10 Was können Eltern und Lehrer tun?
In diesem Kapitel werden die Möglichkeiten von Eltern und Lehrern kombiniert dargestellt, da viele Hinweise für Eltern sich mit den Empfehlungen für Lehrer überschneiden. Manche Hinweise kann man auch als allgemeine Empfehlung zur Kindererziehung begreifen. Mehr als in der Kindererziehung generell gilt für den Umgang mit aggressiven Kindern, dass Sie
– die positive Beziehung zu Ihrem Kind stärken, die durch Auseinandersetzungen häufig stark belastet ist;
– klare Regeln aufstellen;
– Ihr Kind loben, wenn es etwas gut gemacht hat – vor allem dann, wenn es Regeln einhält und
– sich konsequent verhalten, wenn das Kind Regeln übertritt.
Aggressives Verhalten darf nicht zum Erfolg führen, das heißt ein schreiendes und tobendes Kind darf sein Ziel nicht erreichen, das es möglicherweise damit verfolgt. Ebenso darf ein aggressiver Jugendlicher eine Anforderung, eine sinnvolle Regel und Grenzsetzung nicht umgehen. In solchen Fällen reagieren Sie ruhig und setzen angemessene negative Konsequenzen ein. Unter „negativen Konsequenzen“ sind keine unverhältnismäßigen Strafaktionen zu verstehen, sondern eine Handlung, die sich als natürliche Folge des aggressiven Verhaltens (und dem damit verbundenen Schaden) ergibt (vgl. Kasten 1). Hierdurch lernt ein Kind die Konsequenzen seines Handelns kennen und bekommt Verantwortung dafür übertragen. Beschädigt ein Kind beispielsweise etwas oder verletzt es andere, so kann eine Wiedergutmachung ein sinnvolle Strafe sein. Verweigert ein Kind die Wiedergutmachung, so kann ihm ein Privileg, also etwas Positives (vgl. Kasten 2) entzogen oder nicht gewährt werden (z.B. fernsehen, ein Computerspiel). Solche Aktionen sollten nicht mit Schimpfen Ihrerseits verbunden sein, sondern in Ruhe, mit großer Eindringlichkeit und Bestimmtheit erfolgen. Wichtig ist jedoch, dass Sie nicht nur mit Bestrafung reagieren, sondern genauso häufig Ihr Kind auch loben und anerkennen, wenn es sich in Situationen, die sonst schwierig sind, anders, nämlich nicht aggressiv verhält.
Kasten 1:
Natürliche Konsequenzen, wenn Aufforderungen und Regeln nicht
befolgt werden (gekürzt nach Döpfner et al., 2006)
1. Unter natürlichen negativen Konsequenzen versteht man:
– Wiedergutmachung (z.B. Kind wischt den verschütteten Tee auf).
– Ausschluss aus der Situation (z.B. das Kind wird aus dem gemeinsamen Spiel ausgeschlossen, weil es sich nicht an die Spielregeln hält). Wichtig: Vom Kind muss der Ausschluss als negativ empfunden werden.
– Entzug von Privilegien (z.B. das Kind kann den Freund erst besuchen, wenn die Hausaufgaben gemacht sind).
– Einengung des Handlungsspielraums (vor allem bei jüngeren Kindern; z.B. führen Sie Ihr Kind zu den Schuhen, die es aufräumen soll).
2. Natürliche Konsequenzen
sollten sich direkt aus dem Problemverhalten ergeben, durchführbar sein, sofort und regelmäßig erfolgen.
3. Durchführung der negativen Konsequenzen.
Hält das Kind sich nicht an die Regel oder Aufforderung, dann gehen Sie wie folgt vor:
– Benennen Sie die Regelverletzung und kündigen Sie die negativen Konsequenzen an.
– Geben Sie Ihrem Kind eine Chance, falls das Problemverhalten noch andauert.
– Geben Sie Ihrem Kind die Möglichkeit, sich zu der Regelverletzung zu äußern.
– Begründen Sie, wenn nötig, noch einmal kurz die Regel.
– Führen Sie die negative Konsequenz durch.
4. Führen Sie keine langen Diskussionen mit Ihrem Kind.
5. Führen Sie die negative Konsequenz möglichst ruhig durch.
Sie können jedoch häufig schon das Auftreten von aggressivem Verhalten verhindern, indem Sie in wirkungsvoller Weise Aufforderungen geben und Grenzen setzen (vgl. Kasten 2).
Kasten 2:
Wie man wirkungsvoll Aufforderungen gibt? (gekürzt aus Döpfner et
al., 2006)
1. Stellen Sie nur dann Anforderungen, wenn Sie bereit sind, sie auch durchzusetzen!
Wählen Sie nur wenige Anforderungen aus, die Sie gegenüber Ihrem Kind auch durchsetzen wollen und können. Bei Aufforderungen, die Ihr Kind häufig nicht befolgt, ist es wichtig, dass Sie schon vorher überlegen, was Sie machen, wenn Ihr Kind der Forderung nicht nachkommt.
2. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind aufmerksam ist, wenn Sie die Aufforderung geben!
3. Äußern Sie die Aufforderung eindeutig und nicht als Bitte!
Verdeutlichen Sie in Ihrer Stimme, dass die Angelegenheit wichtig ist – vermeiden Sie aber einen strafenden und zu strengen Tonfall.
4. Geben Sie immer nur eine Aufforderung!
Handelt es sich um eine umfangreiche Aufgabe, dann zerlegen Sie diese in kleinere Schritte, die Ihr Kind hintereinander erledigen kann. Gehen Sie anfangs von leicht und schnell erfüllbaren Aufforderungen aus.
5. Überprüfen Sie, ob Ihr Kind der Aufforderung nachkommt!
Sollte Ihr Kind der Aufforderung nicht folgen, dann wiederholen Sie diese nochmals eindringlicher.
6. Konzentrieren Sie sich zunächst nur auf wenige Aufforderungen!
Wählen Sie höchstens drei Aufforderungen aus und schreiben Sie diese auf eine Karte, die Sie an einem gut sichtbaren Platz anbringen. Natürlich können Sie nicht erwarten, dass Ihr Kind die Aufforderungen immer befolgt, jedoch werden sich nach kurzer Zeit einige Veränderungen einstellen.
Besonders wichtig ist, dass die Aufforderungen bei Ihrem Kind auch ankommen und Sie sie eindeutig und nicht als Bitte äußern. Machen Sie sich vorher klar, dass nur durch Ihre Konsequenz Ihr Kind es schaffen kann, aus dem Teufelskreis negativen Verhaltens herauszukommen (vgl. Abb. 1). Ihre Klarheit, Eindeutigkeit und Bestimmtheit ist die Voraussetzung dafür, dass Ihr Kind eine neue soziale Orientierung entwickeln kann. Eine solche Konsequenz wird unglücklicherweise von manchen Eltern und Bezugspersonen mit unmenschlicher Härte oder Herzlosigkeit verwechselt.