Königsblauer Wahnsinn - Schalke

as Angebot kommt, als Peter Neururer seine bis dahin erfolgreichste Zeit erlebt. Mit Alemannia Aachen trainiert er Anfang April 1989 eine Mannschaft, die-wenn auch unerwartet - in ein paar Wochen in die Erste Liga aufsteigen kann. Es ist spät am Sonntagabend. Das Telefon klingelt bei Neururers in Aachen. Am anderen Ende der Leitung meldet sich Helmut Kremers, der neue Manager des FC Schalke 04. Kremers sitzt mit dem im Januar gewählten Präsidenten, dem reichen Klinikbesitzer Günter Eichberg, noch in der Geschäftsstelle des Clubs zusammen. Die beiden haben ein Pröblem.

Zwar ist Papst Johannes Paul II. seit knapp zwei Jahren Mitglied im Verein, aber Trainer Diethelm Ferner, seit September 1988 im Amt, hat keinen Erfolg, weswegen man sich von dem knorrigen Mann aus Ostpreußen vor Kurzem getrennt hat. Nach der Entlassung Ferners hat sich Kremers kurzerhand auf die Bank gesetzt. Aber auch der Ex-Nationalspieler kann nicht verhindern, dass der königsblaue Traditionsverein, der gerade erst in die Zweite Liga abgestiegen ist, sich mit atemberaubender Geschwindigkeit auf die Amateur-Oberliga zubewegt.

Ende März, zu Ostern, hat es weiteren Ärger gegeben: Im Anschluss an die 3:4-Heimniederlage gegen Darmstadt 98 ist es zu Zuschauerausschreitungen gekommen, der Platz von einem Teil der 7500 Zuschauer gestürmt worden, Schiedsrichter Michael Prengel wird dabei von einem erbosten Fan in den Hintern getreten. Die Volksseele auf Schalke kocht, der Verband verhängt wegen der Vorkommnisse neben einer Geldstrafe gegen den Club auch noch eine Platzsperre. Das nächste Heimspiel hat der S04 in einem mindestens 200 Kilometer entfernten Stadion auszutragen.

In dieser auf allen Ebenen angespannten Situation muss das Duo Eichberg/Kremers jetzt schnell einen neuen Trainer, einen Hoffnungsträger präsentieren. Von dem zu dieser Zeit Schalke 04 für die »Bild«-Zeitung betreuenden Reporter Wilfried Pastors haben die beiden einen Tipp erhalten. Pastors sagt ihnen, dass Peter Neururer Alemannia Aachen auch im Fall des Aufstiegs zum Saisonende verlassen will. Deshalb soll Schalke doch mal bei dem jungen Mann anfragen, der zudem ja auch aus dem Ruhrpott stamme. Was Kremers und Eichberg nicht wissen: Pastors ist ein Studienkollege Neururers. Und nachdem er mit den Schalker Potentaten über seinen früheren Kommilitonen gesprochen hat, bereitet Pastors Neururer daraufvor, dass Schalke sich sehr bald bei ihm melden werde: »Peter, die haben Druck.«

Kremers ruft also Neururer zu später Stunde an. Er fragt ihn, ob er sich vorstellen könne, sofort Cheftrainer auf Schalke zu werden. Streng genommen ist Kremers Anfrage ein Bruch der DFB-Regularien, denn ein Club darf nicht an einen Trainer mit laufendem Arbeitsvertrag herantreten. Doch Kremers beruhigt Neururer, signalisiert ihm, dass Schalke bereit sei, nicht nur eine Ablösesumme für ihn an Aachen zu zahlen, sondern zudem auch noch das Gehalt für Neururers Nachfolger auf dem Tivoli zu übernehmen.

Neururer muss nicht überlegen. Er will Schalkerwerden. Die 350.000 Mark Prämie, die ihm im Fall des Aufstiegs in die Erste Liga mit Aachen zustehen, interessieren ihn schlagartig nicht mehr. Wenn er Schalke vor dem Untergang rettet, wenn ihm dieses Fußballwunder mit diesem Traditionsverein gelingt, dann, so weiß Neururer, hat er es in Deutschland als Trainer geschafft. Die Wertschätzung ehrt ihn, die Herausforderung ist riesengroß, Neururer liebt das. Er hört auf sein Herz, und er wittert, dass dies der Moment für ihn als Fußballtrainer ist: die größte Chance in seinem Leben, nach oben zu kommen, in eine neue Welt einzutreten. Eine Welt, die er bis dato nur von außen kennt. Zudem weiß er, dass seine Verhandlungsposition besser kaum sein könnte. Allerdings muss er jetzt erst einmal Gas geben. Denn Kremers und Eichberg wollen noch in der Nacht mit ihm verhandeln.

Kremers bittet Neururer, umgehend in die Hebbelstraße nach Düsseldorf zu kommen, Hausnummer 16, in die Villa Eichbergs. Mit zitternden Händen legt Neururer den Hörer auf, er weckt seine schon zu Bett gegangene Frau.

»Schatz, ich muss noch mal los.«

»Wo willst du denn um die Uhrzeit noch hin?«, fragt Antje Neururer ihren Mann.

»Ich fahr nach Schalke, und ich werde da unterschreiben.«

Neururer setzt sich in seinen Renault Alpine Turbo und bringt die 80 Kilometer von Aachen nach Düsseldorf unter Auslassung der allermeisten Verkehrsregeln in Rekordzeit hinter sich. Als er an dem Haus in der Hebbelstraße klingelt, öffnet ihm Christa Paas, die Lebensgefahrtin Eichbergs. Sie trägt einen türkisfarbenen Bademantel und bittet Neururer herein. Der Hausherr und Kremers werden bald kommen, sagt sie. Doch bis die beiden Herren eintreffen, vergehen anderthalb Stunden, in denen Neururer und Frau Paas sich über Gott und die Welt und Schalke unterhalten. Als Eichberg dann die Tür aufsperrt, sagt Paas zu ihm: »Günter, den nehmen wir.«

»Was heißt hier, den nehmen wir«, unterbricht Neururer, »wir müssen doch wohl erst mal ein bisschen reden, oder?«

Das Angebot, das Eichberg Neururer in den kommenden Minuten unterbreitet, ist für den Trainer schier unglaublich. Schalke wäre nach Essen und Aachen ja erst Neururers dritte Station im Berufsfußball. Es ist fast halb zwei nachts, Neururer ist überwältigt, er ist glücklich, aber er muss jetzt schnell nach Hause. Morgen wird er sein wahrscheinlich letztes Training in Aachen leiten. Er verabschiedet sich, verlässt das Haus und geht zu seinem Auto. Da öffnet sich plötzlich hinter ihm die Tür und Eichberg ruft:

»Trainer, Trainer, kommen Sie doch bitte noch mal.«

»Nee, ist doch alles klar«, ruft Neururer. Er befürchtet, Schalkes Clubchef könne noch einen Rückzieher von seinem sensationellen Angebot machen. »Ich bin dann übermorgen um neun Uhr zum ersten Training da.«

»Trainer«, sagt Eichberg und geht auf Neururer zu, »ich will ehrlich mit Ihnen umgehen.«

»Wie darf ich das verstehen?«, fragt Neururer immer noch in Sorge.

»Bevor ich mit Ihnen verhandelt habe, habe ich mit Udo Lattek und Rainer Bonhof als Trainergespann gesprochen. Bin mit den zweien allerdings nicht klargekommen«, gibt Eichberg zu. »Allerdings habe ich den beiden zu ihrem Gehalt und den Punktprämien noch eine Mark pro Zuschauer im Parkstadion angeboten. Und das sollen Sie auch bekommen.«

Neururer empfindet diesen Zusatz als merlwürdig, es ist ihm aber völlig egal, denn das grundlegende Angebot bleibt davon ja unberührt. Er macht sich keine weiteren Gedanken dazu, ist rundum glücklich und fahrt nach Aachen zurück.

Mit Aachen wird in aller Eile eine Ablösesumme für Neururer vereinbart, zudem übernimmt Eichberg, wie angekündigt, auch noch Teile des Gehalts von Rolf Grünther, Neururers Amtsnachfolger bei der Alemannia. Zwei Wochen vor seinem 34. Geburtstag und keine 24 Stunden nach dem ersten Gespräch unterschreibt Neururer einen Vertrag mit einer Laufzeit bis 1990, der auch für den Fall des Abstiegs in die Oberliga Westfalen Gültigkeit besitzt. Aber Schalkes vierter Trainer in der laufenden Saison will von Amateur-Fußball nichts wissen. Er übernimmt eine Mannschaft, mit der er, glaubt er, gar nicht absteigen kann.

Der erste Arbeitstag auf Schalke beginnt für Peter Neururer mit einem Problem. Es ist nicht das schlechte Wetter allein, über ganz Nordrhein-Westfalen regnet es, das die Anfahrt an diesem 11. April 1989 für den neuen Cheftrainer des FC Schalke zum Problem macht. Pünktlichkeitsfanatiker Neururer ist an diesem Dienstagmorgen um kurz vor 8 Uhr in Aachen losgefahren, das Training auf Schalke ist für 10 Uhr angesetzt. Er kommt mit seinem Wagen gut durch, als er jedoch in Gelsenkirchen auf die zum Stadion führende Kurt-Schumacher-Straße auffahrt, steht er im Stau.

Die »Bild«-Zeitung hat an diesem Morgen weniger den Kopf als die Seele der Schalker Fans angesprochen - und augenscheinlich den richtigen Knopf gedrückt. Mit Neururer, so das Blatt, komme der Ruhrpott schlechthin nach Hause, ein Schalke-Fan, der endlich seinen Lieblingsverein trainieren dürfe. Das zieht - stimmt aber nicht, denn allenfalls Bekannte und Freunde Neururers sind Anhänger von S04. Er selbst dagegen hat sein Herz in Kindertagen an den 1. FC Köln verloren.

Angesichts des riesigen Menschenauflaufs, der nicht zu übersehenden Erwartungshaltung wird dem Trainer schlagartig und wirklich erstmals die ganze Dimension der Situation bewusst. Was, wenn du das hier nicht packst? Was, wenn du Schalke nicht davor bewahren kannst, in die Amateur-Oberliga abzusteigen?.

Er betritt die gigantischen Räumlichkeiten des Parkstadions. Schalke-Legende Klaus »Tanne« Fichtel, sein Co-Trainer, grüßt ihn - er ist jetzt Mitarbeiter Neururers. Spieler, die der neue Chefcoach bis dato nur aus dem Fernsehen kennt, geben ihm die Hand: Andi Müller, gerade von Hannover 96 gekommen, Werner Vollack, der mit Bayer Uerdingen das Europapokal-Wunder gegen Dynamo Dresden geschafft hat und dritter Mann in der Nationalmannschaft gewesen ist - und auch der junge Jens Lehmann.

Ehe er sein erstes Training auf einem der Nebenplätze hinter der riesenhaften Haupttribüne des Stadions leitet, ruft Neururer noch schnell seine Frau Antje an: »Schatz, ich bin hier gut angekommen, du kannst dir gar nicht vorstellen, was hier los ist. Tausende von Leuten sind da. Eine riesige Erwartungshaltung - das darf nur nicht in die Hose gehen.« Neururer legt auf, geht raus und wird von den Schalke-Anhän-gern warmherzig empfangen. Sie glauben, dass der Mann, der zum zweiten Mal in seiner kurzen Karriere Diethelm Ferner nachfolgt, einer von ihnen ist.

Die Mannschaft steht vor Neururer. Und er muss sich nun darauf konzentrieren, Selbstbewusstsein auszustrahlen. Er darf jetzt keinen Anflug einer Schwäche zeigen, sonst endet die Mission gleich hier. Dann ist egal, ob es noch elf Spiele und elf Möglichkeiten zu punkten gibt.

Aber Neururer ist unsicher. Er hat keine Vorstellung, wie er mit diesen Spielern umgehen soll. Für die meisten von ihnen ist er ganz sicher ein Niemand. Essen trainiert, Aachen trainiert, aber Schalke, das ist größer. In dieser Situation tut Peter Neururer das, was er immer tut, wenn er nicht weiß, was er tun soll. Er tut das, von dem er weiß, dass er es am besten kann: Peter Neururer sein. Intuitiv spricht er los, direkt, klar, und die Mannschaft hört ihm zu. Peter Neururer kommt gut an, er spricht die Sprache der Spieler, er schafft es, sie gleich mitzunehmen. Er fühlt sich gut, sicher und angekommen.

Nach der ersten Einheit sind die Sorgen Neururers wie weggeblasen. Er hatte es sich ja schon gedacht, aber jetzt sagt ihm sein Instinkt, dass er mit dieser Mannschaft wirklich die Klasse halten wird. Die Truppe ist einfach zu gut, um abzusteigen. Dazu kommt die unfassliche Unterstützung vonseiten der Fans. Das geht nicht schief, ist Neururer überzeugt. Es kann gar nicht. Wenn da nicht ein Problem wäre, das er ganz schnell wird lösen müssen.

Die psychische Verfassung der Mannschaft ist unterirdisch. Jeder Mannschaftsteil komplett verunsichert, manch ein Spieler scheint gar nicht mehr zu wissen, wie man sich im Spiel auf einem Fußballfeld bewegt. Laufwege? Gibt es quasi nicht. Aber es gibt »Tanne« Fichtel, Schalkes Spieler mit den meisten Bundesliga-Einsätzen. Ein toller Typ, Königsblau durch und durch, mit einer - angesichts der Situation - geradezu sagenhaften^Ansprache an die Mannschaft: »Ihr Blinden!«, brüllt Tanne beim Training. »Wir früher Zum antiquierten Kasernenhofton gesellen sich entsprechende Trainingsmethoden. Neururer hat gelernt, dass eine am Boden liegende, verunsicherte Mannschaft im Training Innovation und Motivation verspüren muss. Eine ganz andere, eine neue Ansprache muss her, um aufzurütteln, die Spieler mitzunehmen und sie schlussendlich wieder für den Fußball zu begeistern, ihre Stärken wieder zutage zu fördern.

Da die Transferperiode bereits abgeschlossen ist, lassen sich über Neuzugänge keine neuen Akzente im apathischen Mannschaftsgefüge setzen. Auch der Schalker Amateurmannschaft mangelt es an Talenten, die man mal eben schnell zu den Profis holen könnte. Es bleibt dem Neuen nur eine Maßnahme: Trainingslager.

Vor seinem ersten Pflichtspiel setzt Cheftrainer Neururer also ein viertägiges Trainingslager im Eifellcurort Bad Bertrich an, wo Schalkes Präsident Eichberg an einer Klinik beteiligt ist. Das gebuchte Mannschaftshotel entpuppt sich als Katastrophe: keine Fernseher auf den Zimmern, schlechtes Essen, fürchterliches Wetter und obendrauf ein Trainingsplatz, der diesen Namen nicht verdient. Der Spielerrat um Kapitän Andi Müller, Werner Vollack, Ingo Anderbrügge, Carsten Marquardt und den jungen Torhüter Jens Lehmann kommt zu Neururer und drängt, ob der unzumutbaren Gegebenheiten, auf sofortige Abreise und Abbruch des Trainingslagers. Obwohl Neururer die Dinge ähnlich sieht, entscheidet er sich intuitiv für das einzig Richtige. Er faltet das Spielerquintett zusammen:

»Ihr könnt froh sein, ein Dach über dem Kopf zu haben. Dieser Trainingsplatz ist absolute Weltklasse, ich hab noch nie einen besseren gesehen. Und dieses Hotel ist genau uns und unserem Tabellenstand entsprechend - wir müssten eigentlich in Zelten übernachten! Was wollt ihr denn unseren Fans erzählen? Wir haben den Verein in diese Scheißsituation gebracht. Jetzt müssen wir ihn hier wieder rausholen. Wir bleiben hier. Und wir geben jetzt Vollgas!«

Das Spielerquintett ist überrascht ob der gestrengen Ansage des neuen Übungsleiters, doch Neururers Argumentation verfangt. Die Mannschaft quält sich in Bad Bertrich durch ein Training, das Neururer ihnen als »Stoßtraining« verkauft: eine schweißtreibende Mischung aus Umkehrläufen und Hoch-tief-Sprüngen. Das kräftemäßige Auspowern ist, das weiß Neururer, zu diesem Zeitpunkt mitten in der Saison nicht nur physiologisch betrachtet sinnlos. Der Trainer riskiert auch, dass er die Truppe durch seine Quälerei gegen sich aufbringt.

Tatsächlich ist auch Neururer von den Bedingungen in dem Eifelkaff genervt. Ein harmonisches Trainingslager hatte er angedacht, auf einem gepflegten Platz mit einem netten Hotel, um die von ihm beabsichtigte Symbiose zwischen allen Beteiligten am Unternehmen Klassenerhalt herzustellen. Doch als ihm die Realität von Bad Bertrich ins Gesicht schlägt, entscheidet er, die Reize nicht durch Harmonie zu setzen, sondern durch das gemeinsame Durchbeißen: Wer Bad Bertrich überlebt, für den ist Abstiegslcampf ein Klacks. »Es war ein reines Psychotraining«, sagt Neururer heute. »Normalerweise hätte ich die Mannschaft nach diesem Trainingslager erst mal für eine Woche auf Regeneration schicken müssen. Aber das war ja nicht drin.«

Denn das Spiel bei Hertha BSC steht an. Es setzt einen Dämpfer, Schalke unterliegt 1:2. Andi Müller vergibt einen Elfmeter, und in der 87. Minute gelingt den Gastgebern der Siegtreffer. Nicht nur Neururer denkt: »Ach, du Scheiße-jetzt wird's eng!«*

Doch es folgen »Schlüsselergebnisse«, wie der Trainer sie nennt. Etwa beim aufgrund der Ausschreitungen gegen Darmstadt nach Hannover verlegten Heimspiel gegen Fortuna Köln. Zur Halbzeit liegt Schalke mit 0:2 gegen die spielstarke Mannschaft aus der Domstadt zurück. Ins Niedersachsenstadion sind 10 000 Zuschauer gekommen, 400 aus Köln, ein paar neutrale - der Rest sind Schalker. Und ihre Mannschaft enttäuscht die mitgereisten Fans nicht.

Normalerweise lässt Neururer seine Spieler in der Halbzeitpause erst einmal in der Kabine ankommen, gibt ihnen fünf Minuten Zeit zum Runterkommen. Diesmal hält er es nicht so lange aus, seine Ansprache ist feurig und mündet in dem Satz: »Ich will sehen, dass ihr euch wie Fußballer verhaltet.«

Mittelstürmer Uwe »Tattoo« Igler hat wohl »Footballer« verstanden. Er bindet sich seine Schienbeinschoner um die Unterarme und brüllt: »Ich block hier alles. Wir hauen die jetzt weg!« Die Mannschaft brüllt, sie lebt, und sie holt tatsächlich noch ein Unentschieden. Auf der Rückfahrt von Hannover wird der Mannschaftsbus die ganze Fahrt über von Autos mit Schalker Fans begleitet. Und als die Mannschaft das Gelände am Parkstadion erreicht, haben Anhänger ein Spalier gebildet, durch das der Bus hindurchfährt.

Die Zuschauerzahlen bei Heimspielen ziehen an: 13700 sind gegen Mainz gekommen, 25 000 gegen Freiburg - und dann ist das Parkstadion zum entscheidenden Spiel gegen Blau-Weiß 90 Berlin ausverkauft. Es entsteht ein Zusammengehörigkeitsgefühl aus der Angst vor dem drohenden Untergang des Clubs und der Hoffnung, es doch noch schaffen zu können. Aber durch ist man noch nicht. 12:6 Punkte lautet Neururers Bilanz bis zum Spiel gegen die von Bernd Hoss trainierten Berliner. 66 000 Zuschauer sind da. Es ist gleichwohl nicht die schiere Begeisterung für Schalke allein, die diese Zahl verursacht. Es ist auch der Erfolg einer Maßnahme von Präsident Eichberg, der das Spiel an einen Sponsor verkauft hat und damit die Eintrittspreise hat senken können.

Neururer weist den Busfahrer an diesem Sonntagnachmittag an, nicht hinter dem Stadion zu parken, sondern durchs Marathontor direkt auf die Tartanbahn zu fahren. Durch diese besondere Maßnahme will der Trainer einen weiteren Reizpunkt setzen - in seiner Mannschaft und bei den Fans auf den Rängen. Als Berlin, das noch Chancen auf die Teilnahme an der Relegation hat, 1:0 in Führung geht, ist Neururer überrascht, wie leise ein ausverkauftes Stadion sein kann.

Schalkes Fans, vor allem aber die Mannschaft, sind paralysiert. Ein paar Minuten ist es im weiten Rund einfach nur still, dann beginnt einer in der Nordkurve, wo die Schalke-Fans stehen, »Schal-ke! Schal-ke!« zu schreien. Immer mehr Zuschauer steigen in den Gesang mit ein. Es wird laut, fürchterlich laut. Es ist das Fanal für Neururers Mannschaft, sie gibt alles und gewinnt am Ende 4:1 - gerettet.

Die Fans steigen über die Zäune, stellen sich neben den Platz und warten auf den Schlusspfiff. Neururer denkt in diesen Augenblicken nicht an die 66.000 Mark, die ihm aufgrund der mit Eichberg getroffenen Zuschauer-Sonderprämienregelung zustehen. Er muss zunächst einmal auf seine Gesundheit Acht geben: Bei den spontanen Feierlichkeiten trägt er zahlreiche blaue Flecken davon, so innig wollen ihn die Schalke-Fans drücken für das, was er geleistet hat. Besser noch für das, was er verhindert hat. Die Mannschaft und ihr Trainer schaffen es kaum mehr in die Kabine. Neururer erreicht die Umkleide in Unterhose.-Sie ist das letzte Kleidungsstück, das man ihm gelassen hat. Doch in dem bis dahin emotional bewegendsten Moment seirfer Karriere läutet Neururer zugleich sein Ende auf Schalke ein.

Auf der großen, spontanen Nichtabstiegsparty nach dem Berlin-Spiel erinnert Günter Eichberg den Trainer an ein Versprechen. Eichbergs Lebensgefahrtin Christa Paas hatte Neururer für den Fall des Klassenerhalts als Sonderprämie ihren Porsche-Cabrio als Geschenk zugesichert. Als Günter Eichberg Neururer nun vor Zehntausenden den Schlüssel des Sportwagens überreichen will, lehnt Neururer ab. Ihm ist es vor den vielen ganz normalen Fans unangenehm, sich einen Porsche überreichen zu lassen. Neururer verweigert die Annahme des Schlüssels, Eichberg fühlt sich bloßgestellt. Es ist eine Szene, wie von William Shakespeare erdacht. Dem Sonnenkönig Eichberg fallt es in dieser Zeit nicht leicht zu ertragen, dass dieser Peter Neururer in größerem öffentlichem

Glanz erstrahlt als er, der Präsident und Boss.Esistder Riss in der Beziehung zwischen dem mit dem zunehmenden Erfolg seines Vereins immer eitler werdenden Präsidenten, dem es auf Schalke nie wirklich gelang, die Liebe der Menschen zu erlangen, und dem volksnahen Neururer. In der Wahrnehmung der Schalker Fangemeinde haben nicht Eichbergs Millionen, sondern Neururers Emotionen den Untergang des Clubs verhindert. Dass dieses Bild verzerrt ist, weiß Neururer, der Eichberg als feinen und durchaus sensiblen Menschen kennengelernt hat und der sagt, dass er als Trainer für einen Umschwung gesorgt, letztendlich aber die Mannschaft den Erfolg erstritten hat.

Am Tag nach dem »Endspiel« gegen Berlin kommen zwei um die 70 Jahre alten Männer nach dem Training auf Peter Neururer zu. Die beiden tragen Jogginghosen, Schalke-Trikot, Schal und Kappe. Sie sehen ärmlich aus. Neururer erhältvon den beiden mit feierlicher Geste einen Briefumschlag überreicht, auf dem steht: »Für unsern Pedda«. Der Trainer bedankt sich, nimmt das Kuvert an sich. Als er es im Büro öffnet, fallen zehn Zehn-Mark-Scheine heraus. Das Begleitschreiben ist kurz abgefasst: »Besten Dank für allet, watte gemacht hast.«

Entlassung bei Weißwein

In der Saison nach dem wundersamen Klassenerhalt muss der FC Schalke 04 Spieler verkaufen, um die Lizenzauflagen des DFB erfüllen zu können. Peter Neururer gelingt es dennoch, die eigentlich als schwächer einzuschätzende Mannschaft weiterzuentwickeln, dafür stellt man ihm von Vereinsseite sogar zwei echte Olympiasieger zur Verfügung.

Die Russen Alexander Borodjuk und Wladimir Ljuty sind die ersten beiden Spieler ihres Landes, die im Zuge der Perestroika im deutschen Profifußball landen. Einem klammen Club wie Schalke kommt Russland in diesen bewegten Zeiten sehr gelegen. Für vergleichsweise wenig Geld kann man dort viel Qualität erhalten, der von Dynamo Moskau kommende Mittelfeldspieler Borodjuk etwa wird zu einem der ganz wichtigen Spieler der nächsten Jahre auf Schalke. Borodjuk bringt auch seinen Kollegen aus der russischen Goldmedaillenmannschaft von 1988 mit: Wladimir Ljuty, einen 1,90 Meter großen, bisweilen steifwirkenden Stürmer, der jedoch durchaus Knipserqualitäten besitzt.

Die Verhandlungen mit Ljutys Club Dnipro Dniprope-trowsk finden in Innsbruck statt, weil die Mannschaft dort zu einem Spiel im Europapokal der Landesmeister beim FC Tirol gastiert. Schalke reist mit Manager Helmut Kremers, Co-Trainer Klaus Fischer und Neururer an. Sie sehen sich das Spiel an, fahren im Anschluss ins Hotel der Russen, um beim späten Abendessen in die Verhandlungen einzusteigen. Diese werden auf Englisch geführt, für alle Fälle hat Schalke noch einen Dolmetscher mitgenommen.

Als das Essen beendet ist, beginnen die Russen das Gespräch über die Ablösemodalitäten landestypisch: In 0,2 Liter fassende Wassergläser schenken sie ihren Gelsen-kirchener Verhandlungspartnern und sich den mitgebrachten Wodka ein. Randvoll, versteht sich. Neururer ist nach dem zweiten Glas durch, Fischer neben ihm verdreht die Augen, nur Helmut Kremers verhält sich klug. Schalkes Manager trinkt das erste Glas mit, den Inhalt der folgenden Gläser kippt er an seinem Kopf vorbei in den Pflanzenkübel hinter sich. Am Ende sind es wohl so um die sechs Runden, und Peter Neururer erinnert sich nur noch daran, dass plötzlich aufgestanden wird, man sich die Hände reicht: Ljuty ist Schalker.

Bei »Sascha« Borodjuk läuft die Sache ohne Alkohol, aber nicht minder seltsam ab. Nachdem Schalke alle Geldforderungen von Dynamo Moskau und weiteren Russen - auch der ein oder andere Verbandsfunktionär will sich beteiligt wissen - bezahlt hat, gibt es keine Spielberechtigung. Die erhält Borodjuk erst, nachdem aus Gelsenkirchen vier Kopiergeräte und ein gebrauchter Traktor nach Moskau geschickt worden sind.

Mit Borodjuk und Ljuty verpasst Schalke zum Ende der Saison 1989/90 den Aufstieg in die Erste Liga nur knapp. Es ist eine starke Leistung. Der Club ist auf dem Weg nach oben, die Mannschaft in der Spur. Und Neururers Ansage, dass jeder Spieler die letzten drei Tage vor einem Spiel ab jeweils 22 Uhr zu Hause unter seiner Privatnummer erreichbar zu sein hat, wird offenbar befolgt.

Allerdings liegt dem Trainer die Ausführung von Kontrollanrufen fern. Wenn einer über die Stränge schlägt, kommt das eh raus. »Da gibt es Zuträger genug«, sagt Neururer, »Privatleute, Zeitungsjournalisten und Menschen von Fernsehanstalten.« Wie in jenem Fall, als vier Schalker Kicker -darunter ein Nationalspieler - am Abend vor einem Pflichtspiel bis fünf Uhr morgens unterwegs sind. Noch vor dem Frühstück hat Neururer die entsprechende Info erhalten, er konfrontiert die betreffenden Spieler: »Jungs, seht zu, dass wir heute gewinnen, sonst gibt es Ärger. Und wenn das noch mal vorkommt, schmeiße ich euch alle raus.« Der Trainer selbst geht, was die Einhaltung der Sperrstunde anbetrifft, mit gutem Beispiel voran.

Am Abend vor einem Heimspiel gegen Fortuna Köln besucht Neururer mit seiner Familie seinen Lieblingsitaliener »La Scala« in Gelsenkirchen. Kurz nach 19 Uhr trifft die Familie in dem Lokal ein, Neururer isst, trinkt zwei Gläser Wein, etwa zwei Stunden später macht er sich auf den Weg nach Hause. Auch er will ab 22 Uhr zu Hause erreichbar sein.

Am Morgen danach betritt Neururer das Gelsenkirchener Maritim-Hotel, in dem seine Mannschaftvor den Heimspielen im Parkstadion untergebracht ist. Als Neururer durchs Foyer geht, kommt ein Schalke-Anhänger auf ihn zu.

»Hey, Trainer«, sagt der Fan auf eine vertrauliche Art zu Neururer, »gestern Abend im >La Scala< aber schön den Arsch voll gehabt, ne?«

»Bitte, was?«, erwidert Neururer.

»Komm, du hast schön den Arsch voll gehabt. Musst zusehen, dass du heute gewinnst, sonst gibt's hier mächtig Theater, Trainer!«

Neururer versteht nicht, auf was der Mann hinauswill. Aber der brabbelt ohnehin einfach weiter: »Ja, dat kann ja wohl nicht sein, dass der Trainer am Abend vor einem Spiel voll besoffen ist...«

Schalke 04 gewinnt das Spiel gegen Köln, es gibt kein Theater, aber die Episode zeigt, wie sich Informationen im Fußballgeschäft verbreiten: Es wird erzählt, es wird gehört, es wird weitergegeben. Unreflektiert, ungeprüft. Verliert Schalke gegen Köln und die Geschichte des vermeintlich besoffenen Trainers Neururer gerät in die Öffentlichkeit, kann das auch schon mal den Arbeitsplatz kosten.

Wer im Fußballgeschäft tätig ist und einen gewissen Popularitätsgrad via Fernsehen, Zeitschriften, Magazinen und Internet erreicht hat, der kann auch davon ausgehen, dass seine Worte und Taten sofort medial aufgegriffen werden. So wie etwa die folgende und zunächst kleine, später dann quasi weltbekannte Episode.

Vielleicht nicht als erster Trainer der Weltfußballgeschichte, wohl aber als Erster in Deutschland, führt Peter Neu-rurer in den 1980er-Jahren eine eigene Spielerdatenbank. Ein Freund hatte ihm ein kleines Programm für den heimischen PC geschrieben, das Neururer dazu nutzt, seine bei Spielbeobachtungen ins mitgeführte Diktiergerät hineingesprochenen Bewertungen einzelner Spieler zu erfassen. Mehr als 3000 Profile hat sich Neururer über die Jahre in mühsamer Zweifingertipperei zusammengeschrieben. Er ist stolz auf seinen sorgsam gepflegten Datenbestand wie andere auf ihren fleißig gehegten Schrebergarten.

Eines Abends, als der Trainer wieder mal mit einem Update seiner Profile beschäftigt ist, kommt der dreijährige Sohn Jörn in Papas Arbeitszimmer im Keller des Wohnhauses in Gelsenkirchen. Da klingelt oben im Wohnzimmer das Telefon. Neururer verlässt das Zimmer, nimmt im Erdgeschoss das Gespräch an und bekommt natürlich nicht mit, dass der kleine Jörn im Keller währenddessen auf den Arbeitsstuhl klettert und sich an der Tastatur des Computers zu schaffen macht- auf dem Bildschirm blinkt's so schön, und die Tasten klackern hübsch.

Als Peter Neururer irgendwann das durch seinen Sohn ausgelöste Geklacker hört, ist es bereits zu spät - zumindest für mehr als die Hälfte der vom Papa mühsam erfassten Spielerdaten. Sohn Jörn hat sie mit seinem Fingerspiel unwiederbringlich gelöscht. Deutschland lacht über diesen Vorgang-Peter Neururer nicht. Es wird eine ganze Weile dauern, bis er seine Datenbank wieder auf Stand gebracht bekommt.

Das Interesse an der öffentlichen Person Neururer erlöscht auch außerhalb der Landesgrenzen nicht, selbst dann nicht, wenn man noch einen großen Ozean dazwischenpackt, wie der Trainer ein paar Jahre später erfahren muss. Mit Freunden bricht er in den USA jedes Jahr zu einer Tour aufMotorrädern der Kultmarke Harley-Davidson auf. An einem Tag sind sie auf dem Weg von Florida hoch nach South Carolina und wieder zurück über Georgia, Endpunkt ist Key West in Florida. Man fährt in Formation.

Auf der kaum befahrenen Straße mitten durch die Ever-glades zuckelt Neururer inmitten seiner Freunde, er trägt die einschlägigen Lederklamotten. Was er nicht trägt, ist einen Helm. In Florida, das hat Neururer vor Abfahrt überprüft, besteht keine Helmpflicht. Und der Fußballtrainer mag es gern lässig auf der Harley. Er liebt es, sich auf dem Highway den Wind durch die wenigen Haare wehen zu lassen. Ein bisschen dem Klischee zu frönen. Doch mitten in diese Easy-Rider-Träume von unbegrenzten Horizonten, unendlicher Weite, Freiheit und »... getyour motor running...« heult plötzlich eine Sirene hinein. Ein Schlitten der Highway-Patrol rast an der entspannten Formation der deutschen Freizeitrocker vorbei. Übertlen aufs Dach des Fahrzeugs montierten Lautsprecher brüllt jemand: »Heimet! Heimet! Heimet!« - und dann ist erst mal Schluss.

Zwei dieser typischen Highway-Ordnungshüter stehen plötzlich vor Neururer. Hellblaues Hemd, Pilotensonnenbrille, gebräunte Haut, Halfter mit großer Knarre, Lederschaftstiefel. Sie bitten den Mann aus Germany von seinem Bock abzusteigen - doch der poltert gleich los: Was das denn bitte solle, ihn hier einfach anzuhalten!? Sie wären keineswegs zu schnell gefahren, hätten einfach nur cruisen wollen - und wäre Neururer auf die Schnelle noch das englische Wort für »Schikane« eingefallen, er hätte auch das den beiden Officern an den Kopf geworfen.

»Wir haben nichts gemacht«, sagt Neururer am Ende seines Gefühlsausbruchs.

»Sie tragen keinen Helm«, antwortet einer der beiden Polizisten.

»Wie, Helm? Du kennst wohl die Gesetze in deinem eigenen Staat nicht!?«, ereifert sich Neururer, dann fallt sein Blick auf das Namensschild des sichtlich genervten Officers, das ihn als Beamten des US-Bundesstaates Georgia ausweist.

»Ach, du Scheiße«, denkt Neururer. Er und seine Kollegen haben einfach nicht bemerkt, dass sie längst die Staatsgrenze passiert haben - und in Georgia besteht Helmpflicht beim Motorradfahren. Sofort schwenkt Neururer um, er gibt seinen Fehler zu, entschuldigt sich vielmals bei beiden Beamten, die sich daraufhin ebenfalls einsichtig zeigen und von einer Strafzahlung absehen. Am Ende verabschiedet man sich sogar per Handschlag voneinander. Ein Reisemobil fahrt vorbei, aus dem gut gelaunte Menschen der Motorradfahrertruppe und den beiden Ordnungshütern zuwinken. Alles ist gut. Alles?

Am kommenden Tag ruft Neururer bei seiner Familie in Deutschland an. Seine Frau nimmt den Hörer ab.

»Hallo Schatz, hier ist alles Klasse, herrliches Wetter, das Bilcen macht irre ...«, weiter kommt Neururer nicht.

»Sag, mal, hattest du schon wieder Theater mit der Polizei?«, unterbricht ihn seine Frau.

»Wer sagt das denn?«, fragt Neururer.

»Ja, in der >Bild< war heute so ein Foto abgedruckt, auf dem du mit Polizisten in Amerika zu sehen bist.«

Aber nicht nur in den USA, auch auf Schalke geraten Personen in den Fokus von Ermittlern. Eines frühen Morgens steht die Staatsanwaltschaft vor der Tür von Vereinsgeschäftsführer Heribert Bruchhagen. Der ehemalige Lehrer wird verdächtigt, illegale Wetten abgeschlossen zu haben. Auch Peter Neururer ist in die Angelegenheit involviert, er gehört zu dem Kreis von Fußballwettfreunden um Bruchhagen und den ehemaligen Schalker Spieler Hannes Bongartz, inzwischen Trainer bei Wattenscheid 09, dessen Präsidenten Klaus Steilmann und Schalke-Boss Eichberg. Die Ergebniswetten werden damals durch Bruchhagen von einem Fax auf der Geschäftsstelle des FC Schalke an einen privaten Wettanbieter nach Duisburg übertragen, das Geld zeitgleich überwiesen. Doch statt-wie von Bruchhagen angenommen - die Einsätze in legale Kanäle weiterzureichen, werden sie auf dem Weg dorthin - ohne Bruchhagens Kenntnis - in illegale Kreise abgezweigt. So wird die Bochumer Staatsanwaltschaft auf die Schalker Wettfreunde aufmerksam. Gegen Bruchhagen als Faxversender und damit Urheber wird etwa anderthalb Jahre lang ermittelt, dann zahlt er 2000 Mark an einen karitativen Zweck. Nach eigenen Aussagen haben Bruchhagen und die anderen immer nur auf Siege der eigenen Mannschaft gewettet.

Anfang November 1990, kurz nach Beginn von Neururers zweiter Saisoh, steht der FC Schalke 04 auf einem Aufstiegsplatz in die Erste Liga, der Club ist genauer gesagt punktgleich mit dem Tabellenführer aus Duisburg. Man hat zwar gerade nur 1:1 gegen Fortuna ICöln gespielt, ist kurz zuvor aber durch ein stattliches 4:0 gegen Eintracht Braunschweig ins Achtelfinale des DFB-Pokals eingezogen. Entsprechend merkwürdig mutet für Außenstehende und Peter Neururer an, was dann geschieht.

Drei Tage nach dem Spiel in Köln, am 14. November 1990, stellt Neururer die Mannschaft im Vormittagstraining am Dienstag schon auf den kommenden Gegner ein. Damit beginnt die Vorbereitungsphase auf das Heimspiel gegen Rot-Weiss Essen. Vor dem Nachmittagstraining, so ist das zu dieser Zeit Sitte, speist man in einem Raum auf der Geschäftsstelle gemeinsam gegen 12:30 Uhr zu Mittag. Neururer sitzt also mit seiner Truppe zusammen, als Manager Helmut Kremers eintritt.

»Trainer, können Sie mal kurz herüber in das Büro des Präsidenten kommen? Er will mit Ihnen sprechen.«

»Herr Kremers, Sie sehen doch, ich sitze hier gerade mit der Mannschaft beim Essen. Bestellen Sie dem Präsidenten bitte einen schönen Gruß, ich komme nachher vorbei, wenn wir hier fertig sind.«

Kremers verlässt den Raum.

Man muss dazu wissen, dass Neururer und seine Mannschaft am Vorabend ein gemeinsames Abendessen mit dem Verwaltungsrat in einem griechischen Restaurant in Gelsenkirchen gehabt haben. Dabei lässt der Vorsitzende des Gremiums, Jochen Burdenski, Neururer im Vier-Augen-Gespräch wissen, dass der Verwaltungsrat des Clubs einer Verlängerung des Trainervertrags um vier Jahre zugestimmt habe - unabhängig von der Spielklasse.

Etwa fünf Minuten später, nachdem Helmut Kremers erstmals das Mittagessen der Schalker Mannschaft gestört hat, ist der Manager wieder zurück. Offenbar steht er unter Druck: »Trainer, jetzt kommen Sie bitte sofort, es ist wichtig.«

Genervt legt Neururer sein Besteck beiseite. Zu seiner Mannschaft sagt er: »Jungs, ihr könnt weiteressen. Bin gleich wieder da.« Neururer und die Spieler gehen davon aus, dass Eichberg mit dem Trainer nur noch die Laufzeit des neuen Vertrags besprechen will. »Trainer - vier oder fünf Jahre verlängern«, ruft Günter Schlipper und lacht. Neururer lacht zurück.

Als er das Präsidentenzimmer betritt, sitzt Eichberg hinter seinem Schreibtisch, auf dem ein Glas neben einer Flasche Weißwein und dem für den Schalke-Boss obligatorischen Kübel mit Eiswürfeln steht.

»Guten Tag, Herr Präsident. Wie geht es Ihnen?«, fragt Neururer, setzt sich und mit Blick auf das Glas, die Flasche und das Eis fügt er an: »Und wenn es etwas zu feiern gibt, trink ich gern einen mit.«

»Nein«, sagt Eichberg mit ernster, staatsmännischer Miene, »heute gibt es nichts zu feiern.«

»Gut, dann trink ich auch keinen mit.«

»Ich wollte Ihnen nur mitteilen: Sie sind ab sofort entlassen.«

»Bitte?«

Eichberg sagt nichts weiter.

Neururer: »Präses, hübscher Scherz - aber um was geht es wirklich?«

»Das ist kein Scherz, Herr Neururer. Sie sind entlassen. Die Krone des Aufstiegs setze ich mir selber auf.«

Neururer ist völlig perplex, er schweigt. Helmut Kremers, der ein paar Meter rechts von Eichberg auf einem Stuhl sitzt, sagt: »Güntdr, so geht das nicht, so können wir das nicht verkaufen.«

Draußeri vor der Geschäftsstelle haben sich inzwischen vier- bis fünfhundert Fans versammelt, die auf die Nachmittagstrainingseinheit der Mannschaft warten. Sie haben augenscheinlich, über welche Quelle auch immer, mitbekommen, was in dem Gebäude gerade vor sich geht. Die Anhänger wirken ungehalten. Es ist die berühmte Schalker Volksseele, die dabei ist, in Wallung zu geraten.

Es kommt in seinem Leben eigentlich nicht vor, dass Peter Neururer sprachlos ist. Nach der überraschenden Eröffnung seiner Entlassung durch Eichberg aber schweigt der Trainer. Er braucht eine kurze Zeit, um zu begreifen, was man ihn da gerade hat wissen lassen. Dann sagt er: »Okay, gut, dann verkaufen wir das mal richtig.«

Darauf Kremers: »Ja, aber wie denn?«

»Wir berufen für heute Nachmittag 16 Uhr eine Pressekonferenz ein«, beginnt Neururer. »Auf dieser Pressekonferenz gibt der Verein meine Beurlaubung bekannt - mit folgendem Tenor: Der Verein hat Trainer Peter Neururer eine Vertragsverlängerung angeboten, die allerdings nur für die Erste Liga Gültigkeit besitzt. Dieser Vertragsverlängerung hat Peter Neururer nicht zugestimmt.«

Eine clevere Lösung. Denn diese Variante eröffnet Eichberg die Möglichkeit, Neururer zu beurlauben, weil er als Präsident sagen kann, der Trainer glaube offenbar nicht an den Aufstieg seiner Mannschaft. Für Neururer bietet sich auf diese Art die Möglichkeit, dass er sich trotz des auslaufenden Arbeitsvertrags mit dem Verein auf eine Art Entschädigungszahlung einigen kann - ohne gerichtliche Auseinandersetzung und ohne dass jemals ein Angebot zur Vertragsverlängerung vorgelegen hat.

Zu den Vorgängen an diesem Nachmittag, genauer zum Grund der Entlassung, existieren in der Schalker Geschichtsschreibung zwei weitere Varianten. Die eine, von Eichberg häufiger kolportierte: Er, Eichberg, habe Neururer im Vorfeld wiederholt aufgefordert, es zu unterlassen über die ihm wohlgesonnene »Bild«-Zeitung Druck auf den Verein hinsichtlich seiner Vertragsverlängerung auszuüben. Eichberg soll Neururer gegenüber geäußert haben, wenn er diese Karte noch einmal spiele, werde er unverzüglich entlassen. Insofern sei der Rauswurf nicht plötzlich gekommen. Neururer versichert, dass es diese Drohung vonseiten Eichbergs nie gegeben hat.

Variante zwei wird von Manager Helmut Kremers ins Spiel gebracht: Neururer habe bei den Verhandlungen mit dem Club gefordert, sein Vertrag solle Gültigkeit behalten - auch wenn Schalke wieder nicht aufsteige. Dieser Bitte habe der Verein nicht entsprechen wollen. Auch dieser Variante widerspricht Neururer. Er ist sich hingegen bis heute sicher, dass Eichberg und Kremers ihre Argumente vorgeschoben haben. Tatsächlich sei es Eichberg immer darum gegangen, den zu groß, zu beliebt gewordenen Neururer loszuwerden, um Eichbergs Wunschkandidaten Aleksandar Ristic, damals Trainer von Fortuna Düsseldorf, als seinen Nachfolger zu beschäftigen. Ein Fall von multipler Persönlichkeitskarambolage, wie Neururer das nennt. Eichberg, der in Düsseldorfwohnt, will es den Herren bei der dort beheimateten Fortuna zeigen. Seht her, ich, Günter Eichberg, bin imstande, jeden Trainer der Welt zu verpflichten. L'etat c'est moi. Nur wenige Wochen später unterschreibt Ristic bei Schalke. Als es für den Verein um Kopf und Kragen gegangen ist, war Neururer für Eichberg der Größte.

Nachdem er die Nachricht vernommen hat, geht Neururer wie benebelt aus dem Präsidentenzimmer zurück zu seiner Mannschaft. Seine Ansprache ist kurz mit dünner Stimme: »Jungs, ich föhr jetzt nach Hause. Ich bin entlassen worden.« Die Spieler sind fassungslos. Neururer verlässt den Raum, geht zu seinem Auto und fahrt ohne Umweg nach Hause. Als er zu Hause ankommt, weiß seine Frau Antje bereits Bescheid. Journalisten haben angerufen, um vom Trainer Details der Entlassung zu erfahren.

Neururer setzt sich ins Wohnzimmer seiner Wohnung unweit des Maritim-Hotels in Gelsenkirchen. Er ist fix und fertig. Es klingelt an der Tür. Der Mannschaftsrat betritt den Raum: Peter Sendscheid, Andi Müller, Werner Vollack und Jens Lehmann - auch Dietmar »Didi« Schacht, den Neururer kurz zuvor von seinem alten Verein Alemannia Aachen geholt hat, ist mitgekommen. Die Botschaft des Quintetts ist eindeutig: »Trainer, wir haben beschlossen, nicht mehr zum Training zu erscheinen.«

»Wie bitte?«, fragt Neururer und redet auf die Jungs ein, sie verspielten den Aufstieg, was hat man nicht alles gemeinsam erlebt, und was soll das ihm, dem gekündigten Trainer, denn noch helfen?

Die Mannschaft lässt die Streikabsichten fallen, trainiert ganz normal - und ist zum Glück dann auch gleich wieder erfolgreich. Unter den Augen ihres alten Coachs.

Denn Neururer kann es nicht lassen, das anstehende Spiel seiner gerade ehemaligen Mannschaft zu besuchen. Er sitzt auf der Tribüne. Es geht mit ihm durch, es treibt ihn hin, er kann nicht anders, er muss dorthin, muss zusehen.

Im ersten Spiel nach dem RauswurfNeururers, dem Derby gegen Rot-Weiss Essen bleibt - erstmals in der Vereinsgeschichte übrigens - die Nordkurve leer. Auf zuvor aufgehängten Transparenten protestieren die Fans gegen Eichberg und gegen den Rauswurf ihres Lieblingstrainers.

Neururer befindet sich in den ersten Tagen nach seiner Demission in einem Zustand aus Unverständnis, Enttäuschung, Trauer und Ohnmacht, die Übergänge in die verschiedenen Gemütszustände sind dabei fließend. Manchmal kommt er sich vor wie einer, vor dem man abrupt die Jalousie heruntergezogen hat und der jetzt allein im dunklen Zimmer steht und sich nur eines fragt: Warum?

Auch wenn er sich mit dem Verein finanziell schnell einig wird, das überraschende Ende seiner Zeit auf Schalke beschäftigt ihn. Bei Eichberg, das ist ihm immer klar gewesen, muss man mit einer Menge an Überraschungen leben -aber mit seinem Rauswurf noch dazu in einer solchen Situation, in der man punktgleich mit dem Tabellenführer auf klarem Aufstiegskurs liegt, damit hat der Trainer einfach nicht gerechnet. Helmut Kremers und Peter Neururer sind heute längst wieder gute Freunde. Manchmal spielen sie Golf zusammen. Über die Entlassung haben die beiden nie wieder gesprochen, das ist weggeschwiegen worden. Neururer glaubt, dass Kremers damals den Wunsch seines Präsidenten über die eigenen Ansichten gestellt hat. Günter Eichberg hat Peter Neururer Jahre später einmal in einem persönlichen Gespräch erklärt, er habe damals tatsächlich den Aufstieg in Gefahr gesehen - deswegen habe er die Notbremse ziehen müssen. Noch heute, die beiden pflegen wieder einen normalen Umgang miteinander, begrüßt Eichberg Neururer mit der Floskel: »Mein Lieblingstrainer.«

Dieser Lieblingstrainer hat sich nach seiner Beurlaubung auf Schalke ein neues Ziel gesetzt. Peter Neururer will um jeden Preis vor den Königsblauen in der Ersten Liga sein. Doch statt Angeboten aus der Bundesliga erhält er erste Anfragen aus dem Ausland - die türkischen Clubs Fenerbahce, Trab-zonspor, Panathinaikos aus Athen und Bologna rufen an. Aber Neururer will nicht weg, er will in die Bundesliga, und das kann nicht harten. Er wird es diesen Schalkern zeigen. Er wird es Günter Eichberg zeigen. Noch ahnt Peter Neururer nicht, dass er für dieses Vorhaben einen hohen Preis wird zahlen müssen.