5. Bartleboom

 

Es kam so. Bartleboom befand sich in einem Thermalbad, dem Thermalbad Bad Hollen, einer scheußlichen Kleinstadt, wenn Sie verstehen, was ich meine. Er fuhr dorthin, weil er unter gewissen Beschwerden litt, er hatte es wohl mit der Prostata, eine lästige und unliebsame Angelegenheit. Wenn es einen an der Stelle trifft, bedeutet das immer eine wahre Quälerei, nichts Schlimmes, aber man muß darauf achtgeben, und man muß eine Menge lächerlicher, demütigender Dinge tun. Bartleboom also, er zum Beispiel fuhr ins Thermalbad Bad Hollen. Eine im übrigen scheußliche Kleinstadt.

Wie dem auch sei.

Bartleboom war mit seiner Verlobten dort, einer gewissen Maria Luigia Severina Hohenheith, einer zweifellos schönen Frau, aber einer von der Sorte Opernloge, wenn Sie verstehen, was ich damit meine. Ein bißchen Fassade. Man fühlte sich versucht, um sie herumzugehen und zu schauen, ob etwas dahintersteckte, hinter der Schminke und dem gespreizten Gerede und allem anderen. Man tat es dann doch nicht, aber die Versuchung war groß. Bartleboom, um der Wahrheit die Ehre zu geben, hatte sich nicht mit allzu großer Begeisterung verlobt, im Gegenteil. Das muß gesagt werden. Eine seiner Tanten, Tante Matilde, hatte alles eingefädelt. Man muß ja bedenken, daß er damals von Tanten sozusagen umzingelt war, und der Vollständigkeit halber muß auch gesagt werden, daß er von ihnen abhängig war, rein wirtschaftlich, meine ich, er selbst besaß keinen roten Heller. Die Tanten waren es, die für seinen Lebensunterhalt aufkamen. Das war die Konsequenz seiner leidenschaftlichen und ungeteilten Zuwendung an die Wissenschaft, die Bartlebooms Leben an die ehrgeizige Enzyklopädie der Grenzen undsoweiterundsofort band, ein vortreffliches Werk, und ein verdienstvolles dazu, das ihn naheliegenderweise jedoch daran hinderte, seinen beruflichen Pflichten nachzugehen, und ihn veranlaßte, Jahr um Jahr seine Stelle als Professor samt entsprechendem Verdienst vorübergehend einem Vertreter zu überlassen, der in dem vorliegenden Fall, das heißt während der vollen siebzehn Jahre, in denen es in diesem Schlendrian weiterging, ich selber war. Demzufolge werden Sie für meine Dankbarkeit ihm gegenüber Verständnis haben und meine Bewunderung für sein Werk begreifen. Das versteht sich von selbst. Dergleichen vergißt ein Ehrenmann nicht.

Wie dem auch sei.

Tante Matilde hatte alles eingefädelt, ohne daß Bartleboom sich groß dagegen auflehnen konnte. Er hatte sich verlobt. Allerdings hatte er das nicht gerade mit Freuden geschluckt. Er hatte etwas von seinem Glanz verloren … die Seele war ihm trüb geworden, wenn Sie verstehen, was ich meine. Es war, als hätte er sich etwas anderes vorgestellt, etwas völlig anderes. Auf eine derartige Normalität war er nicht vorbereitet. Er schlug sich durchs Leben, mehr auch nicht. Dann, eines Tages in Bad Hollen, ging er mit seiner Verlobten samt der Prostata zu einem Empfang, eine elegante Angelegenheit mit Champagner und fröhlich-leichter Musik. Walzer. Dort begegnete er Anna Ancher. Sie war eine außergewöhnliche Frau, das war sie. Sie malte. Gut sogar, wie es hieß. Ein völlig anderes Format als Maria Luigia Severina, um das einmal klarzustellen. Sie war es, die ihn im lärmenden Treiben des Festes ansprach.

»Verzeihen Sie … Sie sind doch Professor Bartleboom, nicht wahr?«

»Ja.«

»Ich bin eine Freundin von Michel Plasson.«

Dabei kam heraus, daß er ihr tausendmal geschrieben hatte, der Maler, der von Bartleboom und vielen anderen Dingen erzählt hatte, besonders auch von der Enzyklopädie der Grenzen undsoweiterundsofort, eine Geschichte, die sie, wie sie sagte, sehr beeindruckte.

»Ich wäre entzückt, wenn ich eines Tages Ihr Werk zu sehen bekäme.«

Genau so sagte sie: entzückt. Sie sagte es, indem sie ihr Köpfchen leicht zur Seite neigte und sich ein Löckchen ihrer rabenschwarzen Haare aus den Augen strich. Eine Meisterleistung. Bartleboom war zumute, als hätte man ihm diesen Satz geradewegs in den Blutkreislauf eingeflößt. Dieser Satz strahlte sozusagen bis in seine Hose aus. Er murmelte irgend etwas, und von da an tat er nichts anderes mehr, als zu schwitzen. Er konnte himmlisch schwitzen, wenn es angebracht war. Die Temperatur hatte nichts damit zu tun. Er machte das alles von allein.

Womöglich wäre die Geschichte hier auch schon zu Ende gewesen, doch am nächsten Tag, als Bartleboom allein spazierenging und jenen Satz und alles weitere in seinem Kopf hin und her wendete, sah er eine Kutsche vorbeifahren, eine von den schönen, mit Gepäck und Hutschachteln auf dem Dach. Sie fuhr stadtauswärts. Und drinnen, er sah sie ganz genau, saß Anna Ancher. Sie war’s tatsächlich. Das Köpfchen mit den rabenschwarzen Haaren. Alles war vorhanden. Auch die Ausstrahlung in seine Hose hinein war die gleiche wie am Tag zuvor. Bartleboom begriff. Was man auch immer über ihn sagen mochte, er war ein Mann, der, wenn es geboten war, seine Entscheidungen zu treffen wußte, da ließ er nicht mit sich spaßen, wenn es geboten war, drückte er sich vor nichts. So kehrte er um, packte zu Hause seine Koffer und trat reisefertig seiner Verlobten Maria Luigia Severina gegenüber. Sie machte sich gerade mit Haarbürsten, Schleifchen und Halsketten zu schaffen.

»Maria Luigia …«

»Ich bitte dich, Ismael, ich bin schon spät dran …«

»Maria Luigia, ich möchte dich darüber informieren, daß du nicht mehr verlobt bist.«

»Einverstanden, Ismael, laß uns später darüber sprechen.«

»Und folgerichtig bin ich auch nicht mehr verlobt.«

»Das liegt auf der Hand, Ismael.«

»Also leb wohl.«

Was an dieser Frau so erstaunlich war, war die Langsamkeit ihres Reaktionsvermögens. Mehr als einmal sprachen wir mit Bartleboom über diese Angelegenheit, er war von diesem Phänomen absolut fasziniert, er hatte auch darüber geforscht, sozusagen, und hatte sich schließlich eine Kompetenz in dieser Hinsicht erwerben, die man geradezu wissenschaftlich und auch umfassend nennen konnte.

Im vorliegenden Fall wußte er also nur zu gut, daß die Zeit, die ihm zur Verfügung stand, um ungestraft aus dem Haus zu verschwinden, zwischen zweiundzwanzig und sechsundzwanzig Sekunden lag. Er hatte ausgerechnet, daß ihm diese Zeitspanne ausreichen würde, um die Kutsche zu erreichen. In der Tat, genau in dem Augenblick, als er sein Hinterteil in den Wagen schob, wurde die klare Bad Hollener Morgenluft von einem unmenschlichen Schrei aus den Angeln gehoben:

»BAAAAAAARTLEBOOM!«

Was für eine Stimme diese Frau hatte. Noch Jahre später erzählte man sich in Bad Hollen, daß es war, als hätte jemand ein Klavier vom Kirchturm geradewegs auf ein Lager voller Kristallüster fallen lassen.

Bartleboom hatte sich erkundigt: Die Anchers wohnten in Hollenberg, vierundfünfzig Kilometer nördlich von Bad Hollen gelegen. Er machte sich auf die Reise. Er hatte den Anzug an, den er zu bedeutsamen Anlässen trug. Auch der Hut war sein Festtagshut. Er schwitzte natürlich, jedoch in den angemessenen Grenzen allgemein üblicher Schicklichkeit. Die Kutsche fuhr ohne Schwierigkeiten auf dem Weg zwischen den Hügeln. Alles schien in bester Ordnung.

Was die Worte anbelangte, die er Anna Ancher sagen würde, wenn er vor ihr stand, hatte Bartleboom eine klare Vorstellung:

»Mein Fräulein, auf Sie habe ich gewartet. Jahrelang habe ich auf Sie gewartet.«

Und, zack, würde er ihr die Mahagonikassette mit all den Briefen überreichen, Hunderten von Briefen, etwas, was jedermann die Sprache verschlagen mußte vor Staunen und vor Ergriffenheit. Das war ein guter Plan, da gibt es gar nichts. Bartleboom drehte und wendete ihn die ganze Fahrt über in seinem Kopf hin und her, was hinsichtlich des Geistesumfangs gewisser großer Forscher und Denker – was Professor Bartleboom ohne jeden Zweifel war – nachdenklich stimmt, denn für sie bringt die vortreffliche Gabe, sich mit außerordentlicher Sorgfalt und Tiefgründigkeit auf einen Gedanken zu konzentrieren, den unsicheren Nebeneffekt mit sich, alle anderen angrenzenden, verwandten und dazugehörigen Gedanken nämlich augenblicklich und auf eine einmalig vollständige Weise zu beseitigen. Närrische Köpfe, mit einem Wort. So verbrachte zum Beispiel Bartleboom die gesamte Reise damit, die unangreifbar logische Exaktheit seines Planes zu überprüfen, wobei ihm jedoch erst sieben Kilometer vor Hollenberg, und zwar genau zwischen den Dörfern Alzen und Bergen, einfiel, daß er, um es präzise auszudrücken, besagte Mahagonikassette und somit sämtliche Briefe, Hunderte von Briefen, gar nicht mehr hatte.

Das sind Schicksalsschläge. Wenn Sie verstehen, was ich meine.

In der Tat hatte Bartleboom die Kassette mit den Briefen am Verlobungstag Maria Luigia Severina gegeben. Wenn auch nicht gerade besonders überzeugt, hatte er ihr doch das Ganze mit einer gewissen Feierlichkeit überreicht und dabei gesagt:

»Mein Fräulein, auf Sie habe ich gewartet. Jahrelang habe ich auf Sie gewartet.«

Nachdem die zehn bis zwölf Sekunden der üblichen

Verzögerung verstrichen waren, hatte Maria Luigia die Augen verdreht, den Hals gereckt und ungläubig nur zwei elementare Wörter hervorgebracht:

»Auf mich?«

»Auf mich« war nun nicht gerade die Antwort, von der Bartleboom seit Jahren geträumt hatte, während er jene Briefe schrieb, allein lebte und sich durchschlug, so gut er konnte. Daher versteht es sich von selbst, daß er von diesem Verlauf ein wenig enttäuscht war, was man ja verstehen kann. Das erklärt auch, warum er danach auf die Sache mit den Briefen nicht mehr zurückkam und sich darauf beschränkte festzustellen, daß die Mahagonikassette immer noch da war, bei Maria Luigia, und nur Gott wußte, ob irgend jemand sie je geöffnet hat. So was kommt vor. Jemand erträumt sich etwas, etwas Eigenes, Intimes, und dann spielt das Leben nicht mit und zerstört alle Träume; in einem einzigen Augenblick, mit einem Satz, zerstiebt alles. So was kommt vor. Nicht von ungefähr ist das Leben ein elendes Geschäft. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich damit abzufinden. Es kennt keine Dankbarkeit, das Leben, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Dankbarkeit.

Wie dem auch sei.

Das Problem bestand nun darin, daß die Kassette benötigt wurde, sich allerdings am denkbar ungünstigsten Ort befand, nämlich irgendwo im Hause von Maria Luigia. Bartleboom stieg in Balzen, fünf Kilometer vor Hollenberg, aus, übernachtete im Gasthof und nahm am nächsten Morgen die Kutsche, die in rückwärtiger Richtung nach Bad Hollen fuhr. Seine Odyssee hatte ihren Anfang genommen. Eine wahre Odyssee, wenn Sie mir glauben wollen. Bei Maria Luigia benutzte er die bekannte Technik, da konnte nichts schiefgehen. Er trat, ohne sich ankündigen zu lassen, in das Zimmer, in dem sie, um ihre Nerven zu schonen, zu Bett liegend schmachtete, und sagte ohne Vorrede:

»Ich bin gekommen, um die Briefe zu holen, meine Liebe.«

»Sie liegen auf dem Schreibtisch, mein Schatz«, antwortete sie mit einer gewissen Sanftmut. Dann, nach genau sechsundzwanzig Sekunden, stieß sie einen erstickten Klageschrei aus und wurde ohnmächtig. Bartleboom, das versteht sich von selbst, hatte sich längst aus dem Staub gemacht. Er nahm erneut eine Kutsche, diesmal in Richtung Hollenberg, und am Abend des darauffolgenden Tages sprach er im Hause Ancher vor. Er wurde in den Salon geleitet, und es fehlte nur wenig daran, daß er nicht tot umfiel, mausetot. Sie saß am Klavier, die junge Dame, und spielte mit ihrem Köpfchen, den rabenschwarzen Haaren und so fort, spielte wie ein Engel. Sie allein, dort, sie und das Klavier und nichts weiter. Unfaßbar. Bartleboom blieb wie angewurzelt auf der Schwelle stehen, seine Mahagonikassette in der Hand, schneeweiß im Gesicht. Er konnte nicht einmal mehr schwitzen. Sich nur in ihre Betrachtung vertiefen und nichts weiter.

Als die Musik aussetzte, wandte die junge Dame ihm ihren Blick zu. Endgültig hingerissen durchquerte er den Salon, trat vor sie, legte die Mahagonikassette auf das Klavier und sagte:

»Fräulein Anna, auf Sie habe ich gewartet. Jahrelang habe ich auf Sie gewartet.«

Auch diesmal war die Antwort ungewöhnlich:

»Ich bin nicht Anna.«

»Wie bitte?«

»Ich heiße Elisabeth. Anna ist meine Schwester.«

Zwillingsschwestern, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Zwei Wassertropfen.

»Meine Schwester befindet sich in Bad Hollen, dem Thermalbad. Etwa fünfzig Kilometer von hier.«

»Ja, ich kenne den Weg, vielen Dank.«

Das sind Schicksalsschläge. Zugestanden. Wahre Schicksalsschläge. Zum Glück besaß Bartleboom Durchhaltevermögen, er hatte mehr Charakterstärke in den Knochen als irgendeiner sonst. Er nahm seine Reise wieder auf, Ziel Bad Hollen. Wenn Anna Ancher dort war, mußte er dorthin fahren. Ganz einfach. Es war mehr oder weniger auf halber Strecke, als es anfing, ihm nicht mehr so ganz einfach vorzukommen. Tatsache war, daß ihm jene Musik nicht mehr aus dem Sinn gehen wollte. Und das Klavier, die Hände auf der Tastatur, das Köpfchen mit den rabenschwarzen Haaren, die ganze Erscheinung, alles eben. Das war etwas, was vom Teufel inszeniert zu sein schien, so perfekt war es gemacht. Oder vom Schicksal, sagte sich Bartleboom. Er begann, sich zu quälen, der Herr Professor, wegen dieser Geschichte mit den Zwillingsschwestern, die eine Malerin, die andere Pianistin, er fand sich nicht mehr zurecht, was ja auch verständlich ist. Je mehr Zeit verging, um so weniger sah er klar. Man könnte sagen, daß er mit jedem Kilometer, den er zurücklegte, einen Kilometer weniger klar sah. Schließlich beschloß er, sich eine Denkpause zu verordnen. In Pozel, sechs Kilometer vor Bad Hollen, stieg er aus. Und verbrachte dort die Nacht. Am nächsten Morgen nahm er die Kutsche nach Hollenberg: Er hatte sich für die Pianistin entschieden. Sie ist begehrenswerter, dachte er. Beim zweiundzwanzigsten Kilometer angekommen, änderte er seine Meinung: genau gesagt in Bazel, wo er ausstieg und übernachtete. Am frühen Morgen machte er sich mit der Kutsche auf den Weg nach Bad Hollen – in seinem Innersten bereits verlobt mit Anna Ancher, der Malerin –, um dann in Suzer, einem zwei Kilometer von Pozel entfernten kleinen Dorf, anzuhalten, wo er sich definitiv darüber klar wurde, daß er, charakterlich gesprochen, besser zu Elisabeth, der Pianistin, paßte. In den darauffolgenden Tagen brachten ihn seine wankelmütigen Ortswechsel erneut nach Alzen, dann nach Tozer, von dort nach Balzen, anschließend zurück bis nach Fazel und von dort der Reihe nach nach Palzen, Rulzen, Alzen (zum drittenmal) und Colzen. Bei den Leuten der Gegend war die Überzeugung herangereift, er sei ein Inspektor irgendeines Ministeriums. Alle behandelten ihn sehr wohlwollend. Als er bei der dritten Durchreise in Alzen haltmachte, erwartete ihn gar ein Bürgerkomitee zur Begrüßung. Er maß dem keine große Bedeutung bei. Auf Formalitäten legte er keinen Wert. Bartleboom war ein einfacher Mann, ein Prachtstück von einem einfachen Mann. Und rechtschaffen. Wirklich wahr.

Wie dem auch sei.

Die Geschichte konnte nun nicht in alle Ewigkeit so weitergehen. Auch wenn sich die Bürgerschaft als liebenswürdig erwies. Früher oder später mußte es ein Ende nehmen. Das sah Bartleboom ein. Und nach zwölf Tagen leidenschaftlichen Schwankens zog er den passenden Anzug an und preschte entschlossen in Richtung Bad Hollen vor. Er hatte sich entschieden: Mit einer Malerin würde er zusammenleben. Er kam am Abend eines Feiertags an. Anna Ancher war nicht zu Hause. Sie würde aber in Kürze eintreffen. Ich warte, sagte er. Und machte es sich in einem kleinen Salon bequem. Da kam ihm ebenso urplötzlich wie blitzartig ein maßgebendes und gleichermaßen verheerendes Bild in den Kopf: seine Mahagonischachtel, wie sie schön glänzend auf dem Klavier im Hause Ancher lag. Er hatte sie dort vergessen. Derartige Dinge sind für gewöhnliche Menschen, wie zum Beispiel für mich, nur recht schwer zu begreifen, weil es um das Geheimnis hochgelehrter Geister geht, etwas, was nur sie selbst angeht, Räderwerke des Genius, fähig zu grandiosen Glanzleistungen und zu kolossalem Unfug. Bartleboom gehörte dieser Spezies an. Kolossaler Unfug manchmal. Jedenfalls verlor er nicht die Fassung. Er erhob sich, gab Bescheid, daß er später wiederkommen würde, und suchte Zuflucht in einem kleinen Hotel außerhalb der Stadt. Am nächsten Tag nahm er die Kutsche nach Hollenberg. Er hatte nunmehr eine gewisse Vertrautheit mit der Strecke, er war sozusagen im Begriff, ein echter Experte dafür zu werden. Falls es je an einer Universität einen Lehrstuhl für Studien über diese Strekke gegeben hätte, er hätte ihn bekommen, darauf kann man getrost wetten.

In Hollenberg ging alles glatt. Die Kassette war tatsächlich da.

»Ich hätte sie Ihnen gerne geschickt, aber ich hatte nicht die geringste Ahnung, wo ich Sie finden konnte«, sagte Elisabeth Ancher mit einer Stimme, die selbst einen Stocktauben betört hätte. Bartleboom wankte einen Augenblick, doch dann hatte er sich wieder im Griff.

»Nicht der Rede wert, es ist schon in Ordnung so.«

Er küßte ihr die Hand und verabschiedete sich. Die ganze Nacht über machte er kein Auge zu, doch am nächsten Morgen traf er pünktlich zur Abfahrt der ersten Kutsche nach Bad Hollen ein. Eine schöne Reise. An jeder Haltestelle allerseits Begrüßungen und Willkommensbekundungen. Die Leute begannen, ihn gern zu haben, so sind sie nun mal in der Gegend da, gesellige Menschen, die, ohne sich groß Fragen zu stellen, dir ihr Herz schenken. Wirklich wahr. Die Gegend ist zwar von einer schauderhaften Häßlichkeit, das muß man wohl sagen, doch die Menschen sind unübertrefflich, Menschen wie aus einer anderen Zeit.

Wie dem auch sei.

Dank Gottes Beistand kam Bartleboom mitsamt seiner Mahagonikassette, den Briefen und so fort in Bad Hollen an. Er begab sich erneut zum Hause Anna Anchers und ließ sich anmelden. Die Malerin arbeitete an einem Stilleben: Äpfel, Birnen, Fasane und dergleichen, tote Fasane, wohlgemerkt, ein Stilleben eben. Sie hielt das Köpfchen leicht zur Seite geneigt. Die rabenschwarzen Haare umrahmten gefällig ihr Gesicht. Wenn auch noch ein Klavier dagewesen wäre, man hätte nicht den geringsten Zweifel gehegt, es handle sich um die andere, die aus Hollenberg. Indes war es die aus Bad Hollen. Zwei Wassertropfen, ich sag’s ja. Ein Wunder, was die Natur fertigbringt, wenn sie es drauf anlegt. Unglaublich. Wirklich.

»Professor Bartleboom, welche Überraschung!« zwitscherte sie.

»Guten Tag, Fräulein Ancher«, antwortete er und fügte sogleich hinzu: »Anna Ancher, nicht wahr?«

»Ja, warum?«

Er wollte sichergehen, der Herr Professor. Man weiß ja nie.

»Was hat Sie hierhergeführt, um mich mit Ihrem Besuch zu beglücken?«

»Dies hier«, antwortete Bartleboom ernst, indem er die Mahagonikassette vor sie hinstellte und sie unter ihren Augen öffnete.

»Auf Sie habe ich gewartet, Anna. Jahrelang habe ich auf Sie gewartet.«

Die Malerin streckte die Hand aus und schloß die Kassette mit einem Ruck.

»Bevor wir unsere Unterhaltung fortführen, ist es angebracht, Sie von etwas in Kenntnis zu setzen, Professor Bartleboom.«

»Was immer Sie wollen, meine Angebetete.«

»Ich bin verlobt.«

»Ach was?«

»Vor sechs Tagen habe ich mich mit Leutnant Gallega verlobt.«

»Eine hervorragende Wahl.«

»Danke.«

Bartleboom ging im Geiste die sechs Tage zurück. Das war der Tag gewesen, an dem er, von Rulzen kommend, in Colzen ausgestiegen war, um nach Alzen zurückzufahren. In der Mitte seines Leidenswegs, mit einem Wort. Sechs Tage. Sechs elende Tage. Nebenbei bemerkt war dieser Gallega ein wahrer Parasit, wenn Sie verstehen, was ich meine, ein nichtssagendes Wesen und in gewisser Hinsicht sogar ein Schädling. Eine Zumutung. Ausgesprochen. Eine Zumutung.

»Möchten Sie, daß wir nun fortfahren?«

»Ich glaube, das ist nun nicht mehr angebracht«, antwortete Bartleboom und nahm seine Mahagonikassette wieder an sich.

Auf dem Weg, der ihn zu seinem Hotel zurückführte, bemühte sich der Professor, seine Lage kaltblütig zu analysieren, und kam zu dem Schluß, daß es zwei Möglichkeiten gab (wie man bemerkt haben wird, kommt dieser Sachverhalt mit einer gewissen Häufigkeit vor, da es im allgemeinen zwei und nur selten auch drei Möglichkeiten gibt): Entweder war dies nur ein bedauerlicher Stolperstein, und in dem Fall mußte er den oben erwähnten Leutnant Gallega zum Duell herausfordern und ihn aus dem Weg räumen. Oder aber es handelte sich um einen deutlichen Wink des Schicksals, eines großmütigen Schicksals, und in dem Fall mußte er schnellstens nach Hollenberg zurückkehren und Elisabeth Ancher, die unvergessene Pianistin, heiraten.

Um es einmal klar auszudrücken, Bartleboom haßte Duelle. Er konnte sie auf den Tod nicht leiden.

»Tote Fasane«, dachte er mit einem gewissen Abscheu. Und beschloß abzureisen. Am Morgen saß er auf seinem Platz in der ersten Kutsche und schlug noch einmal die Straße nach Hollenberg ein. Er war in heiterer Stimmung und nahm mit wohlwollender Aufmerksamkeit die Kundgebungen freudiger Zuneigung auf, die ihm von Ort zu Ort die Bevölkerung der Dörfer Pozel, Colzen, Tozer, Rulzen, Palzen, Alzen, Balzen und Fazel entgegenbrachte. Sympathische Menschen, wie schon gesagt. Zur Abenddämmerung erschien er, untadelig gekleidet, mitsamt seiner Mahagonikassette im Hause Ancher.

»Das Fräulein Elisabeth, bitte«, sagte er mit einer gewissen Feierlichkeit zu dem Diener, der ihm die Tür öffnete.

»Sie ist nicht da, mein Herr. Sie ist heute morgen nach Bad Hollen gefahren.«

Unfaßbar.

Ein Mann mit anderer moralischer und kultureller Bildung hätte womöglich von vorn angefangen und die erste Kutsche genommen, die nach Bad Hollen fuhr. Ein Mann mit geringerer psychischer und nervlicher Stärke hätte sich vielleicht hinreißen lassen, der endgültigen und unheilbaren Verzagtheit auf roheste Weise Ausdruck zu verleihen. Bartleboom jedoch war ein rechtschaffener und gerechter Mann, einer von denen, die einen gewissen Stil an den Tag legen, wenn es darum geht, die Launen des Schicksals hinzunehmen.

Er, Bartleboom, begann zu lachen.

Und zwar sich totzulachen, geradezu aus vollem Halse, er bog sich vor Lachen, war durch gar nichts mehr zu bremsen, mit Tränen und allem, was dazugehört, ein Schauspiel, ein babylonisches, ozeanisches, apokalyptisches Gelächter, das gar nicht mehr enden wollte. Die Diener im Hause Ancher wußten nicht, was sie tun sollten, es gab kein Mittel, ihn zum Aufhören zu bewegen, weder im Guten noch im Bösen, er platzte schier vor Lachen, eine verwirrende Angelegenheit, die zudem auch noch ansteckend wirkte; wie man weiß, fängt einer an, und alle anderen tun es ihm nach, das ist das Gesetz des Lachkrampfes, es ist wie die Pestilenz, man will ernst bleiben und bringt es nicht fertig, es ist unumgänglich, da kann man nichts machen, und so gaben die Diener einer nach dem anderen nach, obwohl sie eigentlich nichts zu lachen und im Gegenteil Anlaß genug hatten, sich angesichts der peinlichen, wenn nicht gar dramatischen Situation Sorgen zu machen, aber sie konnten nicht widerstehen, und einer nach dem anderen lachten sie wie die Irrsinnigen, zum Sich-in-die-Hose-Machen, wenn Sie verstehen, was ich meine, zum Sich-in-die-Hose-Machen, wenn sie nicht achtgaben. Schließlich legten sie ihn zu Bett. Aber er lachte sogar in der Horizontale weiter, und mit welcher Begeisterung, in welchem Ausmaß, ein wahrer Ausbund an Gelächter unter Glucksen, Tränen und Erstickungsanfällen, aber unbändig, ein wahrer Ausbund. Anderthalb Stunden später lachte er immer noch. Und er hatte nicht eine Sekunde damit aufgehört. Die Diener waren inzwischen am Ende ihrer Kräfte, sie liefen aus dem Haus, um dieses lachhafte, ansteckende Geschluchze nicht mehr anhören zu müssen, sie suchten das Weite, denn ihre Gedärme krümmten sich schon im Schmerz vor lauter Gelächter, sie versuchten, sich zu retten, man kann sie gut verstehen, es ging beinahe schon um Leben und Tod. Einfach unglaublich. Dann, auf einmal, hörte Bartleboom ohne Vorankündigung auf, als hätte er eine Ladehemmung, wurde unvermittelt ernst, schaute sich um, hatte den Diener im Blick, der ihm zufällig am nächsten war, und sagte völlig ernst zu ihm: »Haben Sie eine Mahagonikassette gesehen?« Dem schien es kaum wahr zu sein, daß er sich nützlich machen konnte, bloß damit jener endlich aufhörte. »Hier ist sie, Herr Bartleboom.«

»Schon gut, ich schenk’ sie Ihnen«, sagte Bartleboom und fing aufs neue an mit dem Gepruste, wie ein Verrückter, als hätte er einen unwiderstehlichen Witz gerissen, den schönsten seines Lebens, den größten, den witzigsten aller Witze, sozusagen. Von da an hörte er nicht mehr auf.

Die ganze Nacht verbrachte er unter großem Gelächter. Abgesehen von den Dienern im Hause Ancher, die nun mit Watte in den Ohren herumliefen, war es auch für das ganze Städtchen, das friedliche Hollenberg, eine lästige Angelegenheit, weil Bartlebooms Gelächter die eigentlichen Grenzen des Hauses wohl überwand und sich in der nächtlichen Stille ausbreitete, daß es nur so eine Freude war. Von Schlaf konnte keine Rede sein. Es war schon viel, wenn man ernst bleiben konnte. Und anfangs schaffte man es auch, ernst zu bleiben, vor allem, wenn man die Irritation wegen der Ruhestörung bedachte, aber dann ging der gesunde Menschenverstand schnell baden, und der Bazillus des Lachkrampfes breitete sich unaufhaltsam aus, befiel alle ohne Ausnahme, Männer und Frauen, nicht zu reden von den Kindern, wirklich alle. Wie eine Epidemie. Da gab es Häuser, in denen seit Monaten nicht mehr gelacht wurde, in denen man sich nicht einmal erinnerte, wie das ging. Leute, die tief in ihren Groll versunken waren und in ihr Elend. Den Luxus eines Lächelns hatten sie sich seit Monaten nicht gegönnt. Und in jener Nacht lachten sie hemmungslos, allesamt, daß sich die Bäuche bogen, noch nie hatte es so etwas gegeben; nachdem die Maske ihres unaufhörlichen Griesgrams gefallen war, erkannten sie sich kaum wieder, als sie sich gegenseitig offen ins Gesicht lachten. Eine Offenbarung. Da wurde die Freude am Leben zurückgewonnen, da sah man, wie eines nach dem anderen die Lichter wieder angezündet wurden in dem Städtchen, und man hörte, wie die Häuser vor lauter Lachen einkrachten, ohne daß es eigentlich etwas zum Lachen gab, sondern einfach so, wundersam, als sei gerade in jener Nacht das Faß der kollektiven und einhelligen Ergebenheit übergelaufen und wäre zum Wohl jeglichen Elends in hochheilige Flüsse voller maßlosem Gelächter in die gesamte Stadt ausgelaufen. Ein Konzert, das zu Herzen ging. Etwas Wunderbares. Und er, Bartleboom, dirigierte den Chor. Das war sozusagen seine Stunde. Und er dirigierte meisterhaft. Eine denkwürdige Nacht, sage ich Ihnen. Fragen Sie nach. Ein Feigling, der nicht zugeben wollte, daß es eine denkwürdige Nacht war.

Wie dem auch sei.

Gegen Tagesanbruch beruhigte er sich, ich meine, Bartleboom. Und dann allmählich auch das ganze Städtchen. Sie hörten erst allmählich und dann endgültig auf zu lachen. Wie es angefangen hatte, so hörte es auch wieder auf. Bartleboom bat, ihm etwas zu essen zu geben. Das Unternehmen hatte ihm, wie man verstehen wird, großen Hunger verursacht, schließlich ist es keine Kleinigkeit, die ganze Zeit über zu lachen, noch dazu mit solcher Begeisterung. Was die Gesundheit betraf, so hatte er anscheinend im Überfluß davon.

»Nie ging es mir besser«, bestätigte er einer Delegation von Bürgern, die, irgendwie dankbar und jedenfalls neugierig geworden, kamen, um sich nach seinem Zustand zu erkundigen. Bartleboom hatte in der Tat neue Freunde gewonnen. Offensichtlich war es sein Schicksal, daß er in der Gegend dort mit den Menschen so gut zurecht kam. Mit den Frauen ging es schief, das stimmt wohl, aber was die Leute betraf, so schien es, als wäre er für die Gegend dort wie geschaffen. Jedenfalls stand er auf, verabschiedete sich von allen und schickte sich an, seine Reise wiederaufzunehmen. In dieser Hinsicht hatte er einen präzisen Plan.

»Wie komme ich in die Hauptstadt?«

»Da müßten Sie nach Bad Hollen zurückkehren, mein Herr, und von dort aus nehmen Sie …«

»Das kommt überhaupt nicht in Frage«, und er fuhr mit der Kalesche eines Nachbarn, der Schmied war, ein Talent in seiner Branche, ein wahres Talent, in entgegengesetzter Richtung davon. Die Nacht hatte der Schmied damit zugebracht, sich vor Lachen auszuschütten. Er hatte also gewissermaßen eine Dankesschuld abzutragen. An dem Tag schloß er seine Werkstatt und brachte Bartleboom weg aus der besagten Gegend, weg von den Erinnerungen und von allem, zum Teufel, nie mehr wollte er dahin zurückkehren, der Professor, sie war vorbei, diese Geschichte, ob sie nun gut oder schlecht ausgegangen war, sie war zu Ende, ein für allemal, Herrgott Sakrament. Vorbei.

So.

Danach hat Bartleboom es nicht mehr versucht. Sich zu verheiraten. Er sagte, die Zeiten seien vorbei, aus und vorbei. Ich glaube, daß er wohl ein wenig darunter litt, aber er ließ es sich nicht anmerken, dafür war er nicht der Typ, seine Kümmernisse behielt er für sich und war fähig, darüber hinwegzugehen. Er war eben einer von denen, die eine heitere Anschauung vom Leben haben. Einer in Frieden mit sich selbst, wenn Sie verstehen, was ich meine. In den sieben Jahren, in denen er hier unter uns gewohnt hat, war es immer ein Vergnügen, ihn hier zu haben, unter uns und oft auch bei uns wie ein Familienmitglied, und in einem gewissen Sinne war er das auch. Hinzu kommt, daß er auch in einem völlig anderen Stadtviertel hätte wohnen können, mit all dem Geld, das er in der letzten Zeit bekam, Erbschaften, damit wir uns recht verstehen, seine Tanten, die eine nach der anderen fielen wie reife Äpfel, mögen sie ruhen in Frieden, die ganze Prozession von Notaren, ein Testament nach dem anderen, und alle füllten wohl oder übel Bartlebooms Taschen mit barem Geld. Folglich hätte er, wenn er gewollt hätte, ganz woanders wohnen können. Aber er blieb hier. Er sagte, daß er sich wohl fühlte in unserem Viertel. Er wußte die Dinge zu würdigen, sozusagen. Auch daran erkennt man einen Menschen.

An seiner Enzyklopädie der Grenzen undsoweiterundsofort arbeitete er bis zuletzt weiter. Er hatte gerade angefangen, sie neu zu schreiben. Er sagte, die Wissenschaft mache Riesenschritte vorwärts und man fände deshalb nie ein Ende mit Aktualisieren, Spezifizieren, Korrigieren und Nachfeilen. Der Gedanke, daß die Enzyklopädie über die Grenzen letztendlich zu einem Buch werden würde, das niemals fertig wurde, faszinierte ihn. Ein unendliches Buch. Es war schon eine tolle Absurdität, wenn man es recht bedenkt, und er lachte darüber, er erklärte es mir wieder und wieder, selbst erstaunt und sogar belustigt. Ein anderer hätte womöglich darunter gelitten. Aber er war, wie gesagt, fürs Wehklagen nicht geschaffen. Er war ein Heiterer.

Es versteht sich von selbst, daß er auch das Sterben auf seine Weise erledigt hat. Dezent, ohne großes Aufsehen. Eines Tages legte er sich ins Bett, es ging ihm nicht gut, und eine Woche später war alles vorbei. Man merkte gar nicht recht, ob er in jenen Tagen litt oder nicht, ich fragte ihn danach, aber ihm war nur daran gelegen, daß wir nicht traurig wurden, wir alle, wegen einer solchen Geringfügigkeit. Ihm war es unangenehm, jemanden zu belästigen. Nur einmal bat er mich um den Gefallen, eines von den Bildern seines Malerfreundes, das an der Wand hing, direkt vor sein Bett zu postieren. Auch das war eine unglaubliche Geschichte, die Geschichte von der Sammlung der Plassons. Fast alle weiß, wenn Sie mir glauben wollen. Aber er hing sehr daran. Auch das, was ich damals vor seinem Bett aufhängte, war ganz weiß, vollständig weiß, er suchte sich unter allen dieses aus, und ich hängte es ihm so hin, daß er es vom Bett aus gut sehen konnte. Es war weiß, ich schwör’s. Aber er schaute es an, wieder und wieder, er wendete es sozusagen in seinen Augen hin und her.

»Das Meer …«, sagte er leise.

Er starb an einem Morgen. Er schloß die Augen und machte sie nicht mehr auf. Ganz einfach.

Ich weiß nicht. Es gibt Menschen, die sterben, und bei allem Respekt ist es kein Verlust. Aber er war einer von denen, bei denen du es spürst, wenn sie nicht mehr da sind. Als ob die ganze Welt von einem Tag zum anderen ein wenig schwerer wiegen würde. Kann gut sein, daß dieser Planet und alles andere sich nur deshalb in der Luft halten kann, weil viele Bartlebooms darauf verstreut sind, die dafür sorgen, daß er oben bleibt. Mit ihrer Leichtigkeit. Nicht, daß sie wie Helden aussähen, aber trotzdem sind sie es, die dafür sorgen, daß alles weiterläuft. So sind sie. Bartleboom war so einer.

Zum Beispiel: er war einer, der es fertigbrachte, sich an irgendeinem beliebigen Tag auf der Straße bei dir unterzuhaken und dir in aller Heimlichkeit zu sagen:

»Ich hab’ schon mal Engel gesehen. Am Ufer des Meeres.«

Dabei glaubte er gar nicht an Gott, er war Wissenschaftler und nicht allzu empfänglich für die Dinge der Kirche, wenn Sie verstehen, was ich meine. Trotzdem hatte er Engel gesehen. Und sagte es einem auch. Er hakte dich unter, an irgendeinem Tag auf der Straße, und mit Verwunderung in den Augen sagte er es dir.

»Ich hab’ schon mal Engel gesehen.«

Mußte man so einen nicht einfach gern haben?