Infarkt

Das dritte Leben des Peter Neururer beginnt mit einem Zusammenbruch. Am 9. Juni 2012 spielt er ein Golfturnier in seinem Heimatclub Haus Leythe in Gelsenkirchen. Der Club ist eine dieser unprätentiösen Golfanlagen, wie sie in den 1980er-Jahren an vielen Orten in Deutschland aus dem Boden geschossen sind. Sekretariat und Gastronomie sind in einer ehemaligen Scheune untergebracht, der »Schalker Golficreis« - Ex-Fußballer wie Helmut und Erwin Kremers, Klaus Fischer, OlafThon und andere - schlägt hier regelmäßig gegen den kleinen weißen Ball.

An diesem Samstag wird das Turnier um den »Monatsbecher« ausgetragen. Neururer fühlt sich gut, vor ein paar Tagen erst ist er von seiner jährlichen Motorradtour aus den USA zurückgekehrt. Mit seinen Freunden Frank »Funny« Heinemann, Karl-Heinz »Doc« Bauer und Zweiradkumpels wie Ralf »Katze« Zumdick haben sie auf geliehenen Harley-David-son-Maschinen in diesem Jahr die US-Bundesstaaten Texas und New Mexico durchfahren. Seit neun Jahren unternimmt Neururer in diesem Kreis solche Trips, für ihn ist es eine Form der Entspannung im Anschluss an die Spielzeit. In stilechte Lederkluft gekleidet genießt er die Einsamkeit auf seinem Viertakter, das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gruppe und die vom Highway aus unendlich anmutenden Weiten der Landschaft.

An den Tag seines Herzinfarkts, den Kollaps auf dem Golfplatz, hat Neururer keine Erinnerung. Genauso wenig wie an die 24 Stunden davor und die beiden Tage danach, die er im künstlichen Koma verbracht hat. Es ist ein typisches Symptom bei jenen Menschen, die einen Herzinfarkt überleben. Peter Neururer hat sich das, was auf dem Golfplatz geschehen ist, später von seinem Spielpartner Dieter Rüdig berichten lassen müssen. Gespielt habe er wie immer und auf Loch 17 auch einen ordentlichen Abschlag hingelegt. Sein zweiter Schlag sei dann über einen Teich hinweggeflogen in den Bunker links vor dem Grün. Das Spiel aus Sandhindernissen heraus zählt nicht unbedingt zu den Stärken des ner-Handicappers, aber an diesem Tag bringt er den Ball gut heraus - dann sackt Neururer im Sandhindernis plötzlich in sich zusammen.

Rüdig, ein Optiker aus Gelsenkirchen, behält die Nerven, handelt schnell. Eigentlich ist das Mitführen von Mobiltelefonen bei dem Turnier untersagt, Rüdig hat sich nicht daran gehalten - und das rettet Peter Neururer jetzt das Leben. Der Optiker zückt sein Handy aus der Golftasche und ruft den Notarzt. Danich versucht der ehemalige Bundeswehr-Sanitäter sofort, seinen Freund mitMund-zu-Mund-Beatmung und Herzmassage wiederzubeleben - ohne Wirkung. Etwa zehn Minuten später treffen die Notärzte auf der weit vom Clubhaus entfernten 17. Spielbahn ein. Doch auch deren Versuche, Neururer ins Leben zurückzuholen, bleiben ergebnislos.

In einer Ambulanz wird Neururer nach Gelsenkirchen-Buer ins vier Kilometer entfernte Krankenhaus Bergmannsheil gebracht. Die Klinik ist in Fußballerkreisen bekannt für ihre hohe Kompetenz bei Knieoperationen, doch für die Behandlung des lebensgefahrdeten Infarktpatienten Neururer sieht man sich nicht als ideale Lösung. So wird Neururers Kreislauf vor Ort erst einmal stabilisiert, dann geht die Fahrt weiter zu den Spezialisten ins Gelsenkirchener Marienhospital. Dort versetzen die behandelnden Mediziner unter Führung von

Professor Heinrich Blanke Neururer in ein künstliches Koma, aus dem sie ihn drei Tage später wieder zurück ins Leben holen.

Als der Trainer aufwacht, nimmt er zunächst ungewöhnliche Schmerzen im Brustbereich wahr, Überbleibsel der zahlreichen Wiederbelebungsversuche. Und er nimmt wahr, dass seine Familie bei ihm am Bett sitzt. Seine Frau Antje, die Kinder Kristin und Jörn, auch sein Arzt »Doc« Bauer ist gekommen. Offenbar, so scheint es Neururer, liegt er in einem Krankenhaus, darauflassen die Schläuche an seinen Armen schließen. Als er in die Gesichter um ihn herum blickt, erschrickt der Trainer. Irgendetwas Schreckliches muss wohl mit ihm geschehen sein, was, weiß er nicht. Seine Familie berichtet ihm, wie er auf diese Intensivstation gekommen ist und was für ein ungeheuerliches Glück er gehabt hat. Neururer ist sehr geschwächt, er hat in den Stunden nach seinem Infarkt sechs Kilo Körpergewicht verloren, an Aufstehen, geschweige denn Gehen ist in den ersten Tagen nicht zu denken. Neururer wird ab jetzt täglich sieben Tabletten schlucken müssen.

Der Infarkt hat Neururer ohne Vorwarnung getroffen. Bei seinen regelmäßigen von »Doc« Bauer durchgeführten Check-ups in den vergangenen Jahren ist nichts Auffalliges zu beobachten gewesen. Eine erbliche Vorbelastung - auch sie häufig Ursache für Infarkte - ist nicht bekannt. Neururers allgemeiner Fitnesszustand ist seinem Alter gemäß überdurchschnittlich. In Köln hat er in der Woche vor seinem Kollaps sogar noch an einem Benefizspiel für den seit 2010 im Koma liegenden Heinz Flohe teilgenommen - keine Anzeichen von Problemen, Schwäche oder Ähnlichem. Neururer fühlt sich sauwohl. Er hat kein Übergewicht. Er ernährt sich ausgewogen. Klar ist, er raucht zu viel. Und es ist anzunehmen, dass die Freude am regelmäßigen Nikotinkonsum zur Verengung und schließlich zur Verstopfung seiner Herzgefäße geführt hat. »Er hat Glück im Unglück gehabt«, sagt »Doc« Bauer über seinen Freund, »entscheidend ist gewesen, dass er in den ersten Stunden nach dem Infarkt gut versorgt worden ist.«

Seither trägt Peter Neururer eine Kette um seinen Hals, an der eine kleine Metallkapsel hängt. »SOS« ist darauf eingraviert, innen drin finden sich alle Informationen für einen Notfall: dass er zwei Stents in der Hinterwand seines Herzens eingesetzt bekommen hat, welche Medikamente er regelmäßig nimmt, wie man seine Angehörigen und Ärzte telefonisch erreichen kann.

Der Weg zurück ins sozusagen normale Leben fallt dem ungeduldigen Charakter Neururer nicht leicht. Zwei Wochen nach dem fast tödlichen Zusammenbruch verlässt er das Krankenhaus in Gelsenkirchen und begibt sich zur Reha nach Bad Waldliesborn, nördlich von Lippstadt. Dort kümmert sich das Personal rühfend um einen sichtlich unsicheren Patienten. Bei jeder Bewegung horcht Neururer tief in sich hinein. Er kontrolliert zunächst jeden Schritt, immer in Sorge, plötzlich ein Alarmsignal wahrzunehmen. Es dauert, bis er annähernd wieder in der Lage ist, auch schnellere, komplexere Bewegungen zu koordinieren und die Angst zu verdrängen. Sein Gleichgewichtsgefühl ist ihm abhandengekommen.

Neururer lernt Demut. Er war es gewohnt, seinen Körper zu instruieren. Jetzt diktiert sein Körper ihm, wo es eben nicht langgeht. Der Trainer und Mensch Neururer war es gewohnt, Anordnungen zu erteilen. Jetzt darf er sich von einem Physiotherapeuten zeigen lassen, dass er nicht mal in der Lage ist, seinem Partner im Reha-Bewegungskurs einen federleichten Strandball wiederholt zuzuwerfen. Nicht mal über kürzeste Distanz. Neururer spürt die Übersäuerung seiner rückgebildeten Muskulatur. Er ist erstaunt, wie rasch sein Puls hochjagt. Doch die täglichen Einheiten, die minimalen Fortschritte, sie bringen Neururer wieder auf den Boden zurück. Auch das Golfspielen hilft ihm dabei: In Sichtweite der Reha-Klinik liegt der Golfclub Lippstadt. Dort übt Neururer das sogenannte kurze Spiel, also die Schläge rund um das Grün. Pro Tag spielt er in Gesellschaft seiner Frau Antje vorsichtig 200 bis 300 Bälle. Einen Monat nach dem Infarkt hat Neururer sein altes Gewicht wieder: 86 Kilo.

Peter Neururer sagt, er wird zukünftig vieles bewusster angehen. Er wird nie vergessen, was Dieter Rüdig für ihn getan hat, was seine Familie mit- und durchgemacht hat und wer in dieser Lebensextremsituation die wirklich wahren Freunde in seinem und dem Leben seiner Familie gewesen sind. Auch die Anteilnahme hat ihn berührt. Unmengen an E-Mails und SMS haben ihn nach seinem Infarkt erreicht, darunter viele Promis aus der Fußballszene, Leute, mit denen er 1974 Abitur gemacht hat, aber auch viele von Absendern, deren Namen er zum ersten Mal liest.

Als er nach drei Wochen Reha nach Hause entlassen wird, führt ihn sein erster Weg zum Golfplatz Haus Leythe. Auf die 17, jenen Ort, an dem er zusammengebrochen ist, an dem alles für immer hätte vorbei sein können. Ganz allein geht er dorthin, die Pulsuhr am Handgelenk. Neururer will keine posttraumatischen Ängste aufkommen lassen. Er stellt sich auf den Abschlag, benötigt die vorgesehenen vier Schläge für die Spielbahn. Am nächsten Tag ist er wieder da. Wieder allein. Wieder spielt er nur die 17, mehr gibt sein Körper noch nicht wieder her. Er hat die Chance auf ein Birdie, absolviert das Loch am Ende mit fünf Schlägen. Die Erinnerung an das, was einen Monat zuvor auf dieser 247 Meter langen Spielbahn geschehen ist, kehrt nicht wieder.

Zwei Wochen später schafft Peter Neururer dann seine erste komplette Runde auf dem Golfplatz - ohne Elektrokart. Er zieht seinen Wagen mit der Schlägertasche ohne fremde Hilfe über den Platz. Er hält der Belastung stand. Sein nächstes Ziel ist es, wie früher montags und freitags mit seinen Freunden aus dem »Schalker Golfkreis« zu spielen, am Mittwoch dann den sogenannten Herren-Nachmittag auf dem Golfplatz zu absolvieren.

Viele Menschen werden nach einem überlebten Herzinfarkt spirituell, gläubig. Neururer hat sich bei allem Glück, das ihm zuteilgeworden ist, nicht wieder der Amtskirche zugewandt, in der er zwar aufgewachsen ist, der er aber seit Langem skeptisch gegenübersteht. Er glaubt nicht an die Idee vom allmächtigen Schöpfer, weil der nach Meinung des Trainers auf dieser Welt zu viel Elend, Verbrechen und Ungerechtigkeit zulässt. Dass es indes irgendeine höhere Instanz gibt, die die Dinge leitet oder beeinflusst, glaubt Neururer nach dem Glück an seinem Unglückstag schon. Er muss grinsen: »Ich hab den jetzt mal den Fußballgott genannt. Und der hat mich wohl doch noch ein bisschen hier unten behalten wollen.« Andererseits hat sich Neururer seit dem Infarkt immer wieder gefragt, weshalb ausgerechnet er ihn hat erleiden müssen. »Wie sagt man so schön«, sagt Neururer, »im Fußball gleicht sich eben immer alles aus.«

Als er das erste Mal wieder Kontakt mit dem realen Fußball hat, wird es bewegend für den 57-Jährigen. Sein Ex-Club Schalke spielt in der Vorbereitung auf die kommende Erstligaspielzeit zu Hause gegen den AC Milan. Neururer ist von seinem Sender Sporti in die Gelsenkirchener Arena eingeladen worden. Als er das Stadion betritt, um unten im Innenraum vor der Kamera eine kurze Einschätzung zur Situation bei Schalke und dem unmittelbar bevorstehenden Spiel zu geben, warten dort knapp 40 Fotografen auf ihn. Als Neuru-rer sich dann Richtung Tribüne wendet, um die Stufen hoch zu einem Platz zu gehen, wo seine Freunde vom »Schalker Golficreis« auf ihn warten, hört er den Stadionsprecher. Der begrüßt den ehemaligen Schalke-Trainer öffentlich und wünscht ihm über die Lautsprecheranlage alles Gute. Als die 40 000 Zuschauer aufstehen und klatschen, kämpft Neururer mit den Tränen.

Früher hat er sich in solchen Situationen zur Entspannung schon mal eine Zigarette angezündet. Das ist vorbei. Der Kettenraucher Neururer hält sich strikt an das Rauchverbot der Ärzte. Seine letzte Kippe hat er auf der Golfrunde genossen, kurz bevor er den Infarkt erlitten hat. Geraucht hat Neururer aber in den letzten Jahren ohnehin nur noch, wenn er keinen Job hatte. Wenn er auf keiner Bank Platz nehmen, keine Mannschaft trainieren durfte. Seit 2010 ist er als Experte beim Fernsehsender Sporti, die Arbeit bereitet ihm Spaß, ein Ersatz für seinen eigentlichen Job, den des Trainers, ist sie nicht.

Doch stressig ist der TV-Job für Neururer auch immer gewesen. Vor seinem Infarkt ist er etwa am Montagmittag im eigenen Auto von Gelsenkirchen nach Dresden gefahren, hat dort das Zweitligaspiel gegen den VfL Bochum analytisch begleitet. Das Angebot seines Senders, an diesem Abend in einem Dresdener Hotel zu schlafen, schlägt Neururer aus und fahrt stattdessen noch in der Nacht die 550 Kilometer nach Hause zurück, damit er am kommenden Morgen um neun Uhr pünktlich mit seinen Golffreunden auf dem Abschlag stehen kann.

So ein Programm hat Neururer in den letzten Jahren nach seinem Engagement in Duisburg etwa dreimal die Woche durchgezogen: Er legt die An- und Abreisen zu seinen Terminen mit dem Auto oder dem Flugzeug stets so, dass er im

Anschluss daran sofort den nächsten Termin wahrnehmen kann - ob beruflich oder privat. Aus dem Flugzeug durch das Terminal zum Fahrdienst zum Sender in die Maske, noch ein kurzer Werbeblock Pause, dann hinein ins Studio -und Action!

Die Grenzen verschwimmen, der Zeitdruck, der Stress, den er sich auch selbst macht, nimmt zu. »Bin Wahnsinn«, sagt Neururer heute. Vor seinem Infarkt war es der Normalzustand. »Ich habe das damals nicht als Stress empfunden, aber künftig mache ich das so nicht mehr.« Die Ansage der Ärzte in diesem Punkt ist unmissverständlich. Eine komplette Persönlichkeitsveränderung steht gleichwohl nicht zu erwarten. Einen runtergepitchten, völlig ruhigen Neururer wird es auch in Zukunft nicht geben. Das ist sein Naturell, gegen das er nicht angehen wird. »Dann muss man den Stecker schon ganz aus mir rausziehen.«

Natürlich hat es auch nach dem Ende seines letzten Engagements in Duisburg immer wieder mal Anfragen gegeben. Aber weder wollte Peter Neururer sich auf Abenteuer in unteren deutschen Spielklassen einlassen noch auf zwar lukrative, aber unsichere Jobs im Ausland. So hatte er noch zuletzt das Angebot, Nationaltrainer des Iran zu werden, das über seinen Ex-Spieler Vahid Hashemian zustande gekommen war. Das lehnte Neururer genauso dankend ab wie die Offerte zweier Clubs aus Teheran oder ein Angebot aus Abu-Dhabi. Die lose Anfrage aus Brügge, Nachfolger von Christoph Daum zu werden, zerschlug sich, ehe sie offiziell wurde. Ähnlich verhielt es sich bei einem Kontakt zum 1. FC Köln, der auf der Suche nach einem Nachfolger des beurlaubten Stäle Solbakken war. Auch da folgte nichts Konkretes. Interessenten werden sich hingegen ein wenig beeilen müssen. Denn allzu lange wird Peter Neururer nicht mehr auf dem freien Markt zu haben sein.

»Wenn ich in der Saison 2012/13 keinen Job als Cheftrainer oder als Sportdirektor bekomme«, sagt er, »dann ist Schluss. Dann höre ich auf und mache nur noch als Experte oder wie auch immer im Fernsehen weiter. Und dann 100 Prozent. Also dann auch sicher mehr als die zwei, drei Sendungen pro Woche, in denen ich heute zu sehen bin.« Er macht eine Pause. Er überlegt. Ganz sicher? Wird Peter Neururer wirklich ohne die tägliche Arbeit in einem Verein auskommen können? Wird ihn die begleitende Funktion als Experte anstelle einer gestaltenden Funktion im Ligafußball wirklich befriedigen können? Würde er das überleben? Peter Neururer lächelt, dann sagt er: »Sollte jemand von Schalke 04, dem 1. FC Köln oder dem VfL Bochum in der Zeit danach anrufen - für einen dieser Clubs würde ich immer eine Ausnahme machen.«


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E   N   D   E