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»Pater Pluche …«

»Ja, Herr Baron.«

»Morgen wird meine Tochter fünfzehn.«

»…«

»Vor acht Jahren habe ich sie in Ihre Obhut gegeben.«

»…«

»Sie haben sie nicht geheilt.«

»Nein.«

»Sie wird eines Tages heiraten müssen.«

»…«

»Sie wird dieses Schloß verlassen und in die Welt hinaus müssen.«

»…«

»Sie soll Kinder bekommen und …«

»…«

»Kurz und gut, sie wird doch anfangen müssen zu leben, endlich einmal.«

»…«

»…«

»…«

»Pater Pluche, meine Tochter muß geheilt werden.«

»Ja.«

»Finden Sie jemand, der sie heilen kann. Und bringen Sie ihn her.«

 

Der berühmteste Doktor im Land hieß Atterdel. Viele hatten mit angesehen, wie er Tote zum Leben erweckte, Leute, die schon mehr drüben als hüben, die genaugenommen schon gegangen, geliefert waren, und er hatte sie aus der Hölle geangelt und dem Leben zurückgegeben, was, wenn man so will, auch etwas peinlich, manchmal gar unangebracht war, doch muß man Verständnis dafür haben, denn das war nun mal sein Handwerk, und niemand beherrschte es so gut wie er, so daß die betroffenen Auferstandenen, ihre Freunde und alle Verwandten wohl oder übel wieder von vorn anfangen und Tränen und Erbe auf bessere Zeiten verschieben mußten; beim nächsten Mal werden sie wahrscheinlich rechtzeitig darüber nachdenken und einen normalen Doktor rufen, einen von denen, der sie umbringt und basta, und nicht so einen wie diesen hier, der sie wieder auf die Füße stellt, nur weil er der berühmteste im ganzen Land ist. Und der teuerste sowieso.

Pater Pluche dachte also an Doktor Atterdel. Nicht, daß er den Ärzten in besonderem Maße vertraute, das nicht, aber in allen Belangen, bei denen es um Elisewin ging, fühlte er sich gehalten, mit dem Kopf des Barons zu denken statt mit dem eigenen. Und des Barons Kopf dachte, wo Gott scheiterte, könnte womöglich die Wissenschaft es schaffen. Gott war gescheitert. Jetzt war Atterdel an der Reihe.

Er kam in einer schwarzen, glänzenden Kutsche zum Schloß, als ob er Trauer trüge, machte dabei aber gleichwohl einen imposanten Eindruck. Schnellen Schrittes stieg er die Treppe hinauf, und als er vor Pater Pluche stand, fragte er, fast ohne ihn anzuschauen:

»Sind Sie der Baron?«

»Schön wär’s.«

Das war typisch Pater Pluche. Er konnte sich einfach nicht beherrschen. Er sagte nie, was er eigentlich hätte sagen sollen. Vorher kam ihm immer etwas andres in den Sinn. Einen Augenblick vorher. Der aber war mehr als ausreichend.

»Dann sind Sie Pater Pluche.«

»Richtig.«

»Sie also haben mir geschrieben.«

»Ja.«

»Nun, Sie haben eine eigentümliche Art zu schreiben.«

»Wie meinen Sie das?«

»Sie brauchten nicht alles in Versform zu schreiben. Ich wäre trotzdem gekommen.«

»Sind Sie sich dessen sicher?«

Hier zum Beispiel wäre die richtige Antwort gewesen:

»Verzeihen Sie, das war eine alberne Spielerei«, und in der Tat kam dieser Satz perfekt zusammengesetzt in Pater Pluches Kopf an, geradlinig und sauber, doch mit einem winzigen Augenblick Verspätung, so daß ihm von ganz unten her ein dummes Geplapper nach oben rutschte, das – sobald es an der stummen Oberfläche auftauchte – sich in unwidersprechlicher Klarheit als die gänzlich unpassende Frage herauskristallisierte:

»Sind Sie sich dessen sicher?«

Atterdel richtete seinen Blick auf Pater Pluche. Eigentlich war es mehr als ein Blick. Es war eine ärztliche Untersuchung.

»Ich bin mir sicher.«

Das haben sie Gutes an sich, die Männer der Wissenschaft: Sie sind sich sicher.

»Wo ist das junge Mädchen?« 

 

»Ja … Elisewin … So heiße ich. Elisewin.«

»Ja, Herr Doktor.«

»Nein, wirklich nicht, ich habe keine Angst. Ich spreche immer so. Das ist meine Stimme. Pater Pluche sagt …«

»Danke, mein Herr.«

»Ich weiß auch nicht. Die sonderbarsten Dinge. Aber es ist keine Angst, wirkliche Angst, es ist etwas anderes … die Angst kommt von außen, das habe ich schon begriffen, man steht da, und die Angst kommt über einen, du bist da, und sie ist es auch … so ist das … sie ist da, und ich bin auch da. Was mir hingegen geschieht, ist, daß ich auf einmal nicht mehr da bin, nur sie ist noch da … das ist aber nicht die Angst … ich weiß nicht, was es ist, wissen Sie es?«

»Ja, mein Herr.«

»Ja, mein Herr.«

»Ein bißchen ist es wie sterben. Oder dahinschwinden. Gerade so: dahinschwinden. Du meinst, die Augen gleiten dir aus dem Gesicht, und die Hände werden zu Händen von jemand anderem, und du denkst, was ist los mit dir? Gleichzeitig pocht dein Herz zum Zerspringen, läßt dich nicht in Frieden … und es kommt dir vor, als würden sich überall Stücke von dir ablösen, und du fühlst sie nicht mehr … so, als seist du im Begriff zu vergehen; dann sage ich mir, du mußt an irgend etwas denken, du mußt dich an einem Gedanken festkrallen; wenn ich es fertigbringe, mich in dem Gedanken ganz klein zu machen, dann wird das alles vorbeigehen, ich muß nur durchhalten, aber Tatsache ist – und das ist wirklich entsetzlich – Tatsache ist, daß keine Gedanken mehr da sind, nirgendwo in dir, nicht ein einziger Gedanke mehr, sondern nur noch Empfindungen, verstehen Sie? Empfindungen … und die stärkste ist ein höllisches Fieber, ein unerträglicher Modergeruch, ein Todesgeschmack, hier im Hals, ein Fieber und ein Schraubstock, etwas, was sich festbeißt, ein Dämon, der dich beißt und zerfetzt, eine …«

»Entschuldigen Sie, mein Herr.«

»Ja, manchmal ist es auch alles viel … einfacher, ich meine, ich spüre, wie ich vergehe, ja, aber sanft, ganz langsam, es sind die Gefühle, Pater Pluche sagt, daß es die Gefühle sind, er sagt, ich habe nichts, um mich vor Gefühlsausbrüchen zu schützen, und so kommt es, daß mir die Dinge direkt in die Augen zu dringen scheinen und in meine …«

»Ja, in meine Augen.«

»Nein, daran kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß, daß es mir schlecht geht, aber … Manchmal gibt es Dinge, die mich überhaupt nicht erschrecken, ich meine, nicht immer ist es so, letzte Nacht hat es ein fürchterliches Gewitter gegeben, Blitze, Sturm … aber ich war ganz ruhig, wirklich, ich hatte überhaupt keine Angst oder etwas derart … Aber dann genügt schon eine Farbe oder die Form eines Gegenstandes oder … das Gesicht eines Mannes, der vorübergeht, ja richtig, Gesichter … Gesichter können furchtbar sein, nicht wahr? Manchmal sind da Gesichter, die sind so echt, daß ich meine, sie wollten über mich herfallen, Gesichter, die schreien, verstehen Sie, was ich meine? Sie schreien dich an, ganz furchtbar ist das, es gibt keinen Schutz davor, es gibt keinen …«

»Die Liebe?«

»Pater Pluche liest mir ab und zu aus Büchern vor. Die tun mir nicht weh. Mein Vater ist dagegen, aber … nun ja, es sind auch aufwühlende Geschichten dabei, verstehen Sie? Mit Leuten, die morden, die sterben … doch ich könnte mir alles anhören, wenn es nur aus einem Buch kommt, das ist ja das Merkwürdige, ich bringe es sogar fertig zu weinen, das ist etwas Zartes, der Modergeruch des Todes hat nichts damit zu tun, ich weine, das ist alles, und Pater Pluche liest mir weiter vor, und das finde ich sehr schön, aber mein Vater darf es nicht erfahren, er weiß nichts davon, und es ist vielleicht besser, wenn …«

»Gewiß liebe ich meinen Vater. Warum?«

»Die weißen Teppiche?«

»Ich weiß nicht.«

»Eines Tages habe ich meinen Vater gesehen, während er schlief. Ich bin in sein Zimmer gekommen und habe ihn gesehen. Meinen Vater. Er schlief ganz zusammengerollt, wie Kinder es tun, auf der Seite liegend, mit angezogenen Beinen, die Hände zu Fäusten geballt … nie werde ich es vergessen … mein Vater, der Baron von Carewall. Er schlief, wie Kinder schlafen. Verstehen Sie das? Wie kann man keine Angst haben, wenn selbst … wie kann es sein, wenn sogar …«

»Ich weiß nicht. Hierher kommt nie jemand …«

»Hin und wieder. Ich merke das doch. Sie sprechen leise, wenn ich dabei bin, und anscheinend bewegen sie sich auch … auch langsamer, als hätten sie Angst, etwas kaputtzumachen. Ich weiß aber nicht, ob …«

»Nein, das ist nicht schwer … es ist anders, ich weiß nicht, es ist, als sei man …«

»Pater Pluche sagt, daß ich eigentlich ein Nachtfalter hätte sein müssen, aber dann ist ein Fehler passiert, und so bin ich hierher gekommen, aber man hätte mich eigentlich nicht gerade hier ablegen dürfen, und deshalb ist jetzt alles etwas schwierig, es ist normal, daß mir alles Schmerzen verursacht, ich muß sehr viel Geduld haben und abwarten; man kann sich vorstellen, wie schwer es ist, einen Schmetterling in eine Frau zu verwandeln.«

»Ist gut, mein Herr.«

»Aber es handelt sich um eine Art Spiel, es ist nicht richtig wahr, aber auch nicht richtig falsch, wenn Sie Pater Pluche kennen würden …«

»Gewiß, mein Herr.«

»Eine Krankheit?«

»Ja.«

»Nein, Angst habe ich keine. Davor habe ich keine Angst, wirklich nicht.«

»Das werde ich tun.«

»Ja.«

»Ja.«

»Dann leben Sie wohl.«

»……………………«

»Mein Herr …«

»Mein Herr, verzeihen Sie …«

»Mein Herr, ich wollte noch sagen, ich weiß, daß es mir schlechtgeht und ich manchmal nicht einmal fähig bin hinauszugehen, selbst zu rennen fällt mir …«

»Ich wollte noch sagen, daß ich es will, das Leben, ich würde alles tun, um es zu besitzen, alles, was an Leben vorhanden ist, selbst wenn ich darüber wahnsinnig würde, ganz egal, selbst, wenn ich verrückt werden würde dabei, aber das Leben will ich nicht verpassen, ich will es wirklich, selbst wenn es tödlich schmerzen sollte, ich will leben. Ich werde es schaffen, nicht wahr?«

»Ich werde es doch schaffen?« 

 

Da die Wissenschaft merkwürdig ist wie ein seltsames Tier, das sich seine Höhle an den absonderlichsten Orten sucht und nach peinlich genauen Plänen arbeitet, die von Außenstehenden für völlig undurchschaubar und manchmal geradezu komisch gehalten werden; sie scheinen ein Herumvagabundieren im Leeren zu sein, dagegen sind es geometrische Jagdpfade, mit geschickter Kunstfertigkeit aufgestellte Fallen und strategische Schlachten, die einen unter Umständen in Erstaunen versetzen können, wie es nämlich dem Baron von Carewall geschah, als jener schwarz gekleidete Doktor schließlich zu ihm sprach, wobei er ihm mit kaltblütiger Selbstsicherheit, wenn auch – so könnte man sagen – mit einem Hauch von Zartgefühl, in die Augen schaute, eine völlige Absurdität, wenn man die Männer der Wissenschaft und Doktor Atterdel im besonderen kannte, dennoch nicht gänzlich unverständlich, wäre man fähig, bis in den Kopf des selbigen Atterdel vorzudringen, besonders aber in seine Augen, in denen sich das Bild jenes gewichtigen und starken Mannes – keines Geringeren als des Barons von Carewall persönlich – fortwährend in den Anblick eines in seinem Bett zusammengerollten Mannes verwandelte, der darin schlief wie ein Kind, der große und mächtige Baron und das kleine Kind, der eine in dem anderen waren sie voneinander nicht mehr zu unterscheiden, so daß er am Ende ganz gerührt war, obwohl es sich um einen echten Wissenschaftler handelte, und unbestreitbar war Doktor Atterdel ein solcher in dem Augenblick, in dem er mit kaltblütiger Selbstsicherheit und einem Hauch von Zartgefühl dem Baron von Carewall in die Augen schaute und ihm sagte: Ich kann Ihre Tochter retten – er kann meine Tochter retten –, aber es wird nicht leicht und auf eine gewisse Weise auch äußerst riskant sein – riskant? –, es ist ein Experiment, wir wissen noch nicht mit Sicherheit, zu welchen Auswirkungen es möglicherweise kommt, glauben aber, daß es in Fällen wie diesem helfen kann, das haben wir oft genug erlebt, aber niemand kann mit Sicherheit sagen … da ist er, der unanfechtbar logische Fallstrick der Wissenschaft, die unerforschlichen Jagdpfade, der Kampf, den der schwarz gekleidete Mann gegen die schleichende und nicht faßbare Krankheit eines jungen Mädchens aufnehmen wird, das zu zerbrechlich ist, um zu leben, und zu lebendig, um zu sterben. Gegen eine eingebildete Krankheit, die aber einen Feind hat, einen ungeheuren dazu: ein riskantes, aber durchschlagendes, wenn auch bei genauer Sicht absurdes Heilmittel, so absurd, daß selbst der Mann der Wissenschaft die Stimme senkt in ebendem Augenblick, in dem er vor den regungslosen Augen des Barons den Namen ausspricht, nicht mehr als ein Wort, aber es ist das, was seine Tochter retten oder umbringen, wahrscheinlicher aber retten wird, ein Wort nur, ein auf seine Weise grenzenloses, ein magisches gar, ein unzumutbar einfaches Wort.

»Das Meer?«

Reglos, die Augen des Barons von Carewall. So weit seine Ländereien reichen, gibt es in dem Augenblick nirgends ein kristallklareres Staunen als das, was gerade auf seinem Herzen um Gleichgewicht ringt.

»Sie wollen meine Tochter durch das Meer retten?«