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Wildgirl steht mitten auf der Grey Street und hat die Arme ausgestreckt wie ein Guru. Sie drückt mit den Händen gegen die Luft und versucht sie aufzustemmen, wegzudrücken. In der Ferne heult eine Sirene, abwechselnd hoch und tief wie ein langgezogener anerkennender Pfiff.
»Da findest du nichts!«, rufe ich ihr zu. »Da ist nichts.« Ich lasse ihre Feuerwehrhandtasche baumeln.
Auf der westlichen Straßenseite, hinter Wildgirl, herrscht ganz normaler Betrieb. Pizzabuden machen mit blinkenden Lichtern auf sich aufmerksam. Die Leute laufen achtlos mit ihren Einkaufstüten über den Gehweg. Eine gewöhnliche Einkaufsstraße mit hoffnungsvollen Immigrantenläden: asiatische Lebensmittelhändler, Dönerbuden, altmodische Frisiersalons, ein Geschäft, in dem man Bauchtanzkostüme kaufen kann.
Die Grey Street besteht eigentlich aus zwei halben Straßen, die zusammengeflickt wurden. Wie eine Narbe verlaufen die Schienen der Straßenbahn in der Mitte. Die Grenze zwischen zwei Welten.
Es ist eine ganze Weile her, dass ich hier in der Gegend war. Seit einer gefühlten Ewigkeit pendele ich immer nur zwischen meinem Zuhause und dem Diabetic hin und her. Thom und Paul kommen zum Proben rüber, dann gehen wir alle ein Bier trinken. Wenn ich was essen muss, suche ich mir was. Das ist auch schon alles.
Die östliche Seite der Grey Street sieht chaotisch aus. Die Läden, die nicht verrammelt sind, haben eingeschlagene Fenster, drinnen liegen Getränkedosen, Zigarettenstummel und Scherben herum. Jede freie Fläche ist mit Graffiti besprüht. Der Gestank von Pisse, Verbranntem und gammeligem Müll hängt in der Luft. Wenn man nachts nach oben schaut, sieht der Himmel genauso aus wie auf der Westseite, aber alle Straßenlaternen sind kaputt.
»Seit wann ist das schon so?«, ruft Wildgirl.
Einheimische kommen vorbei und beäugen das Mädchen, das laut rufend mitten auf der Straße steht. In Shyness hängt man nicht auf der Straße herum und unterhält sich in voller Lautstärke. Ich seufze und gehe zu ihr, damit wir uns nicht anschreien müssen.
»Drei Jahre sind es jetzt. So um den Dreh. Es hat vielleicht eine Weile gedauert, bevor es jemand mitgekriegt hat. Es fing damit an, dass die Sonne nicht mehr ganz aufging. Ab zwölf Uhr mittags sank sie im Osten wieder. Jeden Tag ging sie ein bisschen weniger auf, bis sie sich schließlich gar nicht mehr zeigte.«
»Und auf der anderen Seite ist alles in Ordnung?«
»Die Grey Street ist die Grenze. Auf dieser Seite: Shyness. Auf der anderen Seite: Panwood.«
»Wodurch wurde das ausgelöst?«
»Keine Ahnung, das weiß niemand.«
Darüber denkt Wildgirl eine Weile nach, ehe sie wieder etwas sagt. Ich nehme ihre Tasche in die andere Hand. Die ist schwerer, als sie aussieht.
»Kennst du dich mit griechischen Göttern aus?«, fragt Wildgirl.
»Nicht besonders.«
»Die griechischen Götter sind genau wie Sterbliche, sie trinken zu viel, zoffen sich und machen es miteinander. Die Sonne steht für Apollo, den Sonnengott, der jeden Tag seinen Sonnenwagen über den Himmel treibt.«
Während Wildgirl redet, läuft sie zurück zum Bürgersteig, ohne nach links und rechts zu gucken. Sie hat Glück, dass hier keine Autos mehr fahren. Wenn ich nicht antworte, hört sie vielleicht auf zu quatschen und wir können weiter.
»Vielleicht hat Apollo ja keine Lust mehr, seinen Wagen zu fahren?«, sagt sie. »Vielleicht streikt er für höheren Lohn?« Ich gebe ihr die Handtasche zurück. Sie klemmt sie unter den Arm und verfolgt den Gedankengang weiter. »Vielleicht lebt er von der Stütze und raucht den ganzen Tag Eimer?«
Ich würde grinsen, wenn ich nicht aus dem Augenwinkel die Schattenbälle sehen würde, die an den Strommasten hinaufsausen und sich wie Trauben auf den Hochspannungsleitungen sammeln. Sie sind heute Nacht draußen, und es sind viele. Ich gehe schneller und hoffe, dass Wildgirl mitkommt. Bei jedem Schritt klimpern ihre Armreifen.
»Jeder hat so seine Theorie«, sage ich. Es macht mich verrückt, wenn die Leute derartigen Scheiß über die Dunkelheit erzählen. Ich geb mich nicht damit ab, über die Gründe nachzudenken, ich sehe einfach zu, wie ich damit klarkomme. Wem die Nacht nicht gefällt, der soll verschwinden.
Ich laufe mit Wildgirl zur großen Straße. Vielleicht können wir bei Lupe einen Döner essen, dann stecke ich sie in ein Taxi und schicke sie nach Hause. Ich glaube, Lupe würde Wildgirl gefallen. Sie haben beide was von einer verrückten Göttin an sich.
»Wenn du willst, dass ich dir glaube, gibt es nur eins.« Wildgirl schaut mich an. Ihre Wangen sind gerötet. »Wir bleiben die ganze Nacht draußen. Du führst mich rum. Dann kann ich selbst sehen, ob die Sonne am Morgen aufgeht.«
»Das ist keine gute Idee.« Noch während ich das sage, denkt ein Teil von mir, dass es eine super Idee ist. Es ist lange her, dass irgendwer mein Leben interessant fand. Ich könnte so tun, als wäre es interessant, ein paar Stunden nur.
»Warum nicht?« Ohne langsamer zu gehen, fasst sie in ihre Handtasche und holt ihr Telefon raus. »Siehst du, mein Handy ist ausgeschaltet. Meine Mutter kann mich nicht anrufen. Nicht, dass es sie kümmern würde, wann ich nach Hause komme.«
»Du wohnst bei deiner Mutter?«
Ein gequälter Ausdruck huscht über ihr Gesicht, dann reckt sie das Kinn vor. »Ja, was dagegen?«
Ich frage mich, wo man wohl so viel über griechische Mythologie lernt. Aufs Geratewohl frage ich: »Auf welche Schule gehst du?«
»Wie kommst du darauf, dass ich noch zur Schule gehe?«
»Das weiß ich einfach. Ich seh dir an, dass du noch nicht freigegeben bist.«
Ich hab auch eine große Klappe, wenn’s drauf ankommt. Konnte ich im Diabetic trainieren, um mir bei den Stammgästen Respekt zu verschaffen. Gar nicht so einfach, schließlich kennen einige von den Alten mich noch als den Stöpsel, der mit seinem Papa Himbeerlimonade getrunken hat.
»Schwachsinn. Ich war mit Arbeitskollegen in dem Pub, klar?«
»Waren wir nicht schon so weit, dass Neil gern mehr als nur ein Kollege wäre?«
Ich sehe ihr an, dass ihr das schmeichelt, obwohl sie gereizt ist. »Southside«, gibt sie schließlich zu. »Southside Mädchen-College.«
Kenne ich nicht. Highschool ist ein ferner Albtraum. Gleich nachdem meine Eltern aufs Land abgehauen sind, bin ich da ausgestiegen.
»Dann bist du wie alt? Siebzehn?«
»Ja … und du?«
»Achtzehn. Fast neunzehn.«
In neun Monaten.
»Ooooh«, säuselt sie. »So alt schon? So reif.«
»Hör mal, ich will nicht die Verantwortung übernehmen für eine … für eine Fremde, nicht hier.« Wir bleiben stehen. Wildgirl sieht mir prüfend ins Gesicht, die Hände in die Seiten gestemmt. Ihre Haare knistern fast vor elektrischer Ladung.
So ein Mist. Keiner würde sich die Gelegenheit entgehen lassen, eine Nacht mit so einem Mädchen zu verbringen. Aber Shyness ist kein gewöhnlicher Ort und ich bin nicht gerade ein gewöhnlicher Typ. Um es mir leichter zu machen, schaue ich ihr nicht ins Gesicht, sondern auf die rechte Schulter. Es wäre für uns beide besser, wenn ich sie rüber nach Panwood begleiten und dort in ein Taxi setzen würde. Es wäre besser, wenn ich nicht daran denken würde, ihre Hand zu halten, ihr meine Lieblingsplätze in Shyness zu zeigen und mit ihr zu reden, bis wir die Augen kaum noch offen halten können.
»Ich kann selbst auf mich aufpassen. Verdammt, ich wohne mit meiner Mum in einer Sozialwohnung, ich brauche keinen Aufpasser.«
Das würde ich ihr sogar glauben, wenn sie wüsste, worauf sie hier aufpassen muss. Heute Nacht spüre ich dieses gewisse Kribbeln, wie immer, wenn Ärger in der Luft liegt. Es ist allzu lange ruhig gewesen. Keine Schlägereien, keine Überfälle, keine Entführungen. Ich riskiere einen Blick zu Wildgirl. In ihren großen Augen schimmern Krokodilstränen und Hoffnung. Wie bei einem Kidd. So viel älter ist sie ja auch nicht.
Ich mache den Mund auf, um noch etwas dagegen zu sagen, irgendwas, doch Wildgirl kommt mir zuvor. Sie krümmt sich, als hätte sie einen Schlag in den Magen bekommen.
»Ich muss mal«, sagt sie.