II.
Die Gray-Horse-Army

»Wenn du mir nicht glaubst,
frag die Gray-Horse-Army.«

Lark Iron Cloud

Neuer Krieg + 2 Monate

In den ereignislosen Monaten, die auf Stunde null folgten, kam es in Gray Horse zu inneren Spannungen. Big Rob würde ungefähr ein Jahr für die Entwicklung von Robotern brauchen, die gut genug zu Fuß waren, um in ländlichen Gegenden erfolgreich auf Menschenjagd zu gehen. In jener Zeit wurden aufsässige Jugendliche zu einem großen Problem für die von der Außenwelt abgeschnittene Gemeinschaft.
Bevor Gray Horse zu einem weltweit bekannten Zentrum menschlichen Widerstands werden konnte, musste die Stadt erwachsen werden. Officer Lonnie Wayne Blanton erzählt diese Geschichte aus der trügerischen Ruhephase vor dem Sturm und beschreibt, wie ein junges Gangmitglied vom Stamm der Cherokee das Schicksal aller Menschen in Gray Horse und außerhalb veränderte.
Cormac Wallace MIL #GHA 217

Hank Cottons Temperament ist mal wieder mit ihm durchgegangen. Er ist der einzige Mann, den ich kenne, in dessen Händen eine zwölfkalibrige Flinte wie eine Kinderangel wirkt. Im Moment zielt er mit dem tödlichen Spielzeug aus schwarzem Stahl auf einen jungen Cherokee namens Lark – einen Möchtegerngangster –, und ich kann sehen, dass sich Rauch aus dem Lauf zwirbelt.

Ich suche den Boden nach Leichen ab, sehe aber keine. War wohl nur ein Warnschuss. Gut gemacht, Hank, denke ich. Scheinst langsam dazuzulernen.

»Stopp, alle zusammen«, sage ich. »Ihr wisst, es ist mein Job rauszufinden, was als Nächstes passiert.«

Hank wendet den Blick nicht von dem Jungen ab. »Rühr dich bloß nicht vom Fleck«, sagt er und schüttelt drohend das Gewehr. Dann jedoch lässt er es sinken und dreht sich zu mir um. »Ich habe unseren jungen Freund hier dabei erwischt, wie er Essen aus dem Proviantlager geklaut hat. Ist auch nicht das erste Mal. Seit ein paar Nächten verstecke ich mich jetzt schon hier und warte darauf, mir den kleinen Dreckskerl endlich zu schnappen. Wie erwartet ist er mit ungefähr fünf anderen zusammen ins Lager eingebrochen und hat versucht, so viel mitgehen zu lassen, wie er tragen kann.«

Lark Iron Cloud. Schlecht sieht der hochgewachsene schlanke Junge nicht aus, hat allerdings ein paar zu viele Aknenarben im Gesicht, um als wirklich gutaussehend durchzugehen. Er trägt irgendwelche hochmodischen schwarzen Militärklamotten und ein freches Grinsen im Gesicht, das ihn vermutlich das Leben kosten wird, wenn ich ihn länger als zwei Sekunden mit Cotton allein lasse.

»Schwachsinn«, entgegnet Lark. »Der Typ lügt. Ich hab den fetten Ochsen selbst beim Essenklauen erwischt. So sieht’s aus. Wenn du mir nicht glaubst, frag die Gray-Horse-Army. Meine Jungs können’s dir bestätigen.«

»Das ist eine Lüge, Lonnie Wayne«, wendet Hank ein.

Wenn ich unbemerkt die Augen verdrehen könnte, würde ich es tun. Natürlich ist das eine Lüge. Lark ist ein geborener Lügner. Seine Lügen plätschern so selbstverständlich aus ihm raus wie frisches Wasser aus einer Quelle. Das ist seine Art der Kommunikation. Gott, es ist die von vielen jungen Menschen. Das habe ich bei der Erziehung von meinem eigenen Jungen gelernt, bei Paul. Aber ich kann den Knaben nicht einfach einen Lügner nennen und ihn in die eine schäbige Gefängniszelle werfen, die wir hier in Gray Horse haben. Ich kann bereits hören, wie seine Kumpels sich vor dem kleinen Schuppen sammeln, in dem wir stehen.

Gray-Horse-Army.

Lark Iron Cloud hat zufällig das Kommando über ungefähr einhundertfünfzig junge Männer, einige von ihnen Osage und einige nicht, die irgendwie zusammengefunden haben und aus purer Langeweile auf die Idee gekommen sind, eine Gang zu gründen – die GHA. Von den etwa dreitausend Bürgern, die auf diesem Hügel versuchen, irgendwie über die Runden zu kommen, sind sie die Einzigen, die ihren Platz noch nicht gefunden haben.

Die jungen Männer in Gray Horse. Sie sind stark, wütend und verwaist. Diesen Burschen zu erlauben, in wilden Horden durch die Stadt zu ziehen, ist, wie Dynamit in der Sonne liegen zu lassen – aus etwas sehr Machtvollem und eigentlich äußerst Nützlichem wird eine tickende Zeitbombe.

Lark schüttelt seinen Mantel und stellt grinsend seinen hohen schwarzen Kragen auf. Mit den nach hinten gegelten schwarzen Haaren, den schwarzen Handschuhen und der in die polierten Stiefel gestopften schwarzen Kampfhose sieht er aus, als könnte er die Hauptrolle in einem Spionagethriller übernehmen.

Er macht sich keine Sorgen.

Wenn dem Jungen etwas geschieht, wird unsere Gefängniszelle nicht groß genug sein, um mit den Folgen fertig zu werden. Und doch: Lassen wir ihn einfach so davonkommen, öffnen wir damit der allmählichen inneren Zersetzung Tür und Tor. Kümmert man sich nicht rechtzeitig um die Zecken im Fell eines Hundes, hat man bald keinen mehr.

»Was wirst du tun, Lonnie?«, fragt Hank. »Du musst ihn bestrafen. Unser Leben hängt von diesen Vorräten ab. Wir können keinen Diebstahl dulden. Haben wir nicht auch so schon genug Probleme?«

»Ich hab gar nichts getan«, sagt Lark. »Und jetzt verschwinde ich von hier. Wenn ihr mich aufhalten wollt, müsst ihr auch meine Leute aufhalten.«

Hank hebt das Gewehr, aber ich bedeute ihm, es wieder sinken zu lassen. Hank Cotton ist ein stolzer Mann. Mangelnden Respekt lässt er sich nicht gefallen. Dunkle Sturmwolken scheinen in seinen Augen aufzuziehen, während er dem unbekümmert davonschlendernden Jungen nachschaut. Ich sollte besser schnell mit dem Knaben reden, bevor Hank ihm einen Blitz aus seiner Flinte hinterherschleudert.

»Wir sollten uns draußen kurz mal unterhalten, Lark.«

»Ey, Mann, ich hab doch gesagt, ich habe nicht …«

Ich packe Lark am Ellbogen und ziehe ihn nah zu mir heran. »Wenn du mich nicht mit dir reden lässt, Söhnchen, wird dich der Mann da erschießen. Es ist egal, was du getan hast und was nicht. Darum geht es nicht. Es geht darum, ob du hier auf eigenen Füßen rausgehen oder lieber getragen werden willst.«

»Also gut. Wenn’s unbedingt sein muss«, lenkt Lark ein.

Wir gehen nach draußen in die Nacht. Lark nickt seinen Kumpels zu, die Zigaretten rauchend im Licht der nackten Glühbirne stehen, die über dem Eingang hängt. Mir fallen die neuen Ganglogos auf, mit denen das kleine Gebäude beschmiert ist.

Hier können wir nicht reden. Bringt nichts, solange Lark das Gefühl hat, vor seinen Fans den starken Mann markieren zu müssen. Wir gehen etwa fünfzig Meter weiter, hinüber zu einem Felsvorsprung.

Ich blicke über die leere Ebene hinweg, die seit so langer Zeit für unsere Sicherheit sorgt. Der Vollmond taucht die Welt dort unten in silbernes Licht. Hier und da mit dunklen Wolkenschatten gefleckt, streckt sich das wogende Grasland bis zum Horizont und verschmilzt dort mit dem Sternenhimmel.

Gray Horse ist ein wunderschöner Ort. So viele Jahre unbewohnt und jetzt so voller Leben. Doch zu dieser nächtlichen Stunde verwandelt sich die Siedlung wieder in das, was sie im Grunde immer gewesen ist: eine Geisterstadt.

»Langweilst du dich, Lark? Ist das dein Problem?«, frage ich.

Er sieht mich an und denkt kurz darüber nach, ob er weiter seine Show abziehen soll. Dann lässt er jedoch die Maske fallen. »Ja, verdammt. Wieso?«

»Weil ich nicht glaube, dass du irgendjemandem Schaden zufügen willst. Ich glaube, du bist einfach jung und weißt nicht, was du mit dir anfangen sollst. Dafür habe ich Verständnis. Aber so kann das nicht weitergehen, Lark.«

»Was kann nicht wie weitergehen?«

»Das Raufen, die Schmierereien. Das Stehlen. Wir müssen uns um sehr viel ernstere Probleme kümmern.«

»Ja, klar. Hier in Gray Horse passiert doch ein Scheißdreck.«

»Die Maschinen haben uns nicht vergessen. Sicher, für Autos und Stadtroboter sind wir zu weit draußen in der Pampa. Aber die Maschinen arbeiten daran, dieses Hindernis zu überwinden.«

»Wovon redest du? Seit Stunde null haben wir hier keinen einzigen Angriff erlebt. Und wenn die Roboter uns töten wollen, warum feuern sie nicht einfach ein paar Raketen auf uns ab?«

»Von denen gibt’s vermutlich nicht genug. Ich nehme an, die wirklich schweren Geschütze haben sie eingesetzt, um die Großstädte kleinzukriegen. Wir sind bloß Peanuts für die.«

»So kann man das auch sehen«, erwidert Lark mit überraschender Bestimmtheit. »Aber weißt du, was ich glaube? Ich glaube, wir sind ihnen egal. Ich glaube, das war alles nur ein großes Missverständnis, das sich nicht wiederholen wird. Sonst hätten sie uns doch längst alle mit Atomwaffen ausgelöscht, oder nicht?«

Der Junge hat sich tatsächlich ein paar Gedanken gemacht.

»Die Maschinen setzen keine Atomwaffen ein, weil sie sich für die Natur interessieren. Sie wollen sie erforschen, nicht in die Luft jagen.«

Der Präriewind streicht mir sanft übers Gesicht. Fast wäre es besser, wenn die Maschinen sich nichts aus unserer Welt machen würden. Einfacher jedenfalls.

»Sind dir all die Rehe und Hirsche aufgefallen?«, frage ich. »Die Büffel kehren in die Prärie zurück. Himmel, seit Stunde null sind gerade mal zwei Monate vergangen, und unten im Bach kann man die Fische praktisch mit den Händen aus dem Wasser holen. Es ist nicht so, dass die Maschinen die Tiere einfach nicht beachten. Sie beschützen sie.«

»Also meinst du, die Roboter wollen sozusagen die Termiten loswerden, ohne das Haus zu beschädigen? Uns töten, ohne dass dabei die Welt draufgeht?«

»Sonst kann ich mir keinen Grund vorstellen, warum sie uns nicht auf andere Weise angreifen. Und eine andere Erklärung habe ich auch nicht für … nun, sagen wir, bestimmte Vorkommnisse, deren Zeuge ich in letzter Zeit geworden bin.«

»Wir haben seit Monaten keine Maschinen mehr gesehen, Lonnie. Scheiße, Mann. Ich wünschte, sie würden uns angreifen. Nichts ist schlimmer, als hier ohne Strom und ohne was zu tun rumzuhocken.«

Diesmal verdrehe ich die Augen. Zäune müssen errichtet werden, Gebäude repariert, Felder bestellt – aber dieser Bursche hat nichts zu tun. Woher haben unsere Kinder nur diese Auffassung, dass sie alles geschenkt kriegen?

»Du würdest gerne kämpfen, hm?«, frage ich.

»Ja. Das meine ich ernst. Ich bin es leid, mich hier oben auf diesem Hügel zu verstecken.«

»Dann zeige ich dir mal etwas.«

»Was?«

»Es ist nicht hier. Aber es ist wichtig. Pack einen Schlafsack ein und komm morgen früh zu mir. Wir werden ein paar Tage unterwegs sein.«

»Auf gar keinen Fall, Mann. Da hab ich keinen Bock drauf.«

»Hast du Angst?«

»Nein«, erwidert er grinsend. »Angst wovor?«

Unter uns könnte das im Mondlicht wogende Grasland ebenso gut das Meer sein. Ein beruhigender Anblick, doch fragt man sich automatisch, was für Monster sich unter den friedlichen Wellen verbergen mögen.

»Ich möchte wissen, ob du Angst vor dem hast, was dort draußen im Dunkeln lauert. Ich weiß nicht, was es ist. Das Unbekannte, nehme ich an. Wenn du davor Angst hast, kannst du hierbleiben. Dann lasse ich dich in Ruhe. Aber jemand muss sich darum kümmern. Und ich hatte gehofft, du hättest ein wenig Mut im Leib.«

Lark nimmt eine strammere Haltung ein, und das lässige Grinsen verschwindet aus seinem Gesicht. »Ich bin mutiger als jeder, den du kennst«, erklärt er.

Shit. Klingt, als würde er’s genau so meinen.

»Das hoffe ich, Lark«, sage ich und betrachte einmal mehr, wie sich das Gras sanft im Wind wiegt. »Das hoffe ich sehr.«

***

Am nächsten Morgen überrascht mich Lark. Ich besuche gerade John Tenkiller, sitze auf einem Baumstamm und teile mir eine Thermoskanne Kaffee mit ihm. Tenkiller gibt wie immer ziemlich rätselhaftes Zeug von sich, und ich höre halb zu und beobachte halb, wie die Sonne über der Prärie aufgeht.

Plötzlich kommt Lark Iron Cloud um die Ecke. Der Junge hat bereits gepackt und ist aufbruchsbereit. Er ist zwar wie ein Mafiakiller in einem Science-Fiction-Film gekleidet, aber wenigstens hat er vernünftige Stiefel an. Er beäugt Tenkiller und mich mit unverhohlenem Argwohn, läuft dann an uns vorbei und die ersten Meter des Pfads entlang, der vom Gray Horse Hill in die Prärie hinabführt.

»Was ist jetzt?«, fragt er.

Ich kippe meinen Kaffee hinunter, schultere meinen Rucksack und schließe mich dem langbeinigen Burschen an. Kurz bevor wir hinter der ersten Biegung zwischen den Bäumen verschwinden, drehe ich mich noch mal zu John Tenkiller um. Der alte Drumkeeper hebt die Hand und blickt uns ernst mit seinen im Morgenlicht funkelnden blauen Augen nach.

Was ich tun muss, wird nicht leicht, und Tenkiller weiß das.

Der Junge und ich brauchen den ganzen Morgen, um den Hügel hinabzusteigen. Nach etwa einer halben Stunde übernehme ich die Führung. Lark mag Mut haben, aber Ahnung, wo’s langgeht, hat er keine. Statt durch das hohe Gras der Prärie Richtung Westen zu gehen, schlagen wir einen östlichen Kurs ein. Geradewegs in den Eisenwald hinein.

Der Name passt. Hohe schlanke Pfahleichen ragen aus totem Laub auf, dazwischen ausladende Schwarzeichen. Bei beiden Baumarten ist die Borke so dunkel und hart, dass sie wie aus Gusseisen wirkt. Noch vor einem Jahr wäre ich nie darauf gekommen, dass sich das einmal als sehr nützlich erweisen würde.

Nach drei Stunden Marsch haben wir unser Ziel erreicht. Es ist nur eine kleine Lichtung. Aber hier bin ich zum ersten Mal auf die Fährte gestoßen. Rechteckige Spuren im Schlamm, jede in etwa so groß wie eine Spielkarte. Soweit ich es beurteilen konnte, stammten sie von etwas mit vier Beinen. Etwas Schwerem. Keine Losung zu finden. Und jeder Abdruck sah haargenau gleich aus.

Als ich schließlich begriff, lief mir ein kalter Schauer über den Rücken: Die Roboter hatten sich Beine wachsen lassen.

Da ich keine weiteren Spuren finden konnte, ging ich davon aus, die Abdrücke stammten von einer Art Späher, der zum Rumschnüffeln hier hochgeschickt worden war. Drei Tage brauchte ich, um den Verursacher der Stapfen aufzuspüren. Mit seinen Elektromotoren war das Ding kaum zu hören. Und oft bewegte es sich stundenlang überhaupt nicht. Einen Roboter in der Wildnis aufzuspüren ist etwas ganz anderes, als der Fährte eines Tiers oder eines Menschen zu folgen. Erst fühlt es sich merkwürdig an, aber mit der Zeit gewöhnt man sich dran.

»Wir sind da«, sage ich zu Lark.

»Wurde auch Zeit«, erwidert er und lässt seinen Rucksack auf den Boden plumpsen. Als er gerade die Lichtung betreten will, packe ich ihn an der Jacke und reiße ihn so heftig nach hinten, dass ich ihn glatt von den Füßen hole.

Ein silberner Streifen zischt an seinem Gesicht vorbei wie ein Vorschlaghammer und verpasst es nur um wenige Zentimeter.

»Was zum Teufel …?«, sagt Lark, macht sich mit einem Ruck von mir los und sieht nach oben.

Und da ist er, ein vierbeiniger Roboter von der Größe eines ausgewachsenen Hirschbullen, der mit den Vorderbeinen an einem Stahlseil hängt. Keinen Millimeter hat er sich bewegt, keinen Ton hat er von sich gegeben, bis wir in Reichweite waren.

Schwere Motoren beginnen zu mahlen, als er sich zu befreien versucht und wie ein Pendel zweieinhalb Meter über dem Boden hin-und herschwingt. Einfach unheimlich. Das Ding bewegt sich so geschmeidig wie ein Tier des Waldes, windet und dreht sich in der Luft. Doch anders als bei normalen Tieren sind die Beine der Maschine pechschwarz, und sie bestehen aus mehreren Schichten eines schlauchartigen Materials. Unten dran sind kleine Stahlhufe mit flacher Unterseite, an denen noch Erde klebt. Überhaupt ist der gesamte Apparat mit getrocknetem Schlamm und Laub bedeckt.

Anders als ein Hirsch hat die Maschine keinen wirklichen Kopf.

Die Beine laufen in einem länglichen Rumpf zusammen, mit höckerartigen Ausbuchtungen für die schweren Gelenkmotoren. Unterhalb vom Rumpf ist ein Zylinder angebracht, der in etwa die Größe einer Getränkedose hat und vorne mit einer Kameralinse ausgestattet ist. Das kleine Auge dreht sich wild hin und her, während die Maschine verzweifelt versucht, von dem Stahlseil loszukommen.

»Ähm, was ist das?«, fragt Lark.

»Die Falle habe ich ungefähr vor einer Woche aufgestellt. Und wenn ich mir die Stellen so anschaue, an denen das Seil die Rinde aufgescheuert hat, ist der Bursche nur kurze Zeit später reingetappt.«

Zum Glück sehen die Bäume nicht nur aus, als seien sie aus Gusseisen, sondern sind auch in etwa so stabil.

»Wenigstens war er allein«, meint Lark.

»Wie kommst du darauf?«

»Wenn andere dabei gewesen wären, hätte er sie zu Hilfe gerufen.«

»Und wie hätte er das gemacht? Ich sehe nirgendwo einen Mund.«

»Meinst du das ernst? Siehst du nicht die Antennen? Funk. Dieses Ding kann sich per Funk mit anderen Maschinen verständigen.«

Lark geht ein bisschen näher an den Roboter heran. Zum ersten Mal verzichtet er auf sein Machogehabe. Er betrachtet die Maschine mit dem neugierigen Blick eines kleinen Jungen.

»Das Ding ist nichts Besonderes«, erklärt Lark nach einer Weile. »Ein modifizierter militärischer Lastenträger. Soll vermutlich das Gelände sondieren. Keine Zusatzausrüstung. Nur Beine und Augen. Der Höcker hinter den Schulterblättern da, da sitzt vermutlich das Gehirn. Das verarbeitet, was die Kamera sieht. Sitzt dort, weil es an der Stelle nicht so leicht beschädigt werden kann. Nimmt man den Teil ab, ist das wie eine Lobotomie. Oh, aua: Sieh dir mal die Füße an. Erkennst du die einziehbaren Krallen? Gut, dass er damit nicht an das Stahlseil kommt.«

Na, brat mir einer ’nen Storch. Der Junge kennt sich mit Robotern aus. Ich sehe zu, wie er das Ding genau studiert und alle Einzelheiten wie ein Schwamm in sich aufsaugt. Dann fallen mir die anderen Spuren auf, die überall um uns herum auf der Lichtung zu erkennen sind.

Eine Gänsehaut überzieht meine Arme und die Rückseite meiner Oberschenkel. Wir sind nicht allein. Das Ding hat also Hilfe herbeigerufen. Wie konnte ich das übersehen?

»Ich frag mich, wie’s wäre, eins von den Dingern zu reiten«, murmelt Lark.

»Heb deinen Rucksack auf«, sage ich. »Wir müssen weg. Sofort.«

Lark folgt meinem Blick, entdeckt die frischen Spuren und begreift, dass irgendwo in der Nähe noch eins von den Dingern rumläuft. Wortlos wirft er sich seinen Rucksack über die Schulter. Zusammen flüchten wir schnell in den Wald. Hinter uns folgt uns der Geher mit seinem niemals blinzelnden Kameraauge.

Unser Sprint verwandelt sich in ein zügiges Gehen und dann in einen meilenweiten Marsch.

Wir schlagen unser Lager auf, als die Sonne untergeht. Ich richte ein kleines Lagerfeuer her, positioniere es jedoch so, dass der Rauch von den Zweigen eines großen Baumes geschluckt wird. Hungrig und müde setzen wir uns auf unsere Rucksäcke und starren in die Flammen, während es um uns herum immer kälter wird.

Ob’s mir gefällt oder nicht: Es wird Zeit, die wirkliche Aufgabe anzugehen, die ich hier draußen zu erledigen habe.

»Warum machst du das?«, frage ich. »Warum willst du unbedingt ein Gangster sein?«

»Wir sind keine Gangster. Wir sind Krieger.«

»Aber Krieger sollten eigentlich gegen den Feind kämpfen, weißt du? Du hingegen wirst letztendlich nur deinen eigenen Leuten schaden, wenn du so weitermachst. Nur ein Mann kann ein Krieger sein. Wenn ein Junge versucht, sich wie ein Krieger zu verhalten, na ja, dann wird ein Gangster draus. Ein Gangster hat kein Ziel.«

»Wir haben ein Ziel.«

»Tatsächlich?«

»Wir sind Brüder. Wir beschützen uns gegenseitig.«

»Vor wem?«

»Vor jedem. Vor Leuten wie dir.«

»Ich bin nicht dein Bruder? Aber wir sind doch beide Indianer, oder?«

»Schon. Und diese Tradition halte ich auch aufrecht. Darüber definiere ich mich. Darüber werde ich mich immer definieren. Das sind meine Wurzeln. Aber da oben kämpft jeder gegen jeden. Jeder hat ’ne Waffe.«

»Da hast du nicht unrecht«, gebe ich zu.

Das Feuer knistert und frisst sich hungrig in ein Scheit hinein.

»Lonnie?«, fragt Lark. »Um was geht’s hier wirklich? Red nicht die ganze Zeit um den heißen Brei rum und spuck’s endlich aus, alter Mann.«

Das wird jetzt vermutlich nicht besonders gut ankommen. Aber der Junge lässt mir keine Wahl, und ich werde ihn nicht anlügen.

»Du hast gesehen, wogegen wir hier antreten müssen, nicht?«

Lark nickt.

»Ich will, dass du deine Gray-Horse-Army mit den Light Horsemen vereinigst, mit der Stammespolizei.«

»Wir sollen uns mit der Polizei verbünden?«

»Ihr nennt euch eine Armee. Aber wir brauchen eine echte Armee. Die Maschinen verändern sich. Bald werden sie kommen, um uns zu töten. Uns alle. Wenn du also deine Brüder beschützen willst, solltest du dich besser allmählich fragen, wie du all deine Brüder beschützen kannst. Und deine Schwestern ebenfalls.«

»Woher weißt du, dass sie kommen?«

»Mit Sicherheit weiß ich das nicht. Niemand weiß irgendwas mit Sicherheit. Und wer das Gegenteil behauptet, will dich entweder zum Glauben bekehren oder dir was verkaufen. Die Sache ist so: Ich hab ein schlechtes Gefühl im Bauch. Es gibt zu viele komische Zufälle. Genau wie zu der Zeit, bevor das alles passiert ist.«

»Was immer mit den Maschinen geschehen ist, ist bereits geschehen. Sie stapfen da draußen rum und beobachten die Vöglein. Aber wenn wir sie in Ruhe lassen, lassen sie uns auch in Ruhe. Die Menschen machen mir viel größere Sorgen.«

»Die Welt ist ein geheimnisvoller Ort, Lark. Wir sind nur ein winziger Punkt im Universum. Wir können uns hier ein warmes Feuerchen bauen, aber um uns herum ist es ewige Nacht. Die Aufgabe eines Kriegers ist es, dieser Nacht ins Auge zu blicken und sein Volk zu beschützen.«

»Ich werde mich um meine Jungs schon kümmern. Aber was auch immer dein Bauch sagen mag – glaub nicht, dass die GHA für euch den Retter in der Not spielt.«

Ich schnaube verächtlich. Das läuft nicht so, wie ich gehofft hatte. Nein, es läuft genau so, wie ich es erwartet hatte.

»Was gibt’s zu essen?«, will Lark wissen.

»Ich hab nichts zu essen mitgenommen.«

»Was? Warum nicht?«

»Hunger ist gut. Wird dich Geduld lehren.«

»Shit. Das ist ja wirklich toll. Nichts zu essen. Und dazu werden wir noch von irgendeinem verdammten Gehroboter verfolgt.«

Ich ziehe einen Zweig Salbei aus meinem Rucksack und werfe ihn ins Feuer. Der süße Duft der brennenden Blätter steigt in die Luft. Das ist der erste Teil des Initiationsritus. Als Tenkiller und ich die ganze Sache geplant haben, dachte ich nicht, ich würde so viel Angst um Lark haben.

»Und du hast dich verirrt«, bemerke ich.

»Was? Weißt du etwa nicht, wie man zurückkommt?«

»Doch, tue ich.«

»Und?«

»Du musst deinen eigenen Weg finden. Lernen, dich auf dich selbst zu verlassen. Das bedeutet es, ein Mann zu werden. Für deine Leute zu sorgen, statt für dich sorgen zu lassen.«

»Mir gefällt gar nicht, wie sich das hier entwickelt, Lonnie.«

Ich stehe auf.

»Du bist stark, Lark. Ich glaube an dich. Und ich weiß, dass ich dich wiedersehen werde.«

»Einen Moment mal, alter Mann. Wo willst du hin?«

»Nach Hause, Lark. Ich gehe nach Hause zu unseren Leuten. Wir treffen uns dort.«

Damit drehe ich mich um und marschiere in die Dunkelheit. Lark springt auf, aber folgt mir nur bis dorthin, wo der Schein des Feuers endet. Dahinter liegt die Dunkelheit, das Unbekannte.

Dort muss Lark hin, ins Unbekannte. Irgendwann müssen wir alle dorthin. Wenn wir erwachsen werden.

»Hey. Was soll die Scheiße?«, ruft er in die eisenartigen Bäume hinein. »Du kannst mich doch nicht einfach hier zurücklassen!«

Ich gehe weiter, bis die Kälte des Waldes mich verschluckt. Wenn ich den größten Teil der Nacht durchmarschiere, sollte ich bis zum Morgengrauen daheim sein. Ich hoffe, Lark wird lange genug überleben, um es ebenfalls nach Hause zu schaffen.

Das letzte Mal, als ich etwas Derartiges gemacht habe, wurde dadurch mein Sohn zum Mann. Er hasste mich dafür, aber dafür hatte ich Verständnis. Egal, wie sehr Kinder darauf pochen, als Erwachsene behandelt werden zu wollen: Seine Kindheit lässt niemand wirklich gerne los. Man wünscht es sich und träumt davon, aber kaum ist es so weit, fragt man sich, was man getan hat. Man fragt sich, in was man sich da verwandelt hat.

Aber bald wird es Krieg geben, und nur ein Mann kann die Gray-Horse-Army anführen.

***

Drei Tage später steht meine Welt kurz davor, in die Luft zu fliegen. Einen Tag vorher haben die Möchtegerngangster der Gray-Horse-Army angefangen, mich des Mordes an Lark Iron Cloud zu beschuldigen. Tatsächlich weist ja auch alles darauf hin. Deswegen schreien sie jetzt vor dem Rat nach meinem Blut.

Die aus Baumstämmen gemachten Bänke auf dem großen Platz mit der Feuerstelle sind vollbesetzt. Der alte John Tenkiller sagt nichts, sondern lässt sich seelenruhig von Larks Jungs beschimpfen. Neben ihm steht Hank Cotton, der die großen Hände zu Fäusten geballt hat. Überall stehen Mitglieder der Stammespolizei in kleinen, angespannten Gruppen zusammen: Das könnte der Anfang eines waschechten Bürgerkriegs sein.

Habe ich zu viel auf eine Karte gesetzt? Hätte ich die Sache lieber anders angehen sollen?

Doch bevor wir dazu übergehen können, uns gegenseitig den Garaus zu machen, wankt ein zerschrammter und blutiger Lark Iron Cloud den Hügel hinauf. Er hat etwas dabei, bei dessen Anblick allen die Kinnlade herunterklappt: Ein vierbeiniger Gehroboter ist mit einem Stahlseil an seinen Rucksack gebunden und läuft brav wie ein Muli hinter ihm her. Wir starren ihn alle in sprachloser Verblüffung an, doch John Tenkiller steht auf und geht auf ihn zu, als habe er ihn genau zu diesem Zeitpunkt erwartet.

»Lark Iron Cloud«, sagt der alte Drumkeeper. »Du hast Gray Horse als Knabe verlassen. Jetzt kehrst du als Mann zurück. Es hat uns traurig gemacht, dass du gehen musstest, aber nun freuen wir uns, dass du als ein anderer zu uns zurückkehrst. Willkommen daheim, Lark Iron Cloud. Durch dich wird unser Volk überleben.«

 

Die wahre Gray-Horse-Army war geboren. Kurze Zeit später vereinigten Lark und Lonnie die Stammespolizei und die GHA zu einer einzigen Streitmacht. Bald sprach man überall in den USA von dieser menschlichen Armee, zu deren Taktik es gehörte, so viele von Robs vierbeinigen Spähern zu fangen und zu zähmen wie möglich. Der größte dieser erbeuteten Geher bildete die Grundlage für eine entscheidende Waffe im Neuen Krieg, einen so erstaunlichen Apparat, dass ich seine Existenz stets für ein Gerücht gehalten habe: den Spinnenpanzer.
Cormac Wallace MIL #GHA 217
Wilson, Daniel H
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