KAPITEL 6
Colonel McCandless hatte sich entschlossen, nicht an Pohlmanns Abendessen teilzunehmen, verbot es jedoch Sharpe nicht.
»Aber betrinken sie sich nicht«, ermahnte er den Sergeant, »und seien Sie um Mitternacht an meinem Zelt. Ich will im Morgengrauen zurück am Godavari sein.«
»Jawohl, Sir«, sagte Sharpe, dann ging er zu Pohlmanns Zelt, wo sich die meisten der Offiziere der Brigade versammelt hatten. Dodd war da und ebenfalls ein halbes Dutzend Frauen von Pohlmanns europäischen Offizieren, darunter Simone Joubert, doch von ihrem Mann war nichts zu sehen.
»Er ist heute Nacht für die Posten verantwortlich«, erklärte Simone Sharpe, als er sie danach fragte, »und Colonel Pohlmann hat mich zum Essen eingeladen.«
»Er hat mich eingeladen, mich seiner Armee anzuschließen«, erzählte Sharpe.
»Tatsächlich?« Ihre Augen weiteten sich, als sie von ihrem Stuhl aufblickte. »Und? Wirst du in seine Armee eintreten?«
»Es würde bedeuten, dass ich nahe bei dir bin, Ma’am«, sagte Sharpe, »und das ist ein Anreiz.«
Simone lächelte leicht über das Kompliment. »Ich glaube, du wärst kein so guter Soldat, wenn du deine Loyalität um einer Frau willen änderst, Sergeant.«
»Er verspricht, dass ich in kürzester Zeit ein Offizier sein werde«, sagte Sharpe.
»Und ist es das, was du willst?«
Sharpe hockte sich auf die Hacken, damit er näher bei ihr sein konnte. Die anderen europäischen Frauen sahen es und spitzten die Lippen mit Missbilligung, die aus Neid geboren war, aber Sharpe bekam ihre Blicke gar nicht mit. »Ich glaube, ich wäre gern Offizier, ja. Und ich kann mir einen sehr guten Grund denken, Offizier in dieser Armee zu sein.«
Simone errötete. »Ich bin eine verheiratete Frau, Sergeant. Das weißt du.«
»Aber selbst verheiratete Frauen brauchen Freunde«, sagte Sharpe.
In diesem Augenblick packte ihn eine große Hand am zusammengebundenen Haar und riss ihn auf die Füße.
Sharpe fuhr wütend herum, um zu sehen, wer ihn da so grob packte. Es war der grinsende Major Dodd.
»Ich kann Sie doch nicht vor Frauen knien lassen, Sharpe«, sagte Dodd und verneigte sich unbeholfen vor Simone. »Guten Abend, Madame.«
»Major«, erwiderte Simone kühl.
»Sie werden mir verzeihen, Madame, wenn ich Ihnen Sergeant Sharpe raube?«, fragte Dodd. »Ich möchte mit ihm sprechen. Kommen Sie, Sharpe.« Er nahm Sharpe am Arm und führte ihn durch das Zelt. Der Major war beschwipst und offenbar in der Laune, noch mehr zu trinken, denn er schnappte sich von einem Diener einen ganzen Krug Arrak und nahm dann zwei Becher von einem Tisch.
»Madame Joubert gefällt Ihnen, wie?«, fragte er Sharpe.
»Ja, ich mag sie, Sir.«
»Sie ist vergeben, Sergeant. Denken Sie daran, wenn Sie zu uns kommen. Sie ist vergeben.«
»Sie meinen, sie ist verheiratet, Sir?«
»Verheiratet?« Dodd lachte, schenkte Arrak ein und gab einen Becher Sharpe. »Wie viele europäische Offiziere können Sie hier sehen? Und wie viele europäische Frauen? Und wie viele von ihnen sind jung und hübsch wie Madame Joubert? Rechnen Sie es aus, Junge. Und drängeln Sie sich nicht vor.« Dodd grinste bei diesen Worten, und sein Tonfall war offenbar scherzhaft gemeint. »Aber Sie schließen sich uns an, nicht wahr?«
»Ich denke darüber nach, Sir.«
»Sie werden dann in meinem Regiment sein, Sharpe«, sagte Dodd. »Ich brauche europäische Offiziere. Ich habe nur Joubert bekommen, und er ist verdammt nutzlos, und so habe ich mit Pohlmann gesprochen, und er sagt, Sie können zu meinen Kobras kommen. Ich gebe Ihnen drei eigene Kompanien, um die Sie sich kümmern, und Gott helfe Ihnen, wenn Sie sie nicht in erstklassiger Verfassung halten. Ich mag es, mich um die Männer zu kümmern, denn in der Schlacht kümmern sie sich um einen selbst, und Gott gnade jedem Offizier, der mich im Stich lässt.« Er legte eine Pause sein, um die Hälfte seines Arraks zu trinken und nachzuschenken. »Ich werde Sie hart rannehmen, Sharpe, verdammt hart, aber in dieser Armee ist viel Gold zu holen, wenn wir erst Boy Wellesley vernichtend geschlagen haben. Geld ist Ihre Belohnung, Junge, viel Geld.«
»Und deshalb sind Sie hier, Sir?«
»Deshalb sind wir alle hier, Sie Narr. Alle außer Joubert, der von seiner Regierung auf diesen Posten geschickt worden ist und zu blöde ist, sich an Sindhias Gold zu bedienen. Melden Sie sich bei mir am Morgen. Wir marschieren morgen Nacht nach Norden, was bedeutet, dass Sie einen Tag haben werden, um sich einzuarbeiten, und danach sind Sie Mister Sharpe, Gentleman. Kommen Sie morgen früh zu mir, Sharpe, und legen Sie diesen verdammten roten Rock ab.« Er stieß Sharpe mit dem Zeigefinger gegen die Brust. »Wenn ich einen roten Rock sehe«, fuhr er fort, »möchte ich Blut sehen.« Er grinste und zeigte gelbliche Zähne.
»Wie in Chasalgaon, Sir?«, fragte Sharpe.
Dodds Grinsen verschwand. »Warum, zum Teufel, fragen Sie das?«, grollte er.
Sharpe hatte gefragt, weil er sich an das Massaker erinnert und sich gefragt hatte, ob er jemals unter einem Mann dienen konnte, der solch ein Blutbad befohlen hatte, doch er sagte nichts davon. »Ich habe Geschichten gehört, Sir, aber keiner erzählt uns etwas Genaues, Sir. Sie wissen darüber Bescheid, und so habe ich mich gefragt, was dort geschehen ist.«
Dodd ließ sich die Antwort durch den Kopf gehen und zuckte dann mit den Schultern. »Ich habe keine Gefangenen gemacht, Sharpe, das ist geschehen. Ich habe die Bastarde bist auf den letzten Mann kaltgemacht.«
Und bis auf den letzten Jungen, dachte Sharpe und dachte an Davi Lal. Seine Miene blieb ausdruckslos, und er zeigte keine Spur von Erinnerung oder Hass. »Warum haben Sie keine Gefangenen gemacht, Sir?«
»Weil Krieg ist!«, erwiderte Dodd heftig. »Wenn Männer gegen mich kämpfen, Sergeant, dann will ich, dass sie mich fürchten, denn dadurch ist die Schlacht halb gewonnen, bevor sie angefangen hat. Das ist nicht menschenfreundlich, ich weiß, aber wer hat je gesagt, dass ein Krieg menschenfreundlich ist? Und in diesem Krieg, Sergeant«, er deutete zu den Offizieren, die sich um Colonel Pohlmann drängten, »frisst ein Hund den anderen. Wir sind alle im Wettbewerb. Und niemand weiß, wer gewinnen wird. Der Skrupelloseste wird der Sieger sein. Was habe ich also in Chasalgaon getan? Ich habe für meinen Ruf gesorgt, Sharpe. Mir einen Namen gemacht. Das ist die Regel Nummer eins des Krieges, Sergeant. Sorgen Sie dafür, dass die Bastarde Sie fürchten. Und wissen Sie, was Regel Nummer zwei ist?«
»Stellen Sie keine Fragen, Sir?«
Dodd grinste. »Nein, Junge, die zweite Regel heißt, vergrößere nie Fehlschläge. Und die dritte, kümmern Sie sich um Ihre Männer. Sie wissen, warum ich diesen Goldschmied vermöbelt habe? Davon haben Sie gehört, nicht wahr? Ich werde es Ihnen sagen. Es war nicht, weil er mich betrogen hat, was der Fall gewesen ist, sondern weil er einige meiner Männer betrogen hat. So kümmerte ich mich um sie und ließ ihn von ihnen gründlich verprügeln, und der Bastard starb daran, was er verdient hatte, dieses reiche, fette Schwein.«
Der Major wandte sich um und blickte finster zu den Bediensteten, die Essen aus Pohlmanns Küchenzelt brachten.
»Und hier sind sie genauso schlecht, Sharpe. Sehen sie sich all dieses Essen an. Das reicht, um zwei Regimenter zu beköstigen, Sharpe, und die Männer schieben Kohldampf. Kein richtiges Versorgungssystem, verstehen Sie? Es kostet Geld, das ist der Grund. In dieser Armee wird kein Essen an Sie ausgegeben, sie gehen raus und klauen es sich.« Sein Gesicht spiegelte Missbilligung wider. »Ich habe es Pohlmann gesagt. Bauen Sie eine Verpflegungsstelle auf, habe ich gesagt, doch das hat er nicht getan, denn es kostet Geld. Sindhia hortet Lebensmittel in seinen Festungen, doch er gibt sie erst aus, wenn er sie bezahlt bekommt, und Pohlmann will auf keinen Penny von seinem Profit verzichten, und so verfault der Proviant in den Lagerschuppen, während wir weitermarschieren, denn nach einer Woche haben wir eine Reihe von Feldern leer gefressen und müssen zu den nächsten marschieren. Das ist eine verdammte Methode, eine Armee zu führen.«
»Vielleicht werden Sie eines Tages das System ändern, Sir«, sagte Sharpe.
»Das werde ich!«, sagte Dodd energisch. »Das werde ich, verdammt noch mal! Und wenn Sie Verstand haben, Junge, dann werden Sie mir helfen. Als Sohn eines Müllers hat man einiges gelernt, Sergeant, und zwar nicht nur, wie man Korn mahlt, sondern auch, dass ein Narr und sein Geld leicht zu trennen sind. Und Sindhia ist ein Narr, aber wenn ich die Chance bekomme, werde ich den Scheißkerl zum Kaiser von Indien machen.« Er wandte sich um, als ein Diener einen Gong schlug. »Es ist Zeit fürs Essen.«
Es war eine merkwürdig gedämpfte Stimmung beim Abendessen, obwohl Pohlmann sein Bestes tat, um seine Gesellschaft bei guter Laune zu halten.
Sharpe hatte sich bemüht, einen Platz neben Simone zu ergattern, doch Dodd und ein schwedischer Captain waren ihm zuvor gekommen, und Sharpe hatte einen kleinen Schweizer Doktor als Tischnachbarn, der ihm während der gesamten Mahlzeit Fragen über die religiösen Gepflogenheiten in britischen Regimentern stellte.
»Ihre Militärgeistlichen sind fromme Männer, ja?«
»Besoffene Bastarde, Sir, jedenfalls die meisten.«
»Das kann nicht stimmen!«
»Erst vor einem Monat habe ich zwei von ihnen aus einem Puff geschleppt, Sir. Sie wollten nicht zahlen, Sir.«
»Sie erzählen mir nicht die Wahrheit!«
»Auf Gottes Ehre, Sir. Reverend Cooper war einer von ihnen, und es gibt kaum einen Sonntag, an dem er nüchtern ist. Er hat eine Weihnachtspredigt zu Ostern gehalten, so blau war er.«
Die meisten der Gäste gingen früh, Dodd darunter, doch ein paar Hartnäckige blieben, um mit dem Colonel Karten zu spielen.
Pohlmann grinste Sharpe an. »Sie spielen mit, Sharpe?«
»Ich bin nicht reich genug, Sir.«
Pohlmann schüttelte in gespielter Wut über die Antwort den Kopf. »Ich werde Sie reich machen, Sharpe. Glauben Sie mir das?«
»Ich glaube Ihnen, Sir.«
»Sie haben sich also entschieden? Sie kommen in mein Regiment?«
»Ich möchte immer noch ein bisschen darüber nachdenken, Sir.«
Pohlmann zuckte mit den Schultern. »Da gibt es nichts nachzudenken. Entweder werden Sie ein reicher Mann, oder Sie verrecken für König George.«
Sharpe verließ die übrig gebliebenen Offiziere bei ihrem Kartenspiel und ging durch das Lager davon. Er dachte wirklich nach oder versuchte es wenigstens, und er suchte einen ruhigen Platz, doch eine Menge von Soldaten wettete bei Hundekämpfen, und ihr Geschrei und das Kläffen und Winseln der Hunde hallte weit durch die Dunkelheit.
Sharpe ließ sich auf einer freien Fläche nahe bei den angebundenen Kamelen nieder, die Pohlmanns Nachschub an Raketen transportierten, und dort lag er und starrte durch den Nebel von Rauch zu den Sternen empor. Millionen von Sternen.
Er hatte immer gedacht, es sei eine Antwort auf alle Geheimnisse des Lebens in den Sternen, doch immer wenn er sie anschaute, ließ sich die Antwort nicht finden. Im Waisenhaus war er zur Strafe gepeitscht worden, weil er in einer klaren Nacht durch das Dachfenster der Werkstatt zum Himmel gestarrt hatte. »Du bist nicht hier, um die Dunkelheit anzuglotzen, Junge«, hatte der Aufseher geschnauzt. »Du bist hier, um zu arbeiten.« Und die Peitsche war auf Sharpes Schultern geklatscht, und er hatte gehorsam auf den großen Haufen Hanfseile hinabgeschaut, die gesplisst werden mussten.
»Du musst ein Handwerk lernen, Junge«, hatte der Meister ihm immer wieder gesagt, und so hatte Sharpe sich daran gehalten und eines gelernt – aber es war nicht das Seilerhandwerk gewesen. Er hatte das Killergewerbe gelernt. Eine Muskete laden und abfeuern. Er hatte es noch nicht oft ausgeübt, aber er mochte es. Er erinnerte sich an Malavelly, als die Salve auf den nahenden Feind geschossen worden war und sich jegliches Gefühl des Unglücklichseins und des Zorns im Lauf der Muskete konzentriert hatte und in einer Explosion aus Feuer, Rauch und Blei hinausgespuckt worden war.
Er hielt sich nicht für unglücklich. Nicht jetzt. Die Armee war in den letzten Jahren gut zu ihm gewesen, doch er spürte, dass immer noch etwas falsch in seiner Seele war. Er wusste nicht, was es war, denn er fand, dass er im sorgsamen Denken nichts taugte. Er war ein Mann der Tat, denn immer wenn ein Problem gelöst werden musste, konnte er für gewöhnlich eine Lösung finden, doch für einfaches Denken war er nicht von großem Nutzen. Aber jetzt musste er denken, und er starrte zu den vom Rauch verschwommenen Sternen in der Hoffnung, dass sie ihm helfen würden. Doch sie schimmerten nur weiter. Lieutenant Sharpe, dachte er, und es überraschte ihn, dass er nichts Seltsames an dieser Vorstellung fand.
Die Sache war natürlich lächerlich. Richard Sharpe ein Offizier? Aber irgendwie konnte er die Idee nicht abschütteln. Sie ist lachhaft, versuchte er, sich selbst zu überzeugen, wenigstens in der britischen Armee, aber nicht hier. Nicht in Pohlmanns Armee, denn Pohlmann war einst selbst Sergeant gewesen.
»Verdammt, verdammt«, entfuhr es ihm laut, und eines der Kamele rülpste als Antwort.
Das Gejohle der Wetter feierte den Tod eines Hundes bei dem blutigen Kampf, und irgendwo in der Nähe spielte ein Soldat auf einem der merkwürdigen indischen Instrumente, zupfte an den langen Saiten eine klagende Melodie.
Im britischen Lager würden sie singen, dachte Sharpe, doch hier sang keiner. Sie waren zu hungrig, doch Hunger stoppte keinen Mann beim Kämpfen. Er hatte Sharpe nie gestoppt. Diese hungrigen Männer konnten also kämpfen, und sie brauchten Offiziere, und er musste nur aufstehen, sich den Staub abklopfen, zu Pohlmann Zelt schlendern und Lieutenant Sharpe werden. Mister Sharpe. Und er würde seine Sache gut machen. Besser als Morris, besser als die meisten der jüngeren Offiziere der Armee.
Er war ein guter Sergeant, ein verdammt guter, und er genoss es, Sergeant zu sein. Er bekam Respekt, nicht nur wegen der Streifen auf seinen roten Ärmeln und weil er die Mine in Seringapatam in die Luft geblasen hatte, sondern weil er gut und hart war. Er hatte keine Angst davor, eine Entscheidung zu treffen. Das war der Schlüssel zum Erfolg, nahm er an. Und es machte ihm Spaß, Entscheidungen zu treffen. Er genoss den Respekt, den ihm seine Entscheidungsfreudigkeit brachte.
Ihm wurde klar, dass er sich in seinem ganzen Leben nach Respekt gesehnt hatte. Himmel, dachte er, was würde es für eine Freude sein, ins Waisenhaus zu spazieren, mit goldenen Tressen auf dem Rock und einem Säbel des Offiziers an der Seite? Das war der Respekt, den er von den Bastarden in Brewhouse Lane wünschte, die gesagt hatten, es würde nie etwas aus ihm werden, und die ihn blutig gepeitscht hatten, weil er ein Bastard aus der Gosse war.
Bei Gott, dachte er, das Waisenhaus besuchen würde das Leben perfekt machen! Brewhouse Lane, er mit Tressen auf dem Uniformrock und Offizierssäbel und mit Simone am Arm und die Juwelen eines verstorbenen Königs an ihrem Hals. Alle im Waisenhaus würden den Hut vor ihnen ziehen und dienern.
Perfekt, dachte er, einfach perfekt, und als er sich diesem Traum hingab, ertönte ein ärgerlicher Ruf aus den Zelten bei Pohlmanns großem Zelt, und einen Augenblick später krachte eine Waffe.
Nach dem Schuss herrschte einen Moment Stille, als ob Gewalt einen Kampf Betrunkener beendet hätte, dann hörte Sharpe Männerlachen und Hufschlag.
Er hatte sich aufgesetzt und starrte zum großen Zelt. Die Pferde galoppierten ziemlich nahe an ihm vorbei, und dann verlor sich ihr Hufschlag in der Dunkelheit.
»Komm zurück!«, rief ein Mann auf Englisch, und Sharpe erkannte McCandless’ Stimme.
Sharpe sprang auf und rannte los.
»Komm zurück!«, rief McCandless von Neuem, und dann krachte wieder ein Schuss, und Sharpe hörte den Colonel aufjaulen wie einen geprügelten Hund.
Stimmen riefen jetzt durcheinander. Die Offiziere, die Karten gespielt hatten, rannten auf McCandless’ Zelt zu, und Pohlmanns Leibwächter folgten ihnen.
Sharpe wich einem Lagerfeuer aus, sprang über einen schlafenden Mann hinweg und sah einen Schemen, der sich eilig von dem Tumult entfernte. Der Schatten hatte eine Muskete in der Hand und hielt sich halb geduckt, als wolle er nicht gesehen werden. Sharpe zögerte nicht, sondern bog ab und rannte auf den Mann zu.
Als der Flüchtige Sharpe kommen hörte, lief er schneller. Dann wurde ihm klar, dass er nicht entkommen konnte. Er verharrte jäh und drehte sich nach seinem Verfolger um. Der Mann zog ein Bajonett hervor und schob es auf den Lauf seiner Muskete.
Sharpe sah Mondschein auf der lange Klinge blitzten, sah das Weiß der Zähne des Mannes in der Dunkelheit, und dann stieß das Bajonett auf ihn zu, doch Sharpe hatte sich zu Boden fallen lassen und glitt unter der Klinge vorwärts durch den Staub. Er schlang die Arme um die Beine des Mannes, ruckte daran, und der Mann stürzte zurück. Sharpe schlug die Muskete mit der linken Hand zurück und hämmerte die Rechte auf die im Mondschein schimmernden Zahnreihen.
Der Mann versuchte, ihm in den Unterleib zu treten, und stieß die gekrümmten Finger nach seinen Augen, doch Sharpe schnappte mit dem Mund einen der Finger und biss zu. Der Mann schrie vor Schmerzen auf, doch Sharpe biss noch härter zu, und dann spuckte er dem Mann die abgetrennte Fingerspitze ins Gesicht und versetzte ihm einen letzten Fausthieb.
»Bastard«, keuchte Sharpe und zerrte den Mann auf die Füße.
Zwei von Pohlmanns Offizieren trafen jetzt ein, einer noch mit einem Kartenblatt in der Hand.
»Nehmen Sie seine verdammte Muskete«, sagte Sharpe im Befehlston. Der Mann bäumte sich in Sharpes Griff auf, doch er war viel kleiner als Sharpe, und mit einem Tritt zwischen seine Beine brachte er ihn zur Räson. »Komm mit, du Bastard!«, sagte Sharpe.
Einer der Offiziere hob die Muskete vom Boden auf, und Sharpe fühlte an ihrem Lauf. Er war heiß, die Waffe war soeben abgefeuert worden. »Wenn du meinen Colonel gekillt hast, du Dreckskerl, bringe ich dich um«, sagte Sharpe und zerrte den Mann an den Lagerfeuern vorbei zu der Traube von Offizieren, die sich vor dem Zelt des Colonels versammelt hatten.
McCandless’ beide Pferde waren verschwunden. Sowohl die Stute als auch der Wallach waren gestohlen worden, und Sharpe wurde klar, dass es ihr Hufschlag gewesen war, den er auf seinem Lagerplatz gehört hatte. McCandless, erwacht von den Geräuschen der Pferdediebe, war aus dem Zelt geeilt und hatte mit seiner Pistole auf die Männer gefeuert. Einer von ihnen hatte zurückgeschossen, und die Kugel hatte den linken Oberschenkel des Colonels getroffen. Er lag jetzt auf dem Boden und war schrecklich bleich.
Pohlmann brüllte nach seinem Arzt.
»Wer ist das?«, fragte er Sharpe und nickte zu dem Gefangenen hin.
»Der Bastard, der auf Colonel McCandless gefeuert hat, Sir. Die Muskete ist noch heiß.«
Der Mann erwies sich als einer von Major Dodds Sepoys, einer der Männer, die mit Dodd von der Company desertiert waren, und er wurde in die Obhut von Pohlmanns Leibwache gegeben.
Sharpe kniete sich neben McCandless, der gegen seine Schmerzen ankämpfte, als der Doktor eintraf, der Schweizer, der beim Abendessen neben Sharpe gesessen hatte, und sein Bein untersuchte.
»Ich hatte geschlafen!«, beklagte sich der Colonel. »Diebe, Sharpe, Diebe!«
»Wir werden Ihre Pferde finden«, versicherte Pohlmann dem Schotten, »und wir werden die Diebe finden.«
»Sie haben meine Sicherheit garantiert«, beschwerte sich McCandless.
»Die Schurken werden bestraft werden«, versprach Pohlmann. Dann half er Sharpe und zwei anderen Männern, den verwundeten Colonel anzuheben und in das Zelt zu tragen, wo sie ihn auf das Feldbett legten. Der Doktor sagte, die Kugel habe den Knochen verfehlt und keine Arterie sei verletzt worden, doch er wolle seine Instrumente holen und versuchen, die Kugel herauszuoperieren.
»Wollen Sie etwas Brandy, McCandless?«, fragte Pohlmann.
»Natürlich nicht. Keinen Alkohol. Sagen Sie ihm, er soll anfangen.«
Der Arzt verlangte mehr Laternen, Wasser und seine Zangen und Skalpelle. Dann verbrachte er zehn qualvolle Minuten damit, nach der Kugel zu suchen, die tief in McCandless’ Oberschenkel gedrungen war. Der Schotte äußerte weder einen Schmerzenslaut, als die Sonde in die Wunde glitt, noch, als die langstielige Zange zur Kugel geschoben wurde. Der Schweizer Arzt schwitzte, doch McCandless lag nur mit geschlossenen Augen und zusammengepressten Lippen da.
»Jetzt haben wir die Kugel gleich«, sagte der Doktor und begann zu ziehen, doch das Fleisch hatte sich um die Zange geschlossen, und er musste fast seine ganze Kraft aufwenden, um die Kugel aus der Wunde zu ziehen. Endlich war sie heraus, mit einem Schwall hellen Blutes, und McCandless stöhnte auf.
»Alles erledigt, Sir«, sagte Sharpe.
»Gott sei Dank«, krächzte McCandless, »Gott sei Dank.« Der Schotte öffnete die Augen. Der Doktor verband den Oberschenkel, und McCandless schaute an ihm vorbei zu Pohlmann. »Das ist Verrat, Colonel, Verrat! Ich war Ihr Gast!«
»Ihre Pferde werden gefunden werden, Colonel, das verspreche ich Ihnen«, sagte Pohlmann.
Obwohl seine Männer das Lager bis zum Morgen durchsuchten, wurden die beiden Pferde nicht gefunden. Sharpe war der Einzige, der sie identifizieren konnte, denn Colonel McCandless war nicht in der Verfassung zu gehen, und Sharpe sah keine Pferde, die den gestohlenen ähnelten. Das hatte er auch nicht erwartet, denn jeder Pferdedieb, der auch nur halbwegs bei Verstand war, kannte ein Dutzend Tricks, um seine Beute zu verbergen und Spuren zu beseitigen. Das Aussehen der Tiere würde verändert, ihr Fell gefärbt werden, und dann bekamen sie ein Klistier, sodass sie den Kopf hängen ließen, und wahrscheinlich würden sie zu den Kavalleriepferden gestellt werden, die ohnehin kaum voneinander zu unterscheiden waren. Beide Pferde von McCandless waren von europäischen Geblüt und größer und von besserer Qualität als die meisten Pferde in Pohlmanns Lager, trotzdem konnte Sharpe kein Anzeichen von ihnen entdecken.
Colonel Pohlmann ging in McCandless’ Zelt und bekannte, dass die Pferde nicht auffindbar waren. »Ich werde Ihnen selbstverständlich ihren Wert bezahlen«, fügte er hinzu.
»Ich werde das Geld nicht nehmen«, gab McCandless ärgerlich zurück.
Der Colonel war immer noch bleich und zitterte trotz der Hitze. Seine Wunde war verbunden, und der Doktor nahm an, dass sie schnell heilen würde, doch es bestand die Gefahr, dass das periodisch auftretende Fieber zurückkehren konnte.
»Ich werde nicht das Gold meines Feindes nehmen«, bekräftigte McCandless, und Sharpe nahm an, dass Schmerz und Zorn aus seinen Worten sprachen, denn er wusste, dass die beiden Pferde den Colonel viel gekostet haben mussten.
»Ich werde mir erlauben, das Geld trotzdem dazulassen«, bestand Pohlmann, »und diesen Nachmittag werden wir den Gefangenen hinrichten.«
»Tun Sie, was Sie müssen«, grollte McCandless.
»Und dann werden wir Sie nordwärts transportieren«, versprach der Hannoveraner, »denn Sie müssen unter Doktor Viedlers Obhut bleiben.«
McCandless setzte sich auf. »Sie transportieren mich nirgendwohin. Sie lassen mich hier, Pohlmann. Ich werde mich nicht auf Ihre Obhut verlassen, sondern auf Gottes Gnade.« Er ließ sich wieder aufs Bett sinken und stöhnte vor Schmerzen auf. »Und Sergeant Sharpe kann mich pflegen.«
Pohlmann blickte zu Sharpe. Der Hannoveraner schien sagen zu wollen, dass Sharpe vielleicht nicht bei McCandless bleiben wollte, doch dann nickte er nur, um McCandless Entscheidung zu akzeptieren. »Wenn Sie wünschen, verlassen zu werden, dann sei es so.«
»Ich habe mehr Vertrauen in Gott als in einen treulosen Söldner wie Sie, Pohlmann.«
»Wie Sie wünschen, Colonel«, sagte Pohlmann freundlich, zog sich rückwärts aus dem Zelt zurück und forderte Sharpe mit einer Geste auf, ihm zu folgen.
»Er ist ein sturer Knochen, nicht wahr?« Der Hannoveraner wandte sich um und sah Sharpe an. »Also, Sergeant, kommen Sie mit uns?«
»Nein, Sir«, sagte Sharpe.
In der vergangenen Nacht hatte er sich fast entschieden, Pohlmanns Angebot anzunehmen, doch der Pferdediebstahl und der Schuss, den der Sepoy abgefeuert hatte, hatten ihn umgestimmt. Er konnte McCandless nicht verletzt zurücklassen, und zu seiner Überraschung empfand er keine große Enttäuschung darüber, dass ihm die Entscheidung aufgezwungen worden war. Die Pflicht diktierte, dass er bleiben sollte, aber ebenso das Gefühl, und er bedauerte es nicht.
»Jemand muss sich um Colonel McCandless kümmern, Sir«, erklärte Sharpe. »Er hat sich in der Vergangenheit um mich gekümmert, also bin ich jetzt an der Reihe.«
»Es tut mir ehrlich leid«, sagte Pohlmann. »Die Hinrichtung wird in einer Stunde stattfinden. Ich finde, Sie sollten sie sehen, damit Sie Ihrem Colonel berichten können, dass ihm Gerechtigkeit widerfahren ist.«
»Gerechtigkeit, Sir?«, fragte Sharpe verächtlich. »Es ist keine Gerechtigkeit, diesen Typen zu erschießen. Er wurde von Major Dodd angestiftet.« Sharpe hatte keinen Beweis für diese Behauptung, nur den starken Verdacht. Er nahm an, dass Dodd, von McCandless’ Beleidigungen erzürnt, den Pferdediebstahl in die Liste seiner Verbrechen aufgenommen hatte.
»Sie haben den Gefangenen verhört, oder nicht, Sir?«, fragte Sharpe. »Dann müssen Sie wissen, dass Dodd bis zum Hals in dieser Sache mit drinsteckt.«
Pohlmann lächelte müde. »Der Gefangene hat uns alles erzählt, ich nehme es jedenfalls an, aber was nützt das? Major Dodd bestreitet, dass der Mann die Wahrheit sagt, und ein halbes Dutzend Sepoys sagen unter Eid aus, dass der Major nirgendwo in der Nähe von McCandless’ Zelt war, als die Schüsse fielen. Und wem würde die britische Armee glauben? Einem verzweifelten Sepoy oder einem Offizier?« Pohlmann schüttelte den Kopf. »So müssen Sie mit dem Tod eines Mannes zufrieden sein, Sergeant.«
Sharpe erwartete, dass der gefangene Sepoy erschossen werden würde, doch es gab kein Anzeichen auf ein Erschießungskommando, als der Zeitpunkt des Todes für den Mann kam. Zwei Kompanien von jedem der acht Bataillone von Pohlmann traten an, und die sechzehn Kompanien bildeten drei Seiten eines Karrees vor Pohlmanns gestreiftem Zelt an der vierten Seite. Die meisten der anderen Zelte waren bereits für den Marsch nach Norden abgebaut worden, doch das große Zelt war geblieben, und eine der Segeltuchwände war hochgebunden worden, sodass die Offiziere auf Stühlen, die im Schatten des Zelts aufgestellt waren, die Hinrichtung sehen konnten. Dodd war nicht anwesend, ebenso wenig Frauen des Regiments, doch einige der Offiziere nahmen ihre Plätze ein, und Pohlmanns Diener servierten Leckereien und Getränke.
Der Gefangene wurde von vier von Pohlmanns Leibwächtern zu der behelfsmäßigen Richtstätte geführt. Keiner der vier Männer trug eine Muskete. Stattdessen waren sie mit Zeltheringen, Holzhämmern und kurzen Stricken ausgerüstet. Der Gefangene, der nichts außer einem Stück Tuch um seine Lenden trug, blickte gehetzt hin und her, als suche er einen Flucht weg, doch auf ein Nicken von Pohlmann hin traten die Leibwächter die Beine unter ihm weg, dass er zu Boden fiel. Die Leibwächter knieten sich neben den Mann und banden die Stricke um seine Handgelenke und Fußknöchel und befestigten die Fesseln dann an den Zeltheringen. Der zum Tode verurteilte Mann lag mit gespreizten Armen und Beinen da und starrte in den wolkenlosen Himmel, als die Holzhämmer die acht Heringe in den Boden trieben.
Sharpe stand abseits der Hinrichtungsstätte. Keiner sprach ein Wort mit ihm oder sah ihn nur an. Kein Wunder, dachte er, dies ist eine Farce. All die Offiziere mussten wissen, dass Dodd der Schuldige war, doch der Sepoy musste sterben.
Die angetretenen Soldaten schienen der gleichen Meinung wie Sharpe zu sein, denn es herrschte Verdrossenheit in den Reihen. Pohlmanns compoo mochte gut bewaffnet und hervorragend ausgebildet sein, doch es herrschte keine zufriedene Atmosphäre darin.
Der Gefangene lag in der Mitte der Hinrichtungsstätte. Ein indischer Offizier in ein prächtiges Seidengewand gekleidet und mit einem stark gekrümmten tulwar an der Seite, hielt eine Rede. Sharpe verstand kein Wort. Er nahm an, dass den zuschauenden Soldaten gepredigt wurde, welches Schicksal jeden Dieb erwartete. Als die Ansprache beendet war, blickte der Offizier noch einmal auf den Gefangenen und ging dann zum Zelt zurück, und als er in dessen Schatten verschwand, wurde Pohlmanns großer Elefant mit seinen in Silber gefassten Stoßzähnen und dem metallenen Überhang hinter dem großen Zelt hervorgeführt.
Der Elefantenführer führte den Dickhäuter an einem seiner Ohren, doch als der Elefant den Gefangenen sah, brauchte er keine Führung mehr, sondern stampfte einfach auf den Mann am Boden zu. Das Opfer schrie um Gnade, doch Pohlmann hörte nicht auf das Flehen.
Pohlmann drehte sich zu Sharpe um. »Sie schauen zu, Sergeant?«
»Sie töten den falschen Mann, Sir. Sie sollten Dodd hinrichten.«
»Gerechtigkeit muss erfolgen«, sagte der Colonel und wandte sich wieder dem Elefanten zu, der ruhig neben dem Opfer stand, das sich in seinen Fesseln aufbäumte und sie zu sprengen versuchte. Der Sepoy schaffte es sogar, eine Hand zu befreien, doch anstatt sie zu benutzen, um an den anderen drei Stricken zu zerren, die ihn hielten, schlug er nutzlos nach dem Rüssel des Elefanten.
Ein Murmeln ging durch die Zuschauer der sechzehn Kompanien, doch die eingeborenen Sergeants riefen etwas, und das Raunen erstarb. Pohlmann beobachtete noch ein paar Sekunden, wie sich der Gefangene aufbäumte und in seiner Panik sinnlos um sich schlug. Dann holte er tief Luft und rief: »Haddah! Haddah!«
Der Gefangene schrie in schlimmer Vorahnung auf, und dann, sehr langsam, hob der Elefant einen schweren Vorderfuß und schob seinen Körper leicht vor. Der große Fuß senkte sich auf die Brust des Gefangenen und schien darüber zu verharren. Der Mann versuchte, den Fuß wegzudrücken, aber genauso gut hätte er versuchen können, einen Berg zur Seite zu schieben.
Pohlmann neigte sich vor, den Mund geöffnet, als der Elefant langsam, sehr langsam sein Gewicht auf die Brust des Mannes verlagerte. Es folgte ein weiterer Schrei. Dann konnte der Mann jedoch keine Luft mehr holen, um zu schreien, aber immer noch ruckte und zuckte er, und immer noch presste das Gewicht auf ihn.
Sharpe sah, dass sich seine Beine an den Fußfesseln spannten und sein Kopf hochruckte, und dann hörte er das Splittern von Rippen und sah Blut aus dem Mund des Opfers sprudeln.
Sharpe zuckte zusammen und versuchte, sich die Schmerzen vorzustellen, als der Elefant weiter mit seinem Gewicht Knochen und die Lunge und das Rückgrat zermalmte. Der Gefangene ruckte ein letztes Mal, dann fiel sein Kopf zurück, und ein großer Blutschwall schoss aus seinem offenen Mund und bildete eine Lache neben der Leiche.
Der Elefant trat zurück, und ein Laut wie ein Seufzen ging durch die Reihen der Soldaten. Pohlmann applaudierte, und die Offiziere folgten seinem Beispiel.
Sharpe wandte sich ab. Bastarde, dachte er, gemeine Bastarde.
Und diese Nacht marschierte Pohlmann nach Norden.
Sergeant Obadiah Hakeswill war kein gebildeter Mann, und er war nicht besonders clever, wenn nicht Verschlagenheit über Verstand ging, doch er verstand es sehr gut, Eindruck auf andere Menschen zu machen. Sie fürchteten ihn. Ob es ein einfacher Private frisch vom Rekrutierungs-Sergeant war oder ein General mit goldenen Tressen. Sie alle fürchteten ihn, alle außer zweien, und vor diesen beiden fürchtete sich Obadiah Hakeswill.
Einer war Sergeant Richard Sharpe, in dem Hakeswill eine Gewalttätigkeit spürte, die es mit seiner eigenen aufnehmen konnte, und der andere war Major General Sir Arthur Wellesley, der damals als Colonel des 33. Regiments stets völlig unempfindlich gegen Hakeswills Drohungen gewesen war.
So wäre Sergeant Hakeswill viel lieber nicht General Wellesley gegenübergetreten, doch als sein Konvoi Ahmadnagar erreichte, ergaben Hakeswills Fragen, dass Colonel McCandless nach Norden geritten war und Sharpe mitgenommen hatte.
Der Sergeant hatte gewusst, dass er ab jetzt nichts ohne Wellesleys Genehmigung tun konnte, und so war er zum Zelt des Generals gegangen und hatte sich bei einer Ordonnanz angemeldet, die einen Adjutanten informiert hatte. Der Adjutant hatte dann dem Sergeant befohlen, unter einem Schatten spendenden Baum zu warten.
Er wartete den größten Teil des Vormittags, während sich die Armee darauf vorbereitete, Ahmadnagar zu verlassen. Geschütze wurden aufgeprotzt, Ochsen vor Karren gespannt und Zelte abgebaut. Die Festung von Ahmadnagar, die das gleiche Schicksal wie die Stadt befürchtete, hatte nach ein paar Kanonenschüssen unterwürfig kapituliert. Und da sowohl die Stadt als auch ihre Festung in seinen Händen war, plante Wellesley jetzt, nach Norden zu marschieren, den Godavari zu durchqueren und die feindliche Armee aufzuspüren.
Hakeswill hatte nicht den Wunsch, sich an diesem Abenteuer zu beteiligen, doch er sah keine andere Möglichkeit, Sharpe einzuholen, und so ergab er sich in sein Schicksal.
»Sergeant Hakeswill?« Ein Adjutant kam aus dem großen Zelt des Generals.
»Sir!« Hakeswill stand zackig still.
»Sir Arthur wird Sie jetzt empfangen, Sergeant.«
Hakeswill marschierte in das Zelt, riss den Helm vom Kopf, machte eine schneidige Wendung nach links, marschierte drei Schritte und stoppte vor dem Feldtisch, an dem der General saß und Schreibarbeit erledigte. Hakeswill stand stocksteif still. In seinem Gesicht zuckte es.
»Rühren, Sergeant«, sagte Wellesley, der beim Eintreten des Sergeants kaum von seinen Papieren aufgeblickt hatte.
»Sir!« Hakeswill entspannte sich leicht. »Papiere für Sie, Sir!« Er zog den Haftbefehl für Sharpe hervor und hielt ihn dem General hin.
Wellesley griff nicht danach. Stattdessen lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück und betrachtete Hakeswill, als hätte er nie zuvor einen Sergeant gesehen. Hakeswill stand starr und starrte über den Kopf des Generals hinweg auf die Zeltwand. Wellesley seufzte und neigte sich vor, ignorierte jedoch immer noch den Haftbefehl.
»Sagen Sie mir einfach, was es ist«, sagte er, und seine Aufmerksamkeit kehrte bereits wieder zu den Dokumenten auf seinem Feldtisch zurück. Ein Adjutant nahm alles entgegen, was der General unterzeichnete, streute Sand auf die Unterschriften und legte dann weitere Papiere auf den Tisch.
»Ich bin von Lieutenant Colonel Gore herbefohlen worden, Sir. Um Sergeant Sharpe festzunehmen, Sir.«
Wellesley blickte wieder auf, und Hakeswill erzitterte fast vor den kalten Augen. Er hatte das Gefühl, dass Wellesley durch ihn hindurchschauen konnte, und es führte in seinem Gesicht zu einer Reihe krampfhafter Zuckungen. Wellesley wartete, bis die Krämpfe zu Ende waren.
»Sie sind allein hier, Sergeant?«, fragte er beiläufig.
»Mit einem Kommando von sechs Mann, Sir.«
»Insgesamt sieben! Um einen Mann festzunehmen?«
»Es ist ein gefährlicher Mann, Sir. Ich habe den Befehl, ihn nach Hurryhur zurückzubringen, Sir, so kann ich ...«
»Ersparen Sie mir die Einzelheiten«, sagte Wellesley und blickte wieder auf das nächste Papier, das er unterzeichnen musste. Er zählte einige Zahlen zusammen. »Seit wann ergeben vier Zwölfer und achtzehn eine Summe von achtundsechzig?«, sagte er im Selbstgespräch und korrigierte die Berechnung, bevor er unterschrieb. »Und seit wann stellt Captain Lampert einen Artilleriezug auf?«
Der Adjutant, der den Sandstreuer schwang, wurde rot. »Colonel Eldredge, Sir, ist indisponiert.« Eigentlich ist er besoffen, dachte der Adjutant, aber es ist unklug, in Anwesenheit eines Sergeants zu sagen, dass ein Colonel betrunken ist.
»Dann laden Sie Captain Lampert zum Abendessen sein. Wir müssen ihn ein bisschen Rechnen und normalen Menschenverstand lehren«, sagte Sir Arthur. Er unterzeichnete ein anderes Papier, dann legte er die Feder ab, lehnte sich zurück und sah Hakeswill an.
Er ärgerte sich über die Anwesenheit des Sergeants, weil er Hakeswill nicht leiden konnte, doch besonders, weil er seit Jahren nicht mehr der Kommandeur des 33. Regiments war und nicht mehr daran erinnert werden wollte. Ebenso wenig wollte er in keiner Position sein, in der er die Befehle seines Nachfolgers billigen oder missbilligen musste, denn das hielt er für eine Frechheit.
»Sergeant Sharpe ist nicht hier«, sagte er kühl.
»Das habe ich gehört, Sir. Aber er war hier?«
»Und ich bin nicht die Person, die sich mit dieser Sache beschäftigen sollte, Sergeant«, fuhr Wellesley fort und ignorierte Hakeswills Frage. Er nahm wieder die Feder, tauchte sie ins Tintenfässchen und kreuzte auf einer Liste einen Namen durch, bevor er unterschrieb. »In ein paar Tagen wird Colonel McCandless zur Armee zurückkehren, und Sie werden sich mit Ihrem Haftbefehl bei ihm melden«, fuhr er fort. »Ich bezweifle nicht, dass er der Sache die gebührende Aufmerksamkeit widmen wird. Bis dahin sollte ich Sie nützlich beschäftigen. Ich sehe nicht gern sieben Männern herumgammeln, während der Rest der Armee arbeitet.« Wellesley wandte sich an den Adjutanten. »Wo fehlen uns Männer, Barclay?«
Der Adjutant überlegte einen Moment. »Captain Mackay könnte sicherlich einige Unterstützung brauchen, Sir.«
»Sehr gut.« Wellesley wies mit der Feder auf Hakeswill. »Sie werden sich bei Captain Mackay melden. Captain Mackay befehligt unseren Ochsenzug, und Sie werden tun, was immer er auch wünscht, bis Colonel McCandless Sie von diesem Dienst ablösen wird. Wegtreten!«
»Sir!«, sagte Hakeswill gehorsam, und innerlich war er wütend, weil der General nicht seine Empörung über Sharpe teilte. Er machte eine Kehrtwendung, marschierte aus dem Zelt und machte sich auf die Suche nach seinen Männern.
»Es geht alles vor die Hunde«, murmelte er bitter vor sich hin.
»Sergeant?« Flaherty blickte ihn fragend an.
»Es gab eine Zeit, in der selbst ein General Sergeants Respekt entgegenbrachte. Und jetzt sind wir Ochsenwächter. Nehmt eure verdammten Musketen auf!«
»Ist Sharpe nicht hier, Sergeant?«
»Natürlich ist er nicht hier! Wenn er hier wäre, hätten wir nicht den Befehl bekommen, den Ochsen die Ärsche abzuwischen, oder? Aber er kommt zurück. Ich habe das Wort des Generals darauf. Nur ein paar Tage, Jungs, und er wird mit all seinen versteckten glitzernden Steinen wieder hier sein.«
Hakeswills Wut ließ nach. Wenigstens war ihm nicht befohlen worden, sich bei einem kämpfenden Bataillon zu melden. Jeder Dienst bei den Bagagetieren würde ihm eine ausgezeichnete Chance verschaffen, in den Armeelagern zu klauen. Dort konnte allerhand abgestaubt werden – und nicht nur in den Lagern, denn die Bagage reiste immer mit dem Tross der Frauen der Armee, und das bedeutete noch mehr Gelegenheiten. Es könnte schlimmer sein, dachte Hakeswill, solange dieser Captain Mackay kein Leuteschinder ist.
»Wisst ihr, was das Beschissene bei dieser Armee ist?«, fragte Hakeswill.
»Was?«, fragte Lowry.
»Sie ist voller verdammter Schotten«, grollte Hakeswill. »Ich hasse Schotten. Es sind keine Engländer, nur verdammtes Bauernpack. Wir hätten sie alle killen sollen, als wir die Chance hatten, aber stattdessen haben wir Mitleid mit ihnen gehabt. Skorpione an unserem Busen, das sind sie, so steht es schon in der Bibel. Und jetzt bewegt eure verdammten Ärsche!«
Aber es dauert nur ein paar Tage, tröstete sich der Sergeant, nur ein paar Tage, und Sharpe würde erledigt sein.
Colonel Pohlmanns Leibwache brachte McCandless zu einem kleinen Haus am Rande des Lagers. Eine Witwe und drei Kinder wohnten dort, und die Frau wich ängstlich vor den Marathen-Soldaten zurück, die sie vergewaltigt hatten, all ihre Lebensmittel gestohlen und ihren Brunnen mit ihrem Abwasser zu einer Kloake gemacht hatten. Der Schweizer Arzt hatte Sharpe die strikte Anweisung gegeben, dass der Verband am Bein des Colonels feucht gehalten werden musste.
»Ich würde Ihnen Medizin gegen sein Fieber geben, aber ich habe keine«, sagte der Doktor. »Wenn das Fieber schlimmer wird, halten Sie ihn nur warm und bringen ihn zum Schwitzen.« Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Das könnte helfen.«
Pohlmann ließ Lebensmittel und einen Lederbeutel mit Münzen zurück. »Sagen Sie McCandless, dass dies das Geld für seine Pferde ist«, trug er Sharpe auf.
»Jawohl, Sir.«
»Die Witwe wird sich um Sie kümmern«, sagte Pohlmann, »und wenn es dem Colonel wieder gut genug geht, können Sie ihn nach Aurangabad bringen. Und wenn Sie sich anders besinnen, Sharpe, Sie wissen, dass Sie mir willkommen sind.«
Pohlmann schüttelte Sharpe die Hand und stieg dann die silberne Treppe zu seinem Elefanten hinauf. Ein Reiter entfaltete sein Banner des weißen Pferdes von Hannover.
»Ich werde den Befehl geben, dass Sie nicht belästigt werden!«, rief Pohlmann von seinem Sitz auf dem Elefanten, dann schlug der Treiber gegen den Dickhäuter, und das Tier stampfte nordwärts.
Simone Joubert war die Letzte, die sich verabschiedete.
»Ich wünschte, du würdest bei uns bleiben«, sagte sie unglücklich.
»Das kann ich nicht.«
»Ich weiß. Vielleicht ist es auch das Beste.« Sie blickte nach links und rechts, um sich zu vergewissern, dass niemand zuschaute, neigte sich schnell vor und küsste Sharpe auf die Wange. »Au revoir, Richard.«
Er schaute ihr nach, ging dann in die Hütte, die nur aus einem Palmenblätterdach über Wänden aus vermoderten Schilfmatten bestand. Das Innere der Hütte war im Laufe der Zeit vom Rauch geschwärzt worden, und das einzige Möbelstück war die Pritsche, auf der McCandless lag.
»Die Frau ist eine Ausgestoßene«, erzählte der Colonel. »Sie hat bei der Beerdigungszeremonie ihres Mannes gegen die Sitten verstoßen, und so schickte ihre Familie sie fort.« Der Colonel zuckte zusammen, als Schmerzen durch seinen Oberschenkel stachen. »Geben Sie ihr die Lebensmittel und etwas Bargeld aus diesem Lederbeutel. Wie viel hat Pohlmann uns hier gelassen?«
Die Münzen in Pohlmanns Lederbeutel waren aus Silber und Kupfer, und Sharpe sortierte und zählte sie.
»Zweiundsechzig Pfund, Sir«, nannte er dann die Summe.
»Damit kann man gerade einen durchschnittlichen Kavalleriegaul kaufen«, meinte McCandless bitter, »aber kein Pferd von Geblüt.«
»Wie viel hat Ihr Wallach gekostet, Sir?«, fragte Sharpe.
»Fünfhundertzwanzig Guineen«, sagte McCandless weh mütig. »Ich habe ihn vor vier Jahren gekauft, nach der Schlacht von Seringapatam, und ich habe gehofft, dass es das letzte Pferd ist, das ich jemals kaufe. Abgesehen natürlich von der Stute, die ich für hundertvierzig Guineen bekommen habe. Das war ein Schnäppchen! Ich kaufte sie in Madras, frisch vom Schiff, und sie war nur Haut und Knochen, aber nach zwei Monaten auf der Weide hat sie sich prächtig entwickelt.«
Die Preise waren fast unvorstellbar für Sharpe. Fünfhundertzwanzig Guineen für ein Pferd? Man konnte davon ein ganzes Leben gut über die Runden kommen und sich jeden Tag ein Ale leisten. »Wird die Company nicht die Pferde ersetzen, Sir?«
McCandless lächelte traurig. »Sie könnte es, Sharpe, aber ich bezweifle sehr, dass sie es tut.«
»Warum, Sir?«
»Ich bin ein alter Mann«, sagte der Schotte, »und mein Sold ist eine schwere Belastung für das Konto der Company. Ich habe Ihnen erzählt, dass sie mich gern loswerden würden, Sharpe, und wenn ich darauf bestehe, dass sie mir die beiden Pferde ersetzen, könnten sie darauf drängen, dass ich meinen Abschied nehme.« Er seufzte. »Ich wusste, dass diese Verfolgung von Dodd zum Scheitern verurteilt ist. Das habe ich in den Knochen gespürt.«
»Wir werden Ihnen ein anderes Pferd besorgen, Sir«, sagte Sharpe.
McCandless schnitt eine Grimasse. »Wie? Durch beten?«
»Wir können Sie nicht zu Fuß gehen lassen, Sir. Sie sind ein Colonel! Außerdem war es eigentlich mein Fehler.«
»Ihr Fehler? Seien Sie nicht lächerlich, Sharpe.«
»Ich hätte bei Ihnen sein sollen, Sir. Aber ich war nicht da. Ich war unterwegs zum Nachdenken.«
Der Colonel musterte ihn lange. »Ich kann mir denken, Sergeant«, sagte er schließlich, »dass Sie über allerhand zu grübeln hatten. Wie war Ihr Elefantenritt mit Colonel Pohlmann?«
»Er hat mir Aurangabad gezeigt, Sir.«
»Ich nehme an, er ritt mit Ihnen auf die Hügelkuppe und zeigte Ihnen die Königreiche dieser Welt«, sagte der Colonel. »Was hat er Ihnen angeboten? Dass er Sie zum Lieutenant macht?«
»Ja, Sir.« Sharpe schoss das Blut in die Wangen, als er das zugab, aber es war düster in der Hütte der Witwe, und der Colonel sah es nicht.
»Hat er Ihnen von Benoît de Boigne und diesem Gauner George Thomas erzählt? Und Ihnen versprochen, dass Sie in zwei oder drei Jahren reich sein können?«
»Irgendwas in dieser Art, Sir.«
McCandless zuckte mit den Schultern. »Ich werde Ihnen nichts vormachen, Sharpe, er hat recht. Alles, was er Ihnen gesagt hat, stimmt. Dort draußen«, er wies zur untergehenden Sonne, deren Schein durch die Ritzen in den Schilfmatten fiel, »ist eine gesetzlose Gesellschaft, die seit Jahren den Soldaten mit Gold belohnt hat. Den Soldaten, wohlgemerkt, nicht den ehrbaren Bauern oder den hart arbeitenden Händler. Die Fürstentümer werden fett, Sharpe, und die Leute werden mager, doch es gibt nichts, was Sie aufhalten könnte, diesen Fürsten zu dienen. Nichts, außer dem Eid, mit dem Sie geschworen haben, Ihrem König zu dienen.«
»Ich bin noch hier, oder?«, sagte Sharpe entrüstet.
»Ja, Sharpe, das sind Sie«, sagte McCandless. Dann schloss er die Augen und stöhnte auf. »Ich befürchte, das Fieber wird wiederkommen. Vielleicht kommt es auch nicht.«
»Was tun wir also, Sir?«
»Tun? Nichts. Nichts hilft gegen das Fieber, abgesehen von einer Woche Zittern in der Hitze.«
»Ich meinte, um Sie zur Armee zurückzubringen, Sir. Ich könnte nach Aurangabad reiten und versuchen, jemanden als Boten zu finden.«
»Das könnten Sie nur, wenn Sie ihre Sprache sprechen«, sagte McCandless und lag dann eine Weile schweigend da. »Sevajee wird uns finden«, fuhr er schließlich fort. »Neuigkeiten verbreiten sich schnell in dieser Gegend, und Sevajee wird uns schließlich aufspüren.« Erneut schwieg er, und Sharpe dachte, er sei eingeschlafen, doch dann schüttelte der Colonel den Kopf und murmelte: »Zum Scheitern verurteilt. Lieutenant Dodd wird das Ende für mich sein.«
»Wir werden Dodd gefangen nehmen, Sir, das verspreche ich.«
»Ich bete darum, ich bete.« Der Colonel wies auf seine Satteltaschen in der Ecke der Hütte. »Würden Sie meine Bibel herausholen, Sharpe? Und mir vielleicht vorlesen, solange noch ein wenig Licht ist? Vielleicht etwas aus dem Buch Hiob, das wäre schön.«
McCandless verfiel tagelang in Fieber und Sharpe in Tage der Einsamkeit und Abgeschiedenheit. Er wusste nicht, ob der Krieg gewonnen oder verloren war, denn er sah niemanden, und keine Neuigkeiten drangen zu der Hütte unter den Bäumen. Um sich beschäftigt zu halten, reinigte er einen alten Bewässerungsgraben, der nordwärts über das Land der Frau verlief, jätete Unkraut, tötete Schlangen und schaufelte Erde, bis er durch ein Rinnsal von Wasser belohnt wurde.
Danach besserte er das Dach der Hütte aus, legte neue Palmenblätter auf die alten und band sie mit Farnwedeln fest. Er bekam Hunger, denn die Frau besaß keine anderen Lebensmittel als die von Pohlmann zurückgelassenen und einige getrocknete Bohnen. Sharpe arbeitete mit freiem Oberkörper, und seine Haut wurde so braun wie der Schaft seiner Muskete. An den Abenden spielte er mit der Frau und ihren drei Kindern, baute kleine Festungen aus der roten Erde und bombardierte sie mit Steinen.
Einmal, in einer denkwürdigen Abenddämmerung, als sich ein Spielzeugwall als uneinnehmbar erwies, legte Sharpe eine Lunte aus dem Pulver dreier Musketenpatronen und blies eine Bresche in den Wall.
Er tat sein Bestes, um McCandless zu pflegen, wusch dem Colonel das Gesicht, las ihm aus der Bibel vor und träufelte ihm bitteres, mit Wasser verdünntes Schießpulver ein. Er war sich nicht sicher, ob das Pulver half, doch jeder Soldat hätte geschworen, dass es die beste Medizin gegen das Fieber war, und so fütterte Sharpe den Colonel mit der salzigen, bitteren Mischung.
Er machte sich Sorgen wegen der Kugelwunde in McCandless’ Oberschenkel, denn als er eines Tages den Verband befeuchtet hatte, war er von der Witwe scheu zur Seite geschoben worden, und sie hatte darauf bestanden, den Verband von der Wunde zu lösen und einen eigenen Breiumschlag anzulegen. In ihrem Breiumschlag waren Moos und Spinnweben, und Sharpe fragte sich, ob es richtig gewesen war, sie die Mixtur machen zu lassen, doch in der ersten Woche verschlimmerte sich die Wunde nicht, und in den helleren Momenten behauptete der Colonel, die Schmerzen ließen nach.
Als der Bewässerungsgraben gesäubert war, besserte Sharpe den Brunnen der Witwe aus. Mit dem zerbrochenen hölzernen Eimer als Schaufel holte er ein paar Mal stinkenden Schlamm aus dem Boden des Brunnens, und während der gesamten Arbeitszeit dachte er an seine Zukunft. Er wusste, dass Major Stokes ihn in der Waffenkammer in Seringapatam wieder willkommen heißen würde, doch nach einer Weile würde sich das Regiment mit Sicherheit an ihn erinnern und ihn zurückhaben wollen, und das bedeutete, dass er zur Leichten Kompanie und Captain Morris und Sergeant Hakeswill zurückkehren musste.
Es schauderte Sharpe bei diesem Gedanken. Vielleicht würde Colonel Gore ihn versetzen? Die Jungs sagten, dass Gore ein anständiger Kerl sei, nicht so frostig wie Wellesley, und das war gut. Trotzdem fragte sich Sharpe oftmals, ob er Pohlmanns Angebot nicht besser angenommen hätte.
Lieutenant Sharpe, murmelte er vor sich hin, Lieutenant Sharpe. Warum nicht?
In diesen Momenten träumte er am hellen Tag, welche Freude es wäre, wieder zum Waisenhaus in der Brewhouse Lane zu gehen. Er würde mit Säbel und Zweispitz, mit Tressen an seiner Uniformjacke und Sporen an den Stiefeln gehen, und für jeden Peitschenhieb, den ihm die Bastarde versetzt hatten, würde er ihnen zehn zurückzahlen. Er empfand schrecklichen Zorn, wenn er sich an diese Schläge erinnerte, und er zerrte heftig an seiner selbst gemachten Schaufel, mit dem er den Brunnen säuberte, als könne er den Zorn mit harter Arbeit mildern.
In all diesen Tagträumen kehrte er nie in einem weißen Uniformrock nach Brewhouse Lane zurück, auch nicht in einem purpurfarbenen oder in einem anderen, nur in einem roten. Niemand in Britannien hatte je von Anthony Pohlmann gehört, und warum sollte es jemanden interessieren, dass ein Kind aus der Gosse in Wapping es zu einem Offizierspatent in der Armee des Maharadschas von Gwalior geschafft hatte? Ein Mann konnte genauso gut behaupten, Colonel des Mondes zu sein, keinen würde das jucken. Man würde ihn für einen versponnenen Bastard halten, und damit hatte es sich. Doch wenn er in Britanniens rotem Rock zurückkam, würde man ihn ernst nehmen, denn das bedeutete, dass er ein Offizier seiner eigenen Armee geworden war.
Eines Nachts, als der Regen auf das reparierte Dach der Hütte der Witwe prasselte und Colonel McCandless auf der Pritsche saß und erklärte, dass sein Fieber nachließ, fragte Sharpe den Colonel, wie man in Britanniens Armee Offizier wurde.
»Ich meine, wie es erreicht werden kann, Sir«, sagte er unbeholfen, »weil wir in England einen Mister Devlin hatten, der aus dem Mannschaftsstand kam. Er war der Sohn eines Schäfers gewesen, bevor er sein Offizierspatent kaufte, aber er war Lieutenant Devlin, als ich ihn kennen lernte.«
Und höchstwahrscheinlich ist er alt und verbittert als Lieutenant Devlin gestorben, dachte McCandless, doch er sprach es nicht aus. Stattdessen zögerte er, bevor er überhaupt etwas sagte. Er war sogar versucht, der Frage auszuweichen und vorzugeben, dass das Fieber schlimmer geworden sei, denn er verstand nur zu gut, was Sharpe damit bezweckte.
Die meisten Offiziere hätten über Sharpes Ambitionen gespottet, doch Hector McCandless war kein Spötter. Aber er wusste, dass es für einen Mann aus den Mannschaften für den Aufstieg zum Offizier das Risiko zweierlei Enttäuschungen gab: sowohl die Enttäuschung zu scheitern als auch die, Erfolg zu haben. Am wahrscheinlichsten war es, dass er scheiterte. Denn solche Beförderungen waren fast so selten wie die Zähne einer Henne. Ein paar Männer schafften den Sprung, und ihr Erfolg führte zwangsläufig ins Unglück. Es fehlte ihnen an der Erziehung der anderen Offiziere, an guten Manieren und an Selbstvertrauen. Im Allgemeinen wurden sie von den anderen Offizieren verachtet und als Quartiermeister eingesetzt, weil man glaubte, man könne ihnen nicht zutrauen, Männer in die Schlacht zu führen. Und es war sogar einige Wahrheit in diesem Vorurteil, denn die Unteroffiziere und Mannschaften selbst mochten Offiziere nicht, die aus den Mannschaften gekommen waren.
McCandless sagte sich, dass Sharpe all dies selbst wusste, und so ersparte er ihm, es alles noch einmal hören zu müssen.
»Es gibt zwei Möglichkeiten, Sharpe«, sagte er. »Erstens, Sie können ein Offizierspatent kaufen. Der Rang des Fähnrichs wird Sie vierhundert Pfund kosten, aber Sie werden weitere hundertfünfzig Pfund brauchen, um sich selbst auszurüsten, und damit können Sie gerade ein angemessenes Pferd, einen Degen für vier Guineen und eine brauchbare Uniform kaufen, und Sie brauchen immer noch ein privates Einkommen, um Ihre Rechnungen für die Offiziersmesse bezahlen zu können. Ein Fähnrich verdient knapp fünfundneunzig Pfund pro Jahr, doch die Armee hält einiges davon für Unkosten und mehr für die Einkommenssteuer zurück. Sie haben von dieser neuen Steuer gehört, Sharpe?«
»Nein, Sir.«
»Eine böse Sache. Einem Mann abzunehmen, was er ehrlich verdient hat! Das ist Diebstahl, Sharpe, und die Diebe sind als Regierung getarnt.« Der Colonel blickte finster vor sich hin. »So ist ein Fähnrich also glücklich, siebzig Pfund von seinem Sold zu bekommen, und selbst wenn er genügsam lebt, wird er nicht seine Rechnungen für die Offiziersmesse bezahlen können. Die meisten Regimenter berechnen einem Offizier pro Tag zwei Shilling fürs Essen, einen Shilling für Wein, doch natürlich können Sie ohne Wein auskommen, und das Wasser ist gratis, aber Sie brauchen einen halben Shilling für die Messeordonnanz, weitere Sixpence fürs Frühstück und Sixpence für die Wäsche und deren Ausbesserung. Als Offizier können Sie nicht ohne mindestens hundert Pfund zusätzlich zu Ihrem Sold leben. Haben Sie so viel Geld?«
»Nein, Sir«, log Sharpe. In Wirklichkeit hatte er genügend Juwelen in seinen roten Rock eingenäht, um sich einen Majorsrang zu kaufen, doch er wollte nicht, dass McCandless das wusste.
»Gut«, sagte McCandless, »denn dies ist nicht der beste Weg. Die meisten Regimenter wollen nichts von einem Mann wissen, der sich aus den Mannschaften hochkauft. Warum sollten sie auch? Sie bekommen viele junge Anwärter aus den Grafschaften, die jede Menge Geld haben, sodass sie gut auf den Offizier aus dem Mannschaftsstand verzichten können, der nicht mal in der Lage ist, die Rechnungen der Offiziersmesse zu bezahlen. Ich sage nicht, dass es unmöglich ist. Jedes Regiment, das in Westindien stationiert ist, wird Ihnen eine Fähnrichsstelle billig verkaufen, aber das liegt daran, dass sie angesichts des Gelbfiebers niemanden sonst dafür kriegen können. Eine Stationierung in Westindien ist wie ein Todesurteil. Aber wenn jemand in ein anderes als ein in Westindien stationiertes Regiment will, Sharpe, dann muss er auf den zweiten Weg hoffen. Er muss Sergeant sein und lesen und schreiben können. Aber es gibt noch eine dritte Anforderung. Der Mann muss eine ziemlich unmögliche tapfere Leistung vollbringen. Zum Beispiel ein Himmelfahrtskommando – also als Erster durch die Bresche stürmen – führen, doch jede Tat wird reichen, solange sie selbstmörderisch ist. Natürlich muss er sie unter den Augen des Generals vollbringen, sonst wäre alles Zeitverschwendung.«
Sharpe saß eine Weile schweigend da, bestürzt über die Hindernisse, die bei der Erfüllung seines Tagtraums im Weg lagen.
»Unterziehen sie ihn einer Prüfung, Sir?«, fragte er. »Im Lesen?« Dieser Gedanke war eine Besorgnis für ihn, denn obwohl sich sein Lesen Nacht für Nacht verbesserte, stolperte er immer noch über ziemlich einfache Wörter. Er behauptete, dass die Schrift in der Bibel zu klein sei, und McCandless war freundlich genug, um die Ausrede hinzunehmen.
»Eine Prüfung im Lesen? Guter Gott, nein! Nicht für einen Offizier!« McCandless lächelte müde. »Man glaubt natürlich seinem Wort.« Der Colonel schwieg einen Moment. »Aber ich habe mich oft gefragt, Sharpe, warum ein Mann aus dem Mannschaftsstand Offizier sein möchte«, fuhr er dann fort.
Damit er nach Brewhouse Lane zurückgehen und ein paar Zähne einschlagen kann, dachte Sharpe.
»Ich habe einfach nur so darüber nachgedacht, Sir«, sagte er stattdessen. »Nur deshalb habe ich gefragt.«
»In vielerlei Hinsicht haben Sergeants mehr Einfluss bei den Männern«, sagte McCandless. »Sie haben vielleicht weniger Prestige, doch mit Sicherheit mehr Einfluss als jeder rangniedrige Offizier. Ensigns und Lieutenants, Sharpe, sind sehr unbedeutend und die meiste Zeit von sehr wenig Nutzen. Erst wenn ein Mann den Rang des Captains erreicht, beginnt er, wertvoll zu werden.«
»Ich bin mir sicher, dass Sie recht haben«, sagte Sharpe. »Ich hatte nur so ein paar Gedanken.«
In dieser Nacht erlitt der Colonel einen Rückfall ins Fieber. Sharpe saß an der Tür der Hütte und lauschte dem Prasseln des Regens. Er konnte den Tagtraum nicht abschütteln, konnte nicht die Bilder vertreiben, wie er in der Brewhouse Lane die Gesichter wiedersah, die er hasste. Er wollte das Wiedersehen, ersehnte es. Und so träumte er weiter, erträumte das Unmögliche, und es gelang ihm nicht, den Traum aus seinem Kopf zu bekommen. Er wusste nicht, wie, aber irgendwie würde er den Sprung schaffen. Oder bei dem Versuch sterben.