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… selten nur, und auf eine Weise, daß manche in den Augenblicken, in denen sie sie sahen, sich flüsternd sagen hörten:
»Sie wird daran zugrunde gehen«,
oder
»sie wird daran zugrunde gehen«,
oder auch
»sie wird daran zugrunde gehen«,
und sogar
»sie wird daran zugrunde gehen.«
Ringsumher Hügel.
Mein Land, dachte der Baron von Carewall.
Es ist nicht wirklich eine Krankheit, obwohl es eine sein könnte, sondern etwas Geringeres; falls es einen Namen dafür gibt, muß es ein federleichter sein, du sagst ihn hin, und gleich ist er wie weggeweht.
»Als sie noch ein Kind war, kam eines Tages ein Bettler vorbei und begann, ein Klagelied anzustimmen, das Klagelied scheuchte eine Amsel auf, und sie flog davon…«
»… scheuchte eine Turteltaube auf, sie flog davon. Und das Flügelschlagen …«
»… die Flügel schlagen fast unhörbar leise …«
»… es muß wohl zehn Jahre her sein …«
»… die Turteltaube fliegt an ihrem Fenster vorbei, nur ein Augenblick, einfach so, sie blickt von ihren Spielsachen auf, und, ich weiß auch nicht, Entsetzen hat sie gepackt, blankes Entsetzen, ich meine, nicht wie jemanden, der Angst hat, sondern wie jemanden, der im Begriff ist zu verschwinden …«
»… das Flügelschlagen …«
»… wie jemand, dem seine Seele entweicht …«
»… glaubst du mir?«
Sie glaubten, all das werde überstanden sein, wenn sie erwachsen wäre. Doch bis es soweit war, legten sie erst einmal überall im Schloß Teppiche aus, denn offensichtlich erschrak sie vor ihren eigenen Schritten, weiße Teppiche überall, eine Farbe, die nicht schmerzen sollte, geräuschlose Schritte und blinde Farben. Die Wege im Park waren kreisförmig angelegt bis auf eine einzige gewagte Ausnahme, zwei Alleen nämlich, die – sich in weichen, regelmäßigen Kurven biegend – sich wie Psalmen schlängelten. Was durchaus sinnvoll war, denn in der Tat genügt schon ein Minimum an Feinfühligkeit, um einzusehen, daß jeder unübersichtliche Winkel ein möglicher Hinterhalt ist: ebenso wie zwei Wege, die sich kreuzen, eine geometrische, vollkommene Gewalt ausüben können, ausreichend, um jeden, der ernsthaft mit wahrer Sensibilität ausgestattet ist, zu erschrecken, und um wieviel mehr sie, die eigentlich keine feinfühlige Seele besaß, jedoch – um es einmal klar auszudrücken – von einer unkontrollierbaren seelischen Sensibilität besessen war, ausgebrochen in irgendeinem Augenblick ihres geheimen Lebens – eines geringen Lebens, jung, wie sie war –, die ihr auf unsichtbaren Wegen ins Herz stieg und in die Augen, in die Ohren und Hände und überallhin wie eine Krankheit, die dennoch keine Krankheit war, sondern etwas Geringeres, und falls es einen Namen dafür gibt, muß es ein federleichter sein, du sagst ihn hin, und gleich ist er wie weggeweht.
Deshalb waren die Wege im Park kreisförmig.
Nicht zu vergessen die Geschichte mit Edel Trut, die, was die Seidenweberei anbelangte, im ganzen Land nicht ihresgleichen hatte und die ebendarum an einem Wintertag, an dem der Schnee kinderhoch lag, zum Baron bestellt wurde. Es war bitterkalt, und der Weg dorthin war die Hölle, das Pferd, das die Hufe aufs Geratewohl in den Schnee setzte, dampfte, und der Schlitten rumpelte hinterher. Ich werde wohl sterben, wenn ich in den nächsten zehn Minuten nicht ankomme, so wahr ich Edel heiße, ich sterbe, und außerdem werde ich nicht mehr erfahren, was zum Teufel der Baron mir so Wichtiges zeigen will…
»Was siehst du, Edel?«
Im Zimmer der Tochter steht der Baron vor der langen, fensterlosen Wand und spricht leise, mit einer altertümlichen Zartheit.
»Was siehst du?«
Bourgognestoff, gute Qualität und Landschaften, wie es viele gibt, gute Arbeit.
»Es sind keine beliebigen Landschaften, Edel. Jedenfalls nicht für meine Tochter.«
Seine Tochter.
Es ist etwas Rätselhaftes, aber man muß versuchen, es zu erfassen, indem man die Einbildungskraft anstrengt und vergißt, was man weiß, damit die Phantasie ungehindert schweifen und weit in die Dinge hineinfließen kann, bis man erkennt, daß die Seele nicht immer ein Diamant, sondern manchmal auch ein Seidenschleier ist – das kann ich gut verstehen –, man stelle sich einen durchsichtigen Seidenschleier vor, wie leicht könnte er, schon durch einen Blick allein, zerreißen, und man stelle sich die Hand vor, die ihn lüftet – eine Frauenhand – ja –, die sich sacht bewegt und ihn zwischen den Fingern hält, wobei halten schon zu stark ist, sie lüftet ihn, als sei es keine Hand, sondern ein Windhauch, und hält ihn in den Fingern, als seien es keine Finger, sondern … als seien es keine Finger, sondern Gedanken. So etwa. Dieses Zimmer ist jene Hand und meine Tochter ein Seidenschleier.
Ja, ich habe es verstanden.
»Ich will keine Wasserfälle, Edel, sondern den Frieden eines Sees, ich will keine Eichen, sondern Birken, und die Berge da hinten sollen zu Hügeln werden, der Tag zum Sonnenuntergang, der Wind zur Brise, die Städte zu Dörfern, die Schlösser zu Gärten. Und wenn Falken wirklich unverzichtbar sind, dann sollen sie wenigstens fliegen, aber im Hintergrund.«
»Gut, ich habe verstanden. Nur eines noch: Was ist mit den Menschen?«
Der Baron schweigt. Eine nach der anderen betrachtet er alle Figuren auf der sehr großen Tapisserie, als wolle er deren Meinung hören. Er geht von einer Wand zur anderen, doch niemand spricht. Was zu erwarten war.
»Edel, gibt es eine Art, Menschen darzustellen, die nichts Böses tun?«
Das wird auch Gott sich gefragt haben, als es soweit war.
»Ich weiß es nicht. Aber ich will’s versuchen.«
In Edel Truts Werkstatt verarbeiteten sie monatelang viele Kilometer Seidengarn, das der Baron hatte liefern lassen. Sie arbeiteten stillschweigend, denn, so sagte Edel, die Stille sollte in das Gewebemuster mit eingearbeitet werden. Es war ein Faden wie die anderen, nur daß man ihn nicht sah, obwohl er da war. Also arbeiteten sie stillschweigend.
Monatelang.
Eines Tages kam schließlich ein Karren zum Schloß des Barons, und auf dem Karren befand sich Edels Meisterwerk. Drei enorme Stoffballen, die so schwer wogen wie die Kreuze einer Prozession. Sie wurden die Freitreppe hinauf- und die Flure entlanggetragen, von Tür zu Tür bis ins Herz des Schlosses, in den Raum, für den sie bestimmt waren. Einen Augenblick, bevor sie ausgerollt wurden, flüsterte der Baron:
»Was ist mit den Menschen?«
Edel lächelte.
»Wenn Menschen unverzichtbar sind, dann sollen sie wenigstens fliegen, aber im Hintergrund.«
Der Baron wählte das Licht des Sonnenuntergangs, um seine Tochter bei der Hand zu nehmen und sie in ihr neues Zimmer zu bringen. Edel sagt, daß sie gleich beim Eintreten vor Staunen errötete, und der Baron befürchtete einen Augenblick lang, die Überraschung könnte zu groß sein, doch nur eine Sekunde lang, denn sogleich machte sich die unwiderstehliche Stille bemerkbar, die von dieser seidenen Welt ausging, in der eine gütige Erde heiter ruhte und in der Luft schwebende kleine Menschen gemächlichen Schrittes durch den blaßblauen Himmel glitten.
Edel sagt – und das wird sie nie vergessen –, daß sie sich alles lange anschaute, und als sie sich schließlich umwandte – lächelte sie.
Sie hieß Elisewin.
Sie hatte eine wunderschöne Stimme – samten –, und wenn sie ging, sah es aus, als gleite sie durch die Luft, man konnte gar nicht aufhören, sie anzuschauen. Ab und zu bekam sie Lust, ohne ersichtlichen Grund loszurennen, die Flure entlang, wem oder was auch immer entgegen, auf diesen schrecklichen weißen Teppichen. Dann hörte sie auf, der Schatten zu sein, der sie war, und rannte, aber das geschah nur selten und auf eine Weise, daß manche in den Augenblicken, in denen sie sie sahen, sich flüsternd sagen hörten …