KAPITEL 8

 

General Wellesley war wie ein Spieler, der seine Geldbörse auf den Tisch geleert hatte und nun darauf wartete, dass die Karten auf den Tisch fielen. Es war noch Zeit, das Geld zurückzunehmen und den Spieltisch zu verlassen, doch wenn er je in diese Versuchung geriet, ließ er sich davon nichts bei seinen Adjutanten oder den ranghohen Offizieren der Armee anmerken.

Die Colonels in seiner Armee waren allesamt älter als Wellesley, und er suchte höflich ihren Rat, obwohl er ihn größtenteils ignorierte. Orrock, ein Colonel der Company und Kommandeur des 8. Madras-Regiments, empfahl einen die Flanke umfassenden Marsch nach Osten. Wellesley konnte das einzige Ziel eines solchen Manövers darin sehen, die Armee von der feindlichen Horde zu entfernen. Der General war gezwungen, seinen beiden Williams, Wallace und Harness, mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Sie waren die Kommandeure seiner beiden schottischen Bataillone und ebenfalls seine Brigadeführer.

»Wenn wir uns mit Stevenson zusammenschließen, könnten wir es vielleicht schaffen«, meinte Wallace, und sein Tonfall machte klar, dass die beiden britischen Armeen, auch vereinigt, zahlenmäßig gefährlich unterlegen waren. »Ich habe keinen Zweifel daran, dass Harness meiner Meinung ist, Sir«, fügte Wallace hinzu.

William Harness, der Kommandeur des 78. Regiments, wirkte überrascht, dass man ihn nach seiner Meinung fragte.

»Ihre Sache, wie Sie gegen sie kämpfen, Wellesley«, grollte er. »Bestimmen Sie meine Männer, und ich garantiere Ihnen, dass sie kämpfen. Das kann ich den Bastarden nur raten. Wenn sie es nicht tun, werde ich sie auspeitschen.«

Wellesley verzichtete darauf hinzuweisen, dass niemand zum Auspeitschen übrig sein würde, wenn die Männer nicht kämpften, denn dann würde es keine Armee mehr geben. Harness hätte ohnehin nicht zugehört, denn er nutzte die Gelegenheit, um dem General über die bessernden Wirkungen des Auspeitschens zu predigen.

»Mein erster Colonel liebte es, jede Woche einen gut gepeitschten Rücken zu sehen, Wellesley«, sagte er. »Er nahm an, das trieb die Männer dazu, ihre Pflicht zu erfüllen. Einmal hat er die Frau eines Sergeants auspeitschen lassen, wie ich mich erinnere. Er wollte wissen, ob eine Frau den Schmerz ertragen kann, wissen Sie, und das war nicht der Fall. Das Weib hat sich wimmernd gewunden.« Harness seufzte und erinnerte sich an glücklichere Tage. »Haben Sie Träume, Wellesley?«

»Träume, Harness?«

»Wenn Sie schlafen.«

»Bisweilen.«

»Eine Auspeitschung wird sie stoppen. Nichts bringt Ihnen so guten Schlaf in der Nacht wie die Gedanken an einen gut gepeitschten Rücken.« Harness, ein großer Mann mit buschigen schwarzen Augenbrauen, dessen große Augen ständig missbilligend zu blicken schienen, schüttelte traurig den Kopf. »Ein traumloser Schlaf, davon träume ich! Ist auch gut für den Stuhlgang, wissen Sie?«

»Schlaf?«

»Auspeitschen!«, blaffte Harness ärgerlich. »Stimuliert das Blut, verstehen Sie?«

Wellesley mochte es nicht, Erkundigungen über ranghohe Offiziere einzuholen, doch er ritt zu seinem neuen Adjutanten Colin Campbell.

»Ist im 78. viel ausgepeitscht worden?«, fragte er den Adjutanten, der bis zur Belagerung von Ahmadnagar unter Harness gedient hatte.

»Darüber hat es häufig Gerede gegeben, Sir, aber ich habe nichts davon in der Praxis gesehen.«

»Ihr Colonel scheint sehr von der Praxis des Auspeitschens angetan zu sein.«

»Seine Begeisterung dafür kommt und geht«, sagte Campbell. »Bis vor ein paar Wochen war er noch nicht begeistert, und jetzt ist er es plötzlich. Er hat uns ermuntert, im Juli Schlangen zu essen, obwohl er es nicht befohlen hat. Ich hörte, dass er einige Kobras, in Milch gedünstet, probiert hat, aber darauf stehe ich nicht so sehr.«

»Ah!«, murmelte der General, der die vorsichtig formulierte Botschaft verstand. Harness hatte nicht mehr alle Tassen im Schrank? Wellesley schalt sich einen Dummkopf, weil er bei dem irren Blick des Colonels nicht auf diesen Gedanken gekommen war. »Im Bataillon gibt es doch einen Arzt?«

»Ein Pferd lässt sich zum Wasser führen, Sir, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Der General verstand. Er konnte jetzt nichts gegen Harness’ beginnende Verrücktheit tun, und der Colonel hatte auch nichts getan, was seine Entlassung rechtfertigte. Tatsächlich führte der Schotte, verrückt oder nicht, ein feines Bataillon. Er würde ihn brauchen, wenn er nach Borkardan kam.

Wellesley dachte ständig an Borkardan, obwohl der Ort nur ein Punkt auf der Landkarte war. Er stellte sich das Dorf als eine in Staub gehüllte Hölle vor, wo zwischen dem Trommeln von Pferdehufen große Geschütze donnerten und mörderische Salven die Luft erfüllten.

Es würde Wellesleys erste Feldschlacht sein. Er hatte in genügend Geplänkeln gekämpft und einen Kavallerieangriff geführt, der eine Banditenarmee blutig aufgerieben hatte, doch er hatte nie Geschütze und Kavallerie und Infanterie zusammen befehligt und nie versucht, einem feindlichen General seinen eigenen Willen aufzuzwingen.

Er bezweifelte nicht seine Fähigkeit, ebenso war er überzeugt, dass er inmitten von Staub und Rauch und Flammen und Blut die Ruhe behalten konnte, doch er befürchtete, dass ihn eine Kugel töten oder zum Krüppel machen konnte und die Armee dann in den Händen eines Mannes ohne eine Chance zum Sieg sein würde. Stevenson oder Wallace würden kompetent genug sein, aber Wellesley hielt sie insgeheim für zu vorsichtig, doch Gott behüte eine Armee, die von Harness’ Fanatismus geleitet wurde.

Die anderen Colonels, allesamt Männer der Company, beteten Wallaces Rat nach, sich mit Stevenson zusammenzuschließen, bevor die Schlacht geschlagen wurde, und Wellesley erkannte, dass diese Meinung klug war. Trotzdem weigerte er sich, seine Armee mit der Stevensons zu vereinigen, bevor sie beide Borkardan erreichten. Es blieb keine Zeit dafür. Welche Armee auch immer zuerst den Feind erreichte, musste ihn als Erste angreifen, und die andere musste sich ihm bei der Schlacht anschließen.

Wellesley wusste, dass er seine linke Flanke offen lassen musste, denn dort hinein würden Stevensons Männer stoßen. Der General nahm an, dass er das Gros seiner Kavallerie auf die linke Seite schicken und eines seiner beiden Highland-Regimenter als Bollwerk auf dieser Flanke einsetzen musste, doch darüber hinaus wusste er nicht, was er tun würde, wenn er erst Borkardan erreicht hatte – außer angreifen, angreifen und abermals angreifen. Er sagte sich, wenn eine kleine Armee einer großen Phalanx gegenüberstand, dann sollte sie sich bewegen und den Feind Stück für Stück vernichten, statt zu riskieren, dass sie umzingelt und zur Kapitulation gezwungen wurde.

Borkardan am vierundzwanzigsten September, das war das Ziel, und Wellesley ließ seine Männer hart marschieren. Die Vorhut der Kavallerie und die Feldwache der Infanterie wurden um Mitternacht geweckt, und eine Stunde später, als alle hellwach wie der Rest der Armee waren, begann der Marsch nach Norden.

Um zwei Uhr marschierte die ganze Armee. Hunde bellten, als die Vorhut der Kavallerie durch die Dörfer ritt, und den Reitern folgten schwere, von Ochsen gezogene Geschütze, marschierende Highlander und lange Reihen von Sepoys unter ihren Fahnen.

Zehn Meilen westlich davon marschierte Stevensons Armee parallel zu Wellesleys Männern. Zehn Meilen waren ein halber Tagesmarsch, und wenn eine der beiden Armeen vom Feind angegriffen wurde, konnte die andere ihr nicht helfen. Alles hing von ihrem Zusammentreffen bei Borkardan ab.

Die meisten der Männer ahnten nicht, was sie erwartete. Sie spürten die plötzliche Eile und nahmen an, dass es eine Ankündigung der Schlacht war, doch obwohl die Gerüchte besagten, dass der Feind eine Riesenhorde war, marschierten sie zuversichtlich. Sie murrten natürlich wie alle Soldaten, beschwerten sich, dass sie hungrig waren, fluchten, weil sie durch den Pferdemist der Kavallerie marschieren mussten, und schimpften auf die schwüle Hitze, die auf dem Marsch durch die Nacht kaum erträglicher wurde.

Jede Marschetappe endete am Mittag. Dann schlugen die Männer ihre Zelte auf und streckten sich im Schatten aus, während die Feldwache-Posten aufstellte, die Kavalleristen die Pferde tränkten und die Männer der Verpflegungsstelle Ochsen für die Fleischrationen schlachteten.

Die Kavalleristen waren am meisten beschäftigt. Ihre Aufgabe war es, vorauszureiten und die Armee zu flankieren, um jede feindliche Vorhut zu vertreiben, sodass Sindhia nicht wusste, dass die beiden Armeen der Rotröcke auf ihn zumarschierte.

Jeden Morgen, wenn der östliche Horizont grau, dann rosafarben, golden und rot wurde, um schließlich zu greller Helligkeit zu explodieren, suchten die Patrouillen vergebens nach irgendwelchen Feinden. Die Marathen-Reiter ließen sich nicht blicken, und einige der Kavallerieoffiziere befürchteten, der Feind könnte wieder entwischt sein.

Als sie sich Naulniah näherten, Wellesleys letztem Biwak, bevor er durch die Nacht nach Borkardan marschieren würde, befahl der General seine Patrouillen näher zur Armee. Sie sollten nur ein, zwei Meilen vor seiner Kolonne reiten.

Wenn der Feind schlief, erklärte er seinen Adjutanten, sei es am besten, ihn nicht zu wecken. Es war Sonntag, und wenn der Feind immer noch mit dem durbar beschäftigt war, würde am nächsten Tag die Schlacht stattfinden. Noch ein Tag, an dem die Befürchtungen die Hoffnung störten, doch Wellesleys Adjutanten waren anscheinend sorglos genug, als sie die letzten paar Meilen nach Naulniah marschierten.

Major John Blackiston, ein Pionier von Wellesleys Stab, reizte Captain Campbell, indem er sagte, dass die Getreideernten der Schotten kaum erwähnenswert waren. »Nur Hafer, nicht wahr, Captain?«

»Sie haben noch keine Gerste gesehen, bevor Sie in Schottland waren, Major«, erklärte Campbell. »Prächtige Gerste. In einem Feld schottischer Gerste können Sie ein ganzes Regiment verstecken.«

»Ich wüsste nicht, warum ich so etwas tun sollte, aber zweifellos werden Sie Ihre Gründe haben. Wie ich das verstanden habe, Campbell, habt Ihr heidnischen Schotten keinen Grund für ein Erntedankfest, oder?«

»Sie haben noch nicht vom kirn gehört?«

»Kirn?«

»Erntedankfest nennt ihr es, wenn ihr die kümmerlichen Unkrautfelder in England abgrast und dann uns großzügige Schotten bittet, euch Nahrung zu schicken. Was wir tun, denn wir sind ein christliches Volk, das Mitleid mit denen hat, die weniger glücklich sind als wir. Und da wir von den weniger Glücklichen sprechen, Major, hier ist die Krankenliste.«

Campbell überreichte Blackiston ein Blatt Papier, auf dem von jedem Regiment die Anzahl derjenigen aufgelistet war, die zu krank waren, um zu marschieren.

Diese Männer wurden jetzt zu dem Ochsenkarren des Bagagezugs gebracht, und diejenigen, deren schnelle Genesung unwahrscheinlich war, wurden mit zurückkehrenden Konvois in den Süden geschickt. Blackiston wusste, dass der General kurz vor einer Schlacht keine Kavallerie zum Schutz eines Konvois einteilen würde.

»Sagen Sie Sears, dass die Kranken alle in Naulniah warten können«, befahl Blackiston, »und informieren Sie Captain Mackay, dass er mindestens ein Dutzend leerer Wagen bereithalten soll.« Er machte keine genauen Angaben, wofür die leeren Wagen gebraucht wurden, aber das brauchte er auch nicht. Die Wagen würden die Verwundeten der Schlacht transportieren, und Blackiston hoffte inbrünstig, dass nicht mehr als ein Dutzend benötigt werden würden.

Captain Mackay hatte den Bedarf an leeren Wagen erwartet und bereits mit Kreide diejenigen Gefährte markiert, deren Fracht leicht war und auf andere Wagen umgeladen werden konnte. Die Fracht würde er in Naulniah umverteilen lassen, und er wollte Sergeant Hakeswill zum Beaufsichtigen der Arbeit einteilen, doch Obadiah Hakeswill hatte andere Pläne.

»Mein Krimineller ist wieder bei der Armee, Sir.«

»Und Sie haben ihn nicht schon verhaftet?«, fragte Mackay überrascht.

»Ich kann einen Mann nicht in Eisen marschieren lassen, Sir, nicht bei diesem Tempo. Aber wenn Sie in Naulniah ein Lager einrichten, Sir, kann ich meinen Gefangenen bewachen lassen, wie es meine Pflicht ist.«

»So werde ich also Ihre Dienste verlieren, Sergeant?«

»Das tut mir leid, Sir«, log Hakeswill, »aber ich habe meine Vorschriften, und wenn wir in Naulniah Gepäck lassen, muss ich mit meinem Gefangenen dort bleiben. Befehl von Colonel Gore, Sir. Naulniah ist doch nicht mehr weit entfernt, Sir?«

»Anscheinend nicht«, sagte Mackay, denn bei dem Dorf am Horizont waren Aktivitäten zu erkennen. Offenbar wurde die Position für die Errichtung der Zelte des Regiments festgelegt.

»Wenn Sie mich dann entschuldigen wollen, Sir, muss ich meine Pflicht tun.«

Hakeswill hatte absichtlich bis zu diesem Moment gewartet, denn er hatte sich nicht die Mühe machen wollen, mit Sharpe unter Eskorte nordwärts weiterzumarschieren. Es würde besser sein zu warten, bis die Armee das Bagagecamp eingerichtet hatte, wo er Sharpe festhalten konnte, während die Schlacht geschlagen wurde, und wenn an diesem Tag ein weiterer Rotrock starb, wer würde ihn dann vermissen?

Befreit vom Dienst für Mackay, eilte Hakeswill mit seinen sechs Männern an der Kolonne entlang, um Colonel McCandless zu finden.

McCandless’ Bein schmerzte noch, und das Fieber hatte ihn geschwächt, doch sein Geist hatte sich erholt. Der Grund war Äolus. Es war das prächtigste Pferd, dass er jemals geritten hatte. Der Wallach war unermüdlich und das am besten dressierte Pferd, das er je besessen hatte.

Sevajee war amüsiert über die Begeisterung des Colonels. »Sie klingen wie ein Mann, der von einer neuen Frau schwärmt, McCandless.«

»Wenn Sie das sagen, stimmt es wohl«, sagte McCandless, ohne auf die gutmütige Stichelei des Inders einzugehen. »Ist er nicht wunderschön?«

»Ein prächtiges Tier.«

»County Meath«, sagte der Colonel. »Sie züchten gute Jagdpferde in County Meath. Da haben sie große Hecken! Als springe man über Heumieten.«

»County Meath ist in Irland?«, fragte Sevajee.

»Na klar.«

»Ein weiteres Land unter Britanniens Stiefelabsatz?«

»Für einen Mann unter meinem Stiefelabsatz, Sevajee, sind Sie bemerkenswert gut informiert«, sagte der Colonel. »Können wir über morgen reden? Sharpe! Ich möchte, dass Sie zuhören.«

Sharpe trieb sein kleines Marathen-Pferd neben den großen Wallach des Colonels. Wie Wellesley plante Colonel McCandless, was er bei Borkardan tun würde, und obwohl seine Aufgabe viel kleiner als die des Generals war, war sie für ihn nicht weniger wichtig.

»Nehmen wir mal an, Gentlemen, dass wir morgen die Schlacht bei Borkardan gewinnen werden«, sagte er und wartete auf eine von Sevajees schlagfertigen Erwiderungen, doch der große Inder sagte nichts. »Dann wird es unsere Aufgabe sein«, fuhr der Colonel fort, »Dodd unter den Flüchtigen zu jagen. Ihn zu jagen und gefangen zu nehmen.«

»Wenn er noch lebt«, bemerkte Sevajee.

»Ich bete zu Gott, dass dies der Fall sein wird. Er muss sich vor der britischen Justiz verantworten, bevor er vor Gott tritt. Wenn die Schlacht beginnt, wird es unsere Aufgabe sein, uns nicht in die Kämpfe verwickeln zu lassen, sondern nach Dodds Männern zu suchen. Das wird nicht schwierig sein. Soweit ich weiß, ist es das einzige Regiment mit weißen Uniformröcken, und wenn wir die Männer entdeckt haben, bleiben wir in ihrer Nähe. Wenn sie sich dann absetzen, verfolgen wir sie.«

»Und wenn sie sich nicht absetzen?«, fragte Sevajee.

»Dann marschieren und kämpfen wir wieder«, antwortete der Colonel grimmig. »Aber mit Gottes Gnade werden wir diesen Kerl finden, und wenn wir ihn bis nach Persien jagen müssen. Britannien hat mehr als einen schweren Stiefelabsatz, Sevajee, es hat einen langen Arm.«

»Lange Arme können leicht abgehackt werden«, sagte Sevajee.

Sharpe hörte nicht mehr zu. Er hatte hinter einer Gruppe Armeefrauen, die von der Straße gescheucht wurden, einen Tumult gehört und sich umgewandt, um zu sehen, wer die Frauen zur Seite trieb. Zuerst hatte er nur sehen können, dass es eine Gruppe von Rotröcken war. Dann erkannte er die Aufschläge an den Röcken und fragte sich, was um alles in der Welt Männer des 33. Regiments hier zu suchen hatten.

Und dann erkannte er Sergeant Hakeswill.

Obadiah Hakeswill! Ausgerechnet Hakeswill!

Sharpe starrte entsetzt auf seinen Todfeind. Obadiah Hakeswill fing seinen Blick auf und grinste hämisch, und Sharpe ahnte, dass das Auftauchen des Sergeants nichts Gutes zu bedeuten hatte.

Hakeswill verfiel in Laufschritt, sodass seine Provianttasche, die Patronentasche, Bajonett und Muskete gegen seinen Körper klatschten.

»Sir!«, rief er. »Colonel McCandless, Sir!«

McCandless wandte sich um und runzelte die Stirn bei der Störung, und dann starrte er wie Sharpe den Sergeant an, als traue er seinen Augen nicht. McCandless kannte Hakeswill, denn Sharpe und der Colonel waren mit ihm im Kerker Tippu Sultans eingesperrt gewesen, und McCandless konnte ihn nicht leiden. Der Schotte blickte ihn finster an.

»Sergeant Hakeswill? Sie sind ja weit von zu Hause fort.«

»Wie wir alle, Sir, die wir unsere Pflicht für den König und das Land in einem heidnischen Land tun.« Hakeswill wurde langsamer und hielt im Marsch mit dem Pferd des Schotten mit. »Ich habe den Befehl vom General persönlich, Sie aufzusuchen, Sir. Von Sir Arthur Wellesley, Sir, Gott segne ihn, Sir.«

»Ich weiß, wer der General ist, Sergeant«, sagte McCandless kühl.

»Das freut mich zu hören, Sir. Ich habe ein Dokument für Sie, Sir. Ein dringendes Dokument, das Ihre sofortige Aufmerksamkeit erfordert, Sir.« Hakeswill bedachte Sharpe mit einem giftigen Blick und hielt den Haftbefehl zu McCandless hoch. »Dieses Dokument habe ich auf Colonel Gores Befehl hin in meiner Tasche bewahrt, Sir.«

McCandless entfaltete den Haftbefehl. Sevajee ritt voraus, um im Dorf ein Quartier für seine Männer zu finden, und während McCandless die Befehle für Sharpes Festnahme las, blieb Hakeswill zurück, sodass er neben Sharpe ging.

»Wir werden dich im Nu von diesem hohen Ross runterhaben, Sharpie.«

»Häng dich doch auf, Obadiah.«

»Du hast dir schon immer Illusionen über deine Position gemacht, Sharpie. Das geht nicht. Nicht in dieser Armee. Wir sind nicht die Scheißfranzosen. Wir tragen keine langen roten Stiefel wie deine, denn wir haben kein affektiertes Getue, nicht in dieser Armee. So steht es schon in der Bibel.«

Sharpe zog an den Zügeln, sodass sein kleines Pferd Hakeswill in den Weg trat. Der Sergeant sprang zur Seite.

»Du bist festgenommen, Sharpie!«, krähte er und grinste. »Das Kriegsgericht wartet auf dich. Peng, peng, und dann bist du tot. Hat lange gedauert, aber bald werde ich quitt mit dir sein, Sharpie. Es ist alles vorbei für dich. So steht es schon in der Bibel.«

»Nichts in dieser Art steht darin, Sergeant!«, blaffte McCandless, der sich im Sattel umgedreht hatte und Hakeswill finster anstarrte. »Ich hatte schon Gelegenheit, mit Ihnen über die Bibel zu sprechen, und wenn ich Sie noch einmal falsch daraus zitieren höre, Sergeant Hakeswill, dann mache ich Sie fertig!«

Hakeswill bezweifelte, dass McCandless, ein Offizier der Company, jemanden von der Armee des Königs fertig machen konnte, jedenfalls nicht ohne große Mühe, doch er ließ sich das nicht anmerken, denn er glaubte fest daran, dass er sich allen Offizieren gegenüber völlig unterwürfig zeigen musste. »Ich wollte Sie nicht aufregen, Sir. Verzeihen Sie, war nicht böse gemeint, Sir.«

McCandless las den Haftbefehl ein drittes Mal. Etwas an den Formulierungen beunruhigte ihn, aber er wusste nicht genau, was.

»Hier steht, Sharpe«, sagte er, »dass Sie am fünften August dieses Jahres einen Offizier geschlagen haben.«

»Was soll ich getan haben?«, fragte Sharpe entsetzt.

»Sie sollen Captain Morris angegriffen haben.« McCandless reichte Sharpe den Haftbefehl. »Lesen Sie, Mann!«

Sharpe blickte auf das Papier, und während er las, schilderte Hakeswill dem Colonel die Anklage. »Ein Angriff mit einem Nachttopf, Sir. Mit einem vollen. Mit ... flüssigen und festen Bestandteilen. Geradewegs auf den Kopf des Captains, Sir.«

»Und Sie waren der einzige Zeuge?«, fragte McCandless.

»Ich und Captain Morris, Sir.«

»Davon glaube ich kein Wort«, grollte McCandless.

»Verzeihung, Sir, es obliegt einem Gericht, das zu entscheiden. Ihre Aufgabe ist es, den Gefangenen meiner Obhut zu übergeben, Sir.«

»Es steht Ihnen nicht zu, mich auf meine Pflichten hinzuweisen, Sergeant!«, sagte McCandless ärgerlich.

»Ich weiß, dass Sie Ihre Pflicht tun werden, Sir. Wie wir alle. Abgesehen von einigen, die ich benennen könnte.« Hakeswill grinste Sharpe an. »Wir entziffern die langen Wörter schwer, nicht wahr, Sharpe?«

McCandless nahm Sharpe den Haftbefehl ab. Für Sharpe war es tatsächlich schwierig, die längeren Worte zu lesen. Der Colonel hatte seinen Unglauben über den Haftbefehl geäußert, doch das war mehr aus Loyalität gegenüber Sharpe geschehen als aus Überzeugung, obwohl ihm an dem Haftbefehl immer noch etwas komisch vorkam.

»Stimmt das, Sharpe?«, fragte McCandless.

»Nein, Sir!«, antwortete Sharpe empört.

»Er war schon immer ein guter Lügner, Sir«, sagte Hakeswill. »Lügt wie gedruckt. Dafür ist er berüchtigt.« Der Sergeant geriet außer Atem, als er schnell ausschritt, um mit dem Pferd des Colonels Schritt zu halten.

»Was haben Sie also mit Sergeant Sharpe vor?«, fragte McCandless.

»Ich habe natürlich vor, meine Pflicht zu tun, Sir. Den Gefangenen zum Bataillon zurückzubringen, Sir, wie befohlen.« Hakeswill wies zu seinen sechs Männern, die ein paar Schritte hinter ihm marschierten. »Wir werden ihn auf dem ganzen Weg sicher bewachen, Sir, und ihn dann für sein Verbrechen vor Gericht stellen.«

McCandless presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Er ritt eine Weile schweigend, und als Sharpe protestierte, ignorierte der Colonel die empörten Worte. Er nahm den Haftbefehl wieder in die rechte Hand und schien ihn ein weiteres Mal durchzulesen.

Weit im Osten stieg plötzlich Staub auf, und Säbelklingen reflektierten den Sonnenschein. Einige feindliche Reiter hatten in einem Wäldchen gewartet und den britischen Marsch beobachtet, und jetzt wurden sie von einem Trupp Kavalleristen aus Maisur aus dem Waldstück getrieben und nach Norden verfolgt.

»Sie wissen also, wo wir jetzt sind, schade. Wie schreiben Sie Ihren Namen, Sharpe? Mit ›e‹ oder ohne?«

»Mit, Sir.«

»Sie werden mich korrigieren, wenn ich mich irre«, sagte McCandless, »aber ich meine, das ist nicht Ihr Name.« Er überreichte Sharpe den Haftbefehl, und Sharpe sah, dass das »e« am Ende des Namens verschmiert war. Da war ein schwarzer Tintenklecks. Und darunter der Abdruck eines »e«, doch die Tinte war verwässert und fast ausgelöscht.

Sharpe verbarg sein Erstaunen darüber, dass McCandless, ein ehrsamer Verfechter von Aufrichtigkeit, auf solch eine List zurückgriff. »Das ist nicht mein Name, Sir«, sagte Sharpe mit ausdruckslosem Gesicht.

Hakeswill blickte von Sharpe zu McCandless, dann wieder zu Sharpe und schließlich wieder zu McCandless. »Sir!« Das kam wie ein empörter Aufschrei.

»Sie sind außer Atem, Sergeant«, sagte McCandless und nahm den Haftbefehl von Sharpe zurück. »Aber Sie werden sehen, dass Sie den ausdrücklichen Befehl haben, einen Sergeant zu verhaften, dessen Name Richard Sharp lautet. Ohne ›e‹, Sergeant. Dieser Sergeant Sharpe hier hat ein ›e‹ am Ende seines Namens und kann nicht der Mann sein, den Sie haben wollen, und ich kann ihn aufgrund dieses Papiers gewiss nicht in Ihre Obhut geben. Hier, nehmen Sie.« Er hielt Hakeswill den Haftbefehl hin und ließ ihn einen Moment, bevor er ihn ergreifen konnte, auf die staubige Straße flattern.

Hakeswill hob den Haftbefehl auf und starrte auf die Schrift. »Die Tinte ist verlaufen, Sir!«, protestierte er und lief, auf der unebenen Straße stolpernd, hinter McCandless’ Pferd her. »Sehen Sie, Sir, die Tinte ist nur verlaufen!«

McCandless ignorierte den Haftbefehl, den Hakeswill zu ihm emporreckte. »Es ist klar, Sergeant Hakeswill, dass der Name korrigiert worden ist. Auf diesen Haftbefehl hin kann ich nicht guten Gewissens handeln. Sie, Sergeant, müssen eine Botschaft zu Lieutenant Colonel Gore schicken und ihn bitten, diese Verwirrung zu klären. Ich meine, ein neuer Haftbefehl wäre am besten, und bis ich einen solchen Haftbefehl, lesbar und korrekt geschrieben, sehe, kann ich Sergeant Sharpe nicht von seinen gegenwärtigen Pflichten entbinden. Guten Tag, Sergeant.«

»Das können Sie nicht tun, Sir!«, protestierte Hakeswill.

McCandless lächelte. »Sie kennen nicht die Hierarchie der Armee, Sergeant. Ich, ein Colonel, bestimme Ihre Pflichten, Sergeant, nicht Sie, Sergeant, die meinen. »Ich sage zu einem Mann ›wegtreten‹, und er tritt weg. So steht es schon in der Bibel. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.« Und damit gab der Schotte seinem Wallach die Sporen.

In Hakeswills Gesicht zuckte es wild, als er sich Sharpe zuwandte. »Ich kriege dich, Sharpie, und ich werde mit dir abrechnen. Ich habe nichts vergessen.«

»Du hast auch nichts gelernt«, sagte Sharpe und ritt hinter dem Colonel her. Er hob zwei Finger, als er Hakeswill passierte, und ließ ihn dann im Staub zurück.

Er war, jedenfalls im Moment, ein freier Mann.

 

Simone Joubert legte die acht Diamanten auf den Fenstersims des kleinen Hauses, in dem die Frauen von Sindhias europäischen Offizieren einquartiert waren. Im Augenblick war sie allein, denn die anderen Frauen besichtigten die drei compoos, die am Nordufer des Kaitna stationiert waren. Sie hatte ihre Gesellschaft nicht gewünscht und eine Magenverstimmung vorgetäuscht, obwohl sie annahm, dass sie Pierre vor der Schlacht besuchen sollte – wenn es tatsächlich eine geben würde. Nicht, dass es sie sonderlich interessieren würde. Sollen sie ihre Schlacht haben, dachte sie, und am Ende, wenn der Fluss dunkel von britischem Blut ist, wird mein Leben nicht besser sein.

Sie blickte wieder auf die Diamanten und dachte an den Mann, der sie ihr geschenkt hatte. Pierre würde ärgerlich sein, wenn er erfuhr, dass sie solchen Reichtum versteckte, aber wenn sein Ärger verflogen war, dann würde er die Steine verkaufen und das Geld zu seiner habgierigen Familie in Frankreich schicken.

»Madame Joubert!« Die Stimme kam von außerhalb des Fensters, und mit einem Schuldgefühl, obwohl keiner sie sehen konnte, denn sie befand sich im Obergeschoss, verstaute Simone die Diamanten hastig in ihrer kleinen Handtasche. Sie spähte durch das Fenster hinab und sah einen fröhlichen Colonel Pohlmann in Hemdsärmeln zwischen dem Stroh im Hof des Nachbarhauses stehen.

»Colonel«, erwiderte sie höflich.

»Ich verstecke meine Elefanten«, sagte der Colonel und wies zu den drei Dickhäutern, die in den Hof geführt wurden. Der größte Elefant trug Pohlmanns Sitz, während die anderen beiden mit den hölzernen Truhen beladen waren, in denen der Colonel angeblich sein Gold bewahrte. »Könnte ich es Ihnen überlassen, meine Menagerie zu bewachen?«

»Wovor?«, fragte Simone.

»Vor Dieben«, sagte der Colonel glücklich.

»Nicht vor den Briten?«

»Sie werden nie bis hierher kommen, Madame«, sagte Pohlmann, »höchstens als Gefangene.«

Simone sah vor ihrem geistigen Auge plötzlich wieder Sergeant Richard Sharpe. Sie war in dem Glauben aufgezogen worden, dass die Briten ein Piratenvolk waren, eine Nation ohne Gewissen, die gedankenlos die Verbreitung der französischen Aufklärung verhinderte. Aber vielleicht, dachte sie, mag ich Piraten.

»Ich werde Ihre Elefanten bewachen, Colonel!«, rief sie hinunter.

»Und mit mir zu Abend essen?«, fragte Pohlmann. »Ich habe kaltes Hühnchen und warmen Wein.«

»Ich habe versprochen, zu Pierre zu kommen«, sagte Simone und dachte mit Schaudern an den Zwei-­Meilen-Ritt durch die tristen graubraunen Felder neben dem Kaitna, auf denen Dodds Kobras warteten.

»Dann werde ich Sie zu ihm begleiten, Madame«, sagte Pohlmann galant. Wenn die Schlacht vorüber war, konnte er vielleicht einen Angriff auf Madame Jouberts Tugend starten. Das wäre eine amüsante Ablenkung, aber er nahm an, kein schwieriger Feldzug. Unglückliche Frauen wussten Geduld und Sympathie zu schätzen. Und für sie beide würde viel Zeit bleiben, wenn Wellesley und Stevenson vernichtet waren. Und es würde auch ein Vergnügen sein, Major Dodd im Zweikampf um Simones Tugend zu besiegen.

Pohlmann teilte zwanzig Mann seiner Leibwache zur Bewachung der drei Elefanten ein. Er ritt nie einen der Dickhäuter in der Schlacht, denn ein Elefant wurde das Ziel jedes feindlichen Kanoniers, aber er freute sich darauf, nach der Schlacht bei einer großen Siegesparade auf dem Sitz des Elefanten zu thronen. Und ein Sieg würde Pohlmann so reich machen, dass er mit dem Bau seines großen Marmorpalastes beginnen konnte, in den er die erbeuteten Fahnen des Feindes hängen würde. Vom Sergeant in zehn Jahren zum kleinen Herrscher, und der Schlüssel zu diesem Fürstentum war das Gold, das er in Assaye hortete.

Er befahl seinen Leibwächtern, dass niemand, nicht einmal der Radscha von Berar, dessen Soldaten das Dorf mit Garnison belegten, in den Hof gelassen wurde. Dann wies er seine Diener an, die goldenen Verzierungen des Sitzes abzulösen und in den Schatztruhen zu verstauen.

»Wenn das Schlimmste passieren sollte«, sagte er zu dem eingeborenen Führer der Männer, die den Schatz bewachten, »werde ich mich dort zu euch gesellen. Nicht, dass es nötig sein wird«, fügte er fröhlich hinzu.

Hufschlag in der Gasse jenseits des Hofes kündigte die Ankunft einer Kavalleriepatrouille an, die von einem Beutezug südlich des Kaitna zurückkehrte. Seit drei Tagen hatte Pohlmann seine Kavallerie an die Kandare genommen, denn er wollte Wellesley nicht warnen, während der britische General nordwärts auf die Falle zumarschierte, doch heute Morgen hatte er ein paar Patrouillen südwärts reiten lassen, und diese kehrten jetzt mit der willkommenen Nachricht zurück, dass der Feind nur vier Meilen südlich des Kaitna marschierte.

Pohlmann wusste bereits, dass die zweite britische Armee, die von Colonel Stevenson, noch zehn Meilen entfernt im Westen war, und das bedeutete, dass die Briten einen groben Schnitzer gemacht hatten. Wellesley, in seinem Eifer, Borkardan zu erreichen, hatte seine Männer in die wartenden Arme der gesamten Marathen-Armee geführt.

Der Colonel überlegte, ob er auf Madame Joubert warten sollte, entschied sich jedoch, dass er keine Zeit verschwenden sollte, und so stieg er auf das Pferd, mit dem er in die Schlacht ritt, und mit seinem Leibwächter, den er nicht zur Bewachung des Goldes eingeteilt hatte, und mit einer Reihe seiner Adjutanten galoppierte er von Assaye nach Süden zum Ufer des Kaitna, wo die Falle gestellt war. Er gab die Neuigkeiten an Dupont und Saleur weiter und ritt dann zu seinen eigenen Soldaten, um sie vorzubereiten. Er sprach mit seinem Offizieren und schließlich mit Major William Dodd.

»Ich höre, dass die Briten Biwak in Naulniah machen«, sagte Pohlmann, »sodass wir südwärts marschieren und sie dort schlagen sollten. Es ist die eine Sache, Wellesley so nahe zu haben, aber eine ganz andere, ihn zu einer Schlacht zu zwingen.«

»Und warum marschieren wir nicht?«, fragte Dodd.

»Weil Sindhia es nicht haben will. Sindhia besteht darauf, dass wir in der Defensive kämpfen. Er ist nervös.«

Dodd spuckte aus, verkniff sich jedoch eine weitere Äußerung über die Ängstlichkeit seines Arbeitgebers.

»So besteht die Gefahr«, fuhr Pohlmann fort, »dass Wellesley uns überhaupt nicht angreifen und sich stattdessen zu Stevenson zurückziehen wird.«

»Dann schlagen wir sie beide auf einmal«, sagte Dodd zuversichtlich.

»Das werden wir tun, wenn es sein muss«, stimmte Pohlmann zu, »aber ich bekämpfe sie lieber separat.« Keiner war siegessicherer als er, doch er war kein Dummkopf, und angesichts der Aussicht, zwei kleinere Armeen zu besiegen anstatt eine mittelgroße Streitmacht, würde er das Erstere wählen. »Wenn Sie einen Gott haben, Major«, sagte er, »beten Sie, dass Wellesley allzu optimistisch ist. Beten Sie, dass er uns angreift.«

Es war ein inbrünstiges Gebet, denn wenn Wellesley angriff, würde er gezwungen sein, seine Männer durch den Kaitna zu schicken, der sechzig bis siebzig Schritte breit war und bräunlich zwischen hohen Uferböschungen floss, die über hundert Schritte voneinander entfernt waren. Beim Monsun würde das Bett des Flusses gefüllt und zwölf bis fünfzehn Fuß tief sein, während es jetzt nur sechs oder sieben waren, obwohl das schon tief genug war, um eine Armee am Durchqueren zu hindern, doch gleich vor Pohlmanns Stellung gab es eine Reihe von Furten, und Pohlmann betete, dass die Briten versuchen würden, den Fluss durch diese Furten zu durchqueren und gleich auf der Straße nach Assaye anzugreifen.

Wellesley würde keine andere Wahl haben, nicht, wenn er eine Schlacht wollte, denn Pohlmann hatte Bauern aus jedem Dorf in der Nähe, von Assaye bis nach Waroor, von Kodully bis nach Taunklee und Peepulgaon, befragt, wo man eine Herde Vieh durch den Fluss treiben konnte. Als Beispiel hatte er eine Herde Ochsen genannt, denn wo eine solche Herde durch den Fluss kommen konnte, konnten Ochsen Geschütze ziehen, und jeder Bauer hatte darin übereingestimmt, dass in dieser Jahreszeit nur die Furten zwischen Kodully und Taunklee für eine Durchquerung in Frage kamen. Man konnte seine Herde flussaufwärts nach Borkardan treiben, hatten sie Pohlmanns Übersetzer gesagt, und den Fluss dort durchfurten, doch das war einen halben Tagesmarsch entfernt, und weshalb würde jemand so etwas Dummes tun, wenn es sichere Furten zwischen den beiden Dörfern gab?

»Gibt es irgendwelche Furten flussabwärts?«, fragte Pohlmann.

Eine Reihe von dunklen Gesichtern schüttelte den Kopf. »Nein, Sahib, nicht in der feuchten Jahreszeit.«

»Die Jahreszeit ist nicht feucht.«

»Da sind trotzdem keine Furten, Sahib.« Die Männer waren sich ihrer Sache so sicher, wie es nur Einheimische sein konnten, die ihr Leben lang auf diesem Flecken Erde verbracht hatten.

Pohlmann war immer noch nicht ganz überzeugt. »Und wenn jemand keine Herde rübertreiben, sondern selbst den Fluss durchqueren will, wo könnte er ihn durchfurten?«

Die Bauern gaben die gleiche Antwort. »Zwischen Kodully und Taunklee, Sahib.«

»Nirgendwo sonst?«

Nirgendwo sonst, versicherten sie ihm, und das bedeutete, Wellesley würde gezwungen sein, den Fluss vor Pohlmanns wartender Armee zu durchqueren.

Die Infanterie und die Geschütze der Briten würden die steile südliche Uferböschung des Kaitna hinabkommen, eine weite Strecke von schlammiger Erde überqueren und dann durch den Fluss waten und das steile nördliche Ufer erklettern müssen, und die ganze Zeit würden sie unter Beschuss der Marathen-Geschütze sein, wenn sie die Felder am nördlichen Ufer erreichten. Wenn sie sich neu formierten, würden sie in einen Hagel von Musketen- und Artilleriefeuer marschieren. Wo auch immer die Briten den Kaitna durchquerten, überall würde der gleiche mörderische Empfang auf sie warten, denn Pohlmanns drei compoos waren in einer langen Linie an dieser Strecke des Flusses in Stellung.

In dieser Linie gab es achtzig Geschütze, und obwohl einige nur Fünf-  oder Sechspfünder-Kanonenkugeln verschossen, war mindestens die Hälfte schwere Artillerie, und alle Geschütze waren bemannt mit hervorragenden Kanonieren aus Goa. Die Kanonen waren in acht Batterien gruppiert, eine für jede Furt, und es gab keinen Zoll Boden zwischen den Batterien, der nicht mit Kartätschen oder Kanonenkugeln oder Raketen beschossen werden konnte.

Pohlmanns gut ausgebildete Infanterie wartete darauf, verheerende Salven in die rot berockten Regimenter zu feuern, die vom Kanonendonner und vom Geschützfeuer, das ihre Reihen zerfetzte, während sie sich durch die blutigen Furten mühten, wie taub und demoralisiert sein würden. Die zahllose Marathen-Kavallerie befand sich im Westen an den Ufern des Flusses gen Borkardan. Sie würde warten, bis die Briten besiegt waren und Pohlmann den Reitern das Vergnügen gönnte, die Überlebenden des Feindes zu verfolgen und abzuschlachten.

Der Hannoveraner nahm an, dass seine Schlachtlinie, die an den Furten wartete, den Feind dezimieren würde und dass die Reiter die britische Niederlage zur blutigen Vernichtung machen würden, doch es bestand immer eine geringe Chance, dass der Feind den Fluss erfolgreich durchqueren und einigermaßen geordnet das nördliche Ufer des Kaitna erreichen konnte. Er bezweifelte, dass die Briten seine drei compoos zurückschlagen konnten, doch falls es ihnen gelang, plante Pohlmann, sich zum zwei Meilen entfernten Dorf Assaye zurückzuziehen und sie einzuladen, bei einem Angriff dessen, was jetzt eine Miniaturfestung war, noch mehr Männer zu verlieren.

Assaye – wie jeder andere Ort in der Ebene – lebte in Furcht vor Banditenüberfällen, und so hatten die äußeren Häuser hohe, fensterlose Mauern aus dickem getrocknetem Schlamm, und die Häuser waren so aneinander gefügt, dass sie einen fortlaufenden Schutzwall bildeten, der so hoch wie die Mauern von Ahmadnagar war. Pohlmann hatte die Straßen des Dorfes mit Ochsenkarren blockieren lassen und befohlen, Schießscharten in die Mauern zu hacken, und er hatte am Fuß der Mauern all seine kleineren Geschütze, eine große Anzahl von zwei- und Dreipfünder-Kanonen, aufgestellt, und dann hatte er die Häuser mit den zwanzigtausend Infanteristen des Radschas von Berar in Garnison gelegt. Pohlmann bezweifelte, dass von den zwanzigtausend Mann welche zum Kämpfen benötigt wurden, doch er hatte die beruhigende Gewissheit, dass sie in Reserve waren, sollte beim Kaitna irgendetwas schief gehen.

Blieb nur noch ein Problem, und um es zu lösen, bat er Dodd, ihn längs des Flussufers ostwärts zu begleiten.

»Wenn Sie Wellesley wären«, fragte er Dodd, »wie würden Sie angreifen?«

Dodd überlegte die Antwort, dann zuckte er mit den Schultern, als sei sie völlig klar. »Ich würde meine besten Soldaten an einem Ende der Linie konzentrieren und mir meinen Weg hindurch hämmern.«

»An welchem Ende?«

Dodd dachte kurz darüber nach. Er war versucht gewesen zu sagen, dass Wellesley im Westen angreifen würde, an den Furten bei Kodully, denn das würde ihn am nächsten bei Stevensons Armee halten, doch Stevenson war weit entfernt, und Pohlmann ritt absichtlich ostwärts.

»Am östlichen Ende?«, sagte Dodd ohne Selbstvertrauen.

Pohlmann nickte. »Denn wenn er unsere linke Flanke zurücktreibt, kann er seine Armee zwischen uns und Assaye bringen. Er teilt uns.«

»Und wir umzingeln ihn«, bemerkte Dodd.

»Ich hätte lieber, wir wären nicht geteilt«, sagte Pohlmann, denn wenn es Wellesley gelang, die linke Flanke zurückzutreiben, konnte es ihm auch gelingen, Assaye einzunehmen, und wenn das auch keine schmerzlichen Auswirkungen auf Pohlmanns compoos haben würde, würde es doch bedeuten, dass er sein Gold verlieren würde. So brauchte der Colonel einen Rettungsanker am östlichen Ende der Linie, um zu verhindern, dass seine linke Flanke zurückgedrängt wurde, und von allen Regimentern unter seinem Kommando betrachtete er Dodds Kobras als das beste. Die linke Flanke wurde jetzt von einem von Duponts Regimentern gehalten. Es war gut, doch nicht so gut wie das Dodds.

Pohlmann wies zu den braun berockten Soldaten, die über den Fluss zum kleinen Dorf Taunklee blickten. »Gute Männer«, sagte er, »aber nicht so gut wie Ihre.«

»Nur wenige sind das.«

»Aber wir sollten beten, dass sich diese Jungs halten«, sagte Pohlmann, »denn wenn ich Wellesley wäre, würde ich dort am härtesten angreifen, unsere Flanke drehen und uns von Assaye abschneiden. Das beunruhigt mich, muss ich sagen.«

Dodd hielt das nicht für einen Grund für Besorgnis, denn er bezweifelte, dass die besten Soldaten der Welt die Durchquerung des Flusses unter dem Beschuss von Pohlmanns Batterien überleben konnten, doch er sah nicht die Bedeutung der linken Flanke. »Dann verstärken Sie Dupont«, schlug er gleichgültig vor.

Pohlmann blickte überrascht drein, als sei ihm der Gedanke nicht bereits gekommen. »Ihn verstärken? Warum nicht? Würde es Ihnen etwas ausmachen, die linke Flanke zu halten, Major?«

»Die linke?«, sagte Dodd misstrauisch. Traditionell war die rechte Flanke die Station der Ehre auf einem Schlachtfeld, und während es den meisten von Pohlmanns Soldaten gleichgültig war oder sie unwissend waren, wusste William Dodd genau Bescheid, warum Pohlmann ihn hatte vorschlagen lassen, dass die linke Flanke verstärkt werden sollte, anstatt seine kostbaren Kobras einfach dorthin zu befehlen.

»Sie stünden natürlich nicht unter Duponts Kommando«, versicherte Pohlmann. »Sie wären Ihr eigener Herr, nur mir verantwortlich.« Pohlmann legte eine Pause ein. »Wenn Sie den Posten an der linken Flanke lieber nicht annehmen möchten, könnte ich das natürlich völlig verstehen, und einige andere Jungs können die Ehre haben, die rechte Seite der Briten zu besiegen.«

»Meine Jungs können das tun!«, sagte Dodd aggressiv.

»Es ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe«, meinte Pohlmann.

»Das können wir schaffen!«, beteuerte Dodd.

Pohlmann lächelte dankbar. »Ich habe gehofft, dass Sie das sagen. Jedes andere Regiment wird von einem Franzmann oder Holländer befehligt, Major, und ich brauche einen Engländer für die härteste Schlacht.«

»Und den haben Sie gefunden, Sir«, sagte Dodd.

Ich habe einen Idioten gefunden, dachte Pohlmann, als er zur Mitte der Linie zurückritt, aber Dodd ist wenigstens ein zuverlässiger Idiot und ein hart kämpfender Mann.

Er beobachtete, wie Dodds Männer die Linie verließen, und als sie sich schloss, um die Lücke zu füllen, nahmen die Kobras ihren Platz an der linken Flanke ein. Jetzt war die Linie wieder komplett. Sie war tödlich, fest verankert und bereit. Der Feind brauchte nur noch anzugreifen, und dann konnte Pohlmann seine Karriere krönen und den Kaitna mit britischem Blut füllen.

Lass sie angreifen, betete er, und dann wird der Tag mit all seinem Ruhm meiner sein.

 

Das britische Lager breitete sich um Naulniah aus. Reihen von Zelten beherbergten Infanterie, Quartiermeister suchten den Dorfältesten auf und veranlassten mit ihm, dass die Frauen des Dorfes für Rupien Brot backten, während die Kavallerie ihre Pferde zum kleinen Fluss Purna, der nördlich des Dorfes vorbeifloss, zum Saufen führte. Eine Schwadron der 19. Dragoner erhielt den Befehl, den Purna zu durchqueren und auf der Suche nach feindlichen Patrouillen ein paar Meilen nordwärts zu reiten, und diese Soldaten ließen ihre Beutel mit Furage im Dorf, tränkten ihre Pferde, wuschen sich den Staub aus den Gesichtern und ritten davon.

Colonel McCandless wählte einen Baum mit weit ausladender Krone für den Standort seines Zeltes. Er hatte keinen Diener. So rieb er Äolus mit Stroh ab, während Sharpe einen Eimer Wasser vom Fluss holte. Der Colonel, in Hemdsärmeln, richtete sich auf, als Sharpe zurückkehrte.

»Ist Ihnen klar, Sergeant, dass ich mich in der Angelegenheit des Haftbefehls unehrenhaft verhalten habe?«

»Ich wollte Ihnen dafür danken, Sir.«

»Ich bezweifle, dass ich Dank verdiene, abgesehen davon, dass mein betrügerisches Verhalten Schlimmeres verhindert hat.« Der Colonel ging zu seinen Satteltaschen, zog seine Bibel heraus und gab sie Sharpe. »Schwören Sie auf die Bibel, Sergeant, dass Sie unschuldig bezüglich der Anklage sind.«

Sharpe legte seine rechte Hand auf den abgenutzten Deckel der Heiligen Schrift. Er kam sich albern vor, doch McCandless’ Gesicht war todernst, und Sharpe setzte ebenfalls eine ernste Miene auf.

»Ich schwöre es, Sir. Ich habe den Mann in jener Nacht nie angerührt, ihn noch nicht einmal gesehen.« Seine Stimme verriet Empörung darüber, fälschlich beschuldigt worden zu sein, doch damit war das Problem nicht gelöst. Für den Moment mochte die falsche Anklage abgewiesen worden sein, aber sie war noch nicht aus der Welt. »Was wird jetzt geschehen, Sir?«

»Wir werden einfach sicherstellen müssen, dass die Wahrheit siegt«, sagte McCandless vage. Er überlegte immer noch, was mit dem Haftbefehl nicht gestimmt hatte, doch er fand keine Antwort darauf. Er nahm Sharpe die Bibel ab und verstaute sie. Dann legte er die Hände auf den Rücken und streckte sich. »Wie weit sind wir heute gekommen? Vierzehn Meilen? Fünfzehn?«

»In etwa, Sir.«

»Ich fühle mein Alter, Sharpe. Das Bein heilt gut, aber jetzt tut mein Rücken weh. Gott sei Dank haben wir morgen nur noch einen kurzen Marsch, nicht weiter als zehn Meilen, und dann die Schlacht.« Er zog eine Taschenuhr aus der Uhrtasche und ließ den Deckel aufschnappen. »Wir haben eine Viertelstunde, Sergeant, daher wäre es klug, unsere Waffen vorzubereiten.«

»Eine Viertelstunde, Sir?«

»Es ist Sonntag. Der Tag des Herrn. Colonel Wallaces Kaplan hält den Gottesdienst zur vollen Stunde ab, und ich erwarte, dass Sie mit mir hingehen. Er hält eine feine Predigt. Aber erst haben Sie noch Zeit, Ihre Muskete zu reinigen.«

Die Muskete wurde mit kochendem Wasser gereinigt, das Sharpe in den Lauf schüttete und dann schüttelte, sodass die letzten Pulverreste weggespült wurden. Er bezweifelte, dass die Muskete eine Reinigung brauchte, doch er tat es gehorsam. Dann ölte er das Schloss und setzte einen neuen Feuerstein ein. Er lieh sich einen Schleifstein von Sevajees Männern, schärfte die Spitze seines Bajonetts und tupfte etwas Öl auf die glänzende Klinge, bevor er sie in die Scheide gleiten ließ.

Jetzt gab es nicht anderes zu tun, als der Predigt zu lauschen, zu schlafen und die Allerweltsaufgaben zu erledigen. Es würden eine Mahlzeit zu kochen und die Pferde wieder zu tränken sein, doch diese alltäglichen Aufgaben wurden überschattet von dem Wissen, dass der Feind nur noch einen kurzen Marsch entfernt bei Borkardan war.

Sharpes Nerven waren angespannt. Wie würde die Schlacht sein? Würde er sich behaupten? Oder würde es ihm wie diesem Corporal bei Boxtel ergehen, der von Engeln zu fantasieren begonnen hatte und dann wie ein verrückter Hase durch das regnerische Flandern gehüpft war?

Eine halbe Meile hinter Sharpe hielt der Bagagezug auf einer weiten Ebene. Die Ochsen wurden angepflockt, die Kamele und Elefanten an Bäumen angebunden. Die Tiere wurden mit Wasser aus einem schlammigen Bewässerungsgraben getränkt, während Männer ausschwärmten, um Gras für die Fütterung zu schneiden. Die Elefanten wurden mit Palmenblättern und aus Eimern mit gebuttertem Reis gefüttert, während Captain Mackay auf seinem kleinen Rotbraunen durch das Durcheinander ritt und dafür sorgte, dass die Munition richtig gelagert und die Tiere anständig versorgt wurden. Plötzlich fiel sein Blick auf den mürrisch herumgammelnden Sergeant Hakeswill und seine sechs Männer.

»Sergeant! Sie sind immer noch hier? Ich dachte, Sie haben inzwischen Ihren Schurken sicher festgenommen?«

»Es gibt Probleme, Sir«, sagte Hakeswill, knallte die Hacken zusammen und stand still.

»Rühren, Sergeant, stehen Sie bequem. Kein Schurke?«

»Noch nicht, Sir.«

»Dann sind Sie also wieder unter meinem Kommando? Das ist großartig, einfach herrlich.« Mackay war ein diensteifriger junger Offizier, der sein Bestes tat, in jedem das Gute zu sehen, und obwohl er den Sergeant vom 33. Regiment niedergeschlagen und bedrückt sah, versuchte er, ihn mit seiner Begeisterung anzustecken. »Puckalees«, sagte er heiter, »puckalees.«

In Hakeswills Gesicht zuckte es krampfartig. »Puckalees, Sir?«

»Wasserträger, Sergeant.«

»Ich weiß, was ein puckalee ist, Sir, denn ich habe mehr Jahre in diesem heidnischen Land gelebt, als ich zählen kann, aber ich bitte um Verzeihung, Sir, was hat ein puckalee mit mir zu tun?«

»Wir müssen einen Sammelpunkt für sie einrichten«, sagte Mackay. Die Zahl der puckalees entsprach der Stärke der jeweiligen Regimenter, und in der Schlacht war es ihre Aufgabe, die kämpfenden Männer mit Wasser zu versorgen. »Ich brauche einen Mann, der sie beaufsichtigt«, sagte Mackay. »Es sind gute Jungs, alle von ihnen, aber sie fürchten sich schrecklich vor Kugeln! Sie müssen herumgehetzt werden. Ich werde morgen genug mit den Munitionswagen zu tun haben. Kann ich mich darauf verlassen, dass Sie dafür sorgen, dass die puckalees ihren Job machen wie die prächtigen Jungs, die sie sind?«

Die »prächtigen Jungs« waren fast noch Kinder, Großväter, Krüppel, Halbblinde und Schwachsinnige.

»Prima! Ausgezeichnet«, sagte der junge Captain. »Das Problem ist gelöst! Sie sollten sich jetzt noch etwas ausruhen, Sergeant. Wir alle müssen morgen putzmunter sein. Und wenn Sie etwas geistliche Unterstützung brauchen, das 74. müsste jetzt jeden Moment den Gottesdienst abhalten.« Mackay lächelte Hakeswill an, dann galoppierte er davon, um eine vom Weg abgekommene Gruppe von Ochsenwagen zu verfolgen. »Ihr da! Ihr mit den Zelten! Nicht dahin! Kommt hierher!«

»Puckalees«, sagte Hakeswill angewidert und spuckte aus. Seine Männer schwiegen, denn sie wussten, dass es ratsam war, Sergeant Hakeswill in Frieden zu lassen, wenn seine Stimmung noch mieser war als üblicherweise. »Aber es könnte schlimmer sein«, sagte Hakeswill.

»Schimmer?«, fragte Private Flaherty zaghaft.

In Hakeswills Gesicht zuckte es. »Wir haben ein Problem, Jungs«, sagte er mürrisch, »und das ist ein schottischer Colonel, der versucht, die gute Ordnung unseres Regiments zu versauen. Ich werde mich nicht damit abfinden, das könnt ihr mir glauben. Die Ehre des Regiments steht auf dem Spiel. Er betreibt Haarspalterei, nichts anderes. Und er glaubt, er hätte uns Sand in die Augen gestreut, aber das hat er nicht, denn ich habe ihn durchschaut! Ich habe durch seine schottische Seele gesehen, und sie ist so verdorben wie faule Eier. Sharpie bezahlt ihn, das ist doch klar! Korruption, Jungs, nichts als Korruption.« Hakeswill blinzelte, und seine Gedanken jagten sich. »Wenn wir morgen puckalees durch das halbe verdammte Indien peitschen, Jungs, dann wird unsere Stunde kommen, und das Regiment wird sich glücklich preisen, wenn wir die Chance nutzen.«

»Nutzen?«, wiederholte Lowry verständnislos.

»Wenn wir den Scheißer killen, du Vollidiot.«

»Sharpie killen?«

»Gott schütze uns vor Schwachsinnigen«, sagte Hakeswill. »Nicht Sharpie! Den wollen wir für uns haben, damit wir ihn schön langsam für immer fertig machen. Ihr legt den Schotten um! Wenn der verdammte Mister McCandless kalt ist, gehört Sharpie uns.«

»Man kann doch keinen Colonel umbringen!«, sagte Kendrick entgeistert.

»Du nimmst deine Muskete, Private Kendrick«, sagte Hakeswill und rammte seine Musketenmündung in Kendricks Seite, »spannst den Hahn und bläst ein Loch in den Scheißer!« Hakeswill betätigte den Abzug seiner Muskete. Das Pulver in der Pfanne explodierte mit einem kleinen Prasseln und Zischen, und Kendrick sprang zurück, als Rauch vom Schloss hochkräuselte, aber die Muskete war nicht mit einer Kugel geladen. Hakeswill lachte. »Ich hätte dich erwischt, nicht wahr? Du hast gedacht, ich blase dir eine Kugel in den Bauch! Aber genau das wirst du bei McCandless tun. Eine Kugel in den Bauch oder den Schädel oder sonst wohin pusten, wo es tödlich ist. Und du machst es morgen.«

Die sechs Männer blickten zweifelnd, und Hakeswill grinste. »Extraanteile für euch alle, wenn es passiert, Jungs, ein zusätzlicher Bonus. Wenn ihr nach Hause kommt, könnt ihr die Huren der Offiziere bezahlen, und es kostet nur eine Kugel.« Er lächelte wölfisch. »Morgen, Jungs, morgen.«

Doch jenseits des Flusses, wo die blau berockte Patrouille des 19. Dragoner-Regiments die Landschaft südlich des Kaitna erkundete, änderte sich alles.

 

Wellesley war vom Pferd gestiegen, hatte seinen Uniformrock ausgezogen und wusch sein Gesicht mit Wasser aus einem Kessel, der an einem Dreibein hing. Lieutenant Colonel Orrock, der Kompanieoffizier, der an diesem Tag das Kommando über die Feldwache hatte, beschwerte sich über die beiden Geschütze, die seinem kleinen Kommando zugeteilt worden waren.

»Sie konnten unser Tempo nicht halten, Sir. Trödler, Sir. Ich war plötzlich vierhundert Yards vor ihnen! Vierhundert Yards!«

»Ich hatte Sie gebeten, ein schnelles Tempo anzuschlagen, Orrock«, sagte der General und wünschte, der Narr würde verschwinden und ihm nicht mehr auf die Nerven gehen. Er griff nach dem Handtuch und wischte sein Gesicht trocken.

»Aber wenn wir angegriffen worden wären!«, protestierte Orrock.

Der General seufzte, denn ihm wurde klar, dass der reizbare Orrock beschwichtigt werden musste. »Wer hat das Kommando über die Geschütze?«

»Barlow, Sir.«

»Ich werde mit ihm sprechen«, versprach der General, dann wandte er sich der Patrouille des 19. Dragoner-Regiments zu, die den Fluss Purna überquert hatte, um das Terrain auf dem fernen Ufer zu erkunden, und sich durch die weite Ansammlung der Zelte auf ihn zu wand.

Wellesley hatte die Patrouille nicht so früh zurückerwartet, und ihre Rückkehr verwunderte ihn, aber dann sah er, dass sie eine Gruppe von bhinjarries, die schwarz berockten Händler, die Indien durchquerten und dabei Nahrungsmittel kauften und verkauften, eskortierte.

»Sie werden mich entschuldigen, Orrock«, sagte der General und nahm seinen Uniformrock vom Stuhl.

»Sie werden mit Barlow reden, Sir?«, fragte Orrock.

»Das habe ich doch gesagt, oder?«, sagte Wellesley und ging auf die Reiter zu.

Der Befehlshabende der Patrouille, ein Captain, glitt von seinem Pferd und wies zum Anführer der bhinjarries. »Wir haben diese Leute eine halbe Meile nördlich des Flusses gefunden, Sir. Sie haben achtzehn Ochsen, beladen mit Getreide, und sie nehmen an, dass der Feind überhaupt nicht in Borkardan ist. Sie wollten das Getreide in Assaye verkaufen.«

»Assaye?« Der General runzelte die Stirn, weil ihm der Name unbekannt war.

»Das ist ein Dorf vier oder fünf Meilen nördlich von hier, Sir. Er sagt, dort sei eine riesige Armee.«

»Vier oder fünf Meilen?«, fragte Wellesley erstaunt.

Der Kavallerie-Captain zuckte mit den Schultern. »Das sagen sie, Sir.« Er wies zu den Getreidehändlern, die teil nahmslos zwischen den Soldaten standen, die von den Pferden gestiegen waren.

Guter Gott, dachte Wellesley, vier oder fünf Meilen? Er war reingelegt worden! Der Feind hatte ihm einen Marsch aufgezwungen, und in diesem Moment konnte er im Norden auftauchen und einen Angriff auf das britische Lager starten, und es gab keine Chance, dass Stevenson ihm zu Hilfe kam. Das 74. Regiment sang Kirchenlieder, und der Feind war fünf Meilen entfernt, vielleicht sogar weniger?

Der General wirbelte herum. »Barclay! Campbell!«, rief er seine Adjutanten. »Pferde! Schnell!«

Die hektische Aktivität beim Zelt des Generals führte zu Gerüchten im Lager, und die Gerüchte wurden zum Alarm, als alle Dragoner des 19. Regiments und die 4. Eingeborenen-Kavallerie hinter dem General und seinen beiden Adjutanten durch den Fluss ritten.

Colonel McCandless war mit Sharpe auf die Reihen des 74. Regiments zugegangen, doch als er die plötzliche Aufregung bemerkte, drehte er sich um und eilte zu seinem Pferd zurück.

»Kommen Sie, Sharpe!«

»Wohin, Sir?«

»Das werden wir herausfinden. Sevajee?«

»Wir sind bereit.«

McCandless’ Trupp verließ das Lager fünf Minuten nach dem General. Sie konnten den Staub, den die Kavalleristen hinterlassen hatten, voraus sehen, und McCandless beeilte sich, um aufzuholen. Sie ritten durch eine Landschaft mit tiefen Schluchten und voller kleiner Felder, die von Kakteenhecken umgeben waren.

Wellesley war der unbefestigten Straße nordwärts gefolgt, doch nach einer Weile bog der General westwärts auf ein Stoppelfeld ab.

McCandless folgte ihm nicht, sondern blieb auf der Straße.

»Es hat keinen Sinn, die Pferde unnötig müde zu reiten«, erklärte er, doch Sharpe nahm an, dass der Colonel nur ungeduldig war, nach Norden zur reiten und zu sehen, was die Aufregung verursacht hatte. Die beiden britischen Kavallerieregimenter waren im Osten in Sicht, doch es war kein Feind zu sehen.

Sevajee und seine Männer waren vorausgeritten. Als sie einen Hügelkamm etwa zweihundert Yards vor McCandless erreichten, zügelten sie ihre Pferde und zogen sie herum.

Sharpe erwartete, eine Horde von Marathen-Kavallerie über den Hügel kommen zu sehen, doch der Horizont blieb leer, als Sevajee und seine Männer ein paar Yards unterhalb der Hügelkuppe anhielten und absaßen.

»Sie wollen nicht, dass man sie sieht, Colonel«, sagte Sevajee trocken, als McCandless zu ihm ritt.

»Sie?«

Sevajee wies zum Hügelkamm. »Sehen Sie. Sie sollten absitzen.«

McCandless und Sharpe glitten aus den Sätteln und gingen zu einer Kakteenhecke, von der aus sie aus sicherer Deckung nach Norden spähen konnten, und Sharpe, der noch nie so einen Anblick gesehen hatte, starrte offenen Mundes.

Das war keine Armee. Das war ein ganzes Volk, eine Nation. Tausende und Tausende Feinde, alle in Linie aufgereiht, Meile um Meile. Männer, Frauen und Kinder und Geschütze, Kamele, Ochsen, Raketenbatterien und Pferde und Zelte und immer noch weitere Männer, es schien kein Ende davon zu geben.

»Jesus!«, stieß Sharpe hervor und fluchte.

»Sharpe!«

»Verzeihung, Sir!« Aber es war kein Wunder, dass er geflucht hatte, denn Sharpe hätte sich niemals vorstellen können, dass eine Armee so riesig sein konnte.

Die nächsten Truppen waren nicht mehr als eine halbe Meile entfernt, jenseits eines Flusses zwischen steilen, schlammigen Uferböschungen. Auf dem diesseitigen Ufer lag ein Dorf, und auf der Nordseite, gerade jenseits des Steilufers, stand eine Linie von Geschützen. Große Geschütze, die gleichen bemalten Kanonen, die Sharpe in Pohlmanns Lager gesehen hatte. Hinter den Geschützen war die Infanterie, und dahinter breitete sich, so weit man sehen konnte, bis zum Osten eine Masse von Kavallerie aus, und noch weiter dahinter sah Sharpe einen schier unzählbaren Tross. Weitere Infanterie war um ein fernes Dorf postiert, wo Sharpe viele bunte Fahnen sehen konnte.

»Wie viele sind das?«, fragte er.

»Mindestens hunderttausend Mann«, schätzte McCandless.

»Mindestens«, stimmte Sevajee zu. »Aber die meisten sind Abenteurer, die wegen der Beute gekommen sind.« Der Inder spähte durch ein langes, mit Elfenbein verkleidetes Fernrohr. »Und die Kavallerie wird in einer Schlacht nicht helfen.«

McCandless wies zur Infanterie hinter der Geschützlinie. »Wie viele sind es? Fünfzehntausend?«

»Vierzehn- oder fünfzehntausend«, sagte Sevajee. »Zu viele.«

»Zu viele Geschütze«, sagte McCandless düster. »Es wird einen Rückzug geben.«

»Ich dachte, wir sind hier, um zu kämpfen!«, sagte Sharpe kriegerisch.

»Wir kamen her, um auszuruhen und morgen nach Borkardan zu marschieren«, sagte McCandless gereizt, »nicht, um es mit gerade fünftausend Mann Infanterie gegen die ganze feindliche Armee aufzunehmen. Sie wissen, dass wir kommen, sie sind bereit für uns, und sie wollen, dass wir in ihr Feuer marschieren. Wellesley ist kein Narr, Sharpe. Er wird uns zurück marschieren lassen, sich mit Stevenson vereinigen und sie dann wieder suchen.«

Sharpe verspürte eine Spur Erleichterung, weil seine Neugier auf die Schlacht nicht befriedigt werden würde, doch zugleich war er enttäuscht. Die Enttäuschung überraschte ihn, und die Erleichterung gab ihm das Gefühl, vielleicht ein Feigling zu sein.

»Wenn wir uns zurückziehen«, warnte Sevajee, »werden uns die Kavalleristen dort drüben auf dem ganzen Weg zu schaffen machen.«

»Wir werden sie eben bekämpfen müssen«, sagte McCandless zuversichtlich, dann atmete er lange und zufrieden durch. »Wir haben ihn! Dort, an der linken Flanke!« Er wies hin, und Sharpe sah weit am äußersten Ende der feindlichen Geschützlinie eine Menge weiß Uniformierter. »Nicht, dass es uns hilft«, sagte McCandless trocken, »aber wenigstens sind wir ihm auf den Fersen.«

»Oder er uns«, sagte Sevajee und bot Sharpe sein Fernrohr an. »Sehen Sie selbst, Sergeant.«

Sharpe legte das lange Fernrohr auf einen dicken Kaktuszweig auf. Er schwenkte es langsam an der Linie Infanterie entlang. Männer schliefen im Schatten, einige waren in ihren kleinen Zelten, andere saßen in Gruppen beisammen, und er hätte geschworen, dass einige würfelten. Offiziere, Inder und Europäer, schlenderten hinter ihren Männern, während vor ihnen die massive Linie der Geschütze auf ihren Protzen wartete.

Er bewegte das Fernrohr zur äußersten rechten Seite der feindlichen Linie und sah die weißen Uniformröcke von Dodds Männern – und er sah noch etwas: zwei riesige Geschütze, viel größer als alle, die er bisher gesehen hatte.

»Sie haben ihre Belagerungsgeschütze in der Linie, Sir«, sagte er zu McCandless, der sein eigenes Fernrohr ausrichtete.

»Achtzehnpfünder«, schätzte McCandless, »oder vielleicht größer?« Der Colonel schob sein Fernrohr zusammen. »Warum reiten sie keine Patrouille auf dieser Seite des Flusses?«

»Weil sie uns nicht vergraulen wollen«, sagte Sevajee. »Wir sollen vor ihre Geschütze marschieren und im Fluss sterben. Aber sie haben trotzdem einige Reiter auf diesem Ufer versteckt, die ihnen melden, wenn wir uns zurückziehen.«

Hufschlag ließ Sharpe herumwirbeln, weil er mit der feindlichen Kavallerie rechnete, doch es war General Wellesley mit seinen beiden Adjutanten, die zum Fuß des Hügelkamms ritten.

»Sie sind alle da, McCandless!«, rief der General glücklich.

»So ist es anscheinend, Sir.«

Der General zügelte sein Pferd und wartete, dass sich McCandless zu ihm gesellte. »Sie nehmen anscheinend an, dass wir frontal angreifen«, sagte Wellesley, als finde er die Vorstellung belustigend.

»Dafür sind sie formiert, Sir.«

»Sie müssen uns für Idioten halten. Wie spät ist es?«

Einer der Adjutanten zog seine Uhr zurate. »Zehn nach zwölf, Sir.«

»Da bleibt genug Zeit«, murmelte der General. »Vorwärts, Gentlemen. Bleiben Sie unterhalb des Kamms. Wir wollen ihnen keine Angst einjagen!«

»Ihnen Angst einjagen?«, fragte Sevajee lächelnd, doch Wellesley ignorierte die Bemerkung, gab seinem Pferd die Sporen und ritt ostwärts, parallel zum Fluss. Einige Kavalleristen der Company durchstreiften suchend die Felder, und zuerst dachte Sharpe, sie wollten versteckte feindliche Späher aufstöbern, doch dann sah er, dass sie einheimische Bauern jagten und sie hinter dem General hertrieben.

Wellesley ritt zwei Meilen ostwärts, eine lange Reihe von Reitern hinter sich. Als die Bauern die Stelle erreichten, an der sein Pferd am Fuß eines niedrigen Hügels angepflockt war, waren sie atemlos. Der General kniete unter dem Hügelkamm und spähte durch ein Fernglas nach Osten.

»Fragt diese Leute, ob es irgendwelche Furten östlich von hier gibt!«, rief er seinen beiden Adjutanten zu.

Eine hastige Befragung folgte, und die Bauern waren ziemlich sicher, dass es keine Furt gab. Die einzige Durchquerung des Flusses, beteuerten sie, sei nur direkt vor Sindhias Armee möglich.

»Suchen Sie einen cleveren Mann aus«, befahl Wellesley, »und bringen Sie ihn her. Colonel, könnten Sie vielleicht übersetzen?«

McCandless wählte einen der Bauern aus und führte ihn den Hügel hinauf. Sharpe, ohne gefragt zu werden, folgte ihnen, und Wellesley schickte ihn nicht zurück, sondern murmelte, dass sie sich alle ducken sollten.

»Da«, der General wies ostwärts auf ein Dorf an Südufer des Kaitna, »dieses Dorf, wie heißt es?«

»Peepulgaon«, sagte der Bauer und fügte hinzu, dass seine Mutter und zwei Schwestern in der Ansammlung von Häusern mit Strohdächern wohnten.

Peepulgaon lag nur eine halbe Meile von dem niedrigen Hügel entfernt, aber es war gut zwei Meilen östlich von Taunklee, dem Dorf, das sich gegenüber dem östlichen Ende der Marathen-Linie befand. Beide Dörfer lagen am südlichen Ufer des Kaitna, während der Feind auf der Nordseite des Kaitna wartete. Und Sharpe verstand Wellesleys Interesse nicht.

»Fragen Sie ihn, ob er irgendwelche Verwandte nördlich des Flusses hat«, befahl der General McCandless.

»Er hat einen Bruder und verschiedene Cousins, Sir«, übersetzte McCandless.

»Also besucht seine Mutter ihren Sohn nördlich des Flusses?«, fragte Wellesley.

Der Bauer begann mit einer langen Erklärung. In der trockenen Saison, sagte er, gehe sie zu Fuß durch das Flussbett, doch in der Regenzeit, wenn der Wasserspiegel stieg, sei sie gezwungen, flussaufwärts zu gehen und den Kaitna bei Taunklee zu durchqueren.

Wellesley hörte angespannt zu und stieß dann offensichtlich ungläubig einen Grunzlaut aus. Er starrte angestrengt durch das Fernrohr.

»Campbell?«, rief er. Doch sein Adjutant war zu einer niedrigen Anhöhe hundert Yards westwärts gegangen, von wo aus er eine bessere Sicht auf die feindliche Linie hatte. »Campbell?«, rief Wellesley noch einmal, und als er keine Antwort erhielt, wandte er sich um. »Sharpe, Sie werden gebraucht. Kommen Sie her.«

»Sir?«

»Sie haben junge Augen. Kommen Sie her, und halten Sie sich geduckt.«

Sharpe gesellte sich zu dem General auf den Hügelkamm, und zu seiner Überraschung reichte ihm der General das Fernglas.

»Sehen Sie sich das Dorf an«, befahl Wellesley. »Dann schauen Sie zum gegenüberliegenden Ufer, und sagen Sie mir, was Sie sehen.«

Sharpe brauchte einen Moment, um Peepulgaon mit der Linse zu erfassen, doch plötzlich sah er alle Häuser aus getrocknetem Schlamm durch das Fernrohr. Er bewegte das Fernrohr langsam weiter, ließ es über Ochsen, Ziegen und Hühner wandern, an Wäsche vorbei, die zum Trocknen am Flussufer aufgehängt war, und dann über das braune Wasser des Kaitna und das gegenüberliegende Ufer, wo er eine schlammige Böschung sah, auf der Bäume standen, hinter denen sich ein freies Stück Land befand. Und am Ende des flachen Lands waren Strohdächer zu erkennen.

»Da ist ein anderes Dorf, Sir«, sagte Sharpe.

»Sind Sie dessen sicher?«, fragte Wellesley drängend.

»Ziemlich sicher, Sir. Die Hütten könnten Ställe sein.«

»Man hält kein Vieh in Ställen, entfernt von einem Dorf«, sagte der General, »nicht in einem Landstrich, in dem es von Dieben wimmelt.« Wellesley drehte sich abrupt um. »McCandless, fragen Sie Ihren Freund, ob ein Dorf auf der anderen Flussseite gegenüber von Peepulgaon ist.«

Der Bauer hörte sich die Frage an und nickte dann.

»Waroor«, sagte er und informierte den General, dass sein Cousin der Dorfälteste, der naique, war.

»Wie weit sind diese Dörfer voneinander entfernt, Sharpe?«, fragte Wellesley.

Sharpe schätzte die Entfernung. »Dreihundert Yards, Sir?«

Wellesley nahm sein Fernrohr zurück und ging vom Hügelkamm fort. »Nie in meinem Leben habe ich zwei Dörfer auf gegenüberliegenden Ufern eines Flusses gesehen, die nicht durch eine Furt verbunden waren.«

»Er besteht darauf, dass es keine Furt gibt«, sagte McCandless und nickte zu dem Bauern.

»Dann ist er entweder ein Schurke und Lügner oder ein Blödmann«, sagte Wellesley heiter. »Vermutlich Letzteres.« Er dachte mit gerunzelter Stirn nach und trommelte mit der Hand auf dem Fernrohr. »Ich wette, da gibt es eine Furt«, murmelte er vor sich hin.

»Sir?« Captain Campbell kam vom niedrigen Hügel im Westen zurückgelaufen. »Der Feind bricht das Lager ab, Sir.«

Wellesley näherte sich dem Hügelkamm und spähte wieder durch das Fernrohr. Die Infanterie auf dem Nordufer des Kaitna regte sich nicht, doch in der Ferne, nahe bei dem befestigten Dorf, wurden Zelte abgebaut.

»Sie bereiten sich auf eine Flucht vor, würde ich sagen«, murmelte Wellesley.

»Oder darauf, den Fluss zu durchqueren und uns anzugreifen«, meinte Campbell unheilvoll.

»Nichts, was uns Sorgen machen sollte«, sagte Wellesley und blickte angestrengt durch das Fernrohr zu den gegenüberliegenden Dörfern Peepulgaon und Waroor. »Da muss eine Furt sein«, sagte er im Selbstgespräch, so leise, dass nur Sharpe ihn verstehen konnte. »Das ist doch klar.« Dann schwieg er lange Zeit.

»Diese feindliche Kavallerie, Sir«, machte Campbell ihn aufmerksam.

Wellesley wurde aus den Gedanken gerissen. »Was?«

»Sehen Sie, Sir.« Campbell wies westwärts zu einer großen Gruppe feindlicher Reiter, die aus einem Waldstück aufgetaucht war, sich jedoch damit zufrieden gab, Wellesleys Gruppe aus einer halben Meile Entfernung zu beobachten.

»Es wird Zeit, dass wir von hier verschwinden«, sagte Wellesley. »Geben Sie diesen verlogenen Idioten eine Rupie, McCandless, und dann hauen wir ab.«

»Sie planen den Rückzug, Sir?«, fragte McCandless.

Wellesley war den Hang hinuntergeeilt, doch nun blieb er stehen und blickte überrascht zu dem Schotten zurück. »Rückzug?«

McCandless blinzelte. »Sie haben sicherlich nicht vor zu kämpfen, Sir, oder?«

»Wie sonst erledigen wir das Geschäft für Seine Majestät? Natürlich werden wir kämpfen. Es gibt da eine Furt.« Wellesley wies gen Peepulgaon. »Dieser erbärmliche Bauer mag das leugnen, aber er ist ein Vollidiot! Da muss eine Furt sein. Wir werden sie durchqueren, uns gegen ihre linken Flanke wenden und sie in Stücke schlagen! Aber wir müssen uns beeilen! Es ist bereits Mittag. Drei Stunden bis zur Schlacht, Gentlemen. Drei Stunden, um ihre Flanke zurückzudrängen.« Er rannte den Hügelhang hinunter zu Diomed, seinem grauen arabischen Pferd.

»Guter Gott!«, sagte McCandless. »Guter Gott!«

Denn fünftausend Infanteristen würden jetzt den Kaitna an einer Stelle durchqueren, wo es angeblich unmöglich war, und dann gegen eine feindliche Streitmacht kämpfen, die mindestens zehnmal so groß war.

»Guter Gott«, murmelte der Colonel noch einmal, dann beeilte er sich, Wellesley nach Süden zu folgen. Der Feind hatte ihm einen Marsch aufgezwungen, die Rotröcke waren die ganze Nacht unterwegs gewesen und hundemüde, doch Wellesley würde seine Schlacht bekommen.

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