Sieben
Steve und David kletterten an Bord und rutschten zum Bug des Sechs-Personen-Bootes, Karen und Rebecca folgten. John sprang als Letzter auf und startete auf Davids Zeichen den Motor; der so leise war, wie David es angekündigt hatte -nur ein schwaches Brummen ertönte, das im Geräusch des sanft wogenden Wassers fast unterging.
»Auf geht’s«, sagte David halblaut. Rebecca holte tief Luft und atmete langsam wieder aus, während sie sich in Richtung Norden in Bewegung setzten, auf die Bucht zu.
Niemand sprach, während links von ihnen die Küste vorüberglitt, schemenhafte, gezackte Formen im bleichen Licht des aufgehenden Mondes. Rechterhand gähnte eine gewaltige, raunende Leere.
Backbord und steuerbord, meldete sich eine beiläufige Stimme in Rebeccas Gedanken.
Sie suchte die Schwärze nach einem Zeichen ab, das den Beginn des Privatgeländes markierte, konnte jedoch nicht viel erkennen. Es war viel dunkler, als sie es erwartet hatte, und auch kälter. Verstärkt wurde ihr Unbehagen noch durch die Gewissheit, dass sich unter ihnen eine völlig andersgeartete Welt ausbreitete, in der es von kaltblütigem Leben nur so wimmelte …
Rebecca sah das Aufblitzen eines schwachen Lichtes, als David ein Nachtsichtgerät hob, um die Küste nach Aktivitäten abzusuchen. Bevor er es justiert hatte, legte sich der Widerschein der Infrarot-Beleuchtung für einen Augenblick über sein Gesicht, verfremdete seine Züge und ließ sie zerklüftet aussehen.
Jetzt, da sie es wirklich taten, wirklich auf dem Weg waren, fühlte Rebecca sich besser als den ganzen Tag über. Keineswegs entspannt zwar -die Angst war immer noch vorhanden, die Furcht vor dem Unbekannten und davor, worauf sie unter Umständen stoßen würden -, aber das Gefühl der Hilflosigkeit war gewichen. Und die das Denken lähmende Nervosität, die ihr seit den Ereignissen in Raccoon angehaftet hatte. Platz für ein Quäntchen Hoffnung war entstanden.
Wir unternehmen etwas, gehen in die Offensive, anstatt darauf zu warten, dass sie uns in die Finger bekommen.
»Ich sehe den Zaun«, sagte David leise, sein Gesicht ein fahler Fleck in der auf-und abwogenden Dunkelheit.
Als Nächstes passieren wir den Pier, sehen vielleicht die Gebäude, wo das Gelände zum Leuchtturm hin abfällt, zu den Höhlen …
Unablässig schwappte Wasser gegen das Schlauchboot, doch plötzlich wurde das gedämpfte Wellengeräusch lauter, das kleine Gefährt ruckte und erbebte. Rebecca spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Sie sah zwar gerne auf den Ozean hinaus, war aber weit weniger begeistert davon, sich auf ihm zu befinden; als Kind hatte sie wohl ein paar Mal zu oft »Der weiße Hai« gesehen.
Sie hielt ihren Blick auf das Ufer gerichtet, versuchte abzuschätzen, wie nahe es bereits war, und spürte und sah gleichermaßen, wie sich die Bucht vor ihnen öffnete, während das Boot durch die Wellen pflügte. Etwa zwanzig Meter entfernt machten hochaufragende Baumschatten einer Lichtung Platz.
Rebecca konnte hören, wie Wasser gegen die felsige Küste klatschte. Flacher, offener Raum erstreckte sich jetzt zu beiden Seiten hin. Sie hatten das Areal der Forschungseinrichtung erreicht.
»Dort ist das Dock«, sagte David. »John, hart steuerbord, zwei Uhr.«
Rebecca konnte voraus lediglich die vage, von Menschenhand geschaffene Form des Piers erkennen, eine dunkle Linie, die auf dem Wasser hin-und herzurutschen schien. Sie vernahm ein hohles, einsames Quietschen, mit dem Metall über Holz rieb. Der schmale Steg hob und senkte sich auf seinen Pfählen. Boote waren nicht zu sehen.
Als der Pier vorbeiglitt, blinzelte Rebecca in die Finsternis dahinter. Sie konnte jenseits der auf dem Wasser treibenden Holzkonstruktion nur die Umrisse eines klobigen Bauwerks ausmachen; es musste sich um das Bootshaus der Einrichtung handeln. Die anderen Gebäude, die auf Trents Karte eingezeichnet waren, fand sie nicht. Neben dem Leuchtturm gab es noch sechs weitere Bauten, fünf davon entlang der Bucht errichtet, in zwei Reihen parallel zur Küstenlinie - drei vorne, zwei dahinter. Das sechste Bauwerk befand sich direkt hinter dem Leuchtturm, und sie hofften alle, dass es das Labor beherbergte. Dann bestand die Möglichkeit, zu beschaffen, was sie suchten, ohne das gesamte Gelände überqueren zu müssen …
»Das Bootshaus besteht aus Holz, die anderen Bauten offenbar aus Beton. Ich sehe niem … - Moment.« Davids Flüstern wurde hektischer. »Da ist was - zwei, drei Leute! Sie sind gerade hinter einem der Gebäude verschwunden.«
Rebecca verspürte eine seltsame Erleichterung - gemischt mit Enttäuschung und plötzlicher Verwirrung. Wenn sich noch Menschen hier aufhielten, war das T-Virus vielleicht doch nicht freigesetzt worden. Aber es bedeutete auch, dass die Gebäude bewohnt waren und das Gelände überwacht wurde. Eine verdeckte Operation machte das unmöglich.
Warum ist es dann so dunkel? Und warum wirkt hier alles so ausgestorben, so verlassen?
»Brechen wir ab?«, flüsterte Karen, und ehe David antworten konnte, sog Steve scharf die Luft ein - ein Laut, der Rebecca fast das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ihre Gedanken flatterten wie wild unter dem Ansturm urtümlicher Angst.
»Drei Uhr! Groß … Allmächtiger, es ist riesig…!«
BAMM!
Das Schlauchboot wurde getroffen, hochgewuchtet und kippte in einer Fontäne aus schäumender Schwärze um. Rebecca sah für einen winzigen Augenblick zum Himmel empor, roch kalten, fauligen Schleim - und tauchte dann in die aufgewühlten, dunklen Wogen des Meeres.
Wasser umschloss ihn. Eisiges Salz brannte David in Augen und Nase, während er verzweifelt mit den Armen um sich schlug, ebenso orientierungs-wie atemlos.
- Wo ist es? - Er hatte es gesehen, eine immense, wie Rauputz wirkende Fläche aus Fleisch, die im Moment des Aufpralls aus der Schwärze aufgetaucht war. Der natürliche Auftrieb zerrte an ihm, und verzweifelt strampelte er gegen den Sog der Tiefe an. Sein Kopf durchstieß die Wasseroberfläche und war umgeben von unheilvoller Stille.
– Das Team, wo ist – Keuchend wandte David den Kopf, als er links von sich prustendes Husten hörte. »Zum Ufer!«, japste er, bewegte sich paddelnd im Kreis und versuchte, ihre eigene Position und die der Kreatur zu bestimmen. Gleichzeitig schalt er sich einen Idioten.
Vermisste Fischer, verfluchte Gewässer, verdammt, verdammt …
Das Boot befand sich zehn Meter hinter ihm. Die Unterseite lag oben, aufgewühltes Wasser klatschte gegen die Seiten. Die Wucht des Angriffs hatte sie und das Schlauchboot näher ans Ufer getrieben. Er sah zwei auf-und abtanzende Schemen, Gesichter, zwischen ihm und der Küste, und das Platschen wurde lauter, als sich den beiden Gesichtern ein weiteres hinzugesellte. Das monströse Etwas, von dem das Boot getroffen worden war, konnte er nicht sehen, erwartete aber, jede Sekunde seinen Biss zu spüren, die kalten Einstiche dolchartiger Zähne, die ihn in Stücke reißen würden.
»Ans Ufer«, rief er abermals, mit dröhnendem Herzen und schweren, verletzlichen, weithin sichtbaren Beinen strampelnd.
Kann nicht weg hier, sind nur drei - wo ist der Vierte?
»David -«
Johns furchterfüllter Schrei erklang von jenseits des dümpelnden Schlauchboots.
»Hier! John, hierher, komm hierher, orientiere dich an meiner Stimme!«
John schwamm in seine Richtung, während David Wasser trat und rückwärts auf den felsigen Strand zuschwamm, dabei unablässig rufend. Er sah, wie Johns Kopf auftauchte, wie seine Arme verzweifelt das dunkle Wasser droschen.
»… mir nach, ich bin hier drüben! Wir müssen -«
Hinter John erhob sich in einer geschmeidigen Bewegung ein riesenhafter, bleicher Schatten, mindestens drei Meter durchmessend, abgerundet und triefend und schlichtweg unmöglich. Plötzlich kroch die Zeit nur mehr dahin. Vor David nahmen die Ereignisse, zeitlupenhaft wie in einem Traum, ihren Lauf. Er sah dicke, spitz zulaufende Tentakel an beiden Seiten und, nahe dem oberen Ende des aufragenden Schattens, eine ovale Öffnung in dieser leichenblassen Glätte.
Keine Tentakel, Fühler!
Ihm wurde klar, dass er den Bauch eines monströsen Tieres sah, das unmöglich existieren konnte - Gründler, groß wie ein Haus. Der schwarze Schlitz seines Mauls öffnete sich zischend, enthüllte Mahlzähne wie Schweine sie besaßen, jeder groß wie eine Männerfaust.
Wenn dieses Ding sich wieder senkte, würde John von den gewaltigen Kiefern verschlungen werden. Oder zermalmt. Oder in die eisige Tiefe gerissen, als Mahlzeit für dieses Ungetüm …
Noch in dem Augenblick, den er brauchte, um diese Fakten zu verarbeiten, schrie David bereits: » Tauch! Tauch ab!«
Die Zeit vollführte einen Sprung, und das Ungeheuer fiel vornüber. Sein langer, dicker Schlangenleib ließ das Schlauchboot noch winziger wirken, sein Schatten legte sich über den verzweifelten Schwimmer. David erhaschte einen Blick auf hervorquellende, rollende Augen, jedes von der Größe eines Wasserballs - - und dann krachte das Ungeheuer herab, jagte Wasserfontänen wie nach einer Explosion hoch in die Luft, ließ die Sterne in Wolken sprühender Gischt vergehen. Bevor David Luft holen konnte, traf ihn eine gigantische Welle und stieß ihn brutal nach hinten in und durch die blubbernde Finsternis.
Mit hastigen Bewegungen und dem Gefühl, der Geschwindigkeit hilflos ausgeliefert zu sein, kämpfte er gegen die Gewalt an, die an seinen Gliedern zerrte, mühte sich, Luft zu finden in den dahinbrausenden Fluten. Wild um sich strampelnd, stieg David durch die flüssigen Schleier empor, spürte, wie ihm kalte Luft ins Gesicht schlug - und warme, menschliche Hände an seinen Schultern rissen. Krampfhaft atmete er ein, als seine Stiefel über Fels schrammten und hinter ihm Karens ausgelaugte Stimme sagte: »Hab ihn …«
Mit den Füßen über schlüpfrigen Stein schleifend, ließ David sich nach hinten ziehen, bis er sein Gleichgewicht fand und sich umdrehen konnte. Tropfende Gestalten griffen nach ihm, Steve und Rebecca …
Grundgütiger Himmel, John!
»Ich bin okay«, keuchte David und stolperte nach vorne. Seine tauben Knie stießen gegen größere Felsen, auf die ihm sein getrübter Blick die Sicht verweigerte. »John - kann ihn jemand sehen?«
Niemand antwortete. David blinzelte Salz aus seinen Augen und drehte sich um, so dass er in die plätschernde Finsternis hinausschauen konnte. Um ihre Füße klatschten die sich allmählich beruhigenden Wellen.
»John!«, rief er so laut, wie er es nur wagen konnte, suchte und sah doch rein gar nichts. Sein Herz war so kalt wie sein Körper, so schwer wie das vollgesogene Gewicht seiner Kevlar-Weste.
Tragen keine Rettungsjacken, damit hätten wir ihn längst gesehen …
Er rief abermals, mit bereits schwindender Hoffnung. »John!«
Eine würgende, erstickte Stimme erklang bei den Felsen rechts von ihnen. »Was …?«
David sackte förmlich zusammen vor Erleichterung und atmete tief durch, als Johns tropfnasse Gestalt aus den Schatten wankte. Steve sprang vor, packte den größeren Mann beim Arm und half ihm, sich gegen die Felsen zu lehnen.
»Bin getaucht«, krächzte John.
David drehte sich um und schaute über den kiesigen, von Felsbrocken übersäten Strand hinweg, tiefer hinein in die Dunkelheit, die über dem Gelände lag. Sie befanden sich am Fuß eines kurzen, steilen Abhangs - und wie auf dem Präsentierteller.
Der Schock, den der monströse Fisch - wenn man dieses Ding denn so nennen konnte - ausgelöst hatte, war im Lichte dieser Erkenntnis mit einem Mal bedeutungslos. Sie schwammen schließlich nicht mehr im Wasser.
Haben sie uns gehört? Gesehen? Jetzt schaffen wir es nicht mehr in die Höhlen, können aber auch nicht hier bleiben …
»Das Bootshaus«, schnaufte er und wandte sich nach Süden, »schnell!«
Das Team stolperte an ihm vorbei, Karen an der Spitze, die anderen dicht dahinter. Niemand schien ernstlich verletzt, was schon an ein Wunder grenzte. David trabte John hinterdrein und überschlug die Lage, während ihn seine schmerzenden Beine durch das steinige Dunkel trugen.
Deckung finden, die Tür verbarrikadieren, neu formieren, dann zum Zaun!
Vor ihnen stieg der Boden steil an, ein Stück weiter kam der Pier in Sicht. Während sie über Felsen kletterten, hörte David das gedämpfte Klappern von Metall und sah, wie Rebecca die schwarze, triefende Munitionstasche an ihre Brust drückte. Er spürte den Hauch neuer Hoffnung - wenn sie es nur erst einmal bis ins Bootshaus schafften oder irgendwohin, wo sie sicher waren …
Das Gebäude lag rechts vor ihnen, still und dunkel. Eine geschlossene Tür wies zum hölzernen Dock. Unmöglich festzustellen, ob es leer war, und obwohl es sich kaum zehn Meter entfernt befand, war der Weg dorthin doch offen und eben; eine Fläche aus verwitterten Planken, auf denen nicht einmal ein Kieselstein lag, der sie vor Entdeckung geschützt hätte.
Uns bleibt keine Wahl.
»Duckt euch«, flüsterte David, und dann bewegten sie sich gebückt auf das Bootshaus zu. Karen erreichte die Tür als Erste und drückte sie auf. Es fiel kein Licht heraus, und es schlug kein Alarm an. Steve und Rebecca drängten hinter Karen hinein, dann John. Hinter ihm stolperte David in die Dunkelheit und drückte die Holztür mit einer seiner nassen, kalten Schultern zu.
»Bleibt stehen, wo ihr seid«, sagte er leise und tastete nach der Halogenleuchte an seinem Gürtel. Bis auf die schnappenden Atemzüge seines Teams war der Raum still - doch in der Luft lag ein entsetzlicher Geruch, der Gestank von etwas, das seit langem tot war …
Der dünne Lichtstrahl schnitt durch die Schwärze und enthüllte einen weitläufigen und weitestgehend leeren, fensterlosen Raum. Seile und Schwimmwesten hingen an hölzernen Haken. An einer Wand zog sich eine Werkbank entlang, ein paar Sägeböcke, vollgestopfte Regale und -
Mein Gott!
Das Licht blieb an der anderen Tür hängen, direkt jener gegenüber, durch sie eingetreten waren. Der schmale Strahl tanzte über die Quelle des Geruchs, beleuchtete blanke Knochen und einen zerlumpten, ölfleckigen Laborkittel. Ausgetrocknete Muskelstränge hingen wie Strähnen von einem grinsenden Gesicht.
Eine Leiche war an die Tür genagelt worden, eine Hand wie zu einem Willkommensgruß befestigt. So, wie der Mann aussah, war er schon seit Wochen tot.
Steve spürte, wie ihm sein Magen in die Kehle hochsteigen wollte. Er schluckte und schaute weg, doch der groteske Anblick hatte sich bereits in sein Hirn eingebrannt - das augenlose Gesicht, das sich abschälende Gewebe, die gespreizten, sorgfältig festgenagelten Finger …
Um Himmelswillen, was für eine Art Scherz soll das sein? Steve war schwindelig und immer noch außer Atem von der albtraumhaften Flucht aus der Bucht, dem Klettern über die nassen Felsen und dem Entsetzen, das dieses Umbrella-See-ungeheuer in ihm ausgelöst hatte. Der in der Luft schwebende saure Geruch von Verwesung machte es nicht erträglicher.
Sekundenlang sagte niemand etwas. Dann schirmte David den Lichtstrahl mit einer Hand ab und sagte mit leiser, aber erstaunlich gefasster Stimme: »Überprüft eure Gürtel und werft eure Magazine weg. Bestandsaufnahme -erst Verletzungen, dann Ausrüstung. Kommt alle wieder zu Atem. John?«
Johns ernste Stimme polterte zu Steves Linken durchs Dunkel, untermalt von den Geräuschen tastender Bewegungen. Karen und Rebecca befanden sich rechts von ihm, David immer noch an der Tür.
»Ich bin voller Fischschleim, aber ansonsten okay. Hab meine Waffe, aber meine Lampe ist weg. Die Funkgeräte auch.«
»Rebecca?«
Sie antwortete schnell, wenn auch mit zittriger Stimme: »Ich bin okay -nur, meine Waffe ist hier, die Taschenlampe und das Medi-Pack auch … Aber ich habe die Munition.«
Steve checkte unterdessen seine eigene Ausrüstung, nahm die Beretta aus dem Holster und warf das nasse Magazin aus, ließ es in eine Tasche rutschen. Dort wo seine Lampe hätte sein sollen, wies der Gürtel eine leere Stelle auf.
»Steve?«
»Ja, unverletzt. Waffe vorhanden, aber keine Lampe.«
»Karen?«
»Dasselbe.«
David bewegte die Finger über dem gedämpften Lichtstrahl und entließ einen matten Schimmer in den Raum. »Keiner verletzt, und wir sind noch bewaffnet - die Dinge könnten sehr viel schlechter stehen. Rebecca, verteile bitte die Magazine. Der Zaun kann nicht weiter als fünfzig Meter von hier entfernt sein, und es gibt genügend Bäume als Deckung, vorausgesetzt, dass uns noch niemand gesehen hat. Der Einsatz ist abgeblasen, wir verschwinden von hier.«
Steve nahm drei aufmunitionierte Magazine von Rebecca entgegen und nickte dankend. Eines rammte er in seine Beretta und lud automatisch eine Patrone in den Lauf.
Klasse, prima, nur raus hier. Dieses irrsinnige Ding hat uns fast aufgefressen, und jetzt winkt uns Mister Tod so lässig zu, als sei er als Willkommensgruß hingehängt worden…
Steve bekam es nicht so schnell mit der Angst, aber er erkannte eine üble Lage, wenn er damit konfrontiert wurde. Er verehrte S.T.A.R.S. zutiefst, hatte an dem Einsatz teilnehmen wollen, um mitzuhelfen, die Dinge wieder ins rechte Lot zu rücken - aber jetzt, da sie kein Boot mehr hatten und ihr ursprünglicher Plan den Bach runter gegangen war, hatte es keine Eile mehr, Umbrella festzunageln.
David trat dichter an die verweste Gestalt heran. Ein angeekelter Ausdruck verzerrte seine Züge im schwachen Licht. »Karen, Rebecca, seht euch das mal an. John, nimm Rebeccas Lampe und schau mit Steve nach, ob ihr irgendetwas Brauchbares finden könnt.«
Rebecca reichte ihre Taschenlampe an John weiter, der Steve zunickte. Die beiden Männer gingen zu einem Ende der langen Werkbank. Die stille Luft trug die leisen Stimmen der anderen zu ihnen.
»Das war nicht das T-Virus«, sagte Rebecca. »Die Art der Verwesung ist eine ganz andere … «
Schweigen, dann hörten sie Karen. »Seht ihr das? David, gib mir mal kurz die -«
John schirmte seine Lampe mit seiner großen Hand ab und ließ den Strahl über die schmutzigen Bretter der Arbeitsfläche wandern. Eine zerbrochene Kaffeetasse. Ein Haufen ölverschmierter Muttern und Schrauben, der sich auf einem Gezeitendiagramm türmte. Ein elektrischer Schraubendreher, staubig und verbeult, ein paar Bohreinsätze auf einem fleckigen Lappen.
Nichts, hier ist nichts. Wir sollten abhauen, bevor jemand kommt, um nachzusehen …
John öffnete eine Schublade und wühlte darin herum, während Steve zu erkennen versuchte, was sich auf dem Regalbrett über ihnen befand. Von hinten war wieder Karens Stimme zu vernehmen.
»Er war nicht tot, als man ihn festnagelte, aber ich würde sagen, er stand kurz davor. Auf jeden Fall war er bewusstlos. An der Tür sind keine Schmierspuren zu sehen, daraus lässt sich schließen, dass er sich nicht wehrte … Und da sind Schleifspuren auf dem Boden, hier und hier - ich würde sagen, er wurde an der Hintertür niedergeschossen und hierher gezerrt.«
John hatte die Schublade durchsucht, sie gingen weiter. Ihre feuchten Stiefel schmatzten über den Holzboden. Ein Satz Steckschlüssel. Ein billiges Radio. Eine zerknüllte Papiertüte, daneben ein Bleistiftstummel.
Etwas wie ein Ruck ging durch Steves Gedanken. Er blieb stehen und betrachtete die Papiertüte, den Bleistift…
Er nahm das zerknüllte Papier, strich es glatt und drehte es um. An den unteren Rand hatte jemand ein paar Zeilen gekritzelt.
»Hey, wir haben was gefunden«, rief John gedämpft und beleuchtete das Geschriebene mit der Lampe, während die anderen herbeieilten. Im zittrigen Lichtschein entzifferte Steve die nur schwach erkennbaren, mit Bleistift geschriebenen Worte und las sie laut vor. Obwohl es keine Satzzeichen gab, bemühte er sich, beim Vorlesen die Pausen richtig zu setzen.
»… 20. Juli. Das Essen war vergiftet, mir ist schlecht - ich habe das Material für dich versteckt, schick die Daten. Die Boote sind versenkt, und er hat die …«
Steve legte die Stirn in Falten, weil er das Wort nicht auf die Reihe brachte.
Tris… Trisquads?
»Die Boote sind versenkt, und er hat die Trisquads herausgelassen -jetzt ist es dunkel. Sie werden kommen. Ich glaube, er hat den Rest umgebracht -aufhalten - weiß Gott, was er vorhat. Das Labor zerstören - such Krista, sag ihr, es tut mir Leid, Lyle tut es Leid. Ich wünsche -«
Das war alles. »Ammons Nachricht«, sagte Karen leise. »Lyle Ammon.« Man musste kein Hellseher sein, um zu erahnen, wer da an der Tür hing. Der schlaffe, tropfende Mr. Tod hatte jetzt eine Identität, wozu auch immer das gut sein mochte. Und die Nachricht, die David von Trent erhalten hatte, war offenbar deshalb so merkwürdig, weil der arme Kerl hier unter Drogen stand, als er sie geschrieben und verschickt hatte.
»Ist das nicht schön, dass wir jetzt seinen Namen kennen, hm?«, witzelte John, aber nicht einmal er konnte darüber grinsen. Diese verzweifelte kleine Notiz war mehr als beunruhigend, selbst wenn man den brutalen Mord außer Acht ließ.
Was ist ein Trisquad? Wer ist ›er‹?
»Vielleicht sollten wir uns noch etwas umsehen …«, begann Rebecca zögerlich, doch David schüttelte den Kopf.
»Ich glaube, es ist am besten, wenn wir es vorerst dabei bewenden lassen. Wir werden -«
Er verstummte, als schwere, stapfende Schritte auf dem hölzernen Steg erklangen, direkt hinter der Tür, durch die sie hereingekommen waren. Alle erstarrten und lauschten. Es waren die Schritte von mehreren Personen, und wer es auch sein mochte, sie gaben sich keinerlei Mühe, ihr Kommen zu verheimlichen. Vor der Tür hielten sie inne, blieben dort stehen. Niemand rüttelte an der Klinke, niemand trat gegen die Tür, kein wie auch immer geartetes Geräusch folgte. Sie schienen einfach nur dazustehen.
David bewegte einen Finger kreisförmig in der Luft, deutete auf Karen und dann zur anderen Tür, an der die grausigen Überreste Lyle Ammons hingen - das Zeichen zum Rückzug, Karen sollte sich zuerst absetzen.
Sie bewegten sich auf die grinsende Leiche zu. Steve zuckte bei jedem Knarren, das sie verursachten, zusammen, atmete durch den Mund, damit er den Gestank nicht in voller Konzentration abbekam …
… und genau in dem Moment, als Karen die Tür aufdrückte, wurde die Stille von ratternden Schüssen zerrissen.
Sie kamen von vorne, von schräg links - aus der Richtung, in die ihre Flucht hatte führen sollen …