24

Als wir vom Dach kommen, ist der Aufzug noch da. Ohne Zwischenhalt saust er runter bis in den Keller von Nummer sieben. Die Tür öffnet sich in einen kalten, dunklen Flur.

Ich frage Wildgirl gar nicht erst, wo wir hinwollen. Sie ist abgedreht, das ist klar, aber ich bin bereit, ihr zu vertrauen. Kein Mensch, den ich kenne, hätte sich in der Situation im Aufzug vorhin so herausreden können wie sie. Und Orphanville von oben zu sehen, war tatsächlich hilfreich.

Wildgirl geht links herum; sie lässt die Finger als Orientierungshilfe an der Wand entlanggleiten. Es muss schwierig für sie sein in dieser Dunkelheit. Ich mache die Augen halb zu, um mir vorzustellen, wie das ist.

Wir nehmen eine kleine Treppe nach unten, wo es noch dunkler ist, und gelangen in einen betonierten Flur, in dem es nach Pisse riecht. Kälte strömt von den Wänden. Auf Fußhöhe scheint an der einen Wand ein schwaches blaues Licht durch ein Metallgitter. An der anderen Wand stehen vier rostige Waschmaschinen, eine davon mit abgebrochenem Deckel. Einen kurzen Augenblick lang halte ich den schwarzen zusammengerollten Schlauch auf dem Boden für eine Schlange. Ich schaue lieber nicht mehr hin, sonst kriege ich noch Kopfschmerzen oder einen Herzinfarkt. Wildgirl inspiziert eine der kaputten Waschmaschinen.

»Fakt eins. Kidds halten nichts vom Wäschewaschen. Noch ein Grund, heute Abend einen großen Bogen um sie zu machen.«

Der einzige Weg aus dieser Sackgasse führt wieder zurück.

»Ich geb’s auf. Wie kommen wir zu sechs?«

Wildgirl zeigt auf das Gitter. Die dicken Metallstäbe sind an einem Holzrahmen befestigt.

»Soll ich die auseinanderbiegen?«

, frage ich. »Es schmeichelt mir ja, dass du mir das zutraust, aber …«

Wildgirl seufzt melodramatisch, tritt links und rechts fest gegen das Gitter, dann kniet sie sich davor und nimmt es heraus. Es geht ganz leicht ab, in einem Stück. Grinsend hält sie es hoch und lehnt es dann an die Wand. »Mein Herr, für Ihre sichere Reise nach Nummer sechs ist gesorgt.«

Ich spähe in das dunkle Rechteck hinein. »Was ist da unten?«

»Hast du Angst?«

»Ehrlich gesagt, ja. Ich wüsste schon ganz gern, ob wir gleich in … keine Ahnung, ein Zuckerlabor oder ein Säurefass fallen.«

»Das ist ein Service-Tunnel. Alle Gebäude sind durch ein Netz von unterirdischen Tunneln miteinander verbunden. Jedenfalls die älteren. Darauf verwette ich meine Lieblingshandtasche.« Sie schlägt sich an die Stirn. »Ach, Moment mal, die haben wir ja schon weggegeben, oder?«

Ich gehe nicht darauf ein. Ich werde ihr die Handtasche irgendwann ersetzen, wenn ich kann. Vielleicht kann Sebastien mir helfen.

»Also kommen wir von hier aus in den Keller von Nummer sechs?«

»So ist es gedacht. Ninjamäßig.« Sie kniet sich vor die Öffnung und steckt den Kopf hinein. Ich wende den Blick ab. Spannen ist jetzt nicht angesagt.

»Die Luft ist rein. Kann’s losgehen?«

Ich geh mal davon aus.

»Ich zuerst. Es ist nicht sehr tief.«

Sie steigt mit den Füßen zuerst hinein und schiebt sich hinunter, bis sie auf dem Bauch liegt.

»Und los.« Sie lässt sich fallen. Ich höre ihre Stiefel über den Boden scharren und einen dissonanten Klang der Ukulele.

»Alles okay?«

, rufe ich. Das Letzte, was wir jetzt gebrauchen können, ist ein verstauchter Knöchel oder ein gebrochenes Bein.

»Ja.« Ihre Stimme hat einen fernen Hall, obwohl sie nur wenige Meter entfernt sein kann.

Ich schicke zuerst meinen Rucksack durch die Öffnung. Zwei Hände kommen aus dem Nichts und ziehen ihn hinein. Ich warte einige Sekunden, dann schiebe ich mich hindurch. Für mich ist es viel enger.

Mit den Händen halte ich mich noch an der Kante fest, als ich schon festen Boden unter den Füßen spüre. Der Service-Tunnel ist nur ein paar Meter breit, die Wände sind rau und die Decke ist niedrig. Dicke Metallrohre verlaufen an der rechten Seite des Tunnels. Über uns sind dünnere Rohre und Bündel von Kabeln. Alle fünf Meter wird die Dunkelheit von einer Lichtleiste durchbrochen. Die Luft ist abgestanden, aber überraschend warm.

»Und das macht ihr in Plexus zum Spaß? Durch die Kanalisation krabbeln?«

Wildgirl gibt mir den Rucksack zurück. »Hier unten gibt es kein Abwasser. Es sind vor allem Heizrohre und Stromkabel. Ich war zu Hause nur ein paar Mal in den Tunneln, aber mein Freund ist andauernd da durch. Er konnte sich von einer Seite von Plexus zur anderen bewegen, ohne Tageslicht zu sehen.«

Sie nennt keinen Namen, aber ich weiß, dass sie den Freund meint, den sie vorhin schon mal erwähnt hat, Mike.

Der Tunnel gabelt sich in zwei identische Tunnel.

»Wir verlaufen uns doch nicht hier unten?«

Ich drehe mich zu der Öffnung um. Zur Not könnte ich Wildgirl hochheben und mich dann hindurchziehen.

»Nee.« Das klingt entschlossen. »Sechs ist hundertprozentig da drüben. Der andere Tunnel muss zu Nummer vier führen. Die Tunnel in den Plexus-Bauten sind schachbrettartig angelegt. Es gibt keinen Grund, weshalb es bei diesen hier anders sein sollte.«

Als wir in den linken Tunnel einbiegen, muss ich mich ducken. Die Rohre sind alt und verdreckt. Sie verströmen fusselige Hitze und ächzen wie schnarchende Babys. Hin und wieder wird die Monotonie durch ein Rad, einen Hebel oder ein Warnschild unterbrochen. Unsere Schritte knirschen auf dem trockenen Betonboden.

Ich rücke den Rucksack so zurecht, dass sich das Gewicht gleichmäßig auf meinen Schultern verteilt. »Ich frage mich, ob die Tunnel hier wohl mit den alten U-Bahn-Tunneln beim Little Death verbunden sind.«

»Kann schon sein.«

»Wir sollten Markierungen hinterlassen für den Fall, dass wir uns verirren und umkehren müssen.«

Darauf sagt sie nichts. Die Akustik hier drin ist gut. Es kommt mir so vor, als würde ich flüstern, aber meine Stimme ist laut. Wenn man es schaffen würde, eine Stromleitung anzuzapfen, könnte man hier unten super Aufnahmen machen. Wir kommen an einem Einstiegsloch vorbei, unter dem eine Metallleiter an der Wand befestigt ist.

Hoffentlich ist das Ganze nicht bloß Zeitverschwendung. Wenigstens ist das hier unten ein gutes Versteck und Wildgirl scheint sich zurechtzufinden. Vielleicht sind viele städtische Gebäude aus Kostengründen nach dem gleichen Plan gebaut.

»Gefällt es dir da, wo du wohnst?«

, frage ich.

»Es ist ein Loch«, sagt Wildgirl, ohne sich umzudrehen. »Unsere Wohnung ist winzig, ungefähr so groß wie dein Wohnzimmer. Um uns herum wohnen zig andere Leute in exakt der gleichen Wohnung. Alle übereinandergestapelt. Wir haben ein eigenes Bad und eine Küche, aber den Waschraum, die Mülltonnen und den Parkplatz müssen wir uns mit den anderen teilen. Ich kann es kaum erwarten, da rauszukommen.«

Ach so. Sie geht schneller, und ich muss mich beeilen, mit ihr Schritt zu halten. Ihre Stimme klingt merkwürdig, vielleicht wegen der Akustik hier.

»Und deine Schule?«

, frage ich.

»Ich hab ein Stipendium für eine Privatschule. Das begabte Unterschichtenkind, wie es in jeder Schule eins gibt. Die Mädchen in meiner Schule haben mindestens zehn Jeans pro Nase und dreimal so viele Paar Schuhe, während ich immer noch in derselben Uniform rumlaufe wie am Anfang. Sie denken, ich trage mein Schulkleid gern kurz.«

Sie lacht, aber es ist kein leichtes Lachen. Sie muss mich hassen, seit sie mein Haus gesehen hat. Zwar halte ich es nicht so in Ordnung wie Mum früher, aber trotzdem. Bestimmt sieht man, dass wir Geld haben – oder besser hatten. Aber so was sollte keine Rolle spielen, oder? Muss ich mich jetzt dafür entschuldigen, dass meine Eltern wohlhabend sind?

Da hallt ein dumpfer Schlag durch den Tunnel. Ich zucke zusammen und knalle vor Schreck gegen ein Rohr. Ein lautes Zischen ertönt und ein paar Meter vor uns steigt eine Dampfwolke hoch. Am ganzen Körper stellen sich mir die Haare auf.

Als sich der Dampf wieder lichtet, sehe ich Wildgirl, die grinsend und mit verschränkten Armen auf mich wartet.

»Das machen die Rohre manchmal«, erklärt sie.

Ich klopfe mir den Staub ab und gehe zu ihr. In meinem Körper kribbelt es vor überflüssigem Adrenalin. Jetzt ist würdevolles Auftreten angesagt. Mit affigem britischem Akzent sage ich: »Dort, wo ich herkomme, sind die Leitungen aus purem Gold. Vater sagt, ich bekomme vielleicht eine zu meinem Geburtstag.«

Sie lacht und boxt mir gegen die Schulter. Wer sagt, ich könnte nicht schauspielern?

»Houston, wir haben ein Problem.«

Sie hat recht. Ein Tor versperrt uns den Weg. Es fügt sich genau in die unregelmäßigen Strukturen des Tunnels und ist an einer Seite um die Rohre herum gebaut. Das Schloss hat ein altmodisches Schlüsselloch. Ich drücke die Klinke herunter, aber das Tor ist verschlossen. Mit beiden Händen rüttele ich an der Tür. Nichts.

»Also«, sagt Wildgirl, »ich glaub, ich könnte mich durchquetschen.«

Der Abstand zwischen den Gitterstäben beträgt nur knapp fünfzehn Zentimeter. Ich kann meine Zweifel nicht verbergen. »Nicht durch die Stäbe, du Dussel. An der Seite – hier.« Wildgirl steckt einen Arm durch die Lücke, wo das Tor an die Rohre angepasst ist. Zwischen den Rohren und dem Tor ist ein ordentlicher Abstand. Trotzdem …

»Ich glaub nicht, dass du da durchpasst.«

»So dick bin ich nun auch wieder nicht«, sagt sie. »Mann! Du gibst einer Frau wirklich das Gefühl, dass sie etwas Besonderes ist, Jethro

»Ich hab doch gar nicht gesagt …«, setze ich an, dann verstumme ich. Diese Auseinandersetzung kann ich nicht gewinnen. »Ich versuche erst mal das Schloss zu knacken.«

»Nicht nötig«, sagt Wildgirl. Sie zieht ihren Pulli aus – ich korrigiere: meinen Pulli – und schleudert ihn durch die Stäbe. Er landet außer Reichweite auf der anderen Seite. Bei der Ukulele geht sie ein solches Risiko nicht ein. Die lehnt sie sorgfältig an die Wand.

Ihren rechten Arm und die Schulter bekommt sie mit Leichtigkeit hindurch. Ihr Kopf passt so gerade durch die Lücke, dann die Hüften. »Uff«, keucht sie. Dann hat sie es tatsächlich geschafft. Sie zieht den Pulli wieder an, fasst das Gitter mit beiden Händen und macht sich über mich lustig. Ihre Haare stehen wild vom Kopf ab. »Na komm schon, Superman.«

Gram hat das immer mit mir gemacht: Er bat mich, das Eingangstor zu schließen, während er im Auto wartete. Wenn ich dann die Beifahrertür aufmachen wollte, um einzusteigen, fuhr er immer einen ganz kleinen Satz vor, gerade so viel, dass ich nicht reinkonnte. Dieselbe blöde Masche.

»Ich warte.«

»Da passe ich auf keinen Fall durch.«

»Dann kannst du froh sein, dass du mich hast.« Wildgirl beugt sich hinunter und betrachtet die Klinke und das Schlüsselloch. »Sie ist von dieser Seite blockiert. Jemand hat ein Stück Pappe oder so reingesteckt. Kannst du mir mein Schminktäschchen geben? Das ist in der Vordertasche deines Rucksacks.«

Ich finde eine zebragestreifte Kosmetiktasche und reiche sie ihr durch die Stäbe.

Mit einer Pinzette holt Wildgirl ein Stück Pappe aus dem Schloss, dann kramt sie wieder in ihrem Schminktäschchen. »Voilà.« Sie holt eine Haarnadel heraus und setzt sich im Schneidersitz, die Tasche im Schoß, vor das Schloss. Ich gehe den Gang in die Richtung zurück, aus der wir gekommen sind, und schaue in die Ferne. Nichts. Nur das Klopfen und Ächzen der Rohre.

»Jeden Moment«, sage ich. »Jeden Moment kann ein Schwarm gestörter Kinder durch die Öffnung kommen, aber lass dir nur Zeit.«

Wildgirl blickt nicht von ihrer Tätigkeit auf. Sie biegt die Haarnadel krumm.

»Wie alt ist Ortolans Kind?«

, fragt sie urplötzlich.

Ich blinzele. »Ich weiß nicht. Sie hat es im Ausland bekommen.«

»Und das war nach der Trennung von Gram oder? Und die war wie lange her?«

Ich durchforste mein Gehirn. Alles ist verschwommen. Nichts aus der Zeit damals kommt mir wirklich vor.

»Du hast doch ein Foto von dem Mädchen gesehen.« Ich schaffe es, die Gefühle aus meiner Stimme zu verbannen, aber Wildgirl schaut trotzdem auf. »Was schätzt du?«

»Vielleicht vier oder fünf. Und wie lange ist es her, dass Ortolan und Gram sich getrennt haben?«

»Vielleicht fünf Jahre …« Die Worte sind schwerfällig in meinem Mund. Gedanken schlängeln sich auseinander, glatt und langsam wie Aale.

»Und fast genauso lange habt ihr alle im Dunkeln gelebt.«

Unsere Blicke treffen sich, dann schaut sie wieder nach unten. Sie steckt die Haarnadel in das Schloss, zieht sie wieder heraus und biegt sie erneut zurecht.

Wenn die eigene Freundin von einem anderen schwanger wird, ist man bestimmt ziemlich außer sich. Man muss sich trennen und alle Zukunftspläne lösen sich in Luft auf. In so einer Situation kann es nicht viel geben, für das es sich zu leben lohnt.

Gram war erst neunzehn. Nächstes Jahr bin ich so alt, wie er war, als er starb. Und ein Jahr später werde ich älter sein, als er es je war. Ich dachte immer, er wäre ein Mann und wüsste alles, aber er war kaum erwachsen, als er mit all diesen Problemen fertig werden musste. Ich kann kaum etwas Schwierigeres bewältigen als essen und schlafen.

»Meine Mutter hat mir nie erzählt, wer mein Vater ist«, sagt Wildgirl. »Es könnte jeder sein. Im besten Fall waren sie jung und er hatte Schiss. Meine Mutter hat es nicht gepackt abzutreiben und er hat es nicht gepackt, Vater zu sein. Also ist er abgehauen. Hat sich geweigert, irgendwas mit uns zu tun zu haben. Ich meine, mit mir.«

Wildgirls Arme hängen herab, ihre Schminktasche und das Werkzeug liegen vor ihr auf dem dreckigen Boden. Ihre Augen sind groß und feucht.

»Im schlimmsten Fall«, antworte ich, »hat sie ihn weggeschickt, weil sie nicht wollte, dass er etwas damit zu tun hatte.« Aber ich denke an Ortolan, nicht an Wildgirl, und in Gedanken addiere und subtrahiere ich.

Wildgirls Gesicht ist schmerzverzerrt. Bestimmt sehe ich genauso aus, aber ich wollte nicht gemein sein. Sie kniet vor dem Schloss und pult mit der Haarnadel darin herum. Die Nadel kratzt am Metall, dann höre ich ein Klicken. Wildgirl drückt die Klinke herunter und das Tor bewegt sich.

»Wir wissen es nicht«, sagt sie leise. Quietschend geht das Tor auf und malt dabei einen Bogen in den Dreck. Es klingt wie ein rostiges Jammern.

Ich gehe hindurch. Auf der anderen Seite sieht der Tunnel haargenau so aus wie vorher. Die gleichen Rohre, die gleichen Lampen an der Decke. Ich nehme Wildgirls Hand und halte sie so fest, dass ich den Puls schwach in ihren Fingern spüre. Sie schaut zu mir auf und schenkt mir ein eigenartig dankbares Lächeln.

Mit unseren Worten haben wir einander wehgetan, doch das wollten wir nicht. Die Wahrheit ist schmerzhaft, aber noch schmerzhafter ist es, die Wahrheit nicht zu kennen.