3. Vertrauen

 

Verwundert schaute er sich um. Grün, viel grün, ab und an hell durchleuchtet von der Abendsonne. Sie befanden sich mitten in einem Wald. Fragend drehte er sich zu Nayeli, die ihn erwartungsvoll mit ihren großen dunklen Augen ansah.

„Und?“, sagte sie. „Du weißt genau, wo wir sind, nicht wahr?“

„Ich habe absolut keine Ahnung.“

Nayeli kicherte, als wäre er ein flunkernder Schelm. Sie glaubte wohl, alle könnten auf ihre Ideen kommen. So, als würden diese Ideen wie Äpfel an einem Baum wachsen und man bräuchte sie einfach nur zu pflücken. Dabei konnten die anderen nicht einmal den Baum sehen.

Nayeli löste den Anschnallgurt und stieg aus, Thomas machte dasselbe. Es knackte, als er auf einen Ast trat. Er roch frische Luft und in der Ferne hörte er einen Specht hämmern. Es war schön hier, aber es gab gewiss schönere Stellen. Thomas suchte nach einem Anhaltspunkt, um zu verstehen, warum sie ausgerechnet hier waren. Was machte diese Stelle so besonders? Sie standen nicht einmal auf einem offiziellen Parkplatz. Wo war die Straße? Es existierte kein Wegweiser und es war auch kein Wanderweg. Dieser Ort lag vollkommen abgelegen und eignete sich wahrscheinlich ehesten dafür, wenn man eine Leiche entsorgen wollte.

Thomas schluckte. Eigentlich hatte er gedacht, er würde sich besser fühlen, sobald er wieder sehen konnte, aber das Gegenteil war der Fall.

Nayeli öffnete die Kofferraumklappe. Die Tänzerin hatte eine zarte Figur mit bleicher Haut und manchmal schien es Thomas, als ob alle Nahrungsenergie in ihre lockige Haarpracht floss. Doch trotz ihrer zerbrechlichen Gestalt wirkte sie stark, im Theater konnte man sie auch noch in der letzten Reihe spüren. Vielleicht hatte er deshalb das Gefühl, sie nicht einschätzen zu können, weil sie auf der Bühne alles sein konnte. Sie konnte jede Rolle spielen und er würde ihr alles glauben. Nayeli zog die Sporttasche zu sich heran und beklommen sah Thomas zu, wie sie den Reißverschluss öffnete. Als sie hineingriff zuckte Thomas unwillkürlich zusammen.

„Zieh das hier an“, sagte die Tänzerin. „Wir müssen noch ein bisschen laufen.“ Sie zog zwei Softshelljacken aus der Tasche und zwei Paar Wanderstiefel.

Thomas entspannte sich. Was hatte er denn erwartet, was sie aus der Tasche holte? Eine abgesägte Schrotflinte, um mich zu erschießen, gestand er sich ein. Aber das war natürlich blöd. Thomas versuchte, Nayeli verliebt anzulächeln. Was hatte sie sich da nur für ihn ausgedacht? Offensichtlich musste er sich damit abfinden, dass die Überraschung noch weiter ging.

Er legte sein Jackett ab und zog seine Lackschuhe aus. Die Wanderschuhe waren nagelneu, wozu brauchte er solche Schuhe? Sie wirkten klobig und die neonfarbenen Applikationen waren überhaupt nicht sein Ding. Wie konnte er Nayeli nur mitteilen, dass er gar nichts Besonderes brauchte? Dass er vollkommen damit zufrieden wäre, wenn sie einfach nur gut essen gingen, danach gemütlich vor einem knisterndem Kaminfeuer lagen und sie sein Geschenk war, das er auswickeln durfte? Wahrscheinlich hätte er ihr das direkt in dem Moment sagen müssen, als sie von seinem Geburtstag erfuhr, jetzt war es zu spät.

Thomas überprüfte sein Aussehen im Außenspiegel. Softshelljacke über Businesshemd mit Anzughose und schwarzen Wanderstiefeln, jetzt sah er aus wie ein Business-Punk. Demonstrativ zog er die Krawatte enger.

Nayeli schloss den SUV ab und schlug sich zielstrebig in das Unterholz, Thomas folgte ihr. Ganz egal, was sie vorhatte, es würde bestimmt sehr schön werden.

Wahrscheinlich führte sie ihn zu einem einzigartigen Ort. Zu einem abgelegenen See oder zu einem Felsen, von dem aus man einen atemberaubenden Sonnenuntergang erleben konnte. Oder es gab hier eine Hütte mitten im Wald wo sie lecker grillen konnten. Vielleicht wurde es ja doch noch etwas mit einem romantischen Abend voll knisternder Zweisamkeit. Wenn er nach all der Anstrengung nicht sofort einschlief.

Da es keinen ordentlichen Weg gab, bekam Thomas kaum etwas von seiner Umgebung mit, er musste die ganze Zeit darauf achten, wo er hintrat. Seine Anzughose war jetzt schon ruiniert. Nayeli dagegen hielt diese Kraxelei offensichtlich für einen romantischen Spaziergang.

Nayeli war eben Nayeli. Wollte er nicht, dass sie mehr Abenteuer in sein Leben brachte? Aber das musste ja nun nicht ausgerechnet an seinem Geburtstag sein. Thomas ärgerte sich darüber, dass er sich so jammerig fühlte. Das lag wahrscheinlich auch daran, dass er unterzuckert war. Um Elf Uhr hatte er das letzte Mal etwas gegessen und das war nur ein kleiner Snack vor dem Meeting gewesen.

Oder war er grundsätzlich so zickig? Eine seiner Exfreundinnen hatte ihn mal dazu gebracht, einen Ausritt in einer Anfängergruppe mitzumachen. Die ganze Zeit über hatte er unaufhörlich lamentiert, weil ihm immerzu das Bild von Superman-Darsteller Christopher Reeve vor Augen stand, der nach einen Reitunfall querschnittsgelähmt war. Direkt nach dem Ausritt hatte die Freundin mit Thomas Schluss gemacht. Das durfte ihm mit Nayeli auf keinen Fall passieren, also musste er sich zusammenreißen und die Klappe halten.

Auch wenn das Ganze allmählich in Sport ausartete. Er war kein Freund von echtem Sport. Einen sportlichen Eindruck zu machen, reichte ihm vollkommen. Als Tänzerin war Nayeli ihm an Fitness weit überlegen. Aber sie hatte heute Vormittag noch Theaterprobe gehabt, ein bisschen musste doch auch sie erschöpft sein. War sie aber nicht.

Thomas wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Warum sollte ich denn die Softshelljacke anziehen? Mir ist viel zu warm.“

„Lass die Jacke jetzt noch offen. Aber du brauchst sie bald.“

Ach ja? „Ich habe Hunger.“

„Du bekommst noch etwas zu Essen.“

Gut. „Was gibt es denn?“

„Du wirst schon sehen.“

„Wo gehen wir denn hin?“

„Das weißt du doch.“

„Nein, ich weiß es nicht.“

„Du tust doch nur mir zu Liebe so, als ob du es nicht weißt.“

„Schau mir ins Gesicht, Nayeli. Kann man etwa noch verständnisloser gucken?“

Nayeli gickelte. Offensichtlich bereitete es ihr richtig Freude, dass ihre Überraschung noch länger andauerte.

Sie gingen noch einige Meter weiter, dann blieb Nayeli stehen. „Hier müsste es sein,“ sagte sie aufgeregt.

Thomas sah nichts Aufregendes. Diese Stelle war genauso beliebig und trostlos wie die, an der sie den Wagen geparkt hatten.

„Hilf mir suchen,“ forderte Nayeli ihn auf. „Hier muss es irgendwie versteckt sein.“

„Was?“ Thomas bewegte sich unmotiviert hin und her. „Was suchen wir denn?“

„Wenn du es siehst, wirst du es schon wissen.“

Thomas zweifelte, ob er es wirklich finden wollte. „Ich geh erst mal für kleine Geschäftsleute.“ Damit konnte er sich zumindest einen kurzen Moment aus der Affäre ziehen. Er verschwand hinter einem Baum. „Hier, hinter diesem Baum liegt ein Rucksack“, rief er, aber schon verdammte er sich selbst dafür.

Sofort kam Nayeli zu ihm und schnappte sich das Ding. Sie öffnete den Rucksack und holte nicht nur ein Schlüsselband daraus hervor, sondern auch zwei gelbe Schutzhelme. Einen davon gab sie Thomas, den anderen setzte sie sich selbst auf. „Jetzt weißt du aber, was wir machen“, sagte sie.

„Selbstverständlich“, entgegnete Thomas. „Wir bauen uns das Haus, in dem wir heute Nacht schlafen.“

Nayeli gluckste.

Thomas sah sich seinen Helm genauer an. Es handelte sich dabei nicht einfach um einen Bauarbeiterhelm, sondern darauf war eine LED-Lampe angebracht. Warum?

Nayeli zählte ein paar Schritte von dem Baum ab, wo der Rucksack gelegen hatte und kroch dann auf dem Boden herum. Was suchte sie denn jetzt schon wieder?

„Ah, hier ist es.“

Thomas traute seinen Augen nicht. Da war tatsächlich ein Vorhängeschloss zwischen dem Laub. Nayeli öffnete es mit dem Schlüssel aus dem Rucksack, nahm eine Leine vom Boden in die Hand und zog damit eine große Holzplatte auf.

Klar, was sollte es auch anderes sein, dachte Thomas sarkastisch. Natürlich gibt es hier ein Loch im Boden. Das Loch war etwa zwei Quadratmeter groß, die Ränder wurden mit Rundhölzern abgestützt und auf einer Seite führte eine Leiter in die Tiefe. „Bin ich gerade wirklich hier, oder spiele ich gerade Tomb Raider?“, fragte er Nayeli.

Nayeli knuffte ihn. „Hör auf, mir etwas vorzuspielen.“

„Ich spiele dir nichts vor. Ich habe keine Ahnung, was das hier soll. Im Gegensatz zu dir besitze ich nämlich keinerlei Erinnerung mehr an meine früheren Leben.“

Nayeli zog eine große Taschenlampe aus dem Rucksack und schnallte sich ihn auf den Rücken. „Liest du denn gar keine Zeitung?“

„Doch, jeden Tag, Wirtschaft und Feuilleton. Aber darin stand garantiert nichts von diesem Ort. Zumindest nicht in den Zeitungen, die mehr Text als Bilder haben.“

Nayeli kicherte. Dann griff sie zielgerichtet nach der Leiter und stieg die Sprossen hinab. „Komm schon“, ertönte ihre Stimme aus dem tiefen Loch.