IV.
Die
Dyade
»Bei Menschen weiß man nie.«
Neun Null Zwo
Neuer Krieg + 2 Jahre, 8 Monate
Während die Streitmacht der Menschen von innen zerstört wurde, stieß ein winziger Trupp aus humanoiden Robotern in noch gefährlicheres Gebiet vor. Im Folgenden schildert Neun Null Zwo, wie der Freeborn-Squad im Angesicht einer unbesiegbar scheinenden Übermacht ein unerwartetes Bündnis einging.
Cormac Wallace MIL #GHA 217
Ich sage nichts. Die Aufforderung von Cormac Wallace stellt eine Entwicklung dar, die aufgrund ihrer geringen Wahrscheinlichkeit für mich kaum voraussehbar war. Was Menschen eine Überraschung nennen würden.
Pock, pock, pock.
In der kleinen Grube unter dem Spinnenpanzer eingepfercht, feuern die Menschen auf die Parasiten, die sich der Körper ihrer toten Kameraden bemächtigt haben. Ohne den Beistand der Freigeborenen sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit des Brightboy-Squads praktisch auf null. Ich schalte kurz die Gefühlserkennung ein und prüfe, ob es sich vielleicht nur um einen Witz oder etwas Ähnliches handelt.
Bei Menschen weiß man nie.
Die Software scannt Cormacs schmutziges Gesicht und meldet mir, was sie davon ablesen kann: Entschlossenheit, Trotz, Mut.
»Freigeborene bei mir sammeln!«, rufe ich in Robosprache.
Ich marschiere ins Zwielicht davon – fort von dem beschädigten Spinnenpanzer und fort von den beschädigten Menschen. Der Warden und der Hoplite folgen mir. Als wir den Rand des Waldes erreichen, erhöhen wir das Tempo. Die Geräusche und Vibrationen der Schlacht hinter uns schwinden. Nach zwei Minuten lichtet sich der Wald, und schließlich erreichen wir eine eisbedeckte Ebene.
Ab diesem Punkt rennen wir.
Wir beschleunigen rasch auf die Höchstgeschwindigkeit des Warden und verteilen uns. Hinter uns steigen Dampfwolken auf. In schnellem Takt knirschen unsere Schritte durch den Schnee. Unsere Schatten strecken sich über das zerklüftete Eisfeld.
Das Zwielicht ist so düster, dass ich auf Infrarot umschalten muss. Das Eis leuchtet grün unter meinen Füßen.
Meine Beine bewegen sich geschmeidig und systematisch, meine gestreckten Finger schneiden rhythmisch durch die Luft. Den Kopf halte ich vollkommen still, die Stirn gesenkt, meinen zweiäugigen Blick auf das Gelände vor mir gerichtet.
Wenn der Feind angreift, wird er es unvermittelt und brutal tun.
»Auf einen Abstand von fünfzig Metern ausschwärmen. Beibehalten«, befehle ich über lokalen Funk. Ohne langsamer zu werden, heften sich der Warden und der Hoplite an meine Flanken. In drei parallelen Linien sprinten wir über die Ebene.
Allein schon so schnell zu rennen ist gefährlich. Ich räume der Ausweichautomatik Vorrangsteuerung ein. Unter meinen Füßen verschwimmt das zerklüftete Eis. Sonst eigentlich still im Hintergrund ablaufende Rechenprozesse haben komplett die Kontrolle übernommen – zum Denken bleibt keine Zeit. Ich springe über einen Haufen lockerer Steine, den die Denkthreads, die für gewöhnlich das Sagen haben, nicht einmal bemerkt hätten.
Während mein Körper in der Luft ist, höre ich den Wind über mein Brustgehäuse pfeifen und spüre, wie die Kälte die abgestrahlte Wärme von meiner Verkleidung zieht. Das Pfeifen ist beruhigend, doch bereits im nächsten Moment lande ich wieder auf den Füßen, und sie nehmen erneut ihren raschen Takt auf. Wie Nähmaschinen rattern wir übers Eis und bringen Meile um Meile hinter uns.
Die Eisfläche ist zu leer. Es ist zu still. Schon erscheint der Funkturm am Horizont.
Unser Ziel ist zwei Kilometer entfernt und kommt schnell näher.
»Zustandsbericht?«, frage ich.
»Normal«, lauten die knappen Antworten meiner Kameraden. Wie ich sind sie voll auf die optimale Koordination ihrer Bewegungen konzentriert. Es sind die letzten Funksprüche, die ich mit ihnen austausche.
Die Raketen kommen alle drei auf einmal angesaust.
Der Hoplite bemerkt sie als Erster. Er hebt das Gesicht zum Himmel, kurz bevor er stirbt, und schafft es noch, eine halbe Warnung abzuschicken. Ich schere sofort zur Seite aus. Der Warden ist allerdings zu langsam, um seinen Kurs rechtzeitig zu ändern. Der warnende Funkspruch bricht ab, und im selben Moment wird der Warden links von mir auch schon von einer Explosion verschluckt. Noch bevor der Detonationsdonner mich erreicht, sind beide Maschinen für immer ausgeschaltet.
Auch neben mir gibt es eine Explosion. Während mein Körper durch die Luft geschleudert wird, schalten sich meine Inertialsensoren ab. Die Zentrifugalkraft nimmt mir für einen Moment die Kontrolle über Arme und Beine, aber meine internen Diagnoseprogramme laufen weiter: Verkleidung weitgehend intakt, Kerntemperatur viel zu hoch, aber bereits im Abkühlen begriffen, Stützstrebe am rechten Oberschenkel gesprungen. Körper rotiert mit fünfzig Umdrehungen pro Sekunde.
Für Aufprall wird Einziehen der Gliedmaßen empfohlen.
Mein Körper schlägt hart auf und schleudert eiernd übers Eis. Laut odometrischen Berechnungen komme ich in fünfzig Metern zum Liegen. So plötzlich, wie sie begonnen hat, ist die Attacke wieder vorüber.
Ich löse mich aus meiner zusammengekrümmten Schutzhaltung. Der leitende Denkthread empfängt diagnostische Angaben mit hoher Priorität: Sensorenbündel im Schädel beschädigt. Mein Gesicht ist weg. Von der Explosion zerfetzt und anschließend vom rasiermesserscharfen Eis abgehobelt. Archos hat schnell dazugelernt. Er weiß, dass ich kein Mensch bin, und hat seine Angriffstaktik dementsprechend umgestellt.
Jetzt liege ich blind, taub und ohne Deckung auf dem Eis. Wie ganz zu Anfang ist wieder alles dunkel.
Überlebenswahrscheinlichkeit sinkt auf null.
Steh auf, sagt eine Stimme in meinem Kopf.
»Frage: Wer ist da?«, funke ich.
Mein Name ist Mathilda, kommt als Antwort. Ich will dir helfen. Aber wir haben nicht viel Zeit.
Ich bin verwirrt. Das für die Kommunikation verwendete Protokoll unterscheidet sich von allem, was ich im Verzeichnis gespeichert habe – ob menschlich oder maschinell. Klingt wie eine Mischung aus Robo-und Menschensprache.
»Frage: Bist du ein Mensch?«
Hör zu. Konzentrier dich.
Und plötzlich leuchten Daten in der Dunkelheit auf. Eine per Satellit erstellte Karte des umliegenden Geländes wird eingeblendet, die sich bis zum Horizont und darüber hinaus erstreckt. Meine inneren Sensoren erstellen ein ungefähres Bild meiner äußeren Erscheinung. Diagnoseprogramme und Propriozeption funktionieren noch. Ich hebe den Arm, und eine virtuelle Darstellung davon erscheint vor meinen Augen – wenn auch nur grob schattiert und nicht sehr detailgetreu. Als ich nach oben sehe, erblicke ich eine gepunktete Linie am leuchtend blauen Himmel.
»Frage: Was ist die gepunktete …?«
Eingehende Rakete, antwortet die Stimme.
Innerhalb von eins Komma drei Sekunden bin ich auf den Beinen und renne, so schnell ich kann. Höchstgeschwindigkeit ist mit der gesprungenen Oberschenkelstrebe nicht drin, aber ich bin bewegungsfähig.
Arbiter, beschleunige auf dreißig Stundenkilometer. Aktiviere deinen Sonar. Ist nicht viel, aber besser, als blind zu sein. Folge meinen Anweisungen.
Ich weiß nicht, wer Mathilda ist, doch die Daten, die sie in meinen Kopf fließen lässt, retten mir das Leben. Plötzlich kann ich mehr wahrnehmen, als ich mir je hätte träumen lassen. Ich lausche auf ihre Anweisungen.
Und ich renne.
Mein Sonar hat nur eine geringe Auflösung. Trotzdem entdecken die ausgesendeten akustischen Pings bald eine vor mir auftauchende Felsformation, die nicht auf den von Mathilda übermittelten Karten verzeichnet ist. Gerade rechtzeitig drücke ich mich vom Boden ab. Ohne Sonar wäre ich mitten hineingerannt.
Beim Landen rutsche ich weg und falle beinah hin. Strauchelnd stampfe ich mit dem rechten Fuß ein tiefes Loch ins Eis, fange mich jedoch und beschleunige von neuem.
Du musst dein Bein reparieren. Geh dazu auf ein Tempo von zwanzig Stundenkilometern runter.
In vollem Lauf hole ich einen filzstiftgroßen Plasmabrenner aus dem Werkzeugfach in meiner Hüfte. Wenn sich mein rechtes Bein hebt, setze ich den Brenner jedes Mal kurz an die gesprungene Strebe. Nach sechzig Schritten ist die Strebe repariert, und die frische Schweißnaht kühlt bereits ab.
Die gepunktete Linie wölbt sich in meine Richtung. Man könnte denken, die Rakete dreht ab, aber in Wirklichkeit befindet sie sich genau auf Kollisionskurs mit meiner Laufbahn.
Schwenke zwanzig Grad nach rechts. Beschleunige auf vierzig Stundenkilometer und behalte diese Geschwindigkeit sechs Sekunden lang bei. Dann mach eine Vollbremsung und wirf dich zu Boden.
Bumm.
Kaum lasse ich mich fallen, bebt die Erde von der einhundert Meter weiter vorne einschlagenden Rakete – Mathilda hat mir gerade ein weiteres Mal das Leben gerettet.
Das wird nicht noch mal funktionieren, sagt sie.
Auf den Satellitenbildern ist zu sehen, dass sich die Ebene vor mir gleich in einen Irrgarten aus Schluchten verwandelt. Die unzähligen Gletschertäler verlieren sich nach ein paar Windungen im dunklen Randbereich der Karte. Hinter den Schluchten ragt der Funkturm auf wie ein riesiger Grabstein.
Archos’ Versteck ist in Sichtweite.
Am Himmel tauchen drei weitere gepunktete Linien auf.
Auf die Beine, Neun Null Zwo, sagt Mathilda. Du musst Archos’ Funkverbindung kappen. Du bist nur noch einen Kilometer entfernt.
Das Menschenmädchen gibt mir Befehle, und ich beschließe, sie zu befolgen.
Mit Mathildas Hilfe fand Neun Null Zwo durch das Schluchtenlabyrinth und konnte erfolgreich allen weiteren Raketenangriffen durch die Drohnen ausweichen. An seinem Ziel angelangt, setzte der Arbiter den Funkturm außer Betrieb und damit auch vorübergehend die feindlichen Streitkräfte. Neun Null Zwo überlebte, indem er zusammen mit Mathilda Perez die erste sogenannte Dyade bildete: ein Mensch und Maschine in sich vereinendes Kampfteam. So gingen Mathilda und Neun Null Zwo als Legenden in die Geschichte des Neuen Krieges ein – als Vorreiter einer neuen, tödlichen Form der Kriegsführung.
Cormac Wallace MIL #GHA 217