Siebzehn
Griffith war außer sich. Er bebte vor Zorn, als die Luftschleusentür zuschlug. Sahen sie denn nicht, was zählte? War ihnen denn nichts anderes wichtig, als die Sorge um ihr eigenes armseliges, dummes Dasein?
Er starrte Steve an. Unkontrolliert entlud sich die Rage aus ihm und brachte ihn fast zum Erbrechen, zum …Töten.
»Richte die Pistole auf deine hässliches Visage und drück ab! Verrecke! Verrecke einfach!«
Und Steve hob die Waffe…
Rebecca schrie und schlug mit den Fäusten hilflos gegen das dicke Metallschott.
»Nein, nein, nein, nein -!«
BAMM!
Das Dröhnen des Schusses schnitt ihre Schreie ab. Steve stürzte auf der anderen Seite gegen die Tür und geriet gnädigerweise sofort aus ihrem Blickfeld.
Schon tot, er - war - schon - tot! Das war nicht mehr Steve!
»Grundgütiger …«, flüsterte David. Rebecca sah auf und begegnete durch das Sichtfenster Griffith’ wildem, gereiztem Blick. Und plötzlich lächelte der skrupellose Mörder. Es war ein strahlendes, triumphierendes Grinsen, das vor Zufriedenheit und schierer Boshaftigkeit troff. Die wütende Trauer, die Rebecca empfand, verwandelte sich beim Anblick dieses Lächelns. Sie starrte in diese tobenden blauen Augen und erkannte, dass sie noch nie zuvor wahren Hass verspürt hatte.
Du elender Scheißkerl!
Er hatte ihnen von seiner Vision erzählt, doch da war sie noch zu abstrakt, zu gewaltig gewesen, um ihr ganzes Ausmaß wirklich zu realisieren - eine Tragödie zu schrecklich und zu wahnsinnig, als dass Rebeccas Geist sie hätte erfassen können.
Und auch jetzt vermochte sie fast ausschließlich daran zu denken, dass er Karen und John umgebracht hatte und jetzt auch noch Steve - und sie wünschte sich nichts mehr, als ihn zu vernichten, ihn verlieren, ihn leiden zu sehen, wünschte, dass er unendliche Qualen erlitt, aber - - aber wenn wir nichts unternehmen, wird seine Fantasie Wirklichkeit. Wir müssen es verhindern, müssen ihn daran hindern, auf dem Grab der Welt zu tanzen!
Griffith ging zu einer Kontrolltafel neben der Tür und drückte, immer noch lächelnd, Knöpfe. Ein Klirren erklang vom Gitterboden her und Wasser wurde gurgelnd hergesogen aus den eisigen, schwarzen Wassern der Bucht, die gegen die Außenluke drückten.
Die Luftschleuse war gerade groß genug für sie und David, um nicht auf Karens blutige, verkrümmte Leiche treten zu müssen, und schon färbte sich das Wasser rot, schäumte hoch aus einem unsichtbaren Ventil und leckte um ihre Füße, bedeckte Karens bleiche Finger.
Eine Minute, vielleicht weniger …
Im Labor lehnte sich Griffith gegen einen Schreibtisch. Die Arme selbstgefällig verschränkt, beobachtete er sie von dort aus. Hinter ihm eine Kulisse des Todes - Kinneson, John und die glänzenden Stahlzylinder, die mit Griffith’ bösartiger Brillanz gefüllt waren.
Wir müssen etwas tun!
Verzweifelt wandte sich Rebecca an David, betend, dass er einen rettenden Plan haben würde - doch sie fand nur Resignation und Besorgnis in seinen Augen, während er mit hängenden Schultern dastand und auf Karens Leichnam hinabstarrte.
»David …«
Er schaute zu ihr auf, hoffnungslos. »Es tut mir Leid«, flüsterte er düster. »Alles meine Schuld …«
Karens Hände trieben schon im Wasser, kurze blonde Haarsträhnen umrahmten ihr erbarmungswürdiges Gesicht. Rebecca fasste nach dem Türriegel, doch er ließ sich um keinen Millimeter bewegen. Das Schott war elektronisch versiegelt. Kaltes Wasser drang durch das Segeltuch ihrer Schuhe, schwappte über ihre Knöchel. Der aufsteigende Geruch von Salz, Dunkelheit und Blut ängstigte sie so sehr wie Davids geflüsterte Litanei.
»Wäre ich nicht so egoistisch gewesen … Rebecca, es tut mir so Leid, du musst mir glauben, ich wollte nie -«
Am Rande zur Hysterie, packte sie ihn grob bei den Schultern und schrie: »Okay, schön, du bist ein Arschloch, aber wenn Griffith dieses Virus freisetzt, werden Millionen von Menschen sterben!«
Eine Sekunde lang hatte sie den Eindruck, dass er sie gar nicht gehört hatte. Sie spürte, wie ihr das Wasser die Unterschenkel hochstieg, ihr Herz pochte wie verrückt - und dann schärfte sich Davids trüber Blick, verlor den glasigen Schimmer. Rasch schaute er sich in dem engen Raum um, und sie konnte sehen, wie sein Verstand arbeitete, wie sein wieder wacher Blick jedes Detail aufnahm: Stahl - wasserdichte Luken - ein Gitter über der Außentür, wie ein Haifischkäfig und zwei Fuß tief - kaltes Wasser, das jetzt schon um ihre Knie sprudelte - Karens Arme und Kopf, die angehoben wurden und im Wasser trieben …
»Die Türen sind aus Stahl, das Fenster aus fünf Zentimeter starkem Plexiglas. Wenn die Außenluke aufgeht, dann ist da draußen der Käfig -«
David sah Rebecca in die Augen. Sein Blick war voller frustrierter Wut. Gleichzeitig war er geschockt, heischte um Verzeihung - und schüttelte den Kopf.
Sie ließ die Hände sinken, begann im kalten Wasser zu zittern. David watete näher und legte seine Arme um sie.
»Hat dir kein Glück gebracht, mich kennen zu lernen«, sagte er leise und rieb ihre Oberarme, weil ihre Zähne zu klappern anfingen, während das Wasser um ihre Hüften strömte und Karens leblose Hand über ihr Bein strich.
Glück… Karen…
Rebeccas Herz schien mitten im Schlag auszusetzen.
David hielt sie fest, wünschte sich eine Million Dinge und wusste doch, dass es zu spät für sie beide war. Er blickte ins Labor und sah, dass Griffith sie immer noch beobachtete, unverändert lächelnd. Erfüllt von trostlosem, sinnlosem Hass sah David weg, während das eisige Wasser gegen seine Hüften schwappte.
Gottverfluchter, mörderischer Bastard!
Plötzlich spannte sich Rebecca in seinem Griff. Sie drückte sich von ihm weg und fasste nach Karens Leichnam. Mit fliegenden Fingern durchsuchte sie die Weste der Toten. Sie lachte - ein heller, hysterischer Laut der Freude …
Sie ist übergeschnappt.
… und dann zerrte sie einen dunklen, ovalen Gegenstand aus einer von Karens Taschen. David erkannte, was es war, und staunte Bauklötze.
»Das war ihr Glücksbringer«, stieß Rebecca hastig hervor. »Das Ding ist scharf.«
David nahm die Granate und hielt sie hinter seinen Rücken. Seine Gedanken rasten von neuem, er überlegte fieberhaft. Das Wasser reichte ihm bis zum Bauch, bei Rebecca stand es bereits bis zur Brust.
Wenn die Außentür aufgeht, den Stift abziehen und raus in den Käfig -die Luke zuhalten…
Wahrscheinlich würden sie trotzdem sterben. Aber wenn das Ganze so klappte, wie er es sich vorstellte, würden sie zumindest nicht allein abtreten.
Griffith sah geistesabwesend zu, wie das Wasser stieg und sich ein stereotypes Melodram entwickelte - seine Gedanken hatten sich bereits der nahenden Dämmerung zugewendet und dem Problem, die schweren Kanister nach oben zu schaffen. Er nahm an, dass es ihm wohl recht geschah, sich darüber den Kopf zerbrechen zu müssen, nachdem er derart die Beherrschung verloren hatte …
Das Pärchen bot eine ansehnliche Show. Die junge Frau war wütend wegen der Apathie des Engländers. Ihr fiebriger Blick suchte verzweifelt nach einem Ausweg aus dem Dilemma. Eine letzte Umarmung, dann nahm die Panik überhand -das Mädchen packte die T-Virus-Drohne, der Engländer redete auf sie ein, runzelte die Stirn, sorgte sich um ihre geistige Gesundheit, selbst jetzt noch, da das Wasser über ihren straffen Busen stieg
Wie traurig, wie traurig. Sie hätten nie kommen sollen, nie versuchen dürfen, mich - mich aufzuhalten!
Jetzt hob der Mann das Mädchen hoch - ein lächerlicher Versuch, das Unvermeidliche hinauszuzögern, während das Wasser über das Fensterglas schwappte. Sobald sie tot waren, würde er den Käfig öffnen und den Meerungeheuern ein Häppchen zur Belohnung zukommen lassen, ehe er sie wieder freiließ, hinaus ins fortan menschenlose Wasser, wo sie ihr Dasein in Frieden fristen würden.
Meer und Land werden eins, wisperte sein Geist verträumt. Spiegel der Simplizität, der Instinkte…
Der Drohnenkörper trieb träge an der Sichtluke vorbei, und Griffith sah, dass sich die beiden Eindringlinge zwischen die Luken stemmten, bemüht, das letzte bisschen Luft zu nutzen. Ein entschlossenes Paar, nachgerade starrköpfig sogar. Plötzlich dämmerte ihm, dass er sich nie die Mühe gemacht hatte, herauszufinden, wer sie geschickt hatte.
Und jetzt ist es egal, oder nicht?
Die Schleuse war gefüllt. Das Licht auf der Kontrolltafel zeigte an, dass sich das äußere Schott geöffnet hatte. Es war vorbei …
… obwohl - sie strampelten, um hinauszukommen, sie schwammen, drängten sich in den Käfig! Und hinter dem Fenster fiel irgendetwas Kleines, während sie die Luke hinter sich zudrückten …
Griffith runzelte die Stirn.
WUMM!
Er hatte gerade noch genug Zeit, um zu beschließen, dass er nicht glauben wollte, was geschah. Dann schlug die Luke auch schon gegen seinen Körper, und die brüllende Flut aus flüssigem Eis nahm ihm den Atem.