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Nach diesen Erlebnissen sehe ich davon ab,
mir heute ein Paar Socken zu kaufen. Die ungeplante Bezahlung der
Rasierklingen war schon aufregend genug. Es eilt nicht mit den
Socken, ich brauche sie heute nicht und morgen nicht und übermorgen
nicht sofort. Außerdem habe ich dann einen Grund, meine Wohnung
erneut zu verlassen und in die Stadt zu gehen. Denn außer meiner
Strategie, mich im Gehen nicht an meine Kindheit zu erinnern, gibt
es einen zweiten, weit stärkeren Grund, meine Wohnung so oft wie
möglich, am besten stundenlang, zu meiden. Über diesen Grund kann
ich freilich im Augenblick nicht sprechen, nicht nachdenken und
nicht nachsinnen. Es hängt sicher mit diesen Unaussprechlichkeiten
zusammen, daß mir jetzt, kurz nach dem Verlassen des Kaufhauses,
eine alte Sterbephantasie wieder einfällt, die ich für vergessen
geglaubt hatte. Vor ungefähr fünfzehn Jahren stellte ich mir einmal
vor, daß links und rechts meines Sterbebettes je eine halbnackte
Frau sitzen sollte. Ihre Stühle sollten so nah an mein Sterbelager
herangerückt sein, daß es mir leichtfiele, mit den Händen die
entblößten Brüste der Frauen zu berühren. Ich glaubte damals, mit
dieser körperlichen Besänftigung würde mir die Zumutung des
Sterbens besser bekommen. Fast jeden Tag habe ich mir überlegt,
welche von den mir bekannten Frauen ich vorsorglich fragen sollte,
ob sie, wenn es soweit ist, zu diesem Sterbedienst bereit wären.
Ich erinnere mich, daß ich es damals am besten fand, zunächst
Margot und Elisabeth zu fragen. Beiden Frauen war es, wie soll ich
sagen, schon zu Liebeszeiten möglich, mich auf vollkommen untätige
Weise zu besänftigen, und zwar nur dadurch, daß ich sie anschaute
und gelegentlich berührte. Ich stehe an einer
Straßenbahn-Haltestelle und warte auf die Linie 11, mit der ich
(vermutlich) dann doch nicht nach Hause fahren werde. Rings um mich
warten junge und ältere Frauen und ein paar Männer. Die Frauen
tragen leichte Blusen, die im Wind flattern beziehungsweise wedeln.
Mir fällt auf, daß die Frauen heute nicht mehr wie früher den
Blusenausschnitt vorne tragen, unterhalb des Halses, sondern
seitlich, unterhalb der Achseln. Seitlich angeschaute Brüste wirken
auf mich viel mütterlicher als direkt von vorne angeschaute.
Vermutlich ist es so, daß ich mich bei seitlich angeschauten
Brüsten viel besser damit abfinde, daß sich Brüste immer weiter aus
meinem Leben entfernen und eines Tages ganz verschwinden. Ich
überlege, warum ich eigentlich von der Idee der
Sterbebusenbegleitung, nein, der Busensterbebegleitung, nein, des
Busenberührungssterbens wieder abgekommen bin. Je länger mir die
Erinnerung durch den Kopf zieht, desto stärker sympathisiere ich
wieder mit ihr. Ich weiß nicht mehr, ob ich damals auch Susanne
gefragt habe oder nicht. Ich sammle jetzt doch Gründe dafür, warum
es für mich sinnvoller ist, auf die Straßenbahn zu verzichten. Ich
bin so stark in die vergangenen und kommenden Fragen meines Lebens
verstrickt, daß es ganz töricht erscheint, mich mit diesen Fragen
in die Enge einer Straßenbahn zu begeben. In der Straßenbahn kann
ich nichts tun außer Straßenbahn fahren. Nein, ich muß sogar
aufpassen, daß ich nicht mit einem Rentner zusammenstoße oder über
einer sitzenden Frau zusammensinke. Da kommt die Linie 11, die
Straßenbahn-Türen öffnen sich, die Frauen greifen nach ihren
Einkaufstaschen. Ich schaue dabei zu, wie all diese Menschen, die
für Eroberungen ganz unbegabt sind, in die Straßenbahn stürzen und
jetzt doch einen Sitzplatz erobern wollen. Ich bleibe draußen
stehen, die Straßenbahn fährt wieder an, ich werde die vier oder
fünf Stationen zu Fuß zurücklegen. Rechter Hand liegt das große
Autohaus Schmoller & Co. Jeden Freitag um die Mittagszeit
werden die großen Schau- und Verkaufsräume des Autohauses
gereinigt. Ein junger Mann und eine junge Frau, vermutlich ein
Ehepaar, ziehen große, eimerförmige Staubsauger hinter sich her.
Der Lärm der beiden Staubsauger dringt bis auf die Straße hinaus.
Ich bleibe vor einem Schaufenster stehen und tue so, als würde ich
mich für neue Autos interessieren. Tatsächlich schaue ich das Kind
an, das die beiden Putzleute jedesmal mitbringen. Es ist ein etwa
siebenjähriges Mädchen, das zwischen den Autos herumsteht und mit
den Blicken nach seiner Mutter sucht, die ganz in der Nähe und doch
unerreichbar ist. Eine staubsaugende Mutter ist so abwesend wie der
Tod. Die Mutter stößt das Saugrohr mit der Bürste vorne dran immer
wieder unter die Autos und vermeidet dabei, mit dem Kind
zusammenzutreffen. Wahrscheinlich liebt die Mutter den Staubsauger,
weil das Gerät ihr vortrefflich dabei hilft, unerreichbar zu sein.
Die Mutter ist der Staubsauger und der Staubsauger ist die Mutter.
Sie trifft auch mit ihrem Mann nicht zusammen, aber der Mann ist
schon lange daran gewöhnt, daß sich beide in Staubsauger verwandelt
haben. Ha! Ich bin ein ganz vorzüglicher Staubsaugerkritiker! Eben
entdeckt das Mädchen, daß draußen ein Mann stehengeblieben ist und
hereinschaut. Es kommt dicht an die Scheibe heran und schaut mich
an. Ich müßte jetzt den Mut haben, das Putzpaar zu fragen, ob ich
mit dem Kind eine halbe Stunde spazierengehen darf. Wahrscheinlich
werden sie mir das Kind schenken, so begeistert werden sie sein.
Leider muß ich über diesen Einfall kurz lachen, was das Mädchen
mißversteht. Es lacht ebenfalls und legt dabei die Stirn gegen die
Scheibe. Genau JETZT müßte ich den Autosalon betreten und das Kind
mitnehmen. Statt dessen juckt mich in diesen Augenblicken mein
Uhrarmband. Seit rund fünfundzwanzig Jahren bin ich daran gewöhnt,
eine Uhr am Arm zu tragen. Das heißt, in Wahrheit bin ich nicht
daran gewöhnt. Ich löse das Armband und lasse die Uhr in der linken
Jackentasche verschwinden. Das Mädchen erkennt sofort, das
Verschwinden der Uhr war das Zeichen, daß nichts geschehen wird. Es
löst sich von der Scheibe und sucht wieder die Mutter, die gerade
zwischen zwei riesigen Geländewagen saugt. Doch da schlängelt sich
der Gummischlauch des Staubsaugers hinter einem Kühler hervor.
Dankbar erkennt das Mädchen das Zucken des Gummischlauchs und fühlt
sich wieder daheim.
Mir hilft der Anblick eines kleinen
Zoogeschäfts, das nur eine Haltestelle entfernt liegt. Das heißt,
es ist der Besitzer des Zoogeschäfts, ein Mann zwischen dreißig und
fünfunddreißig Jahren, der wie üblich auf der Treppe seines Ladens
sitzt und einen Heftchenroman liest. Dabei müßte er dringend die
Vogelkäfige und Terrarien reinigen. Und die Schaufensterscheibe
müßte geputzt werden, und zwar heute noch. Aber dann würden die
Leute erst richtig erkennen können, wie heruntergekommen der
Zooladen ist. Ich bleibe vor der schmutzigen Scheibe stehen und
versuche, in den Laden zu schauen. Es ist als Provokation gemeint,
aber es ist nur lächerlich. Durch die offene Tür höre ich wieder
die kleinen Abfluggeräusche der Vögel, das dichte kompakte
Aufstieben von winzigen Federkörpern. Plötzlich habe ich das
Gefühl, es wird sich rächen, daß ich das Nachhausegehen heute so
hinausziehe. Ich werde jetzt rasch und zielstrebig meine Wohnung
aufsuchen. Heute ist Freitag, und freitags hängt eine ältere Frau
die frisch gewaschenen Arbeiterhemden ihres Mannes auf ihrem Balkon
auf. Den Balkon kann ich von der Küche aus sehen. Es sind jedesmal
vier oder fünf tiefblaue, triefend nasse Hemden, die die Frau in
einer Plastikschüssel auf den Balkon herausträgt und sorgfältig
aufhängt. Schon nach kurzer Zeit ist die Frau selber kaum noch
sichtbar. Nur noch zufällig werde ich zwischen den blauen
Hemdrücken die weißen Arme der Frau hervorschauen sehen. Ähnlich
wie die Putzleute und der Inhaber des Zoogeschäfts blickt auch die
Arbeiterfrau nicht ein einziges Mal in die Umgebung. Schon jetzt,
obwohl ich das Bild der nassen Hemden noch gar nicht vor mir habe,
beruhigt mich ihr Anblick. Ich überquere die Straße, da begegnet
mir Doris. Ich bin sofort überzeugt, daß sie die Strafe für meine
Trödelei ist. Doris tut, als hätte sie mich lange nicht gesehen,
und wie immer paßt sie auf, daß sie sich nicht zu schnell bewegt.
Als Kind ist sie wegen einer seltenen und schwierigen Herzoperation
nach Amerika geflogen und dort operiert worden. Von dieser
Operation hat sie eine lange Narbe zurückbehalten, die sie mir
früher einmal gezeigt hat. Noch heute darf sich Doris nicht zu sehr
aufregen, weil dann für ihr Herz eine gefährliche Anspannung
entsteht.
Du hast wieder in das Zoogeschäft
hineingesehen, stimmts?
Hast du mich beobachtet? frage ich
zurück.
Ja.
Warum fragst du dann?
Ach, nur so, sagt sie.
Und du hast wieder überlegt, ob du dir nicht
endlich zwei Mäuse kaufen sollst.
Doris kichert.
Ich? frage ich nur.
Das finde ich so süß, daß ich einen Mann kenne,
der sich vielleicht zwei weiße Mäuse kauft! Das hab ich neulich
einer Kollegin erzählt! Und stell dir vor, die möchte dich sogar
kennenlernen, nur wegen der weißen Mäuse!
Wie kommst du denn darauf? Daß ich mir weiße
Mäuse kaufen will!
Das hast du mir selber schon erzählt.
Nie im Leben, sage ich.
Aber ja, sagt Doris, ich erinnere mich
genau.
Was soll ich denn mit zwei Mäusen
anfangen?
Das weiß ich auch nicht, sagt Doris. Aber
gesagt hast du es, ich schwöre es.
Du bringst da etwas durcheinander.
Das glaubst du. Vielleicht hast du schon zwei
weiße Mäuse, aber du willst es nicht zugeben oder was weiß
ich.
Du bringst da etwas durcheinander.
Das glaube ich kaum, sagt Doris.
Ich habe dir mal erzählt, daß ich als
Kind gerne zwei Mäuse gehabt hätte.
Genau.
Was heißt genau?
Genau das hast du mir erzählt, daß du als Kind
gerne zwei Mäuse gehabt hättest.
Genau, sage ich.
Siehst du.
Aber da ist doch ein Unterschied.
Ein Unterschied? Was für ein Unterschied?
Es ist ein Unterschied, ob jemand sagt, daß er
als Kind gerne zwei Mäuse gehabt hätte, oder ob jemand sagt, er
würde auch jetzt noch, als Erwachsener, gerne zwei Mäuse
haben.
Ach, macht Doris.
Was heißt Ach.
Ich glaube nicht an solche Unterschiede.
Man muß an Unterschiede nicht glauben, sage
ich, Unterschiede gibt es, Unterschiede kann man bemerken.
Verstehst du?
Nein.
Es kommt nicht darauf an, was du glaubst, es
kommt in diesem Fall nur darauf an, was ich dir gesagt habe, und
ich habe dir nur gesagt, daß ich als Kind gerne weiße Mäuse gehabt
hätte, verstehst du den Unterschied, als Kind.
Ja, ja, sagt Doris, schon recht, ich habe
verstanden, aber ich glaub’s nicht. Nach meiner Meinung vergessen
Menschen niemals, was sie sich als Kinder gewünscht haben.
Du verwechselst schon wieder etwas, und du
merkst es wieder nicht. Ich habe nicht gesagt, daß ich vergessen
hätte, was ich mir als Kind gewünscht habe.
Ja, sagt Doris, laß mich ausreden, ich wollte
sagen, daß wir auch als Erwachsene nicht aufhören können, uns die
Erfüllung der Kinderwünsche zu erfüllen – äh, nein, jetzt hab ich
mich verhaspelt, egal, du weißt, was ich dir sagen will.
Ja, ich weiß, was du mir sagen willst, aber du
bist auf dem Holzweg.
Ich weiß, daß du so denkst, weil du dich
schämst.
Ich? Ich schäme mich? Warum?
Du willst nicht zugeben, daß du nach wie vor
zwei weiße Mäuse haben willst.
Aber Doris! Wenn ich zwei weiße Mäuse haben
wollte, würde ich sie mir sofort kaufen, das kannst du mir
glauben!
Aber warum stehst du dann so oft vor den
Schaufenstern von Zoogeschäften herum? Kannst du mir das
sagen?
Das würdest du niemals verstehen, du verstehst
ja viel einfachere Vorgänge nicht! Wie willst du so vielschichtige
Dinge begreifen, daß jemand ohne Absichten und ohne Wünsche vor den
Schaufenstern von Zoogeschäften herumsteht, und zwar immer wieder!
Dafür kann es hundert verschiedene Gründe geben, sage ich, aber
eine derartige Vielfalt hat dein Mäusegehirn nicht
vorgesehen!
Den letzten Satz möchte ich gleich wieder
zurücknehmen. Andererseits konnte ich nicht auf ihn verzichten. Wie
bereue ich, daß ich Doris irgendwann einmal ein paar Kinderwünsche
gestanden habe, wie bedaure ich, daß ich gewissen Personen
überhaupt jemals von meiner Kindheit erzählt habe. Wenn ich mich
nicht irre, ist Doris erstarrt. Eine derartige Gemeinheit hat sie
mir nicht zugetraut. Andererseits hätte ich nichts dagegen, wenn
ich mit Doris keine Gespräche mehr führen müßte. Ich kann es
ertragen, wenn sie künftig mit erhobener Kinnspitze an mir
vorübergeht. Aber ich habe mich geirrt. Sie prustet los und sagt:
Mein Gott, was für ein schräger Vogel bist du geworden! Sie faßt
mich am Arm und lacht. Dann sagt sie auch noch: Der Denker und die
weißen Mäuse! Und lacht wieder. Ich bin es, der erstarrt,
ich bin es, dem jetzt nichts mehr einfällt. Gleichzeitig
hoffe ich, Doris’ Herz wird durch das Lachen nicht zu sehr
mitgenommen. Ich möchte nicht schuld sein, wenn ihr Herz plötzlich
zuviel oder zuwenig Blut pumpt und Doris vielleicht umfällt. Ich
müßte mich auf der Stelle von Doris abwenden und grußlos
verschwinden, aber ich bleibe stehen, weil ich der einzige bin, der
weiß, was mit Doris los ist, wenn sie jetzt einen Schwächeanfall
erleidet und in meinen Armen auf den Boden sinkt. Aber Doris sinkt
nicht zusammen. Sie schaut mich aus amüsierten Augen an wie eine
erfahrene Mutter, die Freude hat an den unfreiwilligen Verrenkungen
und Verhebungen ihres Kindes. Da kommt meine Bahn! ruft sie
plötzlich aus und rennt los, tschüs!, ruft sie, tschüs! rufe ich
und bleibe stehen, weil ich denke, es ist höflich, in dieser
Situation stehenzubleiben und zuzuschauen, wie die Bahn langsam
heranfährt und anhält und Doris einsteigt.
Die Wahrheit ist, man wird die Leute nicht mehr
los, denen man einmal von seiner Kindheit erzählt hat. Dabei
überlege ich, daß die Aufschrift auf dem Schildchen, das ich mir
demnächst vielleicht an das Revers heften werde, eine Spur schärfer
ausfallen muß. Vielleicht so: DAS SPRECHEN ÜBER DAS THEMA KINDHEIT
IN MEINER GEGENWART IST UNERWÜNSCHT. Oder so: WARNUNG! WENN SIE
ÜBER IHRE ODER GAR MEINE KINDHEIT SPRECHEN, DANN – nein, das ist zu
schroff. Am besten ist, ich werde zu meiner alten Formel
zurückkehren. Aber meine alte Formel fällt mir nicht mehr ein. Mein
Gott, ich weiß nicht mehr, mit welchem Satz ich mich über die
Verdrehungen meiner Kindheit habe wehren wollen. Doris sitzt in der
Straßenbahn und winkt mir nach. Ich kann nicht anders, ich winke
zurück. Der Fehler liegt allein bei mir. Ich habe in den
vergangenen Jahren zuviel und zu wahllos über meine Kindheit
gesprochen. Ich sollte damit ganz aufhören, aber das werde ich
vermutlich nicht schaffen. Ich möchte wissen, warum mir Doris so
sehr nachwinkt. Es ist, als würde sie in mir einen besonders
liebenswerten Menschen sehen. Die Niedertracht meines letzten
Satzes ist bei ihr entweder überhaupt nicht angekommen oder sofort
verpufft.