»Das. das kann ich nicht«, sagte Nora.
»Warum nicht?« fragte er kurz.
»Weil Arlene immer meine Agentin gewesen ist. Sie hat bisher alle meine Ausstellungen besorgt. Ich kann sie diesmal unmöglich sitzenlassen.«
»Du kannst es, und du wirst es. Arlene Gately mag sehr nett sein, aber sie ist nicht mehr als eine Schmalspur-Kunsthändlerin, und du bist über sie hinausgewachsen. Aaron Scaasi gehört zu den führenden Kunsthändlern der Welt. Eine Ausstellung in seiner Galerie, gerade jetzt, nützt dir mehr als alles andere, den Preis zu gewinnen, Nora.«
»Aber woher weißt du, daß er’s tun wird?«
»Oh, er wird es tun.« Sam lächelte. »Der Scheck über zehntausend Dollar ist die Garantie dafür.«
Das alles ereignete sich natürlich, während ich noch im Pazifik war.
Ich wäre genau die richtige Figur gewesen für eine SomersetMaugham-Geschichte: der schwitzende, dampfende Dschungel, der den weißen Mann schlaff und willenlos werden läßt, bis er mit Hilfe einer braunhäutigen Schönen in ein glückliches Leben hinüberwechselt, von dem er sich im lieben alten Blighty nie etwas hätte träumen lassen. Aber für mich kam alles anders. Ich glaube, ich war im verkehrten Dschungel.
In der Gegend nördlich von Port Moresby war es immer kalt und feucht. Man konnte noch so viel Wollzeug übereinander anziehen die Kälte fraß sich doch durch bis auf die Knochen. Unsere Zähne klapperten, unsere Nasen liefen, und man holte sich viel leichter eine Grippe als Malaria. In unserer freien Zeit hockten wir Flieger meistens um den dickbäuchigen Ofen im Bereitschaftsraum und diskutierten seriöse taktische Aspekte des Krieges: ob Pat wohl erst die Anstandsdame spielen würde, ehe er Terry die Jungfernschaft nimmt, oder ob Daisy Mae wohl jemals Li’l Abner vom Mutterkomplex befreien könne, und ähnlichen Unsinn.
Zwischen solchen Diskussionen von hohem Niveau rannten wir zu unseren Maschinen, wenn die Sirenen heulten, stiegen auf, kamen wieder herunter und schickten dann unsere Wäsche zu den kleinen, schwarzen, krausköpfigen Mädchen, die für uns wuschen, damit wir für den nächsten Flug bereit waren. Es wäre nämlich wirklich zu unästhetisch gewesen, in schmutzigen Unterhosen zu sterben. Man könnte sagen: geradezu unamerikanisch. Ich wurde auf die harte Tour Oberstleutnant. Meinen Kommandeur schossen sie vor mir ab. Ich wurde befördert und bekam seine Stelle. Ich weiß noch, was ich dachte, als sie mir statt der silbernen Eichenblätter die goldenen verpaßten: Alle Menschen müssen sterben - und nun komme ich dran.
Aber ich hatte Glück gehabt. Ich erinnere mich an meine Überraschung, als ich plötzlich den nadelstichartigen Schmerz in meinem Rücken spürte. Das Schaltbrett verschwamm vor meinen Augen, als die japanische Zero über mir wegtrudelte und ins Wasser stürzte, während ich versuchte, der andern Maschine genau unter mir zu entkommen. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, zu unserem Landestreifen zurückzufinden. Mir war, als schwämme ich in einer Gallertmasse. Meine Kiste krachte auf den Boden und überschlug sich. Irgendwo ganz fern hörte ich jemanden schreien. Dann spürte ich Hände, die an mir zerrten. Warme Hände, tröstliche Hände - tröstlich, obwohl sie versuchten, mich aus der wohligen Wärme herauszuziehen, die mich umgab.
Ich schloß die Augen und überließ mich diesen Händen. Es schien mir allmählich an der Zeit, in den Dschungel zu kommen, von dem ich so viel gelesen hatte. Stillvernügt lächelte ich vor mich hin. Ja, so war es schon richtiger. Ich lag in Bali am Strand, und tausend nacktbrüstige Schöne, die alle so aussahen wie Dorothy Lamour, paradierten vor mir auf und ab, und mein einziges Problem war die Entscheidung, welche von ihnen die Nacht mit mir verbringen sollte. Dies war der einzige Traum, den ich nie aufgeben würde. Mochte MacArthur sehen, wie er ohne mich fertig wird!
Sobald ich transportfähig war, verfrachteten sie mich zurück nach den Staaten.
Ich erfuhr erst in der zweiten Juliwoche, daß Nora den Eliofheim-Preis gewonnen hatte, und auch das nur, weil ich zufällig ihr Bild auf einer Titelseite des »Life« fand.
Im Februar war ich abgeschossen worden; dann lag ich fünf Wochen in einem Lazarett in Neuguinea, anschließend sieben Wochen in einem Erholungsheim in San Diego, und von dort entließ man mich als »so gut wie neu«. Vor mir lagen dreißig Urlaubstage, ehe ich zur Truppe zurück mußte. So fuhr ich nach La Jolla, mietete ein kleines Boot, auf dem ich essen und schlafen konnte, und fing endlich an, mich ein bißchen voll Sonne zu saugen.
Ich hatte an Deck in einem Sessel vor mich hin gedöst, da ließ mich das Aufklatschen eines Bündels hochschrecken. Als ich die Augen aufschlug, sah ich einen Jungen am Kai stehen und zu mir herübergrinsen. Ich las absichtlich keine Zeitungen. Ich hatte genug vom Krieg. Aber ich hatte am Zeitungsstand den Auftrag gegeben, mir jede Woche ein paar Illustrierte und Zeitschriften herüberzuwerfen.
Ich steckte die Hand in die Tasche und wirbelte einen halben Dollar in die Luft. Der Junge fing ihn ebenso geschickt auf, wie Joe DiMaggio einen zu hohen Ball herunterzuholen pflegt.
Ich beugte mich nieder, hob das Bündel auf und löste die Schnur, die es zusammenhielt. Die Zeitschriften glitten zu Boden. Das erste Heft, das mir in die Hand kam, hob ich auf.
Auf dem Titelblatt sah ich das Bild eines mir merkwürdig ver-
traut vorkommenden Mädchens und dachte noch, wie nett, daß die endlich mal aufhören mit den Kriegsbildern. Erst dann merkte ich, warum mir das Mädchen so bekannt vorkam.
Dort stand es in schwarzen Buchstaben auf weißem Grund:
NORA HAYDEN - GEWINNERIN DES ELIOFHEIM-PREISES FÜR BILDHAUEREI.
Ich sah nochmals auf das Bild, und der alte Zauber war wieder da. Die leuchtenden dunklen Augen, der seltsam sinnliche Mund über dem stolzen, fast hochmütigen Kinn. Es war wie gestern, obwohl es beinahe ein Jahr her war, seit ich sie gesehen hatte.
Ich schlug das Heft auf. Innen waren noch mehr Bilder von ihr. Nora in dem kleinen Atelier hinter dem Haus ihrer Mutter bei der Arbeit. Nora rauchend, während sie eine Idee skizziert. Nora am Fenster sitzend, ihr Gesicht als Silhouette gegen das Licht. Nora, auf dem Fußboden liegend, hört sich eine Schallplatte an. Ich begann zu lesen:
Die zierliche Miss Hayden, die eher wie ein Modell als wie eine Bildhauerin aussieht, läßt keinen Zweifel offen, welchen Standpunkt sie zu ihrer Arbeit einnimmt.
»Die Skulptur ist die einzige echte Lebensform in der Kunst«, behauptet sie. »Sie ist dreidimensional. Sie können herumgehen, sie aus jedem Gesichtswinkel betrachten, sie berühren, sie fühlen wie jedes lebendige Ding. Sie hat Gestalt, Form und Wirklichkeit und ist im Leben rings um Sie her vorhanden. Sie können sie in jedem Stein sehen, in der fließenden Maserung eines jeden Holzes, in der dehnbaren, nachgebenden Stärke eines jeden Stücks Metall. Der Künstler braucht nur die gebundene Vision aus dem Rohmaterial herauszuholen, in eine Form zu schmelzen, ihr Leben einzuhauchen...«
Ich hörte förmlich ihre Stimme in meinem Ohr.
Dann blätterte ich zurück zum Titelblatt und betrachtete ihr Bild. Das gab mir den Rest. Ich ließ das Heft auf Deck fallen und stand auf. Ich war nun anderer Meinung. Was machte es schon aus, daß es ein Jahr später war?
In der engen Telefonzelle am Kai hörte ich das Telefon in San Francisco am andern Ende des Drahtes läuten. Ihre Mutter meldete sich.
»Hier spricht Luke Carey«, sagte ich. »Erinnern Sie sich noch an mich?«
Die Stimme der alten Dame war fest und klar. »Aber natürlich, Colonel. Wie geht es Ihnen?«
»Gut, Mrs. Hayden. und Ihnen?«
»Ich bin im ganzen Leben keinen Tag krank gewesen«, antwortete sie. »Ich habe in den Zeitungen von Ihnen gelesen. Sie haben Großartiges geleistet, Colonel.«
»Die Zeitungen haben zuviel davon hergemacht. Tatsächlich hatte ich gar keine Wahl. Ich konnte gar nicht anders.«
»Ich bin überzeugt, ganz so einfach lagen die Dinge nicht. Aber darüber können wir ein andermal reden.« Ich hörte, wie ihre Stimme weich wurde. »Wie schade, daß Nora nicht hier ist. Sie wird sicher enttäuscht sein.«
»Oh, wie schade. Ich hätte ihr so gern zum Eliofheim-Preis gratuliert.«
»Eben wegen dieses Preises ist sie unterwegs. Das arme Kind hat seit der Veröffentlichung keine ruhige Minute mehr gehabt. Ich habe darauf bestanden, daß sie nach La Jolla ging, damit sie einmal aus dem Trubel herauskommt.«
»Bitte. sagten Sie La Jolla?«
»Ja.« Ein plötzliches Begreifen kam in ihre Stimme. »Von wo aus rufen Sie an?«
»Von La Jolla. Ich verbringe meinen Urlaub hier.« »Das ist aber ein glücklicher Zufall! Natürlich, Colonel, jetzt erinnere ich mich auch, irgendwo in der Zeitung gelesen zu haben, daß Sie dort sind. Nora ist im >Sand and Surf Club<.«
»Ich werde sie anrufen.«
»Wenn Sie sie nicht erreichen sollten, setzen Sie sich mit Sam Corwin in Verbindung. Er weiß, wo sie zu finden ist.«
»Sam Corwin?«
»Ja - Sie erinnern sich sicher an ihn. Der Zeitungsmann. der Freund von Professor Bell. Er ist der Manager meiner Tochter für alle geschäftlichen Dinge. Das arme Kind hat nämlich keinen Sinn dafür.«
Die Stimme der alten Dame bekam jetzt einen anderen Klang. »Ich hoffe, wir müssen nicht wieder ein Jahr auf Ihren Besuch warten, Colonel. Ich glaube noch immer, daß wir verschiedenes zu besprechen haben. Mir scheint, Hayden & Caruthers wäre ein ausgezeichneter Start für Sie, wenn Sie Ihren Beruf wiederaufnehmen wollen.«
»Vielen Dank, Mrs. Hayden, daß Sie an mich dachten. Wir werden bald darüber sprechen.«
»Das sollte mich freuen, junger Mann. Leben Sie wohl.«
Das Telefon klickte, und ich zögerte einen Augenblick, ehe ich einen weiteren Nickel einsteckte. Diesmal meldete sich Corwin.
»Ist Miss Hayden zu sprechen?«
»Wer spricht dort bitte?«
»Luke Carey.«
Seine Stimme wurde freundlicher. »Colonel Carey?«
»Ja.«
»Einen Augenblick bitte. Ich will sehen, daß ich sie finde.«
Ich wartete einen Augenblick, dann hörte ich ihre Stimme.
»Colonel Carey! Das ist aber eine Überraschung! Woher wußten Sie, wo Sie mich erreichen?«
Ich lachte. »Ihre Mutter hat mir’s gesagt. Ich dachte, wir könnten uns treffen - zu einem Drink, ja?«
»Sind Sie in La Jolla?«
»Etwa drei Meilen von der Stelle, wo Sie stehen. Nun, wie wär’s damit?«
»Ich käme schrecklich gern. Aber Aaron Scaasi, mein Agent, muß jede Sekunde von New York ankommen. Wir haben um fünf einen Cocktailempfang für die Presse angesetzt.«
Ich wartete darauf, daß sie eine andere Zeit vorschlagen würde, aber sie tat es nicht. Das war keineswegs unfair, dachte ich. Sie hatte wirklich keinen Grund dazu. Als wir uns das letztemal gesehen hatten, war ich nicht gerade höflich zu ihr gewesen.
»Nun, ich werde es noch einmal versuchen«, sagte ich.
»Ja, bitte, tun Sie das«, sagte sie höflich und hängte ab.
Ich sah kritisch nach dem Himmel, als ich den Kai entlangging. Der Himmel war richtig. Blau wie auf den Postkarten, mit ein paar hohen Wölkchen. Schöne, warme Sonne. Später würde die Luft heiß und schwer werden, aber dann war es mir gleichgültig, dann war ich nicht mehr auf dem Wasser.
So - und damit wäre der Fall erledigt, dachte ich. Aber damals wußte ich nicht, was Sam ihr erzählte, nachdem sie das Telefon aufgelegt hatte.
»Sehr herzlich warst du gerade nicht«, sagte Sam.
»Verdammt. ein ganzes Jahr! Was bildet er sich eigentlich ein? Für was hält er sich?«
Sam nahm sich wieder ihren Skizzenblock und sah sich die Zeichnung an. Ein junger Mann, der gerade zum Tauchen ansetzt. Nackt.
Sam kannte das Gesicht. Es war der Junge aus der Oberschule, der im Klub als Badewärter und Lebensretter arbeitete.
»Er ist jedenfalls keins von diesen Babys«, sagte er trocken.
»Das soll sicher sehr witzig sein. Hast du irgend etwas dagegen einzuwenden?«
»Nichts Persönliches«, antwortete er. »Ich scher mich den Teufel darum, mit wem du schläfst. Aber wenn es allzu öffentlich wird, tut es uns geschäftlich Abbruch.«
Ihre Stimme wurde kalt. »Woher weißt du es?«
»Es ist die Sensation unten an der Muscle Beach. Du bist eine zu große Sache für den Jungen, als daß er darüber schweigen könnte. Er verpaßt es all seinen Freunden, ein Detail nach dem andern. Der Junge läßt keins aus.«
Ärgerlich riß sie das Blatt vom Skizzenblock und zerknüllte es. »Das kleine Schwein!«
»Ich habe dir gesagt, du sollst vorsichtig sein«, sagte Sam geduldig.
»Also bitte - was soll ich tun?« Sie warf den Papierknäuel auf den Boden. »Soll ich etwa Nonne werden?«
Automatisch hob er das Papier auf und warf es in den Papierkorb. Er zog die Pfeife aus der Tasche.
»Ich wünschte bloß, du würdest diese verdammte Pfeife wegschmeißen. Ich kann den Gestank nicht leiden.«
Schweigend steckte er sie wieder ein und ging zur Tür. Sie rief ihn zurück. »Sam!« Ihr Ärger war verraucht. Plötzlich wirkte sie jung und hilflos. »Sam - was meinst du, was ich tun soll?«
»Ich weiß nicht«, sagte er nachdenklich. »Aber an deiner Stelle finge ich damit an, diese Jungens in Frieden zu lassen.«
»Natürlich, Sam.«
»Und noch etwas«, fügte er hinzu. »Es könnte nichts schaden, wenn du mit jemandem aufkreuzt wie zum Beispiel diesem jungen Offizier, der gerade angerufen hat. Vielleicht hört dann der Klatsch eher auf.«
Als ich zurückkam, saß der alte Wächter auf der Bank vor der Bude am Kai. Er winkte mir mit müder Hand zu. »Hei, Curnel!«
»Hei!«
»Hab’ gehört, vor Coronado haben Sie Merline gesichtet. Könnte sich lohnen, wenn Sie mal nachsehen.«
»Könnte ich«, sagte ich und gab ihm sein tägliches Trinkgeld.
Er ließ den halben Dollar in die Tasche gleiten. »Danke, Curnel.« Er schielte mit seinen wässerigen Augen herauf zu mir. »Übrigens - draußen auf Ihrem Boot ist ein Mädel. Hab’ ihr gesagt, Sie sind nach dem Lunch fällig.«
Ich ging hinunter zu meinem Boot. Nora mußte meine Schritte gehört haben, denn sie stand auf dem Deck, als ich kam. Sie trug ein Paar enganliegende, blaue, gepunktete Shorts und einen Büstenhalter. Wie ein kleines Mädchen sah sie aus mit ihrem zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haar.
»Hallo!« rief sie.
»Hallo.«
Ihre Augen blinzelten in die Sonne. »Diesmal bin ich dran, mich zu entschuldigen, Colonel.«
Ich sah sie einen Augenblick prüfend an, dann sprang ich aufs Deck und war neben ihr. »Deswegen hätten Sie nicht den langen Weg hier herunter machen sollen, Nora.«
Sie legte die Hand auf meinen Arm. Sie lag warm auf meiner Haut.
»Aber ich wollte es gern, Colonel. Ich wollte, daß Sie wissen, wie leid es mir tut.«
Sie stand so dicht neben mir, daß ich den Duft ihres Haares atmete. Gut und sauber und frisch. wie die Fichten oben auf den Bergen. Und keinerlei Make-up als einen matten Schimmer von Lippenstift. Ich sah ihr in die Augen. Es war wie eine Ewigkeit. Dann küßte ich sie.
Ihr Mund war warm und süß, ihre Zähne hinter den weichen
Lippen hart und scharf. Ich fühlte, wie ihre Arme sich um meinen Hals legten, spürte den Druck ihres Körpers. Ich ließ meine Hände zu ihren Hüften hinuntergleiten und konnte dabei fast jede Rippe zählen. Es war genauso, wie ich wußte, so müsse es zwischen uns sein.
Als ich sie noch einmal geküßt hatte, ließ ich sie plötzlich los und griff nach einer Zigarette. Ich drehte am Rädchen meines Feuerzeugs, aber ich konnte das verdammte Ding nicht zum Zünden bringen. »Siehst du. ich zittere.«
»Ich zittere auch«, sagte sie leise.
Ich zog an meiner Zigarette. Endlich hatte ich sie angesteckt. Dann gab ich sie ihr.
Sie rauchte eine Sekunde, dann wandte sie sich zu mir. »Ich hab’ mir gleich beim erstenmal gewünscht, daß du mich küssen sollst«, sagte sie.
»Ich habe mir’s auch gewünscht.«
»Warum hast du’s denn nicht getan?« Ihre Augen waren wie die Schatten im Wasser zwischen Boot und Kai. »Du wußtest, daß ich darauf wartete.«
Ich wandte mich ab. »Ich dachte, du. wolltest zu einem andern gehen.«
»War das damals so wichtig für dich?«
»Ja. Du hast dir lange Zeit gelassen, die Szene aufzubauen. Ich wollte, daß zwischen uns alles klar ist.«
»Nun, du selbst warst auch nicht gerade ein früher Vogel.«
»Nein.«
»Und. ist es dir jetzt wichtig?«
»Jetzt ist alles andere gleichgültig.« Ich schloß sie wieder in meine Arme.
Dann schossen ihr die Tränen in die Augen. Meine Wange wurde naß davon. »O Luke, Luke!«
Ich kenne viele Redensarten über Weibertränen, aber ich glaube keine einzige. Sie sind das wirksamste Einschläferungsmittel für das Selbstbewußtsein des Mannes, das die Natur erfunden hat. Ich fühlte mich wie ein Gott, als ich ihr die Tränen wegküßte. Ich fuhr am Nachmittag nicht hinaus, um zu sehen, ob man bei Coronado wirklich Merline gesichtet hatte. Statt dessen stieg ich - zum erstenmal, seit ich hier war - in meine Uniform und trabte hinter Nora her zu ihrer Pressekonferenz.
Ich war heilfroh, als diese Konferenz ihrem Ende zuging. Es war entsetzlich. Die Reporter hatten sich wie die Aasgeier auf uns gestürzt, als sie uns beide zusammen erblickten.
Wir mußten uns ihren Kameras stellen. Sie überhäuften uns mit Fragen. Ob wir verlobt sind? Wann wir heiraten wollen? Wie wir uns kennengelernt haben? Ob sie mit mir nach Washington fährt, wenn ich dorthin befohlen werde? Ob ich hierhergekommen war, um in ihrer Nähe sein zu können? Oder ob ich sie. und warum.?
Nach einer Weile hatten sie ihre Fragen selbst satt, denn wir gaben ihnen keine Antwort, und interessierten sich endlich für den eigentlichen Zweck der Pressekonferenz. Sie sollten sich nämlich Aaron Scaasis Erklärung anhören, warum er Nora für das größte Ereignis in der Geschichte der amerikanischen Skulptur seit den Zeiten des Totempfahls hielt.
Ich muß sagen, er sprach überzeugend. Sogar für mich. Scaasi war ein kahler, untersetzter Mann, der mehr wie ein ehemaliger Boxer aussah als wie einer der prominentesten Kunsthändler des Landes. Er wischte sich ständig den Kopf mit einem babyblauen Taschentuch. Nora wirkte wie ein kleines Mädchen, als sie da neben ihm auf der Couch saß.
Sam Corwin kam herüber und setzte sich. »Er weiß recht genau, was er sagt«, bemerkte er und deutete mit dem Kopf auf Scaasi. »Nora ist wirklich sehr gut.«
Ich sah mir Sam an. Ein sehr schlanker, fast zarter Mensch, dessen Äußeres zu Trugschlüssen verführte, wenn man nicht den festen Mund und das energische Kinn beachtete. Innerlich ein Bursche hart wie Stahl. »Ich glaube es ihm«, sagte ich, während ich mich fragte, wie tief wohl Convins Interesse für Nora gehen mochte.
Offenbar spürte er, was ich dachte. »Ich kenne Nora, seit sie noch zur Schule ging. Ich habe immer an sie geglaubt, und ich war sehr glücklich, als ihre Mutter mir vorschlug, ich sollte mich ihrer Angelegenheiten annehmen.«
Er blickte mich mit seinen dunklen Augen sehr prüfend an. »Übrigens bin ich Ihnen Dank schuldig.«
»Nanu?« fragte ich erstaunt.
Er nickte. »Daß Sie zu dieser Party gekommen sind. Nora war schrecklich aufgeregt, als sie mit Ihnen gesprochen hatte, und wollte am liebsten das alles hier absagen, wenn sie sich nicht vorher bei Ihnen hätte entschuldigen können. Sie läßt sich ganz und gar von ihren Gefühlen leiten.«
Die Party begann sich aufzulösen, und Sam Corwin ging zu den Zeitungsleuten, um noch ein paar abschließende Worte mit ihnen zu sprechen. Vielleicht hatte der Bourbon meine Sinne etwas umnebelt - aber ich hatte das Gefühl, daß er mir eigentlich gern noch mehr gesagt hätte. Scaasi und Nora traten zu mir. Ich spürte, daß es mich ärgerte, wie vertraulich er seine Hand auf ihre Schulter gelegt hatte. »Hätten Sie nicht Lust, mit uns zu essen?«
Ich zögerte einen Moment und sah Nora an, dann faßte ich meinen Entschluß. »Nein, danke. Ich weiß, Sie haben allerlei Geschäftliches zu besprechen, da möchte ich lieber nicht stören.«
»Sie würden durchaus nicht stören«, sagte Nora schnell. Ich sah die Enttäuschung in ihren Augen.
Einen Augenblick lang hätte ich meinen Entschluß beinahe umgestoßen. Doch ich überlegte schnell noch einmal. Lächelnd
entschuldigte ich mich: »Ich habe mir selbst ein Gericht Merline versprochen. Ich möchte heute abend noch mit meinem Boot hinaus und vor Coronado Anker werfen. Dann kann ich mit dem Angeln gleich anfangen, wenn die Sonne aufgeht.«
»Wann werden Sie morgen zurück sein?« fragte Nora.
»Spät.«
»Dann sehe ich Sie nicht mehr. Ich muß übermorgen früh in San Francisco sein.«
»Wie schade!« antwortete ich.
Sam sagte etwas zu Scaasi. Sie traten ein paar Schritte beiseite.
»Du wirst mich doch anrufen?« fragte sie.
»Natürlich.«
»Nein, du wirst es nicht tun«, sagte sie nach einem Augenblick. »Ich weiß, du wirst es nicht tun. Es wird wieder genauso sein wie das letztemal. Du gehst zurück - und ich höre nichts mehr von dir. Niemals. Ich werde nichts anderes von dir wissen als das, was ich in den Zeitungen lese.«
»Sei nicht albern. Ich sage dir doch - ich rufe dich an.«
»Wann?«
»Sobald ich in San Francisco bin.«
»Das wird niemals sein«, sagte sie düster.
Ich nahm ihre Hand. Sie war warm, weich und hilflos. »Ich rufe dich an. Ich verspreche es dir.«
Sie sah mich eigentümlich an. »Und was ist, wenn dir etwas passiert? Wie erfahre ich das?«
»Mir passiert nichts. Davon bin ich jetzt überzeugt. Du kennst doch das alte Sprichwort: Wer zum Hängen geboren ist, dem kann nichts anderes passieren.«
Der letzte Reporter war gegangen. Es wurde Zeit für mich zu verschwinden. Ich schüttelte ringsum viele Hände und ging.
»Ich begleite dich bis zur Tür«, sagte sie.
Wir gingen hinaus in den Patio. Es war schon dunkel. Tausend kleine Sterne schimmerten in die Nacht hinein. Ich schloß die Tür hinter uns. »Ich denke, du magst keinen Abschied?« sagte ich. Ich wußte, ich hätte sie küssen können, aber ich tat es nicht. Denn sonst wäre ich nie weggegangen.
Ich glaube, das wußte sie auch. »Dies ist kein Abschied«, flüsterte sie. Ihre Hand berührte kurz die meine. Die Tür schloß sich hinter ihr. Ich ging hinunter zum Taxi.
Scaasi war auf sein Zimmer gegangen, so daß Sam allein war, als Nora wiederkam. Er sah sie fragend an.
»Misch mir einen Drink"«, sagte sie.
Schweigend erhob er sich aus seinem Sessel und mischte ihr einen Scotch-Soda. Sie nahm das Glas und stellte es auf den Tisch. »Ich werde heiraten«, sagte sie fast trotzig.
Corwin schwieg noch immer.
»Nun, hast du gar nichts dazu zu sagen? Es ist doch genau das, was ihr gewollt habt, Mutter und du?«
Er war überrascht. »Woher willst du das wissen?«
»So dumm bin ich doch auch nicht«, sagte sie und nahm ihr Glas wieder auf. »Ich wußte es in dem Augenblick, als du mir sagtest, ich solle ihn anrufen. Und außerdem schon, als er erzählte, Mutter habe ihm meine Nummer gesagt. Da war ich sicher.«
Nun, da sie es ausgesprochen hatte, war Sam nicht mehr ganz überzeugt, daß es ihn freute. »Heiraten ist eine ernste Sache.«
Sie trank ihr Glas leer und stellte es fort. »Das weiß ich.«
»Er ist allem Anschein nach ein netter Junge.«
»Was mit andern Worten heißt: Ich bin nicht nett!«
»Das habe ich nicht gesagt!« »Das weiß ich. Aber gedacht hast du’s, oder nicht! Weil ich bin, wie ich bin, würde ich für ihn keine gute Frau sein?«
Sam schwieg.
»Und warum eigentlich nicht?« fragte sie. »Ich habe das richtige Alter für ihn. Ich bin nicht schwer zu behandeln. Ich habe alles Geld, das wir jemals brauchen, und nach dem Krieg läßt es sich arrangieren, daß er tun kann, was er will. Ist das so schlecht?«
»Fragst du mich - oder sagst du’s mir?«
»Ich sage dir’s«, antwortete sie gereizt.
Er zog die unvermeidliche Pfeife heraus. »In diesem Fall hätte ich nur eine Frage. Liebst du ihn?«
Sie sah ihn groß an. Das war die letzte Frage, die sie von ihm erwartet hätte. »Natürlich!«
»Dann ist ja alles in Ordnung.« Er lächelte. »Und wann soll die Hochzeit sein?«
Sie sah sein Lächeln, und ihr Ärger und Trotz verflogen. Sie lächelte ebenfalls. »Sobald ich ihn dazu bringen kann, mich darum zu bitten«, sagte sie.
Ich zog meine Uniform aus und fuhr in ein Paar Blue jeans, als ich auf mein Boot zurückkam. Die Öltanks waren voll - dafür hatte ich schon gesorgt, als ich mir vornahm, wegen der Merline hinauszufahren. Aber der eine Zylinder gefiel mir nicht. Also machte ich mich daran, ihn zu reinigen. Das führte dazu, daß ich gleich noch die Ventile und die Düsen reinigte, und ehe ich’s mich versah, war es fast zehn Uhr. Plötzlich merkte ich, daß ich hungrig war.
Ich musterte meinen Proviant, aber es war nichts dabei, auf das ich Appetit hatte. Ich mußte noch verschiedenes einkaufen, wenn ich morgen den ganzen Tag draußen bleiben wollte. Ich fand einen kleinen Lebensmittelladen, der noch offen war, kaufte, was ich brauchte, und ging dann in den »Fetten Löffel« zu einem sehr schlechten Steak und der unvermeidlichen Flasche Chili. Unmöglich, das Steak mit etwas anderem hinunterzuspülen. Aber nicht einmal der Chili konnte den scheußlich faden Geschmack verdecken. Ich sah angewidert auf meinen Teller. Wäre ich nicht so ein bockiger Esel gewesen, hätte ich jetzt ein herrliches Dinner haben können.
O nein, ich nicht! Ich war frei und unabhängig! Keine Bindungen für den lieben kleinen Luke. Er war Einzelgänger. Ich nahm wieder einen Bissen von dem Steak und kaute nachdenklich darauf herum. Himmel, was war eigentlich mit mir los?!
Mein Pech war, daß ich immer und aus allem mehr machte, als wirklich daran war. Ich verstand es nicht, die Dinge zu nehmen, wie sie waren. Ich machte wer weiß wie große Angelegen-
heiten daraus. Was war es? Ihr Geld? Die Tatsache, daß die alte Dame es mir allzu mundgerecht gemacht hatte? Nein, das konnte es nicht sein.
Ich erinnerte mich an eine Redensart meiner Schulkameraden: Man kann sich genausogut in ein reiches Mädchen verlieben wie in ein armes. Und sogar viel besser.
Und dann wußte ich, was es war. Ich sträubte mich dagegen, ich wollte nichts damit zu tun haben - weil ich Angst hatte. Ich fürchtete mich. Denn ich wußte, wenn ich ihr verfiel, dann war ich erledigt. Sie war alles, was ich mir je erträumt hatte. Klasse und Stil und Charme, alles hell und glänzend durch eine Politur, wie sie nur in Generationen entsteht. Das alles, und dazu die künstlerische Begabung und diese ungebändigt wilde Hurenart tief drinnen in ihr, die ich gleich gespürt hatte. Mit einem solchen Mädchen hat man kein leichtes Leben. Außerdem - wußte ich denn, ob sie dasselbe empfand wie ich? Und was hatte ich ihr zu bieten?
Ich aß wieder ein Stück von dem Steak, aber jetzt war es auch noch kalt. Ich schob den Teller weg, ging zur Theke und holte meine beiden Pakete mit dem Proviant.
Ich hatte keinen Kühlschrank, also legte ich alles auf den Boden des Cockpits und sah zum Himmel hinauf. Es war klar, Mondschein, fast taghell. Die See glatt wie der sprichwörtliche Mühlenteich. Ich sah nach der Uhr. Halb zwölf. Demnach konnte ich kurz nach eins vor Coronado Anker werfen. Ich drückte auf den Starterknopf und ging an Deck, um loszuwerfen.
Die Fahrt dauerte nicht länger, als ich gedacht hatte. Ich stellte den Motor ab und ließ den Anker fallen; Schaum spritzte mir ins Gesicht. Jetzt fühlte ich mich wohl. Ich ließ meine Kleider aufs Deck fallen und folgte dem Anker über Bord.
Im tiefen Wasser schwimmen - das ist fast, als ob man in einer Wiege liegt. Und die Dünung mit ihrem Auf und Ab spürt man wie einen Körper. Man hebt und senkt sich wie auf dem
Leib einer Frau. Aber die Bewegung besänftigt und beruhigt und löst. Schließlich kletterte ich wieder an Bord. Auf nackten Füßen lief ich zur Kajüte, stieß die Tür auf und griff nach einem Handtuch. Aber da war nur der leere Haken. Ich wollte mich gerade umdrehen und das Licht anschalten, als eine Stimme aus der Dunkelheit kam. »Suchst du ein Handtuch, Luke?«
Aus der Dunkelheit flog ein Handtuch auf mich zu, traf mich und fiel zu Boden. »Mein Gott, bist du mager! Ich hab’ dir durchs Bullauge zugesehen - jede Rippe konnte ich zählen!«
Schnell wickelte ich mich in das Tuch. Ich hörte, wie sie sich bewegte. Dann wurde es dunkel. Ihr Kopf war jetzt vor dem Bullauge, so daß kein Mondlicht mehr in die Kajüte fiel. Ich spürte ihre Hände auf meinen Schultern, und als sie sich umwandte, lag das Licht des Mondes voll auf ihrem Gesicht. Ich griff nach ihr, und ehe meine Finger sie noch berührten, wußte ich, daß sie nackt war wie ich.
Ich weiß nicht, wie lange wir so in der kleinen Kajüte standen. Unsere Lippen berührten sich, unsere Körper verschmolzen.
»Ich liebe dich, Nora«, sagte ich.
Ich spürte, wie sie sich in meinen Armen regte. »Ich liebe dich, Luke.« Sie legte die Wange an meine Brust. »Ich sagte dir schon, daß es kein Abschied war.«
Ich hob sie hoch und trug sie zur Koje. »Wir werden uns nie wieder Lebewohl sagen, du und ich«, flüsterte ich. Ihre Arme umfaßten mich und führten mich in ein Wunderland, das ich bisher nicht gekannt hatte.
Süß ist das Fleisch der Liebe.
Als ich nachts erwachte, lag sie schlafend auf der Seite, mit dem Rücken an der Wand, die Knie so weit heraufgezogen, wie es die schmale Koje erlaubte. Die Wimpern ihrer geschlossenen Augen waren so lang und so dunkel, daß ich es sogar im Mondlicht sah. Auch im Schlaf sah sie wie ein kleines Mädchen aus. Langsam schlug sie die Augen auf. Sie schloß sie wieder, öffnete sie noch langsamer, und ein mutwilliges Lächeln flog über ihr Gesicht. »Komm her, Baby«, sagte sie und zog meinen Kopf an ihre Brust.
Ihre Brüste waren wie kleine reife Früchte, süß und fest und warm. Ich küßte sie und hörte den leisen Lustschrei tief in ihrer Kehle.
Später, viel später lag sie still, das Gesicht in meiner Schulter vergraben. »Luke«, flüsterte sie, »so war es noch niemals für mich. Niemals.«
Schweigend streichelte ich ihr Haar.
Sie hob den Kopf und sah mir in die Augen. »Du glaubst mir doch, Luke, oder.?«
Ich nickte, ohne ein Wort zu sprechen.
»Du mußt mir glauben. Du mußt!« sagte sie heftig. »Ganz egal, was die Leute sagen!«
»Ich glaube dir, Nora.«
Zu meiner Verwunderung fing sie an zu zittern und war plötzlich wieder den Tränen nahe. »Es gibt so viele Leute, die mich hassen. Die mich um alles beneiden, was ich habe und was ich kann. Und sie denken sich immer neue Geschichten über mich aus. Lügen, alles Lügen!«
Ich weiß noch, um wie vieles klüger, um wie vieles älter ich mir damals vorkam als sie. »Denk nicht daran, Nora! Solche Leute gibt es überall. Aber ich kenne dich. Und jeder, der dich kennt, weiß es besser und wird dem Gerede nicht glauben.«
Ich drückte ihren Kopf wieder an meine Schulter. Nach einer Weile hörte sie auf zu zittern. »Luke, was denkst du?« Sie sah mir ins Gesicht. »Luke, ich muß dir ein schreckliches Geständnis machen.«
Eine plötzliche Angst überfiel mich. Wenn sie mir etwas vorgelogen hatte, so wollte ich es nicht wissen. Es durfte sich nichts ändern zwischen uns. Ich schwieg.
Sie wußte wohl genau, was mir durch den Kopf ging, denn sie lächelte wieder mutwillig. »Ich kann nämlich nicht kochen.«
Meine Erleichterung über diese Art von Geständnis war beinahe komisch. Ich lachte; dann stieg ich aus der Koje und ging Kaffee kochen.
Als ich zurückkam, sah ich, daß sie ein altes Stück Draht gefunden hatte. Sie saß still und spielte damit, während ich den starken schwarzen Kaffee trank. Und ich sah fasziniert zu, wie das Stück Draht Leben bekam und die Umrisse eines Mannes annahm, der gerade ins Wasser springen will. Sie merkte es und legte den Draht weg.
»Bitte, hör nicht auf«, sagte ich. »Ich wollte, ich könnte so etwas.«
Sie lächelte. »Und ich wünschte manchmal, ich könnte es nicht. Ich sehe immer etwas in die Dinge hinein, und dann möchte ich, es müsse aus den Dingen wieder herauskommen. Verstehst du, was ich meine?«
»Ich glaube, ja. Du bist eine der wenigen Glücklichen. Viele Leute sehen auch allerlei - aber es nimmt nicht Gestalt an.«
Sie sah die Drahtfigur einen Augenblick an, dann warf sie sie gleichgültig beiseite. »Ja, ich bin eine der wenigen Glücklichen«, sagte sie beinahe bitter. »Und du? Was bist du?«
Ich zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht. Ich habe nie darüber nachgedacht. Ich glaube, ich bin bloß ein armes Schwein, das darauf wartet, daß der Krieg zu Ende geht.«
»Und was tust du dann?«
»Mir Arbeit suchen. Vielleicht habe ich Glück und kann noch ein paar Häuser bauen, ehe ich zu alt bin, um vor die Tür gesetzt zu werden. Ich weiß nicht, ob ich wirklich etwas kann. Ich hatte noch keine Möglichkeit, mich zu beweisen. Ich ging von der Hochschule direkt zur Luftwaffe.«
»Professor Bell sagte, du kannst sehr viel.«
»Er ist voreingenommen«, antwortete ich. »Ich war sein Lieblingsschüler.«
»Vielleicht kann ich dir helfen. Ein Vetter von mir ist ein ziemlich bekannter Architekt.«
»Ich weiß«, sagte ich. »George Hayden. Hayden & Ca-ruthers.«
»Woher weißt du das?«
»Von deiner Mutter. Sie sagte mir’s.«
Nora sah mich nachdenklich an, dann streckte sie die Hand nach einer Zigarette aus. Ich gab ihr Feuer. Sie nahm einen tiefen Zug.
»Mutter verliert keine Zeit.«
Ich antwortete nicht.
Sie lehnte sich zurück. »Hier draußen ist es so still. So groß und leer und so weit weg von den Dingen. Kein Lärm, der einem die Ohren zerreißt. Keine Menschen, die einen belästigen. Eine erschreckend tiefe Stille. Als sei man allein in einer anderen Welt.«
Ich schwieg.
»Luke.« Sie sah mich nicht an. »Möchtest du mich heiraten?«
»Ja.«
Jetzt sah sie mich an, und ihre Augen waren zugleich leuchtend und dunkel. »Warum fragst du mich dann nicht?«
»Was könnte ich einem Mädchen wie dir bieten? Ich habe nichts.
Kein Geld, keine Stellung, keine Zukunft. Ich weiß nicht einmal, ob ich imstande wäre, für eine Frau zu sorgen.«
»Ist das so wichtig? Ich habe genug.«
»Nein, ich müßte es selbst können. Ich bin altmodisch.«
Sie kniete neben mir nieder und nahm meine Hände. »Das ist doch gleichgültig, Luke - glaub mir’s! Es spielt wirklich keine Rolle. Du mußt mich bitten, dich zu heiraten.«
Ich betrachtete sie schweigend.
Jetzt sah sie mich nicht mehr an. »Das heißt. wenn du wirklich möchtest. Aber du mußt nicht, weil. nun, weil das zwischen uns geschehen ist. Das sollst du wissen.«
Ich drehte ihr Gesicht zu mir. »Ich liebe dich«, sagte ich. »Willst du mich heiraten?«
Sie antwortete mir nicht, sondern sah mich nur an und nickte mit hellen Tränen in den Augen. Ich beugte mich zu ihr und küßte sie sanft auf den Mund.
»Das muß ich Sam wissen lassen.«
»Sam?« fragte ich.
»Doch, das muß ich. Es gehört zu seinem Job. Er muß eine Pressenotiz lancieren. Das ist besser, als wenn ein Skandalreporter es zuerst erfährt und eine schmutzige Geschichte daraus macht.«
Ich sagte kein Wort.
Sie legte die Hand auf meinen Arm. »Sam ist ein guter Freund.«
»Mit Sam hattest du dich verabredet. an dem Abend, als wir uns kennengelernt haben.«
»Ach so, das ist es. Du bist eifersüchtig auf ihn.«
Ich schwieg.
»Du brauchst nicht eifersüchtig zu sein. Sam ist mir seit vielen Jahren ein guter Freund. Seit ich zur Schule ging.«
»Ich weiß. Er war sehr darauf bedacht, mir das zu erzählen.«
Sie sah mich einen Augenblick an. »Jawohl. Ein guter Freund. Das war alles. Etwas anderes war nie zwischen uns, was man auch darüber erzählt.«
»War das eins der Gerüchte, vor denen du mich warnen wolltest?« fragte ich.
»Ja. Auch das ist eine dieser dreckigen Lügen.«
In diesem Augenblick beging ich den ersten schweren Fehler unserer Ehe. Ich wußte genau, daß es Lüge war - aber es war ihre eigene Lüge. Ich weiß bis heute nicht, wieso ich es wußte -aber ich wußte es. Vielleicht war es der ehrliche, offene Blick in ihren Augen oder der aufrichtige Klang ihrer Stimme. Irgend etwas davon stimmte nicht. Es war irgend etwas, das ich noch nie bei ihr gespürt hatte. Es gehörte nicht zu ihr.
Aber es war mein Fehler, mein eigener Fehler, und es gibt kein Zurück und kein Anders. Eine Lüge führt zur nächsten, nicht nur für den Lügner, sondern auch für den, der sich gläubig stellt, bis die Wahrheit so schrecklich wird, daß keiner von beiden ihr ins Gesicht sehen kann. Aber damals wußte ich das noch nicht.
Damals dachte ich, das, was ich von ihr nicht glauben sollte, sei schon lange vorbei. Ich dachte, es sei geschehen, ehe wir uns kennenlernten, und deshalb jetzt unwichtig. Ich liebte sie, und sie liebte mich, und alles andere war gestern. Ich beugte mich über sie und küßte sie sanft auf die Wange.
»Ich glaube dir«, sagte ich.
Ich sah auf Dani, die neben mir saß, dann über den Tisch auf Nora, die zwischen Harris Gordon und ihrer Mutter Platz genommen hatte. Ebenso unauffällig wie sorgfältig hatte sie es so eingerichtet, daß sie nach unserer höflichen Begrüßung meinen Blick sorgsam vermeiden konnte. Ob wohl die Dämonen der Erinnerung sie jemals so heimsuchten und vergifteten wie mich?
Harris Gordon sah auf seine Uhr. »Ich glaube, wir müssen uns fertig machen«, sagte er. Er blickte zu Dani hinüber und lächelte. »Geh hinauf und hol deinen Mantel, Kind.«
Dani schaute ihn einen Augenblick an, dann ging sie schweigend hinaus. Eine lastende Stille senkte sich auf uns herab, als habe sie jenes Unsichtbare mit sich genommen, das einzige, das eine Verständigung zwischen uns, die wir hier saßen, möglich machte.
Gordon räusperte sich. »Dani kann mit ihrer Mutter und Großmutter fahren«, sagte er. Dann wandte er sich zu mir: »Es wäre mir sehr lieb, wenn Sie mit mir fahren würden, Colonel, dann hätten wir Gelegenheit, noch etwas zu besprechen.«
Ich nickte; es war auch mein Wunsch. Denn ich wußte bisher nicht mehr als das, was ich durch das nächtliche Telefongespräch erfahren hatte. Während des ganzen Frühstücks hatten wir sorgsam vermieden, auch nur zu erwähnen, was uns zusammengeführt hatte.
»Wir können meinen Wagen nehmen, Mutter«, sagte Nora.
»Charles wird uns fahren.«
Als Mrs. Hayden aufstand, seufzte sie unwillkürlich leise. Sie sah mich mit einem matten, grimmigen Lächeln an. »Altwerden ist ein schmerzhafter Prozeß. Und niemals so charmant, wie wir’s gern haben möchten.«
Ich nickte und lächelte zurück. Ich verstand genau, was sie meinte.
Gordon begleitete die alte Dame hinaus. Nora und ich blieben allein. Sie nahm die Kaffeekanne. »Noch etwas Kaffee?« Ich nickte.
»Sahne und Zucker?«
Ich sah sie an.
Sie wurde rot. »Wie dumm von mir. Ich hatte es vergessen. Schwarz. Keine Sahne. Ein Stück Zucker.«
Wir schwiegen eine Weile. »Dani ist sehr hübsch. findest du nicht?«
»Ja, sie ist sehr hübsch.« Ich nahm einen Schluck Kaffee.
»Was denkst du von ihr?«
»Ich weiß nicht, was ich denken soll. Es ist sehr lange her. und jetzt hab’ ich sie nur ein paar Minuten gesehen.«
Eine Spur von Sarkasmus war in ihrer Stimme. »Ich hätte nicht gedacht, daß du Zeit brauchst, um zu einem Eindruck zu kommen. Du sagtest früher immer, ihr beide wäret vollkommen aufeinander abgestimmt.«
»Das waren wir«, sagte ich. »Aber es ist sehr lange her. Sie ist inzwischen älter geworden, und wir haben beide viel erlebt. Ich weiß nicht. vielleicht kommt es wieder.«
»Du warst früher deiner Tochter sicherer.«
Ich sah sie an. »Es gab viele Dinge, deren ich früher sicher war<. Wie augenblicklich. Augenblicklich bin ich sicher, daß du absichtlich so viel von dem Wort >Tochter< hermachst. Wenn du meinst, mir etwas sagen zu müssen, so ist dieser Zeitpunkt nicht schlechter als jeder andere.«
Ihre Augen verschleierten sich. »Du bist noch genauso, wie du warst, als wir uns kennenlernten. Peinlich offen!«
»Für höfliche Lügen ist es zu spät, Nora. Das haben wir schon damals versucht - und es hat nichts getaugt. Die Wahrheit ist einfacher. Man stolpert nicht über sie!«
Sie sah auf das Tischtuch.
»Warum bist du gekommen?« fragte sie bitter. »Ich hatte Gordon gesagt, wir brauchten dich nicht. Wir würden schon allein damit fertig werden.«
Ich stand auf. »Ich wollte nicht kommen. Aber ich bin überzeugt, Wenn ihr bisher mit allem so gut fertig geworden wäret, so hätte ich allerdings nicht zu kommen brauchen.«
Ich ging hinaus in die Halle. Mir war, als liege mir etwas bleischwer im Magen. Nora hatte sich kein bißchen verändert.
Dani kam die Treppe herunter. Ich sah hinauf zu ihr. Es war kein kleines Mädchen, das da die Stufen herabkam. Es war eine junge Frau. Eine, die ich sehr gut gekannt hatte. Ihre Mutter.
Sie trug ein Kostüm und hatte den Mantel nachlässig über die Schulter geworfen. Ihr Haar war aufgebauscht, toupiert, wie sie es, glaube ich, nennen, der Lippenstift frisch auf ihrem jungen Mund. Das Kind, das beim Frühstück neben mir gesessen hatte, war wieder verschwunden. »Daddy!«
Das Eis in mir schmolz. Die Stimme gehörte noch einem Kind. »Ja, Dani?«
Als sie unten angekommen war, drehte sie sich vor mir. »Wie seh ich aus, Daddy?«
»Wie eine lebendige Puppe«, sagte ich und streckte die Arme nach ihr aus.
»Bitte nicht, Daddy!« rief sie schnell. »Du bringst meine Frisur in Unordnung.«
Mein Lächeln fror ein. Sie war noch ein Kind, wenn das alles war, was ihr Sorgen machte. Aber vielleicht war es das gar nicht. Genauso hatte sich Nora benommen, wenn ihr daran lag, ihre »Aufmachung«, wie sie es nannte, nicht zu verderben. Hatte meine Tochter schon gelernt, in den gleichen Begriffen zu denken wie Nora?
Dani schien mein Unbehagen zu spüren. »Sei nicht traurig, Daddy«, sagte sie mit der gleichen, eigenartig beruhigenden Stimme, die mir aufgefallen war, als Nora ins Zimmer kam. »Alles wird gut werden.«
Ich sah zu ihr nieder. »Davon bin ich überzeugt, Dani.«
»Ich weiß es bestimmt«, sagte sie mit merkwürdigem Nachdruck. »Manche Dinge müssen eben passieren, ehe ein Mensch erwachsen werden kann.«
Ich sah sie betroffen an. In diesem Augenblick trat die alte Dame in die Halle, gefolgt von Nora und Gordon.
»Sagen Sie Charles, er soll meinen Wagen nachfahren«, sagte Gordon, als er ihnen die Haustür öffnete.
»Um welche Zeit müssen wir vor Gericht erscheinen?« fragte Nora, als sie an ihm vorbeiging.
Er sah sie kritisch an. »Wir gehen heute nicht zum Gericht, wir bringen das Kind nur zurück in den Gewahrsam des Jugendamts.«
»Wie gut. Ich glaube, ich wäre heute einem Erscheinen vor Gericht nicht gewachsen.«
Gordon antwortete nicht, er nickte nur, während sie dem Wagen zu schritten. »Nach Ihnen, Colonel«, sagte er höflich.
Charles hielt den Schlag von Noras Jaguar auf, als ich herauskam. Ein faltiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. »Colonel Carey!«
»Charles!« Ich lächelte und gab ihm die Hand. »Wie ist’s Ihnen immer gegangen?«
»Danke, immer gut, Colonel.« Seine Stimme wurde warm.
»Trotz der Umstände ist’s ’ne Freude, Sie wiederzusehen, Colonel.«
»Schließen Sie die Tür, Charles!« sagte Nora aus dem Innern des Wagens.
Charles nickte und schloß die Tür. Er warf mir einen Blick zu, ehe er rasch um den Jaguar ging und sich hinter das Steuer setzte.
»Sind Sie mit einem Wagen gekommen, Colonel?« fragte Gordon. Ich deutete auf den kleinen gemieteten Corvair, einen Zwerg zwischen zwei Riesen, seinem schwarzen Cadillac und Noras grauem Jaguar.
»Dann sage ich meinem Chauffeur, er soll uns mit Ihrem Wagen nachfahren«, sagte Gordon. »Vielleicht brauchen Sie ihn, wenn wir alles soweit erledigt haben.«
Er gab seinem Chauffeur ein Zeichen mit der Hand, dann fuhren wir die lange Einfahrt hinunter. Der andere Wagen folgte uns. Der Gärtner öffnete das Tor. Draußen stand eine Gruppe von Reportern, aber sie eilten zu ihren Autos, als sie sahen, daß wir nicht anhielten. Gordon gab seinem Chauffeur hinter uns wieder ein Zeichen. Wir bogen rechts ab und fuhren an der Grace Cathedral vorbei durch die California Street. Wir griffen beide gleichzeitig nach dem Anzünder am Schaltbrett. Er lachte und machte eine höfliche Handbewegung. Ich steckte mir eine Zigarette an und gab ihm Feuer.
»Danke.« Er sah mich dabei nicht an. »Ich hoffe, Sie tragen mir nichts nach von unserer letzten Begegnung vor Gericht?«
Ich blickte zu ihm hin. Ein Bild fiel mir ein, das ich einmal gesehen hatte: die beiden Boxer Gene Tunney und Jack Dempsey bei einem Festessen. Tunney lächelte, aber Dempseys Gesicht war finster und voll Groll. Ich wußte jetzt, wie ihm, dem Verlierer, zumute gewesen war.
Gleichviel, welch lange Zeit seither vergangen ist - niemand wird gern an eine Niederlage erinnert. Ich war keine Ausnahme
- aber ich mußte lernen, mich damit abzufinden, wie jeder andere. »Sehen Sie nur zu, daß Sie den Fall meiner Tochter ebenso
glänzend vertreten dann will ich mich nicht beklagen.«
Er überhörte mein Ausweichen nicht, zog es aber vor, nicht davon Notiz zu nehmen. »Gut. Sie können sicher sein, daß ich mein Bestes tun werde.«
Ich wartete, bis wir in die Gough Street einbogen, dann sagte ich: »Ich weiß bisher nichts, als was Sie mir telefonisch sagten und was ich in den Zeitungen gelesen habe. Vielleicht können Sie die Lücken ausfüllen.«
»Natürlich.« Er sah mich neugierig an. »Ich glaube, über Noras Beziehungen zu Riccio brauche ich nichts zu sagen?«
Ich schüttelte den Kopf. Ich kannte Nora.
»Sie hatten den ganzen Tag gestritten«, sagte er. »Soweit ich unterrichtet bin, wollte Nora diese Beziehung lösen - persönlich und geschäftlich. Sie forderte ihn auf, das Haus sofort zu verlassen. Er lebte einen guten Tag und wollte nicht fort.«
»Hatte Nora einen andern Jungen gefunden?« fragte ich.
Wieder der Seitenblick. Er zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht, und ich habe nicht danach gefragt. Die Polizei war schon am Tatort, als ich eintraf. Ich hielt es für unklug, danach zu fragen.«
»Ich verstehe«, sagte ich.
Wir fuhren wieder nach rechts, in die Market Street. »Allem Anschein nach war Riccio Nora aus ihrem Zimmer hinunter ins Atelier gefolgt - sie stritten sich immer noch. Dani war in ihrem Zimmer und machte Schularbeiten, als sie ihre Mutter aufschreien hörte. Sie rannte hinunter und sah Riccio drohend auf Nora zugehen. Sie griff nach dem Meißel, der auf dem Tisch lag, stürzte sich zwischen die beiden und stieß ihn Riccio in den Bauch. Als Riccio blutend zu Boden fiel, bekam das Kind einen Nervenzusammenbruch und fing an zu schreien. Charles kam ins Atelier gelaufen, hinter ihm Noras Zofe. Nora befahl Charles, über das Haustelefon den Arzt anzurufen, dann rief sie mich vom Ateliertelefon aus an. Ich sagte ihr, sie müsse sofort die Polizei benachrichtigen und ihr in jeder Weise behilflich sein, aber keine Aussage machen, ehe ich nicht dort sei. Zwanzig Minuten später war ich da. Die Polizei war schon zehn Minuten vor mir gekommen.«
Ich zerdrückte meine Zigarette im Aschenbecher. »Und nun die große Frage.«
»Ob Nora ihn getötet hat? Daran haben Sie doch gedacht?«
Ich nickte.
Er antwortete sehr langsam. »Ich glaube es nicht. Ich habe mit beiden gesprochen, ehe sie vernommen wurden. Das, was beide gesagt haben - jede allein -, war zu übereinstimmend, als daß man es in Frage stellen könnte.«
»Sie hatten Zeit zu verabreden, was sie aussagen.«
Er schüttelte wieder den Kopf. »Ich habe in solchen Dingen zuviel Erfahrung, um mich täuschen zu lassen. Außerdem waren beide nicht in der Verfassung, eine frisierte Geschichte zu fabrizieren. Nora und Dani waren nahe am Zusammenbrechen. Unmöglich konnten sie sich in diesem Zustand etwas Logisches ausdenken.«
»Und es gibt keine anderen Zeugen?«
»Nein. Keine.«
»Und was geschah weiter?«
»Dr. Bonner war noch vor mir gekommen. Er brachte Nora hinauf und gab ihr eine Spritze. Dann ließ ich Sergeant Flynn bei Ihnen anrufen, während ich mit Dani zum Polizeipräsidium fuhr, wo sie ihre Aussage machte. Ich las sie ihr vor, und obwohl ich ihr abriet, bestand sie darauf, sie zu unterschreiben. Vom Polizeipräsidium fuhr ich zum Jugendgewahrsam, wo Dani der Obhut des Jugendamts übergeben wurde. Zum Glück gelang es mir, den Bewährungshelfer dort zu bewegen, daß er den Jugendrichter selbst anrief, der auch auf Dr. Bonners Empfehlung hin Dani für die Nacht heimschickte. Ich brachte sie zu ihrer Großmutter - und von dort aus rief ich Sie dann an.«
Jetzt waren wir am Portola Drive und fuhren bergan. Ich sah mich um. Noras Jaguar war direkt hinter uns, und zur Linken konnte ich fast die ganze Stadt sehen, die sich dort unten ausbreitete. Rechts hatte ich den mir wohlbekannten Anblick eines Baugeländes. Wir kamen zu einer großen Tafel:
DIAMOND HEIGHTS
Hier hatte ich einst unseren Christbaum gekauft, damals, als Nora und ich jung verheiratet waren. Damals - daran dachte ich jetzt hatte ich dieses Gelände für mein erstes Bauprojekt vorgesehen. Aber das Problem der Abstützung am Hang war sehr schwierig, und deshalb hatte die Stadt ihre Zustimmung nicht gegeben. Nun war Baugelände rarer und deshalb teurer geworden. Offenbar war den Behörden ein Licht aufgegangen. Mit kritischem Blick betrachtete ich die fertigen Häuser. Man hatte gute Arbeit geleistet.
Ich blickte Gordon an. »Ehrlich: Aus welchem Grund haben Sie mich angerufen?«
Er zuckte die Achseln. »Ehrlich, ich weiß es nicht. Ich glaube, es ah rein gefühlsmäßig. Ich dachte, es ist gut, in einer solchen tät einen Mann wie Sie zur Seite zu haben.«
»So. und das dachten Sie trotz der Dinge, die Nora gesagt hat, als wir das letztemal vor Gericht standen?«
Er antwortete nicht sofort. Als wir oben auf dem Berg waren, bog er scharf nach rechts in die Woodside Avenue ein. Eine lange Reihe mattgrüner Gebäude lag zu unserer Rechten. Wir lenkten in die Einfahrt ein, fuhren hinauf und um die Gebäude herum. Ich sah eine kleine Tafel:
AUFNAHME - KINDER
Gordon hielt an und stellte den Motor ab, dann wandte er sich zu mir um und sah mich an. Seine Stimme war gleichmütig, und seine Augen blickten ehrlich in die meinen.
»Es spielt keine Rolle, was ich denke. Es kommt darauf an, was Sie denken. Die Verantwortung liegt bei Ihnen. Entweder Sie sind Danielles Vater - oder Sie sind es nicht.«
Er machte die Tür auf und stieg aus. Ich hörte ein Auto hinter uns. Ich sah in den Rückspiegel - es war Noras Jaguar. Langsam griff ich nach der Türklinke.
Reporter und Fotografen umringten uns, noch ehe Noras Wagen hielt. Gordon deutete auf eine Tür hinter sich. »Hier herein - so schnell Sie können!«
Ich nickte und bahnte mir einen Weg zu Noras Wagen. Sie stieg zuerst aus. Ich nahm ihre Hand, um sie zu stützen. Blitzlichter flammten auf. Sie drehte sich um. Nora und ich halfen Dani heraus. Ihre Hände waren kalt wie Eis. Ich spürte, wie sie in meiner Hand zitterten.
»Sieh nicht hin, Kleines. Komm schnell mit mir.«
Dani nickte schweigend. Wir wollten auf die Tür zu gehen, doch die Reporter drangen auf uns ein und zwangen uns stehenzubleiben.
»Halt. eine Aufnahme bitte!« rief einer von ihnen.
Ich fühlte Danis fast instinktiven Gehorsam beim Klang der befehlenden Stimme. Ich wollte sie weiterschieben. »Komm, Kind.«
Schließlich gelang es Gordon, zu uns durchzukommen. Wir nahmen Dani in unsere Mitte und bahnten uns einen Weg zur Tür. »Laßt das doch, Jungens«, bat Gordon. »Gebt dem Kind eine Chance!«
»Das wollen wir ja gerade, Sie große Nummer«, rief eine Stimme aus dem Hintergrund heiser. »Ein Bild auf der Titelseite: Die jüngste Mörderin, die Sie je verteidigt haben!«
Danis Gesicht wurde weiß, und ihre Knie knickten ein. Ich
legte den einen Arm um sie; mit dem andern hieb ich wütend um mich. »Laßt sie in Ruhe, sonst schlag ich euch eure verdammten Schädel ein!«
Plötzlich waren sie still. Ich weiß nicht, war es meine Wut oder ihre eigene Verlegenheit über die rohe Bemerkung - diejenigen, die am dichtesten bei uns standen, wichen zurück. Ich zog Dani in den Eingang. Nora und Gordon folgten. Gordon drehte sich um und schloß die Tür.
Dani taumelte mit halbgeschlossenen Augen gegen mich. Sie war so blaß, daß sich das bißchen Make-up auf ihrem Gesicht scharf abzeichnete. Ich drückte ihren Kopf an meine Brust und hielt sie fest.
»Nimm’s nicht so schwer, Liebchen!«
Ich spürte, wie sie zitterte. Sie versuchte zu sprechen, brachte aber kein Wort heraus. Sie zitterte nur noch heftiger.
»Dort drüben ist eine Bank, Mister Carey«, sagte eine weißgekleidete Aufseherin. Ich hatte sie gar nicht kommen sehen.
Ich führte Dani zu der Bank und setzte mich neben sie. Ihr Gesicht lag noch immer an meiner Brust. Die Aufseherin, eine Flasche Riechsalz in der Hand, beugte sich über sie. »Lassen Sie sie das einatmen, Mister Carey«, sagte sie mitleidig.
Ich nahm die Flasche und hielt sie unter Danis Nase. Der scharfe, stechende Geruch stieg zu mir auf. Dani atmete schwer, dann hustete sie.
Die Pflegerin nahm mir die Flasche ab und gab mir ein Glas Wasser. Ich hielt es an Danis Lippen; sie nahm erst einen kleinen Schluck, dann trank sie.
Als sie aufschaute in mein Gesicht, kam eine Spur von Farbe in ihre Wangen. »Ich bin. ich bin schon wieder okay, Daddy«, flüsterte sie.
»Wirklich, Kind?«
Sie nickte. Ihre Augen waren tiefviolett wie die ihrer Mutter.
Nur weicher und irgendwie zärtlicher. Jetzt aber waren sie plötzlich müde und alt und krank. »Ich werde mich dran gewöhnen, Daddy. Es wird nur ein Weilchen dauern.«
»Du brauchst dich an gar nichts zu gewöhnen!« sagte ich zornig.
Sie lächelte. »Ärgere dich nicht, Daddy. Ich werde okay sein.«
|J>sah ich Noras Augen. Ich kannte diesen Blick. Schon viele Male natte ich ihn gesehen, wenn sie Dani und mich beobachtete. Als seien wir zwei Wesen von einem anderen Planeten. Die alte Bitterkeit blitzte in ihren Augen auf.
»Fühlst du dich gut genug, mit an den Tisch zu kommen, Kind?« fragte die Pflegerin.
Dani nickte. Als sie aufstand, nahm ich ihren Arm. Sie stieß meine Hand weg, und nun wußte ich, daß auch sie Noras Blick gesehen hatte. »Danke, Daddy, es geht schon.«
Ich folgte ihr zu dem kleinen Schreibtisch. Das Büro war ein kahler Raum, an der weißgestrichenen Wand ein Schild: AUFNAHME - Mädchen. Es sah hier aus wie in einem billigen Hotel.
Unter diesem Schild las ich ein anderes, kleineres:
Mädchen dürfen kein Make-up haben, außer einem farblosen Lippenstift. Alles andere ist vor Betreten der Wohnräume hier abzugeben.
Eine grauhaarige, gelassen aussehende Frau saß hinter dem Schreibtisch. »Ihre Tochter braucht nicht mehr eingewiesen zu werden, Mr. Carey. Wir haben das schon gestern nacht erledigt. Sie braucht nur noch ihre Wertsachen zu hinterlegen.«
Dani legte ihre kleine Tasche auf den Schreibtisch. »Darf ich den Lippenstift und einen Kamm behalten?«
Die Frau nickte.
Dani öffnete die Tasche und nahm Lippenstift und Kamm heraus. Dann zog sie ihre Armbanduhr ab und legte sie in die Tasche. Sie griff nach ihrem Hals, nahm die einzelne Perlenschnur ab, die sie trug, und tat sie dazu. Sie wollte den Ring von ihrem Finger ziehen, aber er saß ziemlich fest. Sie sah die Frau fragend an.
»Es tut mir leid, Dani«, sagte die Frau freundlich.
Dani saugte einen Augenblick an ihrem Finger. Endlich ging der Ring herunter. Er ließ einen weißen Streifen zurück. Sie hielt ihn eine Sekunde über die offene Tasche, dann wandte sie sich um und gab ihn mir. »Willst du ihn für mich aufheben, Daddy?«
In ihrer Stimme war etwas, das mich veranlaßte, mir den Ring anzusehen. Mein Herz zog sich zusammen. Wie damals an dem heißen Nachmittag in La Jolla, als sie sechs Jahre alt war und ich meine letzten fünfzehn Dollar ausgegeben hatte für einen kleinen vierzehnkarätigen Goldring zu ihrem Geburtstag. Ich hatte ihre Anfangsbuch Stäben eingravieren lassen: D. N. C. -Danielle Nora Carey. Jetzt sah ich, daß der Ring im Lauf der Jahre geweitet worden war. Einen Augenblick lang konnte ich kein Wort sagen. Ich nickte nur und legte den Ring sorgfältig in meine Börse.
Gerade ging die Tür wieder auf. Die alte Mrs. Hayden trat ein. »Diese elenden Reporter! Nun, ich habe ihnen unmißverständlich meine Meinung gesagt!« Als sie zu uns kam, musterte sie Dani. »Geht’s dir gut, Kind? Bist du gesund?«
»Danke, Großmutter - mir geht’s gut.«
»Es ist Zeit, du mußt gehen, Dani«, sagte die grauhaarige Frau freundlich. »Miss Geraghty wird dich in dein Zimmer bringen.«
Plötzlich sah Dani sehr einsam aus. Der Schatten einer Ahnung flog über ihr Gesicht. Ihre Augen wurden dunkel vor Furcht.
Miss Geraghty sagte beruhigend: »Du brauchst keine Angst zu haben, Kind. Du wirst hier gut behandelt.«
Dani atmete tief. Dann ging sie zu ihrer Mutter und hob die Lippen, um Noras Wange zu küssen.
Diesen Moment benützte Nora zu einer dramatischen Szene.
»Mein Kleines!« schrie sie auf. »Nein, mein Kleines, sie dürfen dich mir nicht wegnehmen!«
Das genügte, um Dani den Rest zu geben. Im Bruchteil einer Sekunde schluchzte sie hysterisch in den Armen ihrer Mutter. Sofort waren die beiden von allen andern umringt, und alle redeten ihnen mitleidig zu. Auch eines von Noras Talenten. Sogar die Pflegerin, die doch ähnliche Szenen gewöhnt sein mußte, hatte Tränen in den Augen. Rasch und mit kundigen Bewegungen löste die Pflegerin Dani aus Noras Armen und brachte das weinende Kind durch eine andere Tür hinaus. Über dieser war wieder ein Schild: zu den mädchenräumen.
Immer noch weinend trat Nora zu Gordon. Er gab ihr sein Taschentuch. Sie bedeckte rasch ihre Augen damit - doch nicht so rasch, daß ich nicht den in ihnen aufblitzenden Triumph gesehen hätte. Ich blickte Nora und Gordon nach, als sie hinausgingen, dann wandte ich mich der alten Mrs. Hayden zu.
Dir Gesicht war finster und traurig. »Würdest du mit mir nach Hause kommen, Luke? Zum Lunch? Wir haben so vieles zu besprechen.«
»Nein, danke. Ich glaube, ich fahre am besten gleich ins Hotel und versuche etwas zu schlafen. Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht.«
»Dann morgen? Zum Dinner? Es wird sonst niemand dabeisein. Nur wir beide, du und ich.«
Was mochte sie im Sinn haben? Die alte Dame tat nie etwas, wozu sie nicht ihre Gründe hatte. »Vielleicht«, sagte ich. »Ich werde dich anrufen.«
Sie sah mich ein paar Sekunden lang schweigend scharf an, dann holte sie tief Atem. »Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, Luke. Ich liebe das Kind. Wirklich.«
In ihren Augen war ein so bittender Blick, daß ich von der Wahrheit ihrer Worte überzeugt war. Zum erstenmal hatte ich erlebt, daß sie einen Menschen bat, ihr zu glauben. »Ich weiß, daß du sie liebst, Mutter Hayden«, sagte ich freundlich.
Sie sah mich dankbar an. »Bitte nenne mich weiter so.«
»Ja, gerne.«
Sie drehte sich um und ging. Die Tür schloß sich hinter ihr. Ich wandte mich an die grauhaarige Aufseherin, die inzwischen zu ihrem Pult zurückgekehrt war: »Wann kann ich meine Tochter besuchen?« fragte ich.
»Die gewöhnliche Besuchszeit ist Sonntag von halb drei bis drei. Aber für neu Eingewiesene werden manchmal Ausnahmen gemacht.«
»Ich kann jederzeit kommen.«
»Dann fragen Sie, wenn Sie kommen, beim Eingang nach. Ich hinterlege einen Besuchsschein für Sie.«
»Vielen Dank!«
Ich ging zur Einfahrt. Noras Wagen war fort, die meisten Reporter ebenfalls.
Gordon stand neben seinem schwarzen Cadillac und sprach mit den beiden, die noch geblieben waren.
Gordon winkte mir. »John Morgan vom >Chronicle<«, sagte er und wies auf den größeren der beiden, »und Dan Prentis, AP.«
»Ich möchte mich für diese niederträchtige Bemerkung entschuldigen, Mister Carey«, sagte Morgan. »Bitte denken Sie nicht, daß wir alle so sind!«
»Das gilt auch für mich, Colonel«, sagte der AP-Mann rasch. »Sie haben meine vollste Sympathie, und wenn ich irgend etwas tun kann, um Ihnen behilflich zu sein, so rufen Sie mich bitte unverzüglich an.«
Wir schüttelten uns die Hände, dann gingen sie. Ich blickte Gordon an. »Und was jetzt?«
Er sah auf seine Uhr, dann wieder auf mich. »Ich muß wieder in mein Büro. Ich bin den ganzen Nachmittag besetzt. Wo kann ich Sie gegen sechs erreichen?«
»Ich bin im Motel.«
»Gut. Ich rufe Sie dort an, und wir verabreden eine Zeit, um unser Gespräch zu beenden.« Plötzlich lächelte er. »Sehen Sie, ich hatte recht. Sie sind der richtige Mann, wenn eine Lage so brenzlig ist. Sie haben vorhin ausgezeichnet gewirkt.«
»Ich habe doch gar nichts.«
»Doch, Sie haben. Sie haben genau richtig reagiert. Sie haben jeden echten Reporter auf unsere Seite gebracht.«
Die Betonung machte mich stutzig. »Echten Reporter? Und was für ein Reporter hat die rüpelhafte Bemerkung gemacht?«
Er grinste. »Das war kein Reporter, das war mein Chauffeur. Ich hatte schon große Sorge, daß er nicht rechtzeitig an Ort und Stelle sein würde.«
Ich starrte ihn mit offenem Munde an. Das hätte ich wissen müssen. Man nannte ihn nicht umsonst »Die große Nummer«.
Er öffnete die Tür seines Wagens. »Richtig, hier sind Ihre Schlüssel. Ihr Wagen ist unten auf der Straße geparkt. Ich muß meinen Chauffeur ein paar Blocks weiter drüben auflesen, denn ich durfte nicht riskieren, daß ihn jemand erkennt.«
Ich nahm die Schlüssel und blickte ihm nach, als er in seinen Wagen stieg. Ein Weilchen blieb ich noch stehen, bis der Cadillac verschwunden war, dann ging ich langsam zu meinem Mietwagen. Ich kam an einem Drahtzaun vorüber, hinter dem eine Reihe langer grüner barackenartiger Gebäude stand. Ich faßte den Drahtzaun an und blieb lange stehen. Irgendwo innerhalb dieses Gitters war meine Tochter. Ich hatte ein immer stärker werdendes Gefühl der Leere. Sie mußte so allein sein. Ob
Nora wohl jetzt dasselbe empfand wie ich, wenn sie an Dani dachte? Und in der alten, niederträchtigen Art, die sie hatte, meine Gedanken zu stehlen, nahm Nora wieder von ihnen Besitz, und ich dachte an die Vergangenheit.
Die drei Wochen, die von meinem Urlaub noch übrigblieben, wurden unsere Flitterwochen. Und in gewisser Weise waren sie unsere Ehe. Denn es dauerte dann fast zwei Jahre, ehe ich zurückkam. Damals war der Krieg über ein Jahr vorbei, und es gelang uns niemals, da wieder anzuknüpfen, wo wir aufgehört hatten.
Nora hatte mich nicht zum Flughafen begleitet, als ich fort mußte, weil sie vom Abschiednehmen nichts hielt. Sie war auch nicht am Flughafen, als ich wiederkam. Aber ihre Mutter war da.
Die alte Dame stand bereits da, als ich die Gangway hinunterkam. Auf sie brauchte man nicht in der Halle zu warten. Sie streckte mir die Hand entgegen. »Willkommen, Luke. Willkommen daheim. Es ist schön, dich wieder hier zu haben.«
Ich küßte ihre Wange. »Es ist schön, wieder daheim zu sein«, sagte ich. »Wo ist denn Nora?«
»Es tut mir so leid, Luke - dein Telegramm kam erst gestern an. Sie ist in New York.«
»In New York?«
»Heute abend ist die Eröffnung ihrer ersten Nachkriegsausstellung. Wir hatten ja keine Ahnung, daß du kommst.« Sie las die Enttäuschung in meinem Gesicht. »Nora hat sich entsetzlich aufgeregt, als ich ihr am Telefon dein Telegramm vorlas. Sie bittet dich, sie sofort anzurufen - sobald wir nach Hause kommen.«
Ich lächelte trocken. Es paßte genau ins Bild. Wie alles andere im letzten Jahr. Jedesmal, wenn ich dachte, ich werde entlassen, kam etwas anderes dazwischen, und ich mußte bleiben. Hätten sie mich nicht zum Colonel befördert und in den Generalstab versetzt, wäre es besser gewesen für mich. Denn all die andern Jungens, mit denen ich geflogen war, hatten sie schon mindestens sechs Monate vorher entlassen.
»Geht es ihr gut?« fragte ich. Nora war keineswegs die fleißigste Briefschreiberin der Welt. Ich war schon glücklich, wenn ich durchschnittlich einen Brief im Monat von ihr bekam. Ich glaube, ohne ihre Mutter hätten wir jeden Kontakt verloren. Die alte Dame schrieb mir regelmäßig, mindestens einmal in der Woche. »Es geht ihr großartig. Sie hat schwer gearbeitet, um alles für diese Ausstellung fertig zu haben. Aber du kennst ja Nora.« Sie sah mich sonderbar an. »Sie will es ja so und nicht anders. Sie muß immer beschäftigt sein.«
»Ja.«
Sie nahm meinen Arm. »Komm, wir gehen zum Wagen. Charles kann dein Gepäck holen.«
Wir plauderten alles mögliche auf dem Heimweg. Ich hatte den Eindruck, daß die alte Dame nervöser war, als sie es zeigen wollte. Nun ja, das war schließlich normal, denn jetzt war wirklich die erste Gelegenheit, unsere neue Verwandtschaft zu erproben. Ich war selbst ziemlich befangen.
»Scaasis Nummer findest du in der Bibliothek auf dem Schreibtisch, gleich neben dem Telefon«, sagte sie, als wir ins Haus kamen.
Sie folgte dem Diener, der mein Gepäck trug, nach oben; ich ging in die Bibliothek. Die Telefonnummer lag genau da, wo sie gesagt hatte; ich gab sie dem Fernamt durch. Es dauerte nicht lange, bis ich die Verbindung hatte.
»Scaasis Galerie«, meldete sich eine Stimme. Im Hintergrund hörte ich Lärm und Stimmengewirr.
»Miss Hayden bitte.«
»Wer spricht dort?«
»Ich bin ihr Mann - ich rufe von San Francisco aus an.«
»Einen Augenblick bitte. Ich werde versuchen, sie zu finden.«
Ich wartete - es erschien mir eine Ewigkeit. Dann wieder die Stimme: »Es tut mir leid, Mister Hayden - ich kann sie nicht finden.«
Mr. Hayden. Es war das erstemal, daß ich das hörte. Es sollte nicht das letztemal sein. Nach einiger Zeit hatte ich es entsetzlich satt, aber in jenem Augenblick danach belustigte es mich.
»Ich heiße Carey«, sagte ich. »Ist Sam Corwin in der Nähe?«
»Ich werde nachsehen. Einen Augenblick bitte.«
Ein paar Sekunden später war Sam am Telefon. »Luke, alter Knabe! Willkommen daheim!«
»Danke, Sam. Wo ist Nora?«
»Ich weiß es nicht«, sagte er. »Eben noch war sie hier. Sie wartete auf Ihren Anruf. Sie wissen ja, wie es bei so einer Eröffnung ist. Vielleicht ist sie zu Tisch gegangen. Sie hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen. Hier ist’s geradezu hektisch zugegangen.«
»Das kann ich mir vorstellen. Und wie macht sich alles?«
»Großartig. Scaasi hat die wichtigsten Stücke bereits verkauft, noch ehe die Ausstellung überhaupt eröffnet worden ist. Er ist dabei, einige höchst wichtige Verträge für Nora abzuschließen.«
Nun, sonst war nicht mehr viel zu sagen. »Sie soll mich bitte anrufen, sobald sie kann.« Ich sah nach der Uhr. Hier war es sechs, das hieß also neun Uhr in New York. »Ich bleibe den ganzen Abend hier.«
»Schön, Luke. Sind Sie im Haus von Mrs. Hayden?«
»Natürlich.«
»Ich lasse sie anrufen, sobald ich sie finde.« »Danke, Sam. Adieu.«
Ich legte den Hörer auf und ging aus der Bibliothek in die Halle, wo Mrs. Hayden mich erwartete. »Hast du mit Nora gesprochen?« fragte sie.
»Nein. Sie ist fortgegangen. Wohl zu Tisch.«
Meine Schwiegermutter schien überrascht. »Ich habe ihr doch aber gesagt, daß du gegen sechs anrufen wirst.«
Ich verteidigte Nora. »Sie hat einen schweren Tag hinter sich, sagt Sam. Du weißt ja, wie es in New York bei solchen Eröffnungen ist.«
Es sah aus, als wollte sie etwas antworten. Doch dann änderte sie offenbar ihren Entschluß. »Du mußt abgespannt sein von deinem Flug. Willst du nicht hinaufgehen und dich etwas frisch machen? Wir werden bald essen.«
Ich ging in mein Zimmer, während sie sich in die Bibliothek begab und die Tür hinter sich schloß. Freilich wußte ich nicht, daß sie sofort Sam anrief.
Nur ungern nahm er den Hörer ab - er wußte schon, wer es sein würde. »Ja, Mrs. Hayden?«
Die Stimme der alten Dame war scharf und gereizt. »Wo ist meine Tochter?«
»Das weiß ich nicht, Mrs. Hayden.«
»Ich glaube, ich hatte Sie gebeten, dafür zu sorgen, daß sie da ist, wenn er anruft.«
»Ich habe Nora Ihren Wunsch ausgerichtet, Mrs. Hayden. Sie sagt, sie wird hier sein. Ich habe sie gesucht, aber sie war weggegangen.«
»Wo ist sie?« wiederholte die alte Dame.
»Ich sagte Ihnen bereits: Ich weiß es nicht.«
»Dann suchen Sie sie. Sofort. Und sagen Sie ihr, ich wünsche, daß sie unverzüglich nach Hause kommt.«
»Ja, Mrs. Hayden.«
»Und ich wünsche, daß sie mit dem nächsten Flugzeug hier ist. Sorgen Sie dafür. Haben Sie mich verstanden, Mister Corwin?« Jetzt klang ihre Stimme kalt und stählern.
»Ja, Mrs. Hayden.« Das Telefon klickte. Sie hatte eingehängt. Langsam legte auch er den Hörer auf. Müde massierte er seine Schläfen. Nora konnte an hundert Stellen sein.
Er schob sich durch die Menschen und trat hinaus in die Nacht. Die Fünfundsiebzigste Straße war fast leer. Er blickte nach beiden Richtungen und dachte nach. Schließlich kam er zu einem Entschluß. Er überquerte die Fahrbahn und ging in die Park Avenue hinunter. Wenn er doch irgendwo anfangen mußte
- warum nicht gleich hier oben? Und sich dann langsam bis zum Ende durchfragen. Im »El Marokko« konnte sie ebenso gut sein wie in jedem anderen Lokal.
Dann zogen ihn die hellen Lichter eines Drugstores an, als er an der Vierundfünfzigsten Straße über die Lexington Avenue mußte. Einem Impuls folgend, ging er hinein und rief einen Privatdetektiv an, den er kannte.
Es war nach zwei Uhr nachts, als sie Nora endlich fanden. Im Village, im dritten Stock eines Hauses in der Achten Straße.
»Hier muß es sein«, sagte der Detektiv. Er schnupperte. »In dieser Luft geht man hoch, schon wenn man draußen steht.«
Sam klopfte. Ja, hier mußte sie sein. Sie hatte den jungen Kerl in einer Bar auf der Achten Avenue aufgegriffen, wo unbeschäftigte Schauspieler herumlungerten. Sam war überrascht, als er erfuhr, daß sie sich fast ständig mit ihm getroffen hatte, seit sie in New York waren und dabei hatte er gedacht, über jede verfügbare Minute ihrer Zeit Bescheid zu wissen.
Nach ein paar Sekunden war innen eine Stimme zu hören. »Schert euch weg. Ich bin beschäftigt.«
Sam klopfte wieder.
Diesmal klang die Stimme noch gereizter. »Schert euch weg -ihr hört doch, daß ich beschäftigt bin.«
Der Detektiv sah die Tür abschätzend an, dann hob er den Fuß gegen das Schloß. Er schien gar nicht einmal kräftig zu drücken, da flog die Tür auch schon mit einem häßlich splitternden Krachen auf.
Ein junger Mann stürzte sich aus dem dunklen Flur auf die beiden. Wieder machte der Detektiv eine scheinbar mühelose Bewegung - und plötzlich stand er zwischen Sam und dem jungen Burschen, der auf der Erde lag und sich das Kinn rieb. Er sah zu ihnen auf.
»Ist Nora Hayden hier?« fragte Sam.
»Hier ist niemand, der so heißt«, sagte der Junge schnell.
Sam sah ihn einen Augenblick schweigend an, dann stieg er rasch über ihn hinweg und ging zur nächsten Tür. Ehe er noch dort war, ging sie auf.
Nora stand auf der Schwelle, völlig nackt, eine Zigarette zwischen den Lippen. »Sam, Baby!« sagte sie lachend. »Na, kommst du mitspielen? Offenbar wird dir’s da oben in der Stadt zu langweilig.« Sie drehte sich um und trat wieder ins Zimmer. »Komm herein«, rief sie über die Schulter. »Hier ist Tee genug für die ganze mexikanische Armee!«
Sam ging ihr schnell nach und riß sie herum. Er nahm ihr die Zigarette aus dem Mund und warf sie auf den Boden. Der scharfe Marihuanageruch stach ihm in die Nase. »Zieh deine Kleider an!«
»Wozu?« fragte sie drohend.
»Du fährst nach Hause.«
Sie fing an zu lachen. »Heimat, süße Heimat. Und ist das Hüttchen noch so klein - kein trauter Plätzchen als daheim!« Sam schlug ihr ins Gesicht. Sie taumelte zurück. »Zieh dich an, hab’ ich gesagt!« »Heda - Augenblick!« Der junge Bursche war wieder auf die Füße gekommen. Er hielt seine engen schwarzen Hosen am Bund fest, als er auf Sam zuging. »Lassen Sie das! Sind Sie etwa ihr Mann oder so?«
Nora begann wieder zu lachen. »Kein schlechter Witz! Mein Mann! Nein, er ist bloß der Wachhund, den meine Mutter gemietet hat! Mein Mann ist fünftausend Meilen weg von hier.«
»Dein Mann ist zu Hause. Heute abend gekommen. Er versucht, dich telefonisch zu erreichen.«
»Er ist zwei Jahre weg gewesen. Da kommt’s wohl auf ein paar Tage mehr oder weniger nicht an.«
»Vielleicht hast du nicht verstanden, was ich sagte.« Sam sprach ruhig. »Luke ist zu Hause.«
Nora starrte ihn an. »Großartig! Und wann wird die Parade abgehalten?«
Plötzlich wurde sie weiß im Gesicht. Sie rannte ins Badezimmer. Sam hörte sie stöhnen und würgen, dann rauschte die Spülung. Wasser floß in ein Becken.
Nach ein paar Minuten kam sie heraus. Sie hielt noch das nasse Handtuch an ihr Gesicht. »Ich bin krank, Sam. Sehr krank.«
»Das weiß ich.«
»Nein, das weißt du nicht. Das weiß niemand. Weißt du etwa, was es heißt, Nacht für Nacht allein ins Bett zu gehen? Danach zu hungern und es nicht haben zu können?«
»So wichtig ist das nicht.«
»Dir vielleicht nicht!« sagte sie wütend. »Aber wenn ich den ganzen Tag gearbeitet habe, bin ich fertig. Und überwach. Ich kann nicht einschlafen. Ich muß etwas haben, das mich entspannt.«
»Hast du’s mal mit einer kalten Dusche versucht?«
»Du Witzbold! Denkst du denn, all die Dinge, die ich schaffe, kommen hier heraus?« Sie schlug gegen ihre Stirn. »Nein, das tun sie nicht. Hierher kommen sie!« Nora schlug auf ihren nackten Leib. »Hierher kommen sie, mein Lieber, und jedesmal fühle ich mich leerer. Und dann muß ich etwas tun, um mich wieder aufzufüllen. Kannst du das verstehen, du. du Mister Kunstkritiker?!«
Sam deutete auf ihre Kleider, die auf dem zerwühlten Bett lagen. »Zieh dich an. Deine Mutter wünscht, daß du Luke sofort anrufst.«
Sie warf ihm einen sonderbaren Blick zu. »Weiß meine Mutter denn.?«
Er sah sie fest an. »Deine Mutter weiß alles. Immer. Sie hat es mir gesagt, als ich damals zusagte, dein Agent zu werden.«
Sie sank auf das Bett. »Zu mir hat sie nie ein Wort davon gesagt.«
»Hätte das etwas genützt?«
Jetzt stiegen Nora die Tränen in die Augen. »Ich kann es nicht. Ich kann nicht. Ich kann nicht zurück.«
»Doch, du kannst. Ich habe Auftrag von deiner Mutter, dich in ein Flugzeug zu setzen, sobald du Luke angerufen hast.«
Sie sah zu ihm auf. »Hat sie das gesagt?«
»Ja.«
»Und Luke? Weiß er es auch?«
»Soweit ich’s beurteilen kann, weiß er nichts. Ich glaube, deine Mutter wünscht, daß er nichts erfährt.«
Nora saß einen Augenblick schweigend da, dann atmete sie tief auf. »Meinst du, ich bringe es fertig? Jetzt, da Luke zu Hause ist, werde ich nachts nie mehr allein sein.«
Sie griff nach ihren Kleidern und begann sich anzuziehen. »Meinst du, du kannst mich noch heute nacht ins Flugzeug setzen?« Es klang wie die Frage eines atemlosen, aufgeregten Kindes.
»Ja, in das erste, das heute nacht fliegt.«
Sie lächelte. Jetzt war sie glücklich. »Ich werde ihm eine gute Frau sein. Du wirst es erleben!« Sie schlüpfte in ihren Büstenhalter und drehte ihm den Rücken zu. »Bitte, hak ihn mir zu, Sam!«
Er trat zu ihr hin und hakte den Büstenhalter zu. Dann schlüpfte sie in ihr Kleid und ging nochmals ins Badezimmer. Als sie ein paar Minuten später herauskam, sah sie so frisch und sauber aus, als käme sie aus dem Morgenbad.
Sie ging auf Sam zu und küßte ihn plötzlich auf die Wange.
»Danke, Sam, daß du mich gesucht hast. Ich hatte Angst zurückzugehen. Angst, ihm gegenüberzutreten. Aber jetzt weiß ich, es wird alles gutgehen. Ich hab’ mir gewünscht, daß du mich finden solltest. Und du hast mich gefunden.«
Einen Augenblick sah er sie an, dann zuckte er die Achseln. »Wenn du wolltest, daß ich dich finden sollte - warum hast du mir dann keine Nachricht hinterlassen?«
»Nein, es mußte gerade so sein«, sagte sie. »Sonst wäre es nicht das Richtige gewesen. Es mußte noch ein Mensch wissen -außer mir selbst.« Er öffnete die Tür. »Komm, wir gehen«, sagte er.
Sie ging in das andere Zimmer und durch die Ausgangstür, ohne auch nur einen Blick für den jungen Mann, der auf einem Stuhl saß.
Charles stellte mir den Orangensaft auf den Tisch. Es war ein paar Monate später. Ich nahm das Glas und trank, als meine Schwiegermutter ins Zimmer trat.
Sie lächelte mir zu. »Guten Morgen, Luke.« Dann setzte sie sich und entfaltete ihre Serviette. »Wie geht’s ihr heute?«
»Anscheinend gut. Sie hat gut geschlafen, und ich glaube, mit ihrer Morgenübelkeit ist es schon vorbei.«
Sie nickte. »Nora ist gesund und kräftig. Eigentlich sollte sie keine Beschwerden haben.«
Zustimmend nickte ich. Kaum sechs Wochen war ich zu Hause, als Nora entdeckte, daß sie schwanger war. Eines Abends kam ich aus dem Büro und fand sie in heller Hysterie. Sie hatte sich in unserm Zimmer über das Bett geworfen und schluchzte vor Wut. »Was gibt es denn?« fragte ich. Ich war an ihre Temperamentsausbrüche schon gewöhnt - wenn etwa bei ihrer Arbeit eine Gestalt, die sie in ihrer Phantasie so deutlich gesehen hatte, nicht gleich die gewünschte Form annahm.
»Ich will es nicht! Und ich glaube es auch nicht!« schrie sie und setzte sich auf.
Ich sah sie erstaunt an. »Beruhige dich! Was willst du nicht?«
»Dieser verdammte Arzt! Er sagt, ich sei in andern Umständen!«
Unwillkürlich grinste ich. »Ja, solche Dinge passieren mitunter.«
»Was ist daran so komisch? Ach, alle Männer sind gleich! Ihr fühlt euch dann groß und stolz und männlich, nicht wahr?«
»Nun ja. Bedrückt bin ich grade nicht«, gab ich zu.
Jetzt waren ihre Tränen versiegt, und ihr ganzer Zorn richtete sich gegen mich. »Natürlich, für deine Arbeit spielt es keine Rolle, ob man ein Kind hat oder nicht. Dich bringt ja keine Schwangerschaft um deine Figur, du wirst ja nicht dick und fett und so häßlich, daß kein Mensch dich mehr ansieht.«
Böse sah sie mich an. »Nein, ich will es nicht haben!« Sie schrie wieder. »Ich lasse es wegbringen! Ich kenne einen Arzt.«
Ich ging zu ihr. »Du wirst nichts dergleichen tun.«
»Du kannst mich nicht hindern!« schrie sie, sprang aus dem Bett und lief zur Tür.
Ich faßte sie bei der Schulter und drehte sie zu mir. »Ich kann
- und ich will!« sagte ich ruhig.
Ihre Augen wurden dunkel vor Zorn. »Du machst dir ja keine Sorgen um mich! Du fragst ja nicht danach, ob ich beim Kinderkriegen sterbe oder nicht. Das einzige, wonach du fragst, ist schon jetzt das Kind.«
»Das ist nicht wahr, Nora. Gerade, weil du mir so wichtig bist, möchte ich, daß du das Kind bekommst. Eine Abtreibung ist sehr gefährlich.«
Langsam wich der Zorn aus ihren Augen. »Du sorgst dich also um mich? Ist das wahr?«
»Das weißt du doch selbst.«
»Und wenn es kommt, wirst du mich dann noch immer lieber haben als. das Baby?«
»Du bist das einzige, was ich habe, Nora. Das Baby ist doch etwas ganz anderes.«
Einen Augenblick schwieg sie. »Wir werden einen Sohn haben.« »Woher weißt du das?« fragte ich. »Babys werden nicht im Atelier gemacht wie Statuen.«
Sie blickte mir ins Gesicht. »Ich weiß es. Jeder Mann will doch einen Sohn haben, und du sollst einen bekommen. Sicher, Luke!«
»Mach dir keine Sorgen. Ein kleines Mädchen wäre mir ebenso recht.«
Sie löste sich aus meinen Armen und ging zum Spiegel. Dort ließ sie ihr Neglige fallen, drehte sich seitwärts und betrachtete ihr nacktes Spiegelbild.
»Ich glaube, ich bekomme einen kleinen Bauch.«
Ich lachte. Sie war flach wie ein Bügelbrett. »Ist das nicht ein bißchen früh?«
»O nein, gar nicht! Der Arzt meint, bei manchen Frauen sieht man es eher. Außerdem hab’ ich das Gefühl, schwerer zu sein.«
»Aber man sieht dir’s nicht an.«
»Wirklich nicht?« Sie drehte sich um und sah, daß ich lachte. »Warte nur, das sollst du bereuen!«
Auch sie lachte und warf sich übers Bett gegen mich. Wir fielen um, sie über mich. Sie küßte mich und legte ihr ganzes Gewicht auf mich. »Da hast du’s - nun, bin ich schwer? Wie ist das?«
»Herrlich ist das.«
»Nicht wahr?« Ich spürte den plötzlichen hungrigen Unterton in ihrer Stimme. Sie küßte mich wieder, und ihr Körper begann sich zu bewegen.
»Wart einen Augenblick«, sagte ich besorgt. »Meinst du, es kann dir nicht schaden?«
»Sei nicht so albern! Der Arzt hat mir gesagt, wir sollten weiter leben wie bisher. Nur darfst du nicht so schwer auf mir liegen. Er empfahl die Stellung der. der weiblichen Überlegenheit.«
Ich stellte mich dumm. »Der weiblichen Überlegenheit? Ich dachte, der Mann sei überlegen.«
»Ach, du weißt doch. Ich meine, daß die Frau oben liegt.«
Ich tat, als lernte ich etwas ganz Neues. Aber ich konnte mich nicht beherrschen. Ich lachte und warf Arme und Beine ekstatisch in die Luft.
»Nimm mich. ich bin dein!«
Und wir lachten beide, bis wir kaum mehr Luft bekamen.
Aber der nächste Morgen war schlimm. Und seitdem war ihr fast jeden Morgen übel gewesen.
»Wie geht die Arbeit im Büro?« fragte meine Schwiegermutter.
»Okay, glaube ich. Sie gewöhnen sich langsam an mich, und ich versuche, den ganzen Apparat kennenzulernen. Tatsächlich habe ich bis jetzt herzlich wenig zu tun.«
»Solche Dinge brauchen ihre Zeit.«
»Ich weiß.« Ich sah sie an. »Ich habe schon gedacht, ich sollte mich vielleicht noch einmal auf die Schulbank setzen und meine Kenntnisse etwas aufpolieren. Es ist so viel Neues entstanden, während ich fort war. Da ist zum Beispiel ein ganz neues Gebiet, die Verwendung von Aluminium als Konstruktionselement. Und davon weiß ich überhaupt nichts!«
»Es hat keinen Sinn, das zu überstürzen.«
Ich wußte, was das bedeutete, wenn sie so sprach. Es hieß, daß sie etwas wußte, das ich nicht wußte. Aber es wäre zwecklos gewesen, sie danach zu fragen. Sie würde es mir genau dann sagen, wenn sie es für richtig hielt. Oder es mir gar nicht sagen. Bis ich es selbst erfuhr. Sie war eine Frau von Format, meine Schwiegermutter. Und sie tat alles auf ihre eigene Art. Wie an jenem Morgen, als ich zum erstenmal ins Büro ging.
Sie hatte mich in die Bibliothek gerufen; als ich eintrat, nahm sie ein Kuvert aus der Schublade und reichte es mir schweigend.
Neugierig machte ich es auf. Mehrere Aktien, sehr schön gedruckt, glitten heraus und fielen auf den Boden. Ich hob sie auf und sah sie mir an: Das waren zwanzig Prozent des Aktienkapitals von Hayden & Canadiers! Auf der Rückseite eines jeden Stücks hatte sie mir die Aktie überschrieben.
Ich legte die Papiere wieder auf den Schreibtisch. »Ich habe sie nicht verdient«, sagte ich. Sie lächelte. »Du wirst sie verdienen.«
»Vielleicht«, sagte ich. »Aber jetzt kann ich sie noch nicht annehmen. Ich käme mir wie ein alberner Narr vor. Im Büro sind Leute, die Jahre um Jahre arbeiten. Sie würden es sehr krumm nehmen.«
»Hast du die Morgenzeitung noch nicht gesehen?«
»Nein.«
»Dann sieh sie dir lieber gleich an.« Sie reichte mir die »Chronicle« herüber.
Die Finanzseite war aufge schlagen. Ich las die kleine Überschrift:
HAYDEN & CARUTHERS ERNENNEN EINEN NEUEN VIZEPRÄSIDENTEN.
Neben dem Text war mein Bild. Ich las den Artikel schnell durch.
»Das heißt aber, am Ziel anfangen«, sagte ich und gab ihr die Zeitung zurück.
»Genau die Stelle, wo ein Hayden anfangen muß.«
Es hatte keinen Sinn, ihr zu sagen, daß ich kein Hayden sei. Sie dachte ganz logisch und klar. Sie hatte nicht eine Tochter verloren, sondern einen Sohn gewonnen.
»Ich hoffe, meine Degradierung geht nicht ganz so schnell!«
»Du hast einen etwas skurrilen Humor, Luke.«
»Wie gewonnen, so zerronnen«, sagte ich.
»So solltest du nicht reden!« Dann lächelte sie. »Du wirst deine Sache gut machen. Davon bin ich überzeugt.«
»Das hoffe ich.« Ich wandte mich zur Tür.
Sie rief mich zurück. »Warte doch! Du hast die Aktien vergessen.«
»Bitte, behalte sie hier. Wenn ich der Überzeugung bin, sie verdient zu haben, hole ich sie mir vielleicht.«
Etwas wie Kummer trat in ihre Augen. Und das hatte ich weiß Gott nicht beabsichtigt. Ich ging zurück an ihren Schreibtisch.
»Bitte, versteh mich doch«, bat ich. »Ich weiß wirklich zu schätzen, was du für mich tun möchtest. Es ist nur. Nun, ich hätte ein besseres Gefühl, wenn ich es selbst schaffen könnte.«
Sie sah mich einen Augenblick ernst an, dann steckte sie die Papiere wieder in den Umschlag. »Ich verstehe dich. Und ich gebe dir von ganzem Herzen recht. Du tust genau das, was ich von einem Hayden erwartet hätte.«
Da hatte ich’s wieder! Ich schwieg.
»Viel Glück, Luke!«
Ich erwiderte ihr Lächeln. »Danke.«
Seit dieser Szene hatte ich niemals ein gewisses Unbehagen abschütteln können, wenn ich daran zurückdachte.
Als Nora herunterkam, hatten wir gerade unsern Kaffee ausgetrunken. Sie war schon zum Ausgehen angezogen. Ich zog erstaunt eine Braue hoch. Es war jedesmal ein Wunder, wenn Nora schon am Vormittag erschien.
Sie machte ein aufgeregtes Gesicht. »Mußt du denn schon so früh im Büro sein?«
»Eigentlich nicht.« Ich glaube, niemand hätte es bemerkt, wenn ich mich ein Jahr lang nicht dort sehen ließ.
»Gut. Ich muß dir nämlich etwas zeigen.« »Was denn?«
»Das ist eine Überraschung.«
»Sag mir’s lieber. Ich hatte Überraschungen genug in der kurzen Zeit, die ich zu Hause bin. Ich weiß nicht, ob ich noch eine verdauen könnte.«
Sie lachte. »Diese Überraschung wird dir gefallen.« Sie sah ihre Mutter an. Beide lächelten. »Eine Freundin von mir möchte sich von dir ihr Haus umbauen lassen.«
»Oh - wirklich?« Das war schon eher etwas! Endlich etwas zu tun.
»Wo ist es?«
»Nicht weit von hier. Wir gehen hinüber und sehen’s uns an, und ich sage dir, was sie damit vorhat.«
»Fein! Ich kann sofort mit dir hinübergehen, wenn du fertig bist.«
»Ich bin schon fertig. Ich habe oben gefrühstückt.«
Es war ein Traumhaus. Drei Flügel und siebzehn Zimmer, ganz oben auf dem Nob Hill, mit dem Blick über die Bucht. Eine herrliche alte Marmortreppe, die geschwungen aus der großen Halle aufstieg. Riesenräume, wie sie heute kein Mensch mehr baut. Hinten eine Garage für drei Wagen, oben die Zimmer für das Personal.
Das Haus selbst war aus Graustein mit schöner Alterspatina, und dazu ein blaues Ziegeldach, das seine Farbe direkt aus dem Himmel zu saugen schien.
»Es ist wunderschön. Ich hoffe, sie will nicht zuviel daran ändern lassen. Man würde es nur verderben.«
»Ich glaube, es handelt sich hauptsächlich um die Modernisierung der Badezimmer und der Heizung - und vielleicht sollen ein paar Zimmer hergerichtet werden.«
»Das wäre vernünftig«, sagte ich, noch immer das Haus betrachtend.
»Aber ein Kinderzimmer werden sie brauchen. Und im Nordflügel ein Atelier für die Frau, damit sie gutes Licht hat. Und vielleicht eine Kombination von Studierzimmer und Büro für den Mann, wenn er einmal zu Hause arbeiten will.«
Ganz dumm war ich schließlich auch nicht. »Und für wen ist das Haus eigentlich?«
»Hast du’s nicht erraten?«
»Ich fürchte doch.«
»Mutter hat es für uns gekauft«, sagte Nora.
»Um Gottes willen!« Ich explodierte. »Habt ihr überhaupt eine Vorstellung, was es kostet, ein solches Haus zu führen? In einem Monat mehr, als ich im ganzen Jahr verdienen kann!«
»Das macht doch nichts. Um Geld brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Aus meinem Vermögen allein habe ich mehr als genug Einkommen für uns beide.«
»Meinst du, das weiß ich nicht?« fragte ich. »Aber es ist dir wohl nie in den Kopf gekommen, daß ich meine Familie vielleicht gern selbst ernähren möchte? Ihr denkt an nichts anderes als an das Geld, deine Mutter und du. Allmählich komme ich mir wie ein Gigolo vor.«
»Du benimmst dich wie ein Trottel! Ich denke an nichts anderes als an ein anständiges Haus, in dem ich leben und ein Kind großziehen kann!«
»Ein Kind braucht kein Siebzehnzimmerhaus auf dem Nob Hill, um aufzuwachsen. Wenn du ein eigenes Haus haben möchtest, so gibt es eine Menge Häuser, die wir kaufen können. Häuser, die ich mir leisten kann.«
»Sicher«, sagte sie spöttisch. »Aber ich könnte mir’s nicht leisten, in einem dieser Häuser auch nur als Leiche gesehen zu werden! Ich muß auf meine Position Rücksicht nehmen.«
»Deine Position? Und meine Position?«
»Du hast deine Position festgelegt, als du mich geheiratet hast«, sagte sie kalt. »Und als du anfingst, bei Hayden & Ca-ruthers zu arbeiten. Soweit es sich um San Francisco handelt, gehörst du zu den Haydens. Ob es dir gefällt oder nicht - du bist jetzt einer von uns.«
Ich starrte sie an. Es war, als habe sie einen Eimer eiskaltes Wasser über mich gegossen. Was sie sagte, war richtig. Der Krieg war vorbei, und für jeden Außenstehenden konnte Colonel Carey genausogut tot und begraben sein. Das einzige, was mir an Persönlichkeit geblieben war, das war mit den Haydens verbunden. »Ich will dieses Haus haben«, sagte Nora ruhig. »Und wenn du es nicht umbauen magst, finde ich leicht einen Architekten, der es mit Vergnügen tut.«
Ich brauchte sie nur anzusehen, um zu wissen, daß es ihr Ernst war mit dem, was sie sagte. Es wurde mir auch klar, was das für mich bedeutete. Wenn ich es geschehen ließ, konnte ich mir gleich einen Job als Lastwagenfahrer suchen. »Gut«, sagte ich zögernd. »Ich werde es tun.«
»Du wirst es nicht bedauern, Liebling.« Sie legte die Arme um mich. »Du wirst der größte Architekt in San Francisco sein, wenn jeder Mensch sehen kann, wie herrlich du unser Haus umgebaut hast!« - Sie war jedoch nicht geschickt genug, das triumphierende Aufblitzen ihrer Augen zu verbergen. Und zum erstenmal, seit ich nach Hause gekommen war, suchte sie in dieser Nacht nicht meine Umarmung.
Schließlich war natürlich nicht ich es, der das Haus umbaute. Ich erntete zwar allen Ruhm dafür, aber ich war nur für das Technische zuständig. Alle Ideen kamen von Nora. Ich übersetzte sie lediglich in die richtigen Architekturbegriffe. Aber in einem hatte sie recht gehabt. Es wurde ein Schaustück.
Wir waren kaum eingezogen, als die Zeitschrift »House Beau-tiful« auch schon in aller Ausführlichkeit darüber berichtete. Noch in dem Monat, in dem das Heft erschienen war, wurde ich der gesuchteste Architekt in der ganzen Stadt. Jeder, der an der Küste etwas darstellte, wollte sein Haus von mir umbauen lassen. Ich hätte Aufträge haben können wie Sand am Meer.
Ein Augenblickserfolg. Ich glaube, ich hätte damit zufrieden sein sollen, aber ich wurde gereizt. Wahrscheinlich ließ ich’s mir anmerken, denn als ich zum erstenmal eine Klientin abwies, kam George Hayden selbst in mein Büro.
»Nun, wie läuft die Sache, Luke?«
»Okay, George«, sagte ich, erstaunt aufsehend. George war ein großer Mann, schwer gebaut, mit frischem Gesicht, sehr solide und zuverlässig. Es war das erstemal, daß er selbst kam, statt mich zu sich zu rufen. Ich drehte das Licht über meinem Zeichenbrett aus und fragte:
»Bitte, was kann ich für dich tun?«
»Ich wollte gern einiges mit dir besprechen.«
»Gern.« Ich deutete auf einen Sessel.
Er setzte sich. »Ich habe gerade den Monatsbericht durchgelesen«, sagte er. »Ich habe das Gefühl, daß du überlastet bist.«
»Das schadet nichts«, sagte ich leichthin. »Eine angenehme Abwechslung vom Nichtstun.«
Er nickte. »Ich glaube, es ist Zeit, daß wir dir eine Abteilung geben. Du verstehst - ein paar Jungens, die die vorbereitenden Arbeiten zu erledigen haben, so daß du die Möglichkeit hast, die wesentlichen Dinge im Auge zu behalten.«
Das war eine Sprache, die ich verstand. So sprach man in der Army auch. Ich spielte den Unwissenden. »Was für wesentliche, George? Ich mache eigentlich doch nur kleinen Kram.«
»Aber gerade bei den Sachen, die du machst, ist die Verdienstspanne besonders hoch. Viel mehr als bei den großen Sachen. Deshalb bin ich sehr dagegen, einen Auftrag abzulehnen, bloß weil du zu beschäftigt bist. Wenn sich jemand zum Bauen entschlossen hat und der eine Architekt lehnt es ab, so findet er eben einen anderen, der es annimmt.«
»Du meinst Mrs. Robinson, die grade gegangen ist?«
»Ich meine nicht nur Mrs. Robinson. Es gibt auch andere. Sie kommen deiner Ideen wegen zu dir. Wer den Plan tatsächlich zeichnet, ist ihnen gleichgültig.«
»Komm, George, wir wollen uns doch nichts vormachen! Sie kommen nämlich nicht wegen meiner Ideen. Die meisten dieser Idioten wissen überhaupt nicht, was eine architektonische Idee ist, und wenn sie ihnen ins Gesicht springt! Sie kommen zu mir, weil ich plötzlich Mode geworden bin.«
»Nun und, Luke?« Er sah mich listig an. »Die Hauptsache ist, daß sie auch weiterhin kommen.«
»Und wie lange wird das dauern? Was meinst du? Nur bis sie gemerkt haben, daß ihre Häuser nicht in den Zeitschriften erscheinen, wie es bei meinem gewesen ist. Dann werden sie hinter jemand anderem herlaufen, George.«
»So muß es aber nicht sein. Wir können die Dinge im Fluß halten. Dazu haben wir unseren Public-Relations-Mann.«
»Hör auf, George«, sagte ich angewidert. »Wir wissen doch beide, daß es Noras Haus ist.«
Er blickte einen Augenblick schweigend auf seine Hände, weiße, weiche, gutmanikürte Hände. Dann sah er mich fest an. »Du und ich, wir wissen beide ebenfalls, daß ich als Architekt nicht halb das Format habe, das Frank Canadiers hatte. Aber es ist mir gelungen, die Firma auf ihrer Höhe zu halten und unsern guten Ruf zu bewahren.«
»Aber das Robinsonhaus liegt mir nicht. Ich habe mir alles genau angesehen. Das Grundstück auch. Es ist nichts Besonderes. Ganz egal, was man damit anfängt, es bleibt bloß ein Durchschnittshaus.«
»Es ist kein Durchschnittshaus. Sie wollen gern ein paar hunderttausend daranwenden. Das heißt, mindestens zehntausend an Honoraren und Kommissionen für etwas, das kaum ein paar Wochen Arbeit kostet.«
»Aber es ist kein Haus, an dem ich bauen möchte«, sagte ich eigensinnig.
»Und genau deshalb möchte ich dir eine Abteilung geben. Dann bist du in der Lage, dich auf das zu konzentrieren, was du gern tun möchtest. Und trotzdem wird der Klient glücklich und zufrieden sein, wenn er nur weiß, daß du dabei bist.«
Ich griff nach einer Zigarette. Seine Idee hatte manches für sich. Vielleicht könnte es gehen. Denn es gab etwas, das ich gern versucht hätte. Etwas, das mehr auf meiner Linie lag. »Was möchtest du also?« fragte ich. »Was soll ich tun?«
»Zuerst einmal sollst du Mrs. Robinson anrufen und sie wissen lassen, daß du in deinem Terminplan doch noch eine Lücke gefunden hast und für sie arbeiten kannst.« Er stand auf, denn er hatte erreicht, was er wollte. »Und dann verabrede mit meiner Sekretärin, wann du und ich uns zum Lunch treffen können, um deine Pläne zu besprechen.« Ich sah ihm nach, bis sich die Tür hinter ihm schloß. Ich wußte, wenn ich auf den Lunch mit ihm warten wollte, könnte ich langsam verhungern.
Ich ging wieder zu meinem Reißbrett. Ich arbeitete gerade an einer Skizze für ein riesiges Badezimmer mit Ankleideraum neben dem Schlafzimmer des Hausherrn. Das Haus war für den Präsidenten einer Bank in San Francisco. Ich hatte ein Bad im finnischen Stil entworfen, mit einer eingesenkten Wanne, fast zwei Meter breit und zweieinhalb lang.
So groß, daß die ganze Familie darin sitzen konnte. Ich überlegte, ob das wohl die Absicht der Dame des Hauses war. Sie hatten nämlich von allen zwei Ausfertigungen - seinen und ihren Duschraum, sein und ihr Waschbecken und desgleichen Toiletten, alles komplett und mit Goldgriffen. Es fehlte bloß noch das Bidet aus purem Silber - und auch das nur, weil keiner von ihnen daran gedacht hatte. Bis jetzt.
Bis jetzt. Das war das Schlüsselwort. Plötzlich sah ich mein ganzes künftiges Leben vor mir ausgebreitet. Jahre und Jahre von Badezimmern wie diesem hier. Mein Anspruch und Ruhm: Carey baut die größten Badezimmer.
Das war zuviel. Ich riß das Blatt vom Reißbrett, knüllte es zusammen und ging hinunter durch die Halle zu Georges Büro. Es hatte keinen Sinn, auf einen Lunch zu warten, der niemals steigen würde, um etwas zu besprechen, das nie geschehen würde. Seine Sekretärin hob warnend die Hand, als ich ins Vorzimmer kam. »Mr. Hayden telefoniert gerade.«
»Das ist mir egal«, sagte ich und ging an ihr vorbei in Georges Allerheiligstes.
Er legte gerade das Telefon auf. Überrascht sah er mich an. »Was gibt es denn, Luke?« fragte er gereizt. Er liebte es gar nicht, wenn jemand unangemeldet zu ihm kam. »War es dir ernst mit deinem Vorschlag?«
»Natürlich, Luke.«
»Gut. Warum könnten wir dann nicht gleich darüber sprechen?«
Er lächelte freundlich. »Weil jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist.«
»Woher weißt du das?« fragte ich. »Du weißt ja nicht einmal, was ich überhaupt vorhabe.«
Er sah mich fest an. Aber er wußte keine Antwort darauf. Dann wies er auf einen Sessel. »Also: Was hast du vor?«
Ich ließ mich in den Sessel ihm gegenüber fallen und nahm mir eine Zigarette. »Billige Häuser. Massenproduktion nach einem Grundplan, den man auf drei Arten variieren kann, um die Eintönigkeit bei Großvorhaben aufzulockern. Die Häuser hätten einen Verkaufspreis von zehn- oder elftausend Dollar!«
Er nickte langsam. »Du würdest ein Riesengelände brauchen, um ein solches Projekt rentabel zu machen.«
Daran hatte ich bereits gedacht. »Da ist ein Gelände von achtzig Morgen bei Daly City zu haben. Es wäre genau das Richtige dafür.« Er nickte. »Keine schlechte Idee. Hast du eine gute Baufirma an der Hand?«
Ich sah ihn an. »Ich dachte, es wäre vielleicht etwas, das wir selbst in Angriff nehmen könnten.«
Er schwieg ein paar Sekunden, seine Finger spielten mit dem Bleistift, der vor ihm auf dem Tisch lag. »Ich glaube, du vergißt einen Faktor: Wir sind Architekten, keine Baufirma.«
»Vielleicht wäre es an der Zeit, daß wir unser Gebiet ausweiten; das tun andere Firmen auch.«
»Ich frage nicht danach, was andere tun«, sagte George. »Ich würde es nicht für richtig halten. Als Architekten laufen wir so gut wie kein finanzielles Risiko. Wir kassieren unser Honorar ein, und der Fall ist erledigt. Die Baufirma hat sich um all die anderen Dinge Kopfschmerzen zu machen.«
»Die Baufirma ist aber auch Großverdiener.«
»Soll sie«, sagte George. »Ich bin nicht geldgierig.«
»Ich nehme also an, du bist nicht daran interessiert?«
»Das habe ich nicht gesagt. Ich sagte nur, daß wir es unter den gegenwärtigen Umständen nicht tun sollten. Natürlich, wenn du mit einer Baufirma kämst, die willens wäre, ein solches Projekt zu unterschreiben, würden wir nichts lieber tun, als ihr in jeder Beziehung entgegenzukommen.«
Ich stand auf. Ich wußte Bescheid. Er auch. Es gab nicht einen Architekten im ganzen Land, der ein solches Geschäft ablehnen würde - es war seine hundertfünfzigtausend allein an Honoraren wert.
»Danke«, sagte ich. »So ähnlich habe ich mir deine Antwort vorgestellt.«
Er sah mich an. Seine Stimme war trügerisch sanft. »Mir kommt eine Idee, Luke. Ich glaube, du solltest dich entscheiden, was du lieber sein möchtest - Architekt oder Bauunternehmer.«
Mir war, als würde es plötzlich hell in einem dunklen Raum. George hatte vollkommen recht. Ich dachte daran, warum ich Architektur studiert hatte: weil ich bauen wollte. Und dann ging ich so im Betrieb unter, daß ich den eigentlichen Zweck vergaß. Bauen wollte ich. Das war es. Ich wollte Häuser bauen - Häuser, in denen zu wohnen eine Freude für die Menschen sein sollte.
George verstand mein plötzliches glückliches Lächeln nicht. Vielleicht hielt er es sogar für sarkastisch. Aber das wäre ein schwerer Irrtum gewesen. Ich war nie in meinem Leben aufrichtiger. »Ich danke dir, George«, sagte ich herzlich. »Ich danke dir, daß du alles auf eine so einfache Formel bringst.«
Die Nachricht war schon vor mir in unserm Haus. Nora und meine Schwiegermutter erwarteten mich. »Soso«, sagte ich. »Ich sehe, George hat keine Zeit verloren.«
Noras Gesicht war frostig. »Du hättest es wenigstens mit uns
besprechen können, ehe du gekündigt hast.«
Ich ging zum Serviertisch und goß mir ein Glas Bourbon ein. »Was war da zu besprechen? Ich mußte es tun. Ich hatte es satt. Bis hierher!«
»Und was meinst du, wie das aussieht?«
»Ich weiß es nicht.« Ich trank einen Schluck Whisky. »Was meinst du denn, wie es aussieht?«
»Nun, wie eine direkte Beleidigung für Mutter und mich«, sagte Nora zornig. »Jeder Mensch weiß, was wir für dich tun wollten.«
»Vielleicht war das die Ursache, daß es nicht gut ausging.« Ich sah Mrs. Hayden an. »Es sollte wirklich keine Beleidigung sein - es war absolut mein Fehler. Ich habe mich einfach allzu schnell in diese Sache hier eingelassen, als ich aus der Army kam. Ich hätte mir mehr Zeit lassen, mich umsehen, mich entschließen sollen, was ich denn tatsächlich wollte.«
Sie sah mich ruhig an. »Und darum wolltest du die Aktien nicht nehmen?«
»Vielleicht. Aber das wußte ich damals selbst nicht.«
»Und was willst du jetzt tun?« fragte Nora.
»Mich umsehen. Mir bei einem Bauunternehmen eine Stellung suchen und etwas lernen.«
»Was für eine Stellung wirst du bekommen - was meinst du wohl?« fragte sie höhnisch. »Als Kranführer, für siebzig Dollar die Woche?«
»Irgendwo muß ich anfangen.« Ich sah sie lächelnd an. »Außerdem spielt es doch keine Rolle, oder. Wir brauchen ja das Geld nicht.«
»Du wünschst dir also weiter nichts, als ein gewöhnlicher Arbeiter zu sein? Nach all der Mühe, die ich mir gegeben habe, dieses Haus so herauszubringen, daß du dadurch berühmt geworden bist.«
»Wir wollen uns doch nichts vormachen, Nora. Du hast nicht an meinen Ruf gedacht, sondern an deinen eigenen.«
Sie sah mich einen Augenblick an, dann hob sie mit einer hilflosen Geste die Hände.
»Ich gebe es auf.« Sie machte ungeschickt kehrt und stelzte aus dem Zimmer.
Ich sah ihr nach. Trotz ihrer Schwangerschaft war sie nicht sehr dick geworden. Sie achtete streng auf ihre Diät. Sie wollte sich nicht durch diesen Zustand die Figur verderben lassen. Ich ging nochmals zum Serviertisch und goß mir etwas nach. Als ich mich umdrehte, sah ich, daß meine Schwiegermutter noch dastand.
»Du darfst nicht so ernst nehmen, was Nora jetzt sagt. In diesem Zustand lassen sich die Frauen meistens mehr vom Gefühl leiten als von der Logik.«
Ich nickte. Keine schlechtere Entschuldigung als jede andere. Aber jetzt kannte ich Nora schon zu gut. Sie wollte immer ihren Kopf durchsetzen - auch wenn sie kein Baby erwartete.
»George erwähnte, daß du verschiedene Ideen über die Entwicklung des Baumarktes hättest«, sagte sie. »Erzähl mir davon.«
Ich ließ mich in einen Sessel fallen. »Ist das jetzt noch wichtig? Er will nicht mitmachen. Es ist gegen seine Prinzipien.«
Sie setzte sich mir gegenüber. »Das bedeutet keineswegs, daß du es nicht machst.«
Ich sah sie groß an. »Ich mache mir keinen blauen Dunst vor. Soviel Geld habe ich nicht.«
»Wieviel hast du?«
Die Frage war leicht zu beantworten. Für das Boot, das ich mir in La Jolla gekauft hatte, mußte ich siebentausend Dollar zahlen. Es blieben mir also noch genau neuntausend übrig. Fünfzehntausend waren aus der Lebensversicherung meines
Vaters gewesen, den Rest hatte ich von meinem Offizierssold gespart.
»Würdest du jeden Penny in ein solches Projekt stecken?«
»Selbstverständlich. Aber das wäre ein Tropfen auf den heißen Stein.
Der Baugrund allein kostet zweitausend Dollar pro Morgen. Das sind nur dafür bereits hundertsechzigtausend!«
»Das Geld spielt keine Rolle«, sagte sie ruhig. »Für das Geld könnte ich aufkommen.«
»Hoho!« Ich hob abwehrend die Hand. »Ich möchte kein Geld von dir. Da würde ich ja wieder im selben Boot sitzen.«
»Jetzt bist du töricht, Luke. Wenn ich dir völlig fremd wäre -würdest du es nehmen?«
»Das ist etwas anderes. Das wäre ein klares Geschäft. Ohne daß persönliche Beziehungen hineinspielen.«
»Damit hat unsere persönliche Beziehung nichts zu tun«, sagte sie rasch. »Du glaubst doch an das, was du vorhast? Und du erwartest davon einen beträchtlichen Gewinn, nicht wahr?«
Ich nickte. »Wenn es so ausgeht, wie ich denke, so wären etwa eine halbe Million Dollar drin.«
»Ich habe nichts gegen das Geldverdienen.« Sie lächelte. »Warum solltest du etwas dagegen haben?«
Gegen diese Logik war nichts einzuwenden. Außerdem - wie sollte ich gegen meine eigenen Absichten argumentieren? Am nächsten Tag kaufte ich das Land. Zwei Tage später wurde Danielle geboren. Ich durchlebte einige sehr böse Stunden, weil sie fast zwei Monate zu früh auf die Welt kam. Aber der Arzt sagte mir, ich brauchte deshalb keine Bedenken zu haben, das Kind sei absolut normal.
Ich hatte vorher nicht viele Babys gesehen, aber ich mußte ihm recht geben. Dani war das schönste Baby der Welt.
Jetzt waren die nächtlichen Geräusche völlig anders geworden. Man hörte stets ein sanftes Flüstern, das aus dem Zimmer der kleinen Dani kam - es lag neben unserm Schlafzimmer. Ab und zu schrie die Kleine in den Stunden zwischen Nacht und Morgen, und wir hörten die leise schlürfenden Schritte der Säuglingsschwester, wenn sie ihr eine Flasche holte, und ihre gurrende Stimme, wenn sie Dani im Arm hielt, während sich unser Kind wieder in Schlaf trank.
Unwillkürlich gewöhnte ich es mir an, auch im Schlaf auf diese Geräusche zu horchen - es war so beruhigend, wenn sie sich regelmäßig wiederholten. Dann wußte ich, daß alles in Ordnung war. Für Nora war alles ganz anders.
Gereizt, nervös und überempfindlich kam sie aus der Klinik. Das leiseste Geräusch in der Nacht weckte sie. Ich wußte, daß sich irgend etwas vorbereitete - aber ich erriet nicht, was. Ich spürte es aus ihren Stimmungen. Etwas Unbestimmtes in ihr lag bereit, direkt unter der Oberfläche, und wartete nur auf einen letzten Anlaß - und ich hütete mich ängstlich, diesen Anlaß zu geben.
Ich wand mich vorsichtig durch die Tage, in der Hoffnung, daß diese Stimmung mit der Zeit vorbeigehen würde. Aber damit machte ich mir nur selbst etwas vor, und das wußte ich in dem Augenblick, als eines Nachts um zwei Uhr die Nachttischlampe aufflammte.
Ich war den ganzen Tag draußen auf dem Baugelände gewe-
sen, bei der Arbeit mit den Landmessern. Die Luft und die Aufregung hatten mich sehr müde gemacht. Aber plötzlich war ich, noch hinter geschlossenen Lidern, hellwach. Ich richtete mich auf, tat aber verschlafen. »Was gibt es denn?«
Nora saß aufgerichtet im Bett, hatte sich ein Kissen in den Rücken gestopft und starrte mich an. »Das Kind schreit.«
Ich sah sie einen Augenblick an, ließ sie aber noch nicht merken, wie wach ich war, und schwang die Füße aus dem Bett. »Ich werde nachsehen, ob alles in Ordnung ist.«
Ich fuhr in die Hausschuhe, zog den Bademantel an und ging in Danis Zimmer. Die Säuglingsschwester war schon da. Im sanften Licht des Kinderzimmers hielt sie Dani im Arm und gab ihr die Flasche. Mit erschrockenen Augen blickte sie mir entgegen.
»Mister Carey?«
»Ist alles in Ordnung, Mrs. Holman?«
»Natürlich. Das arme Häschen war bloß hungrig.«
Ich ging zu ihr und betrachtete Dani. Sie hatte die Augen schon wieder geschlossen und saugte zufrieden an ihrer Flasche.
»Mrs. Carey hat sie weinen gehört«, erklärte ich.
»Mrs. Carey braucht sich nicht zu sorgen. Dani gedeiht gut.«
Ich lächelte ihr zu und nickte.
»Dani war nur hungrig«, sagte ich zu Nora, als ich mich wieder hinlegte und die Lampe ausmachte. Ich drehte mich auf die Seite und lag ein paar Minuten still - ich wartete darauf, daß sie etwas sagte. Aber sie schwieg, und meine Augen waren schwer vor Müdigkeit.
Jetzt machte Nora Licht. Wieder war ich sofort hellwach. »Was ist denn jetzt?«
Nora stand auf der andern Seite des Bettes, ein Kissen und die Decke im Arm. »Du schnarchst!«
Ich sah sie nur schweigend an. Mir war zumute wie einem Boxer, der sich gerade dazu gratuliert, seinem Gegner geschickt ausgewichen zu sein, und sich plötzlich am verkehrten Ende eines Uppercuts findet. Mit einemmal wurde ich wütend. »Okay, Nora«, sagte ich. »Ich werde mir das Schlafen abgewöhnen. Hast du noch weitere Wünsche?«
»Du brauchst nicht gemein zu werden.«
»Ich bin nicht gemein. Du hast schon lange auf einen Streit gewartet. Also bitte - um was geht es denn?«
Ihre Stimme wurde laut. »Ich habe keinen Streit gesucht.«
Ich sah auf Danis Tür. »Du wirst das Baby wecken.«
»Siehst du, daran also denkst du!« rief sie triumphierend. »Immer nur an das Baby denkst du, statt an mich zu denken. Jedesmal, wenn das Baby schreit, machst du dir Sorgen. Um mich machst du dir niemals Sorgen! Ich zähle ja nicht! Ich bin ja bloß Danis Mutter. Ich habe meinen Zweck erfüllt.«
Gegen so etwas Dummes gab es kein Argument, und ich beging den Fehler, ihr das zu sagen. »Sei nicht albern. Mach das Licht aus und leg dich schlafen.«
»Du sprichst nicht mit einem Kind!«
Ich stützte mich auf einen Ellbogen. »Wenn du kein Kind bist, dann hör auf, dich wie ein Kind zu benehmen.«
»Das würde dir passen, nicht wahr? Nichts wäre dir lieber, als wenn du mich den ganzen Tag hier hättest und dich und das Kind von mir von oben bis unten bedienen ließest, nicht wahr?«
Ich mußte lachen. Die Vorstellung allein war schon restlos lächerlich.
»Ich weiß, daß du nicht kochen kannst«, sagte ich, »wie also willst du uns da bedienen? Ich habe dich nie auch nur die Babyflasche aufwärmen sehen - und gefüttert hast du es noch nie.«
»Du bist eifersüchtig!«
»Eifersüchtig - auf was?«
»Du bist eifersüchtig, weil ich eine Künstlerin bin und eine Persönlichkeit. Du wünschst dir nichts anderes, als mich zu unterjochen, mich die zweite Geige spielen zu lassen, damit du der große Mann bist und ich nichts als eine gewöhnliche Hausfrau.« Müde legte ich mich zurück. »Es gibt Stunden, in denen ich die Vorstellung allerdings verlockend finde.«
»Siehst du?« sagte sie triumphierend. »Ich hatte recht.«
Ich war erschöpft.
»Schluß damit. Komm zu Bett, Nora. Ich muß zeitig aufstehen und aufs Baugelände hinaus.«
»Jawohl, ich gehe zu Bett«, sagte sie. »Aber nicht hier. Ich habe genug von deinem Geschnarche und dem Kindergeschrei.«
Sie packte Decke und Kissen fester und ging ins Badezimmer. Ehe ich noch aus dem Bett kam, hörte ich die Tür des Gästezimmers zuschlagen. Als ich hinkam, hatte sie bereits den Schlüssel im Schloß umgedreht.
Langsam ging ich zu meinem eigenen Bett zurück. Vielleicht war es ganz gut so. Mochte sie die Gereiztheit, die längst in ihr steckte, irgendwie abreagieren. Vielleicht war morgen abend schon wieder alles normal.
Aber da irrte ich mich. Als ich am nächsten Abend nach Hause kam, hatten die Handwerker schon das andere Zimmer für Nora eingerichtet, und sie hatte ihre Garderobe aus unseren Schränken geholt. Ich ging hinunter. Charles richtete mir aus, Nora sei unten in der Stadt, um mit Mister Corwin zu speisen; er habe verschiedene Kunstkritiker eingeladen, die gerade aus dem Osten zu Besuch hier seien. Ich aß allein und arbeitete dann bis halb zwölf in dem kleinen Arbeitszimmer an der Planung für die Zufahrtsstraße zu meinem Baugelände. Dann ging ich nach oben und schaute noch einmal zu dem Baby hinein.
Dani lag auf ihrer rechten Seite, die Augen fest geschlossen und den kleinen Daumen im Mundwinkel. Hinter mir hörte ich ein Geräusch. Die Schwester mit der Flasche.
Ich trat beiseite. Sie nahm das Kind auf. Dani fand den Schnuller, ohne auch nur die Augen aufzumachen.
»Ich möchte ihr einmal die Flasche geben«, sagte ich plötzlich.
Mrs. Holman lächelte. Sie zeigte mir, wie man ein Baby halten muß, und ich nahm Dani in meine Arme. Eine Sekunde lang schlug sie die Augen auf und sah mich an. Offenbar fand sie mich vertrauenswürdig, denn sie schloß die Augen wieder und trank weiter.
Ich ging etwas nach zwölf schlafen. Nora war noch nicht nach Hause gekommen. Ich habe nie erfahren, wann sie in jener Nacht heimkam. Erst am nächsten Tag sah ich sie, und nun war ihre Stimmung völlig umgeschlagen. Sie begrüßte mich lächelnd an der Tür. »Ich habe uns Cocktails in der Bibliothek gemacht.« Ich küßte sie auf die Wange. Sie trug einen eleganten schwarzseidenen Hausanzug. »Du siehst so anders aus«, sagte ich. »Bekommen wir Besuch zu Tisch?«
»Nein, du Schlauberger. Ich habe mir nur die Haare anders machen lassen.«
Ich konnte keine Veränderung an ihrem Haar sehen. Nora reichte mir ein Glas. »Hast du einen netten Tag gehabt?«
Sie nippte an ihrem Glas, ihre Augen funkelten. »Wundervoll! Es war genau, was ich brauchte. Einmal herauskommen und wieder aktiv werden!«
Ich nickte lächelnd. Wenigstens war der Sturm vorbei.
»Ich habe mit Sam Corwin und Chadwinkes Hunt gegessen, mit dem Kritiker, du weißt schon. Sie meinen beide, je früher ich wieder anfange zu arbeiten, um so besser. Scaasi hat Sam gesagt, er möchte gern wieder eine Ausstellung von mir machen, spätestens diesen Herbst.«
»Meinst du, du hast bis dahin genug Zeit, um fertig zu werden?«
»Mehr als genug. Ich habe den ganzen Tag Skizzen gemacht. Ich habe tausend Ideen.«
Ich hob mein Glas. »Auf deine Ideen!«
»Oh, danke!« Sie lächelte und gab mir einen Kuß. »Und du bist mir nicht böse wegen der letzten Nacht?«
»Nein«, sagte ich leichthin. »Wir waren beide aufgeregt.«
Sie küßte mich noch einmal. »Da bin ich froh. Ich dachte, du magst es vielleicht nicht, daß ich in das andere Zimmer gezogen bin. Ich weiß nicht, warum ich nicht eher daran gedacht habe. Mutter und Daddy hatten immer getrennte Zimmer. Es ist wirklich kultivierter.«
»Meinst du?«
»Natürlich. Ich finde, auch Verheiratete haben einen gewissen Anspruch auf die Möglichkeit, allein zu sein.« Sie sah mich ernsthaft an. »Außerdem meine ich, daß es uns etwas von dem Geheimnisvollen erhält, das in jeder Ehe so wichtig ist.«
Das war mir neu. Ich habe meine Eltern nie über den Mangel an Privatleben klagen hören. »Und was tue ich, wenn ich vergewaltigt werden möchte?«
»Jetzt bist du vulgär!« Aber sie lächelte übermütig. »Dann brauchst du nur zu pfeifen.«
»So?« fragte ich und hob die Finger an die Lippen.
»Halt! Charles wird denken, wir sind verrückt geworden.«
Ich trank mein Glas aus. »Ich will nur hinauf, mir die Hände waschen und nach Dani sehen.«
»Waschen kannst du dich hier unten. Mrs. Holman hat Dani schon hingelegt.«
Ich sah sie an. »Wie geht’s ihr heute?«
»Mrs. Holman sagt, sie war wie ein Engel. Nun lauf und wasch dich. Ich habe der Köchin gesagt, sie soll Rindsrouladen machen, wie du sie gern ißt, und die dürfen nicht verderben.
Nach Tisch, dachte ich, kommst du herauf und siehst dir mein Zimmer an. Ob es dir gefällt.
Ich habe Charles oben eine Flasche Champagner auf Eis legen lassen.«
Nun mußte ich lachen. So also wollte sie es! Vielleicht hatte sie doch nicht so unrecht. Ich mußte zugeben, daß die kleine Note des Unerlaubten, die auf diese Weise entstand, recht reizvoll war.
Irgendwann mitten in der Nacht sagte ich: »Werden die Dienstboten es nicht komisch finden, daß wir uns zwei Schlafzimmer zulegen, um dann in einem zu schlafen?«
»Sei nicht töricht. Wer fragt schon, was die Dienstboten denken!«
»Ich wirklich nicht«, sagte ich und zog sie fest an mich. »Aber ich bestehe darauf, daß du morgen mein Gast bist!«
Jedoch wenn wir zusammen schliefen, war es stets in ihrem Zimmer. Und ich wurde immer ernüchtert, wenn ich über den kalten Fußboden des Badezimmers mußte, das zwischen unsern Zimmern lag. Allmählich lernte ich ihren Türknopf so langsam umdrehen, daß sie mich nicht hören konnte, denn manchmal fand ich ihre Tür verschlossen. Und es kam auch vor, daß ich todmüde von meiner Arbeit einfach auf mein Bett fiel und nicht wußte, ob ihre Tür verschlossen war oder nicht.
Langsam kam ich mir vor wie ein Mann, der gezwungenermaßen in eine Einbahnstraße biegt, obwohl er weiß, daß sie in eine Sackgasse führt. Ich fing an, die Ablehnung zu fürchten, die dieses Verschließen der Tür bedeutete. Aber ein paar kräftige Schluck Bourbon, ehe ich mich auszog, lösten die Spannung, so daß ich die Lust verlor, die Tür auszuprobieren.
Ich gewöhnte mir auch an, Dani ihr Abendfläschchen zu geben, und auch das half mir weiter. Ihre Zartheit, und Winzigkeit füllten eine Leere in mir aus, deren ich mir nie richtig bewußt gewesen war. Dann küßte ich sie, legte sie zurück in ihr Bett-chen, ging in mein Zimmer und schlief.
An der Oberfläche war alles normal. Nora und ich taten dasselbe wie jedes andere Ehepaar. Wir gingen mehrmals in der Woche aus, wurden zu Partys eingeladen, sahen Gäste bei uns. Nora tat scheinbar alles, was eine junge Frau tun sollte, sie war liebevoll und aufmerksam.