8. Kapitel

 

Die folgenden Wochen schwebte Katharina auf ihrer eigenen kleinen Wolke. Johanna hatte das auch schon bemerkt und zog sie damit auf. Es war schön, dass ihre Freundin nicht versuchte, alle Männer schlecht zu reden, nur weil sie an ein Arschloch geraten war. Katharina hatte die beiden auch schon vorgestellt und Johanna hatte ihr unter vier Augen gesagt, dass sie keine Rücksicht auf sie nehmen müssten. Bisher war Katharina immer zu Dominic gegangen, wenn sie intim geworden waren. Das war Johanna nicht verborgen geblieben.

Heute war der erste Abend, an dem Dominic bei Katharina schlief. In ihrer Wohnung. Und sie war aufgeregt. Es waren nur noch wenige Stunden und die Nervosität ließ sich einfach nicht verstecken. Plötzlich legte Johanna ihr eine Hand auf die Schulter.

„Geh schon. Ich schließe den Laden ab und bring das Geld zur Bank.“ Katharina zog verwirrt die Augenbrauen hoch und sah ihre beste Freundin fragend an.

„Bist du sicher?“ Johanna nickte. Seit wann war sie so mutig, allein das Haus oder den Laden zu verlassen? Normalerweise verließ sie es nur im Notfall. Selbst dem Paketboten öffnete sie nicht gern die Tür. Und nun wollte sie ihr einen Weg abnehmen? Nur damit sie alles für ihren Abend mit Dominic vorbereiten konnte?

„Du musst aber ein Taxi nehmen, damit ich mit dem Auto nach Hause fahren kann. Ist das okay für dich?“ Katharina nickte verhalten und sah die kleine Blondine sorgenvoll an.

„Bist du ganz sicher, dass du das allein schaffst?“ Johanna verdrehte genervt die Augen.

„Katharina. Verschwinde einfach.“

„Gut. Wenn es ein Problem gibt bin ich immer erreichbar.“ Dann packte sie ihre Handtasche und verließ den Laden. Da die Boutique in der Innenstadt war, brauchte sie nur wenige Meter zu gehen, bis sie ein Taxi fand. Obwohl sie sich Sorgen um Johanna machte, freute sie sich wie ein kleines Kind auf diesen Abend.

 

Johanna schloss am späten Nachmittag die Boutique ab und ging dann mit den Tageseinnahmen zur Bank. Sie freute sich aufrichtig für Katharina, dass sie einen so netten Mann gefunden hatte. Ihr war zwar nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass ein Mann ab jetzt in ihrer Wohnung ein und aus gehen würde, aber jedes Mal, wenn sie allein gewesen war, hatte sie furchtbare Angst bekommen und ihr Zimmer verriegelt. Jedes Geräusch hatte sie in der Nacht aufschrecken lassen und sie hatte die Stromrechnung in die Höhe gejagt, weil sie nur noch mit Licht schlafen konnte.

Deswegen hatte sie Katharina mehr oder weniger dazu überredet, mit Dominic in der Wohnung zu schlafen. Da sie aber genau wusste, dass Katharina zu umsichtig war und ihr es nicht zumuten wollte, einen Mann in der Nähe zu haben, hatte sie sich heute dazu bereit erklärt, den Laden zu schließen und das Geld zur Bank zu bringen.

Was sollte schon passieren? Das Auto stand nicht weit weg und John wusste nicht einmal, dass Johanna noch in der Stadt war. Als sie die Bank wieder verließ und sich zum Parkplatz wandte, hielt sie jemand plötzlich am Arm fest.

„Johanna?“ Die Stimme ließ ihr alles Blut gefrieren und sie wähnte sich in einem Traum. Aber das war Realität. Erschreckend deutlich spürte sie seine Hand an ihrem Arm und die von ihm ausgehende Wärme. Dean.

Immer wieder ging ihr dieser Name durch den Kopf und was diese Hände getan hatten. Sie riss sich von ihm los und ging mit klopfendem Herzen ein paar Schritte rückwärts. Würde sie es bis zur Bank schaffen? Dort würde er es nicht wagen, ihr etwas zu tun. Er schien über ihre Reaktion verwirrt zu sein und zog fragend die Augenbrauen hoch.

"John hat dich vermisst und ich auch. Warum meldest du dich nicht?" Meinte dieser Dreckskerl das ernst? Ihm konnte doch damals unmöglich entgangen sein, dass sie sich bis aufs Blut gegen die beiden Männer gewehrt hatte. Sie wich zurück und drückte die Tasche an ihre Brust. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals und vor lauter Panik brach ihr der Schweiß aus. Sie konnte förmlich wieder seine Hände auf ihrer nackten Haut spüren und das war ein Gedanke, der ihr den Magen umdrehte.

Aus heiterem Himmel legte ihr jemand einen Arm auf die Schulter und der Geruch eines herben, aber unaufdringlichen Aftershaves, breitete sich neben ihr aus.

"Hallo Schatz. Tut mir Leid, dass es etwas länger gedauert hat." Das war Dominic! Er gab ihr einen leichten Kuss auf die Schläfe und richtete seine Aufmerksamkeit dann auf Dean.

"Kann ich dir irgendwie helfen?" Dean sah zwischen Johanna und Dominic hin und her, schüttelte dann den Kopf und ging zügig davon.

Nachdem Johanna ein paar mal tief durch geatmet hatte und das Adrenalin in ihrem Blutkreislauf langsam abebbte, drehte sie sich zu Dominic um. Sobald Dean außer Sichtweite gewesen war, hatte er seine Arm wieder weggenommen und sich einen Schritt entfernt. Soviel Rücksichtnahme war sie von Männern überhaupt nicht gewohnt. Zumindest nicht von denen, die sie kannte.

"Danke." Sie sah ihm weder in die Augen, noch traute sie sich näher an ihn heran. Stattdessen ging sie ein paar Schritte rückwärts und hoffte, er würde diese Angelegenheit auf sich beruhen lassen. Sie konnte und wollte einfach nicht darüber reden. Schon gar nicht mit dem neuen Freund ihrer besten Freundin. Trotzdem war sie ihm unheimlich dankbar, dass er sie ohne Fragen einfach beschützt hatte. Aber er schien überhaupt nicht auf eine Erklärung aus zu sein, sondern erwiderte:

"Sagst du Katharina bitte Bescheid, dass ich heute meine Schwester mitbringe? Sie will meine neue Freundin unbedingt kennen lernen." Als sie ihm nun doch in die Augen sah, bemerkte sie sein schmunzeln.

"Klar. Mach ich gern." Damit drehte sie sich um und rannte förmlich zu ihrem Auto. Es war wirklich keine gute Idee, die Wohnung zu verlassen. Schon gar nicht allein. Als sie endlich im inneren ihres Wagens saß, brach plötzlich alles über sie herein. Die ganzen verdrängten Erinnerungen. Die nun folgende Panikattacke war fast so schlimm wie damals, als sie sich entschlossen hatte, John zu verlassen.

 

Er hätte seine kleine Schwester am liebsten umgebracht. Nicht nur, dass sie sich mehr oder weniger selbst eingeladen hatte, jetzt stahl sie ihm auch noch Katharinas Aufmerksamkeit. Melanie plapperte und plapperte, ohne Punkt und Komma. Und Katharina ging auch noch auf alles ein. Er stöhnte innerlich.

Nur Johanna, Katharinas beste Freundin und Mitbewohnerin, hielt sich dezent im Hintergrund. Wenn eine Frage an sie gerichtet wurde, beantwortete sie diese so knapp wie möglich und konzentrierte sich dann wieder auf ihr essen. Warum war sie so schüchtern? Die Begegnung in der Stadt hatte ihn auch noch lange beschäftigt. Sie war wirklich nicht unbedingt hässlich, bis auf ihre unförmigen Kleidungsstücke, trotzdem erschien sie ihm völlig unsicher. Es war ihm fast so, als hätte sie Angst vor Männern. Auch in seiner Gegenwart schien sie sich nicht unbedingt wohl zu fühlen, obwohl sie es gut überspielte.

Als er mit seiner Schwester herein gekommen war, hatte sie ihm, unter dem Vorwand, vom essen kochen dreckige Hände zu haben, nicht die Hand geschüttelt. Auch danach war sie sehr bestrebt darin, weder mit ihm allein in einem Zimmer zu bleiben noch in seine Nähe zu kommen. Deswegen saß sie auch am anderen Ende des Tisches. War er der Einzige, dem das auffiel? Oder war das normal?

Mittlerweile war das Thema der beiden Frauen von aktueller Mode zu Schuhen umgeschlagen. Schuhe! Seine Schwester hatte dutzende. Und so wie Katharina reagierte, schien sie auch mehr als genug zu haben. Wieder wanderte sein Blick zu Johanna. Sie trug ihre hellen, blonden Haare kurz, Bob, hieß diese Frisur, oder? Sie sahen sehr weich aus. Auch ihre Haut war zart und glatt. Wohin gingen denn seine Gedanken gerade?

Melanie lehnte sich verschwörerisch zu Katharina und flüsterte mit ihr. Was sollte denn das? Er hasste es, wenn jemand ihm Informationen vor enthielt. Und seine Schwester wusste eindeutig zu viel über ihn, was nicht unbedingt für Katharinas Ohren bestimmt war.

Ganz nebenbei, als wäre es nichts, begann Katharina mit ihrem bestrumpften Fuß seine Waden entlang zu wandern. Hitze schoss ihm in die Lenden und er versuchte, seinen unbeeindruckten Gesichtsausdruck beizubehalten. Was Katharina anzuspornen schien. Ihr Fuß wanderte immer höher, bis sie den Beweis seiner Erregung deutlich unter ihrem Fuß spüren konnte. Unauffällig legte er seine Hand auf ihren Fuß und zwickte dann leicht in ihre Wade. Als er ihr ins Gesicht sah, bemerkte er nicht die geringste Regung.

Plötzlich kam Bewegung in die Sache und sie massierte langsam und genüsslich seinen Ständer. Auch wenn das nicht der richtige Ort und schon gar nicht die richtige Zeit war, konnte er nur noch daran denken, sie nackt unter sich zu haben und bis zum umfallen zu vögeln. Scheiße. Wenn sie so weiter machte, würde er dann schnell auf dem Klo verschwinden müssen.

Aber Johanna rettete ihn unbewusst. Sie schob ihren Stuhl zurück, stand auf und während sie ihren Teller in den Geschirrspüler stellte, murmelte sie "ich hab noch zu tun. Bis dann", und verschwand aus der Küche.

Fast zeitgleich meldete sich sein Handy. Als er die Nummer sah, es war wieder mal seine Sekretärin, stand er ebenfalls auf und ging in den Flur, um ungestört zu telefonieren.

 

Katharina mochte Dominics Schwester. Nicht nur, dass sie sich unheimlich ähnlich sahen, sie waren auch vom Charakter her gleich. Als Melanie ihr erzählt hatte, dass seine bisherigen Freundinnen nur auf seine Geld aus gewesen waren und nie den Kontakt zu seiner Familie unterstützt hatten, war ihr klar geworden, dass Dominic die Sache viel zu schnell und zu tief anging.

Sie mochte ihn, um ehrlich zu sein vermisste sie ihn, sobald sie getrennt waren, aber sie wollte noch nicht dieses ganze gedusel von wegen zusammen ziehen, heiraten, Kinder. Und in seinen Augen sah sie den Wunsch nach diesen Sachen plötzlich.

Natürlich war er schon etwas älter als sie, wobei man das nicht immer spürte, aber er hatte doch keine biologische Uhr, die ihm im Nacken saß. Und sie wollte ihre Boutique noch nicht gegen ein Kind tauschen. Vielleicht konnte sie ihn noch ein paar Jahre hinhalten.

Auf ihre sexuellen Anspielung reagierte er immerhin mit einer Erektion, wenn er sich auch sonst nichts anmerken ließ, wenn andere im Raum waren. Als er mit seinem Handy die Küche verlassen hatte, zog Melanie ihr eigenes Handy aus der Tasche. Sie öffnete das Internet und ihre Cloud.

"Ich hab ein paar Fotos von ihm, wie du ihn garantiert noch nicht gesehen hast." Und das stimmte. Die Fotos zeigten einen süßen, schmutzigen Bengel, der frech in die Kamera grinste. Dann einen Möchtegern Mucki-Mann, der eine amüsante Pose eingelegt hatte. Da war er nicht älter als zehn. Sie kannte solche Fotos und Gesten von Adam, der sich sehr zeitig als ihr Beschützer aufgespielt hatte. Dominic war sicher auch in dieser Weise für seine Schwester da gewesen. Was die folgenden Fotos bewiesen. Melanie war ein Nachzügler und es trennten die beiden Geschwister über zehn Jahre. Auf dem Foto sah man einen etwa zwölfjährigen Dominic mit einem kleinen Baby auf dem Arm. Und der Blick, den er ihr zuwarf, war der schönste, den sie je gesehen hatte.

So würde er auch unsere Kinder ansehen. Sie verdrängte diese Gedanken sofort wieder und konzentrierte sich auf die folgenden Bilder. Schon vor der Pubertät war er ein hübscher Kerl gewesen und nach seinen letzten Wachstumsschüben war er nicht mehr der dünne, schlaksige Junge, sondern ein selbstbewusster und muskulöser Mann.

Und auf einmal stockte ihr der Atem. Auf dem Foto war er in Jeans und T-Shirt, die Haare wild durcheinander, aber sie hatte in ihrem ganzen Leben noch nie einen so erotischen Anblick gesehen. Ihr Kopf schickte augenblicklich eine Reaktion auf dieses Bild zu ihrer Libido, die sofort einen Tango begann. Melanie kicherte und Katharina wurde gegen ihren Willen rot.

"Ich schick dir das Foto später rüber." Oh Gott war das peinlich. Sie wurde nur von einem Foto geil und seine kleine Schwester hatte das auch noch mitbekommen.

"Melanie! Hör gefälligst auf, jedem meine Kinderfotos zu zeigen. Das wird mit der Zeit ziemlich peinlich." Das konnte sie sich vorstellen. Sie hatte Adam immer damit gedroht, diverse Baby-Nacktfotos seinen Freunden zu zeigen, wenn er nicht ordentlich für die Schule lernte. Aber nachdem er sein Ziel im Leben gefunden hatte, nämlich Arzt zu werden, waren diese Drohungen unnötig geworden. Er drückte Katharina einen Kuss auf die Lippen und sah sie entschuldigend an.

"Ein Kunde hat schwerwiegende Probleme mit dem neuen Programm und ich muss jetzt gleich zu ihm. Tut mir Leid, Süße."

"Kein Problem." Sie wollte sowieso mit Johanna reden. Sie war heute schon den ganzen Nachmittag so komisch gewesen. Ihr Verhalten erinnerte sie an die Zeit, als sie sich von John getrennt hatte. Innerlich hatte sie gehofft, dass ihre beste Freundin über diesen Mistkerl hinweg war, aber so leicht vergaß man schlimme Erlebnisse nicht. Aber was hatte diese neuerlich melancholische Stimmung bei ihr ausgelöst? Bevor sie den Laden verlassen hatte, wirkte Johanna selbstsicherer. Mutiger. Aber jetzt kam sie ihr wieder wie ein eingeschüchterter Teenager vor.