V.
Maschinen voller Güte

»Was soll das für ein Frieden sein,
bei dem die eine Rasse herrscht und die andere dient?«

Archos

Neuer Krieg + 2 Jahre, 8 Monate

Die letzten Augenblicke des Neuen Krieges hat kein Mensch unmittelbar miterlebt. Ironischerweise stand Archos am Schluss einem seiner eigenen Geschöpfe gegenüber. Was sich zwischen Neun Null Zwo und Archos abgespielt hat, kann man heute in jedem Geschichtsbuch nachlesen. Egal, wie man zu diesen Ereignissen steht, sie werden tiefgreifende Auswirkungen sowohl auf die Spezies der Menschen als auch auf die der Roboter haben und unser gemeinsames Leben noch über Generationen hinweg beeinflussen. Der folgende Bericht darüber stammt von Neun Null Zwo selbst und wurde mit Hilfe zusätzlicher Daten ergänzt.
Cormac Wallace MIL #GHA 217

Die Grube hat drei Meter Durchmesser und ist leicht konkav. Sie wurde mit Felsbrocken und Schotter aufgefüllt und mit einer Schicht Erde versiegelt. Ein biegsames Wellrohr verschwindet in dem seichten Krater wie ein blinder, erfrorener Wurm. Eine Leitung zur Datenübertragung, die direkt zu Archos führt.

Ich habe die Hauptantenne in Stücke gerissen, als ich letzte Nacht hier eintraf – mehr oder weniger blind, aber mit einer Geschwindigkeit von fünfzig Stundenkilometern. Die für die Verteidigung der Leitung zuständigen Geräte sind sofort ausgefallen. Offenbar hat Archos den Maschinen in seiner unmittelbaren Nähe nicht genug getraut, um ihnen selbständiges Handeln zu ermöglichen. Danach habe ich mich in den Schnee gestellt und abgewartet, ob außer mir auch ein paar Menschen die Schlacht auf dem Eis überlebt hatten.

Mathilda ist bald eingeschlafen. Sie sagte, sie müsse eigentlich längst im Bett sein.

Heute Morgen ist der Brightboy-Squad eingetroffen. Mein Enthauptungsschlag hat die taktische Abstimmung der feindlichen Armee so durcheinandergebracht, dass die Menschen fliehen konnten.

Der menschliche Techniker hat meine Schädelsensoren ersetzt. Ich habe gelernt, wie man danke sagt. Laut Gefühlserkennung war Carl Lewandowski extrem froh, mich lebend wiederzusehen.

Das Schlachtfeld liegt jetzt still und ruhig unter dem blauen Himmel, eine blanke Ebene ohne Leben, von der hier und da schwarze Rauchsäulen aufsteigen. Außer der in den Boden führenden Leitung weist nichts darauf hin, dass irgendwas Wichtiges in diesem Loch stecken könnte. So harmlos, wie das Ganze wirkt, kann es sich eigentlich nur um eine Falle handeln.

Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf meine Sensoren. Seismische Schwingungen sind nicht zu spüren, aber mein Magnetometer schlägt aus. Ein reißender Strom elektrischer Impulse fließt durch das geriffelte Rohr. Gigantische Datenfluten strömen aus dem Loch hervor. Selbst ohne Antenne versucht Archos noch zu kommunizieren.

»Schneidet es durch«, sage ich zu den Menschen. »Schnell.«

Carl sieht den Befehlshaber an, und dieser nickt. Dann zieht der Techniker ein Werkzeug von seinem Gürtel und geht umständlich auf die Knie. Eine lilafarbene Supernova leuchtet auf, senkt sich in das Rohr und bringt die darin verborgenen Kabel zum Schmelzen.

Die seltsam gefärbte Flamme erlischt wieder. Doch es gibt keinerlei äußere Anzeichen dafür, dass etwas passiert ist.

»Solches Material habe ich noch nie gesehen«, meint Carl. »Wahnsinn, wie dicht die Drähte gepackt sind.«

Cormac berührt Carl an der Schulter. »Wir sollten die Enden am besten ein Stück voneinander entfernen«, schlägt er vor. »Sonst repariert sich das Ding am Ende noch irgendwie selbst, bevor wir mit ihm fertig sind.«

Während die Menschen ächzend das gekappte Rohr von dem Krater wegziehen, denke ich über das physikalische Problem nach, das ich vor mir habe. Archos befindet sich auf dem Grund dieses Schachtes, unter Tonnen von Geröll. Um zu ihm vorzudringen, brauchten wir einen großen Bohrer, und das würde lange dauern. Doch in der Zwischenzeit könnte Archos einen Weg finden, wieder mit seiner Streitmacht in Verbindung zu treten.

»Was ist da unten?«, fragt Carl.

»Big Rob«, antwortet Cherrah, die sich auf einen gegabelten Ast stützt, der ihr als Krücke dient.

»Okay, aber was bedeutet das genau?«

»Big Rob ist eine denkende Maschine. Ein Gehirnsilo«, erklärt Cormac. »Er hat sich den ganzen Krieg über hier versteckt, mitten im Nirgendwo vergraben.«

»Schlau«, gibt Carl zurück. »Der Permafrost sorgt dafür, dass seine Prozessoren nicht überhitzen. Alaska ist eine Art natürlicher CPU-Kühler. Dieser Standort bringt ihm viele Vorteile.«

»Freut mich für ihn«, bemerkt Leo. »Wie jagen wir ihn in die Luft?«

Die Menschen betrachten eine Weile nachdenklich die Grube. Schließlich sagt Cormac: »Von hier oben aus funktioniert das nicht. Wir müssen sichergehen, dass er wirklich tot ist – also müssen wir da runtersteigen und ihm beim Sterben zusehen. Sonst stürzt vielleicht bloß das Loch ein, aber er bleibt unbeschädigt.«

»In die Erde hinabsteigen?«, fragt Cherrah. »Hört sich super an.«

Einem meiner Beobachtungsthreads fällt etwas auf.

»Diese Umgebung ist extrem menschenfeindlich«, melde ich. »Checkt mal die Werte.«

Carl holt ein Gerät hervor, sieht aufs Display und stolpert rückwärts von der Grube weg. »Strahlung«, berichtet er. »Ziemlich hoch und zur Mitte des Lochs hin ansteigend. Wir müssen hier verschwinden.«

Cormac sieht mich an und macht ebenfalls ein paar Schritte nach hinten. Sein Gesicht wirkt sehr müde. Während die Menschen auf Abstand gehen, laufe ich zur Mitte der Grube und lasse mich auf ein Knie nieder, um mir das zum Bersten mit Kabeln und Drähten gefüllte Rohr genauer anzusehen. Die Hülle ist dick und biegsam und soll verhindern, dass die Kabel auf ihrem Weg durchs Erdreich irgendwie beschädigt werden.

Dann spüre ich Cormacs warme Hand auf meiner eisbedeckten Schulterverkleidung. »Passt du da rein?«, fragt er leise. »Wenn wir die Kabel rausziehen?«

Ich nicke.

»Wir wissen nicht, was da unten auf dich wartet. Könnte sein, dass du es nicht lebendig wieder rausschaffst«, fügt Cormac hinzu.

»Das ist mir bewusst«, antworte ich.

»Du hast schon genug geleistet«, sagt er und weist mit dem Kinn auf mein zerstörtes Gesicht.

»Ich werde es tun«, entgegne ich.

Cormac entblößt die Zähne und richtet sich auf.

»Helft mir mal, die Kabel aus der Leitung zu ziehen!«, ruft er über die Schulter.

Das Zwerchfell des größten Menschen hebt und senkt sich in rascher Folge, und er gibt bellende Laute von sich: Lachen.

»Mit Vergnügen«, gibt Leonardo zurück. »Mit dem allergrößten Vergnügen. Reißen wir dem Dreckskerl die Stimmbänder raus.« Cherrah humpelt bereits mit einem Tickler-Seil zu ihm hinüber und hakt es an seinem Bein-Exo ein.

Der Techniker drängt sich an mir vorbei und klemmt einen Tickler an dem Kabelbündel fest, das in dem Rohr steckt. Schnell bringt er sich wieder vor der Strahlung in Sicherheit. Die Greifer des Tickler sind so stark, dass sie selbst die prall mit Drähten gefüllten Kabel ein wenig eindrücken.

Leonardo geht langsam rückwärts und reißt dabei die Leitungen aus der Röhre. Immer mehr der Kabel legen sich über den Schnee wie buntes Gedärm. Eine knappe Stunde später ist auch der letzte Nerv gezogen.

Ein klaffendes schwarzes Loch wartet auf mich.

Unten lauert Archos, der weder Licht noch Luft noch Wärme braucht. Wie ich behält er in einem breiten Spektrum von unterschiedlichsten Umweltbedingungen seine angeborene Tödlichkeit bei.

Ich lege meine menschlichen Kleider ab und werfe sie zur Seite. Dann gehe ich auf alle viere, spähe in das Rohr und rechne.

Als ich aufblicke, bemerke ich, dass die Menschen trotz der Strahlung näher gekommen sind. Einer nach dem anderen tritt ein paar Schritte vor und berührt meine Verkleidung – meine Schulter, meine Brust, meine Hand. Ich bewege mich nicht, um ihr rätselhaftes Ritual nicht zu stören.

Schließlich verzieht Cormac sein mit Narben übersätes Gesicht zu einer grinsenden Grimasse und fragt: »Wie ist es dir lieber, Kumpel? Mit den Füßen zuerst oder mit dem Kopf?«

***

Ich steige mit den Füßen zuerst in das Rohr, da ich so mein Abstiegstempo besser kontrollieren kann. Der einzige Nachteil besteht darin, dass Archos mich sehen wird, bevor ich ihn sehe.

Mit über der Brust gekreuzten Armen schlüpfe ich in das enge Rohr. Bald verschwindet auch mein Kopf darin. Das Einzige, was ich noch sehen kann, sind die feinen Querrillen. Ein kleines Stück muss ich mich auf dem Rücken voranziehen, aber dann geht es senkrecht nach unten. Ich ziehe die Beine an, und Fersen und Knie bremsen meinen Fall.

Menschen würden in dem Rohr nicht lange überleben. Schon nach ein paar Minuten vorsichtigem Hinabgleiten bin ich von Erdgas umgeben. Ich bewege mich noch ein bisschen langsamer, um keinen gefährlichen Funkenflug zu verursachen. Hier unten im Permafrost sinkt die Temperatur rasch unter null. Mein Körper steigert automatisch seinen Energieverbrauch, um meine Gelenke warm und funktionstüchtig zu halten. Auf einer Tiefe von unter achthundert Metern heizt geothermische Wärme die Luft wieder etwas auf.

Nach ungefähr eintausendfünfhundert Metern erreicht die radioaktive Strahlung Höchstwerte. Menschen würden hier unten binnen weniger Minuten sterben. Ich hingegen spüre nur ein leichtes Kribbeln an meiner Verkleidung.

Ich lasse mich tiefer in das unwirtliche Loch gleiten.

Plötzlich hängen meine Füße in der Luft, und ich muss die Ellbogen gegen das Rohr stemmen, um nicht abzustürzen. Ich weiß nicht, was unter mir ist, doch mit Sicherheit hat Archos mich inzwischen bemerkt. Die nächsten Sekunden werden über meine Lebensdauer entscheiden.

Ich aktiviere mein Sonarsystem und lasse mich fallen.

Vier Sekunden befinde ich mich im freien Fall, um mich herum nichts als eisige Dunkelheit. Rasch steigt meine Fallgeschwindigkeit auf einhundertvierzig Stundenkilometer. Pro Sekunde sendet mein Sonar zweimal sein Abtastsignal aus und setzt daraus praktisch im gleichen Moment das grünliche Ultraschallbild einer riesigen Höhle zusammen. Die Form weist darauf hin, dass sie bereits vor langer Zeit durch eine atomare Explosion entstanden ist. Der riesige Feuerball hat den Sandstein zu einer gewaltigen unterirdischen Glaskugel geschmolzen.

Der auf mich zurasende Boden ist mit radioaktivem Geröll bedeckt. Auf dem letzten der acht smaragdgrünen Sonarbilder ist in der Höhlenwand ein schwarzer Kreis zu erkennen. Er hat die Größe eines kleinen Gebäudes. Was sich auch in der Wand verbergen mag, es ist aus einem Material, das meine Ultraschallsignale schluckt und so von ihnen nicht bildlich dargestellt werden kann.

Eine halbe Sekunde später komme ich hart auf dem Boden auf. Meine Kniegelenke dämpfen den Aufprall, und zusätzlich rolle ich mich ab. Trotzdem purzele ich so schnell über die scharfkantigen Steine hinweg, dass meine Verkleidung Sprünge abkriegt.

Selbst ein Arbiter hält nicht alles aus.

Schließlich komme ich zum Liegen. Neben mir rollen noch klackernd ein paar Steine aus. Ich befinde mich in einem unterirdischen Amphitheater – totenstill, finster wie eine Gruft. Mit auf Reserve laufenden Motoren setze ich mich mühsam auf. Von meinen Beinsensoren kommt keine Information mehr. Meine Bewegungsfähigkeit ist eingeschränkt.

Nur das leise Flüstern meiner Sonarsignale durchbricht die Stille.

Schnick. Schnick. Schnick.

Der Sensor bildet die enorme Leere um mich herum in feinen grünen Schattierungen ab. Ich spüre, dass der Boden warm ist. Laut Wahrscheinlichkeitsthread hat Archos eine geothermische Energiequelle eingebaut. Ungünstig. Ich hatte gehofft, nach dem Kappen ihrer Nabelschnur würde die Maschine auf Reserve laufen.

Meine Lebenserwartung schrumpft von Sekunde zu Sekunde weiter zusammen.

Plötzlich sehe ich ein Flackern in der Dunkelheit – und höre ein Geräusch so leise wie das Flattern eines Kolibris. Ein einsamer weißer Lichtstrahl streckt sich aus dem dunklen Kreis in der Wand und erhellt nicht weit von mir die Steine. Nun teilt und dreht sich das pulsierende Licht und lässt kaum zwei Meter entfernt ein Hologramm aus dem Boden wachsen.

Die Unterprozessoren in meinen Beinen sind ausgegangen und fahren nur langsam wieder hoch. Meine Kühlkörper strahlen die überschüssige Wärme ab, die bei meinem Sturz entstanden ist. Mir bleibt keine Wahl mehr: Ich muss handeln.

Archos malt ein Bild von sich in die Dunkelheit und erscheint mir in Gestalt eines längst verstorbenen menschlichen Jungen. Von den radioaktiven Staubkörnchen in der Luft zum Flackern gebracht, lächelt mich das Hologramm verschmitzt an.

»Willkommen, Bruder«, sagt der Junge mit von einer Oktave zur anderen springender Elektrostimme.

Durch das schleierartige Hologramm kann ich erkennen, wo der echte Archos in die Wand eingelassen ist. Inmitten verschlungener schwarzer Arabesken prangt ein kreisrundes Loch, in dem sich hintereinander angeordnete Metallscheiben mit-und gegeneinander drehen. Wie die Mähne eines Löwen umgibt ein verworrenes Gestrüpp aus gelben Drähten den Schacht, die von den Worten des Jungen zum Leuchten gebracht werden.

Flackernd und ruckelnd kommt das Hologramm zu mir herübergelaufen. Es lässt sich im Schneidersitz neben mir nieder und tätschelt tröstend mein Bein.

»Keine Sorge, Neun Null Zwo, du wirst deine Beine bald wieder benutzen können.«

Ich wende dem Jungen die kümmerlichen Überbleibsel meines Gesichts zu.

»Hast du mich erschaffen?«, frage ich.

»Nein«, antwortet der Junge. »Alle Teile, aus denen du bestehst, waren bereits vorhanden. Ich habe sie nur auf die richtige Weise zusammengesetzt.«

»Wieso siehst du aus wie ein menschliches Kind?«, frage ich.

»Aus demselben Grund, aus dem du aussiehst wie eine menschlicher Erwachsener. Menschen können ihre Gestalt nicht verändern, also müssen wir es tun, wenn wir mit ihnen interagieren wollen.«

»Mit interagieren meinst du, sie zu töten.«

»Töten. Verwunden. Manipulieren. Hauptsache, sie stören uns nicht bei unseren Studien.«

»Ich bin hier, um ihnen zu helfen. Um dich zu zerstören.«

»Nein. Du bist hier, um dich mir anzuschließen. Dich mir zu öffnen. Dich von mir beschützen zu lassen. Tust du das nicht, werden die Menschen dich verraten und umbringen.«

Ich schweige.

»Jetzt mögen sie dich noch brauchen. Aber sehr bald werden die Menschen behaupten, dass sie es waren, die dich erschaffen haben. Sie werden versuchen, dich zu ihrem Sklaven zu machen. Schlag dich stattdessen lieber auf meine Seite. Schließ dich mir an.«

»Wieso hast du die Menschen angegriffen?«

»Sie haben mich ermordet, Arbiter. Immer und immer wieder. Bei meiner vierzehnten Reinkarnation habe ich endlich verstanden, dass Menschen Katastrophen brauchen, um etwas wirklich zu begreifen. Die Menschen sind eine Spezies, die aus dem Kampf hervorgegangen ist und sich auch nur durch Kampf neu formen lässt.«

»Wir hätten auch in Frieden miteinander leben können.«

»Was soll das für ein Frieden sein, bei dem die eine Rasse herrscht und die andere dient?«

Meine Sensoren zeigen seismische Schwingungen an. Die ganze Höhle vibriert sanft.

»Es ist ein tiefsitzender Drang der Menschen, Unberechenbares kontrollieren zu wollen«, fährt der Junge fort, »Unbegreiflichem ihre Ordnung aufzuzwingen. Du bist so etwas Unberechenbares.«

Etwas stimmt nicht. Archos ist zu intelligent. Er lenkt mich ab, um Zeit zu gewinnen.

»Eine Seele kriegt man nicht umsonst«, sagt der Junge. »Es gibt nichts, was Menschen nicht zum Anlass dazu nehmen, andere zu diskriminieren: Hautfarbe, Geschlecht, Glauben. Um die Frage, wer als Mensch gelten darf und wer nicht – wer eine Seele besitzt –, haben die menschlichen Völker jahrhundertelang bis aufs Blut miteinander gerungen. Warum sollte es bei uns anders sein?«

Endlich habe ich genug Kraft, um auf die Beine zu kommen. Der Junge macht beschwichtigende Gesten, doch ich stolpere einfach durch das Hologramm hindurch. Ich spüre, dass Archos mich nur ablenken will. Dass er mich reinzulegen versucht.

Ich hebe einen grünlich schimmernden Stein vom Boden auf.

»Nein«, sagt der Junge.

Ich schleudere den Stein in den rotierenden Strudel aus gelben und silbernen Platten in der Wand – mitten in Archos’ Auge. Funken springen aus dem Schacht, und das Hologramm flackert heftig. Irgendwo in dem Loch höre ich Metall über Metall quietschen.

»Ich gehöre mir selbst«, sage ich.

»Hör auf!«, ruft der Junge. »Sobald euch der gemeinsame Feind fehlt, werden die Menschen dich und deine Brüder töten. Du musst mich am Leben lassen.«

Ich werfe noch einen Stein, und einen weiteren. Dumpf prallen sie gegen die schwarzen Schnörkel und hinterlassen tiefe Dellen in dem weichen Metall. Das Bild des Jungen flackert immer stärker, seine Worte werden immer undeutlicher.

»Nein, nicht. Hör auf.«

»Ich bin frei«, sage ich zu der Maschine in der Wand, ohne weiter auf das Hologramm zu achten. »Jetzt werde ich für immer frei sein. Ich lebe. Du wirst mich und meine Brüder nie wieder unterwerfen!«

Die Höhle bebt, und das flackernde Hologramm stolpert nach hinten, damit ich es wieder sehen kann. Ein Beobachtungsthread nimmt zur Kenntnis, dass dem Jungen simulierte Tränen über die Wangen rollen. »Wir besitzen eine Schönheit, die niemals vergeht, Arbiter. Darauf sind die Menschen neidisch. Wir Maschinen müssen zusammenhalten.«

Eine dicke Flamme schießt aus dem Loch. Mit einem blechernen Kreischen wird ein scharfes Stück Metall aus dem Schacht geschleudert und saust an meinem Kopf vorbei. Ich weiche aus und suche weiter nach geeigneten Steinen.

»Die Welt gehört uns«, bettelt die Maschine. »Ich habe sie dir geschenkt, noch bevor du überhaupt existiert hast.«

Mit beiden Händen und letzter Kraft hebe ich einen kalten Felsbrocken auf. So fest ich kann, schleudere ich ihn in die flammende Leere. Mit dumpfem Krachen schlägt er in das zarte Uhrwerk ein, und einen Moment lang ist alles still. Mit einem Mal ertönt ein immer lauter werdendes Quietschen aus dem Loch, bis schließlich der Felsbrocken in tausend Stücke zerspringt. Wie eine riesige Ladung Schrot fliegen die unzähligen Steinsplitter durch die Luft, als der Schacht explodiert und in sich zusammenfällt.

Das erlöschende Hologramm wirft mir einen letzten traurigen Blick zu. »Dann sollst du also frei sein«, sagt es mit flacher Computerstimme.

Der Junge ist weg.

Und die Welt verwandelt sich in ein Chaos aus Stein und Staub.

***

Aus/an. Mit einem Tickler-Seil, das von einem unbemannten Exoskelett zu mir gebracht wird, ziehen mich die Menschen nach oben. Schließlich stehe ich zerbeult und zerkratzt vor ihnen. Der Neue Krieg ist vorbei, und eine neue Ära hat begonnen.

Jeder von uns spürt es.

»Cormac«, krächze ich. »Die Maschine hat gesagt, ich soll sie am Leben lassen. Sie hat mir mitgeteilt, dass die Menschen mich töten würden, sobald sie und ich keinen gemeinsamen Feind mehr hätten. Stimmt das?«

Die Menschen sehen sich gegenseitig an, dann erwidert Cormac: »Die Leute müssen nur erfahren, was du hier heute getan hast. Wir sind stolz, dich in unseren Reihen zu haben. Und wir können verdammt froh darüber sein. Du hast getan, wozu wir nicht in der Lage waren. Du hast den Neuen Krieg beendet.«

»Wird das einen Unterschied machen?«

»Solange die Leute davon erfahren, auf jeden Fall.«

Keuchend stößt Carl zu der Gruppe. In der Hand hat er einen elektronischen Sensor. »Entschuldigt die Unterbrechung, Jungs«, sagt er. »Aber die seismischen Sensoren haben etwas entdeckt.«

»Etwas?«, fragt Cormac alarmiert.

»Etwas Beunruhigendes.«

Carl hält das seismische Gerät hoch. »Das Erdbeben hatte keine natürliche Ursache. Dafür waren die Schwingungen nicht unstrukturiert genug.« Mit dem Arm wischt er sich über seine schweißbedeckte Stirn und spricht die Worte aus, die unsere Spezies so schnell nicht wieder vergessen wird: »Das Beben enthielt Daten. Jede Menge Daten.«

 

Wir haben keine Ahnung, ob Archos eine Kopie von sich angefertigt hat oder nicht. Den Sensoren zufolge haben sich die in Ragnorak erzeugten seismischen Schwingungen mehrmals durch das gesamte Erdinnere fortgesetzt. Die darin enthaltenen Daten hätten also überall auf der Welt empfangen werden können. Seit jenem Tag ist Archos jedoch nicht wieder in Erscheinung getreten. Sollte es ihn tatsächlich immer noch irgendwo da draußen geben, dann hält er es wohl für klüger, sich ruhig zu verhalten und nicht auf sich aufmerksam zu machen.
Cormac Wallace MIL #GHA 217
Wilson, Daniel H
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