28

Die Decke ist immer noch hoch genug, um aufrecht zu gehen, aber der Tunnel ist beträchtlich schmaler geworden. Die Wände sind teilweise mit orangefarbenem Styropor verkleidet.

»Kann der Gnom irgendwoher wissen, dass wir die Tunnel benutzen?«

, fragt Wildgirl.

»Ich glaube nicht.«

Während wir auf dem Dach waren, könnte er unsere Spur bis hierher verfolgt haben, aber das kommt mir unwahrscheinlich vor.

»Blake hat gesagt, er kann gut klettern.« Wildgirl klingt besorgt. »Ich stell mir die ganze Zeit vor, wie ich mich umdrehe und er plötzlich an der Decke krabbelt wie eine Spinne.«

Das ist ja ein beruhigendes Bild. Ich bleibe stehen und schaue sie prüfend an. In der Dunkelheit kann man so leicht in Panik geraten. Es ist wichtig, dass man die paranoiden Gedanken im Griff hat. »Bestimmt hat er sich auf die Suche nach den übrigen Sechs-Siebenern gemacht«, sage ich. »Der hat bei Doktor Gregory ordentlich gepunktet, indem er uns nach Orphanville gelockt hat. Das dürfte reichen. Jetzt lässt er uns in Frieden.«

Jedenfalls für heute Nacht, denke ich, aber ich spreche es nicht aus.

Wir haben das Gitter wieder über die Öffnung geschoben und es mit dem Seil, das ich im Rucksack hatte, an einigen Rohren festgebunden. Es gibt natürlich noch den Eingang im Keller von Nummer Sieben und weitere Eingänge in den anderen Häusern, aber die Akustik hier unten ist so gut, dass wir rechtzeitig gewarnt würden. Bisher gab es keine Hindernisse und wir sind gut vorangekommen.

»War das der Sinn der Sache? Uns nach Orphanville zu locken?«

Ich halte den Arm an einer niedrigen Stelle unter die Decke, während Wildgirl vorbeigeht. Sie hat etwas Blaues, Glitzerndes wie einen Turban um den Kopf gewickelt. Keine andere könnte so rumlaufen. Sie sieht wunderschön aus.

»Ich weiß nicht, was ich denken soll.«

Doktor Gregory hat seine Forschungen betrieben. Ich war seine Zielscheibe und er dachte, er wüsste, wie er mich kriegt.

»Wir sind ihnen direkt in die Falle gegangen.«

»Ja. Sie wussten, dass ich das Feuerzeug nicht kampflos aufgebe.« Dabei hätte ich es fast getan. Ohne Wildgirl hätte ich es vielleicht aufgegeben. Ich bin ein größerer Feigling, als sie dachten. »Vielleicht haben sie nicht geglaubt, dass ich heute Nacht was unternehme, sondern …«

»Warum haben sie nicht einfach die Karte verlangt? Dann hätte ich sie ihnen gegeben. Wozu das ganze Theater?«

»Ich glaube, die Karte hat damit gar nichts zu tun. Die Kidds haben dich nur im Little Death damit gesehen – nachdem sie mir das Feuerzeug geklaut hatten. Als sie uns abgezogen haben, wussten sie ja noch nichts davon.«

»Wieso dann?«

Ich seufze. Doktor Gregory weiß zu viel über mich. Wie er dastand und sich die Haare zurückstrich, während ich abgehauen bin … Anscheinend hat es ihm nicht so viel ausgemacht, mich laufen zu lassen. Er sah aus wie ein Mann, der weiß, dass seine Zeit kommen wird.

»Ich glaube, er will mich einsammeln wie ein Präparat in einem Glas«, sage ich schließlich, obwohl es bestimmt komplizierter ist. Irgendwie hat Doktor Gregory das bekommen, was er wollte, obwohl ich mit dem Feuerzeug abhauen konnte.

»Wenn es ihnen sowieso scheißegal ist, hätten sie mir die Karte doch auch lassen können.«

»Damit du rumläufst und ihr Geld ausgibst? Wohl kaum.«

Der Tunnel wird wieder breiter und führt nach rechts. Bis jetzt gab es noch keine Kreuzung. Erst dann wird es schwierig.

»Wart mal, Wolfie!« Wildgirl bleibt stehen und schaut direkt nach oben. »Hast du das gesehen?«

Ich gehe zu ihr und folge ihrem Blick. Da ist eine verriegelte Öffnung, durch die frische Luft hereinströmt. Der Nachthimmel ist zu sehen. Ich stütze mich mit den Armen an den Wänden ab, dann steige ich auf zwei Rohre, sodass ich der Decke näher komme. Mehr erkennen kann ich so auch nicht, aber ich rieche die frische Luft. Über der Erde ist es still.

»Meinst du, wir kriegen das Gitter ab?«

, fragt Wildgirl. Ich fahre mit den Fingern um die Ränder des Lochs. Es fühlt sich so an, als wären die Stäbe einzementiert.

»Nein. Aber gut zu wissen, dass wir knapp unter der Erde sind. Komm, wir suchen nach einem anderen Ausgang in der Nähe.«

»Sind wir weit genug weg von Orphanville?«

»Ja. Ich hab das Gefühl, dass wir in der Nähe des Ahnenparks sind.«

Wir laufen weiter, durch einen runden Tunnel hindurch.

»Wonach sollen wir suchen?«

»Ich weiß nicht genau«, antworte ich. »Nach noch so einem Gitter oder einer Leiter oder einem Kanalschacht.«

Ich gehe ein paar Schritte zurück und spähe in den Tunnel. Er ist pechschwarz und durchdrungen von feuchter Luft.

»Meinst du, in dieser Richtung ist irgendwas?«

Ich zucke die Achseln. Ich habe so ein Gefühl, mehr nicht.

»Hey«, sagt Wildgirl. »Lass mich mal an deinen Rucksack. Ich hab eine Lampe an meinem Schlüsselbund, das hatte ich ganz vergessen.«

Ich drehe ihr den Rücken zu und sie zieht am Reißverschluss. Jetzt ist es viel heller.

»Gut, dass du den Rucksack gerettet hast. Wenn du meine ganzen Sachen verloren hättest, hätte ich dir einen Arschtritt verpassen müssen.«

Das hätte mir wahrscheinlich nichts ausgemacht, lieber allerdings hätte ich noch einen Kuss. Es ist das erste Mal seit meiner Verwandlung, dass ich jemandem so nah war. Das Küssen war schöner, als ich es in Erinnerung hatte, aber irgendetwas sagt mir, dass ich vorsichtig damit umgehen muss. So habe ich noch nie empfunden.

Das Lämpchen an Wildgirls Schlüsselanhänger hat einen erstaunlich starken Strahl. Während sie durch den Tunnel geht, leuchtet sie mal hierhin, mal dorthin. Nach ein paar Minuten an derselben Stelle ruft sie: »Wolfie, guck dir das hier mal an!«

Sie leuchtet auf die Tunnelwand. Dort befindet sich ein kleiner Raum. An der hinteren Wand des Raums ist eine rostige Wendeltreppe.

Es ist kaum zu erkennen, wohin die Treppe führt, aber weit kann es nicht sein. Wildgirl hält den Schlüsselbund so hoch sie kann, doch die Finsternis verschluckt jegliches Licht. Die Wendeltreppe ist so schmal, das wir hintereinander werden gehen müssen.

»Und wenn die nirgendwo hinführt?«

»Das werden wir ja sehen. Ich geh voran.« Sie nimmt meinen Rucksack und schon bald sehe ich nur noch ihre Beine. Jetzt muss ich im Dunkeln hochgehen.

Ich strecke eine Hand aus, um mich zu orientieren. Die Wände schmiegen sich dicht um die Treppe, als würden wir in einen Schornstein steigen. Ich kann die Arme und Beine nicht richtig strecken und die kleinen Stufen ähneln eher Leitersprossen. Es ist so schwarz, dass ich buchstäblich die Hand nicht vor Augen sehe.

Nach ein paar Metern bin ich verwirrt. Wie kann es so weit hinaufgehen, wo wir doch nur knapp unter der Erde sind?

»Jetzt bin ich ganz oben.« Wildgirls Stimme klingt erstickt.

»Kommen wir da raus?«

Ich höre, wie Wildgirl mit meinem Rucksack hantiert. »Du hast doch einen Schraubenschlüssel da drin, oder?«

»Warum?«

»Es ist abgeschlossen.«

Ich höre ein dumpfes Scheppern, als Wildgirl mit dem Schraubenschlüssel gegen das Schloss schlägt. Sie flucht und schlägt kräftiger. »Ich hab’s!«

Ihre Füße verschwinden. Ich höre sie über mir lachen, doch das Geräusch verflüchtigt sich auf seltsame Weise, als würde sie nach oben fallen.

Erst strömt Luft, dann Mondlicht ins Treppenhaus. Ich sehe ein viereckiges Stück Sternenhimmel über mir, dann falle ich halb, halb krieche ich durch die Öffnung. Der Boden ist weiter entfernt, als ich dachte, und ich stolpere, die Arme schützend über dem Kopf.

Als ich mich beruhigt habe, hockt Wildgirl zu meinen Füßen, lachend zeigt sie auf etwas. Ich schaue mich um.

Wir befinden uns mitten in einem Becken ohne Wasser. Hinter mir ist ein Springbrunnen, der mit Putten und einem Pferd verziert ist. Den Springbrunnen erkenne ich als den im Park, aber ich habe nie bemerkt, dass einen Meter über der Erde seitlich ein Türchen eingelassen ist.

Als Wildgirl sich lange genug über mich lustig gemacht hat, lasse ich sie auf meine Schultern steigen, während ich am steinernen Rand des Beckens stehe. Nur ein paar der Hochhäuser von Orphanville sind über den Bäumen zu sehen, aber es sieht so aus, als wären alle Lichter an. Unsere Streiche sind nicht unbemerkt geblieben.

Vorsichtig lasse ich Wildgirl wieder hinunter. Trotz Jeans und Pulli fängt sie an zu zittern. Mein Atem schwebt in Wölkchen in der Luft. Es ist spät. Kurz vorm Morgengrauen ist die Nacht am kältesten, das gilt selbst hier, wo die Sonne sich nicht über den Park erhebt.

»Was hast du da eigentlich für ein Teil auf dem Kopf?«

Sie nimmt es ab und zeigt es mir. »Es ist eine Jacke. Die lag in der kleinen Kammer. Ich fand sie cool.«

Sie schlingt das Ding wieder um ihren Kopf und knotet die Ärmel hinten zusammen. »Das ist der Disco-Nomadenlook«, erklärt sie. »Der Hit der nächsten Saison, du wirst schon sehen.« Kein Wunder, dass sie sich mit Ortolan so gut verstanden hat. »Wohin jetzt?«

Auf einmal sieht sie verloren aus. Ich frage mich, ob sie an die Kreditkarte denkt, die sie nicht mehr hat.

»Du hast mich doch vorhin gefragt, wo Paul und Thom wohnen.«

»Hm.«

»Das ist ganz in der Nähe. Da könnten wir uns waschen und überlegen, was wir als Nächstes machen.« Ich will noch nicht wieder nach Hause. Ich weiß nicht, was ich dort vorfinden werde. Ob Blake noch da ist. Oder ob jemand anders auf mich wartet.

Wir gehen einen der vielen Wege entlang, die strahlenförmig von dem Brunnen wegführen. Ich habe den Arm um ihre Schultern gelegt, sie umfasst meine Taille. Ich führe uns über die Eichenwiese, jetzt eher Matsch als Wiese. Ich überlege, wie lange wir wohl in Orphanville waren. In der Stadt muss es schon bald dämmern. Diese Nacht dauert nicht ewig, nicht für uns. Am besten ist es für Wildgirl, wenn ich sie wohlbehalten nach Hause bringe, obwohl ich es schön fände, wenn sie bleiben könnte. Jetzt fallen mir tausend Sachen ein, die ich ihr gern zeigen würde. Hätten Doktor Gregory und die Kidds uns nicht aufgelauert, hätte ich das auch tun können. Ich würde sie gern fragen, ob wir uns noch mal treffen, aber ich weiß nicht, wie.

»Hey.« Wildgirl bleibt stehen. »Guck mal.«

Es dauert ein paar Sekunden, bis ich sehe, was sie meint. Überall um uns herum hocken braune Fellknäuel in Habachtstellung auf der Eichenwiese.

Koboldäffchen.

Sie blicken uns ernst an, als wir mittenhindurch laufen, aber sie bewegen sich nicht.

»Scheint so, als hätten sie ein neues Zuhause gefunden«, sagt Wildgirl. »Ich hätte trotzdem nichts dagegen, so einen als Haustier zu haben.«

»Wie würdest du ihn nennen?«

»Vielleicht Snoopy. Oder Gerald.«

Hinter der Wiese überqueren wir die Hauptstraße. Auf der anderen Seite ist ein Steinhäuschen mit weißen Fensterläden, einem Schornstein und einer Holztür. Ich klopfe mit der Faust an die Tür, aber nichts regt sich.