21
Das wird nicht so einfach, zu den anderen Gebäuden zu gelangen. Der Wagen parkt immer noch mit ausgeschalteten Scheinwerfern am Ende des Weges, und wir wissen nicht, ob die Männer und die Kidds noch drin sind. Allein dafür, dass wir den Handel zwischen ihnen beobachten konnten, hat sich der Einbruch gelohnt. Das hat alles etwas zu bedeuten, und ich will herausfinden, was.
»Ein Stück zurück sind wir außer Sichtweite«, flüstert Wildgirl.
Denselben Gedanken hatte ich auch gerade.
Wir gehen so zurück, wie wir gekommen sind, bis der Weg gerade verläuft und das Auto nicht mehr zu sehen ist. Ich zeige auf einen weiteren Schuppen, stoße Wildgirl an und zeichne mit dem Finger einen Weg in die Luft. Der Abstand zwischen sechs und sieben ist nicht sehr groß. Da müssten wir ungesehen hinübergelangen können.
Der Mond steht hoch am Himmel. Die Szene vor uns wirkt flach, als wäre sie mit Öl auf Leinwand gepinselt. Der quadratische Schuppen. Schatten wie mit Kohle gezeichnet. Weiße Schlaglichter vom Mond.
Geduckt laufen wir los. Mein Rucksack hüpft auf und ab. Unsere Schritte knirschen auf dem Weg und tapsen dann durch den Dreck zum Schuppen. Alle anderen Geräusche der Nacht werden verschluckt.
Wir kauern uns hinter den Schuppen. Ich schaue nach Wildgirl. Sie lächelt angespannt zurück. Ich finde, das haben wir gut hingekriegt. Ich hätte nie gedacht, dass sie so ausflippen würde. Meine Arme und Beine prickeln vor Adrenalin. Es ist ein gutes Gefühl. Jetzt werden wir es wirklich tun.
»Bist du bereit?«
Ich berühre Wildgirl an der Schulter. Wir müssen zur Hinterseite von Nummer sieben rennen.
Doch anstatt zu nicken, fasst sie mich am Arm. »Was ist das für ein Geräusch?«
»Was denn?«
»Hör mal.«
Erst ist da nur graue Stille, die zu der grauen Szene vor uns passt, aber dann höre ich es auch: ein leises Schnattern und Rascheln. Der Hauch einer Brise schwebt an uns vorbei und mit ihr ein ganz bestimmter Geruch.
»Ich glaub, es kommt von drinnen.« Ich muss nicht erklären, dass ich das Gebäude meine, an dem wir kauern.
Wildgirl packt meinen Arm fester. Ich zögere, schnuppere die Luft um uns herum. Die Antwort kommt zu mir wie ein Träumer in der Nacht.
»Komm mit«, flüstere ich. Langsam schiebe ich mich vorwärts, sodass Wildgirl ihren Griff lockern muss.
An der Vorderseite des Schuppens befindet sich eine kleine Veranda, und über einer niedrigen Mauer sind zwei Maschendrahttüren. Das Schnattern wird jetzt lauter. Ich spähe über die Mauer durch die Türen, während Wildgirl zögerlich an der Ecke bleibt.
Ich sehe Fellknäuel, die zu zweit oder zu dritt auf niedrigen und höheren Stangen hocken. Ein Ofen an der hinteren Wand glüht in einem schwachen Rot vor sich hin. Die Luft ist erfüllt von dem fauligen Geruch von Exkrementen und Fell.
»Hier ist die Penthouse-Suite!«, sage ich und winke Wildgirl herbei.
Wildgirl kommt zu mir an den Mauervorsprung.
Einige Koboldäffchen blinzeln uns unbeeindruckt an. Die anderen schlafen, einige aneinandergekauert, andere sitzen in den wenigen Ästen. Ich versuche sie zu zählen, aber bei fünfzig gebe ich auf. Wildgirl hält sich an dem Draht fest, ihre Finger schieben sich hindurch.
»Sie sind so winzig. Und so friedlich.«
Von Nahem wirken die Äffchen viel kleiner und zarter. Ich könnte bequem eins auf die Hand nehmen und dann wäre immer noch Platz. Sie sehen nicht so aus, als könnten sie jemandem etwas tun. Ein verschlafenes Äffchen lässt sich auf eine niedrige Stange nah am Gitter plumpsen. Seine Finger haben eine durchscheinende Haut, die Adern darunter sehen aus wie ein Spinnennetz. Die hauchdünnen Ohren schwenken aus wie Satellitenschüsseln.
»Guck mal genau hin«, sage ich. »In ihren Augen spiegelt sich das Licht nicht.«
»Müsste es?«
»Na ja, denk mal an Hunde, Possums oder Katzen. Bei denen leuchten die Augen in der Nacht.«
»Kein Wunder, dass man die Affen im Dunkeln so schlecht sieht.«
Jetzt gehen noch mehr Augen auf, als hätte es sich herumgesprochen, dass glotzende Menschen in der Nähe sind.
»Was glaubst du, wie viele Affen die Kidds haben?«
»Keine Ahnung. Hier sind schon mal jede Menge. Vielleicht setzen sie die Äffchen in Schichten ein und lassen immer ein paar hier, während die anderen ihre Runde machen.«
»Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt.« Wildgirl beobachtet das Koboldäffchen direkt vor uns. Ihr Gesicht hat einen zärtlichen Ausdruck, den ich an ihr bis jetzt nicht wahrgenommen habe. »Ich dachte wohl, sie wären Haustiere. Dass jeder von den Kidds sein eigenes kleines Äffchen hat, das bei ihm auf der Schulter sitzt und in seinem Bett schläft.«
Eine schöne Vorstellung. Aber unrealistisch. »Die Kidds sind manchmal ganz schön fies zu den Tieren. Ich hab schon gesehen, wie sie getreten wurden, durch die Gegend geworfen, angezündet und was weiß ich noch alles«, sage ich. »Aber vielleicht ist es ja keine einseitige Sache. Paul vertritt die Theorie, dass die Koboldäffchen eine eigene Armee bilden, um die Kidds zu stürzen.«
»Paul gefällt mir. Wenn das Ganze hier vorbei ist, können wir uns dann noch mal mit ihm treffen, damit ich alle seine verrückten Theorien hören kann?«
Überrascht blicke ich sie an. Ich glaube, es hat noch nie ein Mädchen freiwillig Zeit mit meinen Freunden verbracht. »Klar. Aber es ist noch lange nicht vorbei, oder?«
Wildgirl untersucht die Türen. Um die Griffe liegt eine dicke Kette mit Vorhängeschloss. Sie rasselt daran. Sofort gehen mehrere Augenpaare auf. Dutzende Äffchen bewegen sich unruhig, setzen sich, bewegen sich dann wieder.
Ich ahne, was Wildgirls großartige Idee ist. »Du willst doch nicht …«, setze ich an.
Sie dreht sich zu mir um. »Es ist nicht abgeschlossen! Die haben hier diese dicke fette Kette mit dem Schloss, und guck mal …« Sie rasselt wieder damit und ich erkenne, dass die Kette nur durch die Türen gesteckt ist und nicht durch den Riegel, mit dem sie verschlossen sind.
»Nein. Nein, das kannst du nicht bringen.«
»Und ob.«
»Dann wissen die Kidds doch, dass jemand sie rausgelassen hat. Und dann wissen sie auch, dass jemand in Orphanville ist.«
»Wenn die Äffchen abhauen, werden die Kidds so sehr damit beschäftigt sein, sie wieder einzufangen, dass sie sich über uns gar keine Gedanken machen. Außerdem … aah!«
Ein Äffchen springt durch das Gehege und knallt gegen die Türen, sodass seine Kulleraugen nur wenige Zentimeter von Wildgirls Gesicht entfernt sind. Sie stolpert rückwärts und landet auf dem Po.
Ich weiß nicht, ob ich lachen oder sie zur Ruhe mahnen soll. Sie schaut mich mit einem Blick an, der Farbe wegätzen könnte, aber auch sie erkennt das Lustige an der Situation.
»Hilfst du mir mal auf oder was?«
Ich ziehe sie hoch. Das Äffchen ist immer noch an die Tür gepresst. Sein Blick ist flehend, es umklammert den Draht. Weitere Äffchen springen hinunter und krabbeln zum Ausgang.
»Ich glaub, der will raus«, sagt Wildgirl. Das Äffchen legt den Kopf schief. »Siehst du? Armer kleiner Kerl.« Sie steckt den Finger hinein, spitzt die Lippen und macht Küssgeräusche. Wer hätte gedacht, dass sie ein Herz für Tiere hat? »Das ist abartig, was sie mit ihnen machen.«
»Willst du deinen Finger loswerden?«
Ich schlage ihre Hand weg.
Dutzende von Koboldäffchen kommen jetzt zum Ausgang und schauen Wildgirl schmachtend an. Sie versammeln sich an der vorderen Wand. Ich könnte schwören, dass einige ihre dürren Händchen flehend ausgestreckt haben.
»Wir müssen ihnen die Freiheit schenken.«
»Und was ist, wenn wir sie rauslassen und sie nicht abhauen, sondern uns angreifen?«
»Sieh sie doch an, eingepfercht und elend. Wir können sie nicht einfach hier eingesperrt lassen, wenn es so wenig Mühe kostet, sie freizulassen.«
Mit bedächtigen Bewegungen, als wollte sie, dass ich sie aufhalte, steckt sie die Hand durch das Gitter und schiebt den Riegel zurück. Die Äffchen machen Platz, damit sie die Tür nach innen öffnen kann.
Eine Sekunde lang ist es still, einen Herzschlag, dann stürmen die Äffchen in einem riesigen Fellknäuel zum Ausgang. Sie schießen durch den kleinen Spalt ins Freie und schwärmen in alle Richtungen aus, über den Parkplatz, die Wände des nächsten Gebäudes hinauf, zum Grenzzaun. Sie sehen aus wie Kugellager, die über das Landschaftsbild in Öl rollen.
»Lauft, ihr Kleinen!« Wildgirl klatscht in die Hände.
Ich ziehe sie weg. Wir könnten jetzt auch mal loslaufen.
Sobald wir bei Nummer sieben ankommen, zeigt sich, dass Wildgirl recht hatte. Das Gebäude sieht tatsächlich anders aus und ist mindestens zehn Jahre älter als die anderen Hochhäuser, die wir bis jetzt gesehen haben. Nummer sieben steht auf stämmigen Füßen in verblichenem Orange, der untere Teil ist ein Labyrinth aus Treppen und Geländer. Wie ein zum Leben erwachtes Bild von Escher. Die glatten Wände der anderen Häuser haben mir besser gefallen. Zwar boten sie weniger Verstecke, aber wenigstens konnten wir genau sehen, was vor uns lag.
Wildgirl scheint solche Bedenken nicht zu haben. Sie übernimmt die Führung und zieht mich mit einer Wollhand weiter. Sie hat die Daumen durch die Löcher im Ärmel des Pullovers gesteckt, so hat sie etwas Ähnliches wie Handschuhe. Dafür, dass sie eben noch vor Angst keinen Schritt weitergehen wollte, ist sie jetzt wieder ganz gut dabei. Das Hochhaus mit dem Feuer obendrauf muss ganz in der Nähe sein, Rauch liegt in der Luft.
Wir gehen eine kleine Treppe hoch und laufen dann links um das Gebäude herum. Die Hauswände bestehen aus zahllosen glitzernden Steinen in Beton. Das ist die falsche Richtung, wir bewegen uns weg von Nummer sechs. Ich durchforste mein Hirn, wie ich es Wildgirl freundlich beibringen könnte.
»Perfekt«, sagt Wildgirl.
»Was?«
»Die Häuser hier sind nach demselben Plan gebaut wie Plexus-Bauten.«
Wir kommen an einem Treppenhaus vorbei, darunter ist ein vergitterter Raum mit Fahrrädern. Plexus-Bauten? Ich gucke wohl verständnislos, denn sie sagt: »Hab ich dir doch erzählt. Ich lebe in einem Sozialbau. Dazu gehören acht Gebäude, und sie sind alle genau gleich, innen wie außen. Orphanville muss nach demselben Plan gebaut worden sein, denn ich kenne das hier wie meine Westentasche. Die Häuser auf dieser Seite sind anscheinend vor den anderen gebaut worden.«
»Bist du dir sicher? Vielleicht sehen sie nur von außen gleich aus.«
Wildgirl schreitet in ihren Cowboystiefeln voran, als wäre der Gehweg ein Laufsteg. Zwei erleuchtete Fenster im ersten Stock schauen uns an wie ein gelbes Augenpaar. Andere Fenster sind gekippt, um Luft und Geräusche hineinzulassen. Im Gegensatz zu den anderen Häusern wirkt dieses hier bewohnt. Wildgirl bleibt stehen und dreht sich zu mir um. Wenigstens ist sie so schlau, leise zu sprechen.
»Frag mich, wie viele Stockwerke das Haus hat.«
»Für so was haben wir jetzt keine Zeit.«
»Es sind zwölf. Hast du gesehen, dass ich hochgeschaut und sie gezählt hätte?«
»Okay, okay.« Ich hebe die Hände und ergebe mich. »Aber wieso laufen wir nicht einfach zu Nummer sechs rüber? In wenigen Sekunden sind wir da.«
»Weil das nicht der Plan ist. Vertrau mir.«
Ich kann nicht anders. »Klar. Wenn du mir vertraust.«
Ihre Augen flackern wie aufflammende Streichhölzer.
»Ach, wollen wir jetzt davon anfangen?«
, fragt sie.
Wieder nehme ich ihre Wollhand in meine. Ich könnte ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen und die Todeswunsch-Bemerkung erwähnen, aber ich halte den Mund. Es ist zu schön, dass sie bei mir ist. Wir sollten uns die Wut für später auf bewahren, wenn wir sie brauchen.
»Jetzt noch nicht. Sag mir, wie wir in Nummer sechs reinkommen.«