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Meine Strategie stand fest: Ich wollte losziehen und das Prisma der Macht stehlen.

Ich wußte noch nicht, wie das im einzelnen zu bewerkstelligen war. Vielleicht war es möglich, daß ich mich unter Nutzung der mir bekannten Geheimgänge in den Tempel einschlich. Veda war sicher in der Lage, mir davon eine Karte zu zeichnen. Da waren die verdammten Peitschenschwänze zu berücksichtigen. Zur Zeit gab es vermutlich zu wenig Kriegsgefangene, so daß die Katakis nicht genug Ware für ihren schwungvollen Sklavenhandel hatten. Also verdingten sie sich als Tempelwächter. Sobald die Kriege im vollen Gang waren, würden sie sich wie ein Schwarm fleischfressender Rippaschs wieder auf ihr ekelhaftes Handwerk stürzen.

Das Schweigen, das nach Vedas letzter Bemerkung entstanden war, hielt an. Sie hatte mehr Leidenschaft in diese Worte gelegt als während ihres ganzen Berichts. Ihre Wangen hatten sich kaum merklich gerötet.

»Ich mag vielleicht nicht der sagenhafte Dray Prescot sein«, sagte ich schließlich. »Aber ich habe vor, dieses wunderbare Prisma der Macht zu stehlen.«

Der Botschafter hustete und hielt sich ein feines gelbes Spitzentaschentuch vor den Mund.

»Ja!« stieß Veda hervor. »Aber ...!« Sie verstummte.

Ich sagte ihr, sie befinde sich nicht im richtigen körperlichen Zustand, um mich begleiten zu können. Das brachte sie in Rage, also drohte ich der Widerspenstigen mit Suzy der Gelassenen, deren Wort Gesetz war.

Hoffentlich führte das nicht dazu, daß sie mich im selben Licht wie ihren Vater sah.

Die Geschichte ihrer traurigen Jugend verriet jedem, daß sie unweigerlich nichts für Männer übrig haben konnte. Die schrecklichen, leidvollen Erfahrungen hatten vermutlich dazu geführt, daß sie nun jeden Mann haßte. Die Tatsache, daß ich sie davor bewahrt hatte, in einen Ibmanzy verwandelt zu werden und sie mir das Jikai erwiesen hatte, würde – vielleicht – dazu führen, daß sie einige Männer mit etwas weniger Verachtung betrachtete.

Sie sah mich mit einem langen berechnenden Blick an. »Das Prisma der Macht wird gut bewacht. Die widerlichen Katakis ...« Sie schüttelte sich kurz, dann sah sie auf. »Also gut. Ich bin Gralufon für das, was er getan hat, etwas schuldig. Genau wie dem Hohenpriester. Du wirst mich als Führer durch den Tempel brauchen.«

Also lautete der Name von Granumins Zwillingsbruder Gralufon. Wenn er für die Sicherheit des Tempels verantwortlich zeichnete, war er der harte Bursche, für den ich ihn gehalten hatte. Natürlich wäre eine Führerin nützlich gewesen.

»Du bist dazu nicht kräftig genug«, sagte ich in meinem altbekannten grollenden Tonfall.

Also kam es zum Streit.

Die kleine Meinungsverschiedenheit endete damit, daß Veda mehr Farbe im Gesicht hatte, als ich je zuvor gesehen hatte. Sie atmete stoßweise. Ihr Gesicht war verkniffen. Sie regte sich richtig auf.

Außerdem belegte sie mich mit ein paar ausgesuchten Schimpfwörtern. Aber zu meiner Erleichterung sagte sie nichts in der Art, daß ich genauso ein Blintz wie all die anderen Männer sei. Ich brauchte ihre Freundschaft, denn falls Balintol – und damit ganz Paz – gerettet werden sollten, brauchte ich ihr Wissen über die Ibmanzy-Verschwörung.

Auf jeden Fall war ich, wie ich es ihr bei ihrem ersten Wutausbruch angedroht hatte, verdammt noch einmal dazu gezwungen, Suzy die Gelassene kommen zu lassen. Suzy stach ein paar Nadeln in die Widerspenstige, die daraufhin sofort in einen ruhigen, tiefen Schlaf versank.

Als sie mit einer dünnen gelben Decke zugedeckt im Bett lag und Suzy sich vergewisserte, daß sie es bequem hatte, blickte ich auf sie hinunter und dachte darüber nach, daß mir während meiner turbulenten Laufbahn auf Kregen eine beträchtliche Anzahl willensstarker Frauen Scherereien gemacht hatte. Von den Königinnen, Herrscherinnen und anderen großen Damen einmal abgesehen, waren da in jüngster Zeit Mevancy und Tiri gewesen, die in meinem Leben für Unruhe gesorgt hatten. Ich kam ziemlich mürrisch zu dem Schluß, daß diese eigenwillige, ernste junge Dame mir wesentlich mehr Schwierigkeiten als diese beiden machen würde.

Ich rief mich zur Ordnung. Das war doch kein Benehmen für einen mutigen Abenteurer, bei Krun!

Der Botschafter stattete mich schnell mit der Kleidung aus, um die ich bat. Eine einfache braune Tunika, keinen Shamlak, mit aus Knochen gefertigten, dunkel lackierten Verschlüssen. Die Hose war ebenfalls braun und in der hier üblichen Mode am Knöchel aufgebauscht. Ein dunkelgrauer Umhang verbarg meine Waffen. Wie Sie wissen, habe ich immer rote – oder zumindest rötliche – Kleidung bevorzugt, aber da diese Cramphs von Dokerty-Anhängern in roten Gewändern herumstolzierten, dienten meine jetzigen Farben einem doppelten Zweck.

Ein tapferer Abenteurer steht oft vor dem Problem, in Paläste oder Tempel einbrechen zu müssen. Ich selbst hatte es schon öfter getan, bei Vox! Aber ich vergaß nie, daß es jedesmal wieder etwas Neues war. Erst die Zeit würde enthüllen, welche Gefahren im Tempel Dokertys lauerten; daß sie unerfreulich sein würden, stand von vornherein fest.

»Nun, Drajak«, fragte Naghan Vindo, »bist du fest entschlossen?«

Ich rückte mein Schwert zurecht. »Ja.«

Er stieß einen leisen Seufzer aus und zupfte an seinem Spitzbart.

»Die Pflicht verlangt von mir, dem Herrscher einen Brief zu schreiben.«

Darauf gab es keine Antwort. Ich bat ihn, meinem Sohn Drak, dem Herrscher von Vallia, mitzuteilen, daß sein Vater wahrscheinlich ein unbesonnener Verrückter sei, es aber scheinbar keine anderen Weg gebe, das Problem mit den Ibmanzys zu lösen. Die Regentin C'Chermina hatte den jungen König Yando voll unter ihrer Kontrolle. Sollte sie ihre wahnsinnigen Absichten in die Tat umsetzen können und erst Tolindrin und danach das nordwestlich gelegene Winlan erobern, würde sie die Hand nach den restlichen Nationen Balintols ausstrecken. Und dann, bei Vox, war es durchaus möglich, daß sie in ihrem Größenwahn den Blick auf Vallia richtete. Drak sollte lieber Vorbereitungen treffen.

Natürlich hätte man mich, Dray Prescot, zu diesem Zeitpunkt längst auf den Planeten seiner Geburt verbannt, vierhundert Lichtjahre von seiner Heimat auf Kregen entfernt. Die Herren der Sterne, die Everoinye, nahmen kein Versagen hin. O nein, bei dem pendelnden Busen und dem ausladenden Hinterteil der Heiligen Dame von Belschutz!

Es blieb keine andere Wahl. Ich mußte aufbrechen und dieses teuflische Prisma der Macht in meinen Besitz bringen.

Wie Sie wissen, hat mir Deb-Lu-Quienyin, Kamerad und Zauberer aus Loh, gezeigt, wie ich mein Aussehen verändern kann, indem ich meine Gesichtszüge auf raffinierte Weise umforme. Diese Täuschung kann für einige Zeit aufrechterhalten werden, auch wenn sie mir beträchtliches Unbehagen beschert. Jedesmal, wenn ich ein neues Gesicht schuf, fühlte sich das an, als würde ein ganzer Bienenschwarm wie verrückt auf mich einstechen. Zugegeben, je öfter ich diese magische Technik anwandte, desto weniger stach es. Aber, bei Krun, schmerzhaft war es noch immer!

Auf meine Bitte hin besorgte mir Naghan Vindo einen breitkrempigen Hut. Schwarz und ohne Federn würde er mein Gesicht verbergen, bis die Zeit gekommen war, mein Aussehen zu verändern.

Dem Hut fehlten die beiden Schlitze in der vorderen Krempe, die für vallianische Tracht so typisch sind. Ich setzte ihn auf und bog die Krempe nach unten, damit mein Gesicht im Schatten lag.

»Sehr schick«, sagte der Botschafter in seiner trockenen Art.

Ich fühlte, wie meine Lippen zuckten. O ja, wir Vallianer – obwohl es für mich so viele Länder gibt, die für mich eine Heimat sind, betrachte ich mich als Vallianer – haben eine Vorliebe für Situationskomik, gleichgültig, wie düster und gefährlich die Umstände auch sind.

Der Botschafter beugte sich über den Tisch und nahm das Blatt Papier, auf dem Veda in den Momenten, da sie mich nicht angeschrien hatte, einen Grundriß des Tempels aufgezeichnet hatte, soweit er ihr bekannt war. Sie hatte darauf hingewiesen, daß das eigentliche Heiligtum schwer bewacht wurde. Wie so viele Tempel und Paläste Kregens war der Bau ein verwirrendes Labyrinth. Von dem auf vulgäre Weise eindrucksvollen Vordereingang abgesehen waren mir zwei weitere Zugänge bekannt. Der eine, den ich bei meinem allerersten Besuch benutzt hatte, befand sich an der fensterlosen Rückseite des Gebäudes, und aus dem anderen hatte uns Veda nach draußen geführt. Meiner Meinung nach war keiner von beiden geeignet.

Sie hatte noch andere Eingänge aufgezeichnet und auch gewußt, was dahinter lag. Die Gemächer, in denen Seine Erhabenheit logierte, waren auf Vedas Zeichnung ein leeres, von Säulengängen und Vorzimmern umgebenes Viereck. Irgendwo dort mußte dieses verflixte Schwingensymbol, das Flutubium, verborgen sein. Aller Wahrscheinlichkeit nach steckte es in irgendeinem verdammten heidnischen Schrein über einem Altar. Es hätte mich nicht im geringsten überrascht, wenn darauf Jungfrauen geopfert wurden.

Je länger ich mir den Grundriß ansah, desto schwieriger erschien das ganze Unternehmen. Nun, es war Zeit, mit der Grübelei aufzuhören und anzufangen. Es gab eine vielversprechende Methode, wie ich mich in den Tempel einschleichen konnte. Und genauso wollte ich es angehen.

»Das sieht ganz nach einem üblen Leem-Nest aus.« Der Botschafter zupfte an seinem Spitzbart und betrachtete stirnrunzelnd Vedas Karte. »Ich gebe dir besser ein paar meiner Männer mit.«

»Das ist ein ehrenwertes Angebot, Naghan, aber ich muß es ablehnen. Allein bin ich beweglicher.«

»Wie du wünschst.« Dann fügte er auf seine trockene Weise hinzu: »Ich hatte natürlich vorgehabt, dich persönlich zu begleiten.«

Bei Krun! Da war es wieder! Dieser den Vorschriften verpflichtete Diplomat kannte die Geschichten Dray Prescots, der sich mit einem scharlachroten Lendenschurz bekleidet und einem großen Krozair-Langschwert in der Faust auf ganz Kregen herumtreibt. Und wie so viele andere sehnte er sich nach der Gelegenheit, ihn einmal begleiten zu können. Ich beschwichtigte ihn mit ein paar sorgfältig ausgewählten Worten. Seine Würde erlitt keinen Schaden.

Nun, wie Ihnen bekannt sein dürfte, habe ich schon öfter einen schönen Plan geschmiedet, der dann auf schreckliche Weise scheiterte.

Es war sicherlich nicht unmöglich, das Gesicht von einem der Männer zu übernehmen, die sich in dem Dokerty-Pestloch aufhielten. Auf diese Weise würde ich Einlaß finden. Aber die sich daraus ergebenen Probleme lagen auf der Hand. O ja, bei Vox! Ich mußte etwas über den betreffenden Mann herausfinden, wer auch immer das sein würde. Ich mußte genügend Informationen sammeln, damit ich auf einfache Fragen vernünftige Antworten geben konnte.

Ich stand auf.

»Also, Naghan, ich gehe. Ich breche noch nicht in den Tempel ein. Ich will erst mehr darüber in Erfahrung bringen. Du wirst mich irgendwann wiedersehen.«

»Majister.«

Ich quittierte diese Höflichkeit mit einer Mischung aus einem Hüsteln und einem Grunzen und machte mich auf den Weg.

Es war nicht schwer, ein passendes Opfer zu finden. Ich stellte mich vor dem Tempel in eine schattige Nische und machte das arglose Gesicht – ich sah damit nicht unbedingt wie ein Schwachsinniger aus, sondern nur etwas einfältig –, das mir in der Vergangenheit gute Dienste geleistet hatte. Außerdem hatte dieser einfache Ausdruck den Vorteil, daß er nicht wie der Teufel stach.

Als jemand, der für mein Vorhaben wie geschaffen war, aus dem Tempel kam oder vielmehr geziert herausstolzierte, folgte ich ihm, rempelte ihn an, entschuldigte mich überschwenglich, gab ihm einen aus und überzeugte ihn davon, daß er einen fröhlichen Gefährten kennengelernt hatte. Ich hing an seinen Lippen und warf an passender Stelle ein bewunderndes Oh oder Ah ein. Er war nicht dünn, seine Nase zierten geplatzte Adern, er hatte wässerige Augen. Die Adern würde man mit Schminke aufmalen müssen. Er schien etwas stämmiger zu sein als ich. Wo ich Muskeln hatte, war es bei ihm Fett, dennoch war es sicher nicht allzu schwer, ihn zu imitieren. Ich horchte ihn aus. Er hatte eine schwarzzähnige Weinschnute, die es liebte, sich reden zu hören. Ich gewann die Überzeugung, genug für meine Zwecke zu hören.

Er sagte, sein Name sei Hyslop Nath ti Vernaloin. Er verkündete das auf eine derart eingebildete, gestelzte Weise, daß ich beflissen so tat, als wäre ich beeindruckt.

Trotz seines Namens und seines Benehmens war er bloß ein Unterpriester, allerdings einer mit Ehrgeiz. Er rieb sich die mit Adern übersäte Nase, wie es seine Gewohnheit war, und versicherte mir, daß er irgendwann in den nächsten Perioden garantiert zum Oberpriester aufsteigen würde.

Dieser Hyslop war der ideale angeberische Trottel für meine ruchlosen Absichten.

Es gab nur noch eine Schwierigkeit – wo sollte ich den Narren unterbringen?

Der Tag nahm seinen Lauf; es regnete etwas, wir nahmen eine Mahlzeit ein, die ich bezahlte, dann war die Zeit zum Handeln gekommen. Auf meinen Vorschlag hin hatten wir ein verschwiegenes Zimmer im Harland-Schweber genommen. Das war eine mittelmäßige Schenke, in der man, wie ich mich trotz der Anspannung wegen der vor mir liegenden dunklen Taten erinnerte, ein recht ordentliches Ale ausgeschenkt bekam. Wir saßen am Tisch und aßen Palines von einem Tonteller.

»Dokerty sei Dank!« behauptete der dicke Hyslop und zerbiß eine Paline. Ich stand zwanglos auf und schlug eine Richtung ein, die mich hinter seinem Stuhl vorbeiführen würde. Er drehte sich beim Sprechen nicht um. »Du bist wirklich ein netter Kerl, Logan.« Ich hatte mich ihm als Logan Umpitor vorgestellt. »Ein wirklich netter Kerl. Wenn du dich uns und Dokerty anschl...«

Er hörte zu plappern auf, weil er einschlief. Zugegeben, er schlief im Sitzen statt im Stehen ein, wie es viel öfter geschieht. Ich nahm meine Finger von der Stelle in seinem Nacken, wo sie den Druck ausgeübt hatten, und seufzte. Die Dinge, die man im Dienst der Herren der Sterne tun muß!

Ich zog ihn aus, fesselte ihn mit den Vorhangschnüren an Händen und Füßen, knebelte ihn mit der Tischdecke und stopfte ihn in einen Schrank zwischen das Geschirr. Dann rollte ich meine Kleidung zusammen und verbarg sie im Polster eines Stuhles, wobei ich allen Göttern dankte, daß ich dieses passende Versteck gefunden hatte. Er trug einen Braxter und Dolche.

Der Umhang würde mein Rapier verbergen und mein Drexer als Braxter durchgehen. Nun werden Sie sicher verstehen, daß ich mich nicht unbedingt von meinem bewährten Krozair-Langschwert trennen wollte. Es war zwar den Blicken anderer entzogen, doch ich war überzeugt, in Situationen zu geraten, in denen eine Bewegung Hyslop Nath ti Vernaloins die auffallende Waffe enthüllen würde. Er trug nämlich kein Langschwert.

In der Stadt sah man eine Menge nördlicher und örtlicher Langschwerter. Ich konnte einfach nicht riskieren, die Krozair-Klinge zurückzulassen, besonders da ich jeden Augenblick einem verdammt großen Ibmanzy gegenüberstehen mochte, einem vor Wut schäumenden, verrückten Ungeheuer, das nur meine Vernichtung im Sinn hatte. Allein das Krozair-Langschwert hatte sich als wirkungsvolle Waffe gegen diese Dämonen erwiesen. Nein, bei Kurins Klinge! Mein Schwert durfte ich nicht aus der Hand geben.

Im Bewußtsein aller Risiken, die ich einging, schritt ich in Hyslops übertrieben wichtigtuerischem Gang die Treppe hinunter und erzählte dem Wirt, daß mein Freund seinen Rausch ausschlafe und ich später zurückkommen würde. Ich bezahlte mit Gold – Hyslops Gold, wie ich mit einer gewissen Schadenfreude hinzufügen möchte –, mietete das Zimmer für die Nacht und verlangte, daß mein Freund Logan Umpitor nicht gestört werden sollte. Dann ging ich los, nicht nur in Hyslops Kleidung, sondern auch mit seinem Gesicht. Das Spiel hatte begonnen, wie man in Clishdrin sagt.

Dabei machte ich eine recht merkwürdige Feststellung: Die Tatsache, wieder Rot zu tragen, verlieh mir frischen Mut.

Als ich die Treppen zu dem ekelhaften Tempel hinaufstieg und ihn durch den Vordereingang betrat, stellte sich heraus, daß mir Hyslops unangenehme Persönlichkeit Vorteile brachte. Ich streckte die Nase in die Luft und marschierte weiter.

Vedas Grundriß war in meinem Gedächtnis verankert, und es fiel mir nicht schwer, die verschiedenen Korridore und Gänge zu finden. Die übliche bunte Schar von Leuten ging im Tempel ihren Aufgaben nach. Die Luft war auf unangenehme Weise stickig; es roch nach Schweiß, Weihrauch und – für einen alten Leem-Jäger unverkennbar – nach Angst.

Was sich zwischen diesen düsteren Mauern abspielte reichte aus, um auch dem Tapfersten entsetzliche Furcht einzuflößen.

Es waren nur wenig Wächter zu sehen, bis man in die Tiefen des Gebäudes vorstieß. Eine aus verschiedenen Diffs bestehende Gruppe marschierte an mir vorbei und eskortierte ein Mädchen im letzten Stadium der Erschöpfung. Es war nackt. Instinktiv tastete meine Hand nach dem Schwertgriff. Dann mußte ich, Dray Prescot, mein Herz stählen. Ich konnte nichts tun, außerdem wußte ich nicht, worum es hier überhaupt ging. Eine Bestrafung war vermutlich ein normaler und allgemein gebilligter Bestandteil des Tempelalltags. Als ich mich zögernd zu diesem Schluß durchgerungen hatte, bogen die Wächter um eine Ecke und waren verschwunden.

Und trotzdem! Was war aus Dray Prescot geworden? Andererseits gab es in jenen ersten Tagen auf Kregen, als ich mich blindlings in jeden Kampf gestürzt hatte, nicht diese gewaltigen Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten, die jetzt auf mir lasteten.

Natürlich war sie nicht mehr als eine arme nackte Sklavin, die man einer schrecklichen Bestrafung entgegenschleppte. Also nichts, das mit mir zu tun hatte. Sie hatte keine wie auch immer geartete Bedeutung für mich, den angeblichen Herrscher aller Herrscher, den Herrscher von ganz Paz.

Oder etwa doch?

Ohne einen genauen Grund dafür nennen zu können, ertappte ich mich dabei, wie ich in Hyslops stolzierender, lächerlicher Gangart loseilte.

Ich bog um die Ecke und folgte den Wächtern.

Diese passierten gerade eine schwarze Tür, die wesentlich schmaler als die sonst recht großen Tempelportale war.

Bei den herabbaumelnden eitrigen Eingeweiden und den schleimverkrusteten Augäpfeln Makki-Grodnos! Nein! Das war doch der schiere Wahnsinn. Das würde meinen Plan völlig zunichte machen! Ich mußte mich um das Prisma der Macht kümmern.

Doch es gab keine Wahl.

Ich war noch immer der verrückte Dray Prescot, den man nach Kregen geholt hatte und der mit einem Skorpion als Steuermann den Fluß Aph entlanggefahren war. Nein, ich konnte meinem Schicksal nicht entkommen.

Ich drehte das Gesicht zur Wand und nahm den einfältigen Ausdruck an, der mir so gute Dienste geleistet hatte.

Ich rückte mein Schwert zurecht und verzichtete auf Hyslops dumme Gangart.

Mein Schicksal, mein Los und was Sie wollen verfluchend, stürmte ich durch die schwarze Tür, den Wachen hinterher.