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Denn das Meer hatte der Baron von Carewall nie gesehen. Seine Ländereien waren Land: und Steine, Hügel, Sümpfe, Felder, schroffe Abhänge, Berge, Wälder und Lichtungen. Land. Meer gab es dort keines.
Für ihn war das Meer eine Idee. Oder genauer gesagt, eine Abfolge von Phantasiebildern. Es war etwas, das im – durch Gottes Hand zweigeteilten – Roten Meer entsprang und sich, im Gedanken an die Sintflut, ausgebreitet hatte; an der Stelle verwischte es sich, um später in den bauchigen Umrissen einer Arche wieder aufzutauchen und sich übergangslos mit dem Gedanken an Walfische zu verbinden – die er zwar nie gesehen, sich aber oft genug vorgestellt hatte –, von wo es – jetzt wieder ziemlich deutlich – in die wenigen Geschichten einfloß, die ihm zu Ohren gekommen waren, Geschichten von monströsen Fischen und Drachen und Untermeeresstädten, ein Crescendo phantastischer Pracht, das jählings zu den strengen Gesichtszügen eines seiner Vorfahren – für alle Zeiten in der eigens dafür eingerichteten Galerie eingerahmt – verkümmerte, von dem behauptet wurde, er sei ein Abenteurer an der Seite Vasco da Gamas gewesen: Von seinen etwas bösartigen Augen aus nahm die Vorstellung vom Meer nun einen unseligen Weg, sprang über einige Ungewisse Berichte mit freibeuterischen Übertreibungen, verhaspelte sich in einem Zitat des heiligen Augustinus, wonach der Ozean das Haus des Teufels sei, ging zurück auf einen Namen – Thessala –, der vielleicht ein versunkenes Schiff bezeichnete oder eine Amme, die Märchen von Schiffen und Kriegen erzählte, rührte leicht an den Duft gewisser Stoffe, die aus fernen Ländern bis zu ihm gelangt waren, und kam schließlich wieder zum Vorschein in den Augen einer Frau aus Übersee, die er viele Jahre zuvor kennengelernt und nie wiedergesehen hatte, um schließlich, am Ende einer derartigen geistigen Schiffsreise, bei dem Duft einer Frucht anzugelangen, von der man ihm berichtet hatte, sie wachse nur an der Meeresküste in südlichen Ländern: und wenn man sie äße, schmecke man das Aroma der Sonne. Da der Baron von Carewall es niemals gesehen hatte, reiste das Meer in seinem Geist wie ein blinder Passagier auf einem im Hafen liegenden Segelschiff mit eingerollten Segeln: arglos und überflüssig.
Dort hätte es in Ewigkeit liegen bleiben können. Statt dessen wurde es unvermittelt aufgescheucht durch die Worte eines schwarz gekleideten Mannes namens Atterdel, durch das unerbittliche Urteil eines Mannes der Wissenschaft, den man gerufen hatte, ein Wunder zu vollbringen.
»Ich werde Ihre Tochter retten. Und zwar mit dem Meer.«
Ins Meer hinein. Es war nicht zu fassen. Das verpestete, verrottete Meer, Sammelbecken des Grausens, antikes und heidnisches menschenfressendes abgrundtiefes Ungeheuer, seit jeher gefürchtet, und jetzt plötzlich fordern sie dich auf wie zu einem Spaziergang, befehlen sie dir zur Therapie, drängen sie dich mit unerbittlicher Höflichkeit, ins Meer hinein zu steigen. Die Modetherapie heutzutage. Möglichst kaltes und stark salzhaltiges, bewegtes Meer, wobei die Welle ein wesentlicher Bestandteil der Kur ist, denn sie birgt Schreckliches in sich, das technisch überwunden und moralisch beherrscht werden muß, eine Herausforderung, die furchtbar – wenn man es recht bedenkt – furchtbar ist. Das alles in der Gewißheit – sagen wir, in der Überzeugung –, daß der große Schoß des Meeres die Kapsel der Krankheit sprengen, die Kanäle des Lebens ankurbeln, die wohltuenden Absonderungen der Hauptund Nebendrüsen vermehren wird, als ideale Tinktur für Wasserscheue, Melancholiker, Impotente, Blutarme, Einsame, Bösewichte, Neider, und Irrsinnige.
So wie der Irrsinnige, den man in Brixton den undurchdringlichen Blicken von Ärzten und Wissenschaftlern aussetzte, ihn mit Gewalt ins eiskalte, von den Wellen aufgewühlte Wasser tauchte und wieder herauszog, Reaktionen und Gegenreaktionen maß und ihn aufs neue – gewaltsam, versteht sich – untertauchte, bei acht Grad Celsius mit dem Kopf unter Wasser; er taucht auf wie ein Gebrüll, mit animalischer Kraft befreit er sich von den Pflegern und sonstigem Personal, alles geübte Schwimmer, was allerdings nichts nützt gegen das blinde Wüten des Tiers, das fortläuft – fortläuft – nackt durch das Wasser rennend und die Wut über die vernichtende Strafe, die Scham und den Schrecken herausbrüllt. Der ganze Strand ist gelähmt vor Entsetzen, während das Tier rennt und rennt und die Frauen in der Ferne den Blick abwenden, obwohl sie es gerne sähen – und wie gerne sie es sähen –, das Tier in seinem Lauf und, sprechen wir es aus, seine Nacktheit, gerade die, die ruckartig im Meer torkelnde Nacktheit, geradezu schön anzusehen in dem grauen Licht, von einer Schönheit, die all die Jahre frommer Pensionatserziehung und Schamröte aufweicht und geradewegs hinläuft, wo sie hinlaufen muß, über die Nervenbahnen der schüchternen Frauen ins Geheime der gewichtigen, unschuldigen Röcke, die Frauen. Es schien plötzlich, als habe das Meer seit jeher auf sie gewartet. Wenn man den Ärzten Glauben schenken soll, war es seit Jahrtausenden da, sich geduldig vervollkommnend, in der einzigen, offenkundigen Absicht, sich ihren Leiden an Leib und Seele als Wundertinktur anzubieten. So wie in untadeligen Salons untadelige, ihren Tee nippende Doktoren fortwährend untadeligen Ehemännern und Vätern in gemessenen Worten mit geradezu paradoxer Höflichkeit erklärten, daß das Ekelerregende des Meeres ebenso wie der Schock und das Entsetzen in Wirklichkeit die seelenberuhigende Therapie für Sterilität, Appetitlosigkeit, nervliche Erschöpfungszustände, Wechseljahre, Überreiztheiten, Unruhezustände und Schlaflosigkeit darstellte. Das ideale Verfahren, um jugendliche Erregungszustände zu heilen und auf die Mühen der ehelichen Pflichten vorzubereiten. Feierliche Aufnahmetaufe für die zu Frauen gewordenen jungen Mädchen. Wenn man jetzt einmal kurz den Irren im Meer von Brixton vergessen wollte, (der Irre rannte immer weiter, jetzt aber ins Tiefe, bis er nicht mehr zu sehen war, ein wissenschaftlicher Befund, der den Statistiken der medizinischen Akademie entwichen war und sich selbst spontan dem Leib des Ozeanmeers ausgeliefert hatte) wenn man den einmal vergessen wollte, (verdaut vom großen Wasserdarm, nie an den Strand zurückgeschwemmt, nie in die Welt zurückgespuckt, wie man hätte erwarten können, als eine unförmige, blaßblaue Blase) könnte man sich eine Frau vorstellen – eine Frau – eine geachtete, geliebte, Mutter, Frau. Aus welchem Grund auch immer – Krankheit – an ein Meer gebracht, das sie sonst nie zu Gesicht bekommen hätte und das nun der Maßstab für ihre Genesung ist, unermeßlicher, wahrhaftiger Maßstab, auf den sie blickt und den sie nicht durchschaut. Mit offenen Haaren und nackten Füßen, was nicht belanglos ist, sondern absurd, mit ihrer weißen Tunika und den Hosen, die die Knöchel unbedeckt lassen; man erahnt ihre schmalen Hüften, auch das ist absurd, nur im ehelichen Zimmer hat sie sich so gezeigt, und dennoch zeigt sie sich jetzt so an einem langen, breiten Strand, wo nicht die Luft des Brautgemachs stickig steht, sondern der Wind vom Meer her weht und das Edikt wilder Freiheit mitbringt, welche verdrängt, vergessen, unterdrückt, entwertet war zugunsten eines ganzen Lebens als Mutter, Gattin, Geliebte, Frau. Und klar ist: Sie kann nicht umhin, es zu spüren. Die Leere ringsumher, ohne Wände und geschlossene Türen, vor sich allein ein unermeßlicher, erregender Wasserspiegel, er allein wäre schon ein Fest für die Sinne, Orgie der Nerven, und dabei wird alles erst noch geschehen, der Biß des eiskalten Wassers, die Angst, die flüssige Umarmung des Meeres, das Kribbeln auf der Haut, das Herz im Hals …
Sie wird ans Wasser geführt. Über ihr Gesicht legt sich – erhabenes Verbergen – eine seidene Maske.
Andererseits hatte nie jemand den Kadaver des Irren von Brixton für sich beansprucht. Das muß man sagen. Die Ärzte experimentierten, das muß man verstehen. Es waren unglaubliche Paare im Umlauf, der Kranke und sein Arzt, sehr elegante, durchsichtige Kranke, gottgewollt langsam von der Seuche zerfressen, und Ärzte, wie die Mäuse im Keller auf der Suche nach Indizien, nach Beweisen, Zahlen und Ziffern: Sie belauerten die Bewegungen der Krankheit in deren planloser Flucht vor dem Hinterhalt einer widersinnigen Therapie. Sie tranken das Meerwasser, so weit war es gekommen, das Wasser, das bis gestern schrecklich und ekelerregend war, Privileg einer verlassenen, barbarischen Menschheit mit sonnenverbrannter Haut, bedrückender Unrat. Jetzt tranken sie es schlückchenweise, diese himmlischen Versehrten, die den Strand entlangspazierten und kaum wahrnehmbar ein Bein nachzogen, hervorragend ein vornehmes Hinken vortäuschend, das sie davor bewahren sollte, dem alltäglichen Gebot zu folgen, ein Bein vor das andere zu setzen. Alles war Therapie. Manch einer fand eine Gattin, andere schrieben Gedichte, es war die Welt, wie sie immer war – abstoßend, genau besehen –, nur hatte sie sich auf einmal – zu ausschließlich medizinischen Zwecken – am Rande eines jahrhundertelang verabscheuten Abgrundes angesiedelt, der plötzlich – ebenso freiwillig wie wissenschaftlich – ausersehen worden war als Promenade des Schmerzes.
Wellenbad nannten es die Ärzte. Es gab sogar eine Maschinerie, ganz im Ernst, eine Art Sänfte, patentiert sogar, um ins Meer zu gelangen. Sie diente den Damen, den verheirateten und unverheirateten selbstverständlich, um sich vor indiskreten Blicken zu schützen. Sie stiegen in die Sänfte, die von allen Seiten mit Vorhängen in gedeckten Farben – Farben, die gewissermaßen nicht schreiend waren – verschlossen war, und ließen sich ein paar Meter weit ins Meer hinein tragen, und dort, die Sänfte auf Wasserhöhe, stiegen sie hinab und nahmen ein Bad als Behandlung: fast unsichtbar hinter ihren Vorhängen, im Wind schwingenden Vorhängen, Tabernakeln gleichende, auf dem Wasser treibende Sänften, Vorhänge als Schutz vor einer unerklärlichen, im Wasser wie verloren wirkenden Zeremonie, ein Schauspiel, vom Strand aus gesehen. Das Wellenbad.
Nur die Wissenschaft versteht sich auf gewisse Dinge, das ist die Wahrheit. Jahrhunderte des Ekels wegzuwischen – das schreckliche Meer, Hort der Verwesung und des Todes – und jene Idylle zu erfinden, die sich nach und nach über alle Strände
der Welt verbreitet. Heilungen wie Liebschaften. Und dann dieses: Am Strand von Depper spülte eines Tages eine Welle ein Boot an Land, ein Wrack, wenig mehr als ein Relikt. Und da waren sie, die von der Krankheit Verführten, über den kilometerlangen Strand verstreut, ein jeder für sich, um die Begattung mit dem Meer zu vollziehen, elegante Verzierungen im unübersehbar weiten Sand, ein jeder in seiner eigenen Luftblase der Erregung, zwischen Lüsternheit und Angst. Im guten Glauben an die Wissenschaft, die sie dorthin berufen hatte, stiegen alle langsamen Schrittes von ihrem Himmel herab und begaben sich zu jenem Wrack, das zögerte, sich in den Sand zu bohren, wie ein Bote, der Angst vor der Ankunft hat. Sie traten näher heran. Sie zogen es aufs Trockene. Und sahen ihn. Im hinteren Teil des Bootes liegend, den Blick nach oben gerichtet, einen Arm ausgestreckt, als wolle er ihnen etwas reichen, was nicht mehr vorhanden war. Sie sahen ihn: einen Heiligen. Die Statue war aus Holz. Angemalt. Der Umhang reichte ihm bis zu den Füßen, eine Wunde durchschnitt seinen Hals, seine Miene jedoch verriet nichts davon, aus ihr sprach eine sanfte, überirdische Heiterkeit. Nichts weiter befand sich in dem Boot, nur der Heilige. Er allein. Und alle schauten einen Augenblick lang instinktiv auf und suchten auf der Fläche des Ozeans den Umriß einer Kirche, ein verständlicher, wenn auch irrationaler Gedanke, da waren weder Kirchen noch Kreuze noch Pfade, das Meer hat keine Wege, das Meer hat keine Erklärungen.
Die Blicke Dutzender Versehrter wie auch schwindsüchtiger, wunderschöner, ferner Frauen, die der Mäuseärzte, der Helfer und Wärter, der gealterten Voyeure, der Neugierigen, Fischer, jungen Mädchen und – eines Heiligen. Verwirrt, sie alle und auch er, und unentschlossen.
Eines Tages, am Strand von Depper.
Niemand hat es je verstanden.
Nie.
»Bringen Sie sie nach Daschenbach, für Wellenbäder ist es der ideale Strand. Drei Tage. Ein Unterwasserbad am Morgen und eines am Abend. Fragen Sie nach Doktor Taverner, er wird sich um alles Nötige kümmern. Hier ist ein Empfehlungsschreiben für ihn. Nehmen Sie.«
Der Baron nahm den Brief, ohne ihn auch nur anzuschauen.
»Sie wird daran zugrunde gehen«, sagte er.
»Das ist möglich. Aber sehr unwahrscheinlich.«
Nur bedeutende Ärzte können so zynisch präzise sein.
Atterdel war der bedeutendste.
»Sagen wir so, Baron: Sie können dieses Mädchen noch jahrelang hier drinnen behalten, sie auf weißen Teppichen laufen und unter lauter schwebenden Menschen schlafen lassen. Aber eines Tages wird eine Gemütsbewegung, die Sie nicht vorhersehen können, sie mit sich fort nehmen. Amen. Oder aber Sie gehen das Risiko ein, folgen meinen Verordnungen und hoffen auf Gott. Das Meer wird Ihnen Ihre Tochter zurückbringen. Tot, kann sein. Falls aber lebendig, wirklich lebendig.«
Zynisch exakt.
Der Baron rührte sich nicht von der Stelle, den Brief in der Hand, auf halber Strecke zwischen sich und dem schwarz gekleideten Arzt.
»Sie haben keine Kinder.«
»Diese Tatsache ist völlig bedeutungslos.«
»Jedenfalls haben Sie keine.«
Er betrachtete den Brief und legte ihn zögernd auf den Tisch.
»Elisewin soll hierbleiben.«
Stille, einen Augenblick lang, aber nur einen Augenblick.
»Das kommt überhaupt nicht in Frage.«
Das war Pater Pluche. In Wirklichkeit war der Satz, der in seinem Gehirn losging, weitaus umfangreicher und ähnelte mehr einem Satz wie: »Vielleicht sollte man jegliche Entscheidung aufschieben und erst einmal gründlich darüber nachdenken, was …«: so in etwa. Doch die Aussage: »Das kommt überhaupt nicht in Frage« war die eindeutig geschicktere und schnellere Aussage und hatte keine große Mühe, durch die Maschen der anderen Wörter hindurchzuschlüpfen und an der Oberfläche des Schweigens aufzutauchen wie eine unvorhergesehene und unvorhersehbare Boje.
»Das kommt überhaupt nicht in Frage.«
Es war das erstemal in sechzehn Jahren, daß Pater Pluche es wagte, dem Baron in einer das Leben Elisewins betreffenden Angelegenheit zu widersprechen. Er verspürte einen seltsamen Taumel: als hätte er sich soeben aus dem Fenster gestürzt. Er war ein Mann mit einem gewissen Sinn fürs Praktische: Da er nun schon einmal in der Luft schwebte, entschloß er sich, es mit dem Fliegen zu versuchen.
»Elisewin wird bis ans Meer fahren. Ich werde sie hinbringen. Und falls es nötig ist, werden wir monate- oder jahrelang dort bleiben, so lange, bis sie die Kraft findet, sich dem Wasser und allem anderen zu stellen. Und am Ende wird sie zurückkommen: lebendig. Jede andere Entscheidung wäre eine Dummheit, schlimmer noch, Feigheit. Und wenn Elisewin Angst hat, dürfen wir nicht auch welche haben; ich jedenfalls werde keine haben. Sie ist nicht darauf aus zu sterben. Leben, das ist es, was sie will. Und was sie will, soll sie bekommen.«
Er redete, Pater Pluche, daß es kaum zu glauben war. Nicht zu glauben, daß er es war, der so redete.
»Sie, Doktor Atterdel, Sie haben nicht die geringste Ahnung von Menschen und von Vätern und von Kindern, nicht die geringste. Und deshalb glaube ich Ihnen. Die Wahrheit ist immer unmenschlich. Wie Sie. Ich weiß, daß Sie sich nicht irren. Ich bedaure Sie, aber Ihre Worte bewundere ich. Und ich, der ich das Meer nie gesehen habe, werde bis ans Meer reisen, weil Ihre Worte es mir gesagt haben. Es ist das Absurdeste, Lächerlichste und Sinnloseste, was mir je vorgekommen ist. Aber ich lasse mich von keinem Menschen in den gesamten Ländereien von Carewall davon abhalten. Von niemandem.«
Er nahm den Brief vom Tisch und steckte ihn in seine Tasche. Sein Herz schlug wie verrückt, die Hände zitterten ihm, und in seinen Ohren war ein merkwürdiges Rauschen. Darüber braucht man sich nicht zu wundern, dachte er: Es kommt nicht alle Tage vor, daß einem das Fliegen gelingt.
Alles mögliche hätte in dem Augenblick passieren können. Wirklich, es gibt Momente, in denen die allgegenwärtige, logische Vernetzung von Ursache und Wirkung vom Leben überrumpelt wird und kapituliert, die Bühne verläßt und sich unter die Zuschauer mischt, damit oben auf der Bühne im Licht aufwirbelnder, unvermuteter Freiheit eine unsichtbare Hand im unendlichen Schoß der unzähligen Möglichkeiten angelt und von allen denkbaren nur eine herausfischt. Im schweigenden Dreieck der drei Männer zogen sie alle vorbei wie in einer Prozession, blitzschnell, die abertausend Dinge, die dort hätten hochfliegen können, bis, nachdem sich das Aufblitzen und der Staub gelegt hatten, ein einziges, winziges, im Rahmen der Zeit und des Raumes erschien und mit der gebotenen Diskretion darauf drängte, sich zu verwirklichen. Und es geschah. Daß nämlich der Baron – der Baron von Carewall – zu weinen anfing, das Gesicht nicht einmal mit den Händen bedeckend, sondern einfach gegen die Rückenlehne seines prunkvollen Sessels sinkend, wie von Erschöpfung übermannt, aber auch befreit von einem enormen Gewicht. Ein gebrochener Mann, aber auch ein geretteter Mann.
Er weinte, der Baron von Carewall.
Seine Tränen.
Pater Pluche regungslos.
Doktor Atterdel wortlos.
Und nichts weiter.
Alles Dinge, von denen in den Ländereien von Carewall nie jemand etwas erfuhr. Aber alle ohne Ausnahme erzählen noch heute von dem, was anschließend geschah. Von der Zartheit, mit dem das Anschließende geschah.
»Elisewin …«
»Eine Wundertherapie …«
»Das Meer …«
»Es ist Wahnsinn …«
»Sie wird genesen, du wirst sehen …«
»Sie wird sterben.«
»Das Meer …«
Das Meer – das sah der Baron in den Aufzeichnungen der Geographen – war weit entfernt. Vor allem aber – das sah er in seinen Träumen – war es furchterregend, über die Maßen schön, schrecklich stark – unmenschlich und feindlich – wunderbar. Und es bedeutete fremde Farben, nie wahrgenommene Gerüche, unbekannte Geräusche – es war eine andere Welt. Er betrachtete Elisewin und konnte sich nicht vorstellen, wie sie sich all diesem annähern sollte, ohne im Nichts zu versinken, ohne sich in Luft aufzulösen vor Erregung und Erstaunen. Er dachte an den Augenblick, in dem sie sich plötzlich umdrehen würde und das Meer in den Blick bekam. Wochenlang dachte er darüber nach. Dann wußte er es. Im Grunde war es gar nicht so schwer. Unbegreiflich, daß er nicht früher daran gedacht hatte.
»Wie kommen wir hin, ans Meer?« fragte ihn Pater Pluche.
»Es wird euch selbst abholen kommen.«
An einem Aprilmorgen reisten sie ab, fuhren durch Felder und über Hügel und kamen bei Sonnenuntergang des fünften Tages an ein Flußufer. Es gab keinen Ort, keine Häuser, nichts. Doch auf dem Wasser schaukelte still ein kleines Schiff. Es hieß Adel. Gewöhnlich verkehrte es, Reichtümer und Elend zwischen dem Kontinent und den Inseln hin und her befördernd, in den Gewässern des Ozeans. Den Bug zierte eine Galionsfigur, deren lange Haare bis zum Boden reichten. Alle Winde der fernen Welt füllten die Segel. Der Kiel hatte jahrelang den Leib des Meeres erforscht. In jedem Winkel erzählten unbekannte Gerüche Geschichten, die die Gesichter der Seeleute in ihre Haut eingeschrieben trugen. Es war ein Zweimaster. Der Baron von Carewall hatte befohlen, daß er vom Meer aus bis zu jener Stelle den Fluß hinauf fahren sollte.
»Das ist ein wahnsinniger Einfall«, hatte der Kapitän ihm geschrieben.
»Ich werde Sie mit Gold überhäufen«, hatte der Baron geantwortet.
Und nun war der Zweimaster namens Adel da, gleich einem von jeder vernünftigen Route abgekommenen Gespensterschiff. Auf dem kleinen Steg, an dem gewöhnlich winzige Boote lagen, umarmte der Baron seine Tochter und sagte:
»Leb wohl.«
Elisewin schwieg. Sie verhüllte ihr Gesicht mit einem Seidenschleier, ließ ein zusammengefaltetes, versiegeltes Blatt Papier in des Vaters Hände gleiten, drehte sich um und ging auf die Männer zu, die sie auf das Schiff bringen sollten. Es war schon fast Nacht. Anders betrachtet, hätte es auch ein Traum sein können.
So reiste Elisewin auf die sanfteste Art der Welt flußabwärts dem Meer entgegen – nur einem Vater konnte so etwas in den Sinn kommen –, von der Strömung getragen, in einem Tanz von Windungen, Pausen und Verzögerungen, die der Fluß in jahrhundertelanger Fahrt gelernt hatte, er, der große Weise, der einzige, der den schönsten, sanftesten und behutsamsten Weg kannte, der ohne weh zu tun zum Meer führte. Sie segelten flußabwärts, so langsam, wie es die mütterliche Weisheit der Natur millimetergenau vorgab, gelangten nach und nach in eine Welt von Düften, Dingen, Farben, die Tag um Tag ganz bedächtig erst das entfernte, dann immer näher kommende Zugegensein des enormen Schoßes offenbarte, der sie erwartete. Die Luft veränderte sich, das Morgengrauen, der Himmel und die Bauweise der Häuser, die Vögel und die Geräusche, die Gesichter der Menschen am Ufer und die Wörter der Menschen auf ihren Lippen. Wasser glitt in Wasser hinein, wie schmeichelndes Umwerben, die Biegungen des Flusses wie ein Wiegenlied der Seele. Eine lautlose Reise. In Elisewins Kopf Tausende von Empfindungen, aber so leicht wie Federn im Wind.
In den Ländereien von Carewall erzählt man sich immer noch von dieser Reise. Jeder auf seine Weise. Alle, ohne sie miterlebt zu haben. Aber das macht nichts. Sie werden niemals aufhören, davon zu erzählen. Denn niemand soll vergessen, wie schön es wäre, wenn es für jedes Meer, das uns erwartet, einen Fluß für uns gäbe. Und jemand – ein Vater, ein Geliebter, irgend jemand –, der uns an die Hand nehmen und jenen Fluß finden könnte – ihn sich erdenken, ihn erfinden –, um uns mit der Leichtigkeit eines kurzen Ausrufs auf die Strömung zu setzen: Leb wohl. Das wäre wahrlich märchenhaft schön. Es wäre sanft, das Leben, jedes Leben. Und die Dinge würden nicht schmerzen, sondern sich von der Strömung getragen annähern, man könnte sie zuerst leicht, dann fester berühren und sich schließlich von ihnen berühren lassen. Sich auch verletzen lassen. Daran sterben. Das ist nicht wichtig. Aber alles wäre endlich menschlich. Man benötigte nur irgend jemandes Phantasie – die eines Vaters, eines geliebten Menschen, die von irgend jemandem. Der würde einen Weg erfinden, hier mitten in dieser Stille, auf dieser Erde, die nicht sprechen will. Einen gütigen und schönen Weg. Einen Weg von hier zum Meer.
Reglos beide, die Augen starr auf die unermeßliche Wasserfläche gerichtet. Unbegreiflich. Im Ernst. Ein Leben lang könnte man so stehenbleiben, ohne das Geringste zu begreifen, und immer nur schauen. Das Meer vor sich, einen langen Fluß hinter sich und schließlich Boden unter den Füßen. Und sie beide dort, reglos. Elisewin und Pater Pluche. Wie verzaubert. Ohne einen Gedanken im Kopf, einen wirklichen Gedanken, nur Staunen. Verwunderung. Und es dauert Minuten, viele Minuten – eine Ewigkeit –, bis Elisewin endlich, ohne die Augen vom Meer abzuwenden, sagt:
»Aber irgendwo hört es doch auf?«
Hunderte von Kilometern entfernt, in der Einsamkeit seines riesigen Schlosses, hält ein Mann eine Kerze nah an ein Blatt Papier und liest. Wenige Worte, alle in einer Zeile. Schwarze Tinte.
Fürchte dich nicht, auch ich fürchte mich nicht. Ich, die ich dich liebe. Elisewin.
Später wird eine Kutsche sie abholen, denn es ist Abend, und die Pension wartet. Eine kurze Fahrt. Die Straße führt am Strand entlang. Ringsherum niemand. Fast niemand. Im Meer – was macht er im Meer? – ein Maler.