Drei einfache Regeln
Regel Nr. 1: Sag »Ja«. Nicht immer, aber immer öfter
So, nun stehen Sie also tatsächlich vor der Tür,
an der Sie bisher auf dem Weg zu Ihrem Lieblingssofa immer
vorbeigegangen sind. Noch zögern Sie. Sollen Sie die Tür jetzt
wirklich öffnen und durchgehen? Was wird dahinter auf Sie warten?
Ein ebenso gemütliches Sofa? Vielleicht eines, das viel bequemer
ist? Oder nur ein Sessel? Vielleicht gar keine Sitzgelegenheit? Es
gibt nur einen Weg, das herauszufinden, und Sie kennen ihn
bereits.

Sie möchten spontaner durch die Welt gehen und sich
selbst überraschen. Sie wollen unerwartete Situationen meistern,
sogar, wenn Ihnen niemand vorher Bescheid gesagt hat.
Überraschungen nehmen Sie als Herausforderung, als Chance, etwas
Neues zu erleben, nicht als Bedrohung.
Halt, halt, das haben Sie so gar nicht gesagt? Sie
denken, das hätten wir Ihnen in den Mund gelegt? Also gut, noch
einmal von vorne. Vielleicht wird es so stimmiger: Sie müssen
spontaner durch die Welt gehen und sich selbst überraschen.
Unerwartete Situationen müssen Sie meistern, sogar, wenn Ihnen
niemand vorher Bescheid gesagt hat. Überraschungen müssen
Sie als Herausforderungen nehmen, als Chance, etwas Neues zu
erleben, nicht als Bedrohung. Sie haben keine andere Wahl.
Die einfachste Möglichkeit wäre natürlich, ein paar
Standardsätze aus dem Spontaneitäts-Repertoire auswendig zu lernen.
Oder Situationen einzustudieren, um spontaner oder schlagfertiger
zu wirken. Das hatten wir schon: Ist leider nicht möglich.
Spontane Menschen haben im Gegensatz zu allen nicht spontanen ihre
Grundhaltung gegenüber allem Unerwarteten geändert. Sie sind
spontan. Spontane Menschen trainieren sich selbst immer wieder,
indem sie »Ja« sagen. Bereichern auch Sie Ihr Leben um diese
wertvolle Fähigkeit, die Sie nur wieder aktivieren müssen. Wenn Sie
das möchten, dann sagen Sie jetzt laut und deutlich »Ja!«.
Und?
Haben Sie »Ja!« gesagt?
Okay, ist auch ein schwieriges Wort, mehr als ein
Buchstabe. Ein Konsonant und ein Vokal. Voll schwierig. Schon klar.
Versuchen wir’s noch mal:
Jetzt!
Laut!
Wieder nichts?
Sie haben das »Ja« nur gedacht?
Wahrscheinlich haben Sie etwas gedacht, was mit
»Ja, aber …« beginnt. Zum Beispiel: »Ja, aber ich will erst mal
weiterlesen.« Und sollten Sie »Nein« gedacht haben, dann schlagen
Sie das Buch besser zu, nehmen Sie Ihre Katzen-und Pudelkissen zur
Hand und schauen aus dem Fenster.
Warum haben Sie nicht laut »Ja« gesagt? Sind Sie
sich ein wenig albern vorgekommen? So alleine im Raum und einfach
»Ja« sagen? Wo war Ihr Teampartner? Oder haben Sie es nicht
gesagt, weil andere Menschen um Sie herumsitzen? Womöglich
befinden Sie sich gerade im Bus oder in der S-Bahn? Ganz ehrlich -
wären wir an Ihrer Stelle gewesen, wir hätten das früher auch nicht
gemacht.
Und noch ehrlicher: Solche Übungen aus einem Buch
macht doch sowieso keiner. Die denkt man doch nur durch. Wir gehen
mit Ihnen sogar noch einen Schritt weiter und geben Ihnen die
Aufgabe, die Übungen in einem Buch zu dokumentieren. Erinnern Sie
sich an Ihr Ja-Buch. Jetzt wäre noch eine Gelegenheit, eines zu
besorgen, falls Sie immer noch keins haben. Eine Übung dazu hatten
wir schon. Jetzt wollen wir Sie dazu kriegen mitzumachen. Auch wenn
Sie sonst nie bei so was mitmachen …
Wir geben trotzdem noch nicht auf. Probieren Sie
es doch wenigstens mal aus. Heimlich. Testen Sie, welche Kraft und
Entschiedenheit hinter einem einfachen »Ja« stehen. Sagen Sie »Ja«
und spüren Sie dabei diesem Gefühl nach. Welche Kraft dieses eine
Wort doch hat, welche Verbindlichkeit dahintersteckt, welche
Handlungen es auslöst. Denn Spontaneität hat auf jeden Fall auch
damit zu tun, dass wir handeln. Und der erste Schritt dahin ist ein
»Ja«.

Sollten Sie zu den Menschen gehören, die »Ja, aber«
gesagt oder gedacht haben, sind Sie in guter Gesellschaft. Wir alle
leben in einer »Ja, aber«-Welt. Nur leider stellen wir uns damit
ganz nah zu den »Nein«-Sagern, und das sind diejenigen, die dem
Unerwarteten weiterhin aus dem Weg gehen wollen. Wenn Sie das
Unerwartete dann doch erwischt,
kriegen Sie das Kaninchen-Feeling. Sie starren in die Scheinwerfer
des Autos und: Whoooom! Bang! Splatter! Licht aus! Und wir meinen
nicht die Scheinwerfer!
Sollten Sie sich entschließen mitzumachen, werden
Sie im Verlauf der Lektüre mindestens einmal am Tag in einer
Situation »Ja« sagen, in der Sie lieber »Nein« sagen wollten. Das
bedeutet auch, dass Sie sich einmal am Tag in einer Situation
wiederfinden, die so nicht vorhersehbar war und voller unerwarteter
Abenteuer steckt. Denn egal, was passiert: Keiner wird Ihnen vorher
Bescheid sagen.
Würden wir auf der Bühne nicht »Ja« sagen, gäbe es
keine Vorführung und auch keine Vorträge. Wir vertrauen darauf,
dass die Ideen und Vorschläge unseres Partners genauso gut sind wie
unsere eigenen. Wir sagen »Ja« zu dem, was kommt.
Eines Tages bekamen wir einen Anruf von einem
Teamleiter eines großen Haarkosmetik-Unternehmens, das Friseure mit
speziellen Shampoos beliefert. Sein Team betreute die Salons und
verkaufte dort auch die hauseigenen Produkte. Im vergangenen Jahr
hatte der Umsatz einer bestimmten Mitarbeiterin sich so deutlich
gesteigert, dass er stutzig geworden war. Er bat sie zu einem
Gespräch, bei dem sich herausstellte, dass sie in ihrer Freizeit
einen Improtheater-Kurs besucht hatte. Die drei
Spontaneitäts-Regeln hatten sie so sehr begeistert, dass sie diese
sogar im Berufsalltag anwendete. Sie sagte »Ja« zu ihren Kunden und
»Ja« zu ihrer Tätigkeit. Die Salon-Inhaber schätzten sie für ihre
Aufmerksamkeit und Verlässlichkeit. Mit dem Anruf engagierte uns
der Teamleiter für ein dreitägiges Seminar.
»Ja« zu sagen« bedeutet, eine Situation anzunehmen
und die eigenen Ideen wie auch die der anderen anzunehmen. Und
genau darum geht es, wenn wir spontan sind: Wir nehmen
eine Situation an, wie sie in dem Moment gerade ist. Nur so sind
wir in der Lage, etwas aktiv zu gestalten, weiterzuführen und zu
verändern. Lassen Sie sich darauf ein, in unerwarteten Momenten
etwas zu verändern und voranzutreiben, ohne vorher genau zu wissen,
wohin die Reise führt.
Ein Name wie ein »Nein«!
Versuchen Sie mal bitte, Ihren Namen so zu sagen,
als würden Sie zu jemandem ganz entschieden »Nein« sagen. Legen Sie
all Ihre Energie hinein, die ausdrücken soll: »Bleiben Sie mir bloß
vom Leib! Ich will meine Ruhe haben!«
Allein mit der Betonung Ihres Namens können Sie
also schon ein »Ja«- oder ein »Nein«-Signal senden. Achten Sie mal
auf sich und andere: Welche Signale senden Sie aus, ohne überhaupt
die Wörtchen »Ja« oder »Nein« benutzt zu haben?
Wie melden Sie sich am Telefon? Mit einem netten
Hallo? Oder blaffen Sie Ihren Namen kurz und knapp in die Leitung
und meinen eigentlich »Nein, niemand da!«? Die Menschen, die uns am
Telefon auf diese Weise ihren Namen entgegenschmettern, sind für
uns »Nein«-Sager, die eigentlich gar nicht mit uns telefonieren
wollen.
Nur ein ernst gemeintes »Ja« ist auch echtes »Ja«.
Klingt selbstverständlich? Dann schauen wir uns das doch mal
genauer an: Viele Menschen versuchen alles Mögliche, um sich vor
diesem »Ja« zu drücken. Es fällt ihnen so schwer, »Ja« zu sagen,
dass sie sich immer wieder in Mutationen von »Ja« flüchten. Die
beiden bekanntesten »Ja«-Zombies sind:
»Ja, aber …« und »Ja, oder …«
»Ja, aber …« ist der Klassiker und nichts anderes
als ein verstecktes »Nein«. Probieren Sie es mal aus. Was denken
Sie, wenn jemand zu Ihnen »Ja, aber …« sagt bzw. was meinen Sie
tatsächlich, wenn Sie jemandem mit »Ja, aber …« antworten?
Sie gehen spazieren, es ist ein herrlicher
Frühsommertag. 20 Grad, die Sonne scheint. Bei Ihrem Spaziergang
kommen Sie durch einen Kleingartenverein. In einem der Gärten sehen
Sie eine alte Dame und ein siebenjähriges Mädchen. Offensichtlich
eine Oma mit ihrer Enkelin. Für die Oma ist der Garten ihr Ein und
Alles, und das kleine Mädchen freut sich, bei der Gartenarbeit
helfen zu dürfen. Sie gehen näher ran und schnappen ein paar
Gesprächsfetzen auf.
Enkelin: | »Oma, guck mal. Hier direkt neben den Johannisbeeren pflanze ich jetzt die Tulpen ein!« |
Oma: | »Ja, aber …« |
Wir schreiben das Jahr 1992. Sie holen gerade Ihre
neue EC-Karte in Ihrer Bank ab. Leider müssen Sie am Schalter
warten. Ganz in der Nähe findet an einem Schreibtisch
offensichtlich ein Beratungsgespräch statt. Ein junger Mann - ein
Student - versucht mit strahlenden Augen einen Bankangestellten zu
überzeugen.
Student: | »Wir haben eine großartige Erfindung gemacht. Zur Vermarktung benötigen wir den Kredit. Wir können Musik so komprimieren, dass Sie Ihre gesamte Musiksammlung auf kleinen tragbaren Festplatten immer bei sich haben können. Wir wollen die Erfindung MP3-Player nennen.« |
Bankmitarbeiter | »Ja, aber …« |
Es ist der schönste Tag in Ihrem Leben. Ihr
Hochzeitstag. Sie haben ein traumhaftes Kleid an, sehen aus wie
eine Prinzessin. Das haben Sie sich gewünscht, seit Sie ein kleines
Mädchen waren. Ihre gesamte Verwandtschaft und all Ihre Freunde
sind dabei. Ihr Vater führt Sie zum Traualtar. Ihr zukünftiger Mann
steht neben Ihnen. Sie haben Herzklopfen.
Pastor: | »Möchten Sie die hier anwesende Wiebke Katharina Glossner zu Ihrer Frau nehmen?« |
Ihr Zukünftiger: | »Ja, aber …« |
Was meinen Sie, wird das eine glückliche Ehe? Der
MP3-Player ist vom technischen Prinzip her zwar in Deutschland
erfunden, aber nicht vermarktet worden. Da hat doch jemand »Ja,
aber …« gesagt! Und wird die Enkelin zukünftig wieder mit ihrer Oma
im Garten arbeiten wollen?
»Ja, aber …« ist immer der Versuch, charmant »Nein«
zu sagen. Das gleiche gilt für »Ja, oder …« Klingt irgendwie
netter, aber bedeutet genauso »Nein«.
Es gibt noch weitere Varianten von »Nein« (mit
leichtem Zweifel in der Stimme zu sprechen):
»Hmm …«
»Klar, wenn …«
»Na ja …«
»Kann ich mir
vielleicht vorstellen.«
»Wenn du
meinst.«
»Muss ja.«
»Meinetwegen.«







Hinter all diesen Formulierungen verbirgt sich ein
Mensch, der zu feige ist, »Nein« zu sagen, oder sich nicht traut,
sich auf etwas Neues einzulassen. Nichts fühlt sich so verbindlich
an wie ein klar ausgesprochenes »Ja« oder eben ein klares »Nein«.
Uns geht es beim Thema Spontaneität aber um Ihr entschlossenes
»Ja«. Bei einem »Ja« gibt es keinen Weg mehr zurück, vor allem,
wenn es mehrere Menschen gehört haben. Deswegen drücken wir uns
auch so gerne davor. Wenn Sie laut und deutlich »Ja« sagen, dann
nehmen Sie sich selber in die Pflicht für Ihre Entscheidung und
müssen handeln. Die Verantwortung für Ihre Entscheidung liegt bei
Ihnen. Mit so einem »Ja« begeben Sie sich in Situationen, aus denen
es kein Zurück mehr gibt. Keine Ausreden, keine Ausflüchte.
»Ja! Ja!« ist keine Alternative
Nicht vergessen wollen wir die Variante »Ja, ja!«,
die meistens nichts anderes bedeutet als »Du kannst mich mal!«,
»Leck mich am Arsch!«, »Ist mir doch egal!« oder »Lass mich jetzt
in Ruhe!«.
In manchen Situationen lässt sich das klare,
unmissverständliche »Ja« auch noch mit einer körperlichen Geste
unterstützen, um die eigene Entscheidung zu bekräftigen. Hamburger
Kaufleute tun dies, indem sie sich bei Vertragsabschluss die Hand
reichen. Mafiosi umarmen sich und frisch Getraute küssen sich, sie
haben sich im wahrsten Sinne des Wortes getraut,
ein bedingungsloses »Ja« auszusprechen - falls nicht einer von
beiden vor dem Altar »Ja, aber …« gesagt hat.

Übung 4:
Der Nein-Kollege
Sie brauchen dazu:
• sich selbst
• einen Kollegen
• eine Tür
Und so geht’s:
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie
sitzen im Büro an Ihrem Schreibtisch. Die Tür geht auf, Ihr Kollege
kommt rein. Und ohne dass er etwas gesagt hat, denken Sie schon
Nein. Einfach so: Nein!
Das ist Ihr Nein-Kollege. Selbst wenn er mit
einer Idee kommt, die Ihnen eigentlich gefällt, antworten Sie immer
mit »Nein«.
»Soll ich dir einen Kaffee mitbringen?« -
»Nein.«
»Hast du noch Schmierpapier für mich?« -
»Nein.«
»Soll ich dir Arbeit abnehmen? - »Nein.«
Identifizieren Sie, wer Ihr Nein-Kollege ist. Das
muss nicht unbedingt ein echter Kollege im Büro sein. Es ist
vielleicht ein Bekannter oder ein Freund, bei dem Sie schon »Nein«
denken, sobald er in Ihr Bewusstsein tritt.
Versuchen Sie doch bei der nächsten Gelegenheit,
einfach mal »Ja« zu antworten, wenn dieser Nein-Kollege etwas
fragt. Wir garantieren Ihnen, der Kollege wird einen Mordsschreck
bekommen, und wenn es gut läuft, bekommen Sie sogar noch einen
Kaffee spendiert.
Was soll das?
Oft machen wir uns das Leben schwer, weil wir
Angst haben, unseren Status zu verlieren. Wenn der Nein-Kollege das
gut findet, dann darf ich das nicht gut finden. Und schon machen
wir uns unglaublich viele Probleme, da wir rechtfertigen müssen,
warum wir etwas nicht möchten, was wir eigentlich möchten. Wir
stehen uns in solchen Momenten selber im Weg und verhindern selbst,
spontan zu sein. Das liegt daran, dass wir in unserem eigenen
Schubladendenken gefangen sind. Der Kollege hat uns sicherlich
einmal einen guten Grund gegeben, zukünftig lieber »Nein« zu seinen
Ideen zu sagen, und an dieser Erfahrung halten wir fest, komme, was
wolle. Wir trauen uns nicht, unseren Blick auf diesen Kollegen zu
überprüfen, und fühlen uns stattdessen wohl dabei, lieber nur
»Nein« zu ihm zu sagen. Diese Gewohnheit wollen wir nicht
verändern. Es kann aber auch einfach sein, dass uns dieser Mensch
unsympathisch ist - ganz normal. Doch im Leben man muss nun mal
auch mit solchen Menschen auskommen, und das gelingt besser, wenn
man sich an der einen oder anderen Stelle ein kleines »Ja« zutraut.


Mal ehrlich: Haben Sie das alles, was bisher zur
Sprache kam, bereits umgesetzt oder nur gelesen? Haben Sie
irgendeine der Übungen ausprobiert oder nicht? - Wenn Sie
mitspielen wollen, müssen Sie »Ja« sagen. Das nur noch einmal fürs
Protokoll.
Sie wollen spontan sein, ohne dass Ihnen jemand
vorher Bescheid sagt. Gut. Dann trainieren Sie gefälligst
ungeplante Situationen. Wir garantieren Ihnen, dass ein ernst
gemeintes »Ja« Sie in genau solche Situationen führen wird. Erst
wenn Sie diese Situationen akzeptieren, lassen Sie zu, dass
überhaupt
etwas passiert. Sie werden überrascht sein, wie oft man sich sogar
in harmlosen Situationen dem »Ja« verweigert.
Ein kurzer Test. Was antworten
Sie?





Haben Sie alle Fragen mit »Ja, sehr gerne«
beantwortet, dann haben Sie alles richtig gemacht. Fünf
Situationen, in denen Sie den Verlauf anders geplant hatten. Durch
Ihre Antwort »Ja, sehr gerne« ist Raum für Unerwartetes
entstanden.
In der Mittagspause mit den Kollegen beim
Chinesen erfahren Sie, dass noch jemand für ein spannendes Projekt
in der Firma gesucht wird - und Sie könnten genau der oder die
Richtige dafür sein. Sie haben sich auf den Museumsbesuch mit Ihrer
Freundin eingelassen und wussten gar nicht, dass es in dem Museum
auch einen Design-Shop gibt. Sie haben einzigartige Regale für Ihre
Wohnung gefunden. Lange haben Sie nicht mehr so viel gelacht wie
beim Minigolfspielen mit den Schulfreunden. Ihre Kinder machen
Ihnen beim Ins-Bett-Gehen eine Liebeserklärung. »Du bist der
tollste Papa auf der Welt.« Und aus der Fußmassage wird der
romantischste Abend, den Sie seit Langem gemeinsam
hatten.
Mit alledem haben Sie nicht gerechnet. Aus den
scheinbar banalsten Situationen kann etwas entstehen, das vorher
nicht absehbar war. Bereits Ihr Alltag bietet unzählige
Möglichkeiten, das Unerwartete zu trainieren und die Gehirnteile,
die für Spontaneität zuständig sind, aufzuwecken und ins
Fitness-Studio zu schicken.
Wäre es nicht wunderbar, wenn wir diese
Situationen nicht nur akzeptieren und zulassen, sondern sie auch
ein Stück weit kontrollieren und gestalten könnten? Denn das wollen
Sie ja: Das Unerwartete unter Kontrolle bekommen. Das geht, indem
Sie dem Wörtchen »Ja« noch etwas hinzufügen. Werden Sie zum
Designer des Unerwarteten. Das klappt, wenn Sie
sich voller Elan in das Unerwartete werfen statt davonzulaufen. Es
kommt Ihnen nämlich hinterher und wird immer schneller sein als
Sie.
Um etwas zu erschaffen und neue Erlebnisse nicht
nur zuzulassen, sondern dabei auch noch etwas zu entdecken, muss
man »Ja, und …« sagen. So fügen Sie immer noch etwas Eigenes hinzu.
Wenn wir auf der Bühne eine Geschichte erzählen wollen, dann hilft
uns das einfache »Ja« nicht weiter. Denn damit passiert noch
nichts. Wenn Sie auf der Bühne Ihres Lebens eine Geschichte
erzählen wollen - also Ihr Leben leben - geht es mit einem »Ja«
auch noch nicht weiter. Sie sind dem Unerwarteten gar nicht so
hilflos ausgeliefert, wie Sie vielleicht denken. Mit einem »Ja«
akzeptieren Sie unerwartete Situationen. Mit einem »Ja, und …«
beginnen Sie, das Unerwartete zu gestalten.
Ein Esstisch in einer schön eingerichteten Wohnung.
Ein Paar, Annika und Markus, beide etwa 35 Jahre alt, sitzt nach
dem Essen bei einem Glas Rotwein zusammen. Sie kennen sich seit
zehn Jahren. Der nächste Sommerurlaub wird geplant:
Variante 1
Markus: | »Wie sieht es denn dieses Jahr mit unserem Sommerurlaub aus? Wozu hättest du denn Lust? Ich denke, wir fahren wieder nach Mallorca.« |
Annika: | »Ich habe neulich in so einer Wohnzeitschrift einen tollen Artikel über Ferienhäuser in Schweden gelesen. Darauf hätte ich mal richtig Lust. Lass uns dieses Jahr doch nach Schweden fahren. Ich miete uns dort ein kleines Haus am Meer.« |
Markus: | »Ja, aber in Mallorca hat es uns doch die letzten Jahre so gut gefallen.« |
Annika: | »Ja, aber in Mallorca war es immer so heiß, du mit deiner empfindlichen Haut verträgst das doch nicht so gut.« |
Markus: | »Ja, aber weißt du, wie viele Mücken es in Schweden gibt? Und die Haut kann ich mit Sonnencreme immer ganz gut schützen. Wir fahren nach Mallorca. Ich habe letztes Jahr schon zugesagt.« |
Kommt Ihnen das bekannt vor? Eine Idee kommt ins
Spiel und wird gleich beiseitegeschoben mit einem schnellen »Ja,
aber«. Vermutlich werden die beiden wieder nach Mallorca fahren
oder jeder alleine Urlaub machen - für immer. Sie in Schweden und
er auf Mallorca. Alles entstanden aus der Angst vor Veränderung. Es
soll lieber alles so bleiben wie immer, genau so wie die
Unzufriedenheit zwischen den beiden. Dabei könnte das Ganze auch
anders laufen:
Variante 2
Markus: | »Wie sieht es denn dieses Jahr mit unserem Sommerurlaub aus? Wozu hättest du denn Lust? Ich denke, wir fahren wieder nach Mallorca.« |
Annika: | »Ich habe neulich in so einer Wohnzeitschrift einen tollen Artikel über Ferienhäuser in Schweden gelesen. Darauf hätte ich mal richtig Lust. Lass uns dieses Jahr doch nach Schweden fahren. Ich miete uns dort ein kleines Haus am Meer.« |
Markus: | »Ja, und ich habe neulich so ein Plakat für einen Dia-Vortrag über Schweden gesehen. Weißt du, so eine Multimedia-Show.« |
Annika: | »Ja, und ich geh morgen mal in die Buchhandlung und hol ein paar Reiseführer. Sag mal, war Gabi nicht auch letztes Jahr in Schweden?« |
Markus: | »Ja, und ich frage mal Jörg und Maria, vielleicht kommen sie auch mit zum Vortrag.« |
Annika: | »Ja, und danach essen wir bei uns Köttbullar. Ich habe bei IKEA einen ganzen Beutel gekauft.« |
Ihre Aufgabe: Kreisen Sie jedes »Ja, und« mit
einem Stift farbig ein. Welcher Dialog fühlt sich besser an? In
welcher dieser beiden Szenen würden Sie lieber mitspielen? Das »Ja,
und« eröffnet neue Wege. Wenn Markus wirklich »Ja« sagt zu der
Idee, erweitern die beiden den Rahmen ihrer Möglichkeiten. Sie
fahren nach Schweden, und wir haben die Gelegenheit zu sehen, wie
es weitergeht. Film ab für einen kleinen Zeitraffer der
Möglichkeiten:
Take 1
Beide fliegen nach Stockholm. Genießen ihren
Urlaub in einem wunderschönen Ferienhaus auf dem Land. Angetan von
dem Urlaub beschließen sie, aufs Land zu ziehen. Die Suche nach
einem geeigneten Objekt wird ein neues gemeinsames Ziel. Er ist
Grafiker und bekommt einen Auftrag, eine Werbekampagne für Milch zu
gestalten. Die Fotos von Kühen, die er in Schweden gemacht hat,
passen perfekt. Er verdient mit dem »Milch-Job« so viel Geld, dass
sie sich das Haus auf dem Land leisten können.
»Es könnte alles so einfach sein, ist es
aber nicht …«
Die Fantastischen Vier
Take 2
Der Flug nach Schweden startet mit fünf Stunden
Verspätung. Bei der Mietwagenfirma am Flughafen in Stockholm weiß
niemand etwas von einer Buchung - und alle Wagen sind vergeben.
Endlich beim Ferienhaus angekommen, regnet es die nächsten 14 Tage
durchgehend. Trotz 12 Grad Außentemperatur sind im Sommer die
Heizungen abgestellt. Nur den Mücken ist die Kälte egal. Markus
wird total zerstochen und lernt dabei, dass er allergisch auf die
schwedischen Mücken reagiert. Die letzten Tage verbringen die
beiden in Stockholm im Krankenhaus, da sein rechtes Handgelenk
durch einen Stich unglaublich angeschwollen ist. Für die nächsten
Wochen ist er als Grafiker erst mal arbeitsunfähig. Seitdem fahren
sie immer nach Mallorca. Aber wenigstens wird Annika nie das Gefühl
haben, dass sie in ihrem Leben einen Urlaub in Schweden verpasst
hat. Von da an ist sie zufrieden mit jedem Sommerurlaub auf
Mallorca.
In jedem Moment, in dem Sie »Ja, und« sagen,
entsteht eine neue Geschichte, die Sie selbst mitgestalten. Und Sie
werden vorher nie wissen, wohin die Reise geht. Was denken Sie? Wie
könnte die Geschichte von Markus und Annika noch verlaufen?
Lola rennt
Kennen Sie den »Schmetterlingseffekt«? Dieser
Begriff wurde von dem Meteorologen Edward N. Lorenz geschaffen. Er
besagt, dass der Lufthauch, der durch den Flügelschlag eines
Schmetterlings in Brasilien entsteht, dazu führen kann, dass in
Texas ein Tornado ausbricht. Genauso kann jedes noch so kleine »Ja«
Ihr Leben in eine ganz andere,
unerwartete Richtung lenken. In dem Film »Lola rennt« entsteht aus
der Idee des Schmetterlingseffekts ein preisgekrönter Filmplot.
Lola muss für ihren Freund Manni innerhalb von 20 Minuten 100.000
Mark auftreiben, die er einem Dealer schuldet. Wir erleben dreimal,
wie Lola versucht, das Geld zu besorgen. Jede der drei Geschichten
verändert sich durch ein kleines Detail, so dass das Geschehen
einen anderen Verlauf nimmt. In kurzen Standbildern sehen wir
außerdem, was alles im Leben der Nebenfiguren passiert, denen Lola
begegnet.
In der Realität haben wir diese Möglichkeit leider
nicht.
Spielen wir ein bisschen weiter: 10.30 Uhr, Sie
machen gerade Frühstückspause und nutzen die Zeit für ein
Telefonat. Etwas, das Sie im Internet bestellt haben, ist nicht bei
Ihnen angekommen. Anruf bei der Kundenhotline:
Variante 1
Telefonstimme: | »Bestellhotline, Firma Schnappke. Mein Name ist Jahnke.« |
Kunde: | »Guten Tag, mein Name ist Brand. Ich wollte mich mal nach dem Verbleib meiner Bestellung erkundigen. Als Lieferzeit war Montag angegeben, und heute ist ja schon Freitag.« |
Telefonstimme: | »Ja, aber das Paket müsste schon längst bei Ihnen sein. Sind Sie sicher, dass es nicht da ist?« |
Kunde: | »Ja, ganz sicher. Sonst würde ich ja nicht anrufen. Es ist leider nicht angekommen. |
Könnten Sie mir da mal helfen und nachsehen...« | |
Könnten Sie mir da mal helfen und nach sehen …« | |
Telefonstimme (unterbricht den Kunden): | |
Kunde: | »Ja, aber was denken Sie, was ich da tun kann?« |
»Vielleicht könnten Sie mal nachsehen, wann es rausgeschickt worden ist?« | |
Telefonstimme: | »Ja, aber das ist alles in einem anderen System gespeichert, da habe ich keinen Zugriff drauf. Das machen die Kollegen. Hier sind Sie in der Bestellhotline.« |
Kunde: | »Könnten Sie mich dann bitte zu einem Kollegen durchstellen?« |
Telefonstimme: | »Ja, aber ich kann Sie nicht durchstellen, weil grade besetzt ist.« |
Kunde: | »Gut, dann geben Sie mir die Nummer.« |
Telefonstimme: | »Ja, aber ich habe gerade keine Telefonliste hier. Rufen Sie doch später noch mal an.« |
Sie finden, das sei übertrieben? Wir finden, dass
dies das reale Leben ist. Uns beiden ist so etwas schon mehrmals
passiert - und Ihnen vermutlich ebenso. Doch das geht auch
anders:
Variante 2
Telefonstimme: | »Bestellhotline, Firma Schnell und Gut. Mein Name ist Huber.« |
Kunde: | »Guten Tag, mein Name ist Brand. Ich wollte mich mal nach dem Verbleib meiner Bestellung erkundigen. Als Lieferzeit war Montag angegeben, und heute ist ja schon Freitag.« |
Telefonstimme: | »Das ist ja merkwürdig. Ich werde dem mal nachgehen. Kann ich Sie unter der Nummer, die mein Display anzeigt, zurückrufen?« |
Kunde: | »Ja, das ist die Nummer.« |
Telefonstimme: | »Ja gut, und sicherheitshalber gebe ich Ihnen noch einmal meine direkte Durchwahl: 089/123 456 …« |
Kunde: | »Ihre direkte Durchwahl?« |
Telefonstimme: | »Ja, und falls Sie mit einem Kollegen sprechen, ich habe den Vorgang hier bei mir notiert, er stellt Sie dann durch. Passen Sie auf: Ich mache Ihnen die gleiche Lieferung noch mal fertig, wenn das Päckchen doppelt ankommen sollte, rufen Sie mich noch mal an und schicken eines zurück.« |
Wow, fühlt sich das gut an, das ist einem von uns
tatsächlich schon einmal passiert. Es geht gar nicht darum, dieses
»Ja, und« wortwörtlich zu nehmen. Eigentlich reicht schon die
innere »Ja-und«-Haltung, um eine Atmosphäre zu schaffen, in der es
vorangeht und Kooperation entsteht. Nun raten Sie mal, bei welcher
Firma wir neuerdings besonders gerne bestellen?
Die Yes-Company
Wo kaufen Sie gerne ein? In Läden, in denen Sie
eine »Ja«-Kultur spüren oder woanders, wo Sie weniger willkommen
sind? Einige Firmen haben das »Ja«-Sagen tatsächlich in ihren
Leitlinien zum Umgang mit den Kunden festgeschrieben. Aus dem
amerikanischen Sprachgebrauch möchten wir den wunderbaren
Begriff der »Yes-Company« übernehmen. Was ist damit gemeint?
Yes-Companys sind Firmen, in denen die Mitarbeiter »Ja« zum Kunden
sagen dürfen, und zwar jenseits von vorgefertigten
Gesprächsleitfäden. Dabei sollen sie sich auf ihren gesunden
Menschenverstand verlassen. Entscheidungen von Kollegen werden
jeweils mitgetragen und akzeptiert, sie müssen sich dafür nicht
rechtfertigen.
Aufgrund unserer Arbeit sind wir sehr sensibel für
Firmen geworden, die das »Ja«-Sagen schon leben. Vielleicht haben
Sie zusammen mit einem Ihrer Kollegen die Möglichkeit, Ihren
Arbeitsplatz ein Stück weit in eine Yes-Company zu verwandeln. Oder
Sie werden ein Yes-Man, eine Yes-Woman oder eine Yes-Family.
Das Gegenteil sind »No-Companys«. Wir haben mit dem
Beispiel der Bestellhotline eine solche Firma skizziert.
No-Companys erkennen Sie sofort an Sätzen wie:
»Oh, da bin ich nicht für zuständig.«
»Das kann gar nicht sein.«
»Das sieht unser System gar nicht vor.«
»Rufen Sie morgen noch mal an.«
»Das ist nicht unser Fehler.«
Welche Sätze kommen Ihnen bekannt vor? Welche
kennen Sie noch?
Yes-Companys hingegen zeichnen sich durch
Zustimmung aus. Als Kunde wird man positiv überrascht.
Die Mitarbeiter eines großen Outdoor-Geshcäfts
dürfen »Ja« zu den Reklamationswünschen der Kunden sagen. Dort
wollte ich bei einer Jacke nach eineinhalb Jahren den kaputten
Reisverschluss ersetzen lassen.
Ich hätte auch dafür gezahlt. Der Verkäufer sah die Jacke, ging
zum Regal drückte mir eine neue in die Hand und sagte, das laufe
noch auf Garantie. Ich hatte keinen Kassenbon dabei. Für mich als
Kunde ein super Erlebnis, auf Nachfrage erzählte mir der Verkäufer,
dass er sofort gesehen habe, dass eine solche Jacke in seinem Laden
verkauft werde, und er wusste, das er sie reklamieren darf. Deshalb
konnte er meinem Reklamationswunsch sofort mit »Ja«
begegnen.

Seit Kurzem fahre ich eine neue Automarke und
habe seitdem auch eine neue Werkstatt. Welch ein Genuss. BEi meinem
alten Händler musste ich mich immer bei einer Empfangsdame melden
die mir durch eine Betonfrisur und ihr eingefrorenes Lächeln in
Erinnerung geblieben ist. Erst nach Nennung meines Namens, Abgabe
der Fahrzeugpapiere und Abgleich der Daten in ihrem Rechner hatte
ich die Chance, einen Meister auch nur anzuschauen. Das hieß, ich
durfte darauf warten, dass jemand zu mir kam. Das hat mal fünf
Minuten, aber gern auch mal 25 Minuten gedauert. Erinnert such noch
jemand an Grenzkontrollen an der deutschen Grenze? In dieser neuen
Werkstatt hatte ich eine Frage und wollte am Telefon erst einmal
abklären, wann jemand für mich Zeit hätte. Die Antwort: »Kommen Sie
doch einfach vorbei.« Aus mainer bisherigen Erfahrung dachte ich,
ich sollte vorbeikommen, um das Problem erst mal zu begutachten,
und dann einen Termin machen, um den Schaden zu beheben. Nein,
wurde mir am Telefon gesagt, ich solle vorbeikommen und dann hätte
er - Herr Lohner - Zeit für mich. Er wäre heute und morgen den
ganzen Tag da. Hingefahren und - Herr Lohner hatte Zeit, kam sofort
mit ans Auto, begutachtete den Schaden, holte einen Schraubenzieher
und reparierte das wackelige Teil. Und all das, ohne Namen und
Fahrzeugpapiere zu verlangen. Als ich nach dem Preis fragte,
antwortete er, das sei doch Pipifax und er freue sich, wenn ich zur
Inspektion zu ihm käme. Herr Lohner durfte »Ja« sagen. Er hat mich
sofort als Stammkunden gewonnen.

Für einen Auftritt war ich von unserem Kunden
un einem sehr guten Hotel untergebracht worden. Erst um Mitternacht
kam ich ins Hotel zurück. Hungrig wollte ich noch etwas zu essen
bestellen, doch die Bedienung an der Bar sagte, dass es die kleinen
Speisen leider nur bis 23 Uhr gäbe. Ohne meine Reaktion weiter
abzuwarten, schlug sie vor: »Aber es wäre doch gelacht, wenn ich
hier im Haus nichts mehr zu essen für Sie finde.« Kurze Zeit später
kam sie mit geschmierten Salami-Broten zurück,dekoriert mit
Kartoffelchips und Tomaten. Eine Mitarbeitern, die »Ja« zum Hunger
der Gäste sagen darf.
Was haben diese Geschichten gemeinsam? Die
Menschen, von denen hier die Rede ist, sagen erst mal »Ja« und
wagen sich damit in eine ungeplante Situation. Sie haben keine
Angst vor Fehlern und Misserfolgen, da sie von den Kollegen, der
Firma oder einfach nur durch ihr Vertrauen in sich selbst
unterstützt werden.
Spielen wir ein bisschen weiter. Diesmal zuhause.
Es ist Freitag, 18 Uhr. Er ist gerade von einer dreitägigen
Dienstreise zurückgekommen. Sie sitzt im Wohnzimmer und sieht fern.
Nach dem Duschen ruft er aus dem Bad.
Variante 1
Mann: | »Sag mal, da sind Barthaare im Waschbecken. Hattest du einen anderen Mann hier, während ich auf Dienstreise war?« |
Frau: | »Ja, aber das war nur mein Cousin Stevie.« |
Mann: | »Ja, aber deinen Cousin habe ich unterwegs zufällig getroffen.« |
Frau: | »Oh Gott, wer war dann der Mann, der hier war?« |
An dieser Stelle empfehlen wir, ausnahmsweise auf das »Ja, und« zu verzichten, sonst geht es womöglich so aus: |
Variante 2
Mann: | »Sag mal, da sind Barthaare im Waschbecken. Hattest du einen anderen Mann hier, während ich auf Dienstreise war?« |
Frau: | »Ja, und wir hatten es sehr nett.« |
Mann: | »Ja, und wollen wir dann mal zu dritt oder noch besser zu viert? Ich habe auf meiner Dienstreise auch eine nette Schwedin kennen gelernt.« |
Frau: | »Ja, und dann koche ich für alle was Leckeres …« |
Sagen Sie »Ja, und« und Sie gelangen ein Stück
näher an Ihre Mitmenschen, Kollegen und Kunden heran. Mit all den
unerwarteten - und oft beglückenden - Konsequenzen.
Hätte uns jemand vor zehn Jahren gesagt, dass wir
von unserer Theaterarbeit leben können, mit Vorträgen und Shows
durch Europa reisen und ein Buch veröffentlichen, wir hätten ihm
einen Vogel gezeigt. Dennoch haben wir in jedem Moment »Ja, und«
gesagt, eins ergab das andere, und der jeweilige nächste logische
Schritt folgte automatisch. Mal sehen, wo wir in zehn Jahren
landen.
Erst wenn Sie »Ja, und« sagen, können Sie etwas
verändern, das Unerwartete gestalten und vorantreiben. Fangen Sie
jetzt sofort an, schalten Sie Ihre Sensoren ein und überprüfen Sie
Ihre Bereitschaft, »Ja« zu sagen. Wo sind Sie bereits ein
»Ja-Mensch«? Oder blicken Sie zurück: Wann haben Sie in Ihrem Leben
schon »Ja, und« gesagt? Und wohin hat Sie diese Entscheidung
gebracht? Welche Weichen haben Sie gestellt?
Nehmen Sie sich ein bisschen Zeit und denken Sie darüber nach. Es
lohnt sich.
Spontaneität lässt sich nicht einstudieren, man
muss sie erleben und als Lebenshaltung verinnerlichen. Das simple
Wort »Ja« hilft Ihnen dabei. »Ja, aber ich kann doch jetzt nicht
einfach anfangen …«, hören wir Sie jetzt vielleicht sagen. Merken
Sie was? Nehmen Sie einen Buntstift und kreisen sie das »Ja, aber«
in Ihren Gedanken ein.
Bono, der Sänger der Band U2, hat einmal über den
unvorhersehbaren großen Erfolg seiner Band sinngemäß Folgendes
gesagt: »Wenn du den Wahnsinn nicht mehr kontrollieren kannst, dann
surfe auf ihm.« Auch eine Form »Ja, und …« zu sagen.

Übung 5:
Der innere »Ja-Checker«
Sie brauchen dazu:
• sich selbst
• Fragen, die Ihnen gestellt werden
• einen Tag Zeit
• Ihr Ja-Buch
Und so geht’s:
Den Nein-Kollegen haben Sie bereits kennen gelernt
und sich mit ihm auseinandergesetzt. Aber seien Sie mal ehrlich,
nicht nur bei dieser einen Person sagen Sie »Nein«. In dieser Übung
geht es um alle Situationen, von morgens bis abends, egal wo und
mit wem, in denen Sie »Nein« sagen. Beobachten Sie
sich einen Tag lang dabei, wie viele Fragen Sie reflexartig erst
mal mit »Nein« oder »Ja, aber« beantworten. Versuchen Sie, den
ganzen Tag lang immer kurz innezuhalten, bevor Sie eine Frage
beantworten. Zählen Sie in Gedanken langsam bis drei und überprüfen
Sie sich, ob Sie vielleicht nur aus Sicherheit »Nein« sagen
wollten. Wenn dem so sein sollte, antworten Sie mit »Ja« oder
besser noch mit »Ja, und …« Lassen Sie die Veränderungen Revue
passieren, indem Sie die positiven Erfahrungen in Ihrem Ja-Buch
aufschreiben. Was ist an dem Tag Spontanes passiert? Was haben Sie
erlebt?
Variante für Fortgeschrittene:
Halten Sie nicht inne, sondern antworten Sie
sofort »Ja, und …« auf jede Frage, die Ihnen an diesem Tag gestellt
wird, egal, um was es geht. Dann müssen Sie allerdings auch
dementsprechend handeln.
Was soll das?
Beim Nein-Kollegen haben wir entsprechende
Erfahrungen mit einem Menschen gesammelt, die uns dazu veranlassen,
»Nein« zu ihm zu sagen. Wir sagen aber auch »Nein« zu Menschen, mit
denen wir noch keine solchen Erfahrungen gemacht haben, und
vermeiden damit eine gemeinsame neue Erfahrung. Mit einem »Nein«
wiegen wir uns in Sicherheit. Ein »Nein« verändert nichts. Alles
bleibt so wie immer, und wir brauchen uns nicht auf neue
Situationen einzustellen. Ein »Nein« ist ein Showstopper, ein
»Nein« blockiert neue Ideen. Die Welt würde sich nicht verändern,
würden wir dauernd »Nein« sagen. Sie werden feststellen, dass in
vielen Situationen das »Ja« gar nicht so gefährlich wird, wie man
denkt.

Bis hierhin war doch alles ganz simpel und
einfach. Ganz simpel? Ganz einfach? Fangen Sie
einfach an. Einfach anfangen, so etwas kann auch nur in
Ratgebern stehen. Und das »Ja« sagen liest sich ja auch ganz
einfach. Eigentlich eine simple Regel, die man sich bloß merken
muss. Aber warum fällt es einem dennoch so schwer?
Auch für uns ist nicht immer alles einfach. In
manchen Situationen sträubt sich alles dagegen, einfach loszulegen.
Da fallen auch uns viele Ausreden einem ein. Zum Beispiel: »Wo
kommen wir denn hin, wenn alle nur noch ›Ja‹-Sager wären?« Oder:
»Ich kann doch auch erst mal abwarten und dann entscheiden.« Kurz:
Allen Menschen fällt es immer wieder mal unglaublich schwer, diese
Regel zu befolgen.
Warum ist das so? Wir haben das Bedürfnis, die
Kontrolle zu behalten, wir möchten uns selbst vor dem Unerwarteten
schützen. Und wir möchten auch keine Fehler machen. Vielleicht ist
dieses Verlangen nach Kontrolle tatsächlich ein Überbleibsel aus
der Urzeit. Erinnern Sie sich an die Fight-or-Flight-Reaktion?
Lieber kämpfen mit »Ja, aber« oder flüchten mit »Ja, oder«, uns
schützen mit »Nein«, dann behalten wir die Kontrolle, und alles
bleibt, wie es war.
Wir müssen uns nicht unbedingt auf etwas Neues oder
Unerwartetes einstellen. Allerdings sind wir dann zugleich gefangen
in unseren Anti-Spontaneitäts-Welten, über die unser innerer Zensor
wacht. Das ist ein kleiner Mann mit dunklem Anzug und Brille,
insgesamt sieht er ein wenig konservativ aus. Er macht es sich
gerne mit unserem inneren Schweinehund auf dem Sofa bequem. Wenn
der innere Schweinehund es nicht mehr schafft, Sie mit Gedanken wie
»Wenn du jetzt ›Ja‹ sagst, hast du bestimmt viel Arbeit vor dir,
mach mal lieber gar nichts« manipulieren, tritt der Zensor in
Aktion: »Gestatten,
ich bin Ihr innerer Zensor.« Sein Wunsch nach Kontrolle beherrscht
uns stärker als nötig. Er macht es sich vor allem in der linken
Gehirnhälfte bequem. Der innere Zensor ist die innere Stimme in
uns, die unsere gesellschaftlichen Werte- und Moralvorstellungen
vertritt, was zum Teil ja auch ganz vernünftig sein mag. Leider ist
der innere Zensor oft etwas zu rigide und bequem geworden, und wenn
er nicht weiterweiß, dann zensiert er auch da, wo es gar nicht
notwendig wäre. Damit blockiert er uns und versperrt den Weg in ein
Leben voller Spontaneität. Er nimmt auch gern getarnte »Nein«-Sätze
in den Mund:
»Das kann man doch
nicht machen.«
»Haben wir alles
schon mal ausprobiert.«
»Damit mache ich
mich doch lächerlich.«
»Das funktioniert
nie.«
»Was sollen denn die
Nachbarn denken?«





»Tstststststs«, sagt er kopfschüttelnd und schaut
dabei über den Rand seiner Brille, wie Omas das tun, wenn sie ihre
Enkelkinder beim Stibitzen von Schokolade erwischen.
Ein spontaner Mensch weist seinen inneren Zensor in
seine Schranken. Sobald Sie herausgefunden haben, wie Ihr innerer
Zensor tickt, wird Ihnen das »Ja«-Sagen leichter fallen. Sobald Ihr
innerer Zensor das merkt, wird er klein beigeben.

Übung 6:
Den inneren Zensor in seine Schranken weisen
Sie brauchen dazu:
• sich selbst
• Ihre innere Stimme, sprich, den inneren
Zensor
• eine Situation, in der etwas entschieden werden
muss
• Ihr Ja-Buch
Und so geht’s:
Lernen Sie Ihren inneren Zensor kennen. Er ist die
Stimme Ihrer Gedanken, die Ihnen viele Argumente liefert, warum Sie
etwas nicht versuchen oder anfangen sollten. Antworten Sie das
nächste Mal: »Ja, ja, ich habe deine Bedenken gehört. Aber an
dieser Stelle entscheide ich!« Malen Sie ein Bild von Ihrem inneren
Zensor in Ihr Ja-Buch und sagen Sie bloß nicht, Sie könnten nicht
malen.
Was soll das?
Der innere Zensor ist nicht immer ein Störenfried.
In vielen Situationen schützt er uns und lässt uns mit gesundem
Menschenverstand handeln. Man sollte ihn deshalb ernst nehmen.
Manchmal aber schießt er über sein Ziel hinaus und blockiert uns,
etwas Neues auszuprobieren oder zu wagen. Die Vorschläge und
Zensur-Sätze des inneren Zensors haben sich über all die Jahre
Ihres Lebens entwickelt und verfestigt. Das können übernommene
Sätze von Lehrern, Eltern, Vorgesetzten, Partnern sein ebenso wie
Sätze, mit denen der innere Zensor Sie mal beschützte, als Sie noch
klein waren. Und nun flüstert er Ihnen diese Sätze wieder ein, hat
aber gar nicht gemerkt, dass Sie kein kleines Kind mehr sind,
sondern ein
erwachsener Mensch, und dass seine Ratschläge alles andere als
hilfreich sind.
Indem wir mit dem inneren Zensor in Dialog treten,
erkennen wir ihn an und übernehmen gleichzeitig die Kontrolle über
die Entscheidung. Dieser Dialog hilft, die Vermischung aus realer
Situation und erlernten Zensursätzen klar zu trennen und in einer
neuen Situation angemessen zu handeln. 

Eigentlich klingt es doch ganz vernünftig, in
einer geschützten Zone bleiben zu wollen. Warum sollte man daran
etwas ändern? Sicherheit ist wie gesagt nur eine Illusion - es gibt
sie nicht oder nur in einem begrenzten Rahmen. Und dann stehen wir
da mit der Veränderung, die auf uns einstürmt. Kaninchen-Feeling!
Fangen Sie also lieber jetzt an zu trainieren, mit unerwarteten
Situationen umzugehen. Lassen Sie sich davon überraschen, was alles
Wunderbares passieren wird. Sehen Sie das »Ja« und die damit
verbundenen Ereignisse nicht als etwas Bedrohliches, das Sie nicht
kontrollieren können, sondern als Chance für Neues.
Wir spielen regelmäßig in kleinen Kulturzentren.
Zwei Scheinwerfer, 50 Zuschauer. Back to the Roots. Bei einem
solchen Auftritt baten wir die Zuschauer um Anregungen für eine
Beziehungsszene zwischen zwei Personen. Normalerweise kommen dann
immer Vorschläge wie »Vater - Sohn«, »Schüler - Lehrer« oder
»Schornsteinfeger - Zimmermann«. Von diesen Vorgaben lassen wir uns
inspirieren und entwickeln eine Szene. Diesmal saßen in der letzten
Reihe zwei etwa 16-jährige Jungs, die halblaut, wohl um zu
provozieren, »Auf die Fresse hauen!« riefen. Während ein Raunen
durch das Publikum ging, huschte über unsere Gesichter ein
Strahlen. Innerhalb von Sekunden entstand ein Musical über einen
Türsteher,
der es satthat, nur »auf die Fresse zu hauen«, und dessen
Traumberuf Leuchtturmwärter ist. Am Ende gab es großen Applaus,
auch aus der letzten Reihe. »Ja« gesagt im richtigen Moment.

Übung 7:
»Ja«, ohne Wenn und Aber
Sie brauchen dazu:
• sich selbst
• einen festgelegten Zeitraum
Und so geht’s:
Beantworten Sie in einem festgelegten Zeitraum,
der mindestens 60 Minuten dauern sollte (je länger, desto besser),
alle Fragen, die Ihnen gestellt werden, mit »Ja, und …«. Sie fügen
dem »Ja« also immer noch einen weiteren Vorschlag hinzu.
Beobachten Sie sich dabei: Wie hat sich Ihr
Verhalten während dieser Zeit verändert? Was ist passiert? Ist
etwas geschehen, das Sie nicht erwartet haben? Hat sich Ihr Kontakt
zu anderen Menschen womöglich verbessert?
Variante für Fortgeschrittene:
Vermutlich haben Sie sich für die Übungen eine
Situation gesucht, in der es einfach ist, 60 Minuten »Ja, und …« zu
sagen. Wenn Sie diese Übung in diesem Rahmen gut beherrschen,
können Sie sie erweitern, indem Sie »Ja, und …« auch dann sagen,
wenn es auf dem ersten Blick kein Sicherheitsnetz gibt, z.B. immer
die ersten 30 Minuten im Büro, bei allen Kundenanrufen zwischen 10
und 11 Uhr …
Was soll das?
Bei dieser Übung geht es darum, Ihre Konzentration
ausschließlich auf das »Ja, und …« zu legen und die Konsequenzen
dieser Entscheidung zu tragen. An ein »Nein« darf gar nicht mehr
gedacht werden. Darüber hinaus üben Sie sich darin, eine Frage oder
Idee, die man an Sie heranträgt, weiterzuentwickeln. Vielleicht ist
es am Ende leichter, »Ja, und …« zu sagen, als Sie anfangs dachten.
Selbstverständlich sollen Sie während der Übung keine Fragen mit
»Ja« beantworten, die Sie in Gefahr bringen könnten. 

Wackeldackel
Ist es wirklich ratsam, immer und überall »Ja« zu
sagen? Alles abzunicken wie ein Wackeldackel auf der Hutablage
eines alten Opel Kadett? Zum Opportunisten zu werden, zu einem
Menschen, der sein Fähnchen nach dem Wind hängt?
Die Antwort lautet: Natürlich nicht! Es gibt genug
Fragen, die Sie nicht mit »Ja« antworten werden und auch nicht
sollten. Leiden Sie beispielsweise unter einer
Nahrungsmittelallergie gegen Nüsse, werden Sie den Nusskuchen, den
man Ihnen anbietet, ablehnen. Es geht ja schließlich um Ihr Leben.
Wenn Ihnen jemand etwas verkaufen will, was Sie nicht brauchen,
werden Sie bewusst »Nein« sagen. Kurz: Es geht nicht darum, zum
bedingungslosen »Ja«-Sager zu werden und wie ein Wackeldackel alles
abzunicken. Es geht vielmehr darum, nicht zu allem reflexartig
»Nein« zu sagen. Übernehmen Sie Verantwortung für die
Entscheidungen, bei denen Sie »Ja« sagen. Ihre Intuition - Ihr
Bauchgefühl - wird Ihnen dabei helfen, die richtige Entscheidung zu
treffen.

Wenn Sie »Ja« sagen, achten Sie darauf, dass Sie es
auch wirklich meinen. Eine Freundin erzählte uns während der Arbeit
an diesem Buch, dass sie manchmal spontan »Ja« sage, wenn Freunde
sie einlüden, beim Italiener um die Ecke einen Kaffee zu trinken.
Dann würde sie jedoch dort sitzen und sich ärgern, weil sie ihrem
eigentlichen Plan (aufräumen, einkaufen etc.) nicht nachging und
ihr gesamter Zeitplan noch enger und hektischer würde. Sie kam zu
dem Schluss, in solchen Situationen »falsch spontan« zu sein. Wir
kennen diese Situationen, Sie bestimmt auch. In der Regel sagt man
in solchen Momenten »Ja«, weil man das Gefühl hat, nett zu jemandem
sein oder jemandem einen Gefallen tun zu müssen. Das »Ja« kommt
dann nicht wirklich aus einem inneren Impuls heraus. Wenn Sie mehr
auf Ihren Bauch hören (siehe Navituition), werden Sie relativ
schnell spüren, an welchen Stellen Sie sich vor einem »Ja« drücken,
um keine neuen Wege zu gehen, und wo Sie ein »Nein« scheuen, um
sich nicht unbeliebt zu machen. Dabei wissen Sie gar nicht, welche
Folgen ein »Nein« tatsächlich nach sich ziehen würde.
Aus einer ganz anderen Perspektive hat sich der
großartige Kabarettist Horst Schroth mit »Ja«- und »Nein«-Sagen in
seinem Programm »Herrenabend« beschäftigt. Es geht darum, warum
Männer in Standardsituationen innerhalb einer Beziehung immer
gleich reagieren sollten. Als Mann sollte man immer mit »Ja«
antworten, wenn die Frau fragt: »Liebst du mich noch?« Auf keinen
Fall entgegnen: »Liebe? Wie meinst du das denn jetzt?« Oder: »Warum
fragst du?« Die Antwort lautet immer »Ja«. Wir empfehlen darüber
hinaus, in einem solchen Moment nicht mit »Ja, aber …« zu
antworten. Fragt die Frau
jedoch: »Findest du mich zu dick?«, muss ein Mann immer ein klares
»Nein« verlauten lassen und danach sofort den Raum verlassen. Bei
aller Spontaneität rät Horst Schroth dringend, sich an diese Regeln
zu halten.
Doch nicht nur im Kabarett, auch im echten Leben
gilt: Jedes »Ja« macht Sie präsenter und verantwortlicher für Ihr
Wort, das Sie gegeben haben. Mit einem klaren »Ja« sind Sie ein
verlässlicher Partner. Überraschend, unerwartet, inspirierend. Ihre
Kollegen und Freunde werden das bald merken und im besten Fall
sogar ebenfalls spontaner reagieren.
In unerwarteten Situationen fürchten wir am meisten
den Kontrollverlust. Nicht zu wissen, was kommt: Wir stehen vor der
Tür und wissen nicht, ob uns das Sofa hinter der Tür gefallen wird,
geschweige denn, ob es überhaupt ein gemütliches Sofa gibt. An dem
Unerwarteten selbst können wir nichts ändern, auch wenn scheinbar
alles sicher und dreimal geplant ist, gibt es keine Garantie dafür,
dass der Plan auch so durchläuft, wie er aufgesetzt worden ist.
Wenn Sie daran schon nichts ändern können, dann ändern Sie Ihr
Verhalten in solchen Situationen. Akzeptieren Sie die Situation so,
wie sie ist. Lassen Sie sich nicht fremdbestimmen, weder von
anderen noch von Ihrem inneren Zensor.
Wie wir alle müssen Sie das üben, üben, üben.
Nutzen Sie die Chancen, die Ihnen das »Ja«-Sagen bietet. Mit der
Zeit gewöhnen Sie sich daran, dass es Situationen gibt, die sich
nicht vorausplanen lassen. Weil Sie das Risiko eingegangen sind und
sich in neue ungewohnte Situationen gebracht haben, werden Sie
versierter. Also, lassen Sie uns weiterüben.

Übung 8:
Das »Nein«-Roulette
Sie brauchen dazu:
• sich selbst
• sch lechte Laune
• sch lechtes Wetter
• einen nervigen Partner, wahlweise geht auch ein
ebensolcher Kollege, Elternteil, Verwandter, Nachbar …
Und so geht’s:
Achtung: Wenn Sie diese Übung lesen, dann hat es
eine feindliche Übernahme gegeben und irgendjemand will Sie auf die
böse Seite der Macht ziehen … Sollten Sie die Nase voll vom
»Ja«-Sagen haben, haben wir eine Auswahl an Sätzen
zusammengestellt, mit denen Sie ein »Nein« ebenso gekonnt wie
versteckt umgehen können.
»Weiss nicht.«
»Bist du dir sicher?«
»Da möchte ich noch mal drüber nachdenken.«
»Was haben die anderen denn gesagt?«
»Ja, oder wir machen es doch ganz anders.«
»Das sieht mein Mann/meine Frau/mein Chef/mein Arzt
nicht so gerne.«
»Das klappt sicher nicht.«
»So haben wir das noch nie gemacht.«
»Laut Anleitung darf man das nicht.«
»Das kann man nicht einfach machen.«
»Das habe ich schon mal ausprobiert, das klappt
nicht.«
»Da mache ich mich doch lächerlich.«
»Das funktioniert nie.«
»Dafür bin ich nicht zuständig.«
»Ich habe für solche Themen gerade keine
Sprechzeit.«
»Meinst du wirklich?«
»Ja, aber noch besser wäre doch …«
»Solange du die Füße unter meinen Tisch stellst
…«
»Dagegen sind wir nicht versichert.«
»Das erlaubt mein Arzt mir nicht.«
»Das wird nicht so gerne gesehen.«
»Besser nicht.«
»Das ist bestimmt aufwändiger.«
»Wenn das schiefgeht …«
Was soll das?
Das können wir Ihnen leider nicht sagen. Sie haben
die oben stehenden Sätze hoffentlich nicht von sich gegeben und
werden es auch nie tun. Wie schon erwähnt, hat es an dieser Stelle
eine feindliche Übernahme gegeben. Vermutlich ist dieses Buch
gehackt worden oder ein Trojaner hat sich eingeschlichen. Sie
dürfen die Sätze auf keinen Fall verwenden, um das Virus nicht
weiterzuverbreiten. Sollten Sie es doch getan haben, schalten Sie
auf Reset und beginnen Sie die Lektüre des Buches von vorn.


Payback for your life
Ihr Name ist Claire Redfield, Sie sind Mitglied
einer Spezialeinheit und leben in Raccoon City. Endzeitstimmung.
Sie kämpfen sich mit unterschiedlichen Waffen durch die
verschiedenen Gegenden Ihrer Stadt. Sie stehen immer wieder
Monstern und Zombies gegenüber, gleichzeitig finden Sie
auch Gegenstände auf Ihrem Weg, die Sie mitnehmen können. Sie
packen sie ein, auch wenn Ihnen, Claire Redfield, in der
augenblicklichen Situation nicht klar ist, wofür all das mal gut
sein könnte.
Wir befinden uns in einer virtuellen Welt. Sie sind
die Heldin eines Videospiels, und das heißt »Resident Evil«. Sie
sind ein Wesen, das aus Nullen und Einsen besteht, und leben in
einer Playstation. Als erfahrene Heldin eines Videospiels wissen
Sie, dass Sie die Gegenstände, die Sie finden, später - auf einem
höheren Level - brauchen werden.
Als Held eines spontanen Lebens machen Sie es bitte
genauso. Sammeln Sie Erlebnisse und Erfahrungen, von denen Sie im
Moment noch nicht wissen, wofür sie gut sein könnten. Es sind Ihre
eigenen Bonuspunkte, die Sie irgendwann einlösen werden.
Steve Jobs, Mitbegründer und Mastermind von Apple
Inc., nannte das in einer Rede vor Studenten, die gerade ihren
Abschluss gemacht hatten, mal »die Punkte verbinden«. Es ist nicht
absehbar, wofür wir unsere gesammelten Erfahrungen später einmal
benötigen. Steve Jobs beispielsweise hat an seinem College aus
reiner Lust ein Kalligrafie-Seminar belegt. Er wusste zu dem
Zeitpunkt noch nicht, ob und wozu er dieses Wissen gebrauchen
könnte. Erst Jahre später stellte sich heraus, wie wichtig diese
Erfahrung für die Entwicklung des ersten Macintosh-Computers war.
Der Apple Macintosh war der erste Computer, der verschiedene
Schriftarten am Bildschirm anzeigen konnte und über eine sogenannte
grafische Benutzeroberfläche mit »Fenstern«, »Papierkorb« und Menüs
verfügte, die sich anklicken ließen. Alles, was heute normal ist,
war damals revolutionär.
Das »Verbinden der Punkte« ist immer erst im
Rückblick möglich. Wir sammeln also vorausschauend, auch wenn wir
den direkten Nutzen noch nicht kennen. Sammeln Sie ab sofort auch
jenseits Ihrer Komfortzone Erfahrungen und Bonuspunkte.

Übung 9:
Selektive Wahrnehmung
Sie brauchen dazu:
• Sich selbst
• ein beliebiges Thema
• eine Woche Zeit
• Ihr Ja-Buch
Und so geht’s:
Wählen Sie ein beliebiges Thema, es muss Sie noch
nicht mal sonderlich interessieren: Bäume, Schweden, Bücher,
Fotografie, Spontaneität, Architektur, Essen etc.
Schlagen sie in Ihrem Ja-Buch eine neue Seite auf
und schreiben Sie das Thema groß auf eine Seite. In der folgenden
Woche verbringen Sie ganz normal Ihren Alltag, mit dem einzigen
Unterschied, dass Sie einmal am Tag, am besten morgens, in Ihr
Ja-Buch schauen, um sich an Ihr Thema zu erinnern. Im Alltag
schärfen Sie ab jetzt Ihren Blick für z.B. das Thema
Spontaneität.
Sie werden überrascht sein, wo Ihnen Ihr Thema
überall entgegenspringt. Welche Werbung möchte Sie verleiten,
spontan in den Urlaub zu fliegen? Welche Versicherung möchte Sie
vor Unerwartetem schützen? Welcher Politiker verlangt von den
Bürgern mehr Spontaneität und Flexibilität? Notieren Sie in Ihrem
Ja-Buch Situationen, in denen Sie überrascht waren, Ihrem Thema zu
begegnen.
Was soll das?
Oft glauben wir, dass wir alles um uns herum genau
wahrnehmen. Um spontan kreative Ideen zu entwickeln, müssen wir mit
wachsamem Auge alles, was uns zur Verfügung steht, nutzen. Diese
Übung trainiert unsere Wahrnehmung. Wir erleben, dass es in unserer
unmittelbaren Umwelt mehr Informationen zu einem Thema gibt, als
wir gedacht hätten. Um spontan reagieren zu können, müssen wir
schnell auf Informationen zurückgreifen können. Und das können nur
Informationen sein, die für Sie jetzt verfügbar sind, die
Sie also beispielsweise schon im Kopf haben. 

Erinnern wir uns noch mal an Annika und Markus,
das Paar, das seinen Sommerurlaub plant. Markus hatte ein Plakat zu
einem Dia-Vortrag über Schweden gesehen und konnte in dem Gespräch
mit Annika auf diesen Eindruck zurückgreifen. Obwohl er vorher nie
über Schweden nachgedacht hat, hatte er das Plakat wahrgenommen und
konnte seine gesammelten »Bonuspunkte« bei Annika einlösen.
Da wir auf Unerwartetes reagieren wollen, wissen
wir vorher nicht, welche Informationen wir gebrauchen können und
welche nicht. Also heißt es, Erlebnisse sammeln. Dabei stellt sich
noch ein anderes Phänomen ein, das auch als selektive Wahrnehmung
bezeichnet wird. Sie kennen das sicher: Sie beschäftigen sich
gerade mit einem Thema und auf einmal begegnen Ihnen im Fernsehen,
in der Zeitung, in Ihrem Stadtteil thematisch passende Puzzleteile.
Kaum ist bei Annika und Markus das Thema Schweden im Kopf
verankert, springt es Markus überall ins Auge. Im Supermarkt gibt
es schwedische Kekse, seine Jacke hat eine kleine schwedische
Flagge aufgenäht, beim Abfahrtslauf im Fernsehen starten
überdurchschnittlich
viele Schweden, in jedem Reisebüro scheint es neuerdings Angebote
für Reisen nach Schweden zu geben. Das neue Besteck ist in Schweden
entworfen worden. Und selbst in seiner Pornosammlung findet er acht
schwedische Filme.
Uns ging es so, als wir Väter wurden. Kaum schoben
wir mit dem Kinderwagen durch den Stadtteil, schien der von
Kinderwagen überzuquellen, überall waren über Nacht
Kinderbekleidungsgeschäfte aus dem Boden geschossen. Und wo kamen
auf einmal die ganzen Spielplätze, Kindergärten und Schulen her?
Sie waren schon immer da. Unsere selektive Wahrnehmung hat sie vor
uns versteckt.
Probieren Sie mal, Ihre selektive Wahrnehmung zu
beeinflussen. Sie können den Spieß nämlich auch umdrehen und selbst
aktiv werden. Suchen Sie sich ein Thema und seien Sie offen dafür.
Sie werden überrascht sein, wie reichhaltig Sie Ihre Umwelt mit
Anregungen zu diesem Thema versorgt.
Sagen Sie »Ja« zu den Erlebnissen und Eindrücken.
Füllen Sie Ihr Erlebnispunkte-Konto, um in unerwarteten Situationen
darauf zurückgreifen zu können.

Übung 10:
Das Konto »Erlebnispunkte« auffüllen
Sie brauchen dazu:
• Sich selbst
• einen Zeitungskiosk
• einen Fußweg
• einen Fernseher
• eine Kantine/ein Restaurant
• fünf bis zehn Minuten Lebenszeit
Und so geht’s:
Diese Übung gibt es in verschiedenen Varianten.
Wählen Sie eine, die Ihnen zusagt, oder spielen Sie - wenn Sie
richtig hart trainieren wollen - alle vier durch.
Variante 1: Am Zeitungskiosk
Wenn Sie das nächste Mal an einem Bahnhof warten
und noch ein bisschen Zeit haben, gehen Sie an den Kiosk und nehmen
sich eine Zeitung, von der Sie bislang nicht wussten, dass sie
existiert. Schlagen Sie das Heft an einer beliebigen Stelle auf und
lesen Sie eine Seite, gern auch mehrere, wenn ein Thema Sie packt.
Wir haben mit folgenden Zeitschriften interessante Erfahrungen
gemacht: »Kaninchenzeitung«, »Traktor Power«, »Fliegerrevue«,
»LOK-Magazin«.
Bei unseren Vorträgen und Trainings raten wir
ebenfalls dazu, Zeitschriften durchzublättern, die man sonst nie
liest. Einen unserer Kunden haben wir eine Woche nach einem
Training zufällig noch einmal getroffen. Er erzählte uns
begeistert, dass er schon lange mit dem Gedanken spielte, sich
selbstständig zu machen. Als er von dem Vortrag nach Hause ging,
hätte er im Kiosk eine Zeitschrift in die Hand genommen, die er
sonst nie anschauen würde. Der Themenaufmacher war »Wege in die
Selbstständigkeit«.
Variante 2: Den Standardweg verlassen
Wir haben Sie ja schon aufgefordert, Ihre
Anti-SpontaneitätsWege zu verlassen, im übertragenen Sinn
verstanden. Jetzt geht es darum, tatsächlich neue Wege zu gehen.
Sie nehmen immer den gleichen Weg: zur Arbeit, zum Einkaufen, zu
Freunden. Verlassen Sie ab jetzt diese eingefahrenen Routen. Gehen
Sie mal woanders lang. Vielleicht eine Straße, von der
Sie nicht sicher sind, wohin sie führt. Meistens braucht man
dafür, sollte es ein Umweg sein, gerade mal fünf Minuten mehr
Zeit.
Variante 3: Im Fernsehsessel
Sie sitzen abends öfter mal vor dem Fernseher und
zappen sich durch die Programme auf der Suche nach Unterhaltung.
Dabei schalten Sie einige Programme besonders schnell weg, die Sie
nicht interessieren. Diesmal bleiben Sie mindestens eine Minute
lang dabei und schauen sich dieses Programm an, bevor Sie
weiterschalten. Uns ist in Erinnerung geblieben: eine Verkaufsshow
in einem Home-Shopping-Kanal mit »Bauch-weg-Unterhemden«,
demonstriert an einem Übergrößenmodel, diverse Sumo-Kämpfe, ein
Wasserballett, verschiedene tragische Dialoge in Verfilmungen von
Rosamunde-Pilcher-Romanen.
Variante 4: Beim Essen
Falls Sie mittags immer in der Kantine essen
gehen, setzen Sie sich möglicherweise immer mit den gleichen
Menschen an den gleichen Tisch und essen auch immer das Gleiche.
Sollte dem so sein, nehmen Sie ab jetzt einen Tisch, an dem Sie
noch nie gesessen haben, und essen ein Gericht, das Sie noch nie
probiert haben. Falls Sie regelmäßig mittags ins Restaurant gehen,
können Sie auch dort einen anderen Tisch wählen. Bei einer Freundin
von uns ist es in der Firma Tradition, einmal in der Woche mit
einem bis dato unbekanntem Kollegen essen zu gehen. Man sucht sich
den »Unbekannten« aus dem Firmenintranet aus und macht einen
Terminvorschlag. Besagte Freundin erzählt uns seither dauernd, wie
viele tolle und spannende neue Kollegen sie seitdem kennen gelernt
hat.
Was soll das?
Das Unerwartete soll Sie in Ihrem Alltag nicht
mehr überraschen. Also überraschen Sie sich selber mit neuen
Erfahrungen. Trainieren Sie, Dinge zu sehen, die Sie vorher noch
nie gesehen haben. Sammeln Sie neue Erfahrungen, Sie werden
feststellen, dass sie Ihnen eines Tages nützlich sein können. In
spontanen Situationen müssen Sie auf Wissen zurückgreifen, von dem
Sie vorher nicht einmal ahnten, dass Sie es einmal brauchen werden.
Außerdem werden Sie staunen, was um Sie herum noch alles passiert,
ohne dass Sie es bislang gesehen, geschmeckt oder gerochen haben.
Genau diese Übung hatten wir einem Unternehmensberater
vorgeschlagen. Obwohl er nicht wirklich davon überzeugt war,
besuchte er bei seinem nächsten Aufenthalt an einem Bahnhof die
Bahnhofsbuchhandlung und blätterte im »WP-Magazin«, in dem es nur
um Wellensittiche und Papageien geht. Schnell hatte er eine Seite
über eine Papageienkrankheit gelesen, ohne recht zu wissen, wozu
das gut sein sollte. Wochen später hatte er einen Termin bei einer
Pharmafirma, die auf Tiermedizin spezialisiert war. Im Vorgespräch
griff er auf seine mit dem »WP-Magazin« gesammelten »Punkte« zurück
und fragte, ob die Firma auch Medikamente für Papageien anbiete.
Die Mitarbeiter waren positiv überrascht vom Interesse des
Unternehmensberaters. Kurz: Er bekam den Beratungsauftrag.


Monty Python, ein Beatle und ein starkes
»Ja«
Nachdem die englische Comedy-Gruppe Monty Python
»Die Ritter der Kokosnuss« abgedreht und erfolgreich in die Kinos
gebracht hatte, gingen sie an ihr nächstes Werk: »Das Leben des
Brian«. Sie waren sich sicher, jemanden zu finden, der den
Film finanzierte. Zwei Tage vor Drehbeginn in Tunesien sprang der
Investor ab. Durch Zufall erfuhr Ex-Beatle George Harrison davon
und sprang als Investor mit einem Millionenbetrag ein, einfach nur,
weil er diesen Film sehen wollte, und dafür musste er gedreht
werden. Das ist ein starkes persönliches und finanzkräftiges »Ja«.
Erst nach Ende der Dreharbeiten wurde den Pythons klar, das George
Harrison für den Film einen Großteil seines Besitzes beliehen
hatte.
Das ganze Buch für Schnellleser. Teil 1:
Sag »Ja«.
Nicht immer, aber immer öfter.
Lesen Sie weiter auf Seite 204.
Regel Nr. 2: Mach Fehler und genieße es
Ein Hollywoodfilm, Action-Genre, »Stirb langsam«,
Teil 8. Sie sind der Held des Films, befinden sich in Manhattan,
sitzen vor einer Bombe und müssen sich zwischen dem roten und dem
grünen Draht entscheiden. Machen Sie jetzt einen Fehler, wird die
Bombe hochgehen. Sie und tausende von unschuldigen Menschen werden
sterben. Sie werden Ihre Familie nie wiedersehen, Ihre Kinder
werden ohne Vater aufwachsen.
Die Explosion löst eine Kettenreaktion: aus, wodurch eine von der
US-Regierung bislang geheim gehaltene Zeitmaschine aktiviert wird.
Dadurch kommen George W. Bush und sein Vater wieder an die Macht.
Diesmal zusammen. Als erste Amtshandlung der beiden wird
Fahrradfahren sofort verboten und Autofahren zur Pflicht, um die
nationalen Ölkonzerne zu unterstützen. Deshalb entwickelt sich die
Klimakatastrophe noch gravierender als erwartet, und am
schmelzenden Nordpol richtet Al Kaida ihre neue Zentrale ein, weil
die Temperatur dort inzwischen wie zu Hause ist.

Das war die Version für die Männer. Die weibliche
Version unserer Geschichte hört sich etwas anders an:
Ein Hollywoodfilm, Genre: Komödie für Frauen, »Sex
and the City«, Teil 9. Sie sitzen in einer schicken New Yorker Bar
und werden von zwei Männern angesprochen: Mr. Right und Mr. Big. Es
läuft gut. Der eine trägt eine rote und der andere eine grüne
Krawatte. Was machen Sie? Sind es wirklich Mr. Big und Mr. Right?
Oder ist einer vielleicht eine absolute Niete? Entscheiden Sie sich
für den einen, wäre der andere bestimmt die bessere Wahl gewesen
oder andersrum. Einer kann kochen, liebt Kinder, ist gut im Bett
und romantisch veranlagt. Wenn Sie den anderen wählen, wird Ihr
Leben den Bach runtergehen. Er entpuppt sich als passiver
Sofa-Sportfan, sitzt also nur vorm Fernseher und lässt sich von
Ihnen die Bierchen anreichen. Leider verliert er seinen lukrativen
Job und schlägt vor, dass Ihr Einkommen eigentlich für Sie beide
reichen müsste. Um Geld zu sparen, verbringen Sie ab sofort
alle Urlaube im Wohnwagen auf einem Zeltplatz. Der Höhepunkt des
Urlaubs ist das örtliche Feuerwehrfest. Und alles nur, weil Sie
sich in diesem Moment für den Falschen entschieden haben. Hätten
Sie doch den anderen genommen, oder noch besser, beide.
Wer die Option, beide zu nehmen, in Betracht
gezogen hat: Glückwunsch, Sie sind auf dem richtigen Weg, ganz
spontan Spaß zu haben. Aber das wäre ein anderes Buch. Leider muss
man sich im realen Leben immer für eine Sache entscheiden. Mr. Big
oder Mr. Right. Traummann oder Albtraum-Kandidat. Roter oder grüner
Draht. Weltretter oder Rettungsversager. Und leider wissen wir in
dem Moment nicht, welche Entscheidung die richtige ist. Beides geht
nicht. Deshalb schwingt bei jeder Entscheidung die Angst mit, einen
Fehler zu machen. Und wir können uns nicht entscheiden und sind
deshalb nicht spontan. Aber spontane Menschen müssen Entscheidungen
fällen und Fehler machen.
Aebr die meeitsn Felehr, die wir mcaehn, snid nciht
so gvriaenerd. Ein gssorer Tiel uesernr Lsrscheaft snid kniee
Bmboenetnräschrfer und hbaen kiene Dteas in New Yroekr Bras. Und
sblest dsieen Txet knönen sie lseen, obwohl er ein enziiger Felehr
ist.
Was ist denn eigentlich ein Fehler? Wir haben mal
nach anderen Begriffen dafür gesucht: Problem, Störung,
Zwischenruf, Stau, Benzinpreis, Freundin, Freund, Idiot, Kollege,
Chef, Staat, Wetter, Depp, Nachbarn, falscher Job, Auto-Werkstatt,
Ehemann, Bahn, Ehefrau, Affäre …
Irgendwer ist ja immer schuld. Man merkt schnell,
dass es ziemlich viele Fehler in unserem Umfeld gibt. Und die
Fehler liegen immer bei den Anderen - klar. Sie machen keine
Fehler, oder? Und darum sind Sie auch nicht spontan.
Der Begriff »Fehler« müsste sich also weiter fassen
lassen, um damit besser zu arbeiten, oder, wie wir sagen würden,
spielen zu können. Zoomen wir uns mal näher an das Thema heran,
indem wir uns noch einmal den Vulkanausbruch auf Island in
Erinnerung rufen:
Eine Woche lang legt der speiende Vulkan den
kompletten europäischen Flugverkehr lahm. An die 180.000 Flüge
werden gestrichen. Weltweit sitzen Menschen an Flughäfen fest.
Niemand kann etwas für den Fehler, aber alle müssen ihn ausbügeln.
Er behindert uns, unserem Tagesablauf zu folgen, und verschlechtert
scheinbar unsere Lebensqualität. Tausende von Menschen müssen
spontan sein und improvisieren. Sie haben keine andere Wahl. Es
bilden sich Fahrgemeinschaften von Lissabon nach Frankfurt. Urlaube
werden verlängert. Die Zeitungen schreiben erstaunt von diesem
spontanen Verhalten der Betroffenen. Ein einziger großer »Fehler«
der Natur, möchte man ausrufen, und merkt dabei gar nicht, dass die
Natur einfach nur sie selbst ist. Keiner der Betroffenen hatte
vorher die Möglichkeit zu überlegen, ob sich das spontane Handeln
als ein Fehler erweisen würde. Denn der Ausgangsfehler
(Vulkanausbruch) ist so gravierend, dass alle anderen potenziellen
Fehler dagegen harmlos erscheinen. Unter dieser Voraussetzung
trauen sich anscheinend viele Menschen, spontan zu handeln und
Fehler zuzulassen. Wenn etwas schiefgeht, dann kann ich es ja auf
die Aschewolke schieben. Wenn der Zwang groß genug ist, wird
spontan gehandelt, und dann spielen Fehler eine untergeordnete
Rolle.
Okay. Aschewolken kommen nicht so oft vor. Hoffen
wir jedenfalls. Aber was ist mit den Fehlern, die wir selbst
verursachen? Die Angst davor, Fehler zu machen, hindert uns daran,
mehr Spontaneität zu entwickeln. Weil ich Angst habe, einen Fehler
zu machen, mache ich lieber gar nichts. Kaninchen-Feeling, besser
alles so wie immer. Unsere zweite Regel lautet deshalb: Vergessen
Sie Ihre Angst vor Fehlern, oder noch deutlicher ausgedrückt: Mach
Fehler und genieße es.
Marlene Dietrich
Ein neuer entspannter Umgang mit Fehlern
ermöglicht Spontaneität. Fehler passieren. Shit happens. Würden wir
andauernd versuchen, Fehler zu vermeiden oder zu verstecken, würde
das unsere Spontaneität blockieren. Wir gehen anders,
spielerischer, lockerer mit Fehlern um. Wir sehen den Fehler nicht
als Störung, der unseren Plan durcheinanderbringt, sondern als
Herausforderung an unsere Spontaneität. Deshalb machen wir uns den
Fehler zum Freund. Er ist eine willkommene Gelegenheit,
Spontaneität zu trainieren. Wenn wir »Ja« zu Fehlern sagen, sind
sie nicht mehr so gravierend. Wenn wir die Angst davor verlieren,
sind wir offen für spontane Entscheidungen. Die Gehirnhälfte, die
bislang beschäftigt war, Fehler zu vermeiden und zu verstecken,
kann jetzt trainieren, spontaner zu sein. Wir haben wieder unseren
kompletten Arbeitsspeicher frei, um flexibel zu handeln.

Gehen Sie mit uns durch die Tür. Egal was dahinter
auf Sie wartet. Machen Sie sie ganz weit auf und betreten Sie eine
neue Welt. Was hindert Sie daran, die Tür zu öffnen? Sie haben
Angst, dass es ein Fehler sein könnte? Ich bleibe lieber stehen und
nehme die Tür, die ich schon kenne, die Tür, die zurück in mein
gemütliches Wohnzimmer führt - das Sofa wartet schon.
Wir wollen keine Fehler machen
Warum haben wir eigentlich Angst vor Fehlern? Wir
haben einen Plan, wie unser Leben verlaufen soll. Oder vielleicht
auch nur einen Plan, wie sich ein Abend mit Freunden oder die
nächsten 15 Minuten gestalten sollen. Und auf einmal passiert ein
Fehler, und der bringt uns von unserem ursprünglichen Plan
ab.
Erinnern wir uns an den sogenannten »Torfall von
Madrid« im Jahr 1998. Beim Halbfinalspiel der UEFA Champions League
zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund fiel eine Minute vor dem
Anpfiff des Spiels eines der beiden Tore um. Es dauerte 76 Minuten,
bis ein Ersatztor aufgebaut werden konnte. Diese Zeit mussten die
Sportmoderatoren Marcel Reif und Günther Jauch live im Fernsehen
überbrücken. In diesen 76 Minuten haben die beiden unter anderem
mit einem Maßband und einem Stuhl die Höhe eines Tors vor laufenden
Kameras demonstriert und alles, was im Stadion passierte,
kommentiert. So auch, als ein paar Männer mit Zettel und Papier
bewaffnet von links nach rechts durchs Bild gingen, ob diese nun
wichtig oder unwichtig seien. Man hatte den Eindruck, zwei guten
Freunden zuzuhören, die gemütlich
auf dem Sofa sitzen, ein Bier in der Hand, und ungläubig das
Geschehen im Stadion diskutieren. Einige der spontanen Kommentare
haben sogar Kultstatus erreicht: »Noch nie hätte ein Tor einem
Spiel so gutgetan.« (Reif) Oder: »Für alle, die nicht rechtzeitig
zugeschaltet haben …, das erste Tor ist schon gefallen.«
(Jauch)
Hätte man die beiden vorher gefragt, ob sie bereit
wären, so eine Sendung zu moderieren, sie hätten vermutlich
abgelehnt, aus Sorge, durch eine schlechte Moderation ihre
berufliche Laufbahn zu gefährden. Beide hatten aber keine Zeit,
sich zu entscheiden bzw. sich Gedanken darüber zu machen. Während
der Sendung kam ihnen dieser Gedanke auch: »Wir haben sie ja nicht
alle, was wir hier reden, ist ja hanebüchen …«, so Marcel Reif
später in einem Interview. Am nächsten Tag teilte ihnen der
Programmchef mit: »Sie wissen schon, es haben mehr Leute den
Quatsch vorher gesehen als das Spiel.« Genauer gesagt haben den
Quatsch über zwölf Millionen Zuschauer angeschaut, das Spiel selbst
lediglich sechs Millionen. Diese spontane Arbeit wurde schließlich
mit dem Bayerischen Fernsehpreis belohnt und für den
Adolf-Grimme-Preis nominiert.
Eine klassische unerwartete Situation, auf die man
spontan reagieren muss. Beide haben sich an unsere erste Regel
gehalten, »Ja« gesagt zu der Situation und sie so akzeptiert, wie
sie war.
Fehler, die wir selber verursachen, jagen uns
jedoch noch viel mehr Angst ein. Und genau diese Angst blockiert
uns in unserer Spontaneität. Aber mal der Reihe nach. Jetzt haben
wir schon so viel über Fehler geschrieben, ohne überhaupt eine
Definition des Begriffs zu liefern. Schauen wir mal, was Wikipedia
dazu sagt:
»Ein Fehler ist eine Abweichung von einem
optimalen oder normierten Zustand oder Verfahren in einem bezüglich
seiner Funktionen determinierten System.
Unter einem Fehler verstand man lange Zeit
die Abweichung von einer Norm. Zwischenzeitlich wurde jedoch die
Definition modifiziert. Auch das Deutsche Institut für Normung
(DIN) definiert Fehler nun als einen ›Merkmalswert, der die
vorgegebenen Forderungen nicht erfüllt‹ und als ›Nichterfüllung
einer Forderung‹.«
Hä? Wie bitte? Das versteht ja kein Mensch, lassen
Sie uns das mal übersetzen: Ein Fehler ist eine Störung unseres
geplanten Ablaufs. Etwas stellt sich uns in den Weg, es läuft nicht
so, wie es soll. Ich habe einen Plan, und die Welt hat einen
anderen. Geben Sie Fehlern einfach mal einen Namen. Wir haben
Fehler in folgende Kategorien eingeteilt:
Fehlerkategorie Nummer 1: Shit happens
Das sind Fehler, die Sie nicht selbst verursacht
habe. Wir verbuchen sie unter »höhere Gewalt« oder »Shit happens«.
Sie behindern Ihr Leben und sind kurzfristig nicht lösbar. Wenn Sie
auf einem gesperrten Autobahnabschnitt vier Stunden lang mit Ihrem
Auto festsitzen und zu einer bestimmten Uhrzeit 150 Kilometer weit
entfernt einen Termin haben, können Sie an dem Stau nichts ändern.
Marcel Reif und Günther Jauch konnten nichts für den Torfall von
Madrid, mussten aber 76 Minuten überbrücken, spontan.
Fehlerkategorie Nummer 2: Reine
Schikane
Bei diesem Fehler gehen wir davon aus, dass ein
Anderer Ihren Plan stört. Das kann beabsichtigt sein, wenn Ihr
Nachbar
wie jeden Samstag, wenn Sie etwas länger schlafen wollen, um Punkt
7.02 Uhr mit dem Rasenmähen beginnt, aber nur, wenn er sieht, dass
Sie zuhause sind. Oder Sie halten eine Präsentation und ein Kollege
stört Sie bewusst die ganze Zeit. Bei einer Störung möchte Sie
jemand bewusst schwächen, Ihnen Probleme bereiten, Sie von Ihrem
Plan abbringen. Natürlich kann der Fehler auch unbeabsichtigt
passieren: Sie sind mit Ihrem Partner essen und Ihre Reservierung
ist leider nicht aufgenommen worden. Ärgerlich bleibt das allemal.
Sie müssen spontan reagieren. Wie in Kategorie Nummer eins wird der
Fehler durch Fremdeinwirkung verursacht.
Fehlerkategorie Nummer 3: Ich hab’s
vergeigt
Dabei handelt es sich um selbstverschuldete Fehler,
die wir zulassen sollten. Wir sagen dazu: »Ich hab’s vergeigt.« Ein
typischer »Ich hab’s vergeigt«-Fehler kann Ihnen beim Einkaufen
passieren. Ihr Partner diktiert Ihnen Nudeln auf den
Einkaufszettel. Im Supermarkt können Sie Ihre eigene Handschrift
nicht lesen und kaufen stattdessen Nutella. Jetzt heißt es beim
nächsten Sonntagsessen: »Schatz, es gibt Schokolade zum Mittag.«
Sie haben es vergeigt.
Bei allen drei Kategorien von Fehlern sind spontane
Lösungen gefragt. Und um spontan reagieren zu können, müssen Sie
die Fehler gelassen sehen. Flippen Sie ruhig einmal kurz aus und
lassen Sie Ihren Emotionen freien Lauf, schreien Sie rum, schlagen
Sie auf das Sofakissen ein, aber betrachten Sie die Sache
anschließend wieder gelassen. Den Ärger in sich reinzufressen und
mit der Situation lange zu hadern, kostet zu viel Energie, die Sie
lieber darauf verwenden sollten, eine spontane Lösung zu
finden.
Wir haben Angst vor Fehlern, weil sie nicht unserem
Selbstbild entsprechen. Jeder möchte gerne perfekt, attraktiv und
eloquent sein. Wenn wir uns nun aber in die spontane Welt stürzen,
können wir nicht garantieren, dass immer alles perfekt läuft. Wir
werden vielleicht auch schwach, hässlich und sprachlos sein. Sie
denken jetzt bestimmt: Ich möchte aber gerade durch meine
Spontaneität glänzen und andere beeindrucken. Wir sagen: Ja, das
können Sie gern, aber stellen Sie sich darauf ein, dass auf dem Weg
immer wieder Fehler passieren werden. Ob von Anderen oder von Ihnen
verursacht. Wir beide handeln nach unseren Spontaneitäts-Prinzipien
und trotzdem oder gerade deswegen trauen wir uns auch, Fehler
zuzulassen. Oder anders ausgedrückt: Wir machen genauso viele
Fehler wie alle anderen, wir versuchen nur nicht, sie zu
verstecken.
In der Zusammenarbeit mit einem Teamleiter, dessen
Team aus Softwareprogrammieren bestand, besprachen wir das Thema
Fehler. Er erzählte, dass bei der Weiterentwicklung von Software in
seinem Team natürlich auch Fehler entstehen. Selbst wenn die
Programmierer die Fehler entdecken, würden sie aus Zeitnot einen
kleinen »Workaround« - eine behelfsmäßige Notlösung -
programmieren, die den Fehler nicht ursächlich entfernt, sondern
nur dafür sorgt, dass das Programm einigermaßen läuft. Der nächste
Programmierer, der daran weiterarbeitet, schreibt dann in seinem
Bereich einen vollkommen fehlerfreien Code für die Software, aber
aufgrund des versteckten Workarounds funktionierte sein Code nicht
korrekt, und er denkt, dass er einen Fehler gemacht hat, wo gar
keiner war. Er baut den nächsten Workaround ein, und das Programm
wird immer unstabiler und stürzt immer wieder ab. Erst nachdem der
Teamleiter das Thema Fehler mit seinen Programmierern diskutierte
und alle im Team offen zu ihren Fehlern standen, verbesserte sich
die Stabilität der Programme, da
sich die Fehler leichter finden und beheben ließen. Häufig waren
die gleichen Fehler auch schon anderen Programmierern passiert, und
so konnten die Kollegen von den Fehlern der anderen
profitieren.
Und so verhält es sich in vielen Situationen. Wenn
wir über unsere Fehler sprechen, merken wir oft, dass andere die
gleichen Fehler gemacht haben oder dass es gar keine Fehler sind.
Fehler, so haben wir es schon in der Schule, in der Ausbildung oder
im Elternhaus gelernt, sind etwas Schlechtes. Doch wer sich nicht
traut, Fehler zu machen, kann leider nicht spontan sein.
Johannes-Evangelium, 8,7
»If you’re not prepared to be wrong, you’ll never
come up with anything original.« Dieser Satz stammt von Sir Ken
Robinson, einem britischen Autor und international geachteten
Berater in Fragen der Gesellschaftsentwicklung. Wir haben das mal
mit »Wenn du nicht vorbereitet bist, Fehler zu machen, wirst du nie
was Originelles entwickeln« übersetzt. Robinson kritisiert unter
anderem, dass fast jedes Bildungssystem der Welt die vorhandene
Kreativität von Kindern abziehe. Lesen Sie selbst, was er im Rahmen
des Vortrags »School Kills Creativity« auf einer TED-Konferenz im
Februar 2006 sagte:
»Ich habe vor Kurzem eine tolle Geschichte gehört -
ich erzähle sie zu gern - über ein kleines Mädchen, das in einer
Schulstunde malte. Sie war sechs Jahre alt und sie malte hinten in
der letzten Reihe und die Lehrerin sagte, dass dieses kleine
Mädchen fast nie aufpasste, außer in der Zeichenstunde.
Die Lehrerin war fasziniert, ging zu ihr herüber und fragte: ›Was
malst du denn da?‹ Und das Mädchen sagte: ›Ich zeichne ein Bild von
Gott.‹ Und die Lehrerin sagte: ›Aber niemand weiß, wie Gott
aussieht.‹ Und das Mädchen antwortete: ›Gleich wissen Sie
es.‹
Diese Beispiele zeigen, dass Kinder bereit sind,
etwas zu riskieren. Wenn sie es nicht wissen, probieren sie es
einfach. Nicht wahr? Sie haben keine Angst, etwas falsch zu machen.
Ich will damit nicht sagen, dass etwas falsch zu machen bedeutet,
kreativ zu sein. Wir wissen aber, dass, wer nicht bereit ist, einen
Fehler zu machen, nie etwas wirklich Originelles schaffen wird. Und
wenn sie erst erwachsen sind, haben die meisten Kinder diese
Fähigkeit verloren. Sie haben Angst, Fehler zu machen. Und,
nebenbei, wir machen das in Firmen genauso. Wir stigmatisieren
Fehler. Wir haben heute nationale Bildungssysteme, in denen Fehler
das Schlimmste sind, was man machen kann. Und das Ergebnis ist,
dass wir den Menschen ihre kreativen Fähigkeiten weg-unterrichten.
Picasso hat mal gesagt: ›Alle Kinder werden als Künstler geboren‹.
Das Problem ist, ein Künstler zu bleiben, während man aufwächst.
Ich bin nun überzeugt, dass wir nicht in die Kreativität
hineinwachsen, sondern aus ihr heraus. Oder wir werden vielmehr
heraus-unterrichtet.«
Viele Menschen haben Angst davor, etwas nicht
gleich richtig zu machen, und vergeben sich damit die Chance, Neues
zu entdecken. Das erleben wir bei unseren Trainings immer wieder.
Unsere Kunden wären so gerne spontan und kreativ, aber sie trauen
es sich nicht. Häufig verstecken sie sich hinter dem Satz:«Ich
würde ja so gerne spontan sein, aber ich habe überhaupt kein
lustiges Talent und bin kein bisschen kreativ und spontan.« Dabei
haben sie es noch nicht mal ausprobiert.

Wenn ich Angst hätte, einen Fehler zu machen,
dann könnte ich nicht mehr auf die Bühne gehen. Ich würde mir
ständig sebst im Wege stehen und bei jedem Auftritt denken: Mein
Gott, heute bist du total spontan, heute muss alles klappen, heute
darf nichts schiefgehen, meine Kollegen dürfen nicht merken, dass
ich einen Fehler gemacht habe. Würde ich das tun, dann würde ich
bis zum Ende der Show weinend verzweifeln.
In einer improvisierten Shakespeare-Szene finde
ich nicht den richtigen Reim, das Publikum fordert von mir, ein
Lied als gregorianischen Gesang zu singen. Das kann ich nun
wirklich nicht und mache es trotzdem. Ich fange zum Beispiel an,
eine Szene zu spielen, und bin sicher, dass wirklich jeder erkennt,
dass ich Michael Schumacher bei seinen Rennvorberetungen darstellen
will. Da kommt mein Kollege plötzlich auf die Bühne und will rote
Rosen von mir kaufen. Er dachte, ich spiele einen Blumenhändler.
Das Publikum liebt es, uns bei solchen »Fehlern« zu ertappen. Ima
Team lösen wir die Problem auf der Bühne spontan. Meine Lollegin
vollendet meinen Shakespeare-Reim und gibt der Szene damit eine
neue Wendung. Ich versuch mich am gregoreianischen Gesan, doch es
klingtwirklich schlimm. Meine Kollegin sagt »Ja« zu der Situation
und macht daraus eine Szene, in der ein Mönch aus dem Kloster
entlassen wird, da er nicht singen kann. Bei uns geht dauernd etwas
schief, meist merken wir es gar nicht, da wir nach vorne schauen,
die Szene weiterspielen une jeden Fehler einbauen.
Sie kennen das vielleicht auch: Sie haben
Erwartungen an sich selbst, z.B. dass ein Vorstellungsgespräch
erfolgreich läuft, der Besuch beim Kunden Ihnen einen neuen Auftrag
bringt, Ihr Date Sie beeindruckend findet und der Abend mit
Freunden perfekt wird. Sie haben einen fehlerlosen Plan
aufgestellt, um alles zu bewerkstelligen. Und dann geht dieser Plan
nicht auf. Was also machen Sie beim nächsten Mal? Werden Sie sich
einfach nicht mehr vorstellen? Werden Sie keine Freunde mehr
treffen und auch nicht mehr zu Kunden fahren?
Geht nicht, sagen Sie? Stimmt. Geht nicht. Doch es
gibt eine Alternative. Sie lassen Fehler zu und müssen trotzdem
nicht gleich Ihre Erwartungen an sich senken. Geben Sie weiterhin
alles, aber rechnen Sie mit Ihren eigenen Fehlern. Wir möchten
Ihnen die Angst vor Fehlern nehmen. Fehler sind normal und
menschlich. Sehen Sie den Fehler als Chance, denn die Angst vor dem
Fehler blockiert Ihre Spontaneität. Wenn Sie lernen, mit Ihren
Fehlern umzugehen, werden Sie für andere Menschen
menschlicher.
Hilfe, haben Sie meinen Status gefunden?
Was hindert uns also daran, einen Fehler zu
machen? Wir möchten für einen Erklärungsversuch das »Statusmodell«
von Keith Johnstone heranziehen. Keith Johnstone ist ein englischer
Regisseur und Schauspiellehrer. Ihm war im Training mit seinen
Schauspielern aufgefallen, dass sie beim Improvisieren oft sehr
langweilige Szenen spielten. Sie trauten sich nicht, einen
bestimmten Status einer anderen Person gegenüber einzunehmen. Sein
Statusmodell entstand aus seiner Beobachtung der Realität, also
unseres Alltags. Auch wir nehmen, je nachdem, mit wem wir zusammen
sind, einen unterschiedlichen Status ein. Da wir aber Angst haben,
den einmal gewonnenen Status zu verlieren, scheuen wir uns davor,
Fehler zu machen, und sind somit auch nicht spontan.
»Im Alltagsleben«, so Johnstone, »stellen Menschen
unbewusst immer ein Statusverhältnis her, indem jeder sich in eine
bestimmte Position bringt (hoch oder niedrig), bis sie zu einer
›Verständigung‹ kommen - wenn sie das nicht erreichen, werden sie
sich nie zusammen wohlfühlen. (…) Ohne Status könnten wir im Flur
nicht aneinander vorbeigehen, ohne Schläge auszutauschen. Da dies
körperliche Verletzungen mit sich bringen könnte, suchen wir
einander nach Statussignalen ab, und derjenige, der Tiefstatus
akzeptiert, weicht aus. Wenn wir uns über den Status nicht einigen
können, entsteht eine unangenehme Situation, wenn wir nur zur
gleichen Zeit durch die Tür gehen wollen. (…) Freunde lösen das
Problem, indem sie Status zu einem Spiel machen; sie beleidigen
einander, ohne es ernst zu meinen, oder verneigen sich im Spaß
voreinander. Dadurch erklärt sich, warum wir oft jahrelang mit
Bekannten zusammenkommen können und sie doch fremd bleiben, währen
wir mit spielerischen Menschen fast sofort Freundschaft schließen.
Einige der wichtigsten Statussignale werden durch die Augen
vermittelt; wir halten den Blickkontakt, wenn wir dominieren
möchten (oder wenn wir verliebt sind); wenn wir den Blickkontakt
abbrechen und dann zurückschielen, verhalten wir uns unterwürfig.
(…) Wenn unser Status nie gefährdet wäre, wären wir alle gelassen
und ausgeglichen. (…) Die meisten von uns sind Statusspezialisten -
wir spielen besser Hochstatus oder besser Tiefstatus. Beides ist
defensiv: Tiefstatus vermittelt die Botschaft ›Ich bin’s nicht
wert, getreten zu werden‹, Hochstatus vermittelt die Botschaft
›Bleib mir vom Leibe, ich beiße!‹«
Diese Beobachtungen helfen unserer Meinung nach
nicht nur Schauspielern bei der Rollenfindung, sondern auch Ihnen
in Bezug auf Spontaneität. Nach Keith Johnstone haben wir alle
einen Status, der uns besser liegt. Hoch- oder Tiefstatus. Welcher
Status uns eher entspricht, hängt von der jeweiligen Situation ab.
In unserer Familie leben wir vielleicht im Tiefstatus
und im Arbeitsleben im Hochstatus. Aber egal, welcher Status
unsere Schokoladenseite ist, er dient dazu, uns zu schützen. Für
unser persönliches Wohlbefinden ist ein Status nicht besser als der
andere, vielmehr ist es uns wichtig, dass keiner uns den Status
nimmt. Unter Status verstehen wir »das, was wir tun, nicht das, was
wir sind«. Das heißt, ein Chef kann gegenüber einem Angestellten
Tiefstatus haben und der Angestellte nimmt gegenüber dem Chef einen
Hochstatus ein. Der Chef aus dem folgenden Dialog ist wohlhabend,
kann sich jeden Tag zwischen zwei Dienstwagen der Top-Kategorie
entscheiden und besitzt eine Villa am Stadtrand mit Gästehaus und
Tennisplatz, ach ja, und einem Schwimmbad. Und dennoch …
Chef: | »Herr Schnelling, könnten Sie bitte mal schnell ein paar Kopien von diesen Dokumenten machen und mir ins Büro reinreichen?« |
Angestellter: | »Nein kann ich nicht, ich habe einen Termin mit den Kollegen.« |
Chef: | »Aber Sie sind doch als Bürohilfe für solche Aufgaben von mir eingestellt worden, oder?« |
Angestellter: | »Sie wissen gar nicht, wie man diesen Laden hier richtig leitet. Ich hätte da ein paar Ideen, die ich gleich mit den anderen Kollegen besprechen werde.« |
Chef: | »Äh, kann ich da mitkommen?« |
Angestellter: | »Nein!« |
Dieser Beispiel-Dialog soll deutlich machen, dass
unser gesellschaftlicher Status (Chef, Kanzlerin, König) nicht
automatisch dem Status entspricht, den wir auf der Bühne des Lebens
spielen. Viele Menschen glauben aber fälschlicherweise, dass
sie über ihre gesellschaftliche Stellung (berufliche Position,
Titel, finanzieller Background etc.) automatisch über einen
Hochstatus verfügen. Sie umgeben sich mit Statussymbolen, um diesen
Stand zu festigen. Mein Haus, mein Boot, mein Pferd. Sie glauben,
jeder Fehler könnte sie ihren Status kosten.
Seitdem wir beide verstanden haben, dass Status
nicht das ist, was wir sind, sondern was wir tun, fällt es uns
leichter, mit unseren Fehlern umzugehen. Wenn wir einen Fehler
machen, dann werden wir in einem bestimmten Bereich vielleicht
kurzfristig in einen Tiefstatus gelangen, unsere gesellschaftliche
Position ist damit aber nicht notwendigerweise gefährdet. Ein
Beispiel: Selbst nach seiner außerehelichen Affäre ist Bill Clinton
Präsident geblieben und auch heute noch ein anerkannter Berater in
Wirtschaft und Politik.
Die meisten Menschen glauben, ein Fehler könne das,
was sie sind, also ihren gesellschaftlichen Status, sofort negativ
beeinträchtigen. Wir sind womöglich nicht mehr so angesehen, wenn
wir einen Fehler machen. Als Vorgesetzter befürchten Sie, dass Ihre
Mitarbeiter Sie nicht mehr ernst nehmen, wenn Sie eingestehen,
etwas nicht zu wissen. Nur wenn wir erkennen, dass wir sowieso
ständig auf der Bühne des Lebens unseren Status spielerisch
wechseln und ihn sogar gezielt an die jeweiligen Situationen
anpassen können, ohne unsere gesellschaftliche Position sofort zu
ruinieren, können wir uns von der Angst befreien, die ein spontanes
Verhalten bremst.
Testen wir das einmal in einer realen Situation:
Mal angenommen, jemand fragt Sie, ob es Ihren Anzug auch für Männer
gibt. Sie erinnern sich an das Thema Schlagfertigkeit? Und Ihnen
fällt nicht sofort eine Antwort ein, sondern erst die berühmten 15
Minuten später? Nun können Sie sich grämen, ob Sie das Ihre
gesellschaftliche Anerkennung kostet. Sollten Sie Moderator
einer Veranstaltung sein, könnten Sie sich auch fragen, ob man Sie
weiterhin ernst nehmen wird. Die Alternative: Sie wissen, dass es
kein Problem ist, in diesem Fall den Statusfahrstuhl zu nehmen,
runter ins Tiefgeschoss zu fahren mit dem Wissen, dass es nur so
funktioniert: ein anderer ist grade im Hochstatus, Sie sind im
Tiefstatus. Würden Sie beide im Hochstatus bleiben, käme es früher
oder später zu einer Schlägerei. Ein Fehler ist passiert. Normal,
kommt in den besten Familien vor. Im nächsten Moment, am nächsten
Tag, in einer anderen Situation kann das für Sie schon wieder ganz
anders aussehen.
Oder stellen Sie sich folgendes Setting vor: Sie
sind mit Ihren Freunden unterwegs und wollen gemeinsam essen gehen.
Aus einem Bauchgefühl heraus schlagen Sie vor, diesmal nicht zum
angesagten Italiener in einem Szeneviertel zu gehen, sondern zum
Griechen in einem nicht so hippen Stadtteil. Was kann
passieren?
Sie gehen zum Griechen, das Essen ist schlecht, und
wenn es darum geht, das nächste Mal ein Restaurant auszusuchen,
haben Sie Ihren Status bei Ihren Freunden verloren. Dennoch werden
Sie nach wie vor von ihnen geschätzt. Oder aber Sie haben das beste
griechische Restaurant der ganzen Stadt ausgewählt, haben Ihren
Status erhöht und gelten von nun an bei ihren Freunden als der neue
Szeneguru.
Die »Show des Scheiterns«
Einen hervorragenden Umgang mit Fehlern haben wir
bei der »Show des Scheiterns« entdeckt, die vor einigen Jahren erst
in Berlin, dann auch in vielen anderen Städten Deutschlands zu
sehen war. Die Veranstalter luden jeweils drei »Referenten«
ein, die zunächst zehn Minuten lang von einem Erlebnis erzählten,
in dem sie scheiterten, um anschließend in einem 20-minütigen
Podiumsgespräch mit den Zuschauern ihr Scheitern zu diskutieren. Am
Ende jedes einzelnen Referats gab es eine feierliche Vernichtung,
bei der ein symbolischer Gegenstand zerstört wurde. Wenn Sie jetzt
denken, dass das ein frustrierender Abend gewesen sein musste, dann
haben Sie sich getäuscht. Pustekuchen. Es gab wunderschöne,
emotionale, ergreifende und witzige Geschichten. Verliebte, die vom
Scheitern einer großen Liebe oder Beziehung erzählten, Manager, die
ihre schlimmsten Projekte rekapitulierten und bekannten, was sie
alles falsch gemacht hatten. Juristen enthüllten verlorene Prozesse
und Autoren gescheiterte Buchprojekte. Das Publikum liebte es, all
diese Menschen mit Fehlern auf der Bühne zu sehen. Wir finden diese
Showidee super, die sich auch ins normale Leben übertragen
lässt.

An Heiligabend treffe ich mich immer mit meinen
besten Freunden in einer kleinen Kneipe meiner Heimatstadt zum
traditionell bayrischen Frühschoppen mit WeiBwürsten une WeiBbier.
Wir sprechen dann meist über das vergangene Jahr, rühmen uns für
unsere Erfolge, schwelgen in Erinnerungen aus unserer gemeinsamen
Schulzeit und erzählen uns gegenseitig unsere persönlichen und
beruflichen Niederlagen. Was ist im letzten Jahr alles
schiefgelaufen? Was hatte nicht so geklappt wie geplant? Diese
Misserfiolgs-Geschichten sind für uns immer die lustigsten, die
spannendsten und die persönlichsten Momente des Zusammenseins.
Warum können wir bei diesen Treffen so offen mit unseren Fehlern
umgehen? Wir befinden an und keiner muss dem Anderen etwas
beweisen. Wir schätze uns. Die Fehler, die uns passieren, sind
nicht lebensbedrohlich. Keiner von uns
ist Pilot und für viele Passagiere verantwartlich oder baut
Atomkraftwerke. Es geht uns um die kleinen Fehlentscheidungen im
Leben, die es zugleich spanned und spantan machen.

Übung 11:
Wer wird Fehler-Millionär?
Sie brauchen dazu:
• gute Freunde, denen Sie vertrauen
• viele Fehler, die Sie und Ihre Freunde gemacht
haben
• Zettel
Und so geht’s:
Veranstalten Sie Ihre private Show des Scheiterns.
Jeder schreibt anonym mindestens vier Fehler auf jeweils einen
Zettel, die er in seinem Leben begangen hat. Dann werden die Zettel
gemischt, und abwechselnd zieht jeder Spieler einen Zettel und
liest den Fehler vor. Anschließend geben alle Teilnehmer einen Tipp
ab, wer diesen Fehler gemacht hat. Wer richtig rät, erhält einen
Punkt. Geben Sie dem Scheitern einen Namen und spielen Sie »Wer
wird Fehler-Millionär«.
Was soll das?
Falls Sie es tatsächlich machen sollten, werden
Sie ziemlich viel mit Ihren Freunden zu lachen haben und dabei
feststellen, dass Fehler zum guten Ton gehören. Beim Fehlerraten
wird es Sie vielleicht überraschen, wem die anderen Ihren Fehler
noch zugeordnet hätten. Das entspannt ungemein. 

Fehler bringen Spaß
Wir lieben Outtakes, also das oft witzige
Bildmaterial, das aufgrund eines Fehlers noch einmal gedreht werden
muss. Viele Film- und Comedyproduktionen haben erkannt, dass
Outtakes ihre sonst unnahbaren Stars menschlicher machen. Warum
eine Szene neu gedreht werden muss, kann eine ganz banale
technische Ursache haben, sei es, dass ein Tonmikrofon im Bild zu
sehen ist oder gerade ein Flugzeug durch einen Historienfilm
fliegt. Deutlich witziger hingegen ist, wenn einer der
Hauptdarsteller sich verspricht oder ein Stunt danebengeht. Die
Outtakes von Jackie-Chan-Filmen, etwa bei »Rush Hour«, sind ein
wunderbares Beispiel dafür. Sie sind so etwas wie ein Markenzeichen
von Jackie Chan geworden. Ein Hollywoodstar ist sich nicht zu
schade dafür, seine Fehler als Filmabspann laufen zu lassen. Auch
Michael »Bully« Herbig, Schöpfer der »Bullyparade«, von »Der Schuh
des Manitu« und »(T)Raumschiff Surprise - Periode 1«, hat das
Potenzial von Outtakes erkannt und sogar eine DVD veröffentlicht,
auf der ausschließlich Outtakes aus seinen Produktionen zu sehen
sind. Fehler werden dabei zum Produkt und können somit quasi als
eigenes Genre betrachtet werden. Einige Animationsfilm-Studios
haben das noch auf die Spitze getrieben und für computeranimierte
Kinofilme Outtakes produziert, um die virtuellen Hauptdarsteller
noch lebendiger und sympathischer zu machen. Dabei kann es in einem
Animationsfilm wie »Monster AG« eigentlich gar keine Drehpannen,
Versprecher und Fehler der Figuren geben, da sie ja nicht real
sind. Outtakes werden in diesem Film zur Kunstform erklärt. Es gibt
einen fünfminütigen Abspann mit Bloopers. Die Produktionskosten für
den Film betrugen 115 Millionen Dollar, und der
Film dauerte 94 Minuten. Rechnet man das Gesamtbudget des Films
auf die fünf Minuten Outtakes um, wurden über sechs Millionen
Dollar alleine dafür investiert. Hier werden keine Fehler
versteckt, sondern für Geld produziert.
Outtakes gibt es nicht nur bei großen
Hollywoodfilmen und Comedyshows, sondern auch von den
Nachrichtensendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Mit dem
einzigen Unterschied, dass diese Sendungen live ausgestrahlt
werden, die Fehler sind also genau so zu sehen gewesen. Pleiten,
Pech und Pannen im »heute journal« des ZDF - live und in Farbe. Wie
gehen Moderatoren, die vor einem Millionenpublikum sprechen, mit
Pannen und Versprechern um? Klaus Kleber versprach sich
beispielsweise einmal bei dem Wort »durchschnittlich« und baute den
Fehler charmant in seine weitere Moderation ein. Er versteckte
seinen Versprecher nicht, sondern hob ihn noch hervor:
»Zweitausend Meldungen produzieren die Agenturen an
einem durchschlichtigem Nachrichtentag. (Kurze Pause.) Ein
durchschnittlicher Moderator produziert einen Versprecher pro
Ansage …«
Einen weiteren Fehler, den wir hier vorstellen
möchten, haben wir ebenfalls dem »heute journal« zu verdanken. Die
Moderatorin Marietta Slomka verheddert sich dabei immer tiefer in
ein anscheinend unglaublich kompliziertes Zahlenkonstrukt:
»… Spenden von insgesamt 39 - Pause - 400 - Pause -
39 Millionen - Pause - 409 - Pause - 851 Millionen Euro
eingegangen. Was für eine Zahl.«
Wir haben den Ausschnitt jetzt schon so oft
gesehen, können aber immer noch nicht genau sagen, welche Zahl sie
eigentlich meint.
Wie gehen die beiden Moderatoren mit ihren
Versprechern um? Beide bauen ihren Fehler sofort in die Moderation
ein, thematisieren ihn und lächeln. Es wird kein Fehler versteckt.
Outtakes live und ungeschnitten. Wenn ab jetzt irgendetwas
schiefgeht, dann sagen Sie einfach: »Ich drehe gerade Outtakes für
meinen Lebensfilm.«
Eine weitere Möglichkeit, mit Fehlern umzugehen,
zeigt uns ein Beispiel der »Tagesschau«. Man nehme eine
Liveübertragung um 5 Uhr morgens. Die Sprecherin beginnt die
Sendung mit den Worten: »Guten Morgen.« Genau in diesem Augenblick
kommt ein Herr des Reinigungsteams ins Bild und antwortet
freundlich, wie er ist, ebenfalls mit »Guten Morgen«. Die
Sprecherin guckt ein wenig irritiert, beginnt dann aber, die
Nachrichten zu lesen. Der Putzmann geht offensichtlich davon aus,
dass es sich um eine Probe handelt und leert - mitten im
Fernsehbild - den Mülleimer neben der Sprecherin. Er wechselt den
vollen Beutel und geht in aller Seelenruhe seiner Aufgabe nach. Die
Moderatorin macht unbeirrt weiter, ignoriert den Putzmann und die
gesamte fehlerhafte Situation. Der Zuschauer bemerkt aber, dass Sie
immer wieder kurz davor ist, zu lachen. Nach etwa 20 Sekunden - und
20 Sekunden können lang sein - bemerkt der Putzmann seinen Fehler,
er läuft wieder durch das Bild und verschwindet aus dem
Studio.
Auch wenn so etwas höchst selten im normalen Leben
vorkommt, was lernen wir daraus? Erstens: Man kann Fehler auch
einfach komplett ignorieren. Zweitens: Auch bei der »Tagesschau«
steht ein Mülleimer unter dem Tisch, der darüber hinaus geleert
wird. Uns würde mal interessieren, was man während der Sendung so
wegwirft. Schlechte Nachrichten?
Was zu beweisen war: Man kann auch in den
schlimmsten Situationen spontan sein. Nachzuschauen bei YouTube:
»Putzmann und Tagesschau«.
Zsa Zsa Gabor

Übung 12:
Gute Freunde
Sie brauchen dazu:
• wahlweise: Freunde, die Sie mögen/Freunde, die
Sie nicht mögen/Kollegen/Ihren Partner/Ihre Partnerin
• 5 bis 15 Minuten Zeit
• Ihr Ja-Buch
Und so geht’s:
Eine Denkaufgabe: Welche Menschen in Ihrem Umfeld
schätzen Sie besonders? Welche Menschen finden Sie spannend und
interessant? Mit wem verbringen Sie gerne Zeit? Sind Ihre besten
Freunde und Kollegen perfekt? Oder schätzen Sie die am meisten, die
kleine Fehler haben? Notieren Sie die kleinen Fehler Ihrer Freunde
und Bekannten in Ihrem Ja-Buch.
Was soll das?
Sie verlieren die Angst vor eigenen Fehlern. Wir
sind sicher, dass Sie einige Fehler von guten Freunden schätzen und
amüsant finden. Wer sich das vor Augen führt, verändert auch seine
Einstellung zu eigenen Fehlern. Sie werden Ihre Fehler vielleicht
nicht mehr nur verstecken wollen.
»Menschen die keine Fehler haben, wissen nicht, wo
Gott wohnt.« Mit diesem Satz überraschte uns einmal ein Kollege.
Sein Schauspiellehrer sagte diesen Satz immer, wenn er jungen
Kollegen zusah, die zwar perfekt aussahen und spielten, aber keine
Ecken und Kanten hatten.
Menschen mit Fehlern sind interessanter.
Kultivieren Sie Ihre Fehler. Es war doch schon in der Schule so:
Die Streber konnte man nicht leiden. Menschen, die zu perfekt sind,
machen uns Angst. Oder gehörten Sie zu den Strebern?
Fehler machen uns menschlicher, Fehler machen uns
spontaner und Fehler bringen Spaß. Hier noch zwei
Fehler-Geschichten, an denen wir in leitender Position dabei waren.
Viel Spaß …


Wir spielten einmal im Finanzministerium am Tag
der offenen Tür und gaben dort stündlich eine Show zum Thema
Konjunkturpaket. Am zweiten Tag sollte der damalige Finanzminister
zu Gast sein, deshalb hatten wir ihn in die Show mit eingebaut.
Natürlich wurde alles vorher genau abgesprochen. Wir wollten den
Finanzminister, sobald er mit seiner Entourage um die Ecke bog,
begrüBen. Es waren ziemlich viele Kameras auf uns gerichtet, die
Agentur war aufgeregt, der Betreuerstab des Ministers war
aufgeregt, wir waren aufgeregt; Als der Finanzminister schlieBlich
auf ans zukam, begrüßte ich ihn mit den Worten: »Sehr geehrter Herr
Wirtschaftsminister« Er blieb entspannt und antwortete
shclagfertig: »Den Job übernehme ich auch noch.« Im Anschluss an
die Show wurde iche gefragt, wie ich auf die mutige Idee gekommen
sei, den Finanzminister so aus der Reserve zu locken. Alle waren
sichtlich enttäuscht, als sie hörten, dass es »nur« ein Fehler
war.

Moderation auf einer Firmenveranstaltung einer
großen Baumarktkette. 400 Zuschauer im Saal. Ich war als Moderator
einer Podiumsdiskussion in den einzelnen Reihen unterwegs, um
Gespräche mit den Mitarbeitenr zu führen oder das Mikro an sie
weiterzureichen. Nach etwa einer Stunde meldete sich eine jüngere,
attraktive Mitarbeiterin, die mitten im Publikum ihren Platz hatte.
Sie wartete nicht, bis ich mit dem Mikrofon bei ihr war, sondern
begann sofort, ihre Frage zu stellen. Da ich mich mit dem Mikrofon
erst zu ihrer Sitzreihe durchkämpften musste, rief ich ihr zu:
»Warten Sie kurz auf mich, bei Ihnen kommt man immer so schwer
rein...« kurze Pause - dann schallendes Gelächter im ganzen Saal.
Und ich merkte meinin Versprecher noch nicht mal. Aber gerade mein
verstörtes Gesicht - mein Statusverlust - machte die Situation noch
komischer und trug zu einer entspannten Diskussion bei.
Grey’s Anatomy, Arztserie, ProSieben
Warum sollten Sie Fehler haben? Und wenn doch,
wieso sollten Sie darüber reden? Sie möchten schließlich ernst
genommen werden. Sie sind doch kein Schauspieler, über den die
Kollegen lachen. Figuren aus berühmten Sitcoms wie Al Bundy, Mr.
Bean oder Dr. House leben von ihren Fehlern und Macken. Sie mögen
ein klein wenig verschroben wirken, aber gerade diese Macken machen
sie uns sympathisch. Um mit einem guten Beispiel voranzugehen,
möchten wir Ihnen mal unsere Fehler und Macken präsentieren:


Diese Liste ließe sich natürlich noch beliebig
ergänzen, würden Sie unsere Frauen fragen. Als Team stehen wir für
Navituition. Einer von uns hat mehr den Plan im Kopf und der Andere
folgt stärker seinem Bauch, der Intuition. Wir ergänzen uns deshalb
als Spontaneitätsduo. Und jeder lernt vom Anderen und wächst an
ihm.

Übung 13:
Finden Sie die Macke
Sie brauchen dazu:
• sich selbst
• ein Foto von sich
• einen Zettel
• einen Stift
• Klebstoff
• Ihr Ja-Buch
• etwas Mut
Und so geht’s:
Nehmen Sie Ihr Foto und kleben Sie es in Ihr
Ja-Buch. Listen Sie daneben alle Ihre Macken und Fehler auf, die
Sie an sich kennen. So wie wir es oben vorgemacht haben. Danach
ziehen Sie eine Linie vom Fehler/von der Macke zu einem Körperteil,
der damit in Verbindung steht. Zum Beispiel: chaotisch - die Linie
führt zum Kopf. Unpünktlich - die Linie verweist auf die Uhr am
Handgelenk.
Variante für Ehrliche:
Schreiben Sie wirklich alles auf. Alles, auch wenn
es wehtut.
Was soll das?
Wir geben Ihnen die Möglichkeit, den Blick auf
Ihre Fehler zu überdenken: Welche davon machen mich sympathisch,
welche vielleicht sogar einzigartig? Und an welchen möchte ich doch
lieber arbeiten? Sie werden feststellen, dass es sich bei der
überwiegenden Zahl um Macken handelt, mit denen Sie Anderen
vielleicht manchmal auf die Nerven gehen, aber die auf der anderen
Seite auch Ihren Charakter ausmachen. Erst wenn Sie Ihre Macken
kennen und akzeptieren, können Sie dazu stehen. Eben noch dachten
Sie, es sei ein Fehler, und jetzt wissen Sie, dass es sich um eine
Macke handelt, die Ihre Persönlichkeit ausmacht.
»Selbst-Ehrlichkeit« heißt das Zauberwort - ein wichtiger Schritt
auf dem Weg in ein spontaneres Leben. 

Wir punkten mit unseren Fehlern, wenn wir auf der
Bühne die sichere Showplattform verlassen. Die Zuschauer schätzen,
was wir tun, weil wir uns für sie aufs Glatteis begeben. Wir
bekommen Vorgaben von ihnen, die wir nicht kennen. Den Zuschauern
macht es Spaß, uns scheitern zu sehen, sie lieben es, wenn wir
während der Show unsicher sind. Jede Show wird so zu einer
einmaligen Uraufführung.
Jetzt wenden Sie möglicherweise ein, dass wir das
ja können, schließlich verdienen wir doch unser Geld damit. Sie
hingegen würden sofort Ihren Job verlieren. Sie könnten an Ihrem
Arbeitsplatz keine Unsicherheit zeigen. Und genau das ist der
Punkt: Wirken Sie nicht unsicher oder unvorbereitet, aber seinen
Sie offen für Fehler. Machen Sie es wie wir. Machen Sie Ihre Macke
zur Marke.
Die Fantastischen Vier. Eine einzige
Macke?
»Sie sind nicht gut in dem, was sie können,
vielmehr sind sie in den Dingen perfekt, die sie nicht können. Wenn
sie vernünftig rappen würden, interessant wären, man sie in
Hip-Hop-Kreisen ernst nähme, wenn sie versuchten, mehr zu sein, als
sie sind - es würde die Fantastischen Vier längst nicht mehr geben.
Die Summe ihrer Makel ist das Geheimnis ihres Erfolgs.«
»Die Welt«, 19.5.2010
Am Ende unserer Show fragen uns die Zuschauer oft,
ob wir denn nie Fehler machten. »Doch, andauernd«, entgegnen wir
dann. Aber meist werden diese Fehler gar nicht bemerkt. Sie wiegen
in unserem Kopf viel schwerer als für das Publikum, das in der
Regel gar nicht mitkriegt, dass wir einen anderen
Plan hatten. Niemand achtet darauf, dass einer von uns eine
fiktive Tür nach links öffnet, wenn er auf die Bühne kommt, und der
andere nach rechts. Den Mitspielern fällt das natürlich auf, dem
Publikum nicht. Im richtigen Leben, abseits vom Rampenlicht, ist
das nicht anders. Sie merken vielleicht, dass die Dinge anders
laufen, als Sie es geplant hatten. Sie vergessen beim Kochen einer
leckeren Spaghettisauce eine Zutat, doch nur Sie wissen das. Alle
anderen sind trotzdem begeistert.
Und wenn doch alle merken, dass was schiefgelaufen
ist? Für solche Fälle empfehlen wir den Woopaa-Trick.

Übung 14:
Woopaaaaaaaaaaaaaaaaaa
Sie brauchen dazu:
• einen Fehler, den Sie gerade gemacht
haben
• Ihre Stimme
• Mut
Und so geht’s:
Ab sofort feiern Sie Ihre Fehler. Als Kind waren
Sie bestimmt mal im Zirkus. Wir haben noch eine lebhafte Erinnerung
daran: Selbst wenn ein Kunststück misslang, die Artisten stellten
sich in ihren glitzernden Trikots vor das Publikum, die Arme
ausgebreitet, und riefen laut »Woopaa!!!«, während sie über das
ganze Gesicht strahlten. Sie hatten gerade einen Fehler gemacht und
ihn gefeiert. Das geht auch auf der Bühne des Lebens.
Wenn Sie das nächste Mal einen Fehler machen, den
Topkunden in der Telefonanlage verlieren oder die Espressomaschine
zur Reinigung in ihre Einzelteile zerlegen und nicht mehr
zusammengebaut bekommen, dann machen Sie ihn öffentlich. Ob Sie
dabei auch »Woopaa!!!« rufen, sei Ihnen überlassen.
Variante für Filmfans:
Sie kennen das vom Film: Misslingt eine gedrehte
Szene, wird sie so lange wiederholt, bis sie perfekt im Kasten ist.
Der Regisseur ruft: »Alles auf Anfang! Action!«, und die Szene wird
noch mal gedreht. Auch Sie haben diese Möglichkeit: Sollten Sie ein
Gespräch mit einem Kollegen oder Kunden von Anfang an in den Sand
setzen, den Namen Ihres Ansprechpartners vergessen haben oder sich
unangenehm versprochen haben, was auch immer, sagen Sie: »Vergessen
Sie alles, was Sie eben gehört und gesehen haben, ich komme noch
mal rein.« Dann drehen Sie sich um, verlassen das Zimmer, kommen
wieder rein und machen diesmal alles richtig. Auch hier bleibt es
Ihnen überlassen, ob Sie »Woopaa!!!« ausrufen oder zumindest leise
in sich hineinsagen …
Variante für Geldgierige:
Führen Sie in Ihrer Firma, Ihrer Abteilung oder in
Ihrem privaten Umfeld eine Fehlerkasse ein. Jedes Mal, wenn
irgendwer, Sie inklusive, einen Fehler macht, kommt ein Euro in die
Kasse. Und je nachdem, wie Sie sich gemeinsam schlagen, kommt am
Endes des Jahres vielleicht eine Menge Geld zusammen, um gemeinsam
eine Fehler-Party zu veranstalten und auf die Fehler des Jahres mit
einem Lächeln zurückzublicken.
Was soll das?
Sie verlieren die Angst vor Fehlern, gehen
spielerischer mit Ihren Fehlern um und stürzen sich damit in neue
Abenteuer. Sie lernen, Ihre Einstellung zu Fehlern zu verändern.
Sie leben eine andere, neue Fehlerkultur. Manche Fehler sind
letztendlich nur eine sympathische Macke. Und bei den anderen
Fehlern lohnt es meist nicht, sie zu verstecken, sie werden ohnehin
ans Tageslicht kommen. Thematisieren Sie Ihre Fehler, damit sie das
werden, was sie sind: Selbstverständlich. Haben Sie Respekt vor
Fehlern, aber keine Angst. Feiern Sie Ihre Fehler, und Sie werden
mit mehr Spontaneität belohnt. 

Während der Deutschen Meisterschaft der deutschen
Improtheater-Ensembles gab es einen legendäres Match zwischen der
Improgruppe »Fast Food« aus München und Gruppe »Drama Light« aus
Mannheim. Bei so einem Match spielen beide Ensembles zusammen auf
der Bühne, und das Publikum darf darüber abstimmen, welches ihnen
besser gefallen hat. Einer der Schauspieler von »Fast Food« wollte
in einer römisch angehauchten Szene sagen: »Nimm diesen spitzen
Dolch.« Er verhaspelte sich jedoch und sagte stattdessen: »Nimm
diesen Stolch.« Sein Gegenspieler übernahm den Fehler umgehend,
ohne ihn zu verbessern, und entgegnete: »Mit diesem Stolch willst
du mich ermorden?« Es entstand eine wunderbare Szene, die von einem
Fehler, dem Stolch, getragen wurde.
Wenn uns jemand fragt, warum die Zuschauer über
uns lachen, dann antworten wir immer: »Wir stehen zu unseren
Fehlern und wir haben keine Angst vor ihnen.« Wir verlassen die
sichere Plattform, gehen ins Risiko und zelebrieren unsere Fehler,
so dass die Zuschauer darüber lachen. Wir würden nicht über uns
sagen, wir seien witzig. Keiner von uns hat ein Stand-up-Programm
parat oder kann mit auswendig gelernten Witzen punkten. Wir haben
lediglich erkannt, dass Fehler Spaß machen und dadurch etwas Neues
entsteht und haben das für die Bühne perfektioniert. Das
funktioniert aber genauso im Alltags- und Berufsleben.
Also los: Geben Sie Ihren Fehlern und Macken einen
Namen. Fangen Sie an, mit ihnen zu trainieren. Wo können Sie Fehler
zulassen? Wir schlagen vor, sich ein Umfeld zu suchen, das Fehler
zulässt. Wenn Ihnen kein Bereich einfällt, dann legen Sie sich ein
Hobby zu, von dem Sie überhaupt keine Ahnung haben. Also auch nicht
ein bisschen Ahnung. Für uns würde da Curling, Töpfern,
Seidenmalerei, Kamasutra oder Tontaubenschießen in Betracht kommen.
Eine andere Möglichkeit ist, sich in der örtlichen Volkshochschule
zu einem Wochenendkurs für ein Thema anzumelden, von dem Sie
wiederum keine Ahnung haben. Und dann stürzen Sie sich in dieses
Fehler-Abenteuer. Es gibt vieles, was Sie dabei lernen können. Am
ersten Tag kennt Sie keiner, am zweiten Tag kennen Sie alle. Sie
sind der Mensch, der sich traut, Fehler zu machen. Hallo Fehler,
hier bin ich!

Übung 15:
VHS-Roulette
Sie brauchen dazu:
• sich selbst
• ein aktuelles Programm Ihrer örtlichen
Volkshochschule (VHS)
Und so geht’s:
Melden Sie sich nach dem
Keine-Ahnung-wie-der-Kurs-ausgesprochen-wird-Prinzip zu einem
Wochenendkurs in Ihrer örtlichen Volkshochschule an. Oder nehmen
Sie einfach den Kurs, der Sie am wenigsten interessiert oder sich
am langweiligsten anhört. Sie können auch eine beliebige Seite
aufblättern und per Fingersuchsystem einen Kurs orakeln. Besuchen
Sie den Kurs und verabschieden Sie sich von der Erwartung an sich
selbst, alles richtig zu machen. In diesem Kurs ist jeder Fehler
erlaubt.
Was soll das?
Da Sie nichts erwarten, können Sie in einem
sicheren Rahmen Fehler machen. Das Beste daran ist: Sie wissen
nicht, was auf Sie zukommt. Sie haben keinen Plan von diesem Kurs
und verlassen sich nur auf Ihre Intuition. 

Auch andere Menschen machen Fehler. Wir haben ein
paar herausragende Pannen-Anekdoten für Sie zusammengestellt. Allen
ist eines gemeinsam: Die Menschen, von denen hier die Rede ist,
haben zwar Fehler gemacht, sahen darin aber letztlich eine Chance,
erfolgreich zu sein.
Wir schreiben das Jahr 2004. Unzählige Laptops und
Notebooks gehen kaputt, weil Benutzer über Stromkabel stolpern und
das schöne Gerät auf den Boden fällt. Kleine Kinder ziehen
an spannenden Kabeln, weil Papa oder Mama den Laptop auf dem
Küchentisch zum Aufladen abgestellt hat. So oder ähnlich wird es
auch Mitarbeitern von Apple gegangen sein, als sie auf die Idee
kamen, die Stromverbindung bei den MacBooks auf magnetische Stecker
umzustellen. Sobald man am Kabel zieht, löst sich der Stecker
einfach ab. Wie viele Computer wurden dadurch gerettet? Und wie
viele Kinder, weil ihnen der Laptop nicht auf den Kopf fiel? Jemand
rechnet mit dem Fehler des Benutzers, und eine neue Erfindung
entsteht daraus. Perfekt.
Im September 1928 entdeckte der schottische
Bakteriologe Sir Alexander Fleming das Penizillin. Doch eigentlich
war ein Fehler für diese Entdeckung verantwortlich. Alexander
Fleming experimentierte in seinem Labor am St. Mary’s Hospital in
London. Er verschloss eine Probe nicht richtig und nach der
Rückkehr aus den Sommerferien entdeckte er, dass eine seiner
Bakterienkulturen von den Sporen eines Schimmelpilzes befallen
worden war. Anstatt seinen Fehler zu vertuschen und die Proben zu
entsorgen, beschäftigte er sich eingehender mit seinem Fehler und
bemerkte, dass überall, wo der Pilz sich ausgebreitet hatte, keine
Bakterien angesiedelt waren, und dort, wo welche gewesen waren,
diese sogar eingegangen waren. Alexander Fleming legte damit den
Grundstein für das heutige Antibiotikum. Fleming wurde 1944 geadelt
und durfte sich fortan »Sir Alexander Fleming« nennen. 1945 erhielt
er zusammen mit H. W. Florey und E. B. Chain den Nobelpreis für
Medizin »für die Entdeckung des Penizillins und seiner heilenden
Wirkung bei verschiedenen Infektionskrankheiten«.
Jeder Mensch macht Fehler, auch die Götter in Weiß.
Wir haben im Netz einen spannenden Medizinerblog mit dem Titel:
www.jeder-fehler-zaehlt.de
gefunden. Der Untertitel
macht die Seite für uns Laien klarer. »Fehlerberichts- und
Lernsystem für Hausarztpraxen.« In diesem Blog schreiben Ärzte und
Angestellte von Arztpraxen anonym über Fehler, die ihnen bei ihrer
täglichen Arbeit passiert sind. Es gibt den Fehler des Monates
statt den Mitarbeiter des Monats. Wesentlich ist auch hier: Fehler
werden grundsätzlich akzeptiert. Es gibt sie, aber man lernt aus
ihnen.
Showmaster und Entertainer Stefan Raab hat einen
ziemlich guten Ansatz, mit Fehlern umzugehen. »Stern Online« hat
das in einem Artikel treffend formuliert: »Er hat eine Idee. Er
probiert sie aus. Sie gelingt - wunderbar, machen wir eine Show
draus. Sie gelingt nicht - gut, dass wir das wissen, weiter geht’s.
Niemand sonst im deutschen Fernsehen steckt so viel Energie und
Kreativität in das Medium, das in diesem Lande am liebsten auf
Bewährtes setzt.« Stefan Raab arbeitet nach dem Prinzip von Trial
and Error. Er probiert aus und rechnet mit Fehlern. Die sehr
erfolgreiche »WOK-WM«, in der Prominente mit einem modifizierten
asiatischen WOK statt mit einem Bob durch einen Eiskanal fahren,
entstand zum Beispiel aus einer Wette bei »Wetten, dass …?!«
Fehler sind etwas, womit Sie immer rechnen müssen.
Bei unseren Shows sind Fehler Geschenke, die uns helfen, spontan zu
reagieren. Inzwischen handeln wir auch im täglichen Leben nach dem
gleichen Prinzip. Wir sind offen für eigene und fremde Fehler.
Dabei halten wir uns an das folgende Zitat.
Ruth Cohn, Psychologin
Für uns ergibt sich daraus der Leitspruch: »Wir
machen jeden Tag Fehler, und wenn nicht, ist etwas schiefgelaufen.«
Dieser Satz hat uns von dem Druck befreit, immer perfekt sein zu
müssen. Wir werden nicht spontan handeln, wenn wir Angst davor
haben, einen Fehler zu machen. Wer spontan handelt, macht Fehler
und übernimmt Verantwortung dafür, egal ob daraus eine großartige
Erfindung entsteht oder etwas für die Mülltonne. Sie müssen den
Umgang mit Fehlern für sich neu definieren.

Übung 16:
Geben Sie uns Ihre Fehler
Sie brauchen dazu:
• sich selbst
• einen oder mehrere Fehler
• einen Computer mit Internetanschluss
• Ihr Ja-Buch
Und so geht’s:
Schreiben Sie Ihre Fehler in Ihr Ja-Buch, die
schönsten und die schlimmsten, in den schillerndsten Farben … Oder
schicken Sie uns Ihre Fehlergeschichten (Adresse auf www.total-spontan.de).
Variante für Blogger:
Verkünden Sie Ihre Fehler in Ihrem Internetblog,
auf Facebook, bei XING, Linkedln, studiVZ oder in welcher Community
Sie auch immer sind. Machen Sie es wie die Vögel auf dem Dach,
twittern Sie Ihre Fehler in die Welt. Das Feedback wird Sie
erstaunen.
Was soll das?
Sie werden merken, dass Ihre Fehler gar nicht so
schlimm sind, wie sie im Moment erscheinen, wenn sie erst einmal
aufgeschrieben sind. Sie werden über Ihre Fehler lachen. Vielleicht
nicht sofort, aber mindestens ein bisschen später. Die eigenen
Fehler zu reflektieren, sorgt außerdem dafür, sie in Zukunft zu
vermeiden. 

Die Angst vor Fehlern führt dazu, dass Sie alles
ganz genau abwägen möchten und sich schließlich vor Entscheidungen
drücken. Frei nach der Devise: »Bevor ich mit meiner Entscheidung
eine eventuelle Katastrophe auslöse, mache ich mal lieber gar
nichts.« Aber gar nichts machen ist nicht sehr spontan. Vielleicht
kennen Sie das: Sie sitzen im Auto, möchten Freunde besuchen und
können sich nicht entscheiden, welche Route Sie nehmen. An der
nächsten Kreuzung müssen Sie sich entscheiden. Die Kreuzung kommt
auf Sie zu. Sie werden immer langsamer, hinter Ihnen staut sich
eine Autoschlange, Sie fahren fast Schrittgeschwindigkeit, um Zeit
für Ihre Entscheidung zu schinden. Die ersten Autos hupen. Der
Druck wird größer, aber Sie können sich einfach nicht entscheiden.
Wenn wir aus Angst vor der falschen Entscheidung die Entscheidung
hinausschieben, wird der Druck - wie die Autoschlange hinter Ihnen
- immer größer. Wir verschwenden dann viel Energie damit, den Druck
auszuhalten, statt die Entscheidung zu fällen. Je eher Sie sich
entscheiden und auf Ihren Bauch hören, desto mehr Energie und
Stress ersparen Sie sich. Spontane Entscheidungen lösen die Lähmung
und bringen Sie weiter.
Fazit: Sie müssen sich entscheiden und wenn Sie das
getan haben, dann hören Sie auf zu grübeln, ob das jetzt ein Fehler
war oder die Alternative doch die bessere Entscheidung gewesen
wäre. Es macht Sie nur unglücklich, belastet Sie, frisst Ihre
Ressourcen. Sie haben es getan, Sie haben »Ja« gesagt. Sie können
es im Augenblick nicht rückgängig machen. Trainieren Sie Ihre
spontanen Entscheidungen in nicht so wichtigen Situationen. Kaufe
ich dieses Kleid oder das andere, stelle ich mich im Supermarkt in
der Schlange an Kasse 1, 6 oder 7 an, wohin gehe ich essen, welchen
Film schaue ich mir im Kino an? Diese Alltagssituationen bereiten
Sie auf größere Entscheidungen vor. Irgendwann müssen Sie
reagieren, und meistens wissen Sie genau, wann der Moment für die
Entscheidung gekommen ist. Zögern Sie ihn nicht hinaus. Stehen Sie
zu dem potenziellen Fehler und übernehmen Sie Verantwortung.
Entscheiden Sie sich.
Viele Fehler existieren oft nur in unserem Kopf,
ohne dass irgendwer etwas davon bemerkt. Unser eigenes Kopfkino
steht uns im Weg. Dort werden aus kleinen Fehlern Riesenprobleme,
wie es eben so ist im Kino. Paul Watzlawick beschreibt in seinem
Buch »Anleitung zum Unglücklichsein«, wie ein solcher Film in
unserem Kopf abläuft:
»Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat
er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt
unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommen ihm
Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will?
Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in
Eile. Vielleicht hat er die Eile nur vorgeschützt, und er hat was
gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da
etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe
es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen
einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl
vergiften das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf
ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s mir
wirklich. - Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet,
doch bevor er ›Guten Tag‹ sagen kann, schreit ihn unser Mann an:
›Behalten Sie Ihren Hammer.‹«

Ich hatte neulich auch so eine
Kopfkino-Situation. In einem Hamburger Thai-Imbiss sprach mich eine
Frau an. Ich konnte mich aber beim besten Willen nicht daran
erinnern, woher ich sie kannte. Ich wusste nur, dass ich sie kenne.
Sie fragte fröhlich, wie es mir ginge, ich aber stand total
verkrampft vor ihr und stammelte vor mich hin. Wir unterhielten uns
über belanglose Dinge. Ich wollte nicht zugeben, dass ich keine
Ahnung hatte, wer sie war. Und gleichzeitig ging, während ich so
redete, in meinem Kopf ein schlechter Film los: Was denkt die jetzt
von mir? Ist das eine Bekannte meiner Frau oder war sie mal in
einim Workshop? Nein, das war es auch nicht. Die hält mich jetzt
bestimmt für den totalen Vollhonk. Gleich fällt es mir ein. Mann,
bin ich verkrampftK Ich muss mich zusammenreißen. Die ist bestimmt
von einer Agentur und bucht mich nie wieder. Hatte ich mal was mit
ihr?
Ich werde wahrscheinlich nie erfahren, wer sie
war. Und hätte sie mich für einen Job buchen wollen, dann habe ich
das gründlich vermasselt. Nur weil ich Angst hatte, meinen Fehler
zuzugeben, und mit jedem Wort, das ich zu ihr sagte, noch mehr
Fehler zu machen. So viel zu meiner eigenen Spontaneität. Sollte
mir das noch mal passieren, frage ich sofort nach dem Namen und
erspare mir da Kopfkino.
Horaz, römischer Dichter
Spielen Sie eine solche Situation einmal für sich
selbst durch. Wann startet Ihr persönlicher Film im Kopf? Der
Auslöser ist immer die Angst, einen Fehler zu begehen, sei er auch
noch so klein. Der Film blockiert Ihre Spontaneität. Sie sind nur
noch mit Ihrer eigenen negativen Selbstwahrnehmung beschäftigt. Der
Film belegt Ihren kompletten Spontaneitätsarbeitsspeicher. Da ist
es wieder, das Kaninchen, und die Schweinwerfer kommen auf Sie zu.
Entscheiden Sie sich. Springen Sie nach links oder rechts. Stehen
bleiben ist auf jeden Fall die falsche Lösung. Wenn Sie im Kleinen
beginnen, spontan zu entscheiden, und Fehler zulassen, werden Sie
das über kurz oder lang auch bei großen Entscheidungen tun. Wir
wissen, wovon wir sprechen. Wir beide haben die Grübelphase
mittlerweile auch bei schwer wiegenden Entscheidungen dramatisch
verkürzt. Wir übernehmen die Verantwortung für mögliche Fehler.
Wenn unsere Entscheidung am Ende doch ein Fehler gewesen sein
sollte, hadern wir nicht mehr mit der getroffenen Entscheidung und
verschwenden eine Menge Energie, sondern prüfen mit voller Kraft,
wie sich die Situation optimieren ließe. Wir treffen - wenn
notwendig - eine neue Entscheidung mit oder ohne Fehlerpotenzial.
Statt in der Situation handlungsunfähig zu sein, versuchen wir mit
etwas Abstand, einen Blick zurück auf unsere Entscheidungen zu
werfen und sie zu analysieren. Das trainiert unsere Intuition und
unser Bauchgefühl.
Wenn wir durch die Tür gehen und kein Sofa im Raum
entdecken, schauen wir, was der Raum noch alles zu bieten hat. Wir
nutzen alles, was wir finden können, und gestalten daraus eine neue
Komfortzone. Auf jeden Fall gehen wir nicht wieder zurück. Wir
nehmen den Raum, wie er ist. Rechnen Sie mit Ihren eigenen Fehlern,
mit den Fehlern Ihrer Kollegen,
Freunde und Partner. Das Leben macht deutlich mehr Spaß, wenn Sie
sich und anderen Fehler erlauben.

Übung 17:
Spielen Sie Risiko
Sie brauchen dazu:
• sich selbst
• einen Kollegen
• einen Kunden
• eine Präsentationssituation
Und so geht’s:
Machen Sie doch mal ganz bewusst Fehler in einem
Vortrag oder einer Präsentation. Bauen Sie zum Beispiel eine Seite
in Ihre Unterlagen ein, die da gar nicht hingehört, und zwar so,
als seien Sie selbst davon überrascht. Freuen Sie sich, wenn jemand
den Fehler entdeckt, und achten Sie mal darauf, wie derjenige sich
darüber freut. Oder wundern Sie sich, falls keiner ihn
bemerkt.
Bei so manchem langweiligen Vortrag hat ein Fehler
letztendlich alle Zuhörer wieder aufwachen lassen. Einer unserer
Kollegen hat bei Kundenpräsentationen seinen Bildschirmschoner
immer so eingestellt, dass nach einiger Zeit Bilder von seinem
Urlaub erscheinen. Dieser scheinbare Fehler erlaubt ihm, mit dem
Kunden auf einer privaten Ebene zu kommunizieren und damit die
persönliche Bindung zu stärken.
Was soll das?
Diese Übung ist ein wunderbares Training, um mit
Fehlern umgehen zu lernen. Lassen Sie sich von Ihren selbst
programmierten
Fehler-Zeitbomben überraschen. Sie müssen spontan reagieren und
Sie werden spontan reagieren, denn eine Störung befördert Sie von
einer Sekunde auf die andere in die Welt der Spontaneität. Es
bleibt Ihnen gar nichts anderes übrig. Sie gehen aufmerksamer und
wacher in Ihre Präsentation, da Sie das Unerwartete erwarten.
Schließlich wissen Sie nicht, wann der Fehler bemerkt wird und was
danach geschieht. Fehler können eine Chance sein. 

Treten Sie mit uns in Fettnäpfchen, lernen Sie,
Ihre Fehler zu genießen. Fehler werden ab jetzt Ihr ständiger
Begleiter sein. Starten Sie Ihre persönliche Fehlerkampagne, denken
Sie daran, dass jeder Fehler Sie noch spontaner macht. Und wenn
etwas schiefgeht, geben Sie uns die Schuld. Dann war es eben ein
Fehler, unser Buch zu kaufen. Und damit Sie auch noch etwas
dazugelernt haben: In Zukunft einfach keine Bücher mehr
kaufen.
Die tun ja gerade so, als seien Fehler nicht
schlimm und als könnte man ab sofort jeden Tag so viele Fehler
machen, wie man will … Das ist natürlich Quatsch. Wir geben Ihnen
keinen Fehler-Freibrief. Sie können nicht einfach losziehen, nur
noch Mist bauen und alles auf uns schieben: »Ich habe das Buch von
Ralf Schmitt und Torsten Voller gelesen. Ich darf das.« Nein, nein
und nochmals nein. Sie dürfen ab sofort entspannter mit Ihren
Fehlern umgehen. Aber einfach nur Fehler machen und anderen damit
auf die Nerven gehen oder jemanden gefährden, ist verboten. Vor
allem, wenn Sie der Pilot des Flugzeugs sein sollten, in dem wir
demnächst sitzen.
Bis hierher haben Sie hoffentlich auf uns gehört
und sagen mittlerweile »Ja« zu unerwarteten Situationen. Sie
entscheiden aus dem Bauch heraus und haben sich sogar darauf
eingelassen,
dass Ihre spontane Entscheidung womöglich ein Fehler sein könnte.
Sie haben aber beim besten Willen kein neues Penizillin entdecken
können und auch keine neue TV-Show entwickelt. Sie haben einfach
nur etwas verbockt und stehen nun vor einer neuen unerwarteten
Situation, auf die Sie reagieren müssen. Perfekt. Dieser Fehler
trainiert Ihre Spontaneität. Wenn Sie Lust bekommen haben, dann
gehen Sie jetzt raus, sind spontan und machen Fehler. Sie können
natürlich auch gerne noch ein wenig weiterlesen. Viel Spaß beim
nächsten Kapitel!
Das ganze Buch für Schnellleser: Teil 2
»Mach Fehler und genieße es.«
Lesen Sie weiter auf Seite 241.
Regel Nr. 3: Hör auf zu planen und sei offen für jeden Moment
Sie haben »Ja« gesagt und die Tür in die Welt der
Spontaneität geöffnet. Sie sind todesmutig durch die offene Tür
gegangen, ohne zu wissen, ob hinter der Tür ein Sofa, King Kong
oder irgendein anderes Monster auf Sie wartet. Sie lassen sich
überraschen, und das sogar freiwillig. Sie haben in Kauf genommen,
keinen blassen Schimmer zu haben, was hinter der Tür
auf Sie wartet. Wird es ein Fehler sein, wird es kein Fehler sein?
Wie auch immer. Sie sagen »Ja« zu der Situation, die Sie vorfinden.
Hadern und Zaudern macht in dem Moment sowieso keinen Sinn mehr,
denn Spontaneität ist ja das, was jetzt passiert. Das heißt, Sie
müssen auch jetzt reagieren und spontan sein. Nur eins haben wir
bislang nicht geklärt: Wie finden Sie die Tür eigentlich?

Die ersten beiden Regeln ermöglichten Ihnen, »Ja«
zu sagen und Fehler zuzulassen. Mithilfe der dritten Regel »Hör auf
zu planen und sei offen für jeden Moment« werden Sie erkennen, dass
es auch noch andere Optionen gibt als die ausgetretenen
Anti-Spontaneitäts-Wege. Sie nehmen die Türen, an denen Sie bisher
vorbeigelaufen sind, bewusst wahr. Im Moment zu sein bedeutet,
unerwartete Situationen selbst zu entdecken und zu
trainieren.

Douglas Adams, britischer Science-Ficion-Autor
und Verfasser der satirischen Trilogie in sechs Teilen »Per
Anhalter durch die Galaxis«, hat neben vielen verrückten
Geschichten auch einige bedenkenswerte Wahrheiten und Weisheiten in
seinen Büchern formuliert. So beschäftigt er sich unter anderem
damit, wie man Dinge unsichtbar macht. Man müsse um sie herum nur
ein sogenanntes »PAL-Feld« aufbauen. Ein
»Problem-Anderer-Leute-Feld«. Er stützt sich dabei auf den Hang
vieler Menschen, in allem ein Problem anderer Leute zu sehen. Wir
sehen die Dinge nicht, die wir nicht sehen wollen, nicht enwarfet
haben oder nicht erklären können. Ich kenne dieses Phänomen sehr
gut. Es gelingt mir zuhause hervorragend, meine herumliegenden
Socken und Hosen unsichtbar zu
machen. Da die abgelegten Kleidungsstücke auf dem Fußboden für
mich kein Problem darstellen, sehe ich sie auch nicht mehr. Es ist
ein Problem anderer Leute, in diesem Fall von meiner Frau. Leider
ist es mir noch nicht gelungen, mein PAL-Feld auch auf meine Frau
auszuweiten, daher sieht sie meine hingeworfenen Klamotten
immer.
Genau so ein »PAL-Feld« scheinen viele Menschen um
sich herum aufgebaut zu haben, wenn es darum geht, sich auf Neues
einzulassen. Kommen Ihnen Standardsätze wie diese bekannt vor: »Das
machen wir doch immer so!« Oder: »Den Weg bin ich noch nie
gegangen, dann mache ich es heute auch nicht!« Oder auch: »Das ist
nicht mein Problem. Sehe ich nicht. Mache ich nicht.«
Schalten Sie Ihr eigenes »PAL-Feld« ab und richten
Sie Ihren Blick auf die Türen, hinter denen sich vielleicht etwas
Unerwartetes verbirgt. Die Auseinandersetzung mit dem Unerwarteten
trainiert Sie und macht Sie spontan. Im Moment zu sein bedeutet,
alles um sich herum in genau diesem einen Moment wahrzunehmen.
Saugen Sie wie ein Schwamm alles in sich auf. Damit trainieren Sie,
schnellstmöglich herauszufinden, was Ihnen in einer spontanen
Situation zur Verfügung steht.

Übung 18:
Entdeckertour
Sie brauchen dazu:
• sic h selbst
• Ihre Augen
• einen altbekannten Weg
Und so geht’s:
Diese Übung ist eine Variation der Übung 10 »Das
Konto ›Erlebnispunkte‹ auffüllen«. Es geht jetzt darum, neue Wege
entdecken zu wollen (auch für den Fall, dass Sie noch immer auf
Ihren Anti-Spontaneitäts-Wegen unterwegs sind). Versuchen Sie auf
einem Weg, den Sie regelmäßig gehen und sehr gut kennen, jedes Mal
etwas Neues zu entdecken, etwas, das Sie vorher noch nie gesehen
haben. Je öfter Sie die Strecke gehen, desto schwieriger wird das.
Alles ist erlaubt: Eine neue Auslage in einem Schaufenster, ein
Baum, der sich mit den Jahreszeiten verändert, ein Auto, das in
einer Einfahrt parkt …
Variante für Fortgeschrittene:
Besonders viel lässt sich entdecken, wenn man
seinen Blickwinkel ändert. Schauen Sie sich mal einen Tag lang nur
Dächer an und an einem anderen nur Haustüren.
Was soll das?
Im Moment zu sein ist so verdammt schwer. Wir
gehen immer die gleichen Wege und wissen meist, was gleich kommt.
Aus diesem Grund fangen wir automatisch an zu planen: »Hm, da vorn
der Bäcker, ich muss Brötchen holen, und da der Zeitungskiosk,
hoffentlich haben die noch meine Tageszeitung, und da parkt der
VW-Bus von meinem Freund, er ist also schon zuhause, ob er den
Tisch schon gedeckt hat? …
Mit unserer Wahrnehmung verhält es sich wie mit dem
nachfolgenden Bild. Wir sehen ein weißes Dreieck, das aber gar
nicht da ist. Wenn wir im Moment sind und genau hinschauen,
erkennen wir drei angeschnittene Kreise und drei Winkel, aber kein
Dreieck. 


Wir müssen unser Gehirn aktiv trainieren, wieder
im Moment zu sein und neue Dinge wahrzunehmen, statt den alten
Anti-Spontaneitäts-Sichtweisen zu vertrauen. Erweitern Sie Ihre
Wahrnehmung, um irgendwann in unerwarteten Situationen alles, was
JETZT da ist, nutzen zu können.

Übung 19:
Assoziations-Alarm
Was sehen Sie? Kreise oder einen Menschen?
»Die Mitglieder der Gastmannschaft müssen immer
dick sein, sonst dürfen sie nicht mitspielen.«
(Gefunden an der Tür zum Umkleideraum einer alten
Schulturnhalle) 


In der Regel nehmen wir alles um uns herum nur
begrenzt wahr, da wir den Kopf voller Pläne für die nächsten 30
Minuten haben.
Ah, da vorne ist der Supermarkt, da muss ich gleich
noch was einkaufen. Die hervorragende neue Bäckerei auf dem Weg
zum Supermarkt haben Sie nicht bemerkt.
Im Supermarkt: Gleich hinter den Saftkartons sind
immer die Sonderangebote, mal sehen, was die heute anbieten. Und
Sie bemerken gar nicht, dass es neuerdings Ihren Lieblingssaft, den
Sie sonst ganz woanders kaufen müssen, im Sortiment gibt.
An der Kasse wird weiter geplant: Ich muss gleich
noch das Auto volltanken. Und es fällt Ihnen gar nicht auf, dass
Ihr Nein-Kollege auf dem Parkplatz mit Ihrer Frau
knutscht.
Und wenn ich gut durch den Berufsverkehr komme,
kann ich beim Blumenladen vor Ladenschluss für meine Frau noch
schnell ein paar rote Rosen kaufen. Und Sie merken nicht, dass
es dafür schon zu spät ist.
Bei all dem Planen und Vorbereiten übersehen wir so
viele Dinge, die uns genau in dem Moment zur Verfügung stehen.
Vielleicht hätten Sie in der Bäckerei die entzückende Verkäuferin
kennen gelernt, hätten Ihre Frau auf dem Parkplatz erwischt, wären
trotzdem zum Blumenladen gefahren, hätten rote Rosen gekauft, um
sie der entzückenden Verkäuferin in der Bäckerei zu schenken. Happy
End.
Unsere eigenen Pläne und das, was wir von unserer
Umwelt erwarten, hindern uns daran, die spontane Seite in uns zu
entdecken. Es ist ja auch wirklich gemein. Da hält sich doch
einfach das Leben, die Welt, das Universum, Gott oder wer auch
immer hinter allem steckt, nicht an die schönen Pläne, die wir uns
im Kopf so perfekt zurechtgelegt haben. Was fällt der Welt ein,
nach Jahren, in denen es nur Monate im Matsch ohne echtes
Winter-Feeling gab, plötzlich wieder einen echten Winter zu
veranstalten mit - »Überraschung, Überraschung« - viel Neuschnee
und vereisten Straßen? Und dabei hatten Sie doch dieses Jahr
geplant, sich keine Winterreifen zu kaufen. Oder gerade, wenn Sie
Ihre Verwandtschaft in Italien besuchen wollen, zieht über Europa
eine riesige Aschewolke. Wen können Sie jetzt für den ausgefallenen
Flug verklagen? Gott? Die Erde? Island? Den Vulkan?
Was, wenn Sie planen, im Frühsommer nach Mallorca
zu reisen, um die Sonne zu genießen, und als Sie dort ankommen
regnet es die ganze Zeit? Dann hätte man doch gleich nach Schweden
fahren können und eine ganze Menge Beziehungsstreit
vermieden.
Das Ganze kann natürlich auch umgekehrt passieren,
also nicht nur in der negativen Version, sondern in der positiven.
Gerade wenn man denkt, die Angebetete ruft nicht mehr an, steht sie
plötzlich vor der Tür. In dem Moment, wo man alle seine
Bewerbungsmappen verschickt und nur Absagen bekommen hat, führt ein
kleines Gespräch mit einem fast vergessenen Freund dazu, dass man
einen neuen Job bekommt. Und das Verrückte: Genau über diesen
Freund hat man am Tag zuvor noch mit jemand anderem gesprochen. Und
dann trifft man genau diesen alten Freund in der Fußgängerzone
zwischen Buchladen und Elektromarkt. Erkannt hat man sich aber nur,
weil jeder mit offenem und neugierigem Blick durch die Stadt
gegangen ist.
Wann immer Ihnen das so geht, sind Sie einfach im
Moment gewesen und haben Ihren eigentlichen Plan mal kurz
vergessen. Der Moment steckt voller Chancen! Aber leider sind all
diese Chancen nicht planbar, denn es wird Ihnen niemand vorher
Bescheid sagen.

Übung 20:
Biografien für Passanten ausdenken
Sie brauchen dazu:
• sich selbst
• Sommer
• ein Café oder eine Bank in einem Park
Und so geht’s:
Sie setzen sich gemütlich auf die Terrasse eines
Cafés oder auf eine Parkbank, wo viele Menschen vorbeigehen. Sie
suchen sich einen Passanten Ihrer Wahl aus, der gerade vorbeikommt,
und überlegen sich eine Kurzbiografie. Die folgende Fragenliste,
die Sie gern erweitern können, dient Ihnen als Hilfestellung:
Wie heißt der Mensch?
Wo kommt er her?
Wo geht er hin?
Was ist er von Beruf?
Was ist sein Geheimnis?
Wo kommt er her?
Wo geht er hin?
Was ist er von Beruf?
Was ist sein Geheimnis?
Variante für Paare:
Wenn Sie zu zweit sind, können Sie sich auch Paare
aussuchen und für beide eine Biografie erfinden. Oder Sie
entscheiden sich beide für dieselbe Person und vergleichen Ihre
Ergebnisse. Was stimmt überein? Wo haben Sie ein völlig anderes
Leben skizziert?
Was soll das?
Nicht vergessen: Diese Übung soll - wie alle
anderen auch - Spaß machen. Trauen Sie sich einfach mal, wildfremde
Menschen ganz schnell in Schubladen zu packen. Sie können sie ja
aus der Schublade wieder rausholen, sollten Sie sie persönlich
kennen lernen. Mit dieser Übung trainieren Sie, genau hinzuschauen,
und alles, was in diesem Moment an Informationen zur Verfügung
steht, zu nutzen. Welche Indizien geben Aufschluss über ein
Geheimnis? Ist die Kleidung vielleicht ein Hinweis auf den Beruf?
Sie üben in sehr kurzer Zeit, schnell
und spontan zu einer Einschätzung zu kommen. Bei diesem Spiel ist
es darüber hinaus vollkommen belanglos, ob Sie einen Fehler machen.
Sie haben wenig Zeit, sich zu entscheiden. Entwickeln Sie ruhig
absurde Biografien, vielleicht gibt es in Ihrer unmittelbaren Nähe
ja Atomforscher oder Geheimagenten. 

Ungeplant, aber nicht planlos
Es könnte der Eindruck entstehen, dass spontane
Menschen planlos durch die Welt spazieren und ihr Leben etwas
chaotisch und anarchisch nach spontanen Ideen ausrichten. Als
lebten sie immer und überall nur im Moment, vielleicht sogar von
der Hand in den Mund. Eine interessante Vorstellung, aber falsch,
denn in der Welt, in der wir leben, ist das nicht immer umsetzbar.
Wir haben Verpflichtungen, müssen Geld verdienen und uns an Regeln
halten. Andere Menschen haben Erwartungen an uns, die wir zumindest
teilweise erfüllen sollten. Damit es gelingen kann, im Moment zu
sein, ist es wichtig, die richtige Balance zwischen Ihrem
»Masterplan« und Ihrer Fähigkeit, den Augenblick zu leben, zu
behalten.
Unter dem Masterplan verstehen wir Ihre gesammelten
Ziele, Wünsche und Gewohnheiten. Ein Teil Ihres Masterplans könnten
zum Beispiel Ihre beruflichen Karriereabsichten sein. Möchten Sie
die Abteilung, in der Sie arbeiten, irgendwann leiten oder sogar
der Chef der Firma werden? Oder sind Sie mit Ihrem augenblicklichen
Arbeitsplatz ganz zufrieden? Wie stellen Sie es an, Ihre Karriere
voranzutreiben oder aber Ihre derzeitige Position zu festigen? Sie
werden sich dazu Gedanken gemacht haben und entsprechend handeln.
Der Masterplan ist eine auf einen längeren Zeitraum angelegte
Leitlinie, deren Umsetzung Sie sich genau überlegt haben.
Ein anderer Masterplan könnte beinhalten, dass Sie
in den nächsten fünf Jahren in eine größere Wohnung ziehen möchten,
die Sie mieten oder sogar kaufen. Vielleicht möchten Sie einmal
drei Kinder haben oder wollen, weil Sie sehr sportlich sind, vor
Ihrem 30. Geburtstag mit einem Freund Deutschland auf Inline-Skates
von Flensburg bis Friedrichshafen durchqueren. Wie auch immer Ihr
Masterplan aussieht, verlieren Sie ihn nie aus dem Auge. Um Ihr
Ziel zu erreichen, werden Sie sich viele kleine Teilziele stecken
und bewältigen. Spielen wir mal den Wunsch durch, dass Sie drei
Kinder haben wollen. Stellen wir uns das bildlich vor: Was müssen
Sie alles dafür tun? Also, zuerst brauchen Sie den richtigen
Partner, in den Sie sich hoffentlich verlieben, idealerweise beruht
das auf Gegenseitigkeit. Anschließend gehen Sie mit Ihrem Partner
ins Bett … Oh, jetzt wird uns das zu heiß. Wir erklären Ihnen das
gerne unter vier Augen.
Nehmen wir lieber das Beispiel »gemeinsam mit einem
Freund Deutschland auf Inline-Skates durchqueren«. Um dieses Ziel
zu erreichen, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein. Wir
wollen mal drei wesentliche herausgreifen:
Sie müssen
Inline-Skates fahren können.
Sie müssen über die
nötige Zeit verfügen.
Sie müssen einen
Freund haben.



Diese drei Voraussetzungen müssen auf jeden Fall
erfüllt sein, damit Sie Ihren Masterplan ohne Kompromisse umsetzen
können.
Nachdem wir so viel über das Unerwartete
philosophiert haben, sind Sie ja schon vorgewarnt und wissen … Ja,
genau! Richtig! Es könnte etwas Unerwartetes passieren. Und das
Unerwartete hält sich leider nicht an Ihren Masterplan. Was könnte
also passieren?



Nun heißt es, im Moment zu sein und zu überprüfen,
welche Möglichkeiten Sie unter den gegebenen Umständen noch
haben.



Wichtig ist nur, dass Sie sich nicht, sobald etwas
Unerwartetes passiert, an den Plan klammern, sondern die einzelnen
Planschritte ändern. Was haben Sie auch für eine andere Wahl? Wir
erinnern uns noch einmal an den »Torfall von Madrid«. Auch Marcel
Reif fiel es bei der Moderation schwer, seinen Plan loszulassen:
»Ich weiß, dass ich die ersten fünf Minuten irgendeinen Stuss
dahergeredet habe, weil ich nicht wahrhaben wollte, dass das Tor
umfällt. Ich wollte überhaupt nicht, dass da irgendsowas passiert,
weil … Ich hatte mich richtig auf dieses Fußballspiel
gefreut.«
Wir stellen uns einen Masterplan immer wie ein
großes Segel an einem Schiff vor. Wenn der Wind von hinten kommt,
können wir auf dem kürzesten Weg unser Ziel erreichen. Wenn der
Wind aber von der Seite oder sogar von vorne kommt, dann müssen Sie
Ihren Plan ändern, die Segel an die neue Situation anpassen oder
kreuzen, damit der Wind Sie nicht in die falsche Richtung treibt.
Halten Sie Ihr Masterplan-Segel aber immer bereit, falls sich der
Wind wieder dreht.

Einer meiner Masterpläne war es, Schauspieler
zu werden. Mein Leben lang stehe ich schon auf der Bühne, ich war
nur immer zu feige, das professionell zu machen. Deswegen habe ich
eine Lehre in der Bank gemacht, habe studiert und als
Projektmanager gearbeitet. Parallel dazu stand ich nach wie vor auf
der Bühne, die Segel aber immer nur auf Halbmast. Erst mit dem
Platzen der Dotcom-Blase gelang es mir, im Moment zu bleiben
une all meinen Mut zusammenzunehmen. Ich holte meinen Masterplan
wieder aus der Schublade und setzte die Segel. Es war die richtige
zeit gekommen, um die Fahrt aufzunehmen.
Für ein spontanes Leben müssen Sie bereit sein,
sich in jedem Moment von Ihrem Plan verabschieden zu können - ohne
Ihren Masterplan jedoch aus den Augen zu verlieren. Überprüfen Sie
regelmäßig, ob der Wind für Sie noch richtig steht oder ob es an
der Zeit ist, den Plan vorübergehend einzurollen. Wenn Sie dazu
nicht bereit sind, dann wird Sie jede unerwartete Situation vom Weg
abbringen.

Übung 21:
Schmeiß deinen Plan über den Haufen
Sie brauchen dazu:
• sich selbst
• eine Stunde Ihrer Freizeit
Und so geht’s:
Nehmen Sie sich eine Stunde Zeit und machen Sie in
dieser Stunde genau das nicht, was Sie sich eine eigentlich
vorgenommen haben. Wenn Sie gerade ein Eis essen wollten, dann
gehen Sie Kuchen essen. Wenn Sie sich eine neue Hose kaufen
wollten, gehen Sie in einen Fahrradladen. Wenn Sie einen Freund
oder eine Freundin anrufen wollten, rufen Sie Ihre Mutter an. Wenn
Sie gerade E-Mails lesen wollten, schreiben Sie einen Brief. Einige
kennen dieses Verhalten vielleicht unter einem anderen Namen,
nämlich »Etwas Wichtiges erledigen«. Man müsste eigentlich am
Computer sitzen, dabei fallen
einem aber viel wichtigere Dinge ein, wie z.B. Wohnung putzen,
bügeln etc.
Was soll das?
In dieser Übung trainieren Sie, dass sich manches,
was geplant war, eben nicht durchführen lässt. Den Plan selbst über
den Haufen zu schmeißen, ist der erste Schritt, um in Situationen,
in denen von Ihnen verlangt wird, spontan zu sein und Ihren Plan zu
vergessen, locker zu bleiben. 

Sie haben es selbst in der Hand. Unsere
Erwartungen an andere und vor allem an uns selbst sind auch nichts
Anderes als Pläne, die wir nicht loslassen können, obwohl wir uns
manchmal lieber davon verabschieden sollten. Es ist schwer, einen
Plan aufzugeben und mit einer neuen Situation klarzukommen, wenn
etwas nicht so eintritt, wie wir es erwartet haben. Gerne schieben
wir dann die Schuld auf Andere.
Zu welch absurden Situationen es führen kann, wenn
man seinen Plan, seine Erwartungen nicht loslassen kann, hat eine
Freundin von uns mal in Norwegen erlebt. Sie war als Reiseleiterin
auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs, das Nordeuropa bereiste: u.a.
Island, Dänemark und eben auch Norwegen. Als das Schiff in Norwegen
in der Stadt Bergen anlegte - laut Reiseprospekt die regenreichste
Stadt Europas - schien die Sonne, der Himmel war blau, kurz,
traumhaftes Wetter. Daraufhin beschwerte sich eine der Reisenden,
dass es nicht regnete. Sie hätte im Reiseprospekt gelesen, dass
Bergen die regenreichste Stadt Europas sei, und nun regnete es gar
nicht. Eine absolute Frechheit, die Reisenden so zu belügen …

In den letzten Jahren machte ich warm-ups für
verschiedene Formate bei ARD, ZDF, Sat.1 und ProSieben. Warm-upper
sind die Menschen, die sich vor und während der Sendung um eine
entspannte Stimmung kümmern, um den Zuschauern die Nervosität vor
der Aufzeichnung zu nehmen. Beim Warm-up arbeitete ich mit
Navituition und war stets im Moment. Ich bekam einen Ablaufplan,
der detailgenau den Verlauf der Sendung wiedergab und an den ich
mich halten musste. Der Ablaufplan einer Fernseh-Kochshow enthielt
übrigens einmal den Punkt »Ungeplantes«, gedacht als Zeitpuffer.
Eine hervorragende Möglichkeit, Moment-Entscheidungen bereits im
Voraus zu berücksichtigen. Zurück zum Warm-up: Zu meinen Aufgaben
gehörte es, die Zuschauer auf die Sendung einzustimmen, die
Flutwege zu erklären, den Ablauf der Sendung zu besprechen und
schließlich den Moderator anzukündigen. Das sind die
»Navi-Aufgaben«. Und dann gab es noch die »Tuition-Aufgaben«, bei
denen ich mich auf meine Intuition, auf den Bauch, verlassen
musste. Jedes Publikum ist anders. Jedes Mal musste mich aufs Neue
auf die Stimmung im Studio einstellen. Ich halte mich an den Plan
und muss ihn durchziehen, bleibe aber offen für neue Entwicklungen.
In jeder Sendung, ob Live-Übertragung oder Aufzeichnung, gab es
Pannen und unerwartete Ereignisse. Bei einem solchen Warm-up
beispielsweise reagierte immer nur die eine Hälfte des Publikums,
lachte, klatschte, hatte Spaß, die andere Hälfte hingegen ezigte
keine Regung. Ich schwitzte, bekam einen roten Kopf und dachte: Was
geht hier gerade schief? Warum funktioniert mein Plan nicht? Eine
gefühlte Ewigkeit habe ich gelitten und an mir selber gezweifeit,
um dann endlich meinen Plan beiseitezulegen. Ich sprach meine
Zweifel aus, indem ich den stillen Teil des Publikum direkt fragte:
»Verstehen Sie meine Sprache?« Die andere Hälfte der Zuschauer
brach in schallendes Gelächter aus. Sie hatten nur darauf gewartet,
bis ich endlich bamerkte, dass es sich um eine gemischte
Reisegruppe handelte, in der nur eine Hälfte deutschsprachig war.
Ich
suchte sofort den Dolmetscher der Reisegruppe und wiederholte das
ganze Warm-up zusammen mit ihm, er entpuppte sich als genialer
Warm-up-Partner. Das war das erste Warm-up, bei dem mir mal so
richtig warm geworden ist und ich Angst bekam, meinen Job an den
Dolmetscher zu verlieren.
Die meisten Menschen merken gar nicht, dass sie in
vielen Bereichen ihres Lebens schon im Moment sind. Ein in den
Genen vorinstallierter Masterplan ist zum Beispiel: »Ich will nicht
verhungern.« Wir alle achten darauf, dass wir regelmäßig zu essen
bekommen. Und wenn Ihr Kollege Sie fragt, ob Sie mit ihm zusammen
die Mittagspause zusammen verbringen möchten, planen Sie das ja
auch nicht bis ins Letzte durch. Sie behalten nur Ihren Masterplan
»Ich will nicht verhungern« im Auge. Ansonsten gehen Sie Schritt
für Schritt vor.






Bei jedem dieser Schritte könnte etwas
Unerwartetes passieren, aber Sie können in dem Moment damit
umgehen: Draußen sind keine Plätze mehr frei, dann gehen wir rein.
Es gibt keine
Suppe, dann nehme ich Salat. Auch wenn das ein zugegebenermaßen
sehr einfaches Beispiel ist, hilft es, das Prinzip des ungeplanten,
aber nicht planlosen Handelns zu verstehen und es zu
verinnerlichen, um auch in prekären Situationen nicht vom
»Kaninchen-Feeling« überwältigt zu werden. Geplant ist, nicht zu
verhungern, planlos ist, wie Sie das im jeweiligen Moment
erreichen. Was ist in diesem Moment der nächste richtige Schritt?
Und dann der nächste. Und dann der nächste usw.
Leider halten wir oft zu stark an unseren Plänen
fest und machen Schritt zwei vor Schritt eins, weil wir fest davon
ausgehen, dass der Plan genau so funktionieren wird. Vielleicht
haben wir insgeheim den Wunsch, durch Vorausplanung die Realität zu
schaffen.
Eins, zwei, Polizei
»Routinen sind zwar verdammt wichtig, um das
eigene Vorgehen zu strukturieren. Aber sie bergen auch die Gefahr,
dass man vor lauter Routine die jeweiligen Eigenarten
des Falles nicht mehr erkennt. Und sie verführen dazu, sich in
einer Art Scheinsicherheit zu wiegen. Dabei ist es
wichtig, dazu zu stehen, dass man Dinge nicht weiß
oder noch nicht beurteilen kann.«
Aus einem Interview mit Reinhard Chedor, Leiter
des Landeskriminalamtes Hamburg, »brand eins«, Schwerpunkt
Improvisation
Wenn Sie trainieren, »im Moment zu sein«, dann
immer mit dem Ziel, die eigenen Pläne hinter sich zu lassen und
voll und ganz in der Situation aufzugehen. Stellen Sie sich vor,
Sie wären
als Bodyguard in eigener Sache unterwegs: immer wach, immer
aufmerksam, immer bereit für was auch immer kommt. Sie haben den
360-Grad-Blick, der registriert, was um Sie herum passiert. Sie
wissen, egal wo in der Welt Sie sich gerade aufhalten, immer schon
vorher, wo der beste Fluchtweg ist. Dieser Fluchtweg wird aber nur
in der Notsituation genutzt. Das bedeutet im Klartext: Unsere Pläne
im Kopf müssen immer wieder über den Haufen geworfen werden. Ein
guter Bodyguard wird in seiner Karriere tausende von Fluchtwegen
gecheckt haben, ohne vielleicht auch nur einen zu brauchen. Es
gilt, immer wieder neue Strategien zu entwickeln und immer wieder
auch davon Abschied zu nehmen. Alles umsonst? Oder Gott sei Dank?
Egal, bleiben Sie einfach immer wach und präsent.
Die eigenen Pläne loszulassen ist verdammt schwer
Es ist Frühling und der letzte Schnee ist gerade
geschmolzen, einzelne Schneeglöckchen blühen schon, die Krokusse
bohren sich durch die Erde ans Licht und sorgen für die erste Farbe
in der Natur. Die Sonne wärmt, und man kann endlich Schal, Mütze
und Handschuhe zuhause lassen. Sie sind draußen und gehen im Park
spazieren. Auf der Parkbank zur Rechten ein glückliches Paar, das
sich eng umschlungen an den ersten Sonnenstrahlen wärmt. Vor Ihnen
auf dem Weg ein Paar, das langsam Hand in Hand schlendert, weil es
sich alle fünf Schritte küssen muss. In den Bäumen werben die Vögel
umeinander, und auf der Terrasse des Cafés sitzt ein Pärchen, er
himmelt sie verliebt an, sie hat das bezauberndste Lächeln der
Welt. Nur Sie sind Single und alleine unterwegs. Sie versuchen,
entspannt zu bleiben, denn Sie haben in Ihrem Leben gelernt, dass
es meist nicht klappt, wenn Sie sich unbedingt verlieben wollen. Je
mehr Sie suchen und es wollen, desto weniger klappt es. Das war
letztes Jahr schon so und vorletztes Jahr auch und das Jahr davor -
ach egal. Sie haben gelernt: Man darf es nicht so dringend wollen.
Sie beschließen also, Ihren Plan loszulassen und nicht mehr zu
suchen. Die Liebe soll Sie finden, damit es dieses Jahr klappt.
Aber das Loslassen wird schon wieder zum neuen starken Plan. Sie
schaffen es nicht, ernsthaft loszulassen. Verflixt.
Aber auf einmal, bei einem Treffen mit Freunden, zu
dem Sie eigentlich nicht hingehen wollten, passiert es. Sie denken
überhaupt nicht an die Liebe, während Sie neben jemandem zum Sitzen
kommen, den Sie noch nie zuvor gesehen haben. Ein Blickkontakt, Ihr
Herz fängt an, sich einen mittleren Infarkt zu erklopfen, und -
obwohl Sie nicht an Übersinnliches glauben - geheime Wellen
scheinen bis zu Ihnen herüber zu strahlen. Wooooom. Da ist sie, die
große Liebe. Manche Momente beinhalten Chancen, die wir vorher
nicht absehen können.

So verhält es sich doch mit allem, was wir
unbedingt wollen, oder? Je mehr wir uns etwas wünschen, desto
weniger kommen die Ideen und Lösungen. Und wenn Sie an der Tür
vorbeikommen, hinter der der Weg zur Lösung liegt, schauen Sie
nicht hin, da keine Blinklichter, Warnsirenen und
Lautsprecherdurchsagen Bescheid geben: »Achtung, Achtung, hier ist
die Tür, die zu Ideen und Lösungen führt.« Dabei kann die Lösung
der kleine Zettel am Laternenpfahl sein, auf dem steht:«Große Liebe
sucht
Spontan-Talent.« Sie sehen den Zettel aber nicht, denn Ihr Plan
sagt: 1. Die Liebe findet man nicht am Laternenpfahl und 2. Ich bin
kein Spontan-Talent. Tja. Pech gehabt. Vorbeigegangen, Liebe nicht
gefunden.

Übung 22:
Wohin mit all den Gedanken?
Sie brauchen dazu:
• sich selbst
• Ihren Kopf
• Lust auf ein ganz klein wenig Esoterik
• Ihr Ja-Buch
Und so geht’s:
Notieren Sie in Ihrem Ja-Buch alle Gedanken und
unerledigten Dinge, die in Ihrem Kopf herumschwirren. Legen Sie
eine To-do-Liste mit all den Sachen an, die Sie beschäftigen, egal
ob es sich Berufliches oder Privates handelt. Einmal in der Woche
an einem festgelegten Tag gehen Sie diese Liste Punkt für Punkt
durch. Dann haben Sie die Möglichkeit, einige To-do’s
auszuformulieren, andere haben sich erledigt und können gestrichen
werden. Sie werden lernen, dass all Ihre Gedanken auf der Liste
sicher aufgehoben sind und regelmäßig gelesen und bearbeitet
werden.
Was soll das?
Unendlich viele Gedanken nehmen uns ständig in
Beschlag. In unserem Kopf sammeln sich immer wieder Ideen, die
fertig gedacht werden wollen. Dazu kommen noch Fernsehen, Werbung,
Internet, Job, Beziehungen. Um all das zu bewältigen,
müssen wir viel planen, und das wiederum blockiert unsere
Spontaneität. Wir brauchen Methoden, um all diese Anforderungen zu
kanalisieren und zu verwalten. So schaffen Sie es viel leichter, im
Moment zu sein und zu bleiben. 

Ein schönes Beispiel für das
Über-den-Haufen-Werfen von Plänen ist der Film »Vergiss mein nicht«
(2004) mit Jim Carrey und Kate Winslet. Während der Dreharbeiten,
die zum Teil in New York stattfanden, las der Regisseur Michel
Gondry in der Zeitung, dass zur gleichen Zeit ein großer Zirkus in
New York gastierte. Aufgrund eines Transportproblems wurden die
Zirkuselefanten nicht wie üblich in Lastern zum Zirkusplatz
gefahren, sondern sie marschierten in einer Parade mitten durch New
York City zu ihrem Standort. Der Regisseur entschloss sich
kurzfristig, seine beiden Hauptdarsteller bei dieser Parade zu
filmen - und das ohne Skript und Drehplan. Die Szene wirkt im
fertigen Film so authentisch, weil sie authentisch war. Während der
Parade haben sich die beiden Hauptdarsteller Jim Carrey und Kate
Winslet in den Menschenmassen aus den Augen verloren. Im Film sieht
man, wie Filmheld Joel (Jim Carrey) nach Clementine (Kate Winslet)
ruft und sie sucht. Schaut man genau auf seine Lippen, sieht man,
dass er nicht den Filmnamen »Clementine« ruft, sondern »Kate«, den
Namen seiner Kollegin. Eine reale Situation, in der Filmfiguren und
reale Personen verschmelzen. Im fertigen Film hat sich Jim Carrey
dann noch einmal selbst synchronisiert und den falschen Namen
korrigiert. Für uns ein schönes Beispiel, um zu zeigen, was
entstehen kann, wenn man auch mal vom Plan abweicht - alle
Beteiligten des Films haben sich auf den Moment eingelassen und
spontan reagiert.
Schmeißen Sie Ihren Plan über den Haufen
Unerwartetes kann Sie nur aus der Bahn werfen,
wenn Sie sich vehement an Ihren Plänen festhalten. Fegt die Energie
des Unerwarteten Ihre Pläne davon, fegt es auch Sie mit, wenn Sie
nicht loslassen. Trainieren Sie deshalb immer wieder mal, Ihre
Pläne loszulassen oder sie an den jeweiligen Moment anzupassen.
Dabei bleiben Sie trotzdem handlungsfähig, da Sie jede neue
Situation aktiv mitgestalten können, indem Sie »Ja« sagen und »Mut
zum Fehler« beweisen.
Beobachten Sie sich einmal dabei, was passiert,
wenn Sie selbst oder andere nicht im Moment sind:
Was genau geht Ihnen jetzt alles durch den
Kopf?
Ja, genau jetzt?
Sind Sie in dem Buch versunken?
Oder überlegen Sie gerade, was heute noch im
Fernsehen läuft? Wie Sie den nächsten Tag gestalten werden? Ob Ihre
Haare sitzen? Auf was Sie heute noch Appetit haben?
Merken Sie, wie schnell wir Sie aus dem Moment
holen können?
Checken Sie Ihre E-Mails, während Sie mit Ihrer
Mutter telefonieren? Gehört Ihre Aufmerksamkeit eher dem Fernseher,
wenn Ihr Partner Ihnen von seinem Tag erzählen möchte? Stellen Sie
gerade Ihre Videokamera ein, mit der Sie Ihre Tochter im
Krippenspiel filmen möchten, und verpassen Ihren Auftritt, da Sie
mit dem Menü nicht zurechtkommen? So etwas nennen wir
Aufmerksamkeitskiller, die es immer wieder schaffen, uns aus dem
Moment rauszuziehen, um den es eigentlich geht. Meistens reicht es
schon aus, sich diese Ablenkung bewusst zu machen und seine
Aufmerksamkeit wieder gezielt auf das, was im Moment passiert, zu
richten.

Übung 23:
Belauschen
Sie brauchen dazu:
• sich selbst
• Ihre Ohren
• jemanden zum Belauschen
Und so geht’s:
Die Webseite www.belauscht.de hat es vorgemacht:
Schalten Sie Ihren MP3-Player aus und hören Sie mit offenen Ohren
zu, was im Moment um Sie herum gesprochen wird. Ebenso absurd wie
die Fotos, die Sie in Übung 2 »Foto-Assoziationen« geschossen
haben, können belauschte Dialoge sein.
Ein Beispiel von www.belauscht.de und dem
dazugehörigen Buch »Entschuldigung, sind Sie die Wurst?« (Heyne
Verlag):
Silvestermorgen bei Aldi - Ausnahmezustand,
Schlangen quer durch den Laden. Als eine Kasse schließt und dafür
eine andere aufmacht, rutscht ein wartender Rentner beim
Schlangenwechsel etwa vier Plätze nach hinten, muss also ungefähr
sieben Minuten länger warten. Er pöbelt dafür die Kassiererin
lautstark an und geht dabei weit unter die Gürtellinie. Alle
anderen Kunden schauen betreten weg, nur eine junge Frau sagt laut
hörbar zur Kassiererin: »Sie müssen das schon verstehen, in dem
Alter hat man keine Zeit, da kann man ja jede Sekunde tot
umfallen.«
(Belauscht in Hamburg von Briddel)
Was soll das?
Im Moment sein bedeutet, dass all unsere Sinne
jederzeit wach und aufmerksam sind. Genauso, wie wir viele Dinge
nicht sehen, weil wir sie für Probleme anderer Leute halten,
hören wir oft nicht hin. Wir hören unterwegs lieber Musik mit
Kopfhörern oder hören einfach weg. Diese Übung trainiert die
Neugier auf das, was wir um uns herum hören können. Wir erinnern
uns: Wenn Sie spontan reagieren, können Sie nur das nutzen, was Sie
in diesem Moment zur Verfügung haben. Das kann auch etwas sein, was
Sie eben gehört haben; Sie greifen es auf und nutzen es und für
eine spontane Reaktion. Oft hören wir gar nicht genau hin, was
gesagt wird, wir ziehen, unabhängig von dem tatsächlich Gesagten,
einen eigenen Sinn aus dem Satz. Denken Sie an das Beispiel mit dem
dicken und dem modischen Mann: »Gibt es Ihren Anzug auch für
Männer?« Der modische Mann antwortete: »Ja, aber nicht in Ihrer
Größe!« Hätte er nicht aufmerksam zugehört, hätte er vielleicht nur
den Angriff auf seine Männlichkeit gehört, etwa: »Sie sind ja gar
kein richtiger Mann!« Aber weil er gut aufgepasst hatte, konnte er
den Anzug in seine Replik miteinbeziehen. 

In einem Radio-Interview erzählte Wencke Myhre,
eine norwegische Sängerin, die in Deutschland mit zahlreichen
Schlagern bekannt wurde, unter anderem von ihrem Lebensmotto: »Ich
nehme mir immer die nächste Viertelstunde vor.« Damit meint sie, in
besonders anstrengenden Situationen immer nur die nächsten 15
Minuten zu planen und dann weiterzusehen. Diese 15 Minuten sei sie
voll und ganz »im Moment«. So hangele sie sich Schritt für Schritt
an ihrem Masterplan entlang. Zudem nimmt sie sich auch regelmäßig
15-minütige Auszeiten, beispielsweise um einen Kaffee zu trinken.
Also nur Kaffee trinken, nicht nebenbei noch weiterarbeiten. Das
nennt sie ihren »15-Minuten-Urlaub«. Gerade in Stresszeiten eine
gute Möglichkeit, um in den Moment zu kommen.
Halt’s Maul! Hör zu!
Meistens machen wir fast alles richtig. Wir sind
am richtigen Ort, pünktlich, haben uns gut vorbereitet, aber dann
sind wir doch nicht im Moment, hören einfach nicht hin, sind in
unseren Gedanken ganz woanders, hängen unseren Plänen nach. Als
Verkäufer für Küchengeräte wollen Sie eine teure Espressomaschine
verkaufen, alles ist geplant, Sie haben alle relevanten
Verkaufsargumente im Kopf, hören aber nicht richtig hin, als der
Kunde sagt, dass er Teetrinker sei. Aus Höflichkeit lässt der Kunde
Sie noch 15 Minuten weiterreden.
Wir alle sind doch oft schon zwei Stunden weiter im
Kopf: bei der Planung des Abendessens, bei der Planung der nächsten
Woche, bei der Planung des weiteren Lebens. Körperliche Präsenz
allein reicht nicht, Sie müssen voll und ganz - also auch geistig -
präsent sein.
Das lässt sich bestens an einem klassischen
Telefonakquise-Gespräch demonstrieren. Meistens arbeiten die
Mitarbeiter von Callcentern mit sogenannten Telefonleitfäden, d.h.,
der Verkäufer sitzt in einem Großraumbüro, hat Ihre Telefonnummer
und eine einige Fragen vor sich, die logisch aufeinander aufbauen
und voraussetzen, dass man sie auch entsprechend des Leitfadens
beantwortet. Wenn der Angerufene das nicht macht, funktioniert das
ganze Telefonat nicht, da Zuhören und Im-Moment-Sein in den
Leitfäden nicht vorgesehen ist. Letztendlich geht es nur darum,
Ihnen etwas zu verkaufen.
Wir machen uns mittlerweile einen Sport daraus
(Spontaneitätstraining), diese Leitfäden durcheinanderzubringen,
wenn einer von uns wieder mal einen Anruf bekommt, mit dem uns
jemand zur Teilnahme an einer Lotterie oder zu einer merkwürdigen,
undurchsichtigen Geldanlage überreden will. Normalerweise hört
sich ein solches Gespräch wie folgt an:
Wir sitzen gerade gemütlich bei uns im Büro und
bereiten ein Training für einen Kunden vor. Das Telefon
klingelt.
Telefon: | Ring, Ring. |
Torsten: | »Hallo?« |
Verkäufer: | »Guten Tag, wir machen gerade eine Umfrage zum Thema Steuererleichterung. Hätten Sie mal eine Minute Zeit für mich?« |
Natürlich dauert das Ganze nie eine Minute, sondern mindestens zehn, und am Ende soll ich etwas kaufen. | |
Torsten: | »Ja, gern.« |
Verkäufer: | »Empfinden Sie die Abgabenlast für den deutschen Bundesbürger als zu hoch?« |
Torsten: | »Ja, natürlich.« |
Verkäufer: | »Wenn Sie die Möglichkeit hätten, Ihre Abgabenlast zu mindern, würden Sie eine solche Chance nutzen?« |
Torsten: | »Ja!« |
Verkäufer: | »Würden Sie es sinnvoller finden, an den Steuerabgaben oder an den Sozialabgaben etwas zu ändern, damit sich Ihr verfügbares monatliches Nettoeinkommen erhöht?« |
Ah, ich darf etwas entscheiden. Toll. Vermutlich nur eine belanglose Wohlfühl-Frage. | |
Torsten: | »Ich denke, man sollte an den Steuern was verändern.« |
Verkäufer: | »Habe ich Sie richtig verstanden, dass Sie gerne Ihre monatlichen Abgaben verringern wollen, so dass für Sie netto mehr auf dem Kontoauszug steht?« |
Zusammenfassung und Fertigmachen zum finalen Verkauf. | |
Torsten: | »Ja, klar.« |
Verkäufer: | »Ich möchte Ihnen mal kurz darstellen, wie Sie Ihre Abgaben senken können, indem sie unser großartiges Finanzprodukt … Bla, Bla, Bla, Bla … kaufen … Bla, Bla, Bla, Bla … Ganz toll … Bla, Bla, Bla, Bla … viele zufriedene Anleger. Ich nehme mal Ihre Daten auf, und dann schließen wir jetzt hier am Telefonden Vertrag ab.« |
Torsten: | »Äh … Nein!« |
Trainieren Sie doch einfach beim nächsten Anruf
Ihre Fähigkeit, im Moment zu sein und nicht routinemäßig zu
antworten. Sie dürfen sogar »Nein« sagen und ein wenig lügen. Aber
nur ausnahmsweise. Seien Sie kreativ und denken Sie sich spontane
Antworten aus. Ist das nicht schön, ein kostenloses
Spontaneitäts-Training bei Ihnen zuhause am Telefon … Sie dürfen
sogar auf Ihrem Sofa sitzen bleiben. Das könnte sich dann so
anhören:
Telefon: | Ring, Ring. |
Torsten: | »Hallo?« |
Verkäufer: | »Guten Tag, wir machen gerade eine Umfrage zum Thema Steuererleichterung. Hätten Sie mal eine Minute Zeit für mich?« |
Torsten: | »Ja, gern«. (Das stimmt ja wirklich.) |
Verkäufer: | »Empfinden Sie die Abgabenlast für den deutschen Bundesbürger als zu hoch?« |
Torsten: | (jetzt geht der Spaß los) »Nein, eigentlich würde ich gerne im Monat noch mehr zahlen.« |
Verkäufer: | (kurzes Zögern) »Wenn Sie … (Pause) die Möglichkeit hätten, Ihre Abgabenlast zu mindern, würden Sie eine solche Chance nutzen?« |
Torsten: | »Nein, auf keinen Fall.« |
Verkäufer: | »Äh, Sie möchten nicht mehr Geld auf Ihrem Konto haben?« |
Torsten: | »Nein, ich habe zu viel Geld.« |
Ha, schwupp und ab in den Freiflug. Der Leitfaden funktioniert nicht mehr. | |
Verkäufer: | »Ach, das ist ja - ähm, äh - zu viel Geld, dann können Sie ja bei uns gleich das Finanzprodukt XY kaufen …« |
Jetzt heißt es, im Moment zu bleiben und gut zuzuhören. | |
Torsten: | »Hat das denn eine gute Rendite?« |
Verkäufer: | (freut sich) »Natürlich, da bleibt viel für Sie über.« |
Torsten: | »Ach, dann lieber nicht. Ich hatte Ihnen ja bereits gesagt: Ich habe zu viel Geld. Hätten Sie nicht etwas, das richtig teuer ist, hohe Abschlussgebühren hat und wo das Risiko hoch ist, dass mein Geld anschließend vielleicht sogar weg ist?« |
Wer als Telefonverkäufer »Ja« sagen kann, »im Moment ist« und die Wünsche seiner Kunden ernst nimmt - egal wie absurd sie scheinen - würde jetzt auf jeden Fall nicht sagen: | |
Verkäufer: | »Nein, unser Produkt ist da ganz anders …« |
Torsten: | »Ach, schade, dann kommen wir wohl nicht zusammen. Und ich hätte jetzt noch eine Frage an Sie: Ich mache eine Umfrage zum Thema |
Spontaneiät. Hätten Sie mal eine Minute Zeit für mich?« | |
Verkäufer: | »Äh. Ja!« |
Torsten: | »Wären Sie gerne mal spontaner, wenn die Dinge nicht nach Plan laufen?« |
Verkäufer: | »Äh, ja!« |
Torsten: | »Da kann ich Ihnen ein ganz tolles Spontaneitäts-training anbieten. Wir haben viele zufriedene Teilnehmer. Ich nehme mal Ihre Daten auf und dann schließen wir jetzt hier am Telefon den Vertrag ab …« |
Manche Anrufer wollen uns regelmäßig überreden,
mit einer Tippgemeinschaft Lotto-Millionär zu werden. Auf die
Gegenfrage, warum sie selber noch am Telefon säßen, wenn es doch so
einfach sei, mit dem Tippsystem Millionär zu werden, hat keiner von
uns bisher eine befriedigende Antwort bekommen.
Leider nehmen die Anrufe in letzter Zeit ab.
Hoffentlich sind wir nicht aus den Datenbanken geflogen. Na,
vielleicht ruft man ja bald bei Ihnen an. Viel Spaß beim
Telefontraining.

Vielen Dank für ihren Einkauf, Frau
Voller!
Meine Frau und ich haben eine Kundenkarte von
einer großen Hamburger Drogeriekette und sammeln damit Punkte.
Neueudings soll die Kundenbindung in der Drogerie erhöht werden,
indem die Kunden mit Namen angesprochen werden. Vielleicht kennen
Sie das auch von Tankstelle, wenn sie mit Kreditkarte zahlen?
Anscheinend haben alle Kassierer den Auftrag bekommen, schön brav
den Namen von der Kundenkarte abzulesen und den Kunden damit
persönlich zu verabschieden. Kaum sind meine neuen Rasierklinge,
die Kondome und das Rasierwasser über das Laufband gefahren, sagt
der Kassierer: »Einen schönen Tag noch, Frau Voller!«
Ich antworte mit hoher piepsiger Stimme: »Vielen Dank, haben Sie
heute Abend schon was vor?«, und winke ihm zum Abschied mit der
Kondompackung. Dann sieht er mich das erste Mal richtig an und
entschudigt sich. Hätte er in seiner Schulung mal lieber gelernt,
im Moment zu sein und erst mal zu schauen, wer vor ihm
steht.
Oft reden wir auch aneinander vorbei, wenn wir
nicht im Moment sind. Die beste Methode, einen Mensch zu verstehen,
ist, ihm zuzuhören. Das hört sich einfach an - aber tatsächlich ist
im Moment zu sein und zuzuhören verdammt schwierig. Dieses ganz
bewusste Zuhören ist auch unter dem Begriff »aktives Zuhören«
bekannt, eine Methode, bei der man seinem Gesprächspartner die
uneingeschränkte Aufmerksamkeit entgegenbringt, dabei den eigenen
Plan beiseitelegt, um spontan reagieren zu können. Meistens hören
wir nur hin, während wir uns an unserem Plan festhalten. Was ist
der Unterschied zwischen »hören« und »zuhören«? Hören können wir
immer. Oder andersrum: Wir können nicht nicht hören. Hören
bedeutet, Unterhaltungen mit dem Gehör zu begleiten, so zu tun, als
ob man sich interessieren würde, dabei aber auf die Lücke zu
warten, in der man sich in den Vordergrund spielen kann - und das
alles, ohne dem Gespräch wirklich zu folgen. Wie oft wollen wir im
Gespräch unseren Plan durchsetzen, egal, wohin sich die Diskussion
gerade entwickelt? Wie oft hören wir zwar hin, was der andere sagt,
versuchen aber gar nicht zu erschließen, was eigentlich damit
gemeint ist? Genau das ist bei dem oben beschriebenen
Akquisegespräch passiert.
Beim aktiven Zuhören besteht die Aufgabe darin,
wirklich zu verstehen, was der andere, also unser Gegenüber, meint,
was er fühlt, was die Situation für ihn tatsächlich bedeutet.
Das aktive Zuhören öffnet die Tür zur Spontaneität, vielleicht
steckt in dem Gespräch ein toller Vorschlag, mit dem Sie gar nicht
gerechnet haben und zu dem Sie »Ja« sagen könnten. Sie könnten sich
auf einen Fehler einlassen und sich in ein spontanes Risiko
stürzen.
Übung 24:
Shut up and listen oder »Klappe halten!«
Sie brauchen dazu:
• sich selbst
• eine Gesprächssituation, die Sie
dominieren
• Ihr Ja-Buch
Und so geht’s:
Sie befinden sich in einer Situation, in der Sie
mehr reden als zuhören. Das kann zuhause sein, im Büro, am Telefon,
im Gespräch mit Ihren Kindern.
Nehmen Sie Ihr Ja-Buch, schreiben Sie »Klappe
halten! Zuhören!« auf eine Seite und legen Sie das geöffnete Buch
deutlich sichtbar neben das Telefon, den Computer oder wo auch
immer Sie die Übung durchführen wollen. Blicken Sie immer wieder
aufmerksam auf Ihre aufgeschlagene Seite. Nach einer Weile reicht
es schon, das Ja-Buch bloß anzuschauen, auch wenn es gar nicht auf
der »Klappe halten«-Seite aufgeschlagen ist … Sie können sich den
Satz natürlich auch auf ein Post-it schreiben.
Was soll das?
Diese Übung kennen wir aus Verkäufer-Schulungen.
Gute Verkäufer machen sich das Prinzip, im Moment zu sein, zu
eigen. Sie kleben sich einen kleinen Zettel ans Telefon, um sich
daran zu erinnern, dass sie dem Kunden voll und ganz zuhören und
ihn ausschließlich auf Basis seiner Bedürfnisse beraten. Manchmal
brauchen wir kleine Erinnerungen. Nutzen auch Sie diesen Trick zur
Verbesserung Ihrer Kommunikation, um spontane Situationen
zuzulassen, indem Sie Impulse anderer annehmen, statt sie
abzublocken. Wo liegt Ihr Ja-Buch, wo kleben Sie Ihren »Klappe
halten! Zuhören!«-Aufkleber hin? 

Hektisch übern Ecktisch
Toll, toll, toll, werden Sie vielleicht denken,
ich soll also im Moment sein. Das klingt ja so ein bisschen nach
esoterischem Schnickschnack. »Soll ich dann auch immer noch eine
Meditationskerze anzünden, meine Schuhe ausziehen, mich auf den
Boden legen und die Welt um mich rum wahrnehmen und spüren?« Das
mit der Kerze ist eine schöne Idee. Falls Sie immer eine
Meditationskerze dabei haben, spricht aus unserer Sicht nichts
dagegen, sie auch anzuzünden. Vielleicht schauen Sie die Menschen
um Sie herum dann ein wenig merkwürdig an - aber das wäre wiederum
eine wunderbare Gelegenheit, Ihre Spontaneität zu trainieren.
Vielleicht denken Sie auch: Schneller, höher,
weiter, das ist doch das Motto unserer Zeit. Wie kann es gelingen,
im Moment zu sein, wenn Sie keine Zeit haben? Unsere Gegenfragen:
Muss wirklich alles immer schnell gehen? Und wie nehmen Sie die
Zeit wahr? Was ist denn eigentlich Zeit? Wenn Sie mehr über Zeit
wissen wollen, können das Sie gerne bei Albert Einstein und Stephen
Hawking nachlesen.
Wir beide haben jedoch, auch ohne Albert Einstein
studiert zu haben, schon oft erlebt, dass Zeit relativ ist. 90
Minuten in einem langweiligen Dia-Vortrag über Schweden können
einem unendlich lang vorkommen, und die Zeiger auf der Uhr scheinen
sich nur noch halb so schnell zu bewegen. 90 Minuten mit einer
blonden Schwedin vergehen wie im Flug, ohne dass man auch nur
einmal auf die Uhr schaut. Die gleiche Zeitspanne kann man also
unterschiedlich erleben.
Und auch »schnell« bedeutet nicht für alle
dasselbe. Es gibt Gesprächssituationen, in denen wir beide das
Gefühl hatten, dass wir uns unendlich viel Zeit für eine Antwort
genommen haben, und unser Gegenüber erstaunt über unsere schnelle
Reaktion war. Wie unterschiedlich die Vorstellungen von »schnell«
sind, können Sie erleben, wenn Ihr Wasserhahn tropft und Sie den
Hausmeister bitten, ihn »schnell« zu reparieren. Was für Sie eine
halbe Ewigkeit dauert, ist für ihn richtig schnell.
Für spontane Entscheidungen bedeutet das, dass Sie
in dem jeweiligen Moment viel mehr Zeit haben, als Sie denken, um
zu prüfen, welche Optionen Ihnen zur Verfügung stehen. Der
Zeitdruck ist manchmal wesentlich geringer, als auf den ersten
Blick gedacht. Auf einem Kinderspielplatz kann man gut beobachten,
dass Eltern oft schneller und hektischer reagieren, als es
eigentlich notwendig ist. Beispielsweise wenn ihr zweijähriges Kind
beim Laufen hinfällt. Bevor das Kind sich der Situation bewusst
wird und überhaupt irgendwie reagieren kann, sei es zu weinen oder
wieder aufzustehen und weiterzuspielen, springen manche Eltern
innerhalb von einer Zehntelsekunde auf, laufen zu ihrem Kind,
trösten es und geben ihm ein Gummibärchen. Daraufhin beginnt das
Kind zu weinen, weil ja anscheinend was Schlimmes passiert ist,
wenn Mama oder Papa so aufgeregt sind. Andere Eltern sehen, wie
ihr Kind hinfällt, bleiben aber noch gelassen sitzen und warten
ab, was in dem Moment passiert. In den meisten Fällen sucht das
Kind erst einmal Blickkontakt mit den Eltern. Wenn keiner von
beiden panisch reagiert, bleibt auch das Kind entspannt, steht auf
und läuft vergnügt weiter. Sollte es doch anfangen zu weinen, ist
immer noch genug Zeit, es zu trösten und ihm ein Gummibärchen zu
geben.
Je nach Situation haben Sie mehr Zeit, als Sie
denken. Es besteht sogar die Möglichkeit, sich selbst ein
Zeitfenster zu schaffen. Wir haben uns angewöhnt, bei schnellen
Entscheidungen auch mal um 60 Sekunden Bedenkzeit zu bitten. Wenn
Sie von jemandem eine schnelle Entscheidung erwarten, wären für Sie
60 Sekunden noch schnell? Wir nehmen das mal an … Nehmen auch Sie
sich diese Zeit- im wahrsten Sinne des Wortes. Wissen Sie, wie lang
60 Sekunden sind? Die vier Stockwerke zu Torstens Wohnung
hochzusteigen, dauert knapp 60 Sekunden, und es kommt uns immer
sehr lang vor …
Bevor wir auf die Bühne gehen, gibt es immer einen
Soundcheck, das heißt, alle Mikrofone werden noch einmal überprüft.
Oft kommt es vor, dass etwas noch nicht funktioniert. Ein Mikrofon
brummt beispielsweise, und keiner weiß, warum. Also müssen die
Techniker den Fehler suchen, während draußen vor der Tür die
Zuschauer darauf warten, in den Saal gelassen zu werden. In solchen
Situationen gibt es für uns zwei Möglichkeiten zu reagieren. Die
erste ist, sich aufzuregen, den Techniker immer wieder zu fragen,
wann denn alles fertig sei, und zu drängeln. Bei dieser Möglichkeit
haben wir beide immer das Gefühl, dass ein immenser Zeitdruck auf
uns lastet. Die andere besteht darin, gelassen zu bleiben und erst
mal den Techniker suchen lassen, ihn aber nicht dabei zu stören.
Bei dieser Möglichkeit sind alle entspannter, und das Gefühl des
Zeitdrucks fällt interessanterweise von allen Beteiligten ab. In
der Regel lässt sich das technische Problem ganz einfach lösen.
Oder, wie die Psychologin Ruth Cohn einmal sagte: »Wir haben wenig
Zeit, lasst uns langsam anfangen.«
Wie schnell müssen Sie tatsächlich reagieren? Haben
Sie nur fünf Sekunden Zeit? Oder vielleicht doch sogar 60 Sekunden?
Entschleunigen Sie. Nehmen Sie sich die Zeit, um zu reagieren.
Zeitliche Enge löst meist nur Panik aus, da wir nicht so viel Zeit
haben, um alles genauestens abzuwägen. Doch Sie haben inzwischen ja
gelernt, dass genaues Planen bei kurzfristigen Entscheidungen nicht
immer zu besseren Lösungen führt als eine Bauchentscheidung. Also
nutzen Sie die Minute, seien Sie im Moment und schauen Sie, welche
Entscheidungskriterien Ihnen zur Verfügung stehen: Will sagen,
nutzen Sie die übrigen Werkzeuge bzw. Regeln der Spontaneität: »Ja«
sagen und Fehler zulassen. Ihr Masterplan wird Ihnen wie ein
Kompass die grobe Entscheidungsrichtung weisen. Dann können Sie
auch schnell reagieren - und 60 Sekunden sind viel Zeit.
Schluss mit diesen verflixten Situationen, die sich
einfach unerwartet von hinten anschleichen und uns mit einem lauten
»Buh!« erschrecken! Wenn Sie im Moment sind, dann werden diese
frechen Kerle sich aber umschauen, wie fit und schnell Sie Paroli
bieten können.

Übung 25:
60 Sekunden für die Ewigkeit
Sie brauchen dazu:
• sich selbst
• eine Uhr
• 60 Sekunden Zeit
• Ideen für Ihr Leben
• Ihr Ja-Buch
Und so geht’s:
Nehmen Sie eine Uhr. Sie haben genau 60 Sekunden
Zeit, um in Ihrem Ja-Buch eine Liste zu schreiben mit verschiedenen
Tätigkeiten, die Sie in diesem Moment beginnen könnten. Schreiben
Sie alles auf, was Ihnen in den Sinn kommt.
Ich könnte zum Friseur gehen.
Ich könnte mich hinlegen.
Ich könnte mir etwas Gutes kochen.
Ich könnte ein paar Blumen auf dem Balkon anpflanzen.
Ich könnte mir einen neuen Beruf suchen.
Ich könnte zu einer Weltreise aufbrechen.
Ich könnte einen Flug für einen Wochenendurlaub buchen.
Ich könnte in den Zoo gehen.
Ich könnte mich verlieben.
Ich könnte mich hinlegen.
Ich könnte mir etwas Gutes kochen.
Ich könnte ein paar Blumen auf dem Balkon anpflanzen.
Ich könnte mir einen neuen Beruf suchen.
Ich könnte zu einer Weltreise aufbrechen.
Ich könnte einen Flug für einen Wochenendurlaub buchen.
Ich könnte in den Zoo gehen.
Ich könnte mich verlieben.
Wiederholen Sie die Übung eine Woche lang täglich
und schauen Sie, wie viele neue Ideen Sie entwickeln, die Ihnen
bisher nie in den Sinn kamen. Wenn Sie eine davon in die Realität
umgesetzt haben, dann markieren Sie diese in Ihrem Ja-Buch mit
einem roten Häkchen.
Was soll das?
Wir sind so in unseren Abläufen verhaftet, dass
wir nicht mehr merken, welche Ideen in unserem Kopf schlummern. Sie
werden bei dieser Übung feststellen, wie lang eine Minute sein
kann. In den meisten unerwarteten Situationen haben Sie ebenso viel
Zeit. Gleichzeitig trainieren Sie, mögliche Optionen zu entdecken,
egal, wie unsinnig sie Ihnen zunächst erscheinen. In unerwarteten
Situationen müssen Sie auf Ihren Bauch hören und reagieren. Jede
Idee, die Ihnen einfällt, kann hilfreich sein. Trainieren Sie Ihr
Gehirn, in kurzer Zeit viele Ideen auszuwerfen. Erfahrungsgemäß
wird es immer schwieriger, sich neue Dinge einfallen zu lassen,
obwohl man doch eine nahezu unendliche Auswahl an Optionen hat.
Jede Idee, jede Vision bringt Sie weiter auf dem Weg in die
Spontaneität. 


Kennen Sie »Pecha Kucha«? Der Begriff kommt aus
demm Japanischen und bedeutet »wildes Geplapper«. Bei einem
Pecha-Kucha-Vortrag darf ein Referent sein Thema mit genau 20
PowerPoint-Folien präsentieren. Für jede Folie hat er 20 Sejybdeb
Zeut, so dass ein Vortrag maximal 6 Minuten und 40 Sekunden dauert.
Zunächst dachten wir, dass 20 Sekunden verdammt kurz sind. Bei der
Vorbereitung hatten wir ein wenig Sorge, ob 20 Sekunden ziemlich
lang sein können. Während der Präsentation waren wir immer schon
vor Ablauf der 20 Sekunden fertig.
Wenn es wirklich, wirklich schnell gehen muss,
dann gilt folgende Regel: Sagen Sie sich, dass Sie 60 Sekunden Zeit
für Ihre spontane Entscheidung benötigen. Dann wenden Sie unsere
Spontaneitäts-Werkzeuge an. Vertrauen Sie Ihrem Bauch, handeln Sie
dementsprechend und stehen Sie zu Ihrer Entscheidung mit allen
Konsequenzen. Vermutlich werden Sie schon nach weniger als 30
Sekunden wissen, was zu tun ist. Sobald Sie es wissen - tun Sie
es.
Das ganze Buch für Schnellleser: Teil 3
»Hör auf zu planen und sei offen für jeden
Moment.«
Herzlichen Glückwunsch an alle Schnellleser. Sie
haben das Buch in 60 Sekunden geschafft!