er hatte nie erfahren, dass Claude nur ein untergeschobener Bastard war, einer verzweifelten Idee seiner Mutter entsprungen, die sich wegen der Zeugungsunfähigkeit ihres Gatten mit einem anderen eingelassen hatte. Wer dieser andere, sein leiblicher Vater, war – Claude würde es bald wissen. Der Zeitpunkt dieser Enthüllung rückte näher und näher. Seine Mutter hatte auf sein Drängen zugesagt, ihm dieses Geheimnis nach der Beerdigung zu offenbaren. Der Tod seines Vaters – für Claude bedeutete er Freiheit, ein Gedanke, für den er sich immer wieder schämte. Freiheit und zugleich ein neuer Anfang. Wie konnte er nur so über den Mann denken, der sein Leben lang hart gearbeitet und seine Familie gut versorgt hatte? Der ein angesehener Bürger gewesen war. Dessen störrischer Sohn den Hof nicht weiterführen wollte. Dessen Sohn schwul war, was dieser aber immer geheim gehalten hatte. Claude befand, dass er in einer verrückten Welt lebte, in der nichts an seinem richtigen Platz war. Schon gar nicht Frédéric Lambert, Kommissar der Police judiciaire in Nîmes. Der konnte ruhig an seinem Platz bleiben, aber leider wurde daraus nichts.

Inzwischen war er vor Amélies Keramikgeschäft angelangt und trat ein. Die leeren Regale und die letzten Kartons in der Ecke versetzten ihm einen Stich. Auch hier war nichts an seinem Platz.

»Salut, Claude, wie sieht’s aus?« Amélie umarmte ihn und küsste ihn auf beide Wangen. Claude atmete auf. Amélie war ganz die Alte, seine Mutter und Lucas auch, Bertin sowieso. Er musste die Symptome seiner blöden Depression unbedingt aus sich heraustreiben.

»Es geht so. Du, ich habe eine Neuigkeit für dich.«

Amélie wollte schon zur Tasse im Regal greifen, doch dann merkte sie, dass der Kaffeeautomat nicht mehr da war. »Dann spuck’s aus, mein Lieber.«

Doch etwas irritierte Claude und er schaute sich um. »Wo ist denn … äh … Nathalie?«

»Zu Hause, sie räumt dort alles in mein Atelier ein. Aber was gibt es denn jetzt?«

»Frédéric kommt nach Anduze.«

Amélies Augen wurden groß, eine sanfte Röte überzog ihre Wangen. Sie schwieg, senkte den Kopf und starrte auf den Verkaufstresen.

»Na und? Soll er doch.«

»Bist du über ihn hinweg? Hat er sich noch einmal gemeldet?«

»Ja. Und nein. Ich meine, er hat nur mal eine SMS geschickt, das war’s dann.«

Sie schaute zu ihm auf. »Ob es ihm nun besser geht? Wegen seiner vermissten Schwester?«

Claude legte die Arme um ihre Schultern. »Es war vielleicht ein heilsamer Schock, dass er erkannt hat, dass du nicht wie seine Schwester bist, auch wenn du ihr so ähnlich bist. Er hat bestimmt auch kapiert, dass sie nie wiederkommen wird.«

»Ich hoffe es.« Sie drückte sich an ihn. Claude küsste ihr Haar, denn auch wenn Amélie eine starke Frau war, brauchte sie hin und wieder Trost. Sie hatte sich in den falschen Mann verliebt, einen Mann, der sie nur kennenlernen wollte, weil sie seiner vor langer Zeit verschwundenen Schwester ähnelt, und der ihr keine wahre Liebe schenken konnte. Claude, der Frédéric Lambert noch aus seiner Zeit auf der Polizeischule als mobbenden Rüpel kannte, hatte ihm nicht so leicht vergeben. Frédéric hatte Amélie wehgetan, und das war ein Vergehen, das Claude nicht vergessen würde, auch wenn er jetzt Süßholz raspelte.

»Vielleicht ist er ja wie neu nach ein paar Sitzungen beim Therapeuten. Wäre doch nicht schlecht, wenn er dich jetzt so sieht, wie du wirklich bist. Außerdem ist er befördert worden.«

»Ach, mir ist es egal, Claude. Du weißt, wen ich eigentlich liebe.« Ihre braunen Augen durchbohrten die seinen. Er spürte, wie sich ihre Arme, die um seine Taille lagen, seinem tiefen Seufzer anpassten. Es war ein wundervolles Gefühl.

»Ja, ich weiß: einen erfolglosen, schwulen Kellner.«

Sie schob ihn empört von sich. »Nein! Ich liebe einen charmanten, warmherzigen, neugierigen, lustigen und schwulen Menschen.«

»Also liebst du Julien.«

Amélie brach in Lachen aus, in das er einstimmte.

»Na gut, du hast gewonnen. Ich werde mir Frédéric wieder anlachen, um ein wenig Ablenkung zu haben. Aber sag, habt ihr etwas von den beiden Jungen gehört?«, fragte Amélie und wurde ernst.

Claude nickte. »Es sieht nicht gut aus. Eine Erpressung. Mehr darf ich dir nicht sagen, ich komme nämlich direkt von Bertin.«

»Schon gut, ich will es gar nicht wissen. Die armen Kinder. Können die Eltern die Forderung erfüllen?«

»Es wird schwierig werden.«

»Frédéric wird sich der Sache annehmen.«

»Ja. Er ist ein guter Bulle«, tröstete Claude. »Aber lass Nathalie nicht so lange allein. Man weiß ja nie, was einem Entführer noch in den Sinn kommt.«

Amélies Wangen verloren ihre zarte Röte. Verdammt, das hatte er nicht gewollt.

»Du meinst, er wählt zufällig aus?«

Claude hob ratlos die Schultern und legte den Kopf schief. Amélie griff nach ihrem Schlüsselbund. »Ich mache sofort zu und fahre heim. Danke für die Warnung.«

Mit einem letzten Kuss schob sie ihn hinaus. Sie stieg in ihren Renault Clio, winkte noch einmal und brauste davon. Die Tauben auf der Straße stoben in die Höhe.

Aber sag es keinem anderen!, wollte er ihr noch nachrufen, doch es war zu spät. Claude nagte an seinen Lippen. Eine allgemeine Panik in diesem kleinen Städtchen wollte er auf jeden Fall vermeiden. Er gab sich einen Ruck und schlenderte in Richtung Place Notre-Dame, vorbei an der leeren Markthalle. Der Pagodenbrunnen plätscherte tröstlich vor sich hin. Hier und dort spazierten einige Einheimische umher. Welch eine wohltuende Leere herrschte in der Altstadt nach dem allsommerlichen Touristensturm. Es war wie ein letztes Aufatmen vor dem Winter. Die wenigen offenen Cafés waren halbwegs gut besucht. Man ließ es sich gut gehen und hielt seine Nase in die schwächer werdenden Sonnenstrahlen des Novembers. Eine Kirchturmglocke schlug zwölf Mal.

Claude hatte plötzlich keine Lust mehr, nach Hause zu gehen. Virenque war ohnehin nicht in der Wohnung, sondern streifte noch in der Stadt umher, genauso unstet wie Claude selbst. Zeit stand ihm in Unmengen zur Verfügung. Er verließ die Altstadt, passierte die Brasserie ›Chez moi‹, die er erst morgen früh wieder betreten musste, und gelangte zum spärlich gefüllten Parkplatz am Fluss. Selbst der Verkehr war zum Erliegen gekommen, nur hin und wieder brausten Fahrzeuge über die Gardonbrücke. Claude setzte sich auf einen hüfthohen Felsen in Ufernähe, sein Lieblingsplatz, wenn er in nachdenklicher Stimmung war. Zwei Meter entfernt rauschte der Fluss in flirrenden Wellen und hellen Schaumkronen vorbei. Die Zweige der Sträucher waren herbstlich gelichtet und hingen nach den Regentagen der letzten Woche, die den Pegel hatten ansteigen lassen, im Wasser. Auf der anderen Uferseite duckten sich die Häuser unter der Felswand des Peyremale-Ausläufers. Claudes Blick schweifte den Berg hinauf. Dort oben, in der Nähe der alten Festung, hatte er oft gestanden und auf das alte Anduze geschaut, auf die verwinkelten, roten Dächer und die Eisenbahnbrücke, über die im Sommer die Touristendampflok den Fluss überquerte, um nach Saint-Jean-du-Gard zu gelangen. Er konnte nicht nach Nîmes, das Heimweh würde ihn packen in der lauten und heißen Stadt. Dort hatte er keinen Lieblingsplatz am Fluss, keinen Ort nur für sich und nur einen wirklichen Freund. Und dort wohnte Frédéric Lambert. Gerade hatte er diesen Gedanken zu Ende gedacht, als ein Renault Mégane Sport Coupé über die Brücke gefahren kam, auf den Parkplatz abbog und direkt vor ihm über den Schotter schlitterte. Eine Tür wurde zugeschlagen, die Staubwolke legte sich und ein Mann kam auf ihn zu, schlank, etwas größer als Claude, Bürstenhaarschnitt und kantiges Kinn. Claude seufzte und warf den Stein, den er in der Hand gehalten hatte, ins Wasser. »Salut, Claude! Na, wenn das kein schlechtes Omen ist – dich als Ersten hier zu treffen.«

Claude erhob sich. »Danke der Nachfrage, mir geht es gut, Frédéric.«

Doch bevor er eine Hand reichen konnte, hatte Lambert ihn ergriffen und an seine breite Brust gezogen. Unter den Schlägen auf den Rücken zuckte Claude zusammen.

»Mensch, Alter, schön dich zu sehen«, dröhnte Lambert an seinem Ohr. Frédérics Aftershave kam Claude vertraut vor.

»Pass auf, ich bin schwul.«

»Natürlich.«

Claude lächelte und klopfte nun seinerseits dem Kommissar auf die Schulter, als er sich von ihm löste. Er sollte nicht so nachtragend sein, immerhin hatte Frédéric sich nach dem letzten Fall für sein rüdes Verhalten Amélie und auch ihm gegenüber entschuldigt. Manchmal konnte er nett sein.

»Herzlichen Glückwunsch zum Kommissar«, sagte Claude grinsend.

»Danke. Du hast einen Anteil daran, glaub mir.«

»Warum fährst du über Alès?«, fragte Claude schnell, um nicht zu erröten.

»Die Anfahrt ist über diese Strecke schöner«, antwortete Lambert und ließ seine Augen über den Fluss schweifen. Claude staunte. Hatte das Anduzer Fieber auch seinen Intimfeind ergriffen? Bei seinem letzten Besuch hatte er sich noch hartnäckig gegen den Charme dieser Kleinstadt gewehrt.

Eine halbe Stunde später saßen sie in einem Restaurant und aßen Lammbraten. Claude hatte nicht eingesehen, warum er diese Einladung ausschlagen sollte – es war Mittag und Frédéric hatte noch viele kleine Gemeinheiten und grobe Scherze aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit wiedergutzumachen. Wenn es danach ging, konnte Claude sich sein restliches Leben allein von Frédéric durchfüttern lassen.

»Bist du irgendwie in den Fall involviert?«, fragte Lambert und spülte den Bissen mit einem Schluck Rosé hinunter.

»Nein, ich habe keinen Auftraggeber, wenn du das meinst. Aber einer der Jungen ist der Sohn meiner Nachbarin. Ich kenne ihn vom Sehen.«

»Das tut mir leid«, sagte Frédéric und gab dem anwesenden Kellner mit einem Nicken zu verstehen, dass alles zu ihrer Zufriedenheit war.

»Ich habe den Erpresserbrief gesehen. Bertin hat ihn auf mein Smartphone gesendet.«

Das wird wohl eher Joberton gewesen sein, dachte Claude und nickte.

»Blöde Sache, total verrückt. Wir werden das Papier und die Box untersuchen lassen. Ich habe einen Beamten mit den Beweisstücken nach Nîmes geschickt. Die Entführung hat bei uns Priorität, das Labor wird sich beeilen. Vielleicht haben wir morgen schon Ergebnisse.«

»Das wäre nicht schlecht.«

Lambert schob seinen leeren Teller weg und reckte sich. Seine Arme stießen an den Wandbalken aus jahrhundertealtem Kastanienholz.

»Du hast dir einen Bauch zugelegt, mein Lieber«, sagte Claude trocken.

Frédéric klopfte auf seine kaum sichtbaren Rundungen.

»Ja und? Es geht mir gut. Die Sache mit – na ja, mit meiner Schwester Francine, die geht mir nicht mehr so im Kopf herum. Ich schlafe auch viel ruhiger.«

»Schön zu hören.«

»Wie geht es Amélie?« Frédérics Blick war gespannt, er ließ Claude nicht aus den Augen.

»Ganz gut. Wir heiraten in sechs Wochen.«

Claude schnitt das letzte Stück Fleisch durch und spießte es auf die Gabel. Als er aufschaute, fiel sie ihm aus der Hand und landete mit einem Scheppern zwischen Teller und Weinglas. Frédéric saß vor ihm mit offenem Mund und schreckerfülltem Blick, reglos, starr. Dann zog er die Augenbrauen weit hinunter und starrte ihn drohend an.

»Du?«

Claude verschluckte sich und begann zu husten.

»Du?!« Frédéric wurde lauter und beugte sich vor. Claude wurde unwohl zumute. Er hob in einer Unschuldsgeste die Hände.

»Ich schwöre – es kam so über mich.«

»Was genau kam über dich?!«

Die anwesenden Gäste wandten ihnen die Köpfe zu.

»Na, dich zu verarschen, du Blödmann!« Claude kniff seine Augen zusammen und machte sich groß. Es fühlte sich verdammt gut an, seinem alten Gegenspieler eins auszuwischen. Lambert atmete hörbar aus.

»Du bist verrückt, Frédéric. Glaubst du wirklich, ich würde Amélie heiraten? Und ich dachte, du würdest seit dem letzten Fall den Unterschied zwischen bi und schwul verstehen …«

Lambert lehnte sich zurück und drehte das Weinglas in seiner Hand.

»Ich hätte dir sämtliche Knochen gebrochen, wenn du sie angerührt hättest.«

Wider Willen verspürte Claude bei diesen Worten ein wenig Rührung. Er ging das Risiko ein, gleich den restlichen Wein im Gesicht zu spüren. »So schlimm noch?«, fragte er.

Lambert schluckte, dann grinste er. »Von mir hörst du nichts mehr.«

»Also immer noch verliebt.«

Lambert zog seine Geldbörse aus dem Jackett, ohne das Dessert abzuwarten.

»Warum reitest du darauf herum? Tut es dir gut, mich niederzumachen?«

Er warf einen großen Geldschein auf das Tischtuch. Claude zögerte eine Weile, dann sagte er: »Ja, es hat gutgetan. Aber trotzdem entschuldige ich mich, das war gemein von mir.« Er wollte es sich eigentlich nicht mit Frédéric verscherzen, doch es juckte ihn immer noch in allen Fingern. Er riss sich zusammen und nahm sich vor, die nächsten Tage ohne Sarkasmus und Blödsinn auszukommen. Schließlich hoffte er, möglichst viel von den Ermittlungsergebnissen aufschnappen zu können.

»Geschenkt, Claude.« Frédéric schaute ihn offen an. Claude kam sich plötzlich schäbig vor.

»Es wird nicht mehr vorkommen, Fredy, ehrlich.«

Als der alter Spitzname fiel, beruhigte sich der Kommissar vollends. Gemeinsam verließen sie das Restaurant. In der Tür blickte Lambert sich noch einmal um und sagte: »Hier war ich schon mal mit Amélie.«

»Was hindert dich daran, es zu wiederholen?«

Lambert lächelte.

* * *

»Notre Père qui es aux cieux!

Que ton nom soit sanctifié;

que ton règne vienne;

que ta volonté soit faite

sur la terre comme au ciel …«

Die Kinderstimme hallte von den hohen Scheunenwänden wider. Er kniete auf der Gebetsbank, lauschte ihrem zarten Timbre und betete mit, bewegte stumm die Lippen. Der kleine Jean-Luc hatte gut auswendig gelernt. Marcel Lebout dagegen war ein Faulpelz und hatte einen Rutenstreich auf die Hand erhalten, wonach er sich schmollend auf sein Bett verzogen hatte. Er seufzte. Was lernen die Kinder eigentlich im Religionsunterricht? Die Suren des Korans?

»Je vous salue, Marie pleine de grâce, le Seigneur est avec toi.Vous êtes … vous êtes …«

Jean-Luc stockte, sodass er ihm weiterhalf.

»Vous êtes bénie entre toutes les femmes et Jésus …«

Nun ratterten die Worte aus dem Mund des Jungen. Die Befriedigung darüber konnte ihn jedoch nicht von dem Schmerz ablenken, der wieder eingesetzt hatte. In seinem Hinterkopf pochte und stach es. Die Nacht war unruhig gewesen: Marcel hatte pfeifend ausgeatmet und manchmal gehustet, immer dann, wenn er gerade in den Schlaf gleiten wollte. Er konzentrierte sich auf das Gebet, auf die demütige, beruhigende Stimmung, die diese Lobpreisung heraufbeschwor. Er glaubte sich zurückversetzt in seine Kindheit und Jugend, in der er als Messdiener auf den harten Stufen vor dem Altar gekniet hatte. Damals war alles so einfach und klar gewesen. Wie hätte man sich dem entziehen können – dem Weihrauch, der in das Kreuzgewölbe stieg, den schimmernden Gewändern, die der Priester zu Ehren Gottes anlegte, der Gänsehaut, die beim Brausen der Orgel entstand? Dort, in dieser Welt der abstrakten und doch so berührenden Göttlichkeit, hatte er sich heimisch und geborgen gefühlt. Sie widersprach allem, was er als Kind außerhalb der Kirche erlebt hatte – die zänkischen Worte seiner Mutter, die Gleichgültigkeit seines Vaters, der früh verstarb und ihn nicht mehr auf den richtigen Weg leiten konnte. Erst Onkel Raoul hatte ihn verstanden. Er hatte dafür gesorgt, dass er den ihm vorbestimmten Weg fand. Und ausgerechnet Onkel Raoul hatte ihn verraten, schmählich verraten. Raoul konnte nicht mehr büßen, doch die anderen, sie würden leiden, wenn sie nicht das taten, was er wollte. Das Geld war erst der Anfang. Es war mehr eine Ablenkung von seinen eigentlichen Zielen, obwohl er es natürlich als Grundlage gut gebrauchen konnte.

Das Gebet war beendet, er schrak aus seinen Gedanken hoch und drehte sich um. Jean-Luc kniete auf dem Teppich, die Hände gefaltet, und schaute ihn an. Der Ausdruck seiner blauen Augen rührte ihn, er sah aus wie ein kleiner Engel. Er stand auf und beugte sich über den Jungen, strich ihm über das Haar und spürte befriedigt, dass er sich duckte.

»Jean-Luc, hast du etwa Angst vor mir?«

Der Junge kämpfte mit sich, gab sich einen Ruck und sagte: »Ich will nach Hause.«

Die weinerliche Stimme gefiel ihm.

»Aber mein Junge, das wird sich finden.« Er hob den Kopf und blickte mit einer gewissen Verzückung in die Sonnenstrahlen, die durch das Fenster fielen. Der verklärende Glanz tat ihm gut, er wärmte den kahlen Raum. »Ich kümmere mich um dich und den kleinen Racker Marcel.« Als dieser seinen Namen hörte, richtete er sich vom Bett auf und streckte dem Mann seinen Mittelfinger entgegen. Dieser Anblick verschlug ihm die Sprache. Marcels Blick wurde ängstlich und wanderte zu der Weidenrute, die an einem Wandhaken hing und sich leicht im Luftzug bewegte.

* * *

»Seit wann?«, fragte Claude und versuchte, den Schweißausbruch, der das Hemd an seine Haut pappte, zu ignorieren. Ein kalter Wind strich über den Plan de Brie und brachte ihm Abkühlung.

»Ich weiß es nicht«, klagte Amélie und rieb sich über die Arme. »Ich komme gerade von Leutnant Bertin. Sie war ja ungefähr zwei Stunden allein, und als ich kam, war sie fort. Auch einige Sachen von ihr sind verschwunden.«

Claude runzelte die Stirn. »Das passt nicht«, murmelte er, doch Amélie hatte ihn verstanden.

»Ist mir egal, ob das passt oder nicht! Ich will Nathalie wiederhaben! Ich will gar nicht daran denken, was mit ihr …«

Sie konnte nicht weitersprechen, brach in Tränen aus und sank gegen seine Brust. Claude umarmte sie, spürte das Schütteln ihrer Schluchzer und streichelte ihr Haar. Die Menschen auf dem Plan de Brie beobachteten sie. Claude las in ihren Blicken, dass sie wussten, worum es ging. Dort war Madame Barjac mit einer Einkaufstasche, neben ihr eine Nachbarin Amélies, die keine Auskunft zum Verschwinden Nathalies hatte geben können. In einer Viertelstunde würde in ganz Anduze die Nachricht von ihrer vermutlichen Entführung verbreitet sein. Leutnant Bertin stürmte aus der Gendarmerie, gefolgt von Joberton.

»Wohin?«, rief Claude über Amélies Schulter hinweg.

»Lagebesprechung in Alès«, gab Bertin zurück.

»Wo ist Lambert?«

»Kommt gleich nach.« Mit diesen Worten verschwanden die beiden Gendarmen auf dem Hinterhof. Claude hörte, wie der Streifenwagen angelassen wurde, und bald brauste er am Uhrturm vorbei in Richtung Brücke. Claude versuchte, sich seine Hilflosigkeit nicht anmerken zu lassen. Nathalie, die schelmische Nichte, hatte nur wenige Waren in Amélies Atelier eingeräumt, bevor sie verschwunden war. Sie besaß kein portable, sodass eine Kontaktaufnahme ausgeschlossen war. Amélie hatte glaubhaft versichert, dass Nathalie vernünftig genug war, um nicht von sich aus fortzulaufen. Was konnte Claude tun? Wo sollte er ansetzen? Er fühlte sich wie gelähmt und in eine reglose Starre versetzt, aus der er sich nur mit Mühe befreien konnte.

»Hast du mit Lambert gesprochen?«

Amélie schüttelte den Kopf und schaute ihn an. Auf ihren Wangen glänzten die Spuren der Tränen. »Was soll ich nur Catherine sagen?«

»Deine Schwester?«

Amélie nickte.

»Was ist mit dem Vater? Du sagtest, die beiden seien mitten im Scheidungskrieg. Könnte es nicht sein, dass er sie geholt hat, ohne dir Bescheid zu geben?«

»Nein.« Sie setzten sich auf die Bank vor der Kirche. »Ich habe ihn sofort angerufen. Er war total perplex. Er wohnt in Alès. Er hat mich nicht direkt ausgeschimpft, aber ich habe schon aus seinen Worten gehört, dass er mir die Schuld gibt. Er will gleich kommen.« Sie zog die Nase hoch und erinnerte Claude damit an ein kleines, trauriges Mädchen.

»Ach, Liebes, du kannst doch nichts dafür.« Er dachte an die liebevolle Art, mit der Amélie Nathalie behandelt hatte, ganz im Gegensatz zu ihm. Es tat ihm plötzlich leid, anfangs so rüde mit der Kleinen umgegangen zu sein. »Wenn ich nur wüsste, wie ich helfen kann. Du sagst, er sei überrascht gewesen?« Er überlegte mehr laut, als dass er die Frage wirklich an seine Freundin richtete. »Glaubst du ihm?«

Amélie sah ihn erstaunt an. »Ja. Warum denn nicht? Denkst du etwa, er hätte seine eigene Tochter entführt?«

»Du musst Catherine kommen lassen.«

Amélie sank zusammen und glich nur noch einem Häufchen Elend. »Ich kann das nicht.«

»Dann ruf deine Mutter an. Sie soll gleich mit herkommen.«

In diesem Moment brauste ein Sportwagen heran, bog in die Rue Luxembourg ein und kam mit einem lauten Quietschen mitten auf der Straße zum Stehen. Lambert sprang heraus, ohne den Motor abzustellen, und lief die wenigen Meter auf sie zu. Amélie wurde auf ihn aufmerksam, errötete und machte sich von Claudes Hand los. Sie stand auf wie eine Marionette an einer Schnur, ging ihm zwei Schritte entgegen und tauchte in Frédérics Armen unter, die er sofort ausgebreitet hatte. Sein Gesicht drückte Mitleid aus. Na klasse, dachte Claude, lehnte sich zurück und beobachtete den Flug einiger Tauben, die sich nach einer Runde auf den kahlen Bäumen, die den Platz umstanden, niederließen. Er hörte die beiden miteinander sprechen, ohne ihre Worte zu verstehen. Die Gründe, warum Amélie sich ihrem Exfreund anvertraute, entzogen sich seiner Vorstellungskraft, doch er gestand sich ein, dass eine extreme Situation wie diese auch extreme und unerwartete Gefühle hervorrufen konnte. Gleichzeitig nagte der Zweifel an ihm. Er hatte keine Chance, ermittlungstechnisch mit einem Kommissar aus Nîmes mitzuhalten. Lambert hatte viele Hilfsmittel und Möglichkeiten, er selbst würde nur dastehen wie ein Pappkamerad, ohne seiner lieben Freundin wirklich helfen zu können. Nein, Lambert würde ihm dieses Mal den Rang ablaufen, er hatte einfach die besseren Karten. Dann rief er sich in Erinnerung, dass solche eifersüchtigen Gedanken Nathalies Lage um keinen Deut verbesserten. Wenn er nur einen Ansatzpunkt hätte … Die Tatsache, dass mit Nathalie auch einige ihrer Kleidungsstücke verschwunden waren, machte ihm klar, dass der Entführer von seinem Muster abgewichen war, wenn es denn überhaupt der gleiche Täter war. Genauso gut konnte Nathalie von ihrem Vater abgeholt worden sein oder von einem anderen Bekannten oder Verwandten. Diese Spur musste er zuerst verfolgen, schließlich war es die einzige, die er – und auch Frédéric – hatte.

Nun kam Lambert auf ihn zu, Amélie klebte an seiner Hand.

»Salut, Claude. Danke, dass du sie getröstet hast.«

»Schon ok, ich wollte dir deinen Platz aber nicht streitig machen«, schoss es aus Claude heraus. Frédéric senkte drohend seine Augenbrauen, während Amélie resigniert sagte: »Müsst ihr schon wieder anfangen?«

Doch Claude hörte nicht hin, denn ihm war eine Gruppe von Männern und Frauen aufgefallen, die sich geschlossenen Schrittes der Gendarmerie näherte. Je näher sie dem Gebäude kam, desto zögerlicher wurde sie. Nachdem der Mutigste unter ihnen die Tür verschlossen gefunden hatte, ging er auf Kommissar Lambert zu.

»Hören Sie, Monsieur, Sie sind doch von der Kripo, nicht wahr?«

»Ja, was kann ich für Sie tun?«

Da trat eine Frau heran. »Für uns nichts, aber für unsere Kinder. Wie soll das denn hier weitergehen?«

Die anderen Mütter nickten erregt, sprachen durcheinander.

»Müssen wir nun die Kinder unter Polizeischutz stellen?«

»Tun Sie etwas, um die Kleinen zu schützen!«

»Drei Kinder schon. Pardon, Mademoiselle Rocage, aber so ist es doch!«

Lambert hob seine Hände, um die Menge zu beruhigen, die um weitere Passanten angewachsen war.

»Ich versichere Ihnen, das wir alles daran setzen werden, diesen Spuk so schnell wie möglich zu beenden. Panikmache nützt niemandem, nur dem Täter. Außerdem ist noch gar nicht klar, ob alle Entführungen miteinander zu tun haben. Wir …«

Amélie, die sich wieder neben Claude gestellt hatte, murmelte: »Das wollte ich nicht.«

Nun trat die Rektorin der Grundschule, in ein dezentes Kostüm gekleidet, zu Lambert und unterbrach ungeniert dessen Redefluss. Claude tat so, als wollte er zum Papierkorb, der in der Nähe stand. Während er seine Jackentasche von Papiertaschentüchern und klebrigem Bonbonpapier befreite und den Abfall im Mülleimer versenkte, bekam er mit, dass einige Eltern ihre Kinder bereits für die nächsten Tage vom Schulunterricht abgemeldet hatten. Er hatte genug erfahren und schlenderte zu Amélie, die ebenfalls näher getreten war.

»Hast du das gehört?«, fragte sie und biss sich auf die Lippe.

Claude fiel es schwer, ein Machtwort zu sprechen, aber er tat es. Er zog sie von der Menschenansammlung zurück in den Schutz der Säulen des Kirchenportals.

»Hör jetzt mal auf, dir ständig die Schuld zu geben«, flüsterte er ihr eindringlich zu. »Nein, du bist nicht schuld. Schuld ist der Täter. Das musst du dir immer vor Augen halten. Sei nicht schuldbewusst, sondern verdammt wütend auf diesen Scheißkerl, hörst du? Das wird dir guttun.«

Da schaute Amélie ihn an, als hätte sie eine Erscheinung. Sie richtete sich auf und reckte ihre Schultern. »Du hast recht. Wenn ich mich schuldig fühle, hat er gewonnen, nicht wahr?«

»Genau.« Claude atmete auf. Er hatte das Gefühl, ihr wirklich den Trost gegeben zu haben, den sie gebraucht hatte. Und nun fiel ihm auch ein, dass er durchaus einen Vorteil gegenüber dem Kommissar geltend machen konnte, was ihn erleichterte und ihm neuen Mut gab.

»Ich werde dir helfen. Ich werde das tun, was Frédéric nicht darf. Ich werde dort suchen, wo Frédéric nicht suchen darf, verstehst du?«

Sie nickte. »Gut: Ich beauftrage dich ganz offiziell, damit Frédéric Bescheid weiß. Ihr müsst zusammenarbeiten.«

Diese Aussicht behagte Claude nicht, doch er gab sich zufrieden.

»Aber ich werde dir nichts berechnen, das weißt du.«

»Hauptsache, du lässt dich nicht wieder auf illegale Dinge ein, Claude.«

Er unterdrückte ein Grinsen. Das wäre ja etwas ganz Neues, dachte er. Lambert sprach immer noch auf die Gruppe ein, psalmodierend, beruhigend – der geborene Prediger.

»Du kennst mich«, besänftigte er.

»Eben«, erwiderte sie und lächelte mit einem Mal ihr bezauberndes Lächeln.

* * *

Er saß in einer Brasserie in der Innenstadt von Anduze und trank einen Kaffee. Der Mann hinter dem Tresen sang leise ein getragenes Chanson und wischte sich nach dem Einräumen von Flaschen ins Regal über die Halbglatze. Der Kaffee tat ihm gut, er entspannte ihn vor der nächsten schwierigen Aufgabe, die er noch vor sich hatte. Als er wieder auf den Plan de Brie hinausschaute, bemerkte er einen Menschenauflauf. Vor der Gendarmerie stand ein Mann, der mit heftigen Armbewegungen die Menge zu beruhigen versuchte. Seine Hand umklammerte die kleine Tasse, drückte zu, bis die Knöchel weiß wurden. Dort waren sie, die Menschen, die er das Beten lehren musste. Die Säulen der Kirche ragten hoch empor, die dunklen Türen dahinter waren geschlossen, doch er musste noch einmal hinein, es musste ja vorangehen. Ungern hatte er seine Zöglinge alleingelassen, allerdings waren sie es ja gewohnt. Er musste schließlich seiner geregelten Arbeit nachgehen. Die Scheune war so abgelegen, dass sich kein Wanderer, kein Landwirt dorthin verirrte. Warum sie überhaupt dort errichtet wurde, konnte er nicht nachvollziehen, so karg und öd wie das Land dort war. In der Senke von Alès war der Boden ergiebiger, der Fluss nährte die Äcker, und die Getreide- und Weinfelder ringsum gediehen. Früher waren es Oliven gewesen, noch früher Maulbeerbäume zur Aufzucht der Seidenraupen. Doch was war nur aus Anduze geworden? Gottlos und faul waren die Bewohner, lebten von der Stütze und ebenso gottlosen, protestantischen Touristen aus den Niederlanden. Gewiss, auch in Alès gab es soziale Brennpunkte, in denen Muslime wohnten, die allesamt dem Teufel anheim fallen würden. Doch die Anduzer, die konnte er retten, aber erst, wenn sie dazu bereit waren. Die Kinder waren gut verwahrt. Mit jeder Stunde, die sie länger von ihrem Zuhause entfernt waren, spürte er die Macht über die Eltern und alle, die sich mit ihnen fürchteten, wachsen. Er wähnte sich der allumfassenden Zufriedenheit näher als je zuvor. Er führte die Tasse an die Lippen, als sein Blick auf den Platz fiel. Dort vor der Kirche saß ein Paar zusammen auf der Bank. Das Zittern seiner Hand setzte sich in Ringen auf dem Kaffee fort. Er stellte das Getränk ab. Das war er, der schwule Detektiv aus Anduze, einer der rücksichtslosesten und schamlosesten Zeitgenossen. Ihn würde er nicht retten, niemals. Seine Augen hingen an der Gestalt. Der Mann stand auf und mischte sich unter die Menge, die erregt auf den anderen Mann, wahrscheinlich ein Kriminalbeamter, einsprach. Dann warf er etwas in den Mülleimer und kehrte zu der Frau zurück. Nun hatte er lange genug gewartet. Die Kaffeetasse war geleert, er legte einen Geldschein auf den Tisch und machte sich bereit.

* * *

Aus den Augenwinkeln erkannte Claude den in Grau gekleideten Pfarrer Flabert. Er drehte seinen Kopf und spürte, wie er blass wurde, denn der Pfarrer winkte ihn heran und schaute sich immer wieder zum Portal der Kirche um.

»Was hat er?«, fragte Amélie.

»Keine Ahnung, ich werde es gleich erfahren«, sagte Claude und tätschelte ihre Hand, bevor er sich in Bewegung setzte. Der Pfarrer atmete auf, als Claude neben ihm stand, und kam gleich zur Sache.

»Claude, da drinnen ist ein Mann, den ich noch nie gesehen habe. Zufällig habe ich ihn reingehen sehen. Er sah nicht aus wie ein Tourist, eher wie einer von hier. Seit dem ersten Fund bin ich etwas nervös, und es wäre mir lieber, wenn du mal nachschaust.«

»Klar, Monsieur Flabert, dann gehe ich mal rein. Kümmern Sie sich um Amélie, bitte.«

»Die Arme«, sagte der Pfarrer und ging auf Amélie zu, die darauf wartete, dass Lambert seine Ansprache an die verängstigten Anduzer endlich beendete. Claude trat lautlos durch die rechte der Türen in die Kirche ein und schob die Innentür auf. Kühle Luft schlug ihm entgegen. Er schaute sich im großen Innenraum um. Niemand hielt sich hier auf, Staubkörnchen tanzten im Sonnenlicht. Die Pfeiler und Nischen jedoch lagen im Dunkeln und eigneten sich hervorragend als Versteck. Claude überlegte, den Pfarrer herbeizurufen, damit dieser den Verdächtigen am Verlassen der Kirche hindern konnte, doch er zweifelte daran, dass ein Gottesmann ihm wirklich von Nutzen sein würde. Er begann mit seiner Suche rechter Hand in der Ecke, in der auf einem Tisch diverse Prospekte angeordnet waren. Die Tür zum Nebenraum war verschlossen. Als er einen Blick zur Kanzel mit den gedrechselten Holzverzierungen warf, bemerkte er eine Bewegung. Er drehte sich auf dem Absatz herum und sah eine mittelgroße Gestalt, die aus dem Schatten an der gegenüberliegenden Wand auftauchte und zur Tür eilte. Claude rannte los, quer durch die hellen Sitzbänke, die im Halbkreis um den Altar standen. Die Gestalt, ein Mann mit einem Hut und einer Aktentasche, würde bald die Tür erreicht haben. Claude riss seine Beine hoch und staunte über den Sprung, mit dem er gerade über die letzte Bankreihe gesprungen war. Als der Mann sich gegen die Tür warf, war Claude kurz hinter ihm und versuchte, die Tür zu schließen, um den Verdächtigen aufzuhalten. Mit seinem Körper war dieser bereits nach draußen gelangt, nur sein Fuß blieb im Türspalt stecken. Er ist bestimmt gestürzt, dachte Claude und öffnete die Tür, um nach seinem Opfer zu sehen. Doch der Mann war flink wie ein Wiesel. Er hatte sich aufgerafft und lief davon. Claude musste seine Jacke, die er mit den Fingerspitzen noch erwischt hatte, loslassen. Dafür bückte er sich nach einem Zettel, der dem Mann wohl aus der Aktentasche gefallen war, stopfte ihn in die Jackentasche und setzte seine Jagd fort.

»Lambert!«, schrie Claude quer über den Platz. »Frédéric, komm her!« Die Menschen schauten sich nach ihm um, doch er hatte keine Zeit, deutlicher zu werden, denn er hetzte hinter dem Kerl her, der seine Tasche an sich presste. Claude hoffte inständig, dass Pfarrer Flabert reagieren und den Kommissar über den Sachverhalt aufklären würde. Der Mann hatte bereits ein gewaltiges Stück zurückgelegt. Die Geschwindigkeit, die er vorlegte, ließ Claudes Hoffnung schwinden. Seine Arme bewegten sich gleichmäßig vor und zurück wie die Achsen einer Dampflok, sein Mund war zu einem Schlitz verzogen, durch den er die Luft einsog. Er lief nicht gern, doch wenn er sein Rad hier gehabt hätte … Der Fremde sprintete die Rue Pelicot entlang und bog einige Male ab, sodass Claude an den Ecken inne- und nach ihm Ausschau halten musste. Schließlich gelangte er auf den Parkplatz des Super U, auf dem die Kunden ihre Einkäufe in ihre Autos packten. Er hatte gerade noch bemerkt, dass der Täter – denn nur ein Täter würde vor ihm flüchten – in den Supermarkt gestürzt war. Er frohlockte. Von dort würde er nicht entkommen. Er wich Einkaufswagen aus und hätte beinah die gläserne Automatiktür gerammt, die sich seinem Empfinden nach nur im Zeitlupentempo öffnete. Zwischen den Gängen verließ ihn das Glück, und er verlor die Übersicht. Er rempelte Menschen an, drängte sich durch die Schlange vor der Fleischtheke und blieb dann stehen, schwer atmend und verwirrt. Hier ein Hut, der allerdings einem alten Bauern gehörte, dort eine Jacke, die der des Verfolgten ähnlich sah, doch da er den Mann so gut wie gar nicht erkannt hatte, konnte er sie nicht mit Gewissheit zuordnen.

»Merde«, fluchte er und trat vor den Stapel mit Milchkartons. Als er merkte, dass der Marktleiter mit einem verärgerten Gesicht auf ihn zusteuerte, entschloss er sich zum Rückzug. Er entdeckte die offene Tür des Lagerraumes, entkam durch die Hintertür und anschließend über das Nachbargrundstück, sodass er plötzlich an der Traverse Espagnac stand. Der Verdächtige war wahrscheinlich auf die gleiche Weise entkommen, doch die Straße war inzwischen leergefegt. Die Sirene eines Polizeiwagens hallte zwischen den Hauswänden. Frédéric Lambert kam jedoch zu spät.

* * *

Bertin und Lambert beugten sich über den Bericht, den die Forensik in Nîmes ihnen gefaxt hatte. Sie befanden sich auf der Polizeistation in Alès, einem hellen Bau, der das Abendlicht bis in die Flure hereinließ.

»Das ist nur folgerichtig«, sagte Bertin und tippte mit den Fingern auf den in einer Plastiktüte eingeschweißten Zettel, den der Pfarrer nach dem Besuch des Fremden in der Kirche gefunden hatte. Lambert nahm ihn in die Hand und hielt ihn mitsamt der Hülle gegen das Licht. Ein schwaches Wasserzeichen zeigte sich im Schein der Deckenlampe auf dem Papier. Im Nebenzimmer hörte man die Stimmen der versammelten Mitglieder der Sonderkommission, die aus Nîmes angereist war.

»Und hier das gleiche Wasserzeichen, also die gleiche Quelle wie beim ersten Schreiben: das katholische Priesterseminar in Issy-les-Moulineaux«, stellte Lambert fest.

»Kenn ich nicht«, brummte Bertin.

»Eine katholische Spitzenuni sozusagen, in der Nähe von Paris. Daher kommen die besten Theologen Frankreichs.«

»Wie kommt das Wasserzeichen in eure Datenbank?«

»Wir haben die Wasserzeichen aller wichtigen Firmen und Institute. Ist ja nicht so viel. Wer lässt sich heutzutage schon Papier mit Wasserzeichen herstellen? Ist ja viel teurer als normales Druckerpapier.«

»Ob der Entführer nicht daran gedacht hat, dass ihn das Papier verraten könnte? So blöd kann er doch nicht sein«, gab Bertin zu bedenken. »Und überhaupt sehr seltsam, dieser katholische Hintergrund. Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Das klingt irgendwie bedrohlich.«

»Ich vermute, der Kerl will eine falsche Spur legen. Gleich unter dieser Drohung wird klar, dass er auf das Geld scharf ist: Es soll in drei Tagen um achtzehn Uhr in einem Papierkorb des Super U an der Route d’Uzès in Alès deponiert werden.«

»Die Eltern der Kinder sind arm wie Kirchenmäuse. Woher sollen die das Geld nehmen?«

»In drei Tagen kann man das Geld wohl bei den Banken leihen, denke ich. Außerdem gibt es da einen Opferfond.«

Lambert rieb sich die Nase. »Das ist schon seltsam. Drei Kinder – das deutet auf Missbrauch hin, auf Pornos und Fotos, die ins Internet kommen. Diese komischen Psalmen oder Sprüche, das deutet auf einen verrückten Täter hin. Und die Erpressung kommt nun dazu. So viele Ansätze, so viele Möglichkeiten. Da ist kein klarer Sinn erkennbar. Der Typ will uns völlig verwirren, und ich befürchte, das gelingt ihm.«

Lambert überlegte angestrengt, seine Zungenspitze schaute zwischen seinen Lippen hervor.

»Hören Sie, Bertin, etwas passt doch zusammen. Erinnern Sie sich an die vielen Skandale um Kindesmissbrauch innerhalb der Kirche?«

»Bien sûr«, nickte Bertin.

»Was ist, wenn sich ein … ich sage mal normaler Pädophiler das Papier beschafft und damit eine falsche Spur gelegt hat? Eine Spur, die zu einem Priester oder einer ähnlichen Person führen soll.«

»Warum der Aufwand? Ein Triebtäter missbraucht ein Kind und lässt das Opfer zurück. Der kümmert sich doch nicht um ausgefeilte Ablenkungen oder um Geld. Hier haben wir zwei, vielleicht sogar drei Opfer auf einmal. Da denke ich eher an Kinderhandel, aber auch dann würde der Täter niemals mit irgendwelchen Aktionen den Verdacht auf sich ziehen.«

»Kinderhandel …«, murmelte Lambert und biss sich auf die Lippe. Bertin verstand. Amélie lag dem Kommissar am Herzen.

»Was wollen Sie denen da drinnen jetzt auftragen?«, fragte der Gendarm und wies mit dem Kopf auf die Tür. Lambert atmete tief ein und legte das Beweisstück wieder auf den Tisch.

»Alles. Wir ermitteln in alle Richtungen – wir dürfen keine Möglichkeit auslassen, vom Priester bis zum Menschenschmuggler.«

Bertin nickte. »Ist ein Profiler da in Ihrer Mannschaft?«

»Nein. Wir müssen erst alle Maßnahmen ergreifen, um mehr herauszufinden. Pfarrer Flabert hat eine Beschreibung abgegeben, nach der die Kollegen ein Bild erstellt haben. Damit fangen wir an. Wir schaffen das auch allein, ohne diese Super-Schnüffler aus Montpellier.«

Bertin grinste, denn er wusste um die berufliche Rivalität, die zwischen den Kommissariaten herrschte. Montpellier sollte Nîmes natürlich nicht die Lorbeeren stehlen.

»Wenn meine Inspektoren morgen nach Anduze kommen, müssen sie alles perfekt vorfinden. Haben Sie einen Raum, in dem meine Leute arbeiten können?«

Der Leutnant wiegte den Kopf und runzelte die Stirn.

»Ich werde einen der Bistrobetreiber fragen, ob er uns seine Räume öffnen kann. Ist ja ohnehin alles geschlossen, da stören wir niemanden. Direkt am Plan de Brie.«

»In Ordnung. Aber mit Internetanschluss und so weiter. Noch etwas: Was machen wir mit Claude? Amélie hat ihn beauftragt, ohne das mit mir abzusprechen. Ich konnte es ihr nicht mehr ausreden.«

»Wir müssen ihn beschäftigen, damit er uns nicht im Weg ist. Vielleicht kann er schon mal die jährlichen Listen der Absolventen dieser Priesterschule durchgehen, bis wir Genaueres wissen«, schlug Bertin ohne Gewissenbisse vor.

»Perfekt. Die werde ich sofort anfordern. Da kann er sich eine Zeit lang austoben.« Lambert rieb sich die Hände und warf einen Blick hinaus auf den Feierabendverkehr, der die Stadt lähmte. Die Ringstraße glich einer Blechkarawane. Lambert hoffte, gleich schnell nach Anduze fahren zu können, um Amélie noch einmal aufzusuchen. Er nahm seine Unterlagen und ging in das angrenzende Büro. Bertin folgte ihm.

* * *

Als Claude sich in den gemütlichen Sessel setzte, gelang es ihm, seinen Kopf rechtzeitig vor der Dachschräge zu schützen. Er tauschte einen Blick mit Amélie. Ihre Augen waren gerötet vor lauter Weinen. Neben ihr auf dem Sofa saßen Mutter und Schwester, die ebenfalls Tränenspuren auf den Wangen hatten. Am liebsten wäre er wieder gegangen, doch Amélie hatte ihn angerufen, damit er mit seinen Ermittlungen beginnen konnte. Nach seinem Fehlschlag vom Nachmittag konnte er ihre Bitte kaum ausschlagen, und damit er sich vor sich selbst rechtfertigen konnte, hatte er vor diesem Treffen die Häuser dieser Straße, die direkt am Fluss lag, aufgesucht und alle Bewohner, die gerade anwesend waren, nach Hinweisen befragt. Man kam ihm freundlich entgegen, jeder nahm Anteil an Amélies und Nathalies Schicksal, doch niemand hatte etwas Auffälliges bemerkt. Eine Frau hatte beim Gang zum Einkauf Nathalie im Hinterhofatelier gesehen, jedoch nicht mehr auf dem Heimweg. Das grenzte die Zeit ein wenig ein, war aber sonst nicht weiter hilfreich.

»Hören Sie,« sagte Catherine, die fast einen Kopf größer war als Amélie und ihn aus grauen Augen abschätzig musterte. »Das war mein Mann, mit Sicherheit. Er will mir Angst machen. Dabei weiß er genau, dass er mit seinem Sorgerechtsantrag nicht durchkommen wird. Ist es nicht so, Mutter?«

Madame Rocage, eine gepflegte Frau in den Fünfzigern, die Amélie die Haarfarbe und die runden Augen vererbt hatte, presste ihre Lippen kurz zusammen und sagte dann: »Catherine, er wird nicht gewinnen, das ist klar. Aber dass er seine eigene Tochter entführt haben soll …«

»Antoine wird gleich eintreffen«, sagte Amélie, woraufhin Catherine aufsprang. Claude spürte, wie das Gespräch an Härte zunahm. Vergessen waren die gemeinsam vergossenen Tränen. Er rutschte auf seinem Sessel hin und her und musterte die geschmackvollen, dunkelroten Vorhänge, die das Fenster bedeckten. Draußen herrschte fast Dämmerung, und im warmen Licht zweier moderner Stehlampen hätte man sich wohlfühlen können, wenn nicht …

»Mon Dieu, du hast ihn doch nicht etwa angerufen?!«

»Ja, warum nicht. Es ist doch auch sein Kind.«

»Auf wessen Seite stehst du eigentlich?« Catherine stemmte die Arme in die Hüften.

»Auf Nathalies Seite.« Alle Augen richteten sich auf Claude, der nun seinen Hut in den Ring geworfen hatte. Während Amélies Augen gerührt glänzten, starrte Catherine ihn feindselig an.

»Sie meinen also, ich wäre nicht auf der Seite meiner Tochter?«

»Catherine«, wollte Amélie besänftigen, doch ihre Schwester beugte sich zum Sofa hinunter. Claude wusste nicht, warum, doch der feste, durchtrainierte Körper und die asketisch anmutenden Gesichtszüge, die von üppigen, braunen Haaren eingerahmt wurden, waren ihm nicht sympathisch, Schwester hin oder her. Catherine sah aus, als würde sie einen schweißtreibenden Leistungssport betreiben.

»Amélie, wenn du an diesen Blödsinn mit deinem schwulen Detektiv glaubst, ist das deine Sache. Von mir wird er nichts erfahren. Ich gehe zur Polizei, damit endlich mal jemand mein Kind sucht.«

Claude verdrehte die Augen. Er hätte so viele Fragen gehabt: Seit wann lebte sie getrennt von ihrem Mann? Warum hatten sie sich getrennt? Wie war die momentane Sachlage im Scheidungsprozess? Hatte sie Nathalie wirklich zu Amélie gegeben, um sich auszuruhen? Oder hatte sie ihre Tochter versteckt? Die ablehnende Haltung machte seine Arbeit unmöglich. Als Amélies um Verzeihung flehender Blick ihn traf, lächelte er und stand auf.

»Es hält Sie niemand«, sagte er und hielt die Tür zum Flur auf. Amélies Mund klappte auf, und ihre Mutter schüttelte den Kopf, während sie sich die nächsten Tränen abtupfte.

»Was erlauben Sie sich?!«, rief Catherine, bevor sie auf ihn zusprang und ihm eine Ohrfeige versetzte, die sich gewaschen hatte. Amélie lief zu ihr und zog sie am Arm zurück. Claude rieb seine Wange und versuchte, sein Atmen zu entschleunigen.

»Catherine, entweder du wirst jetzt vernünftig, oder du gehst. Ich kann dir so jedenfalls nicht helfen«, forderte Amélie, doch ihre Schwester gab zurück:

»Du hast schon genug gehoffen! Deinetwegen ist Nathalie doch weg!«

»Jetzt hört endlich auf zu streiten! Ihr seid hier nicht zu Hause!«, mischte Madame Rocage sich ein.

Soviel zum Thema Geschwisterliebe, dachte Claude und griff zu seiner Jacke, die auf der Sessellehne lag.

»Ich mach mich dann mal auf den Weg zur Polizei. Vielleicht gibt es ja noch einen Suchtrupp. Die Spürhunde sollten eigentlich kommen. Hoffentlich hat das geklappt.«

Da Catherine gerade an der Bemerkung ihrer Mutter herumnörgelte, trat Amélie mit ihm in den Flur hinaus.

»Es tut mir leid, Claude«, sagte sie und schaute noch einmal kurz durch den Türspalt.

»Ich weiß nicht, was in sie gefahren ist. Catherine war ja immer schon etwas schwierig, aber …«

»Das ist der Kummer, ich verstehe das. Liebes, mach dir um mich keine Sorgen. Geh gleich zu Bett. Morgen werden wir mehr wissen.«

»Danke, dass du hier warst. Ich glaube, ich rufe Antoine besser an, damit er zu Hause bleibt.«

»Gute Idee. Irgendwie tut der Arme mir leid.«

Amélie grinste. »Ja, es war bereits länger eine vertrackte Beziehung.«

»Macht deine Schwester eigentlich Sport?«

Amélie hob ihre Schultern. »Soviel ich weiß, hat sie vor zwei Jahren mit der Leichtathletik aufgehört.«

Während Claude sich Catherine als hammerschwingende Walküre vorstellte, öffnete er die Tür und hätte beinahe die klopfende Hand Lamberts an seiner Stirn gehabt. Dieser zuckte zurück und fasste sich.

»Salut, Claude, warst du fleißig? Hallo, Amélie, die Klingel ist kaputt.«

»Der Retter in der Not kommt«, seufzte Claude. »Dann versuch du mal, die Wogen zu glätten.«

»Welche Wogen?«

Doch Claude küsste Amélie auf die Wangen und stieg die Treppe hinab.

»Morgen kommst du mal aufs Revier. Wir müssen reden«, rief Lambert noch hinter ihm her. Claude ging zu Fuß über die Gardonbrücke in Richtung Stadtmitte. Der Fluss rauschte und brauste unter ihm. Er blieb stehen, schaute hinunter in die rötlich schimmernden Fluten und ließ seine Gedanken schweifen. Wo mochten die Kinder jetzt sein? Sie waren sicherlich einsam, traurig und voller Angst. Das Wasser floss und gurgelte gleichmäßig, die Felshänge rechts und links der Stadt standen schweigend im letzten Abendlicht. Er ging weiter, über den Parkplatz, am Plan de Brie entlang. In der Gendarmerie brannte noch Licht, ebenso im Bistro neben Lucas’ Brasserie. Komisch, der Besitzer hatte doch den Laden über den Winter geschlossen, dachte Claude. Er trat näher und schaute durch ein Fensterchen. Im Gastraum waren Männer damit beschäftigt, Computer auf die Tische zu stellen und Kabel zu verlegen. Dass sie Polizisten aus Nîmes waren, erkannte Claude beim ersten Blick auf ihre betont lässigen Klamotten, unter denen sie Waffen im Holster trugen. Lambert hatte nicht lange gezögert und sofort in die Vollen gegriffen. Doch wo waren die Spürhunde, die nun an Nathalies Jeans hätten schnüffeln und auf die Suche gehen sollen? Claude fühlte sich so hilflos, dass er mit der Hand gegen eine Hauswand schlug. Morgen würde er loslegen. Erst zu Lambert, dann zu Nathalies Vater.

Madame Barjac lag auf der Lauer wie ein Wachhund. Kaum war Claude die Stufen zur Haustür hinaufgestiegen, schoss sie aus ihrer Wohnung heraus und rief: »So warte doch, mein Junge.«

Dann löcherte sie ihn mit Fragen. So gut es ging befriedigte er ihre Neugier und erzählte unverfängliche Dinge. Im Gegenzug erfuhr Claude, dass Leutnant Bertin in der Tat seit vier Wochen allein in seiner Wohnung lebte. Seine Frau hatte ihn verlassen, als sie einen Mann kennengelernt hatte, der nicht ständig Überstunden leistete. Claude verspürte ein wenig Mitleid mit dem Gendarmen.

Als er in seine Wohnung trat, überkam ihn die Müdigkeit. Virenque strich ihm immer wieder um die Beine, sodass er fast gestolpert wäre, und schaute ihn auffordernd an. Claude genoss seine tröstliche Berührung und griff in der Küche mit der einen Hand zur Futterdose und mit der anderen zu seinem portable in der Jackentasche. Sofort vergaß er den Gedanken, telefonisch mit Julien plaudern zu wollen. In seiner Hand lag der Zettel, den der Fremde verloren hatte. Es war ein Kalenderblatt, doch sowohl das Datum als auch die Zeitangaben waren abgerissen worden. Nur ein Name stand dort, säuberlich eingetragen auf einer der Linien: Mahmout Semmadi.