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Einige Zeit waren sie schweigend nebeneinanderher geritten, als der Prinz sich vernehmen ließ: „Ich habe darüber nachgedacht, daß wir Ihnen einen neuen Namen geben müssen.“

„Natürlich, das ist wichtig“, pflichtete Forella ihm bei.

„Am einleuchtendsten wäre wohl, wenn ich Sie als die Tochter eines ungarischen Freundes ausgebe“, überlegte er. „Deshalb könnten Sie den Namen Ihrer Mutter annehmen und auch ihren Adelstitel.“

„Sie war eine Gräfin“, bestätigte Forella, „bediente sich aber nie ihres Titels.“

„Jetzt kann er uns nützlich sein“, entschied der Prinz. „Ich werde Sie als Gräfin Forella Rákózi vorstellen.“

Forella lachte. „Aber ich möchte der Gesellschaft und ihrem ganzen Flitterkram doch gerade entfliehen!“

Der Prinz lächelte belustigt. „In diesem Falle müssen Sie sich solcher Nichtigkeiten bedienen. Vermutlich sprechen Sie so gut ungarisch, daß niemand Ihre wirkliche Nationalität anzweifeln kann.“

„Wollen Sie mich beleidigen?“ fragte Forella zurück. „Wenn ich mit meiner Mutter allein war, sprachen wir immer ungarisch, damit ich nicht aus der Übung kam. Papa sprach es genausogut wie viele andere Sprachen, und Mama sagte immer, man könnte ihn glatt für einen echten Madjaren halten!“

Das klang ein wenig aggressiv, als wollte sie seinen Widerspruch herausfordern, aber er sagte nur: „Ich bitte um Vergebung.“

„Sie werden es vielleicht komisch finden“, sagte Forella, „aber ich besitze so wenig materielle Güter, daß meine Intelligenz mein einziges Kapital ist.“

Das klang so originell, daß der Prinz lachen mußte. Seine Cousine würde in Forella eine amüsante Gesprächspartnerin haben, stellte er bei sich fest, die Abwechslung in ihr einförmiges Dasein brachte.

„Wir sollten uns eine glaubwürdige Geschichte zurechtzimmern“, sagte er nach einer Weile, „die wir uns sorgfältig einprägen müssen, damit sich keine Widersprüche ergeben.“

Aufmerksam hörte sie ihm zu, als er fortfuhr: „Sie sind vor einem Monat aus Ungarn in England angekommen, um bei mir zu wohnen. Leider starb Ihr Vater unterwegs und wurde in Triest begraben.“

Sie bemerkte, daß er sich so nahe wie möglich an die wahren Begebenheiten hielt.

„So waren Sie gezwungen, allein nach England weiterzureisen“, spann der Prinz den Faden weiter. „Da Sie in Trauer sind, wollten Sie nicht in London bleiben, sondern zurückgezogen irgendwo auf dem Lande leben. Und dahin bringe ich Sie jetzt.“

„Eine glaubwürdige Geschichte“, sagte Forella anerkennend. „Ich werde mir Mühe geben, mich an meinen neuen Namen zu gewöhnen.“

„Das wird Ihnen keine Schwierigkeiten bereiten“, sagte der Prinz überzeugt. „Übrigens sollten Sie, sobald wir im Landhaus angekommen sind, Ihrem Onkel eine Nachricht zukommen lassen.“

„Eine Nachricht?“ Ängstlich sah sie ihn an.

„Sie sollen ihm nur mitteilen, daß Sie bei Freunden wohnen werden“, erklärte der Prinz, „daß Sie in Sicherheit sind und er sich um Sie keine Sorgen machen soll.“

Da der Gedanke ihr offensichtlich Unbehagen bereitete, fügte er erklärend hinzu: „Wenn Sie einfach verschwinden, besteht die Wahrscheinlichkeit, daß Ihr Onkel die Polizei oder irgendwelche Detektive beauftragt, Sie zu finden.“

Forella sah ihn entsetzt an. „Das darf nicht geschehen.“

„Natürlich nicht“, pflichtete er ihr bei. „Deshalb ist es ja so wichtig, daß Ihr Onkel eine Nachricht von Ihnen erhält, ohne Absender, versteht sich.“

„Sie denken einfach an alles“, sagte Forella nach einigem Nachdenken bewundernd. „Ich bin Ihnen von ganzem Herzen dankbar.“

Dabei überlegte sie, daß nur ein Ungar imstande war, sich derart in die Lage eines anderen zu versetzen und einen so perfekten Komplott zu schmieden, wobei er auch zu verstehen schien, daß sie nicht zurückkehren und den Grafen Sherburn heiraten konnte.

Da dem Prinzen wenig Zeit blieb, um rechtzeitig wieder im Schloß zu sein, galoppierten sie Seite an Seite durch das Gelände und hielten sich nicht mehr mit Gesprächen auf.

Vereinzelte Bauernhäuser tauchten in der Ferne auf, ansonsten ritten sie durch eine menschenleere Gegend.

„Da vorn ist Little Ledbury“, sagte der Prinz schließlich.

Zunächst konnte Forella nur Bäume sehen, dann entdeckte sie Strohdächer dazwischen.

Als sie näher kamen, erblickte sie ein kleines Dorf, das mit seinen schwarz-weißen Häusern aussah wie aus der Spielzeugkiste.

Jedes Häuschen hatte einen Vorgarten mit einer Fülle von Blumen. Außer einem Krämerladen gab es sonst nur noch eine kleine Kirche aus grauem Sandstein.

Der Prinz beantwortete ihre unausgesprochene Frage, während sie daran vorüberritten: „Sie stammt aus dem 17. Jahrhundert und gilt als eine der typischsten Bauten aus dieser Epoche.“

Fünfzig Meter hinter der Kirche passierten sie ein Tor mit Löwenwappen an beiden Pfosten. Ledbury Manor stammte Forellas Schätzung nach aus der gleichen Zeit wie die Dorfkirche.

Die Giebel und Türmchen aus grauem Sandstein boten einen bezaubernden Anblick. Über dem Eingang verkündete eine Tafel, daß der erste Eigentümer des Herrenhauses 1623 eingezogen war.

Es bestand nur aus drei Etagen, hatte hübsche rautenförmige Fenster und war an einer Seite von einer hohen Mauer begrenzt. Wie ein verwunschenes Märchenschloß wirkte es vor allem deshalb, weil auf dem Dach, den Fenstersimsen und Mauervorsprüngen überall weiße Tauben umherflatterten.

Das sah so hübsch aus, daß Forella entzückt ausrief: „Tauben! Die Gefährten der Aphrodite!“

Ohne darauf einzugehen, ritt der Prinz weiter. Sein Gesicht hatte einen eigenartig verschlossenen Ausdruck, den sie sich nicht erklären konnte. Bevor sie ihn nach dem Grund fragen konnte, hatten sie bereits den Eingang erreicht. Zwei Stallburschen, die den Prinzen respektvoll grüßten, nahmen die Pferde in Empfang und führten sie in den Stall.

György versuchte wieder zu bocken, aber er war offensichtlich erschöpft von dem langen Ritt und dem scharfen Tempo, das Jóska vorgelegt hatte, daß es dem Stallburschen mühelos gelang, ihn zu beruhigen.

Forella, die besorgt zugeschaut hatte, atmete erleichtert auf. „Keine Sorge“, beruhigte sie der Prinz. „Thomas ist ein sehr erfahrener Mann, sonst hätte ich ihm nicht die Aufsicht über meinen Stall anvertraut.“

Das klang so, als gäbe es im Manor eine stattliche Anzahl Pferde. Auf dem Weg zum Haus überlegte sich Forella, wozu er sie wohl auf diesem Landsitz hielt, da seine Cousine doch seiner Aussage nach gehbehindert war und nicht mehr reiten konnte.

Doch dann konzentrierte sie sich auf die Begegnung mit der Bewohnerin des Hauses und darauf, ihre Rolle gut zu spielen. Nachdem der Prinz den Butler begrüßt hatte, wandte er sich an seine Begleiterin.

„Sicher möchten Sie sich etwas frisch machen. Inzwischen werde ich meine Cousine aufsuchen und sie in alles einweihen.“

Er wandte sich an den Butler. „Sorgen Sie bitte dafür, daß Ihre Frau sich meines Gastes annimmt, Newman, und geleiten Sie sie dann ins Wohnzimmer, wo sich die Prinzessin zweifellos aufhalten wird.“

„Sehr wohl. Euer Hoheit“, erwiderte Newman.

Er führte Forella nach oben, wo sie von einer älteren Frau begrüßt wurde.

„Willkommen, Madam. Es ist eine große Freude für uns alle, Seine Hoheit wiederzusehen.“

Ohne Forellas Antwort abzuwarten, führte sie das Mädchen in ein hübsches Schlafzimmer mit geschmackvollen buntgemusterten Chintzvorhängen. Das Fenster gab den Blick auf einen gepflegten Garten frei, der bis zu einem schmalen Bach reichte.

Mrs. Newman redete unentwegt, während sie Forella beim Ablegen des Reithutes und des Jacketts behilflich war.

„Es ist sehr heiß, Madam“, sagte sie. „Ihre Hoheit hat sicher nichts dagegen, wenn Sie in Rock und Bluse erscheinen.“

Die Bluse, die sie gewählt hatte, war besonders hübsch. Die Marquise hatte sie für sie ausgesucht, obwohl Forella sie viel zu teuer fand.

Sie war aus echter Spitze und, wie die Verkäuferin versichert hatte, das neueste Modell aus Paris, ebenso das Reitkostüm aus grünem Pikee mit weißem Besatz.

„Darin kannst du sicher nicht an einer Hetzjagd teilnehmen“, hatte die Marquise festgestellt, „doch die Mode gestattet es, daß Reiterinnen sich im Sommer wie Fasane schmücken. Auf jeden Fall wirst du darin Aufsehen erregen.“

Bei der Vorbereitung der Flucht hatte sie keinen Gedanken an ihre Garderobe verschwendet. Jetzt erst fiel Forella ein, daß in dem Bündel, das sie an Györgys Sattel befestigt hatte, nur ein einziges Kleid war.

Vorläufig machte sie sich darüber keine Gedanken. Erst wollte sie abwarten, ob die Prinzessin überhaupt mit ihrem Einzug einverstanden war.

Sie wusch sich Gesicht und Hände und ließ sich von Mrs. Newman das Haar ordnen. Befangen begab sie sich dann zur Treppe und ging nach unten, wo Newman sie bereits erwartete.

Insgeheim betete sie darum, daß sich in den Plänen des Prinzen keine Änderung ergeben hatte und sie hier Unterschlupf finden würde.

Ihr wurde erst jetzt richtig bewußt, wie schwer es gewesen wäre, sich allein durchzuschlagen. Als sie in panischer Angst aus dem Schloß geflohen war, hatte sie sich über die Zukunft keine Gedanken gemacht und nicht überlegt, wie sie mit György und dem wenigen Geld, das sie besaß, durchkommen sollte.

Der Prinz hat recht. Er ist sehr … sehr gütig, dachte sie, als sie Newman durch die Halle folgte.

Plötzlich hatte sie Angst, er könnte seine Meinung geändert haben und sie doch noch fortschicken. Als sie jedoch den bezaubernden, sonnenüberfluteten Wohnraum betrat und er sich bei ihrem Anblick erhob, wußte sie, daß alles gut war.

Es war, als spürte er ihre geheimen Ängste, denn er kam ihr entgegen und faßte nach ihrer Hand.

„Darf ich dir Forella Rákózi vorstellen, Cousine Maria?“ sagte er. „Das ist die junge Dame, von der ich dir erzählt habe.“

Er sprach ungarisch, und die Prinzessin streckte Forella die Hand hin und sagte ebenfalls in ihrer Landessprache: „Sie Ärmste, es tut mir so leid für Sie. Natürlich können Sie hier wohnen, solange Sie möchten. Es wird mir ein Vergnügen sein, mich in meiner Muttersprache unterhalten zu können.“

Forella machte einen Knicks: „Das ist sehr gütig.“

Sie stellte fest, daß die Prinzessin in ihrer Jugend eine Schönheit gewesen sein mußte und auch im hohen Alter noch über eine Ausstrahlung verfügte, die Persönlichkeit und Charakterstärke verriet.

Forella fühlte sich vom ersten Augenblick an zu ihr hingezogen und spürte, daß es der Prinzessin ebenso erging.

Als sie Platz gekommen hatten, stellte die Prinzessin fest: „Sie sind sehr hübsch, aber das ist nicht verwunderlich, denn die Rákózi sind für ihre schönen Frauen berühmt, nicht wahr, János?“

„Das ist mir auch schon zu Ohren gekommen“, erwiderte der Prinz. „Jedenfalls bin ich ganz deiner Meinung.“

„Sie schmeicheln mir“, sagte Forella und blinzelte den Prinzen verstohlen an, um ihm zu zeigen, wie sehr sie sich über seine Schauspielerei amüsierte.

„Ich fürchte, hier wird es sehr langweilig für Sie sein“, wandte sich die Prinzessin an sie. „János teilte mir aber mit, daß Sie in Trauer sind und Ruhe suchen.“

„Die hoffe ich hier zu finden“, erwiderte Forella, „und ich möchte Ihnen danken, daß Sie mich als Gast bei sich aufnehmen wollen.“

„Ich habe Ihnen zu danken“, entgegnete die Prinzessin, „denn dieser Ort ist nicht gerade ein Born der Freude und Heiterkeit.“

Ein vorwurfsvoller Blick traf den Prinzen, doch er lachte nur.

„Du willst mein Mitleid erregen, Maria, wie?“ stellte er fest. „Dabei weißt du genausogut wie ich, daß die Ärzte dir Ruhe verordnet haben und dieser Ort zumindest im Augenblick genau das richtige für dich ist.“

Begütigend legte die Prinzessin die Hand auf seinen Arm. „Ich beklage mich ja gar nicht, János“, lenkte sie ein. „Du hast so viel für mich getan, daß ich dir gar nicht genug danken kann.“

„Jetzt machst du mich aber sehr verlegen“, wehrte der Prinz ab. „Deshalb werde ich euch jetzt verlassen, um mich um meine Gäste zu kümmern. Bei dir weiß ich Forella in bester Obhut.“

„Hast du die übliche Kollektion vergnügungssüchtiger schöner Frauen und gutaussehender Schürzenjäger um dich versammelt?“ wollte die Prinzessin wissen.

„Du triffst den Nagel auf den Kopf“, bestätigte der Prinz lachend und küßte ihre Hand. „Verzeih, wenn ich Forella einen Moment ins Frühstückszimmer entführe. Sie muß mir noch die Adressen einiger Leute geben, die ich für sie anschreiben soll.“

Forella erhob sich gehorsam, und die Prinzessin fragte ihren Vetter: „Wann sehen wir dich wieder?“

„Sehr bald“, erwiderte der Prinz. „Vermutlich bevor ich nach London zurückkehre, sobald meine Gäste abgereist sind.“

„Das wäre reizend“, sagte die Prinzessin erfreut. Sie ließ sich wieder in ihren Sessel sinken und sah Forella und dem Prinzen nach, als sie das Zimmer verließen.

Dann nahm sie die Zeitung wieder auf, bei deren Lektüre sie durch ihre Gäste unterbrochen worden war, und suchte in der Gesellschaftskolumne nach dem Namen ihres Vetters.

Im Frühstückszimmer schloß der Prinz sorgfältig die Tür hinter sich.

„Schreiben Sie jetzt den Brief an Ihren Onkel“, forderte er Forella auf. „Außerdem möchte ich Sie um Ihre Maße bitten.“

„Meine Maße?“ rief Forella verdutzt aus.

„Sicher wollen Sie nicht tagaus tagein dasselbe tragen, oder?“ erwiderte er. „Bei Ihnen bewahrheitet sich der berühmte Ausspruch aller Frauen: ‚Ich habe nichts anzuziehen!4

„Ich habe es wirklich vergessen“, gab Forella zu. „Vermutlich wird die Prinzessin befremdet sein, wenn sie es merkt.“

„Sehr befremdet“, bestätigte der Prinz. „Deshalb werde ich einige Sachen für Sie aus London kommen lassen.“

Leichte Röte stieg Forella in die Wangen, als sie verlegen sagte: „Ich … ich fühle mich sehr in Ihrer Schuld.“

„Was Sie wirklich damit sagen wollen“, erklärte der Prinz, „ist wohl, daß so etwas nicht den Konventionen entspricht. Aber eigentlich ist alles, was Sie bisher getan haben, sehr unkonventionell, Forella. Im übrigen stehen Sie überhaupt nicht in meiner Schuld. Es ist eher umgekehrt. Schließlich ist Ihnen unter meinem Dach übel mitgespielt worden, und dafür fühle ich mich mitverantwortlich.“

„Derjenige, der mich derart kompromittiert hat, ist Graf Sherburn“. erklärte Forella aufbrausend. „Er ist für mein Mißgeschick verantwortlich, nicht Sie!“

„Worauf Sie ihn vermutlich niemals hinweisen werden oder wollen, stimmt’s?“ fragte der Prinz lächelnd.

Forella wehrte in gespieltem Entsetzen ab. „Das fehlte mir noch!“

Sie nahm am Schreibpult vor dem Fenster Platz, legte sich einen Briefbogen zurecht und schnitt sorgfältig die Insignien des Prinzen, die oben aufgedruckt waren, ab.

Sorgfältig überlegte sie jedes Wort, bevor sie es niederschrieb.

 

„Lieber Onkel George,

ich habe euch verlassen, weil es mir unmöglich ist, den Grafen Sherburn zu heiraten, der selbst keinerlei Neigung zu einer solchen Verbindung zeigte.

Mir blieb daher nichts anderes übrig, als zu verschwinden, damit niemand erfährt, was geschehen ist, und man mich gewiß bald vergessen hat. Ich werde bei Freunden wohnen und bin in Sicherheit. Mach Dir also um mich keine Sorgen und versuche nicht, mich zu finden.

Vielen Dank für Deine Güte und Dein Verständnis.

Deine dich liebende Nichte Forella“

 

Nachdem sie ihre Zeilen noch einmal durchgelesen hatte, reichte sie den Bogen dem Prinzen, der am Kamin stand und seinen Gedanken nachzuhängen schien.

„Sehr gut!“ lobte er, nachdem er den Brief gelesen hatte. „Achten Sie darauf, daß Sie einen neutralen Umschlag benutzen.

Forella fand einen in der Schreibmappe, steckte den Bogen hinein und versiegelte das Kuvert. Auf einem Zettel notierte sie dann noch ihre Maße, die sie nach den vielen Anproben in London mit ihrer Tante auswendig kannte.

Dann händigte sie beides dem Prinzen aus. „Ich fürchte, ich habe nur ein Kleid und ein Nachthemd bei mir“, sagte sie dann, „möchte Sie aber trotzdem bitten, nicht zuviel Geld für mich auszugeben, weil ich dann eine Ewigkeit brauchen würde, um es Ihnen zurückzuzahlen.

„Ich dachte, ich hätte mich klar genug ausgedrückt“, erwiderte der Prinz. „Es ist eine Art Wiedergutmachung für erlittene Unbill. Sie sollten mir nur sagen, ob Sie lieber als englische Debütantin oder als Ungarin auftreten möchten.

„Das ist mir völlig gleichgültig“, erwiderte Forella lächelnd. „Am glücklichsten war ich in der Kleidung, die ich tragen durfte, wenn ich mit Papa auf Reisen war, aber Tante Kathie meinte, diese sei reif für den Müll, wo sie auch zum großen Teil gelandet ist.“

„Ich verstehe durchaus, was Sie mir damit sagen wollen“, entgegnete der Prinz. „Jedoch war ich stets der Meinung, daß ein schönes Bild auch eines würdigen Rahmens bedarf.“

„Jetzt reden Sie wie ein Schauspieler auf der Bühne“, stellte Forella belustigt fest. „Mir kam das ganze Gehabe gestern abend im Schloß auch vor wie ein Theaterstück, so unwirklich und gekünstelt.“ Als sie seinen verwunderten Blick bemerkte, fügte sie erklärend hinzu: „Das Publikum amüsierte sich, glaubte aber keinen Augenblick daran, daß die Darstellerinnen und Darsteller echt waren oder das wahre Leben widerspiegelten.“

Zu seiner Verblüffung stellte der Prinz fest, daß sie sich über ihn und seine Gäste lustig machte, und seine Erwiderung fiel ungewollt scharf aus.

„Was berechtigt Sie eigentlich dazu, so harte Kritik zu üben, Forella?“ fragte er sie. „Wie können Sie über Menschen richten und rechten wollen, deren Lebensstil Ihnen völlig unbekannt ist?“

Einen Augenblick herrschte lähmendes Schweigen. Völlig eingeschüchtert sagte sie dann: „Sie … Sie haben ganz recht. Es war … ungehörig von mir, so etwas zu sagen. Verzeihen Sie bitte. Ich hatte ganz vergessen, daß ich nicht mit Papa spreche. Wir liebten solche Wortgefechte, in denen wir uns gegenseitig mit Argumenten zu übertrumpfen suchten.“

Dabei errötete sie so heftig, daß der Prinz seine Härte bereits bereute, die bei diesem unerfahrenen, empfindsamen jungen Wesen völlig fehl am Platz war.

„Auch mir bereiten Wortduelle großes Vergnügen“, beeilte er sich zu versichern, „und es ist eine ganz neue Erfahrung für mich, sie mit einer jungen Dame auszutragen.“

Sie schwieg weiter bedrückt, und er fügte hinzu: „Seien Sie weiter ehrlich zu mir und äußern Sie offen Ihre Meinung. Nur möchte ich Ihnen sagen, daß die Gesellschaft nicht ganz so widerwärtig ist, wie Sie glauben.“

Ihr Schweigen schmerzte ihn. Er hatte ihr die Unbefangenheit genommen und das Lächeln von ihren Lippen gewischt. Wie ungeschickt von ihm, derart scharf auf ihren harmlosen Spott zu reagieren!

Als er sich von ihr verabschiedete, bedankte sie sich noch einmal für seine Hilfsbereitschaft, und er spürte, daß sie es ernst meinte.

Von der Haustür aus sah sie zu, wie er Jóska bestieg und zum Tor traben ließ. Er warf noch einen Blick zurück, bevor er in die Dorfstraße einbog. Sie wirkte so jung und verloren, wie sie da vor dem Haus stand und ihm nachschaute.

Auf dem Heimritt überlegte er, ob er richtig gehandelt hatte, als er ihrem Wunsch, unterzutauchen, entsprochen hatte. Ihm wurde bewußt, welche Verantwortung er übernommen hatte, nachdem er eine so ungewöhnliche Entscheidung getroffen hatte.

In seinen Kreisen hätte kein junges Mädchen den Antrag eines Grafen Sherburn abgelehnt, auch wenn dieser auf ungewöhnliche Weise zustande gekommen war.

Nicht nur in England, sondern auch in anderen europäischen Ländern hatten die Töchter von Aristokraten bei der Wahl ihres Gatten kein Mitspracherecht. Vielmehr war eine Eheschließung nichts anderes als ein Handel, wie es schon zur Zeit der alten Römer der Fall gewesen war, wobei Geld oder Besitz die tragende Rolle spielte.

Genauso wie Personen königlicher Herkunft nur ihresgleichen zu heiraten hatten, erwartete man das auch von Adligen und Blaublütigen.

Trotz der Tatsache, daß Kathie einen hinterhältigen Trick angewandt hatte, um Osmond Sherburn zu einer Heirat mit ihrer Nichte zu zwingen, betrachtete der Marquis eine solche Verbindung zweifellos als vorteilhaft für Forella.

Wenn ich wie ein Engländer gehandelt hätte, überlegte sich der Prinz, dann hätte ich Forella gezwungen, mit mir aufs Schloß zurückzukehren, oder gemeinen Verrat an ihr geübt, indem ich Claydon ihren Aufenthaltsort genannt hätte.

Er war aber kein Engländer, sondern Ungar, und er hatte Forella sein Wort gegeben, das er niemals brechen würde.

Außerdem, versuchte er sein Gewissen zu beruhigen, unterscheidet sie sich grundlegend von anderen englischen Debütantinnen, was mit dem ungarischen Blut zu erklären ist, das durch ihre Adern fließt.

Er kehrte noch vor neun Uhr ins Schloß zurück, gerade rechtzeitig, bevor die ersten Gäste schlaftrunken nach unten kommen und ihr Frühstück einnehmen würden.

Es bereitete ihm keine Mühe, den Brief Forellas an ihren Onkel unbemerkt auf einem Tisch vor ihrem Zimmer abzulegen. Seiner Schätzung nach würde es eine Weile dauern, bis eines der Mädchen ihn fand und beim Marquis ablieferte. Dem Prinzen blieb also genügend Zeit, Barton mitzuteilen, er habe weder von György noch von seiner Reiterin eine Spur finden können und sei in der Hoffnung, daß beide inzwischen wieder eingetroffen waren, zum Schloß zurückgekehrt.

Nachdem das erledigt war, schrieb er einige Zeilen an einen Schneider in der Bond Street, bei dem er schon umfangreiche Käufe getätigt hatte. Dann begab er sich in die Bibliothek, wo mittlerweile die meisten männlichen Gäste versammelt waren, um die Morgenzeitung zu lesen. Auch der Marquis war darunter und wünschte ihm einen guten Morgen, als wäre nichts gewesen. Offensichtlich hatten er und seine Frau sich geeinigt, die Bombe erst später platzen zu lassen.

Der Graf ließ sich nicht blicken, und erst eine Stunde später erfuhr der Prinz, daß er mit Lady Esme ausgeritten war.

Die Feste beim Prinzen waren vor allem deshalb so beliebt, weil jeder Gast tun und lassen konnte, was er wollte, und ihm alles zur Verfügung stand, was Haus und Hof zu bieten hatten.

Wie das Gespräch des Grafen mit Lady Esme bei ihrem Ausritt ausfallen würde, konnte der Prinz sich lebhaft ausmalen, auch daß den Grafen nach seiner Rückkehr eine angenehme Überraschung erwartete.

Sie ritten langsam durch den Wald. Die Reitwege, die sich zwischen den Bäumen hindurchschlängelten, boten gerade Platz genug für zwei Pferde nebeneinander.

„Was soll ich nur tun, Esme?“ klagte der Graf. „Was, zur Hölle, soll ich dagegen unternehmen?“

„Ich finde es schändlich von Kathie, dich auf eine so hinterhältige Weise hereinzulegen!“ rief Lady Esme empört aus. „Kein Wort werde ich mehr mit ihr reden!“

Sie sah hinreißend schön aus, war allerdings ein wenig blaß, weil sie die halbe Nacht wach gelegen und vergebens auf den Grafen gewartet hatte.

Als sie kurz nach dem Aufstehen seine Nachricht erhalten hatte, wußte sie sofort, daß etwas schiefgelaufen war.

Ich muß Dich sofort sprechen und schlage einen Ausritt vor. Ich erwarte Dich in einer halben Stunde im Stallgebäude.

Mit Hilfe ihrer Zofe gelang es Esme, sich rasch anzukleiden. Als sie wenig später dem Grafen gegenüberstand und ihn vorwurfsvoll ansah, erschrak sie vor seinem Gesichtsausdruck. Er schien in der kurzen Zeit, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, gealtert, kniff die Lippen zusammen und hatte einen düsteren Blick, auf den sie sich keinen Reim machen konnte.

Erst als er ihr geschildert hatte, was geschehen war, stieß sie einen so verzweifelten Schrei aus, daß er sie am liebsten in die Arme genommen und getröstet hätte.

„Das ist teuflisch, absolut teuflisch! Nur eine rachsüchtige Hexe wie Kathie ist imstande, sich etwas so Grausames und Gemeines auszudenken!

„Es ist meine Schuld“, sagte der Graf düster. „Wir hätten uns nicht des Erkennungszeichens des Kronprinzen bedienen sollen, worüber man sich längst in jedem Club und gewiß auch in jedem Boudoir lustig macht.“

„In meinem Zimmer waren keine Rosen“, erklärte Esme, „deshalb habe ich eine Lilie vor die Tür gelegt.“

Wenn Kathie das gesehen hätte, überlegte der Graf, dann wäre sie wohl noch wütender geworden und noch zynischer.

Doch im Gegensatz zu ihr, die schon eine stattliche Anzahl Liebhaber gehabt hatte, wäre es für Esme das erste Mal gewesen, daß sie ihren Mann betrogen hätte. Daher hatte die Lilie vor ihrer Tür durchaus ihre Berechtigung gehabt.

„Hätte ich doch zu dir kommen können, Geliebte“, klagte er, „statt allein in meinem Zimmer mit meinem Schicksal zu hadern, das mir diese Falle gestellt hat.“

„Genau das war es: eine Falle!“ rief Esme entrüstet aus. „Kathie hat sie dir gestellt. Ich hasse sie, Osmond! Oh, wie sehr ich sie hasse!“

„Mich bewegen ähnliche Gefühle“, erwiderte der Graf. „Die Frage ist nur, wie kann ich verhindern, vor den Altar gezerrt zu werden und ihre Nichte zu heiraten, statt ledig und frei zu bleiben.“ Er stellte fest, daß das ihr gegenüber ein wenig taktlos klang und fügte deshalb hastig hinzu: „Und mit dir Zusammensein zu können, meine schöne Geliebte!“

„Das wünsche ich mir auch", sagte Esme leise. „Aber schließlich, mein Liebster, braucht sich daran doch nichts zu ändern. Ich bin verheiratet, und du bist es dann auch. Was macht uns das schon aus?“

Erst kurz vor dem Lunch hatte die Marquise ihre Toilette beendet und war mit ihrem Aussehen zufrieden.

„Holen Sie sofort Miß Forella zu mir“, trug sie dann ihrer Zofe auf. „Sollte sie bereits nach unten gegangen sein, dann soll einer der Diener ihr Bescheid sagen.“

„Sehr wohl, Mylady“, sagte die Zofe. „Vermutlich schläft sie noch, denn ich habe noch kein Geräusch aus ihrem Zimmer vernommen.“

„Dann wecken Sie sie auf!“ befahl die Marquise in scharfem Ton, um gleich darauf ihr Spiegelbild selbstgefällig anzulächeln. Sie hatte dem Grafen sein schändliches Benehmen heimgezahlt, und sie hatte heute morgen dafür gesorgt, daß der Marquis keinen Rückzieher machte.

„Es war verdammt ungehörig von Sherburn, in ein fremdes Zimmer einzudringen“, hatte der Marquis gesagt. „Aber schließlich geht es in diesem Bau zu wie in einem Taubenschlag.“

„Jedenfalls darf die arme Forella auf keinen Fall darunter leiden“, betonte die Marquise und warf ihrem Mann einen lauernden Blick zu. „Wenn auch nur darüber getuschelt wird, daß er nachts in ihrem Zimmer war, wird sie in kein vornehmes Haus mehr eingeladen werden.“ Sie machte eine gewichtige Pause und fuhr dann in dramatischem Tonfall fort: „Wir würden niemals einen standesgemäßen Gatten für sie finden, der einen solchen Skandal in Kauf nehmen würde!“

„Schon gut, Kathie, ich weiß, was du damit sagen willst“, gab der Marquis gereizt zurück. „Andererseits mag ich Osmond und komme mir ziemlich mies vor, ihn so zu überrumpeln.“

„Vergiß deine Skrupel, George“, riet ihm die Marquise. „Denk lieber daran, daß Osmonds Vermögen dich der Pflicht entheben wird, Forella eine Mitgift zu zahlen. Er kann allein für seine Frau sorgen.“

„Mir geht es nicht ums Geld“, entgegnete der Marquis unwillig. „Ich denke darüber nach, daß Forella einem Mann wie Sherburn überhaupt nicht gewachsen ist und von ihm sicher nicht gut behandelt werden wird.“

Ohne die Erwiderung seiner Frau abzuwarten, war er aus dem Zimmer gestürmt und hatte die Tür laut hinter sich zugeschlagen.

Die Marquise störte das nicht. Sie kicherte nur leise vor sich hin und dachte daran, daß der Graf jetzt bereuen würde, sie jemals sitzengelassen zu haben.

Die Zofe kam unverrichteter Dinge zurück. Sie hatte von einem der Diener erfahren, daß die junge Dame in aller Herrgottsfrühe ausgeritten sei. Das meldete sie ihrer Herrin.

Die Marquise warf einen Blick auf die Uhr. „Sie wird sich zum Lunch verspäten“, sagte sie unwillig. „Nichts als Scherereien hat man mit diesen jungen Mädchen! Der Prinz wird sicher ungehalten sein, wenn ein Platz an der Tafel leer bleibt.“

„Sie wird schon rechtzeitig zurück sein“, versuchte die Zofe sie zu beruhigen.

Sie und ihre Herrin konnten nicht ahnen, daß eines der Hausmädchen mittlerweile beim Staubwischen den Brief auf dem Tischchen entdeckt und dem Butler übergeben hatte, der ihn gemächlich auf einem Silbertablett in die Bibliothek trug, wo sich der Marquis um diese Zeit aufzuhalten pflegte.

Inzwischen hatten sich die meisten Gäste zum Lunch eingefunden, und kurz bevor der Butler mit dem Brief auf dem Silbertablett eintraf, gesellten sich auch Graf Sherburn und ein wenig später Esme Meldrum zu ihnen.

„Du bist ja mächtig unternehmungslustig, Sherburn“, bemerkte einer der Herren. „Eigentlich hatte ich auch vor, auszureiten, aber nachdem wir alle so spät ins Bett gekommen waren und dem ausgezeichneten Wein unseres verehrten Gastgebers so reichlich zugesprochen hatten, konnte ich mich einfach nicht dazu aufraffen.“

Der Graf murmelte etwas Unverständliches und vergrub sich dann hinter einem Exemplar der Times. Da er keine Anstalten machte, sich an den Gesprächen zu beteiligen, ließ man ihn in Ruhe.

Kaum war Esme Meldrum aufgetaucht, da näherte sich die Marquise ihrer Erzrivalin mit katzenfreundlichem Lächeln.

„Wie frisch du aussiehst, meine Liebe! Ja, ein morgendlicher Ausritt tut manchmal Wunder!“

„Es war in der Tat angenehm kühl draußen“, gab Esme Meldrum zurück und bemühte sich, sich ihren Haß nicht anmerken zu lassen. Sie wandte der Marquise den Rücken zu und begab sich zu einigen Damen, die ebenfalls eben erst aus den Federn gekommen waren.

Mit einer Verbeugung trat in diesem Augenblick der Butler neben den Marquis und übergab ihm den Brief. Verwundert drehte der ihn um. Er hatte nicht erwartet, hier Post zu erhalten. Seine Dienerschaft hatte Anweisung erhalten, ihm nichts nachzuschicken.

Stirnrunzelnd entfaltete er das Schreiben, las die wenigen Zeilen und traute seinen Augen nicht. „Gütiger Himmel!" murmelte er vor sich hin, nachdem er es ein zweites Mal gelesen hatte.

Entschlossen ging er zu seiner Frau hinüber, die sich gerade angeregt mit dem Prinzen unterhielt. Er faßte nach ihrem Arm und zog sie beiseite.

„Was gibt’s denn, George?“ fragte sie, unwillig über die Störung.

„Ich muß dir etwas zeigen“, sagte er in gedämpftem Ton und zog sie mit sich in eine Zimmerecke, wo sie ungestört waren.

Um kein Aufsehen zu erregen, folgte sie ihm, wenn auch widerwillig und mit finsterer Miene.

Dann las auch sie Forellas Zeilen. Sie zuckte zusammen. Ihre Augen weiteten sich in ungläubigem Staunen, ihr Gesicht verzerrte sich.

„Ich denke, sie hat keine Freunde in England“, würgte sie dann mühsam hervor.

„Mir sind jedenfalls keine bekannt.“

„Was wollen wir jetzt tun?“

„Was schlägst du vor?“ Der ironische Unterton in der Stimme des Marquis war nicht zu überhören.

Wütend stopfte sie den Brief in den Umschlag zurück. „Wenn das ein Komplott zwischen ihr und Osmond Sherburn ist“, zischte sie, „dann bringe ich ihn um!“

„Mach bitte keine Szene!“ beschwor sie der Marquis.

„Keine Angst“, erwiderte seine Frau heiser. „Ich knöpfe mir Osmond nach dem Lunch vor.“

In diesem Augenblick wurde Lady Roehampton gemeldet, daß serviert sei. Sie bat die Gäste, an der Tafel Platz zu nehmen.

Mit zerknirschter Miene trat die Marquise zu ihr. „Tut mir entsetzlich leid, meine Liebe“, stammelte sie, „aber mir wurde eben erst gemeldet, daß Forella nicht am Lunch teilnehmen wird. Die Gründe erkläre ich dir später.“

Ohne sich dazu zu äußern, ordnete Lady Roehampton an, ein Gedeck zu entfernen. Zum Glück waren die beiden Herren, die jetzt nebeneinander sitzen mußten, leidenschaftliche Jäger und würden sich gewiß angeregt unterhalten.

Als Graf Sherburn an der Tafel Platz nahm und suchend seinen Blick in die Runde schweifen ließ, als vermisse er Forella, hielt das die Marquise für reine Heuchelei. Sie war überzeugt davon, daß er genau Bescheid wußte.

Er hat sie beschwatzt, damit er sich aus der Affäre ziehen kann, dachte sie wütend. Aber damit kommt er nicht durch! Dafür sorge ich. Er wird sie heiraten und wenn George ihn durch eine Duellforderung dazu zwingen muß!

Dazu würde der Graf es nicht kommen lassen, denn sowohl er als auch George fürchteten nichts so sehr als einen Skandal und einen negativen Bericht in der Zeitung.

Sie malte sich bereits aus, wie sie die Trauungszeremonie genießen würde, wie sie triumphieren würde, wenn man den Grafen gegen seinen Willen zum Altar führte. Dann hatte sie wieder die Oberhand und würde auch in Zukunft keine Gelegenheit versäumen, um sich über ihn lustig zu machen.

Ich habe gesiegt! triumphierte sie innerlich. Jedesmal, wenn er die Frau ansieht, die seinen Namen trägt, wird er bereuen, mich verlassen zu haben!

Als die Damen den Speisesaal verließen, ging sie dicht am Grafen vorbei und sagte so leise, daß nur er es hören konnte:

„Ich muß mit dir reden, Osmond. Es ist sehr wichtig!"

Sie sah ihm an, daß er sich am liebsten geweigert hätte, doch sie ließ nicht locker, sondern schnitt ihm den Weg zur Bibliothek ab, wohin sich die Herren gewöhnlich nach dem Lunch zu begeben pflegten.

„Gehen wir in den Garten. Ich muß dir etwas zeigen.“

Um nicht alles noch schlimmer zu machen, fügte er sich. Widerwillig, wie ihr sein vorgerecktes Kinn verriet.

Sie überquerten den Rasen, bis sie außer Hörweite der anderen waren, die sich auf der Terrasse aufhielten.

Wortlos überreichte ihm die Marquise Forellas Brief. Sie wartete, bis er ihn gelesen hatte, dann sagte sie kalt: „Da das dein Werk ist, wünsche ich zu erfahren, wohin du sie geschickt hast!"

„Damit habe ich nichts zu tun!“ lautete seine scharfe Erwiderung. „Ich habe keine Ahnung, wohin das Mädchen gegangen ist.“

„Erwartest du etwa, daß ich dir das glaube?"

„Du kannst glauben, was du willst“, entgegnete er. „Vermutlich hatte sie so viel Verstand, deinen billigen Auftritt letzte Nacht zu durchschauen und sich sowohl meiner als auch deiner Gegenwart zu entziehen.“

„Du bist sehr wortgewandt“, höhnte die Marquise, „aber du kannst dir sicher vorstellen, daß George über das, was seiner Nichte zugestoßen ist, sehr beunruhigt ist. Sie war noch nie zuvor in England und kann daher auch keine Freunde haben. Durch die Dienstboten erfuhr ich lediglich, daß sie mit einem Pferd aus dem Stall des Prinzen ganz früh weggeritten und noch nicht zurückgekehrt ist.“

Zum erstenmal hörte der Graf interessiert zu. „Sie ist allein weggeritten?“

„Natürlich war sie allein!“ fuhr die Marquise ihn an. „Sie kannte hier doch niemanden außer ihren Onkel und mich.“

„Ich muß schon sagen, daß sie offenbar über einen gesunden Menschenverstand verfügt.“

„Laß deine Phrasen!“ wies die Marquise ihn an. „Sag mir lieber, wo sie ist!“

„Ich kann nur wiederholen, daß ich nicht die geringste Ahnung habe“, erwiderte der Graf. „Ich weiß überhaupt nichts über deine Nichte, außer, daß sie offenbar ein sehr vernünftiges junges Mädchen ist.“

„Ist das alles, was du zu dieser ungeheuerlichen Angelegenheit zu sagen hast?“ fragte die Marquise aufgebracht.

„Was soll ich denn sonst noch sagen?“ wollte der Graf von ihr wissen. „Soll ich die Meute loslassen und sie hetzen wie einen tollwütigen Fuchs?“ Er hielt einen Augenblick inne und sagte dann langsam und bedächtig: „Meinetwegen kann sie so lange wegbleiben, wie sie will, Kathie, denn eines steht doch fest: Wenn sie nicht da ist, kannst du auch unsere Verlobung nicht bekanntgeben, ohne beträchtliches Aufsehen zu erregen!“

Sein selbstzufriedenes Lächeln brachte die Marquise derart in Rage, daß sie ihn am liebsten ins Gesicht geschlagen hätte. Da ihr keine Erwiderung einfiel, machte sie auf dem Absatz kehrt und stürmte mit wogendem Busen und raschelnden Röcken davon.