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Für einen Augenblick verschlug es Forella die Sprache, dann sagte sie mit einer Stimme, die völlig verändert und ihr selbst fremd klang:

„Ihre Frau?“

Nicht eine Sekunde war ihr in den Sinn gekommen, daß die Prinzessin im Manor, daß sie überhaupt in England leben könnte.

Dabei war es durchaus einleuchtend, daß der Prinz sie hier in dieser Abgeschiedenheit untergebracht hatte, da sie offensichtlich ein Leiden hatte.

Inzwischen hatten sie das Haus erreicht, betraten es aber nicht durch die Terrassentür, die noch offenstand.

Plötzlich, so als habe er sich zu etwas durchgerungen, machte der Prinz kehrt. Er faßte nach Forellas Arm und zog sie mit sich zurück in den Garten, über den Rasen und an einigen Büschen vorbei in einen Teil der Anlage, den sie bisher erst einmal durchstreift hatte.

Er wirkte weniger gepflegt als der übrige Garten, wies mehr Büsche und Hecken als Blumen auf und gab schließlich den Blick auf ein Sommerhäuschen frei, das Forellas Schätzung nach wenig benutzt wurde.

Der Prinz blieb stehen, und sie entdeckte unter dem Strohdach, zu dem sich Kletterrosen emporrankten, eine mit Kissen gepolsterte Holzbank.

Alles, was mit ihm zu tun hatte, wirkte perfekt und bis ins kleinste durchdacht. So auch diese Sitzbank, die offensichtlich jeden Tag von einem der Diener für eventuelle Benutzer saubergemacht und mit Kissen bereitgehalten wurde.

Doch dafür hatte sie im Augenblick wenig Sinn. Sie beschäftigte sich ausschließlich mit dem, was der Prinz ihr anvertraut hatte, und fühlte sich seltsam davon berührt, mit seiner Frau unter einem Dach zu leben.

Sie nahmen auf der Sitzbank Platz.

„Ich möchte Ihnen von meiner Frau erzählen, Forella“, sagte er dann. „Besser, ich kläre Sie darüber auf, als daß es andere auf ihre subjektive Weise tun.“

Sie spürte, wie schwer es ihm fiel, darüber zu sprechen.

„Bitte, Sie brauchen mir nichts zu erzählen“, sagte sie hastig. „Es tut mir leid, daß ich so … neugierig und taktlos war.“

„Ihre Neugier ist doch verständlich.“ Er lächelte nicht, als er das feststellte, sondern starrte vor sich hin und schien in Gedanken weit weg zu sein.

Das Schweigen zwischen ihnen begann quälend zu werden, da ließ er sich schließlich vernehmen:

„Ich wurde mir ihr vermählt, als ich sehr jung war. Sie war die Tochter eines benachbarten Landedelmanns, dessen Familie dem gleichen Stand angehörte wie die meine. Obwohl die Verbindung zwischen meinem Vater und dem Vater der Braut ausgehandelt worden war, verliebte ich mich in Gisella, als ich sie in ihrer Schönheit das erste Mal erblickte.“

Aus einem ihr selbst unerklärlichen Grund löste diese Aussage ein merkwürdiges Gefühl bei Forella aus. Obwohl sie keinen Ton von sich gab und sich nicht bewegte, schien er zu spüren, daß sie ihm aufmerksam zuhörte.

„Erst nach unserer Vermählung erkannte ich, daß Gisella sehr jung, ja geradezu kindlich für ihr Alter war“, fuhr der Prinz fort. „Da wir uns vorher selten gesehen hatten, war mir das nicht aufgefallen.“

Er stieß einen Seufzer aus, der aus seinem tiefsten Inneren zu kommen schien, bevor er weitersprach:

„Das ist eigentlich schon die ganze Geschichte. Gisella wurde nie erwachsen. Obwohl ihre Eltern ganz sicher wußten, wie es um sie stand, waren sie so entzückt über unsere Vermählung, daß sie nichts davon erwähnten, um die Verbindung unserer beiden Familien nicht zu gefährden.“

Forella sah ihn fassungslos an, sagte aber nichts, und der Prinz fuhr fort:

„Erst als ich begriff, daß Gisella nicht fähig war, sich länger als ein paar Sekunden auf irgend etwas zu konzentrieren, daß sie sich für eine Blume oder einen Schmetterling mehr interessierte als für ihren Mann, der in ihrem Leben völlig fehl am Platze schien, erkannte ich die volle Wahrheit.“

„Gab es denn keine Möglichkeit, ihren Zustand zu verbessern?“ fragte Forella mit belegter Stimme.

„Sie können sich gewiß vorstellen“, erwiderte er, „daß ich sie zu allen berühmten Ärzten Ungarns brachte und auch Kapazitäten in Österreich und Frankreich aufsuchte. Sie alle konnten mir lediglich bestätigen, was ich selbst schon erkannt hatte: Sie war ein Kind geblieben und würde nie erwachsen werden.“

Er schwieg einen Augenblick, bevor er fortfuhr:

„Sie habe, so sagte man mir, vermutlich bei ihrer Geburt einen Gehirnschaden erlitten, vielleicht hatte sie auch jemand als Baby fallen lassen. Genau konnten sie mir nicht sagen, woher ihr Leiden rührte.“

Er sagte das in so schmerzlichem Ton, daß Forella unwillkürlich die Hand nach ihm ausstreckte, um ihn zu trösten.

„Das ist noch nicht alles!“ sagte er dann verbittert.

„Was war noch?“

„Als Gisella älter wurde, bekam sie Anfälle und wurde zuweilen richtig bösartig und unberechenbar.“

„Wie entsetzlich!“ rief Forella bestürzt aus.

„Das ist auch der Grund dafür“, fuhr der Prinz fort, als habe er ihren Ausruf gar nicht gehört, „daß ständig zwei Pflegerinnen bei ihr sein müssen und sie keinen anderen Menschen sehen darf. Manchmal vergeht eine Woche oder sogar ein Monat ohne einen Anfall, doch wenn er dann kommt, ist es beängstigend.“

Wieder atmete er tief durch, bevor er schloß: „Das ist alles, was es dazu zu sagen gibt. Ich wollte, daß Sie die Wahrheit erfahren.“

„Ich bin froh, daß Sie es mir offen gesagt haben“, erklärte Forella, „aber der Gedanke, wie sehr Sie gelitten haben müssen, schmerzt mich.“

„Ich brauche kein Mitleid“, entgegnete der Prinz schroff. „Ich habe für genügend Entschädigung in meinem Leben gesorgt und möchte keine davon missen.“

Sie nahm an, daß er seine Pferde meinte, vielleicht noch seine angesehene Stellung in Ungarn und auch in England und seinen Reichtum, aber zum erstenmal kam ihr zu Bewußtsein, daß er trotz des Glanzes, der ihn umgab, ein einsamer Mensch war.

„Sie haben so vielen Menschen geholfen“, sagte sie leise, „und ich wünschte, ich könnte Ihnen meine Dankbarkeit erweisen, indem ich Ihnen auf irgendeine Weise helfe.“

Zum erstenmal, seit sie auf der Sitzbank im Sommerhäuschen Platz genommen hatten, wandte er sich ihr zu, und wieder gab ihr sein Gesichtsausdruck Rätsel auf.

„Ich werde Vorkehrungen treffen, Sie irgendwo unterzubringen, wo Sie in Sicherheit sind“, sagte er dann. „Vielleicht in Ungarn. Wenn Ihre Verwandten Sie nicht aufnehmen, dann werden es meine mit Freuden tun.“

„Ungarn?“ wiederholt Forella tonlos. „Aber das ist so weit weg, und ich würde mich ängstigen so allein. Bitte, kann ich nicht hierbleiben? Ich bin so glücklich bei der Prinzessin und so froh darüber, Sie ab und zu sehen zu können.“

Sie blickte zu ihm auf, und als die Augen des Prinzen ihren Blick erwiderten, schienen sie plötzlich immer größer zu werden. schien alles um sie herum zu versinken, nur diese großen grauen Augen waren da und beherrschten ihr ganzes Denken und Fühlen.

Für eine Sekunde – für eine Ewigkeit – stand die Zeit still.

Dann sagte er mit einer Stimme, die ihr völlig fremd vorkam: „Um Himmels willen, machen Sie nicht alles noch schwerer, als es ohnehin schon ist. Sie müssen weg! Sie müssen doch wissen, warum!“

Forella hielt erschrocken den Atem an.

Mit einer heftigen Bewegung, die dem Klang seiner Stimme entsprach, sprang der Prinz von der Sitzbank auf und ging mit langen Schritten davon.

Bevor sie sich von ihrer Überraschung über sein merkwürdiges Verhalten erholen konnte, war er bereits hinter den Bäumen verschwunden.

Erst als er nicht mehr zu sehen war, der Klang seiner Stimme jedoch noch immer die Luft zu erfüllen schien, wurde ihr der Sinn seiner Worte klar, und sie wußte, daß sie ihn liebte.

Der Prinz lenkte seine Kutschpferde durch den Regents Park und fuhr dann in nördlicher Richtung nach St. Johns Wood. Der ruhige, am Stadtrand gelegene Wohnbezirk wies hübsche kleine Häuser auf, die von gepflegten Gärten umgeben waren und von Wohlhabenheit zeugten.

Vor einem dieser Häuser, das ein wenig größer war als die anderen, hielt der Prinz und übergab seinem Kutscher die Zügel.

„Beweg die Pferde ein wenig, Higson!“ sagte er. „Es wird nicht lange dauern.“

„Sehr wohl. Euer Hoheit!“

Der Prinz verließ die Kutsche und betätigte den silbernen Türklopfer an der Haustür.

Nach einigen Augenblicken wurde sie von einem Hausmädchen mit Spitzenschürzchen und spitzenbesetztem weißem Häubchen geöffnet.

Sie schien erstaunt über den Besuch und knickste hastig.

„Guten Morgen, Euer Hoheit! Mademoiselle erwartet sie eigentlich gar nicht.“

„Das ist mir bekannt“, erwiderte der Prinz und betrat die kleine Diele, wo er Hut und Handschuhe ablegte.

„Wollen Euer Hoheit sofort nach oben gehen?“ fragte das Hausmädchen von der Treppe her. „Oder soll ich Mademoiselle melden, daß Sie da sind?“

„Sagen Sie ihr bitte, daß ich sie im Wohnzimmer erwarte“, erwiderte der Prinz nach kurzem Nachdenken.

„Sehr wohl. Euer Hoheit.“

Er begab sich in den geschmackvoll eingerichteten Wohnraum, dessen Fenster sowohl auf die Vorderseite als auch auf die Rückseite des Hauses blickten.

Außer frischen Blumen in den Vasen zierten riesige Kübel mit Orchideen das Zimmer. Einer füllte den Kamin völlig aus, der andere stand auf einem Tisch am Fenster und versperrte teilweise die Sicht nach draußen.

Auf einen kleinen Seitentisch legte der Prinz zwei Päckchen ab, die er mitgebracht hatte. Dann blieb er bewegungslos, wie zur Statue erstarrt, daneben stehen. Von seinem wie versteinerten Gesicht hätte Forella so etwas wie Schmerz und Bedauern abgelesen.

Fünf Minuten waren vergangen, als jemand die Treppe heruntergehuscht kam, sich der Tür näherte und sie öffnete.

Lucille de Pre betrat das Zimmer. Ihr biegsamer Körper und ihre anmutigen Bewegungen hätten auch dem uneingeweihten Beobachter verraten, daß sie Tänzerin war.

Die umschwärmte Primaballerina war eine Schönheit mit ebenmäßigen Gesichtszügen, übergroßen Augen mit langen, sorgfältig getuschten Wimpern und einem zartgeschminkten Mund.

Sie trug nur ein Negligé über dem Nachthemd, und das hüftlange dunkle Haar war mit einem rosa Seidenband zusammengebunden.

„Mon cher, welch eine Überraschung!“ rief sie in französisch aus und streckte die Arme nach ihm aus.

Er vermied jedoch, daß sie ihn umarmte, indem er ihre Hände ergriff und nacheinander küßte.

„So früh hatte ich dich nicht erwartet“, sagte Lucille. „Eigentlich bin ich dir böse, weil du dich so lange nicht hast sehen lassen.“

„Ich habe aber von deinem Triumph gelesen“, erwiderte der Prinz.

„Fantastique, nicht wahr? Die Zeitungen waren des Lobes voll, und der Direktor hat mich auf Knien angefleht, meinen Vertrag zu verlängern.“ Ihre vor Erregung schrill klingende Stimme verriet ihm, wieviel ihr das bedeutete.

„Ich freue mich mit dir“, sagte der Prinz, „und habe dir ein Geschenk mitgebracht.“

„Erst möchte ich dir für die herrlichen Blumen und dein Geschenk nach der Premiere danken.“

„Das hier wird dir noch besser gefallen.“

Er nahm ein samtbezogenes Kästchen vom Seitentisch auf und öffnete es.

Lucille hielt geräuschvoll den Atem an.

Ein blitzendes Diamantkollier kam zum Vorschein, das sich reizvoll vom schwarzen Samtpolster abhob. Passende Ohrringe und ein funkelndes Armband gehörten ebenfalls dazu.

„C’est magnifique!“ rief Lucille entzückt aus. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie begeistert ich bin, etwas so Hinreißendes zu besitzen.“

Wieder streckte sie die Arme nach ihm aus, aber der Prinz entzog sich ihr, indem er nach dem zweiten Päckchen griff, das er auf dem Tisch abgelegt hatte.

Es enthielt einige Bogen Pergamentpapier, die mit einem roten Klebband zusammengehalten wurden.

Der Prinz händigte Lucille die Rolle aus.

„Mein zweites Geschenk ist die Besitzurkunde dieses Hauses.“

Sie starrte ihn bestürzt und sprachlos an, und er fuhr fort: „Ich habe außerdem eine größere Summe auf dein Bankkonto überwiesen, die dir ein sorgenfreies Leben gewähren wird, wenn du nicht mehr die sagenhaften Gagen bekommst wie jetzt.“

Lucille rührte sich nicht von der Stelle. Sie sah ihn nur an und fragte dann: „Warum schenkst du mir das alles?“

„Um dir für das Glück zu danken, das du mir während unseres Zusammenseins gewährst hast.“

„Während der drei Jahre“, murmelte sie.

„Ganz recht, während der drei Jahre.“

Schweigen breitete sich aus, dann ließ Lucille sich mit versagender Stimme vernehmen:

„Willst du damit sagen, daß du mich verlassen wirst?“

„Wir waren uns beide darüber einig“, sagte der Prinz ruhig, „daß jeder von uns unsere innige und beglückende Freundschaft lösen konnte, wenn er es wollte, ohne Erklärungen abgeben oder sich Vorwürfe anhören zu müssen.“

„Ich weiß, daß wir das vereinbart haben“, erwiderte Lucille, „aber ich habe nicht erwartet … ich hätte nie für möglich gehalten …“

Sie stockte und fragte dann:

„Willst du damit sagen, daß … daß es eine andere gibt?“

„Das stimmt, aber ich möchte nicht darüber reden“, entgegnete der Prinz. „Ich möchte dir nur alles Glück der Welt wünschen, Lucille, natürlich auch weiterhin beruflichen Erfolg und ein stetiges Ansteigen deines Ruhmes als Künstlerin, den du in London längst genießt.“

Lucille sagte kein Wort. Unverwandt starrte sie auf das Schmuckkästchen, das sie noch immer in den Händen hielt.

Der Prinz legte die Pergamentrolle auf den Tisch zurück, sah die Tänzerin dann eine Weile stumm an und sagte leise:

„Leb wohl, Lucille. Ich danke dir für alles.“

Die Tür war bereits leise hinter ihm ins Schloß gefallen, da erwachte Lucille erst aus ihrer Trance.

„Warte!“ schrie sie. „Warte doch!“

Sie rannte zur Tür, riß sie auf. Doch da hatte er das Haus bereits verlassen.

Von der Haustür aus sah sie seine Kutsche wegfahren, konnte nur noch flüchtig seinen Rücken sehen, dann war er um die Wegbiegung verschwunden.

Außer sich vor Zorn und Schmerz schleuderte sie das Schmuckkästchen samt hochkarätigem Inhalt zu Boden und brach in Tränen aus.

„Ich möchte zu gern wissen, wann János uns wohl wieder einen Besuch abstatten wird“, sagte die Prinzessin, als Forella das Buch, aus dem sie vorgelesen hatte, zuschlug.

Offensichtlich war sie während des Vorlesens mit den Gedanken nicht recht bei der Sache gewesen. Forella gestand sich ehrlich ein, daß es ihr ähnlich ergangen war.

Seit der Prinz abgereist war, konnte sie an nichts anderes mehr denken als an ihn. So sehr sie sich auch dagegen wehrte, ihre Gedanken kehrten immer wieder zu ihm zurück.

Langsam war sie nach seinem abrupten Aufbruch aus dem Garten ins Haus zurückgekehrt, verwirrt und verstört zugleich. Er war bereits weg gewesen, und die Prinzessin hatte sich bitter über die kurze Visite beklagt und ihrem Unmut Luft gemacht.

„Jetzt sehen wir ihn bestimmt wochenlang nicht wieder“’, hatte sie gesagt. „Doch ich darf mich nicht beklagen, verdanke ich es doch seiner Güte, daß ich hier in Sicherheit bin.“

„Er … ist vermutlich nach London gereist“, hatte Forella mühsam hervorgebracht. Das Sprechen fiel ihr schwer.

„Selbstverständlich“, bestätigte die Prinzessin. „Und das bedeutet, daß seine hochwohlgeborenen Freunde, an der Spitze der Kronprinz und die Kronprinzessin, bereits ungeduldig auf ihn warten, um sich seiner anregenden Gesellschaft zu erfreuen, wie es uns auch ergeht.“

Als Forella an diesem Abend in ihrem Bett lag, war sie lange wach gewesen und hatte an den Prinzen denken müssen und gespürt, daß ihre Liebe zu ihm ständig größer wurde, daß sie ihn mit jedem Herzschlag mehr liebte.

Sie versuchte sich klarzumachen, daß es lächerlich und absurd war, daß sie dagegen ankämpfen mußte, doch mit dem ihr eigenen Gespür für Menschen hatte sie sich vom ersten Augenblick ihrer Begegnung an zu dem Prinzen hingezogen gefühlt.

Während ihr Verstand ihn als Teil der vornehmen Gesellschaft ansah, die sie verabscheute und ablehnte, sagte ihr schon von Anfang an ihr Herz, daß er ganz anders war als die anderen, deren Scheinwelt er durchschaute.

Vergebens hatte sie sich dagegen gewehrt, seiner Anziehungskraft und Ausstrahlung zu erliegen, seinem blendenden Äußeren geradezu schwärmerische Bewunderung zu zollen. Für sie war und blieb er der bestaussehende Mann, der ihr je begegnet war.

Bereits vor ihrem Zusammentreffen mit Menschen, die ihn kannten und schätzten, hatte sie von sich aus seine Güte, sein Mitleid und Verständnis kennengelernt, als er sie zum Manor gebracht und ihr seinen Schutz gewährt hatte.

Sie wartete ebenso ungeduldig und erwartungsvoll auf seine Rückkehr wie die Prinzessin.

Als sie die Treppe hinuntergegangen war und ihn in der Halle erblickt hatte, da hatte ihr das Herz bis zum Halse geklopft. Wäre sie in diesem Augenblick schon ehrlich zu sich selbst gewesen, dann hätte sie sich eingestehen müssen, daß ihre Empfindungen für ihn Liebe waren, und obwohl er es nicht ausgesprochen hatte, fühlte sie doch, daß auch er sie liebte.

Wie ist das möglich, zweifelte ihr Verstand. Ich muß mich geirrt haben.

Doch als sich der Blick seiner grauen Augen in ihre Augen versenkt, als er ihr zu verstehen gegeben hatte, daß er sie fortschicken müsse, da hatte sie den Grund dafür erfaßt: Er liebte sie.

Forella gab sich jedoch nicht einen einzigen Augenblick der Täuschung hin, ihre Liebe könnte Erfüllung finden und glücklich enden.

Schließlich war der Prinz verheiratet, und selbst wenn er frei gewesen wäre, was konnte sie einem Prinzen János Kovác schon bieten, der über sagenhaften Reichtum, eine hohe gesellschaftliche Stellung und nicht zuletzt über eine blendende Erscheinung verfügte?

Ich bin ein Niemand, unwissend, ungewandt und ahnungslos. Ich weiß nichts über die Dinge, die ihn interessieren, außer vielleicht über Pferde, dachte sie. Sobald er mich nach Ungarn geschickt hat, wird er mich vergessen … aber ich, ich werde ihn nie vergessen können.

Außerdem war die Zuneigung des Prinzen zu ihr sicher nur eine vorübergehende Erscheinung. Die Prinzessin hatte ihr von seinen gesellschaftlichen Erfolgen in London erzählt. Ebenso war es ihm in Paris und überall auf der Welt ergangen.

„Er wird bewundert und respektiert“, sagte die Prinzessin einmal. „nicht nur von Staatsmännern und Sportsleuten des Landes, das er gerade besucht, sondern auch von schönen Frauen.“

Da die Prinzessin in ihrem Exil wenig zu tun hatte, beschäftigte sie sich ausschließlich mit dem, was ihr Vetter tat. Die Gesellschaftskolumnen der Zeitungen studierte sie sorgfältig, und wenn sein Name darin auftauchte, was häufig geschah, so las sie begierig, was über ihn berichtet wurde, womit Prinz János sich beschäftigte, wen er zu sich eingeladen hatte und bei wem er zu Gast weilte.

Zeitungsausschnitte, in denen sein Name erwähnt wurde, sammelte sie sorgfältig und bewahrte sie in einer Schublade im Salon auf. Forella hatte sie einmal dort entdeckt, zusammen mit Skizzen, die befreundete Künstler vom Schloß und auch vom Prinzen selbst angefertigt hatten.

Weil es ein bittersüßes Vergnügen für Forella war, über ihn zu sprechen, alles über ihn zu erfahren, bat sie die Prinzessin, ihr noch mehr Zeitungsausschnitte über ihn zu zeigen und half ihr, die neuesten Zeitungen auszuwerten.

„Hör dir das an“, hatte die Prinzessin heute gesagt, als die Zeitungen gekommen waren und sie sich sofort der Hofberichterstattung gewidmet hatte.

Sie las laut vor, was ihre Aufmerksamkeit erregt hatte:

„Auf dem Ball der Gräfin von Manchester gestern abend unterhielt sich die Kronprinzessin, die in ihrer grauen, mit venezianischer Spitze besetzten Seidenrobe hinreißend aussah, mit dem gutaussehenden Prinzen János Kovác.

Später führte der Prinz, einer der erfolgreichsten Rennstallbesitzer des Kontinents, die reizende Marquise von Sheen zu Tisch, deren ebenmäßiges Antlitz auf nicht weniger als drei Porträts verewigt ist, die in der Royal Academy zu bewundern sind.

Die Prinzessin ließ die Zeitung einen Augenblick sinken.

„Die Marquise von Sheen“, sagte sie versonnen, „eine neue Schönheit an seiner Seite. Ich wette um jeden Preis, daß sie demnächst als Gast auf seinem Schloß weilen wird.“

„Lädt Seine Hoheit immer nur … schöne Frauen zu sich ein?“ fragte Forella leise.

„Gewiß doch“, erwiderte die Prinzessin. „Weshalb sollte er sich mit häßlichen umgeben? János legt größten Wert auf Vollkommenheit, bei seinen Pferden, seinen Häusern und natürlich auch seinen Frauen.“

Seine Frauen! Diese Worte gingen Forella nicht aus dem Sinn und beschäftigten sie die ganze Nacht.

Die Tage schienen auf einmal viel zu langsam zu verstreichen, die Nächte sich endlos zu dehnen.

Wohin sie schaute, was sie hörte oder dachte, alles bezog sich auf den Prinzen oder stand in irgendeinem Zusammenhang mit seiner Person.

Er hat völlig von mir Besitz ergriffen, dachte sie.

Es war ein beunruhigender Gedanke, der in ihr lebendig wurde und spürbar war, so als hätte er eine kleine Flamme in ihrem Innern entzündet, als hätte er sie berührt.

Die Tage vergingen, ohne daß er zum Manor zurückkehrte. Die Erregung, die der Gedanke an ihn in ihr entfacht hatte, machte Mutlosigkeit und Zweifeln Platz.

Die Berichte in den Zeitungen über Bälle, die er besuchte, Empfänge, an denen er teilnahm, führten ihr mit schmerzlicher Deutlichkeit vor Augen, wie unbedeutend sie selbst war, daß sie einem Vergleich mit diesen glänzenden Erscheinungen nicht standhalten konnte, daß er sie vermutlich längst vergessen hatte.

Er würde sich vermutlich noch einmal an sie erinnern, wenn die Antwort aus Ungarn eintraf. Dann würde er sie fortschicken und für immer aus seinem Leben verbannen.

Vor ihren Verwandten war sie hier sicher, gewiß, und es bestand auch keine Gefahr mehr, daß sie gegen ihren Willen mit Graf Sherburn vermählt wurde, aber daß sie den einzigen Menschen, der ihr wirklich etwas bedeutete, bald verlieren würde, schmerzte sie.

Wie soll ich es ertragen, für immer von ihm getrennt zu sein? dachte sie verzweifelt.

Ihr würde nichts anderes übrigbleiben, wenn er auf ihrer Abreise bestand, und das war dann das Ende.

Er hatte sie nicht darum gebeten, seine Frau der Prinzessin gegenüber nicht zu erwähnen. Drei Tage waren verstrichen seit seinen Enthüllungen, da kam Forella zögernd darauf zu sprechen:

„Als Seine Hoheit bei uns war, fragte ich ihn nach einer Person, die allgemein als ‚arme Lady’ bezeichnet wird, und erfuhr von ihm, daß damit seine Frau gemeint sei.“

Die Prinzessin stieß einen erleichterten Seufzer aus.

„Ich bin froh, daß er es dir gesagt hat“, erklärte sie. „Ich mochte nicht darüber sprechen, um ihn nicht zu erzürnen. Ihre Anwesenheit auf diesem Besitz ist für mich die Garantie dafür, daß auch ich hier sicher bin und nicht Gefahr laufe, nach Ungarn zu den Leuten zurückgeschickt zu werden, die mir Schaden zufügen wollen, weil sie meinen Mann haßten.“

Sie lächelte, bevor sie hinzufügte:

„János findet immer das richtige Versteck für alle möglichen Leute, den Doktor, zum Beispiel, oder Thomas, für mich und natürlich die arme Gisella.“

„Kennen Sie sie von früher?" fragte Forella.

„Ich hatte nie mit ihr gesprochen“, erwiderte die Prinzessin. „Ich mußte meine Heimat lange vor János’ Vermählung verlassen. Aber ich hatte sie einmal aus der Ferne gesehen und fand sie sehr schön und würdig, seine Frau zu werden – bis ich die bittere Wahrheit erfuhr.“

Sie gab Forella keine Gelegenheit, Fragen zu stellen, sondern fuhr fort:

„Armer, lieber János! Warum mußte ausgerechnet ihm so etwas passieren? Ich bete jeden Abend darum, daß er eines Tages wieder frei sein möge, um eine Familie gründen zu können, wie er es sich immer gewünscht hat.“

Ihre Stimme klang bewegt, als sie hinzufügte:

„Er braucht Söhne, die einmal seinen Titel und seinen Besitz erben werden, und Töchter, die er verwöhnen kann und die ganz sicher bildschön sein werden, weil er stets nur von Schönheit und makellosen Dingen umgeben ist.“

„Wie grausam für ihn, daß er nichts dagegen tun kann“, sagte Forella tonlos.

„Nichts kann man dagegen tun!“ sagte die Prinzessin stirnrunzelnd. „Sie sind miteinander verbunden, ‚bis daß der Tod euch scheidet’, und von Dr. Bouvais weiß ich, daß die Prinzessin ihn möglicherweise sogar überleben wird.“

Forella hätte weinen können über soviel Unglück, aber sie fürchtete, sich der Prinzessin gegenüber zu verraten und ihr zu offenbaren, welche Gefühle sie für den Prinzen hegte.

„Haben Sie der ‚armen Lady’ jemals einen Besuch abgestattet?" fragte sie mit belegter Stimme.

„Nein“, erwiderte die Prinzessin. „János hat mich gebeten, es nicht zu tun, da Besucher sie nur aufregen, und das ist für ihren Zustand gefährlich.“

„Sie hat ihre Tauben.“

„Ja, die Tauben. Aber es sind mittlerweile zu viele“, erwiderte die Prinzessin unwillig. „Andere Tiere kann man ihr nicht anvertrauen. Aber Tauben können wegfliegen.“

Mehr brauchte sie nicht zu sagen. Der Prinz hatte Forella gegenüber bereits angedeutet, daß seine Frau zuweilen gewalttätig wurde.

Sie glaubte, die Anwesenheit dieser Frau im anderen Teil des Anwesens deutlich zu spüren, und verstand auch, weshalb es so viele Dienstboten gab.

Jetzt war ihr klar, weshalb die „arme Lady“, die mit ihren Pflegerinnen völlig isoliert lebte, kaum erwähnt wurde, höchstens hin und wieder hinter vorgehaltener Hand.

Ein grausames Schicksal, vor allem für ihn, dachte Forella.

Sie betete für beide, doch die Tage vergingen und der Prinz kehrte nicht zum Manor zurück. Ihre Gebete wurden immer flehender und verzweifelter, doch sie wurden nicht erhört.

Eines Morgens versetzte ihr Mrs. Newman, die ihr beim Ankleiden half, einen gehörigen Schreck.

„Entfernen Sie sich lieber nicht zu weit vom Haus, Mylady“, mahnte die Frau. „Ich sah Sie gestern in den Wald gehen.“

„Man hat von da aus einen so herrlichen Blick“, erwiderte Forella.

„Trotzdem wäre es besser, Sie blieben im Garten.“

„Warum?“

Die Frau schwieg, aber Forella, die spürte, daß etwas nicht stimmte, ließ nicht locker:

„Warum sagen Sie mir das? Was ist geschehen?“

„Vielleicht sollte ich Sie damit verschonen, Mylady“, erwiderte Mrs. Newman zögernd, „aber es treibt sich irgendein Fremder auf dem Grundstück hemm. Thomas hat ihn erwischt, wie er bei den Ställen herumlungerte, und ihn sofort zur Rede gestellt. Er behauptete, ein Besucher zu sein, der sich verirrt habe.“

Forella spürte, wie ihr Herz schneller klopfte.

Sie hatte den Optimismus des Prinzen im Grunde nie geteilt, das erkannte sie in diesem Augenblick. Insgeheim hatte sie immer befürchtet, daß ihr Onkel nach ihr suchen lassen würde, wenn sie nicht wieder auftauchte.

Sie war so in ihre Gedanken und Gefühle für den Prinzen eingesponnen gewesen und hatte die Ruhe und den Frieden genossen, die sie im Manor gefunden hatte, daß ihr jetzt schmerzhaft bewußt wurde, wie vertrauensselig sie gewesen war.

Sie war nirgendwo sicher, denn ihr Onkel war ein sehr gewissenhafter Mensch und würde es als seine Pflicht erachten, sie aufzustöbern und zurückzuholen.

Man würde sie nach London bringen, Tante Kathie würde sofort ihre Verlobung bekanntgeben und sie Tag und Nacht bewachen, so daß sie keine Gelegenheit mehr haben würde, ihrem Schicksal zu entfliehen.

Was soll ich tun? Was soll ich nur tun? dachte sie verzweifelt.

Sie hätte zu gern mit der Prinzessin darüber gesprochen, mochte die alte Dame aber nicht unnötig aufregen.

Außerdem würde sie auch nicht helfen können. Schließlich war sie an den Rollstuhl gefesselt, und gegen das Gesetz konnte sie nichts unternehmen, ebenso wenig wie der Prinz. Auch er würde machtlos sein, wenn ihr Vormund seine Rechte über sein Mündel geltend machte.

Wenn ihr Onkel und ihre Tante weiter auf ihrer Heirat mit dem Grafen bestanden, würde ihr selbst der wildeste Protest und heftiges Sträuben nichts nützen. Sie mußte die verhaßte Verbindung eingehen.

Angesichts der sich abzeichnenden Gefahr erkannte sie auch, wie umsichtig es von dem Prinzen war, Vorkehrungen zu treffen, daß sie in Ungarn Unterschlupf fand. Je eher das geschah, desto besser.

Sobald sie außer Lande war, würde kein Detektiv sie mehr behelligen können. Dann war sie endlich in Sicherheit und brauchte keinerlei Nachstellungen mehr zu befürchten.

Doch bis dahin bestand immer noch die Gefahr, daß man sie fand und zur Rückkehr ins Haus ihrer Verwandten zwang.

Sie mußte etwas unternehmen, und sie wußte auch schon, was.

Bevor sie zu den Ställen ging, wo Thomas mit dem gesattelten György auf sie wartete, lief sie in die Bibliothek und schrieb hastig einen Brief an den Prinzen:

„Euer Hoheit, in der Nähe des Hauses treibt sich ein Mann herum, der sich für die Bewohner zu interessieren scheint. Alle sind ziemlich beunruhigt darüber. Bestimmt ist es jemand, der für Onkel George Nachforschungen anstellt.

Kommen Sie bitte so schnell wie möglich hierher. Ich habe schreckliche Angst und weiß, daß nur Sie mir helfen und mich retten können. Forella“

Sie steckte den Brief in einen Umschlag, schrieb die Londoner Adresse des Prinzen darauf und lief hinaus in die Halle, wo Newman sie bereits erwartete, um sie zum Stall zu begleiten.

„Würden Sie bitte dafür sorgen, daß dieser Brief an den Prinzen sofort abgeschickt wird?“ Dann überlegte sie es sich anders. „Vielleicht wäre es sicherer und ginge schneller, wenn ein Kurier den Brief nach London brächte? Es ist ein Ritt von anderthalb Stunden, und ich hätte gern, wenn der Prinz die Nachricht auf dem schnellsten Wege erhält.“

Newmans ausdruckslose Miene verriet keinerlei Verwunderung über ihr Ansinnen.

„Wird sofort erledigt, Mylady“, sagte er. „Ich kümmere mich selbst darum, daß einer der Stallburschen sofort losreitet.

„Vielen Dank“, sagte Forella erleichtert und lief zu den Ställen, um Thomas nicht länger warten zu lassen.

Er hatte für sich einen der prächtigen Hengste des Prinzen gesattelt und ritt neben ihr her.

„Ich habe gehört, daß ein Mann sich hier herumtreibt und neugierige Fragen stellt“, sagte Forella unterwegs. „Haben Sie ihn gesehen? Wie sieht er aus?“

„Ich habe ihn gesehen“, erwiderte Thomas, „aber er wollte nicht mit mir sprechen. Wenn ich mich nicht sehr täusche, interessiert er sich nicht für die Ställe, was mich mit ungeheurer Erleichterung erfüllt, sondern für das Haus.“

Forella stockte der Atem.

„Aber Sie haben keine Ahnung, für wen er sich speziell interessiert?“

„Nein, Mylady“, erwiderte Thomas. „Könnte natürlich auch sein, daß er hier herumschnüffelt, um ‚das Gelände zu sondieren’, wie man es in Einbrecherkreisen wohl nennt.“

„Wenn er einbrechen wollte, würde er sich nicht sehen lassen und den Leuten Fragen stellen“, überlegte Forella.

„Da haben Sie wohl recht, Mylady.“

Stirnrunzelnd starrte er vor sich hin, und Forella sagte impulsiv:

„Ihnen ist sicher auch bekannt, daß sich hier jeder vor irgend etwas versteckt, also geht dieses Problem uns alle an.“

„Das ist richtig“, erwiderte Thomas. „Ich möchte auf keinen Fall erkannt werden.“

„Ich dachte mir schon, daß auch Sie sich vor irgend jemand verstecken“, sagte Forella zögernd. Es widerstrebte ihr, neugierig zu erscheinen oder taktlos.

„Stimmt genau“, bestätigte Thomas freimütig. „Ich habe es nur Seiner Hoheit zu verdanken, daß ich ein freier Mann bin.“

Da sie sich unterhielten und kaum auf die Pferde achteten, scheute György bei jedem Geräusch, und Forella mußte die Zügel ganz straff halten.

„Wir sollten die Pferde laufen lassen, Mylady“, schlug Thomas vor, „und uns später unterhalten. Sie sind eifersüchtig, weil wir ihnen nicht genügend Aufmerksamkeit widmen.“

Forella gab ihm lachend recht und ließ György galoppieren, bis er müde wurde. Dann ließen sie die Pferde wieder im Schritt gehen und setzten das Gespräch fort. Thomas erzählte ihr, daß er in Newmarket für ein sehr berühmtes Mitglied des Jockey-Clubs als Trainer gearbeitet habe.

Einer seiner Jockeys hatte unbedingt den ersten Preis von 2000 Pfund gewinnen wollen und ohne Wissen von Thomas zu einem Dopingmittel gegriffen.

Er hatte das Rennen gewonnen, doch ein anderer Jockey, der ihm den Sieg neidete, zeigte ihn bei der Rennkommission an, die sofort eine Untersuchung des Pferdes anordnete.

Der Jockey hatte in dem Bemühen, den Hals aus der Schlinge zu ziehen, Thomas, den Trainer, beschuldigt, das Pferd gedopt zu haben.

„Es war einer dieser komplizierten Fälle“, sagte Thomas trocken, „und das Urteil richtete sich danach, wem die Rennkommission mehr glaubte.“

„Und Ihnen glaubte man nicht?“ rief Forella empört aus.

„Seine Hoheit hat mir erklärt, daß man gegen mich war, weil meine Trainingsmethoden als revolutionär galten und ich mir in der Vergangenheit Feinde geschaffen hatte, ohne es zu wollen, vor allem unter meinen Trainer-Kollegen, die sich alle auf die Seite des Jockeys schlugen.“

Er seufzte und fügte dann mit belegter Stimme hinzu:

„Ich lief Gefahr, öffentlich gedemütigt und aus dem Verband ausgeschlossen zu werden.“

„Wie unfair man Sie behandelt hat!“ stellte Forella entrüstet fest.

„Das passiert auf Rennbahnen nicht selten“, gab sich Thomas gelassen. „Seine Hoheit überzeugte mich davon, daß es das beste für mich war, die Untersuchung nicht über mich ergehen zu lassen, sondern meinen Dienst zu quittieren.“

Seine Stimme klang tiefer, als er fortfuhr:

„Er half mir dabei, einen Brief aufzusetzen, in dem ich meine Unschuld beteuerte, gleichzeitig aber die Absicht äußerte, dem Rennsport nicht durch einen Skandal schaden zu wollen.“ Er lachte trocken. „Es war ein verdammt schlauer Brief, der, wie ich später erfuhr, vom Jockey-Club sehr gut aufgenommen wurde.“

„Und so kamen Sie hierher“, stellte Forella fest.

„Ja, Seine Hoheit bestand darauf, daß ich mich um seine prachtvollen Pferde hier kümmerte, und diese Aufgabe gab mir die Freude am Leben wieder und half mir, die Ungerechtigkeit, die mich meinen Job gekostet hatte, zu vergessen.“

„Und welche Pläne haben Sie für die Zukunft?“ fragte Forella.

Thomas lächelte, was er selten tat.

„Seine Hoheit hat mir versprochen, mich als Trainer in seinem Pariser Rennstall, den er zu vergrößern gedenkt, einzusetzen, sobald Gras über die Sache gewachsen ist und mich in den einschlägigen Kreisen keiner wiedererkennt.“

„Wie schön für Sie!" rief Forella erfreut aus.

„Ich kann es kaum erwarten, Mylady“, gestand Thomas, „aber Seine Hoheit besteht darauf, daß wir mindestens fünf Jahre verstreichen lassen müssen, um Newmarket und die damaligen Ereignisse in Vergessenheit geraten zu lassen. Im übrigen besteht für mich in Frankreich kaum die Gefahr, mit jenem Trainer in Verbindung gebracht zu werden, dem man unsaubere Trainingsmethoden ankreiden wollte und der beim Jockey-Club auf der schwarzen Liste stand.“

„Ich verstehe.“

Sie stellte wieder einmal fest, daß der Prinz sich umsichtig und verständnisvoll für seine Schützlinge einsetzte, und ihr war auch klar, daß alle, die sich hier mehr oder weniger versteckt hatten, nervös werden mußten, wenn ein Fremder sich in ihrer Nähe herumtrieb und neugierige Fragen stellte.

Da das offenbar noch nie zuvor geschehen war, bestärkte sie das in ihrer Überzeugung, daß die Schnüffelei des Unbekannten ihr galt.

Die Suche nach ihr hatte den Mann hierhergebracht, der nicht nur Forella das Leben schwermachte, sondern auch der Prinzessin, dem Doktor und sonst noch einigen Leuten, denen er die Nachtruhe raubte.

Der Prinz wird alles in Ordnung bringen, wenn er kommt, dachte sie zuversichtlich.

Wie lange mochte der Kurier wohl brauchen, um das Londoner Haus des Prinzen zu erreichen, fragte sie sich immer wieder.

Zehn Tage hatten sie ihn nicht gesehen, und es kam ihr wie eine Ewigkeit vor.

Sie hatte das Gefühl, daß er ihre Nähe mied und rief sich immer wieder seine letzten Worte ins Gedächtnis zurück. Was mochte er genau damit gemeint haben?

War es nicht möglich, daß sie ihnen eine ganz andere Bedeutung beigemessen hatte, als von ihm beabsichtigt war?

Forella kam sich plötzlich sehr jung, unsicher und unwissend vor.

Was wußte sie, nach dem seltsamen Leben, das sie mit ihren Eltern geführt hatte, von Männern wie Prinz János? Was wußte sie überhaupt von England und von dem Leben hier?

Sie hatte Sultane, Stammesfürsten und arabische Scheichs kennengelernt, deren Leben nur aus Kämpfen, Plündern und Töten bestand.

Bis zu ihrer Ankunft in England war sie niemals Männern wie ihrem Onkel oder dem Grafen begegnet, ganz zu schweigen von einer Persönlichkeit wie dem Prinzen.

Zunächst war es ihr schwergefallen, sie als etwas anderes anzusehen als modisch gekleidete Darsteller in einem Bühnenstück. Wenn sie jetzt jedoch an den Prinzen dachte, dann erschien er ihr als höchst lebendiges Wesen, das allgegenwärtig war. In seiner Gegenwart empfand sie Freude und Beglückung, die sie nicht in Worte fassen konnte und wie sie es noch nie in ihrem Leben erfahren hatte.

Sie schalt sich töricht, wenn sie sich auch nur eine Sekunde einbildete, ihm ebenfalls etwas zu bedeuten.

Sie war nichts anderes als einer seiner Schützlinge, denen sein Schutz und sein Mitleid galten.

„Ich tue ihm leid. Er hat Mitleid mit mir. Für ihn bin ich keine attraktive Frau wie die schönen Damen, die er in seinem Londoner Haus oder in seinem Schloß empfängt und die ihn mehr amüsieren, als ich es jemals vermag.“ Solche und ähnliche Selbstgespräche führte sie fast jeden Abend vor dem Einschlafen.

Sie rief sich jedes ihrer Gespräche ins Gedächtnis zurück und kam zu dem Schluß, daß sie ihn vermutlich mit ihren Tiraden gegen die vornehme Gesellschaft nur gelangweilt hatte.

Ihm mußten ihre Ansichten höchst revolutionär und unpassend für ein so junges Mädchen vorkommen.

Ich hätte den Mund halten und ihm das Reden überlassen sollen, sagte sie sich und war wütend auf sich selbst.

Verzweifelt wünschte sie sich, die Uhr zurückstellen und noch einmal von vorn beginnen zu können.

Erst als die Sterne am Himmel verblaßten und der neue Tag heraufdämmerte, schlief sie ein. Sie träumte, der Prinz sei gekommen und alles habe sich schlagartig geändert. Sie gingen Hand in Hand durch den Garten, und ihre Ängste waren verflogen.

Sie schreckte aus dem Schlaf auf und war so unruhig, daß sie es im Bett nicht mehr aushielt. Sie lief zum Fenster und zog den Vorhang auf.

Ihr Schlafzimmer blickte auf den Garten. Im fahlen Licht des Morgengrauens war der leichte Dunst über dem Fluß zu erkennen. Es herrschte jene Stille, die dem Anbruch des Tages vorauszugehen pflegte.

Während sie’, noch immer in ihrem zauberhaften Traum befangen, am Fenster stand, fiel ihr Blick nach unten und sie erstarrte.

Im Schatten der Büsche, die den Rasen säumten, bemerkte sie etwas, das dunkler und massiger war als die schlanken Zweige mit den Blättern und Blüten.

Sie konnte nicht genau erkennen, was es war. Die Lichtverhältnisse waren zu schlecht. Doch als sie länger hinschaute, machte sie die schattenhafte Gestalt eines Mannes aus.

 

Und dieser Mann, da war sie ganz sicher, blickte auf die Fenster des Hauses.

Obwohl sie sein Gesicht nicht erkennen konnte, war sie ziemlich sicher, daß sein Blick ihrem Fenster galt.

Ängstlich wich sie ins Zimmer zurück. Es war unwahrscheinlich, daß er sie sehen konnte, aber sie war so erschrocken über ihre Entdeckung, daß sie sich am Fenster nicht mehr sicher fühlte.

Erst dann bemerkte sie, daß sie am ganzen Körper zitterte.

Sie war jetzt ganz sicher, daß der Fremde im Auftrag ihres Onkels nach ihr Ausschau gehalten und sie hier aufgestöbert hatte, wo sie sich unter falschem Namen aufhielt.