3
Der Prinz war Frühaufsteher und ritt gewöhnlich bereits um sechs Uhr morgens aus. An diesem Morgen stellte er nach dem Stand der Morgensonne fest, daß es noch früher sein mußte.
Als er sich zu Bett begeben hatte, war er von Unruhe erfüllt gewesen, die seinem ausgeprägten Instinkt für Spannungen, die in der Luft lagen, entsprang.
Irgend etwas braute sich zusammen. Er wußte nicht genau was, aber es hatte mit der Marquise und Lady Esme zu tun, soviel stand für ihn fest.
Da es ihn morgens, wenn er aufwachte, stets nach Bewegung drängte, kleidete er sich an, ohne seinen Diener zu rufen, begab sich nach unten und strebte den Ställen zu.
Die jüngeren Hausmädchen begannen bereits, die Räume zu säubern und zu lüften, während die Hausdiener die Gläser und Aschenbecher wegräumten, die im Salon und im Spielzimmer herumstanden. Später würden die älteren Diener erscheinen, die Arbeit der Aushilfskräfte beaufsichtigen und ihnen Anweisung erteilen, was zu tun war, damit überall wieder tadellose Ordnung herrschte, wenn die ersten Gäste unten erschienen.
Da er früher als gewöhnlich auftauchte, warfen ihm die Dienstboten besorgte Blicke zu, als befürchteten sie, irgend etwas falsch gemacht zu haben.
Doch der Prinz ging ohne Aufenthalt zu den Ställen weiter, um sich eines seiner feurigen Pferde satteln zu lassen. Er liebte dieses Kräftemessen mit einem edlen Tier. Gewöhnlich ging er als Sieger daraus hervor, aber es erfüllte ihn mit Genugtuung, darum kämpfen zu müssen.
Gewöhnlich ließ er aus Ungarn nicht völlig austrainierte Pferde kommen, und sein Talent im Umgang mit den Tieren wurde von allen, die ihn kannten und beim Training beobachteten, bewundert.
Das Stallgebäude war völlig umgebaut worden, als er das Schloß erworben hatte, und er mußte dem Architekten zugestehen, daß der Neubau sich harmonisch in die Anlage des Schlosses einfügte. Seine Pferde waren komfortabler untergebracht als die aller anderen Gestütsherren im Umkreis.
Da er zu früh dran war, hielt sich nur ein Stallbursche bei den Tieren auf. Er rief sofort den Stallmeister, während der Prinz die Boxen abschritt und überlegte, welches Tier er satteln lassen sollte. Befriedigt stellte er fest, daß seine Neuerwerbung aus Ungarn nicht mehr mit den Hufen gegen die Boxen donnerte, um seinen Freiheitswillen kundzutun, sondern sich offensichtlich mit seinem Schicksal abgefunden hatte.
Der Prinz entschied sich an diesem Morgen, an dem ihn selbst widerstrebende Gefühle beherrschten, für dieses Pferd, das er Aspád getauft hatte.
Gerade wollte er die Box öffnen, da hörte er hinter sich das Schnaufen seines Stallmeisters, der eilig näher kam.
„Guten Morgen, Euer Hoheit!“ sagte der Mann respektvoll. „So früh hatte ich Sie noch nicht erwartet.“
„Ich weiß, Barton“, erwiderte der Prinz, „aber es ist ein so herrlicher Morgen, und ich brauche Bewegung.“
Er wußte, daß die gesamte Dienerschaft sich darüber wunderte, daß er stets früh auf war, ganz gleich, wie spät er ins Bett gekommen war, und immer frisch und energiegeladen wirkte, als habe er acht Stunden Schlaf hinter sich.
Der Prinz hatte seinen Körper ebenso eisern unter Kontrolle wie seine Gefühle und konnte aufgrund seiner Willenskraft mit drei Stunden Schlaf auskommen, wenn andere doppelt soviel Zeit brauchten, um sich von den Strapazen einer durchzechten Nacht zu erholen.
„Ich habe mir überlegt, daß ich heute einmal Aspád reiten werde, Barton“, sagte er. „Er kommt mir viel ruhiger vor als bei seiner Ankunft.“
„Ist er auch, Euer Hoheit“, bestätigte der Stallmeister. „Ein prächtiges Pferd ist das. Sobald Euer Hoheit ihn eingeritten haben, wird er alle anderen in den Schatten stellen.“
„Der Meinung bin ich auch“, erwiderte der Prinz. Er wollte Barton an sich vorbeilassen, doch der Stallmeister zögerte und hatte offensichtlich noch etwas auf dem Herzen.
Stirnrunzelnd sah der Prinz ihn an. „Was gibt’s?“ fragte er.
„Mir wurde gerade mitgeteilt. Euer Hoheit, daß einer Ihrer Gäste heute früh die Ställe aufsuchte“, entgegnete Barton verlegen. „Jeb hatte Dienst, und der Dummkopf konnte nicht verhindern, daß sie mit György wegritt.“
Der Prinz sah den Mann verblüfft an. „György?“ rief er aus.
„Ja, Euer Hoheit. Natürlich hätte ich es nicht geduldet, wenn ich dagewesen wäre. György ist ein feines Pferd, aber nicht das richtige für eine Dame.“
Darin mußte der Prinz ihm recht geben. Er hatte György erst kürzlich zugeritten, aber das Tier war zuweilen noch unberechenbar und neigte zu Temperamentsausbrüchen. Für eine Dame, und mochte sie eine noch so erfahrene Reiterin sein, war er deshalb denkbar ungeeignet.
„Da stimmt irgend etwas nicht, Barton“, stellte er fest. „Hat Jeb dir gesagt, wie die Dame hieß?“
„Sie hat ihren Namen nicht genannt. Euer Hoheit“, entgegnete Barton. „Jeb meinte nur, sie sei sehr hübsch gewesen und viel jünger als Ihre anderen Gäste.“
„Sattle Jóska für mich. Ich werde indessen Jeb fragen, in welche Richtung die Dame geritten ist.“
Der Prinz verließ den Stall, und Barton beeilte sich, dem Befehl nachzukommen. Offenbar hatte der Prinz es eilig und keine Zeit, Aspád zu bändigen.
Jóska war eines der schnellsten und kräftigsten Pferde im Stall und würde seinen Reiter schneller zu seinem Ziel bringen als alle anderen Tiere.
Der Prinz traf Jeb auf dem Hof. Der Bursche hatte einen Eimer Wasser in der Hand und sah seinen Herrn ängstlich an, weil Barton ihm bereits zu verstehen gegeben hatte, welchen Fehler er gemacht hatte.
„Hast du eine Ahnung, Jeb“, fragte der Prinz ruhig, „in welche Richtung Miß Claye mit György geritten ist?“
„Gewiß, Euer Hoheit.“ Jeb stellte den Eimer ab und wies zum entfernten Ende des Parks hinüber. „Ich hab’ ihr nachgeschaut, Euer Hoheit. György bockte zwar, aber sie saß fest im Sattel und schien ihn bestens im Griff zu haben.“
„Hoffen wir’s“, murmelte der Prinz vor sich hin und wandte sich Barton zu, der den gesattelten Jóska auf den Hof führte. Er schwang sich in den Sattel des mächtigen schwarzen Hengstes, ergriff die Zügel und lenkte ihn in die vom Stallburschen angegebene Richtung.
Während das Pferd durch den Park galoppierte, überlegte er, welcher Teufel das junge Mädchen geritten haben mochte, sich für den frühen Ausflug ausgerechnet György auszusuchen, den er selbst kaum bändigen konnte.
Bei jedem kleinen Geräusch scheute er, und der Prinz war darauf gefaßt, diese Miß Claye, an deren Vornamen er sich nicht erinnerte, irgendwo bewußtlos am Boden liegen zu sehen und sie ins Haus bringen zu müssen, während seine Leute versuchen würden, den durchgegangenen György wieder einzufangen.
Nicht im Traum wäre ihm eingefallen, daß einer seiner Gäste früher aufstehen könnte als er, sonst hätte er Barton angewiesen, seinen Stalldienst früher anzutreten und der Frühaufsteherin das geeignete Pferd zu satteln.
Es war töricht von Jeb, Barton nicht zu wecken und um Rat zu fragen, als das Mädchen den Wunsch geäußert hatte, ausgerechnet diesen Feuerteufel zu reiten.
Vergebens versuchte der Prinz, sich das Aussehen des Mädchens ins Gedächtnis zurückzurufen. Eins glaubte er jedoch zu wissen: Sie war nicht der Typ der geübten Reiterin mit Pferdeverstand. Er konnte nur hoffen, daß sie nach dem Abwurf auf weichem Boden gelandet war, möglichst auf Wiesengelände, und sich nichts gebrochen hatte.
Auf jeden Fall würde der Zwischenfall Aufsehen erregen und die Party erheblich stören. Er würde sich bei der Marquise dafür entschuldigen müssen, daß ihre Nichte durch eines seiner Pferde zu Schaden gekommen war.
Am Ende des Parks angelangt, gab der Prinz die Zügel frei und ließ Jóska über die Ebene galoppieren, dann ging es langsam eine Anhöhe hoch, von der aus ein weites Tal mit einem Flußlauf in der Mitte meilenweit einzusehen war. Auf der Anhöhe zügelte er Jóska und suchte die nähere Umgebung nach einer regungslos am Boden liegenden Gestalt und einem davonstiebenden György ab, aber er konnte nichts dergleichen entdecken.
Auch im weiter entfernten Wald, der bis zum Flußlauf reichte, war kein Reiter auszumachen. Dann erspähte er in etwa zwei Meilen Entfernung die Gesuchte.
Erstaunt stellte er fest, daß das Mädchen noch fest im Sattel saß. Im Schritt führte sie György dicht am Ufer entlang, als suche sie eine Stelle, wo sie mit dem Pferd den durch Regengüsse angeschwollenen Flußlauf durchqueren konnte, ohne abgetrieben zu werden. Weshalb sie ans andere Ufer wollte, war ihm unerfindlich.
Doch zu weiteren Überlegungen blieb ihm keine Zeit. Je schneller er das Mädchen erreichte, desto besser, sagte er sich und lenkte sein Pferd den Abhang hinunter. Dann gab er ihm erneut die Zügel frei. In schätzungsweise einer Viertelstunde würde er die Reiterin eingeholt haben.
Noch immer suchte sie das Ufer nach einer seichten Stelle ab. London lag in nördlicher Richtung, hatte sie sich ausgerechnet, also würde sie nach Süden reiten. Die englische Landschaft war ihr völlig unbekannt, und sie wußte auch nicht, wie weit der Besitz des Prinzen reichte. Deshalb hielt sie es für ratsam, das andere Ufer anzustreben. Die Wiese wirkte dort verwahrlost, die Büsche waren verwildert, als kümmere sich keiner um die Pflege.
Nur ein Gedanke beherrschte sie: weg vom Schloß, so weit wie möglich. Sie hatte ein Pferd ausgewählt, das Kraft und Ausdauer verriet und einen Tagesritt mit ihr im Sattel ohne weiteres bewältigen würde.
An einer Stelle, wo sie zum erstenmal den Grund des Flusses sehen konnte, zügelte sie György. Hier würde das Pferd ohne weiteres durchwaten können.
Sie lenkte es dem Wasser zu und blickte dabei zufällig hinter sich. In diesem Augenblick entdeckte sie den Reiter, der rasch näher kam. Sie witterte Gefahr und gab György die Sporen. Das Pferd galoppierte am Flußlauf entlang, bäumte sich jedoch zunächst auf, um seinen Reiter abzuschütteln, und als ihm das nicht gelang, bockte es ein- bis zweimal, bevor es gehorsam die angegebene Richtung einhielt.
Mit angehaltenem Atem verfolgte der Prinz die Bocksprünge des Pferdes und befürchtete jeden Augenblick, die Reiterin in hohem Bogen aus dem Sattel fliegen zu sehen.
Er traute seinen Augen nicht. Sie saß noch immer fest im Sattel und galoppierte davon. Zweifellos wollte sie ihm entkommen.
Jóska empfand den Fluchtversuch seines Stallgefährten als Herausforderung. Es bedurfte keines Peitschenhiebs, um ihn die Verfolgung aufnehmen zu lassen. Mit einem Satz preschte er vor und fegte dann mit gewaltigen Galoppsprüngen davon, um den Ausreißer einzuholen.
Forella hörte den näherkommenden Huf schlag des Verfolgers. Sie hätte nie für möglich gehalten, daß ein Pferd schneller sein könnte als das ihre.
So sehr sie György auch zur Eile antrieb, der Mann hinter ihr machte immer mehr Boden gut, kam bedrohlich nahe und würde sie an der Flucht hindern.
Verzweifelt bemühte sie sich weiter, den Verfolger abzuschütteln, bis Jóska neben ihr erschien und sie erkannte, wer ihr gefolgt war.
Es erfüllte sie mit ungeheurer Erleichterung, daß es der Prinz war und nicht, wie sie befürchtet hatte, der Marquis, den ihre Tante hinter ihr hergehetzt hatte.
Da sie einsah, daß die wilde Jagd zu Ende war, zügelte sie György mühelos, so daß er im Schritt dahintrottete. Der Prinz tat es ihr mit Jóska nach.
Nach dem wilden Ritt, den sie beide hinter sich hatten, war er ein wenig atemlos und stellte eine ganz andere Frage, als er sich unterwegs vorgenommen hatte.
„Wo, zum Teufel, haben Sie so gut reiten gelernt?“
Forella weidete sich an seiner Verblüffung und lachte. „György ist großartig! Bestimmt kommt er aus Ungarn.“
„Selbstverständlich", erwiderte der Prinz. „Mich würde aber interessieren, wohin er Sie bringen sollte. Miß Claye.“
Forella wollte gerade erwidern, sie habe kein bestimmtes Ziel, als ihr bewußt wurde, daß er das Bündel hinter ihrem Sattel entdeckt hatte. Es enthielt nicht viel, aber sie hatte nicht ganz ohne persönliche Habe davonreiten wollen.
Da Jeb nicht verstanden hatte, was sie wollte, hatte sie das Bündel selbst auf dem Rücken des unruhig tänzelnden György befestigt. Da sie darin Routine hatte, ihre wenigen Habseligkeiten auf einem Eselsrücken, einem Kamel oder einem Muli zu verstauen, wenn sie mit ihrem Vater unterwegs gewesen war, machte es ihr keine Schwierigkeiten, sich auf das Notwendigste zu beschränken. Mehr als eine Bürste, einen Kamm, Seife und Zahnbürste hatte sie gewöhnlich nicht in der Satteltasche gehabt.
Während sie noch fieberhaft überlegte, was sie dem Prinzen antworten sollte, sagte er mit erstaunlichem Einfühlungsvermögen: „Wenn Sie ausreißen wollen, wie es den Anschein hat, dann darf ich mir wohl die Frage erlauben, was Sie mit meinem Pferd vorhatten?“
Flammende Röte stieg ihr in die Wangen, dann antwortete sie mit leiser Stimme: „Ich bitte um Verzeihung, daß ich es ausgeliehen habe, aber … . ich schwöre Ihnen, daß ich es Ihnen so bald wie möglich zurückgeschickt hätte.“
Der Prinz schwieg einen Augenblick, dann schlug er vor: „Wir sollten uns in aller Ruhe darüber unterhalten. Natürlich kann ich Sie nicht zwingen, sich mir anzuvertrauen, aber ich wäre Ihnen schon Györgys wegen für ein offenes Wort sehr verbunden.“
Das klang weder vorwurfsvoll noch mißbilligend, sondern voller Verständnis und ermutigte Forella, hastig zu sagen: „Es wäre viel leichter, Euer Hoheit, wenn Sie vorgeben würden, mich gar nicht gesehen zu haben und … mich entkommen ließen.“
„Können Sie sich denn nicht vorstellen, wie quälend es für mich wäre, nicht zu wissen, was aus Ihnen und György geworden ist und nicht imstande zu sein, Ihnen zu helfen, wenn Sie in Schwierigkeiten sind?“ gab der Prinz zurück.
Ein Leuchten trat in Forellas Augen. „Würden Sie mir denn helfen, wenn ich Ihnen anvertraue, was mich bedrückt?“ fragte sie hoffungsvoll.
„Sagen wir“, erwiderte der Prinz, „ich würde alles in meiner Macht Stehende tun, um den besten Ausweg für Sie zu finden.“
Forella seufzte erleichtert auf. „Ich befürchtete, Sie würden schrecklich böse auf mich sein, weil ich György für meine Flucht entführt habe. Ich hielt ihn für das schnellste Pferd in Ihrem Stall.“
„Hören Sie, Miß Claye“, kam der Prinz zu einem Entschluß. „Wie wäre es, wenn wir auf einem meiner Bauernhöfe in der Nähe zusammen frühstückten und uns ausführlich unterhielten?“
Forella zögerte. Offensichtlich befürchtete sie, er suche nur eine Gelegenheit, um ihr das Pferd wegzunehmen, damit sie nicht weiter konnte, oder um sie auf irgendeine Weise zur Rückkehr zu zwingen.
„Da ist kein Trick dabei“, versicherte er. „Ich habe Ihnen versprochen, Ihnen zu helfen, wenn es in meiner Macht steht, und hoffe, Sie vertrauen mir.“
Sie sah ihn forschend an, und er stellte dabei fest, daß sie ganz ungewöhnliche Augen hatte. Sie hatten einen Grünschimmer, als spiegelten sie das Gras wieder, das sie umgab.
„Ich … vertraue Ihnen“, sagte sie nach einigem Nachdenken mit leiser Stimme.
„Danke“, erwiderte der Prinz. „Die Farm ist da drüben.“ Er wies auf einige Heuschober in der Ferne und eine dünne Rauchfahne, die aus einem Schornstein aufstieg.
Dann gab er Jóska einen Klaps mit der Peitsche und galoppierte, gefolgt von György, in die Richtung. Bewundernd stellte der Prinz fest, daß er noch nie ein Mädchen so großartig hatte reiten sehen wie seine Begleiterin, die ohne große Mühe mit György fertig zu werden schien.
Erst als sie die Farm erreichten und der Prinz dem Stall zustrebte, begann György zu bocken. Er scheute, stieg auf der Hinterhand hoch und machte Bocksprünge. Ohne sich einzumischen, stieg der Prinz aus dem Sattel und beobachtete das Kräftespiel zwischen Pferd und Reiterin.
Das Mädchen blieb nicht nur fest im Sattel sitzen, sie bekam das Pferd auch durch gutes Zureden und leichtem Schenkeldruck unter Kontrolle, wie der Prinz es nicht besser vermocht hätte.
„Nun komm schon, Junge“, redete sie auf das bockende Tier ein, „jetzt kannst du dich ausruhen. Deine Mätzchen machen dich doch nur müde, und dann bist du zu erschöpft, um mich dahin zu bringen, wohin ich gerne möchte.“
Ihre Stimme hatte etwas Beruhigendes, Beschwörendes an sich, fand der Prinz, und nachdem György erkannt hatte, daß er sie nicht aus dem Sattel werfen konnte, war er plötzlich lammfromm. Er ließ sich sogar ohne Protest in den Stall führen.
Ohne sich zu äußern, ging der Prinz auf das Bauernhaus zu, wo er bereits von einer rotwangigen Frau mittleren Alters an der Tür erwartet wurde. Sie knickste, als er zu ihr trat.
„Guten Morgen, Euer Hoheit. Fein, Sie mal wieder bei uns zu sehen.“
„Diesmal komme ich nicht allein, Mrs. Hickson“, erwiderte der Prinz, „sondern habe eine junge Dame mitgebracht, die sich ebenso auf ein gutes Frühstück freut wie ich.“
Mrs. Hickson begrüßte Forella ebenfalls mit einem Knicks und führte ihre Besucher dann in einen gemütlichen Wohnraum zu einem Fenstertisch. Sie legte ein weißes Tischtuch auf, und ihr Mundwerk stand keine Sekunde still.
„Sie kommen gerade zur richtigen Zeit, Euer Hoheit“, erklärte sie. „Mein Mann hat ein Schwein geschlachtet, und ich habe vorige Woche Schinken eingepökelt. Der wird Ihnen schmecken.“
„Ganz bestimmt“, erwiderte der Prinz. „Niemand macht so guten Pökelschinken wie Sie, Mrs. Hickson.“
Die Frau lächelte geschmeichelt und verließ geschäftig den Raum, während der Prinz zuschaute, wie Forella sich auf Zehenspitzen stellte, um sich in dem hochhängenden Wandspiegel zu betrachten, nachdem sie ihren Reithut abgesetzt hatte.
Als sie sich ihm zuwandte, bemerkte er zum erstenmal, daß sie eine Schönheit war, ihr apartes Aussehen sich jedoch völlig von dem anderer Damen unterschied, die er bisher kennengelernt hatte.
Das lag nicht nur an dem Goldschimmer ihres Haares, das sich in kleinen Locken kräuselte, die sich aus dem Nackenknoten gelöst hatten, sondern vor allem an ihren großen, ausdrucksvollen Augen, der kleinen geraden Nase und den dunklen gebogenen Wimpern. Außerdem haftete ihr noch etwas ganz Besonderes an, das er nicht so recht zu definieren vermochte.
Ihr Lächeln wirkte scheu, als sie sich ihm gegenüber an den Tisch setzte.
„Wenn ich es mir recht überlegte, bin ich tatsächlich ziemlich hungrig“, bekannte sie.
„Wir haben eine Menge miteinander zu besprechen“, stellte der Prinz fest, „aber vorher möchte ich gern Ihren Vornamen wissen.“
„Forella.“
„Und zweitens“, fuhr er fort, „sollten Sie mir verraten, wieso Sie besser reiten können als unsere Damen hierzulande?“ Er hielt inne und fuhr dann dort: „Als ich Ihnen folgte, war ich darauf gefaßt, Sie bewußtlos am Boden liegen zu sehen, während György das Weite suchte, so daß es Stunden dauern würde, um ihn wieder einzufangen.“
„Ich bin von klein auf geritten“, beantwortete Forella nach einer Weile seine Frage. „Doch von all den Pferden, die ich hatte, war keines so edel wie György.“ Wieder schwieg sie einen Augenblick, dann fügte sie impulsiv hinzu: „Ich … ich hätte ihn bestimmt zurückbringen lassen!“
„Wozu überhaupt dieser Ausbruchsversuch?“ Als sie schwieg, fügte er in scherzhaftem Ton hinzu: „Bin ich ein so miserabler Gastgeber, daß Sie das Schloß so kurz nach Ihrer Ankunft Hals über Kopf verlassen mußten?“
Forella blickte zum Fenster hinaus und sagte mit erstickter Stimme: „Ich … ich mußte einfach weg!“
„Warum?“
„Darüber möchte ich lieber nicht sprechen.“
„Trotzdem wäre es mir lieber, Ihre Version zu hören als nur die Ihres Onkels und Ihrer Tante nach meiner Rückkehr ins Schloß.“
„Ich … ich glaube kaum, daß man Ihnen die Wahrheit sagen wird.“
Er spürte, daß sie etwas bedrückte, beugte sich über die Tischplatte und bat sie in sanftem, beschwörendem Tonfall, dem bisher noch keine Frau widerstanden hatte: „Bitte, vertrauen Sie mir, Forella. Ich schwöre Ihnen, daß niemand etwas davon erfährt und ich nichts tun werde, um Sie zu verletzen oder Ihre Lage noch schwieriger zu machen, als sie ohnehin schon zu sein scheint.“
Langsam wandte sie den Kopf und hob die langen Wimpern. Ihr Blick schien sein Innerstes erforschen zu wollen, um sich zu vergewissern, daß sie ihm tatsächlich vertrauen konnte.
Noch nie hatte eine Frau ihn so mißtrauisch, so voller Zweifel angesehen, stellte er bei sich fest, dann kreuzten sich ihre Blicke; sie sahen sich lange an, bevor Forella von seiner Aufrichtigkeit überzeugt schien.
„Es … es blieb mir nichts anderes übrig, als wegzulaufen und mich irgendwo zu verbergen.“
„Wovor?“
„Vor dem, was letzte Nacht geschehen ist.“
„Wollen Sie mir nicht sagen, was passiert ist?“
Forella atmete tief durch, dann sagte sie tonlos, daß er sie kaum verstehen konnte: „Graf Sherburn kam versehentlich in mein Zimmer. Er … er nahm an, es sei Lady Esmes Schlafgemach.“
Der Prinz glaubte, sich verhört zu haben. Als Forella fortführ, verstand er den Zusammenhang.
„Ich … ich habe fest geschlafen“, sagte sie. „Irgend etwas weckte mich und dann … dann sah ich einen Mann auf mein Bett zukommen. Bevor ich etwas sagen konnte, erschien Tante Kathie.“
Mehr brauchte sie nicht zu erzählen. Er konnte sich lebhaft vorstellen, daß es sich um einen Racheakt von Kathie Claydon handelte, deren haßerfüllter Blick auf Esme Meldrum ihm nicht entgangen war.
Sein Versuch, sie von ihren Rachegedanken abzubringen, indem er ihr Komplimente machte und sie ablenkte, war offenbar gescheitert.
Forellas Schilderung machte ihm deutlich, weshalb der Graf im falschen Zimmer gelandet war und daß Kathie wie die Katze vor dem Mauseloch auf ihren Auftritt gelauert hatte.
„Wie kann ich einen Mann heiraten, mit dem ich noch kein Wort gewechselt habe?“ hörte er Forella verzweifelt fragen. „Deshalb blieb mir kein anderer Ausweg, als davonzulaufen.“
„Ich verstehe Ihre Gefühle“, sagte der Prinz bewegt.
„Wirklich? Können Sie das wirklich verstehen?“
„Natürlich“, erwiderte er. „Aber wohin wollten Sie fliehen?“
Sie hob hilflos die Hände. „Ich bin erst seit zwei Wochen in England“, sagte sie stockend, „und hoffte, irgendwo ein Versteck zu finden, wo ich vor Tante Kathie sicher war, bis … bis die Sache in Vergessenheit geraten war.“
„Haben Sie denn Geld bei sich?“
„Ein wenig.“ Beinahe trotzig fügte sie hinzu: „Fast fünf Pfund.“
„Glauben Sie, das würde ausreichen, um Sie vor dem Hungertod zu bewahren?“
„Ich … ich hätte mir eine Beschäftigung gesucht“, erwiderte Forella eigensinnig.
„Welcher Art?“
„Darüber habe ich bereits nachgedacht“, erwiderte sie. „Ich kann kochen, weiß aber, daß mich niemand ohne Zeugnisse einstellen würde. Aber ich kann Unterricht in Fremdsprachen geben, denn ich spreche viele Sprachen, einschließlich Arabisch.“
Der Prinz war beeindruckt. „Wo haben Sie das gelernt?“
„Auf Reisen mit meinem Vater. Wir haben viele fremde Länder kennengelernt und uns immer bemüht, uns mit den Eingeborenen zu unterhalten.“
„Ich fürchte, ich weiß sehr wenig über Sie“, stellte der Prinz fest. „Erzählen Sie mir mehr über sich und Ihre Eltern, die, wie ich Ihren Worten entnommen habe, offenbar nicht mehr unter den Lebenden weilen.“
„Mein Vater ist Ende Februar in Neapel an Typhus gestorben.“
Seine Miene schien zu verraten, daß er sich darüber wunderte, sie nicht in Trauerkleidung zu sehen, und sie fügte erklärend hinzu: „Papa wollte nicht, daß jemand um ihn trauert, denn er … er glaubte nicht an den Tod.“ Sie hielt inne und fuhr dann fort: „Im Fernen Osten, wo wir uns die meiste Zeit aufhielten, glaubt man an die Wiedergeburt. Weil Mama und Papa sich so sehr geliebt haben, war er fest davon überzeugt, daß sie sich in einem anderen Leben wiedersehen würden. Er sagte, Liebe sei unsterblich und unzerstörbar.“
Sie sagte das völlig natürlich und ohne sich zu zieren, wie andere Frauen es bei einer so intimen Aussage getan hätten.
„Nachdem Ihr Vater gestorben war, kehrten Sie also nach England zurück?“
„Ich wollte Onkel George nicht schreiben“, sagte Forella. „Unser alter Diener hat es getan, weil er es für das einzig Richtige hielt,“
„Womit er zweifellos recht hatte“, stellte der Prinz fest.
„Ich wollte nicht ein solches Leben führen, über das Papa sich immer lustig gemacht hat. Die sogenannte feine Gesellschaft fand er lächerlich. Diese Leute hätten nichts anderes zu tun, als sich gegenseitig an Titeln und Reichtum überbieten zu wollen, und sie vergeudeten ihre Zeit mit Glücksspiel, Zänkereien und Klatsch.“
Sie sagte das so drollig, daß der Prinz lachen mußte.
„Ihr Vater hatte sicher recht. Allerdings gibt es für eine junge Dame wie Sie wenig andere Möglichkeiten.“
„Ich habe keine Lust, eine Junge Dame4 zu werden“, sagte Forella verdrossen. „Ich möchte so weiterleben wie mit meinem Papa, obwohl das ohne ihn schwierig sein dürfte.“
„Wie gestaltete sich denn Ihr Leben zusammen mit Ihrem Vater?“
Sie lächelte nachsichtig, als werde er sich noch wundern, was sie ihm zu erzählen hatte.
„Ich bin in einem Beduinenzelt geboren“, antwortete sie. „Ich habe versucht, die Quelle des Ganges zu finden und die mittleren Berge des Himalaya zu besteigen. Ich war mit den Kopfjägern in Sarawak zusammen und habe bei afrikanischen Stämmen als Gast geweilt, deren Lieblingsspeise »gesottene Christen* waren.“
Ungläubig starrte der Prinz sie an, und sie lachte über seinen Gesichtsausdruck. Es klang so natürlich und frisch wie das spontane Gelächter eines Kindes.
„Sie haben mich danach gefragt“, betonte sie, bevor er sich äußern konnte, „niemand zwingt Sie, mir zu glauben.“
„Ich würde sicher erkennen, wenn Sie lügen“, erwiderte der Prinz.
„Was macht Sie so sicher?“
„Ich habe einen Instinkt dafür. So unglaublich das, was Sie erzählen, auch klingen mag, ich spüre, daß Sie die Wahrheit sagen.“
„Dann werden Sie sicher auch verstehen, daß ich mein Leben nicht mit Menschen verbringen möchte, die nur übel über Freunde reden, die nicht anwesend sind.“
Es zuckte verräterisch um die Mundwinkel des Prinzen. „Ein vernichtendes Urteil“, stellte er dann fest.
„Außerdem“, fuhr Forella ernst fort, „hasse ich es, den ganzen Tag über in überheizten, stickigen Räumen zu verbringen, Kleider anzuprobieren und regelmäßig Mahlzeiten einzunehmen.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Haben Sie eine Ahnung“, fuhr sie dann fort, „wieviel Leute wie Onkel George und Tante Kathie tagsüber in sich hineinstopfen? Wenn man das alles in einen Eimer füllte, könnten in Indien Dutzende hungernder Kinder davon satt werden.“ In leidenschaftlichem Ton stieß sie ihre Anklage hervor.
„Ich kann verstehen“, sagte der Prinz begütigend, „daß Ihnen das alles einen ziemlichen Schock versetzt hat. Trotzdem ist nicht alles bei uns so verwerflich und schlecht, wie Sie es darstellen.“
Forella zuckte die Achseln, als sei ihr das ziemlich gleichgültig.
„Seit ich in England angekommen bin, hatte ich nur einen Gedanken: weg von hier“, gestand sie. „Jetzt muß ich weg. Das werden Sie doch verstehen!“
„Sie könnten sich nicht mit dem Gedanken vertraut machen, die Gattin des Grafen zu werden und damit eine angesehene Stellung in der Gesellschaft einzunehmen, um die jede andere junge Frau Sie beneiden würde?“
„Das hat Onkel George mich auch gefragt. Meine Antwort lautet: nein! Wie könnte ich einen Mann heiraten, den ich nicht liebe und der zudem eine andere liebt?“
In diesem Punkt mochte der Prinz ihr nicht widersprechen.
„Der ganze Plan, mich zu verheiraten, nur damit Tante Kathie mich los wird, ist entwürdigend und schändlich“, fuhr Forella erregt fort. „Auf keinen Fall möchte ich eine Stellung in der Gesellschaft haben oder mich wie eine Marionette bewegen, deren Fäden man zieht. Ich will frei sein und ich selbst bleiben.“
„Sind Sie sicher, daß Ihnen das in der Umgebung, in der Ihr Onkel und Ihre Tante leben, unmöglich sein würde?“
Der Prinz fragte sie das in ernstem Ton. Statt aufzubrausen und ihn verächtlich anzufunkeln, überraschte Forella ihn mit gedankenvollem Nachdenken, bevor sie antwortete:
„Über diese Frage haben Papa und ich oft stundenlang diskutiert. Man kann sich überall in der Welt treu bleiben, meine ich, solange man nicht zu Dingen gezwungen wird, die man als falsch erkannt hat.“ Wieder schwieg sie nachdenklich.
„Papa sagte immer, der Sinn des Lebens bestünde darin, sich selbst weiterzuentwickeln“, sagte sie dann. „Er und Mama waren so unbeschreiblich glücklich miteinander, daß sie über Unannehmlichkeiten, die sie zu erleiden hatten, zu lachen pflegten und jeden Tag etwas Neues für sich entdeckten.“
„Worauf kam es ihnen vor allem an?“ fragte der Prinz.
„Darauf, daß ihre Seele Nahrung hatte, glaube ich“, gab sie in ihrer schlichten Art zurück, die frei war von irgendwelchem gezierten Gehabe.
Bevor er etwas erwidern konnte, ging die Tür auf, und Mrs. Hickson kam mit einem vollbeladenen Tablett herein.
„Papa hat mir immer vorgeschwärmt, wie köstlich frische englische Landeier und gebratener Speck zum Frühstück schmecken“, erinnerte sich Forella, während sie kräftig zulangte. „Jetzt weiß ich, was er damit meinte.“ Sie bestrich sich ein weiteres Stück von dem ofenwarmen Landbrot mit goldgelber Butter und biß genüßlich hinein.
Er schenkte sich noch eine Tasse Tee ein, bevor er zur Sache kam.
„Wir sollten uns nun mit der wichtigen Frage befassen, Forella, was Sie zu tun gedenken.“
„Sie haben mir bereits beigepflichtet, daß ich weg muß“, sagte sie hastig.
„Ich sagte, ich verstehe Ihre Beweggründe.“
„Und Sie werden mich nicht zurückhalten?“
„Eigentlich sollte ich das wohl tun.“
Sie hörte sofort auf zu essen und sagte in enttäuschtem Ton: „Sie werden doch nicht das Vertrauen, das ich in Sie gesetzt habe, mißbrauchen?“
„Keineswegs“, betonte er. „Trotzdem sollten Sie einsehen, daß Ihr Vorhaben unmöglich ist.“
„Ich schaffe es schon irgendwie, und Sie haben kein Recht, mich daran zu hindern.“
„Diese Absicht habe ich nicht. Dennoch kann ich die Schwierigkeiten, die auf Sie zukämen, besser abschätzen als Sie.“
„Ich habe schon ganz andere Schwierigkeiten gemeistert.“
„Aber nicht allein!“
Der Wahrheit dieser Bemerkung konnte sie sich nicht verschließen.
„Eine Frau, die allein durch die Gegend reist“, fuhr er fort, „ist unzähligen Gefahren ausgesetzt. Es würde nicht lange dauern, und man würde Ihnen György stehlen. Sie würden ohne Geld dastehen und keine Bleibe haben.“
„Warum sollte mir das passieren?“ fragte Forella in feindseligem Ton.
„Weil die Verhältnisse in England so sind“, gab der Prinz trocken zurück.
„Je eher ich dieses Land verlassen kann, desto besser“, sagte Forella entschlossen. „Im Ausland könnte ich besser und unbehelligter leben als hier.“
„Ich habe einen besseren Vorschlag. Die Verwandten Ihres Vaters können Sie nicht um Hilfe bitten, das ist klar, aber sicher hat Ihre Mutter Angehörige, an die Sie sich wenden können.“
„Meine Mutter war keine Engländerin“, stieß Forella trotzig hervor.
Zu ihrer Überraschung schien der Prinz darüber hocherfreut zu sein.
„Ich hatte recht, als ich feststellte, daß etwas Besonderes an Ihnen ist“, rief er lebhaft aus. „Wenn ich mich nicht völlig irre, dann war Ihre Mutter Ungarin, nicht wahr?“
„Wie kommen Sie darauf?“
„Weil niemand so verwegen reiten kann wie Sie, wenn er nicht ungarisches Blut in den Adern hat. Außerdem gab Ihr Gesicht mir einige Rätsel auf, die jetzt gelöst sind.“
„Ja, Mama war Ungarin“, gab Forella zu, „aber Tante Kathie hat mir eingeschärft, das niemandem zu sagen, weil sich sonst für mich kein Mann zum Heiraten fände.“
Der Prinz warf den Kopf in den Nacken und lachte schallend. „So etwas Lächerliches habe ich noch nie gehört. Vermutlich wissen Sie, daß ich Ungar bin?“
„Ja, natürlich.“
„Warum haben Sie mir dann nichts von Ihrer Mutter erzählt?“
„Ich konnte mir nicht vorstellen, daß es Sie interessierte.“
„Und ob es mich interessiert! Wie war Ihr Mädchenname?“
„Rákózi. Vermutlich haben Sie noch nie von ihrer Familie gehört. Sie stammt aus Ostungarn.“
„Natürlich kenne ich den Namen“, erklärte der Prinz. „Er gehört einer berühmten ungarischen Familie, deren Besitz zufällig an meine Güter angrenzt.“
„Mama ist mit Papa davongelaufen. Die Rákózi würden mich sicher nicht gerade mit offenen Armen aufnehmen.“
„Das bezweifle ich“, entgegnete der Prinz. „Trotzdem würde es zuviel Zeit in Anspruch nehmen, sie ausfindig zu machen und ihre Einstellung zu Ihnen in Erfahrung zu bringen. Deshalb habe ich einen völlig anderen Vorschlag.“
„Wie lautet er?“ Forella warf ihm einen mißtrauischen Blick zu, als fürchte sie noch immer, er werde sie an der geplanten Flucht hindern.
Er vermochte ihre Gedanken zu lesen und wußte, daß sie die erstbeste Gelegenheit nutzen würde, um heimlich György aus dem Stall zu holen und sich davonzumachen. Ihre klaren, ausdrucksvollen Augen verrieten ihm, was sie bewegte.
..Wir haben beide ungarisches Blut in den Adern, Forella“, sagte er ruhig. „Das verpflichtet mich noch stärker als zuvor, Ihnen zu helfen. Schließlich bin ich Ihr Landsmann.“
„Sie … Sie wollen mir wirklich helfen?“ Sie war sich immer noch nicht sicher, ob sie ihm vertrauen konnte, aber in ihren Augen glomm ein Hoffnungsschimmer auf. der vorher nicht dagewesen war.
„Mir ist klargeworden“, sagte der Prinz langsam, „daß es Ihnen bei Ihrer Lebenseinstellung unmöglich ist, den Grafen Sherburn zu heiraten, auch wenn Ihnen das eine glänzende gesellschaftliche Stellung einbrächte.“
„Aber … er liebt doch Lady Esme“, wandte Forella ein.
Für das, was der Graf für Lady Meldrum empfand, gab es ein passenderes Wort, stellte der Prinz bei sich fest, aber Forella war trotz der weiten Reisen und vielfältigen Erlebnisse, die sie schon gehabt hatte, im Grunde ihres Herzens zu unschuldig, um das zu erkennen.
„Sie würden auf jeden Fall unglücklich werden, ließen Sie sich zu dieser Heirat zwingen“, sagte er, „und ich möchte verhindern, daß Ihre Gefühle verletzt werden. Deshalb schlage ich Ihnen einen Ausweg vor, der Sie einer Flucht ins Ausland enthebt.“
„Wenn Sie glauben, ich würde versuchen, Tante Kathie von ihrem Vorhaben abzubringen, so täuschen Sie sich“, warf Forella hastig ein. „Sie würde mir überhaupt nicht zuhören. Ihr Sinnen und Trachten ist nur darauf ausgerichtet, mich schnellstens loszuwerden. Außerdem habe ich irgendwie das Gefühl, daß sie sich für irgend etwas an dem Grafen rächen möchte.“
„Haben Sie das selbst erkannt oder hat Sie jemand darauf aufmerksam gemacht?“
„Ich schloß das aus der Art, wie sie vergangene Nacht redete und mich ansah“, erwiderte Forella. „Ich bin sicher, daß sie nicht nur wegen seines Eindringens in mein Schlafzimmer wütend auf ihn war.“
Da sie ungarischer Abstammung war wie er, wunderte es den Prinzen nicht mehr, daß ihr Instinkt ebenso stark ausgeprägt war wie seiner.
„Mein Vorschlag lautet, daß Sie in einem Haus Unterschlupf suchen, das etwa fünf Meilen von hier entfernt landeinwärts liegt und mir gehört.“
„Ein Haus?“ fragte Forella verwundert.
„Eine Verwandte von mir wohnt darin“, erklärte der Prinz. „Sie ist gehbehindert und lebt seit fünf Jahren dort, seit sie aus Ungarn nach England kam.“
„Sie ist Ungarin?“
„Sie ist eine Verwandte von mir.“
„Und ich könnte bei ihr wohnen?“
„Sie wäre bestimmt entzückt, wenn sie Gesellschaft bekäme. Ihr Englisch ist nicht sehr gut, und vom gesellschaftlichen Leben in diesem Lande, das Sie so abstoßend finden, weiß sie so gut wie nichts. Sie ist jedoch außerordentlich intelligent, und ich glaube, Sie beide würden prächtig zueinander passen.“
Forella starrte ihn ungläubig an.
„Sie bieten mir Unterschlupf in einem Ihrer Häuser an und werden Onkel George und Tante Kathie nichts verraten?“ fragte sie fassungslos.
„Ich gebe Ihnen mein Wort, daß niemand Ihr Versteck erfährt und ich unsere Begegnung heute morgen mit keinem Wort erwähne. Vielmehr werde ich höchst erstaunt sein, wenn ich von Ihrem Verschwinden erfahre.“
„Aber der Stallbursche! Er wird überall erzählen, daß ich mit György weggeritten bin!“
„Überlassen Sie das getrost mir“, sagte der Prinz. „Ich werde mir eine plausible Erklärung einfallen lassen, etwa, daß György reiterlos umhergetrabt sei, und ich ihn einem Freund in Pflege gegeben hätte.“ Mit leisem Lächeln fügte er hinzu: „Sicher hätten Sie ihn in Ledbury Manor gern um sich, nicht wahr?“
„Ist das der Name des Landhauses, in dem ich wohnen werde?“
Der Prinz nickte.
Forella faltete die Hände. „Sie sind so freundlich und … so verständnisvoll“, stammelte sie. „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.“
„Wie ich bereits sagte“, erwiderte der Prinz, „pflegen wir Ungarn uns stets gegenseitig zu helfen, wenn Not am Manne ist.“
„Ich danke Ihnen von ganzem Herzen.“
Der Prinz warf einen Blick auf seine Taschenuhr. „Da es einige Zeit dauern wird, bis wir Ledbury Manor erreichen“, überlegte er, „sollten wir sofort aufbrechen. Ich möchte zum Frühstück auf dem Schloß sein, um mich an dem Tumult zu weiden, den Ihr Verschwinden auslösen wird.“
„Eine Person wird darüber ganz sicher entzückt sein“, sagte Forella spöttisch. „Graf Sherburn wird mir bestimmt keine Träne nachweinen.“
Der Prinz pflichtete ihr lachend bei. „Osmond Sherburn hat immer wieder betont, daß er niemals heiraten werde.“
„Er wird froh sein, und Tante Kathie wird sich vor Wut nicht fassen können.“
„Jedenfalls wird meine Cousine gut auf Sie aufpassen“, versprach der Prinz. „Ihr Name ist übrigens Prinzessin Maria Dábas.“
Forella schenkte ihm ein reizendes Lächeln. „Fast kommt es mir wie Schicksal vor, daß Mama ihre Heimat einst verlassen hat, um Papa zu folgen, und ich jetzt von einem Ungarn davor bewahrt werde, die Hölle auf Erden zu erleben.“
„Das Schicksal spielt in unserem Leben eine entscheidende Rolle, Forella“, sagte der Prinz überzeugt.
„Das ist wahr“, gab sie zurück, „und ich sollte an mein Karma glauben, statt mich zu fürchten, und mich schämen, daß ich so verzagt war.“
„Das ist doch verständlich“, erwiderte der Prinz. „Und jetzt dürfen Sie mir noch einmal zeigen, wie gut Sie mit György zurechtkommen.“
Er erhob sich und nahm sie bei der Hand wie ein kleines Kind, wobei er sich über sämtliche gesellschaftliche Konventionen hinwegsetzte.
Sein Instinkt und sein ungarisches Einfühlungsvermögen verrieten ihm jedoch, daß er richtig handelte und gar nicht anders konnte, als seiner Eingebung zu folgen.