3
Zu Hause gehe ich zuerst in das
Schlafzimmer und setze mich auf den Bettrand nahe am Fenster. Von
hier aus kann ich sehr gut auf den Balkon der Arbeiterfrau sehen.
Ich bin gerade noch rechtzeitig gekommen. Drei nasse Hemden hängen
schon. Da schieben sich zwei starke weiße Frauenarme zwischen zwei
Hemdrücken hindurch und entfalten einen weiteren nassen
Stoffklumpen. Es ist das vierte tiefblaue Hemd, das sie wieder mit
zwei Plastikklammern auf der Leine befestigt. Ich glaube, ich
bewundere die Zweideutigkeit dieser Arbeit; in manchen Augenblicken
sieht sie ganz dumpf aus, in anderen ganz und gar beseligt. Die
Frau ist dann an die Hemden so ähnlich hingegeben wie die
Tierpflegerin an das Fell des Zirkuspferds. Dann mache ich leider
einen Fehler. Ich ziehe meine Hose, die Schuhe und die Strümpfe
aus. Wann immer ich meine nackten Füße ansehe, sind sie ungefähr
fünfzehn Jahre älter als ich. Ich betrachte die stark nach außen
getretenen Adern, die polsterartig vergrößerten Knöchel und die
immer härter werdenden Fußnägel, die immer mehr jene schwefelgelbe
Farbe annehmen, die für die Zehennägel nicht mehr ganz junger
Menschen charakteristisch ist. Nicht mehr ganz junger Menschen!
Diese Floskel geht mir nur durch den Kopf, weil ich den Schreck
über meine Zehennägel abdämpfen muß. Ich schaue hinauf zu der
Arbeiterfrau, aber sie ist schon wieder verschwunden. Der Schreck
sitzt so tief in mir, daß ich diffus im Zimmer umhergehe und die
Schranktür öffne. Ich mag es, mit bloßen Füßen über den
Teppichboden zu gehen, aber meine Zehennägel darf ich dabei nicht
anschauen. Das Öffnen der Schranktür war ein weiterer Fehler. Noch
vor zwei Monaten wären mir solche Fehler nicht unterlaufen. Hier,
in diesem jetzt fast leeren Schrank, hingen bis vor etwa acht
Wochen die Kleider von Lisa. Ich erinnere mich, wie ich früher auf
dem Bett lag und Lisa dabei zuschaute, wie sie ein Kleid oder eine
Bluse aus dem Schrank nahm und anprobierte und mich nach kurzer
Zeit fragte, ob sie mir immer noch gefalle. Gewöhnlich lachte ich
nach dieser Frage, weil es für mich keine überflüssigere Frage gab.
Seit ungefähr zwei Monaten ist das Herumliegen auf dem Bett für
mich problematisch geworden. Lisa wohnt nicht mehr hier, sie hat
mich verlassen. Solange sie hier lebte, war das Nachhausekommen für
mich das Wohlgefallen, das den Menschen auf Erden versprochen ist.
Und ich hatte ein halbes Menschenleben auf dieses Wohlgefallen
gewartet, seit ich im Kindergottesdienst erstmals von ihm gehört
hatte. Jetzt ist dieses Wohlgefallen verschwunden. Aus Versehen
schaue ich doch auf meine nackten Füße und spüre die Propaganda der
Verlassenheit, die von ihrem Anblick ausgeht. Früher konnte ich
damit aufhören, mein Leben zu verdächtigen, sobald ich die Wohnung
betrat. Das scheint endgültig vorbei zu sein. Dabei halte ich es
immer noch für möglich, daß Lisa mich nur vorübergehend verlassen
hat, um mich zu zwingen, mich endlich um einen ›besseren
Hintergrund‹ zu kümmern. Sie meinte damit meine mangelhafte
finanzielle Verwurzelung in der Welt, die ich ebenfalls beklage,
jedenfalls oft, wenn auch immer seltener. Meistens habe ich nicht
mehr die Kraft, diesem verworrenen Problem ins Auge zu blicken. Das
heißt, ich verstehe sein verwickeltes Zustandekommen über die Jahre
hin nicht mehr und kann das Ergebnis deswegen oft nicht anerkennen,
obwohl ich selbst dieses Ergebnis bin. Im Augenblick denke ich an
das Kind, das in den Schauräumen des Autohauses Schmoller
herumgelaufen ist. Diese Unlust meinen Problemen gegenüber ist
typisch für mich. Ich weiß auch, daß ich nicht wirklich an das Kind
im Autohaus denke. Das Kind ist nur eine verpuppte Erinnerung an
mich selbst. Prompt fällt mir ein, wie ich als Kind versucht habe,
den verschleierten Mund meiner Mutter zu küssen. Meine Mutter trug
damals einen dunkelblauen flachen Hut mit schmaler Krempe. In der
Krempe eingerollt war ein Netz, das sie sich gern über das Gesicht
zog. Hinter dem dicht aufliegenden Schleier erschienen Lippen und
Wangen ein wenig platt gedrückt, auch die Nasenspitze. Diese
kleinen Verunstaltungen waren vermutlich der Grund dafür, warum ich
dann plötzlich keine Lust mehr hatte, die Mutter zu küssen. Ich
küßte sie aber trotzdem, und ich spürte deutlich statt der Haut der
Mutter deren Verschnürung durch das Netz. Die Eingepacktheit der
Lippen übertrug sich für eine Weile auf meine eigenen Lippen, was
mir anfangs gefiel. Ich küßte die Mutter, um bei mir selbst das
Hautgefühl der Verschnürung zu erzeugen. Nein, das stimmte so
nicht. Das Gegenteil war der Fall. Ich wandte mich immer mehr von
der Mutter ab, weil sie mir statt ihres Mundes mehr und mehr eine
Netzverschnürung anbot. Ich verdächtigte sie, daß sie die Zuneigung
der Familie zurückweisen wollte. Denn ich hatte schon beobachtet,
daß auch der Vater und mein Bruder nicht über Netzküsse
hinauskamen. Nein, das stimmte so auch nicht. Die Wahrheit ist, daß
ich nicht mehr genau weiß, was sich wirklich ereignet hat. Die
Unklarheit über diesen Punkt reicht mir aus, um mich ein bißchen zu
beschimpfen. Es kann gar nicht mehr lange dauern, denke ich, dann
wirst du in eine Lügenheilanstalt eingeliefert. Denn die Wahrheit
hinter der Wahrheit ist, daß ich natürlich hundertprozentig zu
wissen meine, was sich tatsächlich ereignet hat und was nicht. Ich
habe ein Interesse an verschiedenen Wahrheitsversionen, weil ich es
schätze, vor mir selber ein wenig verwirrt zu erscheinen. Die
Wahrheit hinter dieser Wahrheit ist jedoch, daß ich die Annahme
meiner eigenen Verwirrtheit gar nicht ertrage und sie dann doch für
wahr und wirklich halte. Die Erfindung des Wortes Lügenheilanstalt
amüsiert mich, obwohl sie mich vermutlich alarmieren sollte. In dem
plötzlichen Zusammenstoß meines Gedächtnisschwunds mit meiner
Verwirrung und vielleicht meiner Verrücktheit sehe ich an diesem
Tag den ersten Hinweis, daß vielleicht eine Erkrankung in meinem
Inneren heranwächst. Vermutlich nur deswegen suche ich Anschluß an
eine kleine praktische Tätigkeit. Ich gehe ins Badezimmer und putze
mir zum zweiten Mal heute die Zähne. Während des Zähneputzens
betrachte ich die beiden angestaubten Parfümflakons, die Lisa
zurückgelassen hat. Die beiden Fläschchen stehen schon seit Jahren
auf der Glasscheibe unterhalb des Spiegelschränkchens. Lisa
benutzte Parfüm so gut wie nie. Sie hat nie versucht, mich auf
irgendeine künstliche Weise zu locken. Unser letzter Versuch eines
Beischlafs ist uns auf wunderliche Weise entglitten. Wir lagen eine
Weile nebeneinander, ich mit dem Gesicht zwischen ihren Brüsten,
was uns so gut gefiel, daß wir nach kurzer Zeit einschliefen. Es
war, als hätten wir plötzlich gemeinsam vergessen dürfen, daß es
Sexualität gab. Als wir aufwachten, lagen wir eingehenkelt
nebeneinander wie ein älteres Ehepaar. Mit Lisa zusammen war es mir
möglich, auf eine nachträgliche Genehmigung des Lebens durch mich
selber zu verzichten.
Wahrscheinlich müßte ich Lisa anrufen und sie
fragen, ob sie die beiden Parfümflakons noch abholen wird. Oder ob
sie sie vergessen hat, vielleicht ein bißchen absichtlich, als
Reliquien des Trostes, die ich jeden Tag anschauen darf. Bei dieser
Gelegenheit könnte ich mich kühl danach erkundigen, wann sie
zurückkehren wird. Lisas gegenwärtige Telefonnummer ist mir
bekannt. Sie wohnt bei ihrer besten Freundin Renate, jedenfalls
vorübergehend, bis sie eine eigene neue Wohnung gefunden hat. Auch
Renate ist Lehrerin, genau wie Lisa. Das heißt, Lisa war Lehrerin
gewesen, bis vor etwa vier Jahren. Lisas Berufsleben war kaum mehr
als ein langsames Vertrautwerden mit ihrem Zusammenbruch gewesen.
Lisa hatte es nicht hinnehmen wollen, daß sie mit den Kampfkindern
der Gegenwart nicht zurechtkam. Sie hatte geglaubt, sie könnte aus
den schlagenden, beißenden und kratzenden Schülern Menschen machen,
die ihr selber ähneln. Ein grausiger Irrtum! Ein schleichendes
Nervenleiden hat sie nach zwölf Jahren Arbeit zur Berufsaufgabe
gezwungen. Zuerst war sie freigestellt, dann beurlaubt, dann
frühpensioniert. Lisa ist jetzt zweiundvierzig Jahre alt und
bezieht eine Rente dafür, daß sie sich für ihre Ideale, für den
Staat, für die Kinder oder für ihre Illusionen ruiniert hat. Die
viel geschmeidigere Renate wird vermutlich nicht scheitern oder
erst angemessen spät. Es ist mir nicht recht, daß Lisa bei ihr
wohnt. Renate ist neugierig, und Lisa wird, schon aus Dankbarkeit
für die Bleibe, dann und wann Intimitäten preisgeben. Lisa wird das
selbst nicht wollen, aber sie wird meinen, daß sie keine Wahl hat.
Durch Lisas Schilderungen wird Renate den Eindruck gewinnen, daß
nicht nur Lisas, sondern auch mein Leben gescheitert ist. Diese
Vorstellung wird dazu führen, daß ich mit Renate überhaupt nicht
mehr sprechen will. Und in der Art, wie ich ihr aus dem Weg gehen
werde, wird Renate eine Bestätigung sehen, daß ich gescheitert bin.
Ich wiederum werde nicht wollen, daß sich in Renate diese
Vorstellung festsetzt. Also werde ich auch weiterhin Renate
nicht aus dem Weg gehen, obwohl ich gerade dies sehr gern
möchte. Ich höre Schluchzer in der Wohnung, aber es sind nur die
Gluckser im Warmwassergerät. Dennoch gehe ich in der Wohnung umher
und suche nach Lisa. Ich weiß, sie ist nicht hier, ich weiß, es ist
idiotisch, daß ich nach ihr schaue. Manchmal weinte Lisa aus
Verzweiflung über mich. Das Weinen brach aus ihr hervor, wenn sie
sich die Haare gewaschen hatte. Dann saß sie da, ein Handtuch um
den Kopf gewickelt, ein weiteres Handtuch gegen das Gesicht
gedrückt, ein drittes Handtuch um die Schultern geschlagen, und
weinte. Ich setzte mich neben sie, hielt manchmal ihre Hand, was
sie sich gern gefallen ließ, und überlegte doch nur, ob es zwischen
dem Weinen und dem Haarewaschen einen Zusammenhang gab oder nicht.
Ich wasche mir viel seltener das Haar und weine vielleicht deswegen
so gut wie nie. Durch haarsträubende Sätze dieser Art entsteht
jetzt in mir die Vorstellung, daß ich nachmittags nicht mehr
richtig lebe. Im Prinzip lebe ich nur noch vormittags, wenn ich
umhergehe und dabei ein wenig Geld verdiene, was in den kommenden
Tagen wieder geschehen wird. Nachmittags findet eine Art
Zerbröckelung meiner Person statt, gegen die ich wehrlos bin, eine
Zerfaserung oder Ausfransung. Ich vergesse dann, daß es im Leben
Hauptsachen und Nebensachen gibt, weil irgendeine Nebensache in
mich eindringt und mich nicht mehr freigibt. Genauso ist es jetzt
wieder. Aus der Tiefe der Hinterhöfe höre ich das Geräusch des
Einschießens von Wasser in eine Gießkanne. Es ist die Gießkanne von
Frau Hebestreit, die in der Teuergarten-Straße eine Lotto- und
Totoannahmestelle betreibt. Jetzt, um die Mittagszeit, hat Frau
Hebestreit ihren Laden geschlossen und gießt ihre Tomaten, ihre
Gurken und ihre Radieschen. Ich öffne in der Küche das Fenster zum
Hof und setze mich in den kleinen Rattansessel in der Nähe des
Heizkörpers. Von hier aus kann ich sogar hören, wie der
Wasserschweif der Gießkanne auf die staubigen Blätter der Pflanzen
auftrifft und wie dabei ein sonderbar papierenes Geräusch entsteht.
Fünf bis sechs Gießkannen Wasser gießt Frau Hebestreit jeden Mittag
über ihren Pflanzungen aus, dann kehrt sie in ihre
Erdgeschoß-Wohnung zurück. Durch die stark wasserhaltige Verbindung
zwischen den Glucksern in der Heizung, Lisas Tränen und dem Wasser
aus der Gießkanne zieht eine beträchtliche Gemütsbewegung durch
mich hindurch. Ich muß nicht selber weinen, das Weinen tritt nur
momentweise von innen an mich heran und verschwindet dann wieder.
Bis tief in den Mai hinein sagte Lisa beinahe täglich, daß es immer
noch zu kalt sei. Auch dann, wenn wir im Sommer miteinander
schliefen, klagte sie über Kälte. Sie legte ihr Nachthemd nicht ab,
sondern sie schob es sich bis zum Hals hoch, weil sie auch während
des Beischlafs zum Beispiel gegen eine plötzliche Gänsehaut
gewappnet sein wollte. Im Inneren lachte ich manchmal über den
Anblick ihres Nachthemdes, das wulstartig wie eine mißratene
Halskrause ihre Schultern bedeckte. Einmal habe ich versucht,
während des Beischlafs kurz (und leise) zu lachen. Lisa verstand
diese Regung nicht. Auch für meine Erklärung, daß der auf der Frau
liegende und hechelnd seine Form verlierende Mann doch auch
lächerlich sei, hatte sie kein Verständnis. Für sie war der
Beischlaf eine ernsthafte Angelegenheit, die auch durch die
Wiederholung nichts von ihrer Ernsthaftigkeit verlor. Prompt fällt
mir meine ernste Lebenslage ein. Solange wir zusammenlebten, hat
Lisa mir öfter beweisen wollen, daß meine Genügsamkeit unfreiwillig
sei. Ich besitze nur ein Sakko, einen Anzug, zwei Hosen, vier
Hemden und zwei Paar Schuhe. Ich lebte und lebe, rundheraus gesagt,
von Lisas Rente. Meine eigenen Einkünfte sind, ebenfalls rundheraus
gesagt, nicht der Rede wert. Es ist mir bis jetzt nicht gelungen,
mir einen soliden finanziellen Hintergrund zu verschaffen. Ich kann
kaum noch über dieses Problem sprechen, obgleich es von Woche zu
Woche drängender wird. Zum Glück leben meine Eltern nicht mehr. Sie
würden mich kurzerhand als arbeitsscheu bezeichnen. Mein Vater war
besonders stolz, daß er praktisch von seinem sechzehnten Lebensjahr
bis zu seinem Tod gearbeitet hat. Er hatte es gut. Er vergaß
während und durch die Arbeit seine Konflikte. Bei mir ist es genau
umgekehrt. Mir fallen meine Konflikte erst ein, während oder wenn
ich arbeite. Deswegen muß ich die Arbeit eher meiden. Für diesen
Fall hatten Leute wie meine Eltern nicht das geringste Verständnis.
Lisa hat mich verstehen können, jedenfalls viele Jahre lang. Ich
hielt dieses Verständnis für ewig und unwandelbar. Tatsächlich
brauchte es sich langsam auf und ist jetzt ganz verschwunden.
Schwierig war (ist) meine Lage auch deswegen, weil in Lisas
pädagogisch gemeintem Spott über meine Bescheidenheit gleichzeitig
eine liebevolle Aufforderung versteckt war. Ich hatte von Lisa die
Erlaubnis, Geld von ihrem Konto abzuheben. Ich habe von dieser
Erlaubnis nur ein einziges Mal Gebrauch gemacht und habe dabei
sozusagen Schiffbruch erlitten. Das liegt etwa drei Jahre zurück.
Ich konnte das Geld zwar in der Bank abheben, aber dann nicht
ausgeben. Als ich zahlen wollte, überfiel mich eine fürchterliche
Hemmung. Ich mußte die eingekauften Sachen zurückgeben und nach
Hause gehen. Ich habe Lisa das Erlebnis seinerzeit nicht
verheimlicht. Sie war gerührt und tröstete mich. Sie hat gesagt,
ich würde das alles viel zu ernst nehmen. So groß war damals ihr
Verständnis. Seither habe ich es vermieden, von Lisas Konto noch
einmal Geld abzuheben. Wir hatten unseren Alltag so eingerichtet,
daß entweder Lisa die Einkäufe erledigte (und also auch Geld abhob)
oder sie mir, wenn ich einkaufen ging, ausreichend Geld mitgab,
meistens ein bißchen mehr, damit auch für mich persönlich noch
etwas übrigblieb.
Der Tag rückt näher, an dem ich meine Hemmung
vor Lisas Geld werde aufgeben müssen, egal wie. Lisa hat das Konto,
auf das ihr die Rente überwiesen wurde, nicht aufgelöst. Es fehlen
nur die Überweisungen für die beiden letzten Monate, für die es
offenkundig ein neues, mir unbekanntes Konto gibt. Wenn ich diese
Zeichen richtig deute, dann überläßt mir Lisa kommentarlos das auf
dem alten Konto angesammelte Geld. Es handelt sich um eine Art
Abfindung für mich, von der ich, wenn ich sparsam wirtschafte, noch
gut zwei bis zweieinhalb Jahre werde leben können. In dieser Zeit
muß es mir endgültig gelingen, mich auf eigene Füße zu stellen.
Anfangs war ich von Lisas Großmut begeistert und gleichzeitig
geschmerzt. Wie soll ich mich von einer Frau lösen, die sich mit
einer fast unbegreiflichen Großherzigkeit ungefähr zweieinhalb
Jahre lang von mir verabschiedet? Vor einiger Zeit ist mir
aufgefallen, daß die Abfindung auch ein klug eingefädeltes Manöver
ist. Ich merke, wie sehr mich Lisas Spende einschüchtert. Es ist
nicht möglich, sich als Mann mit dem Geld einer Frau über Wasser zu
halten, wenn das Wohlwollen der Frau gleichzeitig nicht mehr da
ist. Die Scham ist so mächtig, daß ich mich zur Zeit nicht traue,
Renates Nummer zu wählen und mich nach Lisa zu erkundigen. Lisa ist
mit einem erkauften Schweigen aus meinem Leben verschwunden. Sie
weiß, daß mir die Kraft (die Unverschämtheit, die Dummheit) fehlt,
die Scham zu durchbrechen und das Schweigen zu beenden. Ich hatte
nie geglaubt, daß Lisa so kühl kalkulieren kann. Natürlich muß ich
noch eine Weile warten, bis sich diese Ansicht der Ereignisse als
gesichert durchgesetzt hat. Es ist immer noch möglich, daß Lisa ihr
Geld auf dem alten Konto doch noch komplett abhebt und das Konto
dann auflöst. Es kann auch sein, daß Renate sie in dieser Richtung
beeinflußt oder gar unter Druck setzt. Immerhin hat Renate ihr
schon vor Jahren empfohlen, sich von mir zu lösen. Am anderen Ende
des Flurs klingelt das Telefon. Wahrscheinlich ist es Habedank, der
Disponent der Schuhmanufaktur Weisshuhn, der auf meine Testberichte
wartet. Wenn ich mich noch ein paar Tage länger nicht melde,
gefährde ich meinen Job. Woher soll ich jetzt den Schwung nehmen,
mit Habedank zu reden? Als Lisa noch hier war, war auch das Telefon
kein Problem. Sie kannte mich und meine Auftraggeber, sie ging an
den Apparat und wußte ohne Absprache, wen sie mit welcher
Geschichte anlügen mußte, um mich und meine Stimmungen zu schützen.
Ich lasse das Telefon klingeln, ich weiß nicht, was ich sagen
sollte, zu wem auch immer. Gleichzeitig verrät mich das Klingeln.
Habedank kennt meine Lebensgewohnheiten, er weiß, daß ich zu Hause
bin und immer öfter zu Hause bleibe, ich habe es ihm selbst gesagt,
weil ich mich nicht mehr so gut beherrschen kann wie früher. In
Wahrheit überfällt mich immer öfter eine Schweigelust, die mir ein
bißchen angst macht, weil ich nicht weiß, ob soviel Schweigen, wie
ich es zum Leben brauche, noch normal ist oder vielleicht der
Beginn meiner inneren Krankheit, die mit Zerbröckelung oder
Zerfaserung oder Ausfransung nur mangelhaft bezeichnet ist. Ich
schaue auf den Boden und betrachte die da und dort herumliegenden
Staubflusen. Wie sonderbar heimlich sich der Staub vermehrt!
Plötzlich fällt mir ein, daß Verflusung vielleicht das richtige
Wort für den gegenwärtigen Stand meines Lebens ist. Genau wie eine
Staubfluse bin auch ich halb durchsichtig, im Kern weich, äußerlich
nachgiebig und übertrieben anhänglich und außerdem schweigsam.
Neulich hatte ich die Idee, ich werde an alle Leute, die ich kenne
beziehungsweise die mich kennen, einen Schweigestundenplan
verschicken. Auf diesem Plan steht genau, wann ich reden will und
wann nicht. Wer sich nicht an den Schweigestundenplan hält, wird
überhaupt nicht mehr mit mir sprechen können. Für Montag und
Dienstag ist/wäre DURCHGEHENDES SCHWEIGEN angeordnet. Mittwochs und
donnerstags herrscht nur morgens DURCHGEHENDES SCHWEIGEN, an den
Nachmittagen GELOCKERTES SCHWEIGEN, das heißt, es sind
Kurzgespräche und Kurzanrufe erlaubt. Nur freitags und samstags bin
ich/wäre ich zu haltlosem Gerede bereit, allerdings erst ab elf
Uhr. An Sonntagen besteht TOTALES SCHWEIGEN. Die Wahrheit ist, daß
der Schweigestundenplan schon weitgehend ausgearbeitet war und daß
ich ihn um ein Haar verschickt hätte. Sogar die Adressen auf den
Briefumschlägen hatte ich schon getippt. Ein Glück, daß Lisa von
diesem Schweigestundenplan nie etwas erfährt. Wahrscheinlich würde
sie weinen, wenn sie das Wort hören müßte. Lisa brach oft
überraschend schnell in ein Weinen aus, hörte mit dem Weinen aber
auch schnell wieder auf. Wenn dabei das Telefon klingelte, würgte
sie das Weinen sekundenschnell ab und ging an den Apparat. Jetzt
würde sie mit fester Stimme sagen, daß ich gerade beim Zahnarzt
wäre. Das wäre nicht einmal gelogen, weil ich mich seit Wochen
tatsächlich einer Zahnbehandlung unterziehe, die demnächst zu Ende
geht, Gott sei Dank. Neulich rief die Zahnarzthelferin an und sagte
mit sonnenheller Stimme: Ihre neuen Zähne sind eingetroffen! Ich
war sofort sprachlos. Die Zahnarzthelferin wiederholte: Ihre neuen
Zähne sind da. Ich hatte nie für möglich gehalten, daß ein solcher
Satz je an mich hingesprochen würde. Die Zahnarzthelferin hatte
nicht die geringste Ahnung, daß sie eine Barbarin war. Und ich
hatte nicht den Mut, es ihr zu sagen. Ich stotterte irgendeinen
verlegenen Halbsatz ins Telefon, aus dem die Zahnarzthelferin
schließen konnte, daß ich demnächst bei ihr in der Praxis
erscheinen und meine neuen Zähne abholen würde. Genau das ist sehr
fraglich. Viel wahrscheinlicher ist, daß auch die Zahnarzthelferin
von mir einen Schweigestundenplan erhält. Die Sonne flutet in die
Wohnung und zeigt mir mein verflustes Leben. Im Sommer fühle ich
eine zusätzliche Schuld. Um zehn Uhr abends ist es immer noch hell
und morgens um fünf schon wieder. Die Tage dehnen sich unverschämt
und machen mir klar, wie sehr ich sie verstreichen lasse.
Wenigstens das Telefon hat aufgehört zu klingeln. Es war mit
Sicherheit Habedank. Nur er weiß, daß jedes leere Klingeln mich
piesackt. Dabei ist es nicht so schwer, sich mit Habedank zu
verabreden. Wir würden in seinem Büro etwa eine Stunde lang
miteinander reden und dann würde er mir vier oder fünf neue
Aufträge geben. Er will nur meine Testberichte, anschließend will
er mit mir über Modelleisenbahnen der fünfziger und sechziger Jahre
reden, besonders über die Modelle von TRIX und FLEISCHMANN.
Gräßlich! Modelleisenbahnen! Guter Gott! Nie hätte ich geglaubt,
daß derartige Kindereien einmal wichtig werden könnten. Aber
Habedank hat niemand, mit dem er über Modelleisenbahnen reden kann.
Ich müßte Habedank sofort anrufen und einen Termin mit ihm
vereinbaren. Aber ich gehe am Telefon vorbei in das vordere Zimmer.
Jetzt breitet sich Schicksal aus, das nicht genehmigte Leben. Ich
bin immer melancholisch geworden, wenn ich kämpfen sollte. Ich
werde kämpfen müssen, also werde ich melancholisch. Es ist, als
würde ich bis zu den Knien in einem leicht anrüchigen Gewässer
stehen. Habedank wird mir den Job wegnehmen, wenn ich nicht mehr
mit ihm über Modelleisenbahnen rede. Ich stehe am Fenster und
schaue die Straße hinab. Ich beobachte einen jungen Mann, der den
Bürgersteig vor dem Verwaltungsgebäude einer Baufirma reinigt. Er
erscheint alle vierzehn Tage und bläst mit einem Hochdruckreiniger
die herumliegenden Blätter erst eine Weile vor sich her und dann in
eine Anlage hinein. Später holt er einen großen blauen Plastiksack
aus seinem Auto und stopft die Blätter hinein und schafft sie fort.
Das Ordnungsgehabe der Baufirma empört mich. Die Damen und Herren
Bauzeichner, Konstrukteure und Statiker legen Wert auf einen total
gereinigten Bürgersteig! Kein Stäubchen soll liegen vor ihrem
prächtigen Geschäftsgebäude! Nicht einmal ein paar Blätter können
sie liegen sehen! Ich frage mich, ob die Damen und Herren nie
Kinder gewesen sind, ob es ihnen nie Freude gemacht hat, mit
quergestellten Schuhen ein paar Blätter vor sich herzuschieben, ob
ihnen das dabei entstehende Geräusch und der Anblick der vor ihren
Schuhen zusammengebauschten Blätter nicht geholfen hat, ihre
verbiesterte Mutter zu ertragen oder ihre fürchterlichen Lehrer
oder das Gewisper ihrer armen Seelen. Sind die Damen und Herren
niemals ganz bei sich gewesen und sind sie deswegen so
ausgezeichnete Befürworter von total gereinigten Gehwegen
geworden?
In diesen Augenblicken kommt mir eine Idee. Ich
werde mir für die Angestellten der Baufirma einen Schnellkurs für
Gedächtniskunst ausdenken. Ich werde mich INSTITUT FÜR MNEMOSYNE
nennen, das klingt modern und neuartig und so, daß jeder
Angestelltenzausel wissen will, was das ist. Ich werde an vier oder
fünf Abenden einen Grundkurs in der Kunst des Erinnerns anbieten.
Ja! Das ist es! Ich werde lange und klug auf die Angestellten
einreden, bis sie endlich begreifen, wie wunderbar es damals war,
als die kleinen Blätterberge vor ihren Schuhen immer größer wurden.
Dann werden auch die verstocktesten Statiker verstehen, daß es eine
Wohltat ist, wenn man raschelndes Laub durchschreitet und dabei das
unersetzliche und ganz unüberbietbare Gefühl entsteht, daß jeder
Mensch immer ein und dieselbe Person ist mit einer einzigen,
langsam anwachsenden und reicher werdenden Gedächtnisgeschichte.
Diese Einsicht wird den Bauzeichnern und Statikern unendlich
wohltun, und sie werden den Mann mit dem Hochdruckreiniger nach
Hause schicken und einen Teil ihrer Gewinne in das neugegründete
INSTITUT FÜR MNEMOSYNE investieren. Und ich werde Geld verdienen
mit diesen Kursen! Gütiger Gott! Geld! Plötzlich sehe ich, wie
unten auf dem Gehweg ein Mann stehenbleibt, sich einen Schuh
auszieht, sich den während des Gehens verrutschten Socken
zurechtzuppelt, den Schuh wieder anzieht und weitergeht. Dieser
Mann bremst meinen Tagtraum, ich weiß nicht warum. Wahrscheinlich
ist es der niederträchtige Anblick der Gewißheit, daß die Menschen
auch noch in ihren Schuhen für Ordnung sorgen müssen. Ich fühle,
wie mich mein Tagtraum wieder verläßt, beziehungsweise wie er sich
zuerst in eine Bedrohung und dann in eine Beschämung verwandelt.
Ich werde kein Geld verdienen, jedenfalls nicht mit Kursen über
Gedächtniskunst. Ich habe die letzten euphorischen Sätze in den
noch immer abgedunkelten Probenraum meiner Zukunft
hineingesprochen, wo sie selber sehen müssen, ob sie etwas mit
meinem Leben anfangen können. Ha! Erinnerungskunst für Angestellte!
Damit können die gar nichts anfangen! Im Gegenteil, die fragen
dreimal, wie man Mnemosyne denn schreibt, weil sie das Wort nie
zuvor gehört haben. Die lachen dich aus! Gedächtniskunst! Was soll
das denn sein! Mein Tagtraum flieht und verhöhnt mich während der
Flucht. Das ist seine Art, ich kenne das seit langem.
Gedächtniskunst! Das kann sich nur der Stubenhocker vom Haus
gegenüber ausgedacht haben! Solche Phantasien verhindern auch
heute, daß aus mir endlich ein lebenstüchtiger Mensch wird. Ich
seufze, weil ich ein so kleiner, fehlbarer Mensch bin. Das ist die
letzte Lektion des fliehenden Tagtraums. Warum brütet dein Hirn
immer wieder derartig faule Eier aus, die niemand kaufen will?
Warum denkst du immer wieder Gedanken, die dich nur selber
beeindrucken und die du niemand mitteilen kannst (Lisa
ausgenommen), weil niemand versteht (Lisa ausgenommen), wie ein
ausgewachsener Mann davon überzeugt sein kann, daß er mit einem
derartigen Humbug Geld verdienen könnte? Warum läßt du dich von
einem Mann mit Hochdruckreiniger und ein paar Blättern derartig in
die Irre führen? Wann endlich wirst du eine Idee haben, die auch
anderen Menschen einleuchtet? Und für die sie Geld hinlegen, und
zwar schnell!