8. Flucht
„Schnell raus hier“, zischte Thomas, „wenn ich noch länger so eingequetscht bin, raste ich aus.“ Die Tänzerin rollte sich nach links und Thomas rückte ihr hinterher. Er konnte nicht glauben, was er da gerade gemacht hatte. War er denn völlig verrückt?
„Was nun?“, flüsterte Nayeli.
Thomas drehte sich nach allen Seiten, überall herrschte leere Finsternis. Nur Nayeli war da, krampfhaft presste er ihre Hand. Niemals wieder wollte er diese Hand loslassen. „Wenn wir ihre Lichter nicht mehr sehen können, dann können sie unsere auch nicht sehen.“ Er knipste die Taschenlampe an. Nayelis Gesichtsausdruck war gespenstisch, völlig verstört starrte sie ihn an und wahrscheinlich stierte er genauso zurück. „Wir schaffen das schon“, flüsterte er, „wir finden den Ausgang.“ Er küsste sie auf die kalte Stirn, dann gingen sie los.
Ihre Verfolger hatten die Helmleuchten auf den Leichen ausgeschaltet, aber Thomas war auch nicht erpicht darauf, die Toten noch einmal zu sehen. Dass sie selbst wieder Licht hatten und ihren Weg sehen konnten, war wie eine Erlösung.
Thomas sah die Höhle jetzt mit anderen Augen. Er versuchte, sich stets einen besonders charakteristischen Tropfstein einzuprägen und dachte sich einen Namen dafür aus. Er hoffte, dass sich so allmählich eine Karte in ihm bildete und er zumindest erkennen würde, wenn sie im Kreis gingen. Sie mussten den eigenen Instinkt und Orientierungssinn wieder aktivieren. Er hoffte, dass das auch ohne Meditation funktionierte, denn sie sollten sich möglichst zügig vorwärts bewegen. Er schaute auf seine Uhr. „Noch eine halbe Stunde, bis dahin erwartet deine Kontaktperson deinen Anruf. Ich hoffe, sie alarmiert dann umgehend die Höhlenrettung.“ Diese Aussicht ermutigte Thomas wirklich. Egal, wie sehr sie sich verlaufen würden, man würde nach ihnen suchen.
„Dabei gibt es nur ein Problem“, druckste Nayeli. „Bei meinem Notkontakt handelt es sich um die Leute von Secret Ways.“
„Wie bitte? Du hast keiner Freundin Bescheid gesagt?“
„Es ist schließlich eine geheime Tour, davon darf keiner wissen.“
„Verdammt! Warum haben sich diese Tourguides denn nicht gemeldet, als wir sie riefen? Ich dachte, sie wären ganz in unserer Nähe.“
„Vielleicht sind sie bereits draußen und holen Hilfe.“
„Vielleicht haben unsere Verfolger sie aber auch umgebracht. Oder ...“ Thomas kam ein erschreckender Gedanke. „Was, wenn sie es selbst sind? Was, wenn die Leute von Secret Ways unsere Beobachter sind?“
„Das ergibt doch keinen Sinn“, widersprach Nayeli. „Sie sind schließlich eine Firma und haben ein Geschäftsinteresse an uns. Und bisher haben sie alles genau so gemacht, wie ich es gebucht hatte, du warst selbst begeistert von dem Dinner. Das wäre doch gar nicht nötig gewesen, wenn sie uns an den Kragen wollten.“
Diese Argumentation überzeugte Thomas. Gerade in ihrem halboffiziellem Business war Secret Ways auf die Weiterempfehlung durch zufriedene Kunden angewiesen. Und bis zum Rückweg war er äußerst zufrieden gewesen. Aber wer waren dann ihre Gegner? Etwa jemand, der in das Nischengeschäft von Secret Ways einsteigen wollte? Herrschten in dieser Branche bereits mafiöse Strukturen? Ansonsten kamen nur noch die Hobbyforscher vom Höhlenverein infrage. Oder wusste noch jemand von diesem Ort?
„Vielleicht sind wir gar nicht in Gefahr“, mutmaßte Nayeli, „vielleicht sind es nur ein paar Jugendliche, die uns einen Streich spielen wollen.“
Thomas schüttelte den Kopf. „Das ist doch schon lange kein Scherz mehr. Wenn es nur ein Streich wäre, hätten sich unsere Verfolger schon längst zu erkennen gegeben. Nein, sie haben uns nur zu den Leichen geführt, um uns zu zeigen, dass wir genauso enden werden. Aber warum?“
Nayeli kreischte auf. „Dahinten!“ Sie zerrte an Thomas Arm. „Dahinten ist Licht!“ Der Lichtkegel stammte von einer Taschenlampe und die musste ihren Verfolgern gehören. Das bedeutete, dass auch sie gesehen worden waren. „Los, Nayeli, wir müssen rennen.“
Sie hasteten los, die Abzweigungen nahmen sie willkürlich. Hauptsache, sie kamen aus diesem Höhlenraum heraus in irgendwelche Gänge, die ihr Licht abschirmten. Das schien glücklicherweise auch zu funktionieren, doch plötzlich stürzte Nayeli, und auch Thomas knallte auf den Boden. Im Licht der Taschenlampe sah er, wie eine rote Flüssigkeit über seinen Arm floss.
„Du blutest!“, schrie Nayeli erschrocken.
„Mist“, fluchte Thomas. „Durch den Sturz ist die Weinflasche zerbrochen.“ Ärgerlich sah er auf die Scherben am Boden.
„Und du hast dich geschnitten?“
„Unsinn, das ist kein Blut an meinem Arm sondern Rotwein. Egal, wir müssen weiter.“ Er drückte sich selbst hoch und half Nayeli. Aber die Tänzerin konnte nur noch humpeln.
„So geht es nicht“, sagte sie schmerzerfüllt. „So kommen wir überhaupt nicht voran.“
Thomas wusste, dass Nayeli als Tänzerin oft gnadenlos zu ihrem Körper war. Wenn sie sagte, dass es nicht mehr ging, dann war es wirklich vorbei. „Wir bleiben hier“, entschied er und half ihr, sich auf den Boden zu setzen. Dann knipste er die Taschenlampe wieder aus. „Wir können nur hoffen, dass sie unsere Spur verloren haben.“
Es war dunkel und ruhig, bis auf Nayelis keuchenden Atem.
Konnten sie wirklich nichts mehr tun, außer hier zu sitzen? Konnten sie sich vielleicht irgendwie verteidigen, hatten sie ein Messer? Thomas griff nach dem Rucksack, aber fand darin nur das Funkgerät. „Ich versuche noch einmal Secret Ways zu erreichen“, flüsterte er, „sie sind unsere einzige Chance.“ Inständig hoffte er, dass sie sich diesmal melden würden. Er drückte die Sprechtaste. „Hallo, Secret Ways, hören sie uns?“
Keine Antwort. Thomas wollte das nutzlose Gerät fortwerfen, da erklang eine Stimme daraus. „Hier spricht Johannes Kiefer. Wir sind gleich bei ihnen.“ Erleichtert seufzte Nayeli auf und auch Thomas fiel ein Riesenstein vom Herzen.
„Psst!“ Thomas hielt ihr die Hand vor dem Mund. Er hörte ein leises Kratzen auf dem Boden, da waren Schritte. Er konnte nicht ausmachen, wie weit sie entfernt waren und ob sie lauter wurden oder leiser.
Plötzlich grelles Licht, jemand strahlte ihnen direkt ins Gesicht. Der Mann war riesig und er hatte nicht nur eine Lampe, sondern auch ein Gewehr.