Der lebende Vampir sah kurz zu mir, richtete seine Augen aber sofort wieder auf die von den Scheinwerfern erleuchtete Straße, kaum dass sich unsere Blicke getroffen hatten. »Bist du okay?«, fragte er zum dritten Mal. »Du hast kein Wort gesagt.«

Ich schüttelte meinen offenen Mantel, um mir Luft zuzufächeln, und nickte. Er hatte mich an Trents Tor umarmt, aber es war offensichtlich, dass er mein Zögern gespürt hatte.

»Danke, dass du mich abgeholt hast«, sagte ich. »Ich war nicht al zu scharf drauf, von Quen nach Hause gebracht zu werden.« Ich ließ meine Hand über den Türgriff der Corvette gleiten und verglich sie mit Trents Limo. Ich mochte Kistens Auto lieber.

Kisten atmete hörbar aus. »Ich musste raus. Ivy hat mich in den Wahnsinn getrieben. Ich bin froh, dass du ihr so früh Bescheid gesagt hast.«

»Ihr habt geredet?«, fragte ich, überrascht und ein bisschen besorgt. Warum konnte ich keine netten Männer mögen?

»Na ja, sie hat geredet.« Er gab ein verlegenes Geräusch von sich. »Sie hat mir gedroht, mir meine beiden Köpfe abzuschneiden, wenn ich ihr dein Blut unter der Nase wegstehle.«

»'tschuldigung.« Ich sah aus dem Fenster und wurde immer missmutiger. Ich wol te Kisten nicht verlassen müssen, weil er in einem dämlichen Machtkampf, von dem sie keine Ahnung hatten, den Tod dieser Menschen in Kauf genommen hatte. Er holte Luft, um etwas zu sagen, aber ich unterbrach ihn mit einem schnel en »Macht es dir was aus, wenn ich dein Telefon benutze?«.

Sein Gesichtsausdruck war wachsam, als er sein glänzendes Handy aus der Tasche zog und mir gab. Nicht wirklich glücklich rief ich die Auskunft an und fragte nach der Telefonnummer von Davids Firma. Für ein paar Dol ar mehr verbanden sie mich. Warum nicht? Es war ja nicht mein Telefon.

Während Kisten wortlos fuhr, arbeitete ich mich durch ihr automatisiertes System. Es war fast Mitternacht. Er müss-te eigentlich da sein, außer er hatte einen Auftrag oder war früher nach Hause gegangen. »Hi«, sagte ich, als ich endlich jemanden am Hörer hatte. »Ich müsste mit David Hue sprechen.«

»Es tut mir leid«, erwiderte eine ältere Frau mit einem Übermaß an Professionalität in der Stimme. »Mr. Hue ist momentan nicht hier. Kann ich Sie mit einem unserer anderen Agenten verbinden?«

»Nein!«, sagte ich schnel , bevor sie mich wieder ins System verschieben konnte. »Gibt es eine Nummer, unter der ich ihn erreichen kann? Es ist ein Notfal .« Memo an mich selbst: schmeiß niemals, niemals mehr eine Visitenkarte weg.

»Wenn Sie mir ihren Namen und Ihre Nummer geben würden. .«

Welchen Teil von Notfall hast du nicht verstanden?

»Schauen Sie«, sagte ich seufzend. »Ich muss wirklich mit ihm sprechen. Ich bin sein neuer Partner und habe seine Durchwahl verloren. Wenn Sie mich einfach . .«

»Sie sind sein neuer Partner?«, unterbrach mich die Frau.

Der Schock in ihrer Stimme ließ mich zögern. Konnte man wirklich so schwer mit David zusammenarbeiten?

»Yeah«, sagte ich und warf einen Seitenblick auf Kisten. Ich war mir sicher, dass er mit seinem Vamp-Gehör beide Seiten des Gesprächs verstehen konnte. »Ich muss wirklich mit ihm sprechen.«

»Äh, können Sie für einen Moment dranbleiben?«

»Darauf können Sie wetten.«

Kistens Gesicht wurde von den Scheinwerfern entgegenkommender Autos angestrahlt. Sein Kiefer war angespannt, und seine Augen waren an der Straße festgesaugt.

Ich hörte ein Knacken, als sie den Hörer übergab, und dann ein vorsichtiges: »Hier ist David Hue.«

»David«, sagte ich lächelnd. »Hier ist Rachel.« Er sagte nichts, und ich sprach schnel weiter, um ihn in der Leitung zu halten: »Warte! Leg nicht auf. Ich muss mit dir reden. Es geht um eine Forderung.«

Ich hörte, wie sich eine Hand über das Mundstück legte.

»Es ist okay«, hörte ich ihn trotzdem sagen. »Ich übernehme den Anruf. Warum gehen Sie nicht früher nach Hause? Ich fahre dann Ihren Computer runter.«

»Danke, David. Dann bis morgen«, sagte seine Sekretärin leise, und nach einem endlosen Moment hörte ich wieder seine Stimme: »Rachel«, sagte er misstrauisch. »Geht es um den Fisch? Ich habe die Akte bereits eingereicht. Wenn Sie mich angelogen haben, werde ich wirklich ärgerlich.«

»Warum denken Sie immer das Schlimmste von mir?«, fragte ich beleidigt. Meine Augen glitten zu Kisten, der das Lenkrad fest umklammerte. »Ich habe mit Jenks einen Fehler gemacht, okay? Ich versuche, es in Ordnung zu bringen. Aber ich habe etwas, das Sie interessieren könnte.«

Er schwieg kurz. »Ich höre«, sagte er schließlich vorsichtig.

Ich atmete erleichtert auf. Nervös grub ich in meiner Tasche nach einem Stift und öffnete meinen Terminkalender.

»Ahm, Sie arbeiten auf Provisionsbasis, oder?«

»So ähnlich.«

»Na ja, Sie wissen von dem Boot, das explodiert ist?« Ich warf wieder einen kurzen Blick zu Kisten. Das Licht der entgegenkommenden Autos ließ die Bartstoppeln auf seinem verkrampften Kiefer schimmern.

Im Hintergrund hörte ich das Klappern einer Computertastatur. »Ich höre. .«

Mein Puls wurde schnel er. »Ist es bei Ihrer Firma versichert?«

Das Tippgeräusch wurde schnel er und verschwand dann.

»Nachdem wir so ungefähr al es versichern, woran Piscary kein Interesse hat, wahrscheinlich.« Ich hörte wieder das Klappern. »Ja, ist es.«

»Super.« Ich seufzte. Es wird funktionieren. »Ich war auf dem Boot, als es explodierte.«

Ich hörte das Quietschen seines Stuhls durch die Leitung.

»Irgendwie überrascht mich das nicht. Sie sagen, es war kein Unfal ?«

»Äh, nein.« Meine Augen flogen wieder zu Kisten. Die Knöchel an seinen Händen traten weiß hervor, so fest hielt er das Lenkrad umklammert.

»Wirklich.« Es war keine Frage, und das Klappern der Tastatur ging wieder los, gefolgt von dem Brummen des Druckers.

Ich schob mich in Kistens Ledersitz zurecht und kaute am Ende meines Stifts herum. »Wäre es richtig, zu sagen, dass Ihre Firma nicht zahlen wird, wenn Besitz zerstört wird. .«

«. .als Folge von Kriegshandlungen oder bandenkriegs-

ähnlichen Vorgängen?«, unterbrach mich David. »Nein, dann zahlen wir nicht.«

»Fantastisch«, sagte ich und hielt es nicht für nötig, ihm mitzuteilen, dass ich gerade neben dem Kerl saß, der die ganze Sache eingefädelt hatte. Gott, bitte lass Kisten eine Antwort für mich haben. »Wie würde es Ihnen gefal en, wenn ich zu Ihnen käme und ein Stück Papier unterschreibe?«

»Das würde mir gut gefal en.« David zögerte und fügte dann hinzu: »Sie machen auf mich nicht den Eindruck einer Frau, die grundlos gute Taten vol bringt, Rachel. Was wol en Sie dafür?«

Mein Blick wanderte über Kistens verkrampften Kiefer zu seinen breiten Schultern und verweilte dann auf seinen Händen, die das Steuer umklammerten, als wol e er den Stahl auspressen. »Ich wil dabei sein, wenn sie Saladans Forderung regeln gehen.«

Kisten zuckte. Anscheinend verstand er jetzt erst, warum ich mit David sprach. Das Schweigen am anderen Ende der Leitung war bedeutungsschwer. »Ah. .«, murmelte David schließlich.

»Ich werde ihn nicht töten; ich werde ihn verhaften«, erklärte ich schnel .

Das Brummen des Motors, als Kisten schaltete, erschütterte meine Füße und beruhigte sich dann wieder.

»Das ist es nicht«, sagte er. »Ich arbeite mit niemandem zusammen. Und sicher nicht mit Ihnen.«

Mein Gesicht wurde heiß. Ich wusste, dass er wenig von mir hielt, seitdem er herausgefunden hatte, dass ich meinem eigenen Partner Informationen vorenthalten hatte. Aber es war schließlich Davids Fehler gewesen, dass es überhaupt rausgekommen war. »Hören Sie«, sagte ich forsch und drehte mich zum Fenster, weil Kisten mich anstarrte. »Ich habe Ihrer Firma gerade einen Batzen Geld gespart. Sie bringen mich rein, wenn Sie die Forderung regeln gehen, gehen mir aus dem Weg und lassen mich und mein Team arbeiten.« Ich schaute kurz zu Kisten. Irgendetwas hatte sich verändert.

Seine Hände am Lenkrad waren entspannt, und sein Gesicht war ausdruckslos.

David schwieg wieder für einen Moment. »Und danach?«

»Danach?« Kistens Gesicht war unlesbar. »Nichts. Wir haben versucht, miteinander zu arbeiten. Es hat nicht funktioniert. Sie bekommen einen Aufschub bei Ihrer Suche nach einem neuen Partner.«

Jetzt war das Schweigen lang. »Das ist al es?«

»Das ist al es.« Ich warf meinen Stift und den Terminkalender in die Tasche. Warum versuche ich überhaupt, organisiert zusein?

»Okay«, lenkte er schließlich ein. »Ich bel e mal in den Bau und schaue, was zurückkommt.«

»Fantastisch«, sagte ich, wirklich froh, obwohl er nicht gerade glücklich wirkte. »Hey, in ein paar Stunden werde ich in dieser Explosion gestorben sein, also machen Sie sich keine Sorgen deswegen, okay?«

Er gab ein müdes Geräusch von sich. »Gut. Ich rufe Sie morgen an, wenn die Forderung mich erreicht.«

»Super. Ich sehe Sie dann.« Davids Mangel an Begeisterung war deprimierend. Er legte auf, ohne sich zu verabschieden, und ich schloss das Handy und gab es Kisten zurück. »Danke«, sagte ich und fühlte mich sehr unbehaglich.

»Ich dachte, du zeigst mich an«, sagte Kisten leise.

Fassungslos starrte ich ihn an. Erst jetzt verstand ich seine vorherige Anspannung. »Nein«, flüsterte ich und bekam aus irgendeinem Grund Angst. Er hatte dagesessen und nichts getan, obwohl er dachte, ich hänge ihn hin?

Seine Schultern waren verspannt und seine Augen auf der Straße, als er sagte: »Rachel, ich wusste nicht, dass er diese Leute sterben lassen würde.«

Mir stockte der Atem. Ich zwang mich zu atmen, einmal, zweimal. »Sprich mit mir«, sagte ich schließlich und fühlte mich benommen. Ich starrte aus dem Fenster. Meine Hände lagen in meinem Schoß und mein Magen war verkrampft.

Bitte, kann ich diesmal falsch liegen?

Ich schaute ihn an, und nach einem schnel en Blick in den Rückspiegel fuhr er auf den Seitenstreifen. Mein Bauch tat weh. Verdammt, warum musste ich ihn mögen? Warum konnte ich keine netten Männer mögen? Warum schienen die Macht und die persönliche Stärke, die mich anzogen, immer auf gefühl oses Desinteresse am Leben anderer Menschen rauszulaufen?

Mein Körper ruckte nach vorne und wieder zurück, als wir abrupt anhielten. Das Auto wackelte, als der Verkehr mit achtzig Meilen pro Stunde an uns vorbeischoss, aber hier war es ruhig. Kisten drehte sich in einem Sitz, um mich ansehen zu können, und er griff über den Schalthebel nach meiner Hand. Seine Bartstoppeln glitzerten im Licht der Scheinwerfer, und seine blauen Augen waren zusammengekniffen.

»Rachel. .« Ich hielt den Atem an und hoffte, dass er mir sagen würde, dass al es ein Missverständnis war. »Ich habe arrangiert, dass die Bombe auf dem Heizkessel befestigt wird.«

Ich schloss die Augen.

»Es war nicht meine Absicht, dass diese Leute sterben. Ich habe Saladan angerufen«, fuhr er fort, und ich öffnete die Augen, als ein vorbeifahrender LKW das Auto erschütterte.

»Ich habe Candice gesagt, dass eine Bombe an Bord ist. Zur Höl e, ich habe ihr sogar gesagt, wo sie ist und dass sie explodieren würde, wenn sie sie berühren. Ich habe ihnen jede Menge Zeit gegeben, al e von Bord zu schaffen. Ich wol te niemanden töten. Ich habe versucht, einen Medienrummel zu erzeugen und sein Geschäft zu versenken.

Es ist mir nie in den Sinn gekommen, dass er verschwinden und sie al e sterben lassen würde. Ich habe ihn falsch eingeschätzt.« In seiner Stimme lag bittere Schuldzuweisung.

»Und sie haben meine Kurzsichtigkeit mit ihrem Leben bezahlt. Gott, Rachel, wenn ich auch nur vermutet hätte, dass er das tun würde, hätte ich einen anderen Weg gefunden.

Dass du auf dem Boot warst. .« Er atmete tief ein. »Ich hätte dich fast getötet.«

Ich schluckte schwer und fühlte, wie der Klumpen in meinem Hals kleiner wurde. »Aber du hast schon früher getötet«, sagte ich, weil ich wusste, dass das eigentliche Problem nicht der heutige Abend war, sondern seine Vergangenheit, dass er Piscary gehörte und dessen Wil en vol strecken musste.

Kisten lehnte sich zurück, hielt aber weiter meine Hand fest. »Als ich das erste Mal getötet habe, war ich achtzehn.«

Oh Gott. Ich versuchte, ihm meine Hand zu entziehen, aber er verstärkte sanft seinen Griff. »Du musst das hören«, sagte er. »Wenn du gehen wil st, wil ich, dass du die Wahrheit kennst, damit du nicht zurückkommst. Und wenn du bleibst, ist es keine Entscheidung, die du aus Unwissenheit triffst.«

Ich wappnete mich und sah ihm tief in die Augen. Sie schienen ehrlich, viel eicht getrübt durch ein wenig Schuld und vergangene Verletzungen. »Du hast so was schon früher getan«, flüsterte ich und hatte Angst. Ich war die letzte in einer Reihe von Frauen. Sie al e waren gegangen. Viel eicht waren sie klüger als ich.

Er nickte und schloss kurz die Augen. »Ich bin es müde, verletzt zu werden, Rachel. Ich bin ein netter Kerl, der zufäl ig mit achtzehn sein erstes Opfer getötet hat.«

Ich schluckte und entzog ihm meine Hand unter dem Vorwand, meine Haare hinters Ohr zu streichen. Kisten fühlte, wie ich mich entzog, und drehte sich wieder um. Er sah aus dem Fenster und legte seine Hände zurück aufs Lenkrad. Ich hatte ihm gesagt, dass er keine Entscheidungen für mich treffen sol te; wahrscheinlich verdiente ich jedes schäbige Detail. Mein Magen drehte sich um, als ich sagte:

»Sprich weiter.«

Kisten starrte ins Leere, während der Verkehr an uns vorbeiraste und damit die Stil e im Auto nur noch betonte.

»Das zweite Mal habe ich ungefähr ein Jahr danach getötet«, sagte er ausdruckslos. »Sie war ein Unfal . Ich habe es geschafft, mich davon abzuhalten, irgendjemand anderen zu töten bis letztes Jahr, als. .«

Ich beobachtete ihn, als er tief ein- und wieder ausatmete.

Meine Muskeln zitterten, während ich wartete.

»Gott, es tut mir leid, Rachel«, flüsterte er. »Ich habe geschworen, dass ich versuchen würde, niemals wieder jemanden zu töten. Viel eicht wil Piscary mich deswegen nicht mehr als seinen Nachkommen. Er wil jemanden, der die Erfahrung mit ihm teilt, und ich tue das nicht. Er war derjenige, der sie nicht tatsächlich getötet hat, aber ich war da. Ich habe geholfen. Ich habe sie festgehalten, habe sie beschäftigt, während er sie einen nach dem anderen dahin-gemetzelt hat. Dass sie den Tod verdient hatten, ist kaum eine Entschuldigung. Nicht bei der Art, wie er es getan hat.«

»Kisten?« Mein Puls raste.

Er drehte sich um. Ich erstarrte und versuchte keine Angst zu haben. Seine Augen waren bei der Erinnerung völ ig schwarz geworden.

»Dieses Gefühl von absoluter Macht gibt dir ein verdorbenes, süchtig machendes Hochgefühl«, fuhr er fort, und der verlorene Hunger in seiner Stimme ließ mich frösteln. »Es hat mich viel Zeit gekostet zu lernen, davon loszukommen, sodass ich mich an die unmenschliche Grausamkeit erinnern konnte, die unter dem puren Adrenalin versteckt war. Ich habe mich selbst verloren, als Piscarys Gedanken und Stärke mich überflutet haben, aber ich weiß jetzt, wie ich damit umgehen muss, Rachel. Ich kann gleichzeitig sein Nachkomme sein und ein gerechtes Wesen.

Ich kann sein Vol strecker sein und ein zärtlicher Liebhaber.

Ich weiß, dass ich das Gleichgewicht halten kann. Momentan bestraft er mich, aber er wird mich zurücknehmen. Und wenn er das tut, bin ich bereit.«

Was zur Höl e tat ich hier?

»Okay«, sagte ich mit zitternder Stimme. »Das war al es?«

»Yeah. Das ist al es«, bestätigte er ausdruckslos. »Das erste Mal war auf Piscarys Befehl. Ich sol te ein Exempel an jemandem statuieren, der Minderjährige verfolgte. Ich bin übers Ziel hinausgeschossen, aber ich war jung und dumm.

Ich wol te Piscary zeigen, dass ich al es für ihn tun würde, und es hat ihm Spaß gemacht, zu sehen, wie ich mich hinterher deswegen quälte. Das letzte Mal war es, um die Bildung eines neuen Gefolges zu verhindern. Sie vertraten die Ansicht, dass man zu der Mor-Wandel-'l radition zurückkehren sol te, einfach Leute zu entführen, die keiner vermisst. Die Frau. .«, sein Blick flog kurz zu mir, »sie ist diejenige, die mich verfolgt. Das war der Moment, als ich beschloss, ehrlich zu sein, wann immer es möglich ist. Ich habe geschworen, dass ich niemals wieder das Leben eines Unschuldigen nehmen würde. Es macht keinen Unterschied, dass sie mich angelogen hat. .«Er schloss die Augen, und seine Hände am Lenkrad zitterten. Die vorbeihuschenden Lichter betonten die schmerzhaften Linien in seinem Gesicht.

Oh Gott. Er hatte jemanden aus unkontrol ierter Wut getötet.

»Und dann habe ich heute Abend sechzehn Leben ausgelöscht.«

Ich war so dumm. Er gab zu, dass er getötet hatte - Leute, für deren Tod ihm die I. S. wahrscheinlich danken würde, aber trotzdem Lebewesen. Ich hatte mich auf diese Geschichte eingelassen in dem Wissen, dass er nicht der

»harmlose Typ« war, aber ich hatte den harmlosen Typen gehabt, und irgendwie hatte es doch immer damit geendet, dass ich verletzt wurde. Und trotz der Brutalität, zu der er fähig war, war er ehrlich. Heute Nacht waren in einer schrecklichen Tragödie viele Leute gestorben, aber das war nicht seine Absicht gewesen.

»Kisten?« Mein Blick fiel auf seine Hände mit den sorgfältig geschnittenen Fingernägeln.

»Ich habe die Bombe gelegt«, sagte er, und die Schuld ließ seine Stimme rau klingen.

Zögernd streckte ich den Arm aus, um seine Hände vom Lenkrad zu ziehen. Meine Finger fühlten sich gegen seine kalt an. »Du hast sie nicht getötet, das hat Lee getan.«

Seine Augen wirkten in dem wechselnden Licht schwarz, als er sich zu mir umdrehte. Ich legte meine Hand an seinen Nacken, um ihn näher zu ziehen, aber er widersetzte sich. Er war ein Vampir, und es war nicht einfach, einer zu sein -das war keine Entschuldigung, sondern eine Tatsache. Dass er ehrlich war bedeutete mir mehr als seine dunkle Vergangenheit. Und er hatte dort gesessen, während er dachte, ich würde ihn anzeigen, und hatte nichts getan. Er hatte ignoriert, was er dachte, und hatte mir vertraut. Jetzt würde ich versuchen, ihm zu vertrauen.

Ich konnte nicht anders als mit ihm zu fühlen. Ich hatte Ivy beobachtet und war so zu der Überzeugung gekommen, dass der Nachkomme eines Meistervampirs zu sein ungefähr so war wie in einer von Sadismus pervertierten Beziehung zu stecken, in der man psychisch missbraucht wurde. Kisten versuchte, sich von den sadistischen Forderungen seines Meisters zu distanzieren. Er hatte sich distanziert, und zwar so weit, dass Piscary ihn fal en gelassen hatte für eine Seele, die noch verzweifelter nach Akzeptanz suchte: meine Mitbewohnerin. Super.

Kisten war al ein, er litt, und er war ehrlich zu mir - ich konnte nicht gehen. Wir hatten beide fragwürdige Dinge getan, und ich konnte schlecht sagen, dass er böse war, wenn ich diejenige mit dem Dämonenmal war. Die Umstände trafen manchmal die Entscheidungen für uns. Ich bemühte mich, das Beste daraus zu machen. Genau wie er.

»Es war nicht deine Schuld, dass sie gestorben sind«, sagte ich wieder und fühlte mich, als hätte ich eine völ ig neue Art des Sehens entdeckt. Vor mir lag dieselbe Welt, aber jetzt schaute ich um Ecken. Was wurde aus mir? War ich dumm, zu vertrauen, oder eine weisere Person, weil ich vergeben konnte?

Kisten hörte die Akzeptanz in meiner Stimme, und in seinem Gesicht zeigte sich die Erleichterung so deutlich, dass es fast weh tat. Ich zog ihn näher zu mir. »Es ist okay«, flüsterte ich, als er aufhörte sich zu widersetzen und seine Hände auf meinen Schultern zur Ruhe kamen. »Ich verstehe.«

»Ich glaube nicht, dass du. .«

»Dann beschäftigen wir uns damit, wenn es so weit ist.«

Ich neigte den Kopf, schloss die Augen und lehnte mich zu ihm. Sein Griff an meinen Schultern wurde sanfter, und ich ertappte mich dabei, wie ich ihn festhielt, als unsere Lippen sich trafen. Meine Finger gruben sich in seinen Nacken und zogen ihn näher. Ich erschauerte, und mein Blut kochte und kribbelte in mir, als unser Kuss tiefer wurde, mehr versprach.

Das Kribbeln kam nicht von meiner Narbe, und ich führte seine Hand zu ihr und keuchte leise, als seine Fingerspitzen das kaum sichtbare Narbengewebe berührten. Ich dachte kurz an Ivys Dating-Führer und sah al es aus einem völ ig neuen Blickwinkel. Oh Gott, die Dinge, die ich mit diesem Mann tun konnte.

Vielleicht brauche ich einen gefährlichen Mann, dachte ich, als wilde Emotion in mir aufstieg. Nur jemand, der selbst Falsches getan hatte, konnte verstehen, dass, ja, auch ich fragwürdige Dinge tat und trotzdem einer von den Guten war. Wenn Kisten beides sein konnte, hieß das viel eicht, dass auch ich es konnte.

Und dann verließ mich jeder Gedanke. Seine Hand fühlte meinen Puls, meine Lippen zogen an seinen, und ich ließ zögernd meine Zunge in seinen Mund gleiten, weil ich wusste, dass eine zärtliche Erkundung ihn mehr berühren würde als eine fordernde Berührung. Ich fand einen glatten Zahn und ließ langsam meine Zunge darüber gleiten.

Kisten atmete schwer und entzog sich mir.

Ich erstarrte, als er plötzlich weg war. Seine Wärme war eine Erinnerung auf meiner Haut. »Ich trage meine Kappen nicht«, sagte er. Das Schwarz in seinen Augen nahm zu, und meine Narbe pulsierte verführerisch. »Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht, dass ich mir nicht die Zeit genommen habe. . Ich bin nicht. .« Er atmete zitternd ein.

»Gott, du riechst so gut.«

Mit klopfendem Herzen zwang ich mich in meinen Sitz zurück und beobachtete ihn, während ich mir die Haare hinter die Ohren schob. Ich war mir nicht sicher, ob es mich interessierte, dass er keine Kappen trug. »Entschuldigung«, sagte ich atemlos. Mein Blut brannte immer noch. »Ich wol te nicht so weit gehen.« Aber du hast es irgendwie aus mir herausgekitzelt.

»Entschuldige dich nicht. Du bist nicht diejenige, die die Dinge hat. . schleifen lassen.« Kisten schnaubte und versuchte den Ausdruck von berauschendem Verlangen auf seinem Gesicht zu verbergen. Unter den offensichtlicheren Emotionen lag ein Hauch von dankbarem Verständnis und Erleichterung. Ich hatte seine grausame Vergangenheit akzeptiert, obwohl ich wusste, dass seine Zukunft viel eicht nicht viel besser war.

Wortlos legte er den ersten Gang ein und beschleunigte.

Ich hielt mich an der Tür fest, bis wir wieder auf der Straße waren, und war froh, dass sich nichts geändert hatte, obwohl al es anders war.

»Warum bist du so gut zu mir?«, fragte er leise, als wir schnel er wurden und ein Auto überholten.

Weil ich glaube, dass ich dich lieben könnte?, dachte ich, aber ich konnte es noch nicht aussprechen.

30

Ich hob den Kopf, als ich ein sanftes Klopfen hörte. Ivy warf mir einen warnenden Blick zu, stand auf und streckte sich ausgiebig Richtung Küchendecke. »Ich geh schon«, sagte sie.

»Wahrscheinlich sind es noch mehr Blumen.«

Ich biss ein Stück Zimttoast ab und murmelte mit vol em Mund: »Wenn es etwas zu essen ist, bring es bitte mit.«

Seufzend ging Ivy aus dem Raum, wobei sie in ihren schwarzen Trainings-Leggins und dem schenkel angen weiten Sweatshirt gleichzeitig ungezwungen und sexy aussah. Im Wohnzimmer lief das Radio, und ich hörte mit gemischten Gefühlen, dass der Sprecher über die tragische Bootsexplosion am frühen gestrigen Abend sprach. Sie hatten sogar einen O-Ton von Trent, der darüber sprach, wie ich gestorben war, um sein Leben zu retten.

Das ist wirklich seltsam, dachte ich, als ich mir die Butter von den Fingern wischte. Sachen tauchten plötzlich auf unserer Türschwel e auf. Es war nett zu sehen, dass ich vermisst werden würde, und ich hatte nicht gewusst, dass ich so viele Leben berührt hatte. Es würde al erdings nicht schön werden, wieder aus der Versenkung aufzutauchen und zu verkünden, dass ich am Leben war - ein bisschen so, wie jemanden vor dem Altar sitzen zu lassen und al e Geschenke zurückgeben zu müssen. Andererseits, wenn ich heute Nacht starb, würde ich ins Grab gehen mit dem beruhigenden Wissen, wer meine Freunde waren. Ich fühlte mich ein bisschen wie Huckleberry Finn.

»Yeah?«, hörte ich Ivys wachsam fragen.

»Ich bin David. David Hue«, erklang eine bekannte Stimme. Ich schluckte mein letztes Stück Toast runter und wanderte in den Eingangsbereich der Kirche. Ich war am Verhungern und hatte den leisen Verdacht, dass Ivy mir Brimstone in den Kaffee schmuggelte, um meinen Körper nach dem Bad im Fluss wieder aufzubauen.

»Und wer ist sie?«, fragte Ivy streitlustig, als ich den Altarraum betrat und sie auf dem Treppenabsatz sehen konnte. Die untergehende Sonne beleuchtete ihre Füße.

»Ich bin seine Sekretärin«, sagte die winzige Frau neben David und lächelte. »Können wir reinkommen?«

Meine Augen weiteten sich. »Hey, hey, hey«, rief ich und wedelte protestierend mit den Armen. »Ich kann nicht auf euch beide aufpassen und Lee einbuchten.«

David ließ seine Augen über meinen bequemen Sweater und die Jeans gleiten, und ich konnte sehen, dass er mich abschätzte. Sein Blick verweilte auf meinem gekürzten Haar, das ich heute Nachmittag vorübergehend braun gefärbt hatte, wie er es am Telefon vorgeschlagen hatte. »Mrs. Aver wird nicht mitkommen«, sagte er endlich. Er nickte einmal zustimmend, als er mit seiner Musterung fertig war, wahrscheinlich eine unbewusste Geste. »Ich dachte, es wäre klug, wenn Ihre Nachbarn mich mit einer Frau ankommen und auch wieder mit einer Frau gehen sehen. Sie haben ungefähr denselben Körperbau.«

»Oh.« Idiot, dachte ich. Warum habe ich daran nicht gedacht?

Mrs. Aver lächelte, aber ich konnte sehen, dass auch sie mich für einen Trottel hielt. »Ich hüpfe nur schnel in ihr Badezimmer und verwandle mich, und dann gehe ich wieder«, sagte sie fröhlich. Sie machte einen Schritt in den Raum, stel te ihre schmale Aktentasche neben dem Klavierhocker ab und zögerte dann.

Ivy sprang ein. »Hier entlang«, sagte sie und bedeutete der Frau, ihr zu folgen.

»Danke, sehr freundlich.«

Ich verzog bei den Untertönen das Gesicht und beobachtete, wie Mrs. Aver und Ivy den Raum verließen. Mrs.

Avers Absätze klapperten laut, während Ivy ihr in ihren Pantoffeln lautlos folgte. Das Gespräch endete mit dem Klicken der Badezimmertür, woraufhin ich mich zu David umdrehte.

Er sah völ ig anders aus, wenn er nicht seine eng anliegende Laufkleidung trug. Und er ähnelte auch nicht der Person, die ich gesehen hatte, als er in seinem Trenchcoat und mit einem Cowboyhut an einem Baum im Park gelehnt hatte. Sein Dreitagebart war verschwunden und hatte gebräunte Wangen enthül t, sein langes Haar war gepflegt und roch nach Moos. Nur die ranghöchsten Werwölfe konnten sich stylen und nicht aussehen als wären sie ein Möchtegern, aber David gelang es. Der dreiteilige Anzug und die gepflegten Fingernägel halfen. Mit einer Bril e auf der Nase und einer engen Krawatte sah er älter aus, als sein athletischer Körperbau vermuten lassen würde. Tatsächlich sah er richtig gut aus - auf eine professionel e, gelehrte Art.

»Danke noch mal dafür, dass Sie mir helfen, Saladan zu finden«, sagte ich unbeholfen.

»Danken Sie mir nicht«, sagte er. »Ich kriege einen riesigen Bonus.« Er stel te seine teuer wirkende Aktentasche auf die Klavierbank. Er schien geistesabwesend - nicht wütend auf mich, aber vorsichtig und missbil igend. Als er spürte, dass ich ihn beobachtete, sah er auf. »Stört es Sie, wenn ich ein bisschen vorbeireitenden Papierkram mache?«

Ich trat einen Schritt zurück. »Nein, machen Sie nur.

Wol en Sie einen Kaffee?«

David schaute kurz zu Jenks' Schreibtisch und zögerte. Mit zusammengezogenen Augenbrauen setzte er sich rittlings auf die Klavierbank und öffnete seinen Koffer. »Nein, danke.

So lange werden wir nicht hier sein.«

»Okay.« Unzufrieden zog ich mich zurück. Ich wusste, dass es ihm nicht gefiel, dass ich meinen Partner durch Verschwiegenheit angelogen hatte, aber ich wol te schließlich nur, dass er mich zu Lee brachte. Ich zögerte am Anfang des Flurs. »Ich ziehe mich um. Ich wol te vorher sehen, was Sie tragen.«

David schaute von seinem Schreibkram auf, und seine braunen Augen wirkten unkonzentriert, als er versuchte, zwei Dinge gleichzeitig zu tun. »Sie werden Mrs. Avers Kleidung tragen.«

Ich hob die Augenbrauen. »Sie haben so etwas schon vorher gemacht.«

»Ich habe Ihnen doch gesagt, dass der Job interessanter ist als man denkt«, erwiderte er zu seinen Papieren gewandt.

Ich wartete, ob er noch mehr sagen würde, aber er schwieg, also ging ich Ivy suchen, unbeholfen und deprimiert. Er hatte kein Wort über Jenks verloren, aber seine Missbil igung war deutlich zu spüren.

Ivy war mit ihren Karten und Stiften beschäftigt, als ich hereinkam und erst mir, dann ihr, eine Tasse Kaffee einschenkte. »Was hältst du von David?«, fragte ich und stel te die Tasse vor ihr ab.

Sie senkte den Kopf und klopfte mit einem farbigen Stift auf den Tisch. »Ich denke, dass du klarkommen wirst. Er scheint zu wissen, was er tut. Und es ist ja nicht so, als wäre ich nicht da.«

Ich lehnte mich gegen die Kücheninsel, hielt meine Tasse in beiden Händen und nippte. Der Kaffee glitt durch meine Kehle und beruhigte mich. Etwas in Ivys Haltung erregte meine Aufmerksamkeit; ihre Wangen waren leicht gerötet.

»Ich glaube, du magst ihn«, sagte ich, woraufhin sie den Kopf hochriss. »Ich glaube, du magst ältere Männer«, fügte ich hinzu. »Besonders ältere Männer in Anzügen, die beißen und besser planen können als du.«

Bei dem Satz errötete sie. »Und ich glaube, du sol test den Mund halten.«

Wir beide zuckten leicht zusammen, als an der Küchentür ein leises Klopfen ertönte. Es war Mrs. Aver, und es war peinlich, dass keiner von uns gehört hatte, wie sie aus dem Badezimmer kam. Sie trug meinen Bademantel und hatte ihre Kleider über den Arm gelegt. »Hier, meine Liebe«, sagte sie, als sie mir das graue Kostüm überreichte.

»Danke.« Ich stel te meine Kaffeetasse ab und nahm es.

»Es wäre sehr freundlich, wenn Sie es hinterher bei der Weres-'n-Tears-Reinigung abgeben könnten. Die sind sehr gut darin, Blutflecken zu entfernen und kleine Risse zu flicken. Wissen Sie, wo das ist?«

Ich schaute verblüfft die mütterliche Frau an, die in meinem flauschigen blauen Bademantel vor mir stand. Ihr langes braunes Haar fiel ihr bis auf die Schultern. Sie hatte ungefähr meine Größe, wenn auch ein bisschen mehr Hüfte.

Mein Haar war ein bisschen dunkler, aber es war nah genug dran. »Sicher«, sagte ich.

Sie lächelte. Ivy hatte sich wieder ihren Karten gewidmet und ignorierte uns, während ihr Fuß lautlos wippte.

»Fantastisch«, sagte die Werwölfin. »Ich werde mich verwandeln und David auf Wiedersehen sagen, bevor ich Sie auf vier Pfoten verlasse.« Sie warf mir ein zahnreiches Lächeln zu, bevor sie in den Flur stolzierte, wo sie kurz zögerte. »Wo ist Ihre Hintertür?«

Ivy schob deutlich hörbar ihren Stuhl zurück und stand auf.

»Sie ist kaputt. Ich öffne sie für Sie.«

»Danke«, sagte Mrs. Avers mit einem weiteren höflichen Lächeln. Sie gingen, und ich hob langsam die Kleidung der Frau an meine Nase. Sie war noch warm von ihrem Körper, und ein leiser Moschusgeruch mischte sich mit einem leichten wiesenartigen Duft. Ich verzog den Mund bei der Vorstel ung, fremde Klamotten zu tragen, aber die ganze Idee war ja, wie ein Tiermensch zu riechen. Und es war ja nicht so, als hätte sie mir Fetzen zum Anziehen gebracht. Das gefütterte Wol kostüm musste sie eine Menge gekostet haben.

Mit langsamen Schritten ging ich in mein Zimmer. Das Dating-Handbuch lag immer noch auf meiner Kommode, und ich musterte es mit einer Mischung aus Trauer und Schuld. Was hatte ich mir nur dabei gedacht, es noch mal lesen zu wol en, um Kisten wahnsinnig machen zu können?

Unglücklich schob ich es wieder in die Tiefen meines Kleiderschranks. Gott helfe mir, ich war ein Idiot.

Schicksalsergeben schlüpfte ich aus meiner Jeans und dem Sweater. Bald hörte ich das Klacken von Kral en auf dem Flurboden, und als ich meine Nylon-Strumpfhose anzog, konnte ich das unangenehme Geräusch von Kral en auf Sperrholz hören. Die neue Tür würde erst morgen eingebaut werden, und es war ja nicht so, als könnte sie einfach aus einem Fenster schlüpfen.

Ich fühlte mich bei der ganzen Sache sehr unsicher, aber ich konnte nicht wirklich ausmachen, woran es lag. Ich gehe ja nicht zauberlos da rein, dachte ich, als ich in den grauen Rock schlüpfte und die weiße Bluse in den Bund schob. Ivy und Kisten würden al es reinbringen, was ich brauchte; mein Seesack vol er Amulette war bereits gepackt und wartete in der Küche. Und es war auch nicht, weil ich gegen jemanden antrat, der viel besser in Kraftlinienmagie war als ich. Das tat ich ununterbrochen.

Ich zog mir die Jacke an, schob den Haftbefehl für Lee in eine Innentasche und meine Füße in Pumps mit halbhohen Absätzen. Dann starrte ich mein Spiegelbild an. Besser, aber es war immer noch ich, also griff ich nach den Kontaktlinsen, die David mir per Boten zugeschickt hatte.

Während ich blinzelte und versuchte, die dünnen braunen Scheiben zurechtzuschieben, beschloss ich, dass meine Unsicherheit daher kam, dass David mir nicht vertraute. Er traute meinen Fähigkeiten nicht, und er traute mir nicht. Ich hatte noch nie vorher eine berufliche Partnerschaft gehabt, in der ich meine Zuverlässigkeit hätte beweisen müssen. Ich war schon als Hohlkopf angesehen worden, als Spinner und sogar als inkompetent, aber niemals als nicht vertrauenswürdig. Es gefiel mir nicht. Aber wenn ich mir vergegenwärtigte, was ich mit Jenks gemacht hatte, hatte ich es wahrscheinlich verdient.

Mit langsamen, deprimierten Bewegungen frisierte ich meine Haare zu einem kleinen, nüchternen Knoten auf dem Hinterkopf. Ich legte jede Menge Make-up auf, mit einer Grundierung, die eigentlich zu dunkel für mich war, und musste dementsprechend auch meinen Hals und meine Hände mit einer Schicht überziehen. Aber sie überdeckte meine Sommersprossen, und traurig zog ich meinen hölzernen Ring vom kleinen Finger; der Zauber war kaputt.

Mit dem dunkleren Make-up und den braunen Kontaktlinsen sah ich anders aus, aber es war das Kostüm, das die Täuschung perfekt machte. Als ich mich so im Spiegel betrachtete, wie ich in meinem langweiligen Kostüm, mit der langweiligen Frisur und einem langweiligen Ausdruck auf dem Gesicht dastand, dachte ich, dass wahrscheinlich nicht mal meine Mutter mich erkennen würde.

Ich tupfte mir einen Tropfen von Ivys geruchsneutralisierendem Parfüm hinter die Ohren und sprühte dann noch das moschusartige Parfüm darüber, von dem Jenks einmal gesagt hatte, dass es roch wie unter einem gefal enen Baumstamm: erdig und reichhaltig. Ich klemmte mir Ivys Handy an den Rock und und ging in den Flur. Das leise Geräusch einer Unterhaltung zwischen Ivy und David zog mich in den Altarraum, wo ich sie an Ivys Klavier sitzend fand. Ich wünschte mir wirklich, Jenks wäre bei uns. Nicht nur, weil ich ihn als Späher und zur Kameraerkennung brauchte - ich vermisste ihn.

David und Ivy sahen auf, als sie das Klappern meiner Absätze hörten. Ivy blieb der Mund offen stehen. »Da beiß mich doch einer und lass mich fal en«, sagte sie. »Das ist das Gottserbärmlichste, was ich je an dir gesehen habe. Du siehst fast respektabel aus.«

Ich lächelte schwach. »Danke.« Ich stand da und verschränkte nervös die Hände, während David mich prüfend musterte. Eine leichte Entspannung seiner zusammengezogenen Augenbrauen war das einzige Zeichen der Zustimmung. Er drehte sich um, warf seine Formulare in den Aktenkoffer und schloss ihn. Mrs. Avers hatte ihre Aktentasche hiergelassen, und auf ein Zeichen von ihm nahm ich sie auf. »Du bringst meine Zauber?«, fragte ich Ivy.

Sie seufzte und starrte an die Decke. »Kisten ist auf dem Weg hierher. Ich werde es noch einmal mit ihm durchgehen, dann schließen wir die Kirche ab und gehen. Ich klingle dich an, wenn wir in Position sind.« Sie sah mich an. »Du hast mein Ersatzhandy?«

»Äh. .« Ich berührte meine Hüfte. »Ja.«

»Gut. Geh«, sagte sie drehte sich um. »Bevor ich so was Dummes tue wie dich zu umarmen.«

Deprimiert und unsicher ging ich zur Tür. David folgte mir.

Seine Schritte waren unhörbar, aber seine Anwesenheit wurde verraten durch den leisen Geruch nach Farn.

»Sonnenbril e«, murmelte er, als ich meine Hand nach der Klinke ausstreckte, und ich hielt inne, um sie aufzusetzen. Ich schob die Tür auf, blinzelte in die Abendsonne und bahnte mir einen Weg durch die Mitleidsbekundungen, die von professionel en Blumenarrangements bis hin zu mit Wachsmalstiften verzierten Heftseiten reichten. Es war kalt, aber die frische Luft war belebend.

Das Geräusch von Kistens Auto ließ mich herumfahren, und mein Puls raste. Ich erstarrte auf den Stufen, sodass David fast gegen mich pral te. Sein Fuß stieß an eine Vase, und sie rol te die Treppen runter und verlor dabei Wasser und die einzelne Rosenknospe, die sie enthielt.

»Jemand, den Sie kennen?«, fragte er dicht an meinem Ohr.

»Es ist Kisten.« Ich beobachtete, wie er einparkte und ausstieg. Gott, er sah gut aus, durchtrainiert und sexy.

Davids Hand legte sich an meinen El bogen und schob mich vorwärts. »Gehen Sie weiter. Sagen Sie nichts. Ich wil sehen, ob Ihre Verkleidung hält. Mein Auto steht auf der anderen Straßenseite.«

Die Idee gefiel mir, also ging ich die letzten Stufen hinunter und hielt nur kurz an, um die Vase aufzuheben und auf die unterste Treppenstufe zu stel en. Es war eigentlich ein Einmachglas mit einem Schutz-Pentagramm darauf, und ich seufzte leise, als ich die rote Rose wieder hineinstel te. So etwas hatte ich seit Jahren nicht mehr gesehen.

Ich fühlte ein Kribbeln in meiner Magengrube, als Kistens Schritte lauter wurden.

»Gott schütze Sie«, sagte er, als er an mir vorbeiging.

Offensichtlich dachte er, dass ich die Blume dort hinstel te und sie nicht nur aufhob. Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber David zwickte mich in den Arm.

»Ivy!«, schrie Kisten und hämmerte gegen die Tür. »Lass uns gehen! Wir kommen sonst zu spät!«

David eskortierte mich über die Straße und zu seinem Auto, seine Hand immer an meinem El bogen. Es war glatt, und die Absätze, die ich trug, waren nicht für Eis gemacht.

»Sehr schön«, sagte er und klang widerwil ig beeindruckt.

»Aber es ist ja nicht so, als hätten Sie mit ihm geschlafen.«

»Ganz ehrlich?«, fragte ich, als er die Tür für mich öffnete.

»Habe ich.«

Schockiert und irgendwie angewidert sah er mich an. Aus dem Inneren der Kirche hörte man ein leises: »Du verarschst mich doch! Zum Teufel, das war sie? Das ist doch verdammt noch mal nicht möglich!«

Ich presste meine Finger gegen die Stirn. Zumindest fluchte er nicht so, wenn ich in der Nähe war. Über die Autotür hinweg schaute ich David an. »Es ist diese Spezies-Geschichte, oder?«, fragte ich ausdruckslos.

Er erwiderte nichts. Mit zusammengebissenen Zähnen sagte ich mir, dass er denken konnte, was er wol te. Ich musste nicht seinen Standards entsprechen. Viele Leute mochten es nicht. Vielen Leuten war es völ ig egal. Mit wem ich schlief hatte nichts mit unserer beruflichen Beziehung zu tun.

Mit noch mieserer Laune stieg ich ein und zog die Tür zu, bevor er es für mich tun konnte. Ich legte meinen Gurt an, er glitt hinter das Lenkrad und startete sein kleines graues Auto. Ich sprach kein Wort, als er ausparkte und Richtung Brücke fuhr. Der Geruch von Davids Aftershave wurde erdrückend, und ich öffnete das Fenster.

»Es macht Ihnen nichts aus, ohne Ihre Amulette da reinzugehen?«, fragte David.

Sein Tonfal war überraschenderweise frei von Ekel, und daran hielt ich mich fest. »Ich war schon öfter amulettlos«, sagte ich. »Ich vertraue Ivy, dass sie sie mir bringt.«

Sein Kopf bewegte sich nicht, auch wenn seine Augen sich ein wenig verengten. »Mein alter Partner ging nirgendwo ohne seine Amulette hin. Ich habe ihn immer ausgelacht, wenn wir irgendwo reingegangen sind und er drei bis vier davon um den Hals hängen hatte. >David<, sagte er dann,

>das hier sagt mir, ob sie lügen. Das hier lässt mich wissen, ob sie einen Verkleidungszauber haben. Und das hier verrät mir, ob sie genug Energie in ihrem Chi gespeichert haben, um uns al e wegzusprengen.<«

Ich warf ihm einen Seitenblick zu, und meine Laune besserte sich etwas. »Es macht Ihnen also nichts aus, mit Hexen zu arbeiten.«

»Nein.« Er nahm eine Hand vom Lenkrad, als wir über einen Bahnübergang rumpelten. »Seine Amulette haben mir eine Menge Schmerzen erspart. Aber ich weiß nicht, wie oft er nach dem richtigen Zauber gesucht hat, wenn eine rechte Gerade die Sache schnel er geregelt hätte.«

Wir überquerten den Fluss und kamen ins echte Cincinnati. Die vorbeigleitenden Gebäude ließen Schatten über mich hinweghuschen. Er hatte also nur Vorurteile, wenn Sex mit ins Spiel kam. Damit konnte ich umgehen. »Ich bin nicht völ ig hilflos«, sagte ich etwas freundlicher. »Ich kann einen Schutzkreis um mich selbst errichten, wenn es nötig ist. Aber eigentlich bin ich eine Erdhexe. Was die Sache erschwert, weil es schwieriger ist, jemanden zu verhaften, der nicht dieselbe Magie hat wie man selbst.« Ich zog eine Grimasse, die er nicht sehen konnte. »Andererseits habe ich keine Chance, Saladan mit Kraftlinienenergie zu besiegen, also ist es okay, dass ich es nicht mal versuchen werde. Ich werde ihn mit meinen Erdzaubern erledigen oder mit meinem Fuß in seinen Weichteilen.«

David hielt an einer Ampel. Sein Gesicht zeigte das erste Mal Interesse, als er sich zu mir umdrehte. »Ich habe gehört, dass sie drei Kraftlinien-Kil er erledigt haben.«

»Oh, das.« Mir wurde warm. »Da hatte ich Hilfe. Das FIB

war auch da.«

»Aber Sie haben Piscary al eine erledigt.«

Die Ampel schaltete um, und ich war ihm dankbar, dass er nicht auf das Auto vor uns auffuhr, um es zum Anfahren zu drängen. »Trents Securitychef hat mir geholfen«, gab ich zu.

»Er hat ihn abgelenkt«, sagte David leise. »Sie waren diejenige, die ihn bewusstlos geschlagen hat.«

Ich presste die Knie zusammen und drehte mich um, um ihn anzuschauen. »Woher wissen Sie das?«

Davids Kiefer spannte sich an und entspannte sich wieder, aber er hielt den Blick auf die Straße gerichtet. »Ich habe heute Morgen mit Jenks gesprochen.«

»Was!«, rief ich und stieß mir fast den Kopf an der Decke.

»Ist er okay? Was hat er gesagt? Haben Sie ihm gesagt, dass es mir leid tut? Wird er mit mir sprechen, wenn ich ihn anrufe?«

David sah mich schief an, während ich den Atem anhielt. Er bog auf die Schnel straße ab und sagte dann: »Nein zu al en Fragen. Er ist sehr verärgert.«

Ich ließ mich in den Sitz zurücksinken, durcheinander und besorgt.

»Sie müssen ihm danken, fal s er jemals wieder mit Ihnen redet«, sagte David gepresst. »Er hält große Stücke auf Sie, und das ist der Hauptgrund, warum ich meine Meinung nicht geändert habe und Sie jetzt mit zu Saladan nehme.«

Mein Magen verkrampfte sich. »Was meinen Sie?«

Er zögerte, während er ein Auto überholte. »Er ist verletzt, weil Sie ihm nicht vertraut haben, aber er hat nicht ein einziges schlechtes Wort über Sie verloren und hat Sie sogar verteidigt, als ich Sie einen flatterhaften Hohlkopf genannt habe.«

Mir schnürte es die Kehle zu, und ich starrte aus dem Beifahrerfenster. Ich bin so ein Esel.

»Er hängt der verqueren Meinung an, dass er es verdient hätte, dass man ihn anlügt; dass Sie es ihm nicht erzählt haben, weil Sie nicht geglaubt hätten, dass er den Mund halten kann und dass Sie damit wahrscheinlich recht hatten.

Er ist gegangen, weil er Sie im Stich gelassen hat, nicht andersrum. Ich habe ihm gesagt, dass Sie ein Trottel waren, und dass jeder Partner, der mich anlügt, mit aufgerissener Kehle enden würde.« David schnaubte verächtlich. »Er hat mich rausgeschmissen. Ein zehn Zentimeter großer Kerl hat mich rausgeschmissen. Und hat mir erklärt, dass ich Ihnen besser helfe, oder er würde mich verfolgen, sobald das Wetter wärmer wird, und mir im Schlaf eine Lobotomie verpassen.«

»Er könnte es«, sagte ich gepresst. Ich konnte die unterdrückten Tränen in meiner Stimme hören.

»Ich weiß, dass er es könnte, aber deswegen bin ich nicht hier. Ich bin hier wegen der Dinge, die er nicht gesagt hat.

Was Sie mit Ihrem Partner gemacht haben, war erbärmlich, aber eine so ehrenwerte Seele würde nicht so viel von jemandem halten, der es nicht verdient. Al erdings kann ich nicht erkennen, warum er so viel von Ihnen hält.«

»Ich habe die letzten drei Tage versucht, mit Jenks zu reden«, würgte ich um den Kloß in meiner Kehle herum. »Ich versuche, mich zu entschuldigen. Ich versuche, das al es in Ordnung zu bringen.«

»Das ist der zweite Grund, warum ich hier bin. Fehler können aus der Welt geschafft werden, aber wenn sie öfter als einmal passieren, sind es keine Fehler mehr.«

Ich schwieg und bekam Kopfweh, als wir an einem den Fluss überblickenden Park vorbeifuhren und in eine Seitenstraße einbogen. David berührte seinen Kragen, und ich konnte an seiner Körperhaltung ablesen, dass wir fast da waren. »Und es war irgendwie auch meine Schuld, dass es rauskam«, sagte er leise. »Eisenhut hat die Tendenz, die Zunge zu lockern. Das tut mir leid, aber es war trotzdem falsch von Ihnen.«

Es war egal, wie es rausgekommen war. Jenks war wütend auf mich, und ich verdiente es.

David setzte den Blinker und fuhr in eine gepflasterte Einfahrt. Ich zog meinen grauen Rock gerade und rückte meine Jacke zurecht. Dann wischte ich mir über die Augen, setzte mich aufrecht hin und versuchte, professionel auszusehen und nicht, als würde gerade meine gesamte Welt um mich herum zusammenbrechen. Al es, worauf ich mich verlassen konnte, war ein Werwolf, der nichts von mir hielt.

Ich hätte al es dafür gegeben, Jenks auf meiner Schulter sitzen zu haben, der dumme Witze über meine neue Frisur riss oder darüber, dass ich roch wie etwas, das gerade aus einer Scheune gekrochen war. Al es.

»Ich würde den Mund halten, wenn ich Sie wäre«, sagte David finster, und ich nickte, absolut deprimiert. »Das Parfüm meiner Sekretärin ist im Handschuhfach. Sprühen Sie ihre Strumpfhose damit ein. Der Rest riecht okay.«

Gehorsam tat ich, was er gesagt hatte. Meine übliche Abneigung dagegen, dass jemand mir sagte, was ich zu tun hatte, wurde durch seine schlechte Meinung von mir unterdrückt. Der Moschusgeruch des Parfüms erfül te das Auto, und David öffnete mit einer Grimasse sein Fenster.

»Naja, Sie haben gesagt. .«, murmelte ich, als die kalte Luft um meine Knöchel spielte.

»Es wird al es sehr schnel gehen, sobald wir drin sind«, sagte David mit tränenden Augen. »Ihr Vamp-Partner hat höchstens fünf Minuten, bevor Saladan wegen der Forderung wütend wird und uns rausschmeißt.«

Ich umklammerte Mrs. Avers Aktentasche auf meinem Schoß. »Sie wird da sein.«

Davids einzige Antwort war ein Grummeln. Wir kurvten eine kurze Einfahrt hinauf, die geräumt und gekehrt worden war. Die roten Lehmziegel waren nass von geschmolzenem Schnee. Am Ende stand ein stattliches, weiß gestrichenes Haus mit roten Läden und hohen, schmalen Fenstern. Es war eines dieser älteren Häuser, die renoviert worden waren, ohne ihren ursprünglichen Charme zu verlieren. Die Sonne ging gerade hinter dem Haus unter. David parkte im Schatten hinter einem schwarzen Pickup-Truck und machte den Motor aus. Ein Vorhang an einem der vorderen Fenster bewegte sich.

»Ihr Name ist Grace«, sagte er. »Fal s sie einen Ausweis sehen wol en, er ist in ihrer Geldbörse in der Aktentasche.

Hier.« Er gab mir seine Bril e. »Tragen Sie die.«

»Danke.« Ich setzte mir die Plastikbril e auf die Nase und bemerkte, dass David weitsichtig war. Mein Kopf begann zu schmerzen, und ich schob sie tiefer, sodass ich über sie hinwegschauen konnte statt durch sie hindurch. Ich fühlte mich schrecklich, und die Schmetterlinge in meinem Bauch waren schwer wie Schildkröten.

Er seufzte und griff nach seiner Aktentasche, die zwischen unseren Sitzen stand. »Lassen Sie uns gehen.«

31

»David Hue«, sagte David, und klang gleichzeitig gelangweilt und ein wenig irritiert, als wir im Eingangsbereich des alten Herrenhauses standen. »Ich werde erwartet.«

Ich, nicht wir, dachte ich, hielt meine Augen auf den Boden gerichtet und versuchte im Hintergrund zu bleiben, während Candice, der Vamp, der auf dem Boot so an Lee gehangen hatte, Davids Visitenkarte musterte. Hinter ihr standen zwei weitere Vamps, deren schwarze Anzüge geradezu Security schrien. Es machte mir nichts aus, die unterwürfige Untergebene zu spielen; fal s Candice mich erkannte, würde die Sache sehr schnel sehr übel werden.

»Sie haben mit mir gesprochen«, sagte die wohlgeformte Vampirin mit einem verärgerten Seufzen. »Aber nach den jüngsten Unannehmlichkeiten hat sich Mr. Saladan in ein. .

weniger öffentliches Umfeld zurückgezogen. Er ist nicht hier, und ganz sicher empfängt er auch niemanden.« Sie lächelte und zeigte damit in einer politisch-korrekten Drohung ihre Zähne, dann gab sie ihm seine Karte zurück. »Ich werde Ihnen al erdings gerne behilflich sein.«

Mein Herz raste, und ich starrte auf die italienischen Fliesen. Er war hier - ich konnte fast das Klappern von Spielchips hören -, aber wenn wir nicht zu ihm vordrangen, würde das al es um einiges erschweren.

David sah sie an, und seine Augen verengten sich, dann hob er seine Aktentasche vom Boden auf. »Na schön«, sagte er knapp. »Wenn ich nicht mit Mr. Saladan sprechen kann, dann bleibt meiner Firma nichts anderes übrig, als davon auszugehen, dass unsere Annahme eines terroristischen Anschlags korrekt ist, und wir werden die Forderung zurückweisen. Einen schönen Tag noch, Ma'am.« Er warf mir einen nachlässigen Blick zu. »Komm, Grace. Wir gehen.«

Mein Atem stockte, und ich spürte, dass ich blass wurde.

Wenn wir wieder gingen, würden Kisten und Ivy in eine Fal e laufen. Davids Schritte waren laut, als er zur Tür ging, und ich streckte den Arm nach ihm aus.

»Candice«, ertönte Lees butterweiche und trotzdem zornige Stimme aus dem ersten Stock des großen Treppenhauses. »Was tust du?«

Ich wirbelte herum, und David packte warnend meinen El bogen. Lee stand am oberen Treppenabsatz. In einer Hand hielt er einen Drink, in der anderen einen Ordner und eine Bril e mit Metal gestel . Er trug etwas, das aussah wie ein Anzug ohne Jackett. Die Krawatte hing locker um seinen Hals, aber er sah trotzdem ordentlich aus.

»Stanley, Liebling«, schnurrte Candice und ließ sich in provokativer Pose gegen den Beistel tisch neben der Tür fal en. »Du hast gesagt, niemand. Außerdem ist es doch nur ein kleines Boot. Was kann das schon wert sein?«

Lee kniff seine dunklen Augen zusammen. »Fast eine Viertelmil ion - Liebes. Das sind Versicherungsvertreter, keine I.S.-Runner. Check sie auf Zauber, und dann führ sie nach oben. Das Gesetz verpflichtet sie, al es vertraulich zu behandeln, sogar, dass sie überhaupt hier waren.« Er schaute David an und schüttelte sich den Surfer-Pony aus den Augen. »Habe ich recht?«

David lächelte ihn mit diesem Wir-Jungs-halten-zusammen-Grinsen an, das ich so hasste.

»Ja, Sir«, sagte er so laut, dass seine Stimme in der einfachen weißen Diele hal te. »Wir könnten unsere Arbeit nicht machen, wenn es diesen kleinen konstitutionel en Zusatz nicht gäbe.«

Lee hob bestätigend die Hand, drehte sich um und verschwand in den offenen Flur. Eine Tür schloss sich, und ich zuckte zusammen, als Candice nach meiner Aktentasche griff.

Mein Adrenalinspiegel stieg, und ich klammerte mich an der Tasche fest.

»Entspann dich, Grace«, sagte David herablassend, als er sie mir wegnahm. »Das ist nicht ungewöhnlich.«

Die zwei Vamps im Hintergrund traten vor, und ich zwang mich dazu, mich nicht zu bewegen. »Sie müssen meine Assistentin entschuldigen«, sagte David, als er unsere Taschen zu dem Tisch trug und erst seine, dann meine öffnete und zur Inspektion herumdrehte. »Eine neue Assistentin einzulernen ist schrecklich.« *

Candices Gesichtsausdruck wurde spöttisch. »Haben Sie ihr das blaue Auge verpasst?«

Ich errötete und hob unwil kürlich die Hand, um meinen Wangenknochen zu berühren. Mein Blick senkte sich zu meinen hässlichen Schuhen. Offensichtlich funktionierte das dunklere Make-up nicht so gut wie ich gedacht hatte.

»Man muss seine Hündinnen unter Kontrol e halten«, sagte David gut gelaunt. »Aber wenn man sie richtig schlägt, muss man sie nur einmal schlagen.«

Ich biss die Zähne zusammen, und mir wurde warm, als Candice lachte. Ich beobachtete unter halb gesenkten Lidern hervor, wie ein Vamp meine Aktentasche durchwühlte. Sie war vol von Zeug, das nur ein Versicherungsvertreter mit sich herumschleppen würde: ein Taschenrechner mit mehr kleinen Knöpfen als die Ausgehstiefel eines Leprechauns, Schreibblöcke, Ordner mit Kaffeeflecken, nutzlose kleine Kalender, die man an den Kühlschrank pinnen konnte, und Stifte mit Smileys drauf. Es gab auch Quittungen von Läden wie Office Depot und Staples. Gott, es war furchtbar. Sie musterte geistesabwesend eine meiner Geschäftskarten.

Während Davids Aktentasche derselben Durchsuchung unterworfen wurde, wanderte Candice in ein Hinterzimmer.

Sie kam mit einer hässlichen Bril e zurück, durch deren Gläser sie uns provokativ musterte. Mein Herz klopfte, als sie danach ein Amulett hervorzog. Es leuchtete in einem warmen Rot.

»Chad, Liebling«, murmelte sie. »Geh weg. Dein Zauber stört.«

Einer der Vampire errötete und zog sich zurück. Ich fragte mich, für was Chad-Liebling einen Zauber hatte, dessen Erwähnung seine Ohren in dieser besonderen Farbe glühen ließ. Ich atmete auf, als das Amulett grün wurde, und war dankbar, dass ich mich nur auf herkömmlichem Weg verkleidet hatte. Neben mir stand David, seine Finger zuckten. »Geht das nicht etwas schnel er?«, fragte er. »Ich habe noch zwei andere Termine.«

Candice lächelte und drehte das Amulett in den Fingern.

»Hier entlang.«

Mit vorgeblich ungeduldiger Hast klappte David seine Aktentasche zu und zog sie von dem kleinen Tisch. Ich tat dasselbe und war erleichtert, als die zwei Vampire in ein Hinterzimmer verschwanden, aus dem es nach Kaffee roch.

Candice ging langsam die Treppe hinauf und wiegte dabei ihre Hüften so stark, dass man meinen könnte, sie würde sie jeden Moment verlieren. Ich versuchte sie zu ignorieren, während ich ihr folgte.

Das Haus war alt, und jetzt, wo ich es genauer sehen konnte, nicht gut erhalten. Im ersten Stock war der Teppich durchgelaufen, und die Bilder, die in dem offenen Flur um die Treppe hingen waren so alt, dass sie wahrscheinlich mit dem Haus gekommen waren. Die Wandfarbe über der Vertäfelung war dieses widerliche Grün, das vor dem Wandel modern gewesen war, und sah abstoßend aus. Jemand mit einem heftigen Mangel an Fantasie hatte auch einen Teppich dieser Farbe über die zwanzig Zentimeter dicken Dielenbretter gelegt, in die Efeu und Kolibris eingeschnitzt waren. Mich schauderte es bei dem Gedanken an die Schönheiten, die hier wahrscheinlich unter hässlicher Farbe und Synthetik verborgen lagen.

»Mr. Saladan«, verkündete Candice, als sie eine schwarz gestrichene Tür öffnete. Ihr Lächeln war gehässig. Ich folgte David in den Raum, hielt die Augen auf den Boden gerichtet, als ich an ihr vorbeiging, und konnte nur hoffen, dass sie mich nicht erkannte und dass sie nicht mit reinkommen würde. Aber warum sol te sie? Lee war ein Experte in Kraftlinienmagie. Er brauchte keinen Schutz vor zwei Tiermenschen.

Der Raum war großzügig geschnitten und an den Wänden mit Eichenpaneelen ausgestattet. Die hohen Decken und die aufwändigen Verkleidungen an den großzügigen Fenstern waren die einzigen Hinweise darauf, dass der Raum einmal ein Schlafzimmer gewesen war, bevor er in ein Büro umgewandelt wurde. Al es andere war hinter Paneelen, Chrom und hel er Eiche versteckt worden. Das Holz war erst ein paar Jahre alt. Ich war eine Hexe; so etwas konnte ich spüren.

Die Fenster hinter dem Schreibtisch reichten bis zum Boden, und die tief stehende Sonne umspielte Lee mit ihrem Licht, als er sich aus seinem Schreibtischstuhl erhob. In einer Ecke des Raums stand ein Barwagen, und ein Entertainment-Center nahm den Großteil der anderen Wand ein. Zwei bequeme Stühle standen vor dem Schreibtisch, ein hässlicher stand in einer Ecke des Raums. Es gab einen riesigen Wandspiegel und keinerlei Bücher. Meine Meinung von Lee sank endgültig ins Bodenlose.

»Mr. Hue«, sagte Lee, als er seine gebräunte Hand über den tiefen, modernen Schreibtisch ausstreckte. Sein Jackett hing an einem Hutständer in der Nähe, aber er hatte zumindest seine Krawatte zugezogen. »Ich habe Sie bereits erwartet. Entschuldigen sie das Missverständnis im Erdgeschoß. Candice kann manchmal sehr beschützend sein.

Ist ja verständlich, nachdem um mich herum Boote explodieren.«

David lachte leise und klang ein bisschen wie ein Hund.

»Kein Problem, Mr. Saladan. Ich werde auch nicht viel von Ihrer Zeit beanspruchen. Es ist nur ein Höflichkeitsbesuch, um Sie wissen zu lassen, dass Ihre Forderung bearbeitet wird.«

Lächelnd hielt Lee seine Krawatte auf der Brust fest und ging zu dem Barwagen, während er uns zuwinkte, uns zu setzen. »Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«, fragte er, als ich mich in den bequemen Ledersessel sinken ließ und meine Aktentasche auf dem Boden abstel te.

»Nein, vielen Dank«, lehnte David ab.

Lee hatte mir kaum einen Blick geschenkt und nicht einmal angeboten, mir die Hand zu schütteln. Die Männerclub-Atmosphäre war fast greifbar, und wo ich mich normalerweise charmant bemerkbar gemacht, hätte, biss ich nun die Zähne zusammen und tat so, als würde ich nicht existieren. Ganz die brave kleine Hündin am untersten Ende der Rangordnung.

Während Lee Eis in seinen Drink fal en ließ, zog David eine zweite Bril e hervor und öffnete seine Aktentasche, die er auf dem Schoß balancierte. Sein glatt rasiertes Kinn war verspannt, und ich konnte riechen, dass seine beherrschte Aufregung zunahm. »Nun«, sagte er leise und holte einen Stapel Papier hervor. »Es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass - nach unserer ersten Inspektion und unserem vorbereitenden Gespräch mit einem Überlebenden - meine Firma es ablehnt, die Versicherungssumme auszuzahlen.«

Lee hatte gerade einen zweiten Eiswürfel in seinen Drink fal en lassen. »Entschuldigen Sie?« Er wirbelte auf einem gewachsten Absatz herum. »Für Ihren Überlebenden steht zu viel auf dem Spiel, als dass er irgendwelche Informationen herausgeben würde, die dem Unfal widersprechen. Und was eine Inspektion angeht? Das Boot liegt auf dem Grund des Ohio.«

David nickte. »Völ ig richtig. Aber das Boot wurde im Rahmen eines stadtweiten Machtkampfes zerstört, und daher fäl t seine Zerstörung unter die Terrorismus-Klausel.«

Mit einem bel enden Laut des Unglaubens setzte sich Lee hinter seinen Schreibtisch. »Dieses Boot war brandneu. Ich habe erst zwei Zahlungen geleistet. Ich werde den Verlust nicht hinnehmen. Deswegen hatte ich es versichert.«

David legte den Papierstapel auf den Schreibtisch. Er schielte über seine Bril e, grub einen zweiten Stapel hervor, schloss seine Aktentasche und unterschrieb auf einem der Blätter. »Das hier ist die Mitteilung, dass die Prämien auf ihre anderen Besitztümer, die wir versichern, sich um fünfzehn Prozent erhöhen. Unterschreiben Sie bitte hier.«

»Fünfzehn Prozent!«, rief Lee.

»Rückwirkend zum Ersten des Monats. Wenn Sie mir einen Scheck ausstel en wol en, bin ich bereit, die Zahlung entgegenzunehmen.«

Verdammt, dachte ich. Davids Firma kämpfte mit harten Bandagen. Meine Gedanken wanderten von Lee zu Ivy. Das hier ging ziemlich schnel bergab. Wo blieb ihr Anruf? Sie mussten inzwischen auf ihren Plätzen sein.

Lee war nicht glücklich. Mit verkrampftem Kiefer verschränkte er die Finger und legte seine Hände auf den Schreibtisch. Sein Gesicht hinter den schwarzen Haaren wurde rot, und er lehnte sich nach vorne. »Du musst in deine Aktentasche schauen, Welpe, und einen Scheck für mich finden«, sagte er mit unverkennbarem Berkeley-Akzent. »Ich bin es nicht gewöhnt, enttäuscht zu werden.«

David verschluss seine Aktentasche und stel te sie sanft auf den Boden. »Sie müssen Ihren Horizont erweitern, Mr.

Saladan. Mir passiert das ständig.«

»Mir nicht.« Sein rundes Gesicht war wutentbrannt, als er aufstand. Die Spannung im Raum nahm zu. Ich beobachtete Lee, dann David, der selbstsicher aussah, obwohl er noch saß. Keiner der Männer würde nachgeben.

»Unterschreiben Sie das Dokument, Sir«, sagte David leise.

»Ich bin nur der Bote. Bringen Sie nicht die Anwälte ins Spiel.

Dann bekommen nur die das Geld, und Sie werden unversicherbar.«

Lee keuchte, und seine Augen verengten sich wütend.

Ich zuckte zusammen, als plötzlich mein Handy klingelte.

Ich riss die Augen auf. Der Klingelton war die Anfangsmelodie von Lone Ranger. Ich bemühte mich es abzustel en, wusste aber nicht wie.

»Grace!«, bel te David und ich zuckte wieder. Das Handy fiel mir aus der Hand. Ich tauchte hinterher, und mein Gesicht lief rot an. Innerlich schwankte ich zwischen Panik, weil sie mich beide ansahen, und Erleichterung, dass Ivy bereit war.

»Grace, ich habe dir in der Einfahrt gesagt, dass du das Telefon ausschalten sol st!«, schrie David.

Er stand auf, und ich starrte ihn hilflos an. Er riss mir das Telefon aus der Hand, stel te die Musik aus und warf es mir wieder zu.

Ich biss die Zähne zusammen, als es mit einem harten Klatschen in meiner Hand landete. Ich hatte genug. David sah meine Wut, trat zwischen mich und Lee und umklammerte warnend meine Schultern. Verärgert schlug ich seine Hand zur Seite. Aber mein Ärger verschwand, als er mich angrinste und mir zuzwinkerte.

»Sie sind eine gute Agentin«, sagte er leise, als Lee einen Knopf an seiner Sprecheinrichtung drückte und ein geflüstertes Gespräch mit jemandem führte, der wie eine sehr aufgeregte Candice klang. »Die meisten Leute, mit denen ich gearbeitet habe, wären mir schon an der Eingangstür wegen dieses Hündinnen-Kommentars an die Kehle gesprungen. Halten Sie durch. Wir können dieses Gespräch noch ein paar Minuten laufen lassen, und ich brauche immer noch seine Unterschrift auf dem Dokument.«

Ich nickte, auch wenn es schwerfiel. Aber das Kompliment hatte geholfen.

Lee stand immer noch. Er griff nach seinem Jackett und schlüpfte hinein. »Es tut mir leid, Mr. Hue. Wir müssen das zu einem anderen Zeitpunkt fortführen.«

»Nein, Sir.« David stand unbeweglich. »Wir werden das jetzt zu Ende bringen.«

Im Flur hörte man Tumult, und ich stand auf, als Chad -der Vampir mit dem Zauber - in den Raum stolperte. Als er David und mich sah, schluckte er seine ersten, wahrscheinlich verzweifelten, Worte herunter.

»Chad«, begann Lee, und leichte Besorgnis zeigte sich auf seinem Gesicht, als er das zerzauste Aussehen des Vamps bemerkte. »Würdest du Mr. Hue und seine Assistentin zum Auto bringen?«

»Ja, Sir.«

Das Haus war stil , und ich unterdrückte ein Lächeln. Ivy hatte einmal ein ganzes Stockwerk vol FIB-Agenten außer Gefecht gesetzt. Wenn Lee nicht eine ganze Horde Leute hier versteckt hatte, würde es nicht mehr lange dauern, bis ich meine Amulette hatte und Lee Handschel en trug.

David rührte sich nicht. Er stand vor Lees Schreibtisch, und sein Auftreten wurde immer werwolfartiger. »Mr. Saladan.« Er schob das Dokument mit zwei Fingern nach vorne. »Wenn Sie so freundlich wären?«

Rote Flecken erschienen auf Lees runden Wangen. Er nahm einen Stift aus der Schublade seines Schreibtischs und unterschrieb das Dokument schwungvol und unlesbar.

»Sagen Sie Ihren Vorgesetzten, dass dieser Verlust ausgeglichen werden wird«, sagte er und ließ die Papiere auf dem Schreibtisch liegen, sodass David sie aufsammeln musste. »Es wäre eine Schande, wenn Ihre Firma sich in finanziel en Nöten wiederfinden würde, weil mehrere ihrer größeren Versicherungsobjekte plötzlich beschädigt werden.«

David hob das Dokument auf und schob es in seine Aktentasche. Ich stand nah genug hinter ihm, um zu spüren, dass seine Anspannung stieg und er sein Gewicht auf die Bal en verlagerte. »Ist das eine Drohung, Mr. Saladan? Ich kann Ihre Forderung an unsere Beschwerdeabteilung weiterleiten.«

Ein leises Donnern schlug gegen mein Innenohr, und Chad trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Es war eine entfernte Explosion. Lee starrte auf eine Wand als könnte er durch sie hindurchsehen. Ich hob die Augenbrauen. Ivy.

»Nur noch eine Unterschrift.« David zog ein zweimal gefaltetes Stück Papier aus der Innentasche seines Mantels.

»Wir sind fertig, Mr. Hue.«

David starrte ihn an, und ich konnte fast das Knurren hören. »Es wird nur . . einen Moment in Anspruch nehmen.

Grace, ich brauche Ihre Unterschrift, hier. Mr. Saladans. . hier.«

Überrascht trat ich einen Schritt vor und senkte meinen Kopf über das Papier, das David auf dem Schreibtisch glatt strich. Meine Augen weiteten sich. Es war eine Zeugenaussage darüber, dass ich gesehen hatte, dass eine Bombe auf dem Heizkessel befestigt gewesen war. Ich fand es falsch, dass Davids Firma sich mehr Sorgen um das Boot machte als um die Leute, die darauf gestorben waren. Aber so waren eben Versicherungen.

Ich nahm den Stift und warf einen kurzen Blick zu David. Er zuckte leicht mit den Schultern, und in seinen Augen lag unnachgiebige Härte. Trotz seines Ärgers hatte ich das Gefühl, dass er das al es genoss.

Mit klopfendem Herzen unterschrieb ich als Rachel. Ich lauschte auf Kampfgeräusche, als ich David den Stift zurückgab. Sie mussten schon nah sein, und es gab viel eicht keine Anzeichen, dass sie im Haus waren, wenn draußen al es glatt gelaufen war. Lee wirkte angespannt, und mein Magen verkrampfte sich.

»Und Sie, Sir.« Es war sarkastisch. David drehte das Papier zu ihm um. »Unterschreiben Sie, und ich kann Ihre Akte schließen, dann müssen Sie mich nie wiedersehen.«

Ich fragte mich, ob das sein Standardsatz war, als ich in die Innentasche meiner geliehenen Jacke griff und den Haftbefehl hervorzog, den Edden mir am Nachmittag vorbeigebracht hatte.

Mit rauen, aggressiven Bewegungen unterschrieb Lee das Dokument. Neben mir hörte ich Davids leises, befriedigtes Knurren. Erst in diesem Moment schaute Lee auf meine Unterschrift und wurde unter seiner Bräune bleich. Seine schmalen Lippen öffneten sich. »Hurensohn«, fluchte er und hob seine Augen erst zu mir, dann zu Chad in der Ecke.

Lächelnd reichte ich Lee meinen Haftbefehl. »Und das ist von mir«, sagte ich gut gelaunt. »Danke, David. Haben Sie, was Sie brauchen?«

David trat einen Schritt zurück und steckte das Schriftstück ein. »Er gehört ganz Ihnen.«

»Hurensohn!«, sagte Lee wieder, und ein ungläubiges Lächeln lag auf seinen Lippen. »Sie konnten einfach nicht tot bleiben, oder?«

Ich biss die Zähne zusammen und zuckte erschrocken, als ich fühlte, wie er eine Kraftlinie anzapfte.

»Runter!«, schrie ich, schob David aus dem Weg und taumelte zurück. David fiel zu Boden und überschlug sich fast. Ich rutschte bis knapp vor die Tür. Die Luft knisterte, und ein Schlag erschütterte mich. Ich kauerte mich zusammen und starrte erstaunt auf den hässlichen purpurnen Fleck auf dem Boden. Was zum Wandel war das?, dachte ich, kämpfte mich entschlossen auf die Füße und zog meinen Rock nach unten.

Lee winkte Chad zu, der ängstlich aussah. »Na los, schnapp sie dir!«, sagte er angewidert.

Chad blinzelte und stampfte dann zu David.

»Nicht ihn, du Idiot!«, schrie Lee. »Die Frau!«

Chad blieb stehen, drehte sich um und streckte den Arm nach mir aus.

Wo zur Höl e war Ivy? Meine Dämonennarbe signalisierte Genuss, aber auch wenn es sehr ablenkend war, hatte ich kein Problem damit, meine Handfläche gegen Chads Nase zu schlagen. Als der Knorpel brach, riss ich die Hand zurück. Ich hasste das Gefühl, Nasen zu brechen. Es machte mich verrückt.

Chad schrie vor Schmerzen auf, beugte sich vor und presste die Hände auf sein blutendes Gesicht. Ich folgte seiner Bewegung und rammte ihm einen El bogen in den Nacken, den er so praktischerweise in meine Nähe brachte.

In drei Sekunden war Chad erledigt.

Ich rieb meinen El bogen und schaute hoch, um nach David zu suchen. Er sah mir mit Interesse zu. Ich stand zwischen Lee und der Tür. Lächelnd schüttelte ich mir die Haare aus den Augen, die dem Knoten entkommen waren.

Lee war eine Kraftlinienhexe; die Chancen standen gut, dass er ein Feigling war, wenn es um körperliche Schmerzen ging.

Er würde nicht aus diesem Fenster springen, wenn es nicht unbedingt nötig war.

Lee drückte die Gegensprechanlage. »Candice?« Seine Stimme war eine Mischung aus Wut und Drohung.

Keuchend leckte ich meinen Daumen an und zeigte auf Lee. »David, Sie gehen viel eicht besser. Das hier kann brenzlig werden.«

Meine Laune stieg, als Kistens Stimme aus dem Lautsprecher ertönte, mit der Geräuschkulisse einer Frauenschlägerei im Hintergrund. »Candice hat zu tun, Alter.«

Ich erkannte die Laute von Ivys Angriff, und Kisten gab ein mitfühlendes Geräusch von sich. »Sorry, Liebes. Du hättest nicht streunen sol en. Oh, dass muss wehgetan haben.« Dann war er zurück bei uns und fragte mit dick aufgetragenem Akzent: »Viel eicht kann ich behilflich sein?«

Lee schaltete die Gegensprechanlage aus, rückte seine Krawatte zurecht und beobachtete mich. Er wirkte selbstsicher. Nicht gut. »Lee, wir können den einfachen Weg nehmen oder den harten«, sagte ich ruhig.

Im Flur erklangen schwere Schritte, und ich ließ mich zu David zurückfal en, als vier Männer in den Raum stürmten.

Ivy war nicht bei ihnen. Und meine Amulette auch nicht. Sie hatten stattdessen vier Knarren, al e auf uns gerichtet.

Verdammt.

Lee lächelte und kam hinter seinem Schreibtisch hervor.

»Ich bin für den einfachen«, sagte er, so selbstgefäl ig, dass ich ihn schlagen wol te.

Chad rührte sich wieder, und Lee stieß ihn mit dem Fuß in die Rippen. »Steh auf«, sagte er. »Der Tiermensch hat ein Dokument in seinem Mantel. Hol es.«

Mein Magen überschlug sich, und ich fiel zurück, als Chad auf die Füße kam. Blut tropfte auf seinen bil igen Anzug.

»Geben Sie es ihm einfach«, warnte ich, als David sich anspannte. »Ich hole es später zurück.«

»Nein, das glaube ich nicht«, mischte Lee sich ein, als David es Chad übergab und der es - jetzt blutverschmiert -

an ihn weiterreichte. Seine weißen Zähne leuchteten, als er breit grinste. »Es tut mir leid, von ihrem Unfal zu hören.«

Ich warf einen Seitenblick zu David, weil ich unseren kommenden Tod in seinen Worten hörte.

Lee wischte das Blut an Chads Jacke ab, faltete das Papier zweimal und steckte es ein. Als er zur Tür ging, sagte er beiläufig: »Erschießt sie. Holt die Kugeln raus und schmeißt sie flussabwärts unter das Eis am Dock. Ich gehe zu einem frühen Abendessen und bin in zwei Stunden zurück. Chad, komm mit. Wir müssen reden.«

Mein Herz raste, und ich konnte Davids zunehmende Anspannung riechen. Seine Hände öffneten und schlössen sich, als ob er Schmerzen hätte. Viel eicht war es ja so. Ich keuchte, als ich hörte, wie die Waffen entsichert wurden.

»Rhombusl«, schrie ich, aber mein Wort ging unter in dem Donner der ersten Schüsse.

Ich stolperte, als ich in Gedanken die nächstgelegene Linie anzapfte. Es war die Kraftlinie der Universität, und sie war gigantisch. Ich konnte Pulverdampf riechen, richtete mich auf und betastete mich panisch. Nichts tat weh außer meinen Ohren. Davids Gesicht war weiß, aber es lag kein Schmerz darin. Ein Schimmer von moleküldünnem Jenseits leuchtete um uns herum. Die vier Männer erhoben sich aus der Hocke.

Ich hatte den Kreis noch rechtzeitig errichtet - die Kugeln waren abgepral t und zu ihnen zurückgeschossen.

»Was machen wir jetzt?«, fragte einer.

»Ich wil verflucht sein, wenn ich es weiß«, sagte der größte.

Aus der Diele im Erdgeschoss hörte man Lees Schrei:

»Bringt es einfach in Ordnung!«

»Du!«, erklang leise Ivys Stimme. »Wo ist Rachel?«

Ivy! Panisch musterte ich meinen Schutzkreis. Er war eine Fal e. »Kannst du zwei von ihnen erledigen?«, fragte ich.

»Geben Sie mir fünf Minuten, um mich zu verwandeln, und ich erledige sie al e«, knurrte David.

Kampfgeräusche wurden laut. Es klang, als wäre ein Dutzend Leute da unten, und nur ein wütender Vampir. Einer der Männer schaute zu den anderen und lief aus dem Raum.

Drei übrig. Der Knal einer Waffe im Erdgeschoß brachte mich zur Besinnung. »Wir haben keine fünf Minuten. Bereit?«

Er nickte.

Ich verzog das Gesicht und brach meine Verbindung mit der Linie. Der Schutzkreis fiel. »Jetzt!«

David war nur eine unscharfe Bewegung neben mir. Ich hielt auf den Kleinsten zu und kickte seine Waffe mit dem Fuß zur Seite, als er versuchte, zurückzuweichen. Jetzt stand mein Training gegen seine langsamere Magie, und mein Training gewann. Seine Pistole schlitterte über den Boden, und er sprang hinterher. Idiot. Ich folgte ihm nach unten und rammte meinen El bogen in seine Nieren. Er keuchte und drehte sich zu mir um, ein gutes Stück von der Knarre entfernt. Gott, er sah jung aus.

Mit zusammengebissenen Zähnen griff ich mir seinen Kopf und knal te ihn gegen den Boden. Seine Augen fielen zu, und sein Körper verlor jede Spannung. Yeah, es war krude, aber ich war in Eile.

Der Knal einer abgeschossenen Waffe ließ mich herumwirbeln. »Al es okay!«, bel te David, sprang mit der Geschwindigkeit eines Tiermenschen aus seiner geduckten Haltung und schlug mit einer kleinen, starken Faust nach der letzten noch stehenden Hexe. Die Augen des Mannes rol ten nach hinten, und die Waffe glitt aus seinen Fingern, als er umkippte - auf den Ersten, den David erledigt hatte.

Verdammt, war er schnel !

Mein Herz raste, und meine Ohren klingelten. Wir hatten sie fertiggemacht, und es war nur ein Schuss gefal en. »Sie haben drei erwischt«, sagte ich, beglückt von unserer gemeinsamen Anstrengung. »Danke!«

Schwer atmend wischte sich David den Mund ab und schnappte sich seine Aktentasche. »Ich brauche mein Dokument.«

Wir stiegen über die bewusstlosen Hexen. David ging vor mir. Plötzlich blieb er stehen und sah aus schmalen Augen auf einen Mann, der vom offenen Flur aus auf Ivy im Erdgeschoss zielte. Grunzend holte er mit seiner Aktentasche aus und knal te sie gegen den Kopf der Hexe. Stolpernd drehte sich der Mann um. Ich wirbelte auf einem Fuß herum und rammte ihm den anderen in den Solarplexus. Er wedelte mit den Armen, als er rückwärts gegen das Geländer taumelte.

Ich hielt nicht an, um zu sehen, ob er erledigt war oder nicht, sondern rannte die Treppe hinunter. David konnte sich darum kümmern, ihm die Waffe abzunehmen. Ivy hielt sich Candice vom Leib. Meine Tasche mit den Amuletten lag zu Ivys Füßen. Auf dem Fliesenboden lagen drei Körper. Der arme Chad hatte heute wirklich keinen guten Tag.

»Ivy!«, rief ich, als sie Candice gegen die Wand schleuderte und dadurch einen Moment Zeit hatte. »Wo ist Lee?«

Ihre Augen waren schwarz und ihre Lippen über die Zähne zurückgezogen. Mit einem schril en Wutschrei stürzte sich Candice auf sie. Ivy sprang fast bis in den Kronleuchter, ihr Fuß traf Candices Kiefer und warf den Vampir zurück. Von der Decke war ein Knarren zu hören.

»Pass auf!«, rief ich von der untersten Stufe, als Ivy losließ, mit unwirklicher Grazie landete und dann der Kronleuchter herabstürzte. Er zersprang und schleuderte zerbrochenes Glas und Kristal durch den Raum.

»Küche!«, keuchte Ivy aus ihrer zusammengekauerten Stel ung. »Er ist in der Garage. Mit Kisten.«

Candice warf mir einen hasserfül ten Blick zu. Blut floss aus ihrem Mund, und sie leckte es auf. Ihr Blick fiel auf den Seesack vol er Amulette. Sie spannte sich an, um darauf zuzuschießen - Ivy sprang.

»Geh!«, schrie Ivy, während sie schon wieder mit dem kleineren Vampir rang. >.

Ich ging. Mit klopfendem Herzen wich ich den Überresten des Kronleuchters aus und schnappte mir im Vorbeilaufen meine Amulette. Hinter mir erklang ein schmerzerfül ter Schrei. Ich bremste schlitternd. Ivy hatte Candice gegen die Wand gepinnt. Mein Gesicht wurde kalt. Ich hatte das schon einmal gesehen. Gott helfe mir, ich hatte es durchlebt.

Candice wand und wehrte sich, und in ihren Bewegungen lag eine neue Dringlichkeit, als sie versuchte, freizukommen.

Doch Ivy hielt sie fest, so unverrückbar wie ein Stahlträger.

Piscarys Stärke machte sie unbesiegbar, und Candices Angst stachelte ihren Blutdurst an. Aus der Garage erklang eine Schusssalve. Ich riss verängstigt meinen Blick von den beiden Frauen los. Ivy war vampirisch geworden. Absolut und völ ig.

Sie war nicht mehr zurechnungsfähig.

Mit trockenem Mund rannte ich durch die leere Küche zur Garagentür. Candice schrie wieder, und der entsetzliche Laut endete in einem Gurgeln. Das hatte ich nicht gewol t. Ich hatte nichts davon gewol t.

Ich wirbelte herum, als ich ein schlurfendes Geräusch hinter mir hörte, aber es war nur David. Sein Gesicht war weiß, und er wurde nicht einmal langsamer, als er an mir vorbeischoss. In seiner Hand war eine Waffe.

»Ist sie . .«, fragte ich und hörte, dass meine Stimme zitterte.

Er legte eine Hand auf meine Schulter und schob mich vorwärts. Falten durchzogen sein Gesicht und ließen ihn alt aussehen. »Geh einfach«, sagte er erschüttert. »Sie schützt deinen Rücken.«

Das Geräusch von Männerstimmen in der Garage wurde lauter, dann wieder leiser. Jemand feuerte. Ich duckte mich hinter die Tür und durchwühlte meinen Seesack. Hastig hängte ich mir jede Menge Amulette um den Hals und steckte mir meine Handschel en in den Rockbund. Meine Splat Gun lag schwer in meiner Hand, und vierzehn kleine Babies lagen in einer Reihe, bereit, jemanden einzuschläfern.

Und ich hatte genügend Treibgas, um sie al e abzuschießen.

David schielte um den Türrahmen und duckte sich dann wieder. »Fünf Männer plus Saladan hinter einem schwarzen Auto am hinteren Ende der Garage. Ich glaube, sie versuchen, es anzulassen. Dein Freund ist um die Ecke. Wir können ihn mit einem kurzen Sprint erreichen.« Er schaute mich überrascht an, als ich nach meinen Amuletten grub.

»Gütiger Gott! Wofür sind die denn al e?«

Mein Freund?, dachte ich nur und krabbelte zum Türrahmen, wobei meine Amulette über den Boden schleiften. Naja, ich habe mit ihm geschlafen. »Eines ist gegen Schmerzen«, flüsterte ich. »Eins verlangsamt Blutungen. Eins entdeckt schwarze Zauber, bevor ich reinlaufe und eines -«

Ich unterbrach mich, als das Auto startete. Mist.

»Tut mir leid, dass ich gefragt habe«, murmelte David dicht hinter mir.

Mit klopfendem Herzen riskierte ich es, mich halb aufzurichten und atmete tief die kalte Luft ein, bis ich hinter einen kugeldurchsiebten silbernen Jaguar tauchte. Kistens Kopf schnel te hoch. Er saß auf dem Boden und presste eine Hand gegen den unteren Teil seiner Brust. Schmerz stand in seinen Augen, und das Gesicht unter den blondgefärbten Haaren war bleich. Als ich das Blut entdeckte, das unter seiner Hand hervordrang, fröstelte ich nicht mehr nur wegen der ungeheizten Garage. Vier Männer lagen be-wusstlos neben ihm. Einer bewegte sich schwach, und Kisten trat ihn gegen den Kopf, bis er wieder stil lag.

»Besser und besser«, flüsterte ich und ging zu ihm. Das Garagentor öffnete sich, und die Schreie aus dem Auto waren selbst über den aufheulenden Motor zu hören. Aber Kisten war das Einzige, was mich momentan interessierte.

»Bist du okay?« Ich ließ zwei Amulette über seinen Kopf gleiten und fühlte mich krank. Er hätte nicht verletzt werden sol en. Ivy hätte nicht in eine Situation kommen sol en, in der sie jemanden aussaugte. Nichts hätte so laufen sol en.

»Schnapp ihn dir, Rachel«, sagte er knapp, und es gelang ihm, eine schmerzerfül te Grimasse zu ziehen. »Ich werde es überleben.«

Die Reifen des Autos quietschten, als es zurücksetzte. Hin und her gerissen schaute ich von Kisten zu dem Auto.

»Schnapp ihn dir!«, drängte Kisten noch einmal, seine blauen Augen schmerzvol zusammengepresst.

David half dem verletzten Vampir, sich auf den Boden zu legen. Eine Hand drückte Kistens Hand fester auf die Wunde und mit der anderen suchte er etwas in seiner Jacke. Er zog sein Handy hervor, öffnete es und wählte 911.

Kisten nickte, und seine Augen schlossen sich, als ich aufstand. Das Auto stand in der Wendelücke und fuhr an, nur um dann abzusaufen. Fuchsteufelswild stampfte ich darauf zu.

»Lee!«, schrie ich. Der Motor jaulte, sprang wieder an, und die Räder drehten auf dem nassen Zement durch. Ich biss die Zähne zusammen, zapfte eine Linie an und bal te die Faust.

Kraftlinienenergie durchfloss mich mit einem erschütternden Gefühl der Stärke. Meine Augen verengten sich. »Rhombus«, sagte ich und spreizte die Finger in einer rituel en Geste.

Meine Knie gaben nach, und ich schrie, als die Energie, die ich brauchte, um einen so großen Kreis zu errichten durch mich hindurchschoss und mich verbrannte, weil ich nicht al es kanalisieren konnte. Ich hörte das hässliche Stöhnen sich verbiegenden Metal s und quietschende Reifen. Das Geräusch brannte sich in meine Erinnerung ein, um mich später in Albträumen zu verfolgen. Das Auto hatte meinen Schutzkreis gerammt, aber der Wagen war zerstört worden, nicht ich.

Ich fand mein Gleichgewicht wieder und ging weiter, als die ersten Männer aus dem Autowrack sprangen. Ich wurde nicht langsamer, als ich mit meiner Splat Gun zielte und mit methodischer Gelassenheit den Abzug durchdrückte. Zwei lagen am Boden, bevor die erste Kugel durch die Luft neben meinem Kopf zischte.

»Ihr schießt auf mich?«, schrie ich. »Ihr schießt auf mich!«

Ich erledigte den Schützen mit einem Zauber. Blieben Lee und zwei Männer übrig. Einer hob die Hände. Lee sah es und erschoss ihn ohne zu zögern. Der Knal des Schusses durchfuhr mich, als wäre ich selbst getroffen worden.

Das Gesicht der Hexe wurde grau, und er brach in der gepflasterten Einfahrt zusammen, lehnte sich gegen das Auto und versuchte, mit seinen Händen das Blut in seinem Körper zu halten.

Zorn breitete sich in mir aus, und ich blieb stehen. Vor Wut kochend zielte ich auf Lee und drückte ab.

Er richtete sich auf, flüsterte etwas auf Latein und machte eine Geste. Ich warf mich zur Seite, aber er hatte auf den Bal gezielt und lenkte ihn nach rechts ab. Immer noch in der Hocke schoss ich ein zweites Mal. Lees Blick wurde herablassend, als er auch diesen Bal abschmetterte. Die Bewegungen seiner Hände wurden bedeutungsvol er, und ich riss die Augen auf. Scheiße, ich rnuss das jetzt zu Ende bringen.

Ich hechtete in seine Richtung und heulte auf, als der letzte Vampir sich auf mich stürzte. Wir fielen in einem Haufen zu Boden, und ich kämpfte verzweifelt, darum, dass er mich nicht zu fassen bekam. Mit einem letzten Grunzen und einem wilden Tritt befreite ich mich und rol te mich auf die Füße. Keuchend fiel ich zurück. In einer Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung erinnerte ich mich an mein Kampftraining mit Ivy. Ich hatte es nie geschafft, sie zu besiegen. Nicht wirklich.

Schweigend griff der Vampir an. Ich sprang zur Seite und schürfte mir den El bogen auf, als Mrs. Avers Kostüm riss.

Dann war er auf mir, und ich rol te mich herum, den Kopf durch die Arme geschützt, und trat ihn von mir herunter, sobald ich wieder Luft bekam. Das Kribbeln meines Schutzkreises durchfuhr mich. Ich war in ihn hineingelaufen, und er war gefal en. Ich verlor meinen Halt an der Linie und fühlte mich plötzlich leer.

Gehetzt sprang ich auf die Beine und wich dem Tritt des Vampirs aus. Verdammt noch mal, er bemühte sich nicht mal!

Meine Splat Gun lag hinter ihm, und als er auf mich zukam, duckte ich mich unter seinen Armen durch und rol te mich ab, um sie in die Hände zu bekommen. Meine Finger griffen blind zu, und ich stieß triumphierend den Atem aus, als ich das kalte Metal in den Händen spürte.

»Jetzt hab ich dich, du Bastard!«, schrie ich und wirbelte herum, um ihn mitten ins Gesicht zu schießen.

Seine Augen weiteten sich und rol ten dann nach hinten.

Ich unterdrückte ein Kreischen, als ich mich wegduckte, weil seine Bewegung ihn nach vorne fal en ließ. Er knal te mit einem feuchten Geräusch auf die Pflastersteine der Einfahrt.

Blut floss unter seinem Kinn hervor. Er hatte sich etwas gebrochen.

»Tut mir leid, dass du für so einen Trottel arbeitest«, hauchte ich, als ich aufstand, nur um dann zweimal hinschauen zu müssen. Entsetzt ließ ich meine Splat Gun von einem Finger baumeln. Ich war von acht Männern umzingelt, al e von ihnen gut drei Meter entfernt. Lee stand hinter ihnen und schaute widerwärtig selbstgefäl ig drein, während er lässig seine Jacke zurechtschob. Ich zog eine Grimasse und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Oh yeah, ich habe den Schutzkreis gebrochen. Mistdreck, wie oft musste ich diesen Kerl noch fangen?

Ich sah, wie David und Kisten keuchend und in Kistens Fal vor Schmerzen zusammengekrümmt unbeweglich im Visier von drei Pistolen in der Garage saßen. Acht umzingelten mich. Plus vier, die ich erledigt hatte. Kisten hatte auch mindestens vier erwischt. Und ich durfte die ersten vier im oberen Stockwerk nicht vergessen. Und ich wusste nicht einmal, wie viele Ivy erwischt hatte. Der Mann war ausgerüstet für einen verdammten Krieg!

Langsam richtete ich mich auf. Ich konnte das schaffen.

»Ms. Morgan?« Lees Stimme klang seltsam vor dem Tropfen des schmelzenden Schnees auf der Garage. Die Sonne stand hinter dem Haus, und ich zitterte, jetzt, wo ich mich nicht bewegte. »Noch etwas in ihrer kleinen Pistole?«

Ich schaute sie an. Wenn ich richtig gezählt hatte - und ich glaubte, dass es so war -, waren noch acht Zauber drin. Acht Zauber waren nutzlos, nachdem Lee sie al e ablenken konnte.

Und selbst wenn er es nicht tat, hatte ich kaum eine Chance, al ein so viele Männer zu erledigen, ohne gekreuzigt zu werden. Wenn ich nach den Regeln spiele . .

»Ich lasse die Waffe fal en«, sagte ich und öffnete dann langsam und vorsichtig das Reservoir und ließ die blauen Splat Bal s herausfal en, bevor ich ihm die Waffe zuwarf.

Sieben kleine Bäl e sprangen herum und rol ten schließlich in die Ritzen zwischen den roten Steinen, um dort liegen zu bleiben. Sieben draußen, einer in meiner Hand. Gott, das muss funktionieren. Fesselt mir nur nicht die Hände. Ich muss meine Hände frei behalten.

Zitternd hielt ich die Arme über den Kopf und trat zurück.

Ein winziger Splat Bal rol te meinen Ärmel nach unten und blieb als kalter Punkt an meinem El bogen liegen. Lee gestikulierte, und die mich umgebenden Männer kamen näher. Einer griff nach meiner Schulter, und ich musste den Impuls unterdrücken, ihn zu schlagen. Sanft und demütig.

Kein Grund, mich zu fesseln.

Lees Gesicht tauchte vor mir auf. »Dummes, dummes Mädchen«, sagte er höhnisch grinsend und berührte seine Stirn unter dem Pony, wo ein Schnitt klaffte.

Er holte aus, und ich zwang mich, stil zu bleiben, als er mir mit dem Handrücken ins Gesicht schlug. Innerlich kochend richtete ich mich wieder auf. Die mich umgebenden Männer lachten, aber ich bewegte geschickt die Hände hinter meinem Rücken, und der Splat Bal lag in meine Handfläche, als ich fertig war. Meine Augen huschten von Lee zu meinen Splat Bal s auf dem Boden. Jemand beugte sich vor, um einen aufzuheben. »Sie liegen falsch«, sagte ich zu Lee und atmete schwer. »Ich bin eine dumme, dumme Hexe.«

Lees Aufmerksamkeit folgte meinem Blick zu den Splat Bal s. »Consimilis«, sagte ich und zapfte die Linie an.

»Runter!«, rief Lee und schubste die Männer um sich herum aus dem Weg.

»CalefacioU, schrie ich, rammte der Hexe, die mich festhielt, meinen El bogen in den Magen und ließ mich zu Boden fal en. Mein Schutzkreis schloss sich über mir. Es gab ein scharfes Knal en, und blaue Schrapnel e spritzten gegen die Außenseite meines Kreises. Die Plastikbäl e waren von der Hitze zum Platzen gebracht worden und hatten ihren Trank in die gesamte Umgebung gespritzt. Ich schaute zwischen meinen Armen hoch. Al e waren erledigt außer Lee, der genügend Männer zwischen sich und den Trankregen gebracht hatte. In der Garage stand Ivy keuchend über den letzten drei Vampiren. Wir hatten sie erledigt. Al es, was noch übrig war, war Lee. Und er gehörte mir.

Ich lächelte, als ich aufstand, meinen Schutzkreis brach und die Energie zurück in mein Chi holte. »Nur du und ich, Surferjunge«, sagte ich und warf den Spalt Bal , den ich als Bezugsobjekt verwendet hatte, in die Luft und fing ihn wieder auf. »Hast du Lust auf einen Wurf?«

Lees rundes Gesicht wurde ausdruckslos. Er stand vol kommen reglos, und dann, ohne auch nur irgendeine Emotion zu zeigen, zapfte er eine Linie an.

»Hurensohn«, fluchte ich und sprang. Ich pral te in ihn und warf ihn zu Boden. Mit zusammengebissenen Zähnen schnappte er sich mein Handgelenk und drückte, bis mir der Splat Bal aus der Hand rol te.

»Du wirst den Mund halten!«, schrie ich ihn an und presste meinen Arm so gegen seine Kehle, dass er nicht sprechen konnte. Er kämpfte gegen mich an und hob die Hand, um mich ins Gesicht zu schlagen.

Ich keuchte schmerzerfül t auf, als er den Bluterguss traf, den AI mir verpasst hatte, fing sein Handgelenk ein und ließ die Handschel en zuschnappen. Ich wirbelte ihn herum, zog seinen anderen Arm unter ihm hervor, rammte ihm mein Knie in den Rücken und nagelte ihn so auf dem Pflaster fest.

Dann ließ ich den anderen Ring um sein zweites Handgelenk schnappen.

»Ich habe deine Scheiße satt!«, brül te ich. »Keiner wirkt einen schwarzen Zauber auf mich, und keiner schließt mich mit einer Bombe auf einem Boot ein! Keiner! Hörst du? Wer zur Höl e glaubst du, dass du bist, hier einfach aufzutauchen und al es übernehmen zu wol en?« Ich rol te ihn auf den Rücken und schnappte mir Davids Dokument aus seiner Jacke. »Und das gehört nicht dir!«, schrie ich und hielt es hoch wie eine Trophäe.

»Bereit für einen kleinen Trip, Hexe?«, fragte Lee. Seine Augen waren vor Hass dunkel, und ihm quol Blut aus dem Mund.

Ich riss die Augen auf, als ich fühlte, wie er mehr Energie aus der Kraftlinie zog, mit der er immer noch verbunden war.

»Nein!«, schrie ich, als ich verstand, was er tat. Die Handschellen sind vom FIB, dachte ich und trat mich mental selbst. Sie kamen vom FIB, was hieß, dass ihnen der solide Silberkern fehlte, den die I.S.-Handschel en standardmäßig hatten. Er konnte springen. Er konnte in eine Kraftlinie springen, wenn er wusste wie. Und offensichtlich wusste er das.

»Rachel!«, kreischte Ivy. Dann wurden ihre Stimme und das Licht erschreckend abrupt abgeschnitten.

Jenseitsenergie umgab mich. Ich würgte und schob Lee von mir weg, während ich an meinen Mund griff und verzweifelt versuchte zu atmen. Mein Herz schlug wild, als seine Magie durch mich und dann die Linien entlangschoss, die mich sowohl körperlich als auch mental definierten. Die Schwärze von Niemals erfül te mich, und ich wurde panisch, als ich fühlte, wie ich in Splittern überal existierte, aber nirgendwo wirklich. Ich taumelte an der Grenze zum Wahnsinn, unfähig zu atmen, unfähig zu denken.

Ich schrie, als ich in mich selbst zurückgeworfen wurde und die Schwärze sich in den Kern meines Selbst zurückzog.

Ich konnte atmen.

Lee trat mich, und ich rol te mich auf Hände und Füße, während ich Gott dankte, dass ich meine Gliedmaßen nochmal sehen durfte. Kalter Stein schnitt in meine Knie, und ich keuchte, nur um bei dem al es durchdringenden Geruch von Asche zu würgen. Der Wind blies mir die Haare ins Gesicht. Meine Haut wurde eiskalt. Mit klopfendem Herzen schaute ich auf und wusste schon von dem rötlichen Licht, das den Schutt unter meinen Händen erleuchtete, dass wir nicht mehr in Lees Einfahrt waren.

»Oh. . Dreck«, flüsterte ich, als ich sah, wie die untergehende Sonne durch die Ruinen zerstörter Gebäude schien.

Ich war im Jenseits.

32

Die mit Raureif überzogenen Steine neben mir bewegten sich, und ich rol te schnel aus dem Weg, bevor Lees Fuß wieder meine Rippen treffen konnte. Rot und klein kroch die Sonne hinter die Silhouette eines zerstörten Gebäudes. Es sah aus wie der Carew Tower. Waren wir am Fountain Square?

»Lee«, flüsterte ich verängstigt. »Wir müssen hier weg.«

Ich hörte ein Ping, und Lee zog seine Arme hinter dem Rücken hervor. Sein Anzug war dreckig, wirkte aber in der Zerstörung um uns herum trotzdem fehl am Platz. Das leise, scharfe Klappern von fal enden Steinen ließ mich den Kopf herumreißen, und er warf die Handschel en nach dem Geräusch. Wir waren nicht al ein. Verdammt.

»Lee!«, zischte ich. Oh Gott. Wenn AI mich fand, war ich tot. »Kannst du uns nach Hause bringen?«

Er lächelte und strich sich die Haare aus den Augen. Er rutschte ein bisschen auf dem losen Schutt, als er den zerstörten Horizont absuchte. »Du siehst nicht gut aus«, sagte er schließlich, und ich zuckte zusammen, weil seine Stimme vor den kalten Steinen so laut klang. »Zum ersten Mal im Jenseits?«

»Ja und nein.« Zitternd stand ich auf und befühlte mein aufgeschürftes Knie. Ich hatte eine Laufmasche in der Strumpfhose, und Blut quol hervor. Ich stand in einer Linie.

Ich konnte sie vibrieren fühlen, konnte sie fast sehen - so stark war sie. Verängstigt schlang ich die Arme um mich und zog die Schultern hoch, als ich rutschende Felsen hörte. Ich dachte nicht mehr daran, Lee zu verhaften; ich dachte nur an Flucht. Aber ich konnte nicht durch die Linien springen.

Noch ein Stein fiel, diesmal näher. Ich wirbelte herum und suchte den frostigen Schutt um mich herum mit den Augen ab.

Mit den Händen auf den Hüften schielte Lee zu den rot erleuchteten Wolken hinauf, als ob ihn das al es nicht berühren würde. »Geringere Dämonen«, sagte er. »Ziemlich harmlos, außer man ist verletzt oder unwissend.«

Ich entfernte mich langsam von den gefal enen Steinen.

»Das ist keine gute Idee. Lass uns zurückgehen, und wir beenden die Sache wie normale Menschen.«

Er sah mich belustigt an. »Was gibst du mir?«, spottete er und hob die dünnen Augenbrauen.

Ich fühlte mich wie damals, als ein Date mich zu einem Farmhaus gefahren und da ausgesetzt hatte, mit den Worten, wenn ich nicht bereit wäre, ihm entgegenzukommen, könne ich auch al ein den Weg nach Hause finden. Ich musste ihm den Finger brechen, um an seinen Autoschlüssel zu kommen, und hatte den gesamten Heimweg geweint. Meine Mutter hatte dann seine Mutter angerufen, und das war das Ende der Geschichte, abgesehen von der ganze Verarsche, die ich in der Schule über mich hatte ergehen lassen müssen. Viel eicht wäre ich mehr respektiert worden, wenn mein Dad seinen Dad verkloppt hätte, aber zu dieser Zeit war das keine Option mehr gewesen. Ich ging nicht davon aus, dass Lees Finger zu brechen mich jetzt nach Hause bringen würde. »Ich kann nicht«, flüsterte ich. »Du hast al diese Leute umgebracht.«

Er schüttelte den Kopf und rümpfte die Nase. »Du hast meinen Ruf versaut, und deshalb werde ich dich loswerden.«

Mein Mund wurde trocken, als mir klar wurde, wo das hinführte. Der Bastard würde mich Algaliarept übergeben.

»Tu das nicht, Lee«, flehte ich verängstigt. Mein Kopf schnel te hoch, als ich das Kratzen von Kral en hörte. »Wir schulden ihm beide etwas«, sagte ich. »Er kann genauso gut dich nehmen.«

Lee trat die Steine um seine Füße weg, um eine glatte Fläche zu schaffen. »Nee-eein, man sagt auf beiden Seiten der Linien, dass er dich wil .« Seine Augen sahen in dem roten Licht schwarz aus, und er lächelte. »Aber nur für al e Fäl e klopfe ich dich vorher schon ein bisschen weich.«

»Lee«, flüsterte ich hilflos und kauerte mich gegen die Kälte zusammen, als er begann, auf Latein zu murmeln. Das Leuchten der Kraftlinienenergie in seiner Hand warf hässliche Schatten auf sein Gesicht. Ich verkrampfte mich in plötzlicher Panik. In den drei Sekunden, die mir viel eicht blieben, konnte ich nirgendwohin fliehen.

Mein Atem stockte, als hastige Fluchtgeräusche um uns herum anzeigten, dass Dinge sich versteckten. Ich konzentrierte mich gerade rechtzeitig wieder auf Lee, um zu sehen, dass ein Energiebal genau auf mich zuflog. Wenn ich einen Schutzkreis errichtete, würde AI das sofort spüren.

Wenn ich den Bal ablenken würde, wüsste es AI. Also erstarrte ich wie ein Idiot, und die Kugel traf mich vol .

Feuer schoss über meine Haut. Mein Kopf wurde nach hinten geworfen, und ich riss den Mund auf, als ich nach Luft schnappte. Es war normale Kraftlinienenergie, die mein Chi überlaufen ließ. Tulpa, dachte ich, als ich fiel, und gab der Energie damit einen Ort, an den sie gehen konnte.

Sofort ließ das Feuer nach und floss in den Behälter, den ich in meinem Kopf dafür bereithielt. Etwas in mir verschob sich, und ich wusste, dass ich einen Fehler gemacht hatte.

Die Dinge um mich herum kreischten und verschwanden.

Ich hörte ein sattes Geräusch neben mir und richtete mich mit rasendem Puls auf. Mein Atem stockte, bis ich dann sanft ein dampfendes Band weißer Feuchtigkeit ausstieß.

Algaliarepts flotte Silhouette zeichnete sich schwarz vor der sinkenden Sonne ab. Er stand mit dem Rücken zu uns auf einem zerstörten Haus.

»Dreck«, fluchte Lee. »Was zur Höl e macht er schon hier?«

Ich wirbelte zu Lee herum und hörte das Klicken von metal ischer Kreide auf Stein. Das war das Hexen-Pendant zu Klebeband und sorgte für einen sehr sicheren Schutzkreis.

Mein Herz raste, als sich ein schwarz-purpurner Schimmer zwischen uns erhob. Lee keuchte, steckte seine Kreide weg und grinste mich selbstsicher an.

Ich zitterte unkontrol iert, während ich über die vom Sonnenuntergang beschienenen Steinbrocken starrte. Ich hatte nichts, womit ich einen Schutzkreis errichten konnte.

Ich war eine tote Hexe. Ich befand mich auf Als Seite der Linien; mein bisheriger Vertrag mit ihm war hinfäl ig.

AI drehte sich um, als er spürte, wie Lees Schutzkreis Gestalt annahm. Aber er sah mich an. »Rachel Mariana Morgan«, sagte er gedehnt, offensichtlich erfreut. Eine Kaskade von Jenseitsenergie floss über ihn hinweg und veränderte seine Kleidung zu etwas, das ich für englische Reitkleidung hielt, komplett mit Gerte und polierten, schenkelhohen Stiefeln. »Was hast du nur mit deinen Haaren gemacht?«

»Hi, AI«, sagte ich und ging langsam rückwärts. Ich musste hier raus. Nirgendwo ist es so schön wie zu Hause, dachte ich, fühlte das Summen der Linie, in der ich stand, und fragte mich, ob es wohl etwas bringen würde, wenn ich die Hacken zusammenschlug. Lee war über den Regenbogen geflogen, warum, oh warum zur Höl e konnte ich das nicht?

Lee leuchtete fast vor Zufriedenheit. Mein Blick wanderte von ihm zu AI, während der Dämon sich vorsichtig durch eine Schuttlawine seinen Weg zu dem großen Platz bahnte.

Der Platz, dachte ich, und Hoffnung schnürte mir die Kehle zu. Hastig drehte ich mich um die eigene Achse und versuchte, meinen Standort einzuordnen. Ich stolperte, als ich mit dem Fuß einige Steine zur Seite trat und nach etwas suchte. Wenn das ein Spiegelbild von Cincinnati war, dann standen wir auf dem Fountain Square. Und wenn das der Fountain Square war, dann war hier zwischen der Straße und der Parkgarage ein Mordsding von Kreis auf dem Boden aufgezeichnet. Aber er war wirklich, wirklich riesig.

Mein Atem wurde schnel er, als mein Fuß eine angeschlagene, in den Boden eingelassene, purpurne Linie fand. Es ist dasselbe, es ist wirklich dasselbe. Trotz meiner Hektik fiel mir auf, dass AI den Boden fast erreicht hatte.

Schnel zapfte ich die Kraftlinie an. Sie durchfloss mich mit dem irritierenden Geschmack von Wolken und Alufolie.

Tulpa, dachte ich, verzweifelt bemüht, genügend Energie zu sammeln, um einen Kreis dieser Größe zu schließen, bevor AI verstand, was ich tat.

Ich versteifte mich, als ein rasender Energiestrom mich durchflutete. Ächzend fiel ich auf ein Knie. AI entgleiste das aristokratische Gesicht, und er richtete sich auf, als er meine Absicht in meinen Augen las. »Nein!«, schrie er und sprang nach vorne, als ich meine Hand ausstreckte, um den Kreis zu berühren und gleichzeitig mein Wort der Anrufung sprach.

Ich keuchte, als - mit einem Gefühl, als würde sich mein Innerstes nach außen ergießen - eine schimmernde Wel e durchsichtigen Goldes aus dem Boden aufstieg, Steine und Schutt durchfuhr und sich summend hoch über meinem Kopf schloss. Ich stolperte zurück und starrte mit offenem Mund in die Runde. Heilige Scheiße, ich habe den Fountain-Square-Schutzkreis geschlossen. Ich hatte einen Kreis mit zehn Meter Durchmesser errichtet, der darauf ausgerichtet war, von sieben Hexen geschlossen zu werden, nicht von einer. Obwohl eine es offensichtlich schaffen konnte, wenn sie nur motiviert genug war.

AI schlitterte und blieb mit rudernden Armen stehen, um nicht gegen den Kreis zu fal en. Ein leises, nachhal endes Läuten erhob sich in der dämmrigen Luft und kroch wie Staub über meine Haut. Meine Augen weiteten sich, und ich starrte fassungslos vor mich hin. Glocken. Große, tiefe, hal ende Glocken. Es gab wirklich Glocken, und mein Kreis brachte sie zum Läuten.

Adrenalin ließ meine Knie zittern, und sie läuteten wieder.

AI stand verärgert kaum einen Meter vom Kreis entfernt. Er hatte seinen Kopf schräg gelegt und seine dünnen Lippen zusammengepresst, während er dem dritten Läuten lauschte, das langsam verklang. Die Macht der Linie, die mich durchfloss, ließ nach und wurde zu einem sanften Summen.

Die Stil e der Nacht war erschreckend umfassend.

»Schöner Schutzkreis«, sagte AI schließlich und klang gleichzeitig beeindruckt, gequält und interessiert. »Du wirst dich bei Kraftwettbewerben gut machen.«

»Danke.« Ich zuckte zusammen, als er seinen Handschuh auszog und meinen Kreis berührte, sodass er kleine Wel en bildete. »Berühr ihn nicht!«, platzte ich heraus, und er lachte leise - und klopfte weiter. Er klopfte und suchte nach Schwachpunkten. Es war ein riesiger Kreis. Viel eicht würde er sogar etwas finden. Was hatte ich getan?

Ich steckte mir die Hände unter die Achseln, um sie zu wärmen, und schaute Lee an, der immer noch sicher in seinem Schutzkreis stand, sogar doppelt sicher, weil er auch in meinem war. »Wir können hier immer noch raus«, sagte ich mit zitternder Stimme. »Keiner von uns muss sein Vertrauter werden. Wenn wir -«

»Wie dumm bist du eigentlich?« Lee schob einen Fuß gegen seinen Kreis und brach ihn damit. »Ich wil dich loswerden. Ich wil mein Dämonenmal abzahlen. Warum, bei Gottes grüner Erde, sol te ich dich retten?«

Ich fühlte, wie der Wind mir die Wärme vom Körper stahl.

»Lee!«, schrie ich verzweifelt und drehte mich langsam, um AI im Blick zu behalten, der immer noch um meinen Schutzkreis schlich und ihn testete. »Wir müssen hier raus!«

Er rümpfte wegen des Geruchs von verbranntem Bernstein seine kleine Nase und lachte. »Nein. Ich werde dich zu Brei schlagen, und dann werde ich dich Algaliarept geben, und er wird meine Schuld für bezahlt erklären.« Dreist und selbstsicher schaute er zu AI, der damit aufgehört hatte, gegen meinen Kreis zu drücken und jetzt einen seligen Gesichtsausdrück zur Schau trug. »Ist das zufriedenstel end?«

In meinem Magen bildete sich ein schwerer Klumpen, als sich ein böses Lächeln auf Als Gesicht ausbreitete. Ein aufwändig gestalteter Teppich und ein kastanienbrauner Samtsessel aus dem achtzehnten Jahrhundert erschienen hinter ihm, und er machte es sich, immer noch lächelnd, darauf bequem. Die letzten Sonnenstrahlen erzeugten ein rotes Glühen auf den zerstörten Gebäuden um uns herum. AI schlug die Beine übereinander und sagte: »Stanley Col in Saladan, wir haben eine Abmachung. Gib mir Rachel Mariana Morgan, und ich werde deine Schuld für bezahlt erklären.«

Ich leckte meine Lippen, und in dem beißenden Wind wurden sie sofort kalt. Um uns herum hörte man leise, scharrende Geräusche, als Dinge näher kamen, gerufen von meinem Läuten der Stadtglocken und angelockt von den Versprechungen der Dunkelheit. Das leise Klicken von Steinen ließ mich herumwirbeln. Etwas war mit uns hier drin.

Lee lächelte, woraufhin ich mir die Hände an meinem geliehenen Kostüm abwischte und mich gerade hinstel te. Er hatte jedes Recht, selbstsicher zu sein - ich war eine Erdhexe, die ohne ihre Zauber gegen einen Kraftlinienmeister antrat -, aber er wusste nicht al es. AI wusste nicht al es. Zur Höl e, selbst ich wusste nicht al es, aber ich wusste etwas, das sie nicht wussten. Und wenn diese scheußliche rote Sonne hinter den Gebäuden untergegangen sein würde, wäre es nicht ich, die als Als Familiaris endete.

Ich wol te überleben. Im Moment war es mir völ ig egal, ob Lee an meiner Statt an AI zu geben richtig war oder falsch.

Später, wenn ich mich mit einer Tasse Kakao zusammenrol en und bei der Erinnerung an al das zittern konnte, war immer noch genug Zeit, um das zu entscheiden. Aber um zu gewinnen, musste ich erst verlieren. Das würde wirklich wehtun.

»Lee«, machte ich einen letzten Versuch. »Hol uns hier raus!« Gott, bitte, lass mich recht haben.

»Du bist so ein Mädchen«, sagte er und rückte seinen dreckverschmierten Anzug zurecht. »Immer heulen und auf Rettung warten.«

»Lee! Warte!«, schrie ich, als er drei Schritte nach vorne machte und einen Bal aus purpurnem Dunst auf mich schleuderte.

Ich warf mich zur Seite. Der Bal schoss auf Brusthöhe an mir vorbei und traf die Überreste des Brunnens. Mit einem Grol en brach ein Teil davon ab und fiel. Staub wirbelte auf, rot in der langsam aufziehenden Dunkelheit.

Als ich mich umdrehte, hielt Lee meine Visitenkarte in der Hand - die, die ich dem Rausschmeißer auf dem Boot gegeben hatte. Dreck. Er hat ein Bezugsobjekt. »Tu es nicht«, warnte ich. »Dir wird das Endergebnis nicht gefal en.«

Lee schüttelte den Kopf, und seine Lippen bewegten sich, als er etwas flüsterte. Dann hörte ich ein Wort, »Doleo«, und die Anrufung vibrierte in der Luft. Mit meiner Karte in der Hand machte er eine Geste.

Ich konnte das harsche Gurgeln gerade noch unterdrücken, bevor es zu hören war. Markerschütternde Schmerzen sorgten dafür, dass ich mich krümmte. Ich atmete weiter und stolperte, hielt mich aber auf den Füßen. Mir fiel nichts ein, was ich dem entgegensetzen konnte. Ich taumelte nach vorne und versuchte, mich von den Schmerzen zu befreien. Wenn ich ihn schlagen könnte, würde er viel eicht aufhören. Wenn ich an meine Karte herankam, konnte er mich nicht mehr so einfach treffen, sondern müsste seine Zauber werfen.

Ich pral te mit meinem ganzen Gewicht gegen Lee. Wir fielen, und Steine bohrten sich in meine Seite. Lee trat nach mir, und ich rol te herum, während AI mit seinen weiß gekleideten Händen leise applaudierte. Schmerz vernebelte meine Sinne; Denken war unmöglich. Il usion, sagte ich mir selbst. Es war ein Kraftlinienzauber. Nur Erdhexen konnten echte Schmerzen zufügen. Es ist eine Il usion. Keuchend zwang ich den Zauber durch bloßen Wil en von mir. Ich würde es nicht spüren.

Meine aufgeschlagene Schulter pulsierte, und der Schmerz erschien mir schlimmer als er wirklich war. Ich hielt mich an den echten Schmerzen fest und drängte die eingebildete Agonie zurück. Zusammengekauert sah ich Lee durch einen Vorhang von Haaren lauernd an. Mein dämlicher Haarknoten hatte sich inzwischen völ ig aufgelöst. »Inflex«, sagte Lee und grinste, als seine geschickten Finger den Zauber vol endeten.

Ich duckte mich, weil ich erwartete, dass irgendetwas geschehen würde. Aber nichts passierte.

»Oh, wirklich!«, rief AI von seinem Sessel aus. »Fantastisch.

Erstklassig!«

Ich tänzelte und bekämpfte den letzten Schatten des Schmerzes. Ich war wieder in der Linie. Ich konnte es fühlen.

Wenn ich nur gewusst hätte, wie man durch die Linien sprang, dann hätte ich das al es jetzt beenden können. Sim-salahim, dachte ich. Alakazam. Zur Höl e, ich würde sogar an meiner Nase drehen, wenn ich nur glauben würde, dass das funktioniert. Aber das tat es nicht.

Das Rascheln um mich herum wurde lauter. Sie wurden mutiger, jetzt, wo die Sonne sank. Hinter mir fiel ein Stein, und ich wirbelte herum. Mein Fuß rutschte weg. Ich schrie auf und fiel. Schmerzen durchzuckten mich, als mein Knöchel umknickte. Keuchend umklammerte ich ihn und fühlte, wie mir Tränen in die Augen stiegen.

»Bril ant!«, applaudierte AI. »Pech ist unheimlich schwierig.

Nimm den Zauber von ihr. Ich wil keinen Trampel in meiner Küche.«

Lee gestikulierte, und ein kurzer Wirbelwind, der nach verbranntem Bernstein roch, fuhr durch meine Haare. Meine Kehle wurde eng, als der Zauber verschwand. Mein Knöchel pochte,und die kalten Steine bissen auf der Haut. Er hatte mir Pech angehext? Hurensohn. .

Mit zusammengebissenen Zähnen griff ich nach einem Stein, um mich hochzuziehen. Ich hatte Ivy schon mit roher Jenseitsenergie beschossen, und ich brauchte kein Bezugsobjekt, wenn ich sie auf ihn schleuderte. Meine Wut wuchs, als ich mich auf die Beine zog und in meiner Erinnerung nach dem Wie grub. Bis jetzt hatte ich es immer instinktiv getan. Angst und Zorn halfen, und so verlagerte ich, als ich endlich auf den Beinen war, das Jenseits aus meinem Chi in meine Hände. Sie brannten, aber ich hielt fest und zog mehr Energie aus der Linie, bis sich meine Hände anfühlten als würden sie verglühen. Wutentbrannt presste ich die rohe Energie in meinen Händen zur Größe eines Basebal s zusammen. »Bastard«, flüsterte ich und stolperte, als ich die Kugel auf ihn losließ.

Lee warf sich zur Seite, und mein goldener Jenseitsbal traf meinen Schutzkreis. Meine Augen weiteten sich, als kribbelnde Wel en mich erschütterten und der Kreis zusammenbrach.

»Verflixt und zugenäht!«, schrie ich, weil ich nicht daran gedacht hatte, dass mein auraüberzogener Zauber den Schutzkreis zerstören würde. Entsetzt drehte ich mich zu AI um. Ich ging davon aus, dass ich, wenn ich den Kreis nicht schnel genug wieder errichten konnte, gegen beide kämpfen müsste. Aber AI saß immer noch da und starrte mit weit aufgerissenen Ziegenaugen über meine Schulter. Er schaute über seine Sonnenbril e hinweg, und sein Mund stand offen.

Ich wirbelte rechtzeitig wieder herum, um zu sehen, wie mein Zauber ein nahe stehendes Gebäude traf. Ein leises Bumm erschütterte den Boden. Ich schlug eine Hand vor den Mund, als ein Brocken von der Größe eines Busses abbrach und mit irrealer Langsamkeit fiel.

»Du blöde Hexe«, kreischte Lee. »Es kommt genau auf uns zu!«

Ich drehte mich um und rannte. Meine weit ausgestreckten Hände waren taub auf den frostüberzogenen Steinen, als ich über den Schutt kletterte. Die Erde bebte, und dichter Staub wirbelte auf. Ich stolperte und verlor das Gleichgewicht.

Keuchend und hustend stand ich wieder auf. Ich zitterte.

Meine Finger taten weh, und ich konnte sie nicht bewegen.

Ich drehte mich um und sah Lee auf der anderen Seite des niedergehenden Steinschlages. In seinen Augen standen Hass und ein Hauch von Angst.

Er sprach Latein. Hilflos fixierte ich die Karte in seinen Fingern und wartete. Er gestikulierte, und meine Karte ging in Flammen auf.

Es gab einen Blitz wie von Schießpulver. Ich schrie auf und wandte mich mit den Händen über den Augen ab. Das Kreischen der geringeren Dämonen erschütterte mich. Mein Gleichgewicht war dahin, und ich taumelte rückwärts. Rote Schlieren überzogen meine Sicht. Meine Augen waren offen, und Tränen liefen über mein Gesicht, aber ich konnte nichts sehen. Ich konnte nichts sehen!

Ich hörte das Geräusch von rutschenden Steinen und jaulte auf, als jemand mich ohrfeigte. Blind schlug ich um mich und fiel fast um, als meine Hand ins Leere schlug. Angst breitete sich in mir aus und schwächte mich. Ich konnte nichts sehen. Er hatte mir das Augenlicht genommen!

Eine Hand schubste mich, und ich fiel um. Ich holte mit dem Bein aus und fühlte, wie ich ihn erwischte und er zu Boden ging. »Miststück«, keuchte er, und ich kreischte, als er mir eine Handvol Haare ausriss und davonkrabbelte.

»Mehr!«, sagte AI gutgelaunt. »Gib dein Bestes!«, ermutigte er Lee.

»Lee!«, schrie ich. »Tu es nicht!« Das Rot vor meinen Augen lichtete sich nicht. Bitte, bitte lass es eine Il usion sein.

Dunkle, obszön klingende Worte kamen von Lee. Ich roch, dass eine meiner Haarsträhnen brannte.

Mein Herz zog sich in abruptem Zweifel zusammen. Ich würde es nicht schaffen. Er würde mich töten, oder zumindest fast. Es gab keinen Weg, um das hier zu gewinnen. Oh, Gott. . was hatte ich mir nur gedacht?

»Du hast sie mit Zweifel geschlagen«, hörte AI erstaunt in der al umfassenden Schwärze. »Das ist ein wirklich komplexer Zauber. Was noch? Kannst du wahrsagen?«

»Ich kann in die Vergangenheit schauen«, sagte Lee keuchend irgendwo in der Nähe.

»Oh!«, sagte AI schadenfroh. »Ich habe eine wundervol e Idee. Lass sie sich an den Tod ihres Vaters erinnern!«

»Nein. .«, flüsterte ich. »Lee, wenn du auch nur einen Hauch Mitgefühl in dir hast, bitte.«

Aber seine verhasste Stimme begann zu flüstern. Ich ächzte und fiel in mich zusammen, als emotionale Schmerzen durch die körperlichen drangen. Mein Dad. Mein Dad bei seinem letzten Atemzug. Das Gefühl seiner trockenen Hand, aus der jede Kraft verschwunden war, in meiner. Ich war bei ihm geblieben und für nichts auf der Welt gegangen. Ich war da, als er aufhörte zu atmen. Ich war da, als seine Seele befreit wurde und mich zurückließ, um meine eigenen Kämpfe auszufechten, viel zu früh. Es hatte mich stark gemacht, aber es hatte mich gleichzeitig auch beschädigt.

»Dad«, schluchzte ich, und meine Brust tat weh. Er hatte versucht zu bleiben, aber er konnte nicht. Er hatte versucht zu lächeln, aber es war gebrochen. »Oh, Dad«, flüsterte ich, leiser, als die Tränen frei flössen. Ich hatte versucht, ihn bei mir zurückzuhalten, aber es war mir nicht gelungen.

Schwarze Depression stieg aus meinen Gedanken auf und zog mich in mich selbst hinein. Er hatte mich verlassen. Ich war al ein. Er war fort. Niemand hatte jemals auch nur versuchen können, diese Leere zu fül en. Niemandem würde es je gelingen.

Schluchzend durchlebte ich die traurige Erinnerung an den Moment, als ich verstanden hatte, dass er fort war. Es war nicht, als sie mich im Krankenhaus von ihm wegzogen, sondern zwei Wochen später, als ich den Schulrekord über achthundert Meter gebrochen hatte und zur Tribüne schaute, um sein stolzes Lächeln zu sehen. Er war nicht da gewesen.

Und in diesem Moment hatte ich gewusst, dass er tot war.

»Bril ant«, flüsterte AI; seine kultivierte Stimme erklang direkt neben mir.

Ich unternahm nichts, als behandschuhte Finger sich unter mein Kinn schoben und meinen Kopf anhoben. Ich konnte ihn nicht sehen, als ich blinzelte, aber ich spürte die Wärme seiner Hand. »Du hast sie völ ig gebrochen«, stel te AI bewundernd fest.

Lee atmete schwer. Offensichtlich hatte es ihn eine Menge gekostet. Ich konnte nicht aufhören zu weinen, und die Tränen flössen über meine Wangen, kalt in dem Wind. AI ließ mein Kinn los, und ich rol te mich im Schutt zu seinen Füßen zu einem Bal zusammen. Es war mir egal, was als nächstes passierte. Oh Gott, mein Dad.

»Sie gehört dir«, sagte Lee. »Nimm dein Mal von mir.«

Ich fühlte, wie AI die Arme um mich schlang und mich hochhob. Ich konnte nicht anders als mich an ihn zu schmiegen. Mir war so kalt, und er roch nach Old Spiee.

Obwohl ich wusste, dass es Als verdrehte Grausamkeit war, klammerte ich mich an ihn und schluchzte. Ich vermisste ihn.

Gott, ich vermisste ihn. »Rachel«, hörte ich die Stimme meines Dads in meiner Erinnerung und weinte noch heftiger.

»Rachel«, hörte ich ihn wieder. »Ist nichts übrig?«

»Nichts«, sagte ich wimmernd.

»Bist du sicher?«, fragte mein Dad sanft. »Du hast so hart gekämpft, meine kleine Hexe. Du hast ihn wirklich mit al em gekämpft, was du hast, und hast verloren?«

»Ich habe versagt«, sagte ich durch meine Schluchzer. »Ich wil nach Hause.«

»Shhhh«, beruhigte er mich, und seine Hand lag in der Dunkelheit kühl auf meiner Haut. »Ich bringe dich nach Hause und ins Bett.«

Ich fühlte, wie AI sich bewegte. Ich war gebrochen, aber ich war noch nicht fertig. Mein Geist rebel ierte und wol te noch tiefer ins Nichts sinken, aber mein Wil e überlebte. Es war entweder Lee oder ich, und ich wol te meine Tasse Kakao auf Ivys Sofa und ein Buch zum Thema Vernunft.

»AI«, flüsterte ich. »Lee sol te tot sein.« Plötzlich fiel mir das Atmen nicht mehr so schwer. Die Erinnerungen an den Tod meines Vaters glitten zurück in versteckte Winkel meines Gehirns. Sie waren dort so lange begraben gewesen, dass sie ihren Platz leicht wiederfanden. Eine nach der anderen verschwand, um nur in langen, einsamen Nächten hervorgeholt zu werden.

»Ruhig, Rachel«, sagte AI. »Ich sehe, was du vorhattest, als du dich von Lee hast schlagen lassen, aber du kannst Dämonenmagie vol ständig entzünden. Es gab noch nie eine Hexe, die das konnte.« Er lachte, und sein Entzücken entsetzte mich. »Und du gehörst mir. Nicht Newt, niemand anderem außer mir.«

»Was ist mit meinem Dämonenmal?«, protestierte Lee einige Schritte hinter uns, und ich wol te für ihn weinen. Er war so was von tot, und er wusste es noch nicht.

»Lee kann es«, flüsterte ich. Ich konnte den Himmel sehen.

Ich blinzelte heftig und sah die dunkle Silhouette von AI, der mich trug, vor den roten Wolken. Erleichterung durchfuhr mich und verdrängte die letzten Zweifel. Ein kleiner Hoffnungsschimmer breitete sich in mir aus. Il usions-Kraftlinienzauber wirkten nur für kurze Zeit, außer man ließ sie für Beständigkeit in Silber aus. »Schmeck ihn«, sagte ich. »Koste sein Blut. Trents Vater hat auch ihn geheilt. Er kann auch Dämonenmagie entzünden.«

AI blieb abrupt stehen. »Dreimal gesegnet - es gibt zwei von euch?«

Ich schrie auf, als er mich fal en ließ und meine Hüfte auf einen Stein knal te.

Hinter mir hörte ich Lees schockierten Aufschrei. Ich drehte mich um, schielte über den Schutt und rieb mir die Augen, um zu sehen, wie AI einen spitzen Fingernagel über Lees Arm zog. Blut drang hervor, und mir wurde übel. »Es tut mir leid, Lee«, flüsterte ich und umschlang meine Knie. »Es tut mir so leid.«

AI gab ein grol endes, befriedigtes Geräusch von sich. »Sie hat recht«, erklärte er, als er seinen Finger von den Lippen nahm. »Und du bist besser in Kraftlinienmagie als sie. Ich nehme dich statt ihr.«

»Nein!«, schrie Lee, und AI riss ihn näher zu sich heran.

»Du wol test sie! Ich habe sie dir gegeben!«

»Du hast sie mir gegeben, ich habe dein Dämonenmal zurückgenommen, und jetzt nehme ich dich. Ihr beide könnt Dämonenmagie entzünden«, erwiderte AI. »Ich könnte Dekaden damit verbringen, mit einem dürren, pflegebedürftigen Vertrauten wie ihr zu kämpfen und es würde mir trotzdem nicht gelingen, ihr die Zauber ins Hirn zu pressen, die du bereits kennst. Hast du je versucht, einen Dämonenfluch zu winden?«

»Nein«, jammerte Lee und versuchte, sich freizukämpfen.

»Das kann ich nicht!«

»Du wirst es lernen. Hier«, der Dämon ließ Lee auf den Boden fal en, »halt das für mich.«

Ich hielt mir die Ohren zu und rol te mich zusammen, als Lee wieder und wieder schrie. Es war ein hoher, roher Ton, der sich in meinem Kopf festsetzte wie ein Albtraum. Ich fühlte mich, als müsste ich mich jeden Moment übergeben.

Ich hatte Lee an AI ausgeliefert, um mein Leben zu retten.

Auch bei dem Gedanken, dass Lee dasselbe mit mir versucht hatte, fühlte ich mich nicht besser.

»Lee«, schluchzte ich und Tränen fielen aus meinen Augen.

»Es tut mir leid. Gott, es tut mir leid.«

Lees Schrei brach ab, als er in Ohnmacht fiel. AI lächelte und drehte sich auf dem Absatz zu mir um. »Danke, Liebes.

Ich mag es nicht, an der Oberfläche zu sein, wenn es dunkel wird. Aber ich wünsche dir al es Gute.«

Ich riss die Augen auf. »Ich weiß nicht, wie ich nach Hause kommen sol !«, rief ich.

»Nicht mein Problem. Ciao.«

Ich setzte mich auf, durchgefroren, weil die Kälte der Steine, auf denen ich saß, in mich einzudringen schien. Lee kam mit einem scheußlichen, schnatternden Geräusch wieder zu Bewusstsein. AI klemmte ihn sich unter einen Arm, nickte mir zu und verschwand.

Ein Stein rol te vor meine Füße. Ich blinzelte und rieb mir noch einmal die Augen, nur um mir damit Staub und Splitter hineinzuschmieren. »Die Kraftlinie«, flüsterte ich und erinnerte mich. Viel eicht, wenn ich in die Linie kam. Lee war von außerhalb in die Linie gesprungen, aber viel eicht musste ich erst lernen zu gehen, bevor ich laufen konnte.

Eine Bewegung am Rand meines Gesichtsfeldes erregte meine Aufmerksamkeit. Mit klopfendem Herzen wandte ich den Kopf, sah aber nichts. Ich zog mich auf die Beine und keuchte, als glühende Messer in meinen Knöchel stießen und mir den Atem nahmen. Ich rutschte zurück auf den Boden.

Mit zusammengebissenen Zähnen beschloss ich, einfach zu kriechen.

Ich streckte die Hand aus und sah, dass Mrs. Avers Geschäftskostüm überzogen war mit Staub und Frost, den es von den umgebenden Steinen aufgenommen hatte. Ich griff nach einem Felsen und zog mich nach vorne, bis es mir gelang, mich in eine sitzende Position zu bringen. Mein Körper zitterte vor Kälte und abschwel endem Adrenalin. Die Sonne war fast verschwunden. Das Geräusch der rutschenden Steine trieb mich vorwärts. Es kam näher.

Ein sanftes Ploppen ließ mich den Kopf heben. Um mich herum rieselten überal Kiesel und größere Steine herab, als die geringeren Dämonen sich versteckten. Plötzlich sah ich durch den Vorhang meiner Haare ein kleines Wesen in dunklem Purpur vor mir sitzen. Über seinem Schoß lag ein Stab, der so lang war wie ich groß. Eine Robe umgab es.

Nicht so was wie ein Bademantel, sondern eine Mischung aus einem klassischen Kimono und etwas, das ein Wüstenscheich tragen würde - wogend und mit der Geschmeidigkeit von Leinen. Ein niedriger runder Hut mit gerader Krempe saß auf seinem Kopf. Ich kniff im nachlassenden Licht die Augen zusammen und entschied, dass zwischen dem Hut und dem Kopf ungefähr drei Zentimeter Luft waren. Was jetzt?

»Wer zur Höl e bist du?«, fragte ich und zog mich noch einen Schritt nach vorne, »und wirst du mich statt AI nach Hause bringen?«

»Wer zur Höl e bist du?«, wiederholte das Wesen, und seine Stimme war gleichzeitig sanft und rau. »Ja. Das passt.«

Es schlug mich nicht mit dem geschnitzten schwarzen Stab, schoss auch keine Zauber auf mich ab oder zog auch nur eine Grimasse, also ignorierte ich es und zog mich noch ein Stück weiter. Ich hörte das Rascheln von Papier und steckte verwundert Davids gefaltetes Dokument in meinen Rockbund. Yeah, das wil er wahrscheinlich zurückhaben.

»Ich bin Newt«, sagte das Wesen, anscheinend enttäuscht.

Ich ignorierte ihn. Er hatte einen hörbaren Akzent, den ich aber nicht einordnen konnte. Er sprach seine Vokale seltsam aus. »Und nein, ich bringe dich nicht nach Hause. Ich habe schon einen Dämonenvertrauten. Algaliarept hat recht.

Momentan bist du quasi wertlos.«

Ein Dämon als Vertrauter? Oooh, das musste tol sein.

Grunzend zog ich mich weiter. Meine Rippen taten weh, und ich presste eine Hand dagegen. Schwer atmend sah ich auf. Ein glattes Gesicht, nicht jung, nicht alt, irgendwie. . gar nichts. .

»Ceri hat Angst vor dir.«

»Ich weiß. Sie ist sehr scharfsinnig. Geht es ihr gut?«

Angst durchfuhr mich. »Lass sie in Ruhe«, sagte ich und zuckte zurück, als das Wesen mir die Haare aus den Augen strich. Seine Berührung schien in mich einzusinken, obwohl ich seine Fingerspitzen deutlich auf meiner Stirn fühlen konnte. Ich starrte in die schwarzen Augen, als es mich musterte, gelassen und neugierig.

»Dein Haar sol te rot sein«, sagte Newt; er roch nach zertretenem Löwenzahn. »Und deine Augen sind grün wie die meiner Schwestern, nicht braun.«

»Schwestern?«, schnaufte ich und überlegte, ob ich ihm für ein Schmerzamulett meine Seele überlassen sol te. Gott, mein ganzer Körper tat weh, innen und außen. Ich hockte mich außerhalb seiner Reichweite hin. Newt hatte eine unheimliche Grazie, und ich war mir nicht ganz sicher, ob er männlich oder weiblich war. Seine Kleidung gab mir keinen Anhaltspunkt. Um seinen Hals lag eine Kette aus schwarzem Gold - und auch hier war das Design weder männlich noch weiblich. Mein Blick wanderte zu seinen nackten Füßen, die über dem Schutt schwebten. Sie waren lang und schmal, aber ein wenig hässlich. Männlich? »Bist du ein Junge oder ein Mädchen?«, fragte ich schließlich, weil ich mir einfach nicht sicher war.

Newt zog die Brauen zusammen. »Macht das einen Unterschied?«

Meine Muskeln zitterten, als ich eine Hand an den Mund hob und einen Kratzer ablutschte, den ich mir an einem scharfen Stein geholt hatte. »Es gibt einige Wetten, ob oder nicht du lernen wirst, durch die Linien zu reisen, bevor die Sonne ganz untergeht. Ich bin hier, damit niemand betrügt.«

Adrenalin schoss in meinen Körper und ließ meinen Kopf klar werden. »Was passiert, wenn die Sonne untergeht?«

»Jeder kann dich haben.«

Ein Stein kul erte von einem nahen Haufen herab, und ich begann mich wieder vorwärtszubewegen.

»Aber du wil st mich nicht.«

Er - oder sie - schüttelte den Kopf und schwebte rückwärts. »Viel eicht, wenn du mir verrätst, warum AI die andere Hexe genommen hat, statt deiner. Ich. . erinnere mich nicht.«

Newts Stimme klang besorgt und brachte mich ins Grübeln. Viel eicht zu viel Jenseits unter der Schädeldecke?

Ich hatte keine Zeit, mich mit einem verrückten Dämon herumzuschlagen, egal, wie mächtig er war. »Lies die Zeitung, ich habe zu tun«, sagte ich und zog mich wieder ein Stück vorwärts.

Ich fiel fast, als einen halben Meter vor mir ein Steinbrocken von der Größe eines Autos einschlug. Ich starrte ihn an, dann Newt, der betont unschuldig und liebenswert lächelte, während er seinen Griff um den Stab veränderte. Mein Kopf tat weh. Okay, viel eicht hatte ich ein bisschen Zeit. »Ahm, Lee kann Dämonenmagie entzünden«, sagte ich und sah keinen Grund, ihm zu sagen, dass ich das auch konnte.

Newts schwarze Augen weiteten sich. »Schon?«, sagte er

-sie? -, und dann verdüsterte sich sein Gesicht. Es war anscheinend nicht wütend auf mich, sondern auf sich selbst.

Ich wartete darauf, dass der Findling sich bewegte. Er tat es nicht. Also holte ich tief Luft und machte mich daran, um Newt herumzukriechen, da der Dämon anscheinend vergessen hatte, dass es mich gab. Das Gefühl von Gefahr, das von dem kleinen Dämon ausging, wurde stärker. Es baute sich auf und ließ meinen Magen verkrampfen und meine Haut kribbeln. Ich bekam langsam das untrügliche Gefühl, dass ich nur noch lebte, weil der Dämon neugierig war.

Ich schob mich vorwärts, in der Hoffnung, dass Newt mich vergessen würde, und versuchte, den Schmerz in meinem Knöchel zu ignorieren. Ich rutschte aus und keuchte, als mein Unterarm gegen einen Stein schlug und neue Schmerzen durch meinen Körper jagte. Der Felsen war direkt vor mir. Ich sammelte mich und schob die Knie unter den Körper. Mein Knöchel brannte, als ich auf die Füße kam und mich Halt suchend an dem Felsen festklammerte.

Ich fühlte einen Lufthauch, und schon war Newt neben mir.

»Wil st du ewig leben?«

Die Frage ließ mich erschauern. Verdammt, Newt wurde interessierter, nicht desinteressierter. »Nein«, flüsterte ich.

Mit ausgestreckten Händen entfernte ich mich von dem Findling.

»Ich wol te es auch nicht, bis ich es probiert habe.« Der Rotholz-Stab klapperte auf den Boden, als Newt sich bewegte, um mit mir auf einer Höhe zu bleiben. Seine schwarzen Augen waren auf eine unheimliche Art lebendiger als al es, was ich je gesehen hatte. Ich bekam Gänsehaut.

Etwas war mit Newt nicht in Ordnung - wirklich nicht in Ordnung. Ich konnte meinen Finger nicht drauflegen, bis mir auffiel, dass ich in dem Moment, wo ich Newt nicht ansah, vergaß, wie er aussah. Außer diesen Augen.

»Ich weiß etwas, das Algaliarept nicht weiß«, sagte Newt.

»Jetzt erinnere ich mich. Du magst Geheimnisse. Du bist auch gut darin, sie zu bewahren. Ich weiß al es über dich. Du hast Angst vor dir selbst.«

Ich biss die Zähne zusammen, als mein Fuß auf einem Stein ausrutschte und mein Knöchel einen Stich durch mein Bein jagte. Die Kraftlinie war direkt vor mir. Ich konnte sie fühlen. Die Sonne war hinter den Horizont gesunken und schon halb verschwunden. Es dauerte sieben Minuten, bis sie ganz versunken war, wenn sie einmal den Horizont berührt hatte. Dreieinhalb Minuten. Ich konnte hören, wie die geringeren Dämonen den Atem anhielten. Gott, hilf mir, einen Weg hier rauszufinden.

»Du sol test auch Angst vor dir haben«, sagte Newt. »Wil st du wissen, warum?«

Ich riss den Kopf hoch. Newt war zu Tode gelangweilt und suchte nach einem Weg, sich zu amüsieren. Ich wol te nicht interessant sein. »Nein«, flüsterte ich, noch verängstigter.

Ein bösartiges Lächeln glitt über Newts Gesicht, und er zeigte schnel er wechselnde Gefühle als ein Vamp auf Brimstone. »Ich glaube, ich werde Algaliarept einen Witz erzählen. Und wenn er damit fertig ist aus Wut über das, was er verloren hat, diese Hexe zu zerreißen, tausche ich das Mal ein, das du ihm schuldest, und mache es zu meinem.«

Ich begann am ganzen Körper zu zittern und war unfähig, es zu stoppen. »Das kannst du nicht tun.«

»Kann ich. Tue ich viel eicht.« Newt wirbelte träge seinen Stab herum und traf einen Stein, der in die Dunkelheit davonflog. »Und dann habe ich zwei, weil es dir nicht gelingen wird herauszufinden, wie man durch die Linien springt und du dir deinen Trip zurück erkaufen musst. Von mir.«

Hinter den Steinen erklang ein wütendes Schreien, das schnel wieder verstummte.

»Du wil st überleben«, resümierte Newt, und seine Stimme klang, als sei sie mit Teer verschmiert. »Du wirst al es dafür tun. Al es.«

»Nein«, flüsterte ich, entsetzt, weil Newt recht hatte. »Ich habe gesehen, wie Lee es getan hat. Ich kann es auch.«

Newts schwarze Augen glitzerten, als er seinen Stab auf den Boden stel te. »Du wirst es nicht herausfinden. Du wirst nicht glauben; noch nicht. Du musst einen Deal aushandeln. .

mit mir.«

Verängstigt wankte ich weiter. Mit dem nächsten Schritt, den ich tat, war ich in der Linie. Ich fühlte sie als wäre sie eine warme, sanfte Strömung, die mich erfül te. Fast keuchend blieb ich stehen und fühlte, wie sich die Augen um mich herum gierig und wütend verengten. Ich hatte Schmerzen.

Ich musste hier raus. Die Macht der Linie durchfloss mich, friedlich und beruhigend. Nirgendwo ist es so schön wie zu Hause.

Newts Miene war spöttisch und seine lichtlosen Augen waren hasserfül t. »Du kannst es nicht.«

»Ich kann«, widersprach ich, und meine Sicht verdunkelte sich, als ich fast in Ohnmacht fiel. Aus den tiefsten Schatten glitzerten grüne Augen hervor. Nah dran. Sehr nah dran. Die Macht der Linie summte in mir. Nirgendwo ist es so schön wie zu Hause. Nirgendwo ist es so schön wie zu Hause. Nirgendwo ist es so schön wie zuhause, dachte ich verzweifelt, zog die Energie in mich und speicherte sie in meinem Kopf. Ich war mit Lee durch die Linien gesprungen. Ich hatte gesehen, wie er es gemacht hatte. Al es, was er gebraucht hatte, war ein Gedanke daran, wo er hinwol te. Ich wol te zu Hause sein.

Warum funktionierte es nicht?

Meine Knie wurden weich, als die erste dunkle Form hervorkroch, um langsam und zögernd aufzustehen. Sie war so dürr, dass es surreal war. Newt schaute sie an und drehte sich dann mit einer hochgezogenen Augenbraue zu mir um.

»Ein Gefal en, und ich schicke dich zurück.«

Oh Gott. Nicht noch einer. »Lass mich in Frieden!«, schrie ich. Die rauen Kanten eines Steins schnitten in meine Finger, als ich ihn nach der dürren Gestalt warf und dabei fast umfiel. Ich gab ein Keuchen von mir, das fast wie ein Schluchzen klang, während ich mich mit Mühe auf den Beinen hielt. Der geringere Dämon duckte sich und richtete sich dann wieder auf. Drei neue Augenpaare glühten hinter ihm.

Ich zuckte zusammen, als Newt plötzlich direkt vor mir war.

Das Tageslicht war verschwunden. Schwarze Augen bohrten sich in mich, tauchten in meine Seele und belagerten mich, bis meine Furcht an die Oberfläche drang.

»Du kannst es nicht. Du hast keine Zeit es zu lernen«, sagte Newt, und ich erschauerte. Ich sah Macht, roh und wirbelnd. Newts Seele war so schwarz, dass sie fast unsichtbar war. Ich konnte seine Aura fühlen, die gegen mein Innerstes drückte und durch die Kraft von Newts Wil en langsam in meine eindrang. Ich war nichts. Mein Wil e war nichts.

»Schulde mir etwas oder stirb in diesem armseligen Haufen zerbrochener Versprechen«, sagte Newt. »Aber ich kann dich nicht durch die Kraftlinien schicken mit dieser dünnen Rettungsleine namens Zuhause. Zuhause ist nicht genug. Denk an Ivy. Du liebst sie mehr als diese verdammte Kirche«, riet er mir, und seine Ehrlichkeit verletzte mich mehr als jeder körperliche Schmerz.

Die Schatten schrien mit wütenden, hohen Stimmen und sprangen vorwärts.

»Ivy!«, schrie ich, akzeptierte die Abmachung und wünschte mich zu ihr: der Geruch von Schweiß, wenn wir unsere Übungskämpfe ausfochten; der Geschmack ihrer Brimstone-Cookies; das Geräusch ihrer Schritte; wie sie die Augenbrauen hob, wenn sie versuchte, nicht zu lachen.

Ich schreckte zurück, als Newts schwarze Gegenwart plötzlich in meinem Kopf war. Wie viele Fehler kann ein Leben überstehen?, erklang es kristal klar in meinem Kopf, aber wessen Gedanke es war, wusste ich nicht.

Newt presste die Luft aus meinen Lungen, und mein Geist zerbrach. Ich war überal und nirgendwo. Das perfekte Chaos der Linie raste durch mich hindurch und ließ mich in jeder Linie des Kontinents gleichzeitig existieren. Ivy!, dachte ich wieder und verfiel in Panik, bis ich mich an sie erinnerte und mich an ihrem unbeugsamen Wil en und der Tragödie ihres Verlangens festhielt. Ivy. Ich wil zu Ivy.

Mit einem wilden, eifersüchtigen Gedanken setzte Newt meine Seele wieder zusammen. Keuchend hielt ich mir die Ohren zu, als ein lautes Ploppen mich erschütterte. Ich fiel nach vorne, und meine El bogen und Knie knal ten auf grauen Zement. Leute schrien, und ich hörte das Bersten von Metal . Papier wirbelte auf, und jemand schrie, dass man die LS. rufen sol te. -

»Rachel!« Ivys Stimme.

Ich blinzelte durch den Vorhang meiner Haare und sah, dass ich in etwas lag, das aussah wie ein Krankenhausflur. Ivy saß auf einem orangefarbenen Plastikstuhl. Ihre Augen waren rot und ihre Wangen fleckig. Erschüttert starrte sie mich an. Neben ihr saß David, dreckig und zerzaust. Kistens Blut klebte an seinen Händen und seiner Brust. Ein Telefon klingelte, ohne dass jemand dranging.

»Hi«, sagte ich schwach, und meine Arme begannen zu zittern. »Ahm, könnte einer von euch mich viel eicht hier aufnehmen lassen? Ich fühle mich nicht so gut.«

Ivy stand auf und streckte den Arm aus. Ich fiel nach vorne.

Meine Wange schlug auf den Boden. Das Letzte, woran ich mich erinnerte, war die Berührung ihrer Hand an meiner.

33

»Ich komme!« Ich beschleunigte meine Schritte, während ich durch den dunklen Altarraum auf die Tür zuging. Meine dicken Stiefel ließen mich trampeln und verteilten bei jedem Schritt kleine Schneehaufen auf dem Boden. Die riesige Essensglocke, die uns als Türklingel diente, erklang wieder, und ich wurde noch schnel er. »Ich komme. Nicht noch mal klingeln, oder die Nachbarn rufen die LS., in Gottes Namen.«

Das letzte Läuten klang noch im Raum nach, als ich die Hand nach der Klinke ausstreckte. Meine Nase war kalt, und meine Finger waren steif gefroren, weil die beheizte Luft in der Kirche noch nicht genug Zeit gehabt hatte, sie aufzuwärmen. »David!«, rief ich, als ich ihn auf dem sanft erleuchteten Treppenabsatz entdeckte.

»Hi, Rachel.« Mit seiner Bril e, dem langen Mantel, dem Dreitagebart und seinem Cowboyhut, auf dem Schnee lag, sah er auf eine angenehme Art attraktiv aus. Die Weinflasche in seiner Hand half auch dabei. Neben ihm stand ein älterer Mann in Jeans und Lederjacke. Er war größer als David, und ich beäugte fragend seine zwar etwas faltige, aber immer noch fitte Erscheinung. Eine schneeweiße Haarsträhne schaute unter seinem Hut hervor. In seiner Hand hielt er einen Zweig, ohne Frage eine symbolische Gabe für das Sonnwendfeuer hinter der Kirche, und mir ging auf, dass er eine Hexe war. Davids alter Partner?, dachte ich. Hinter ihnen stand eine Limo am Straßenrand, aber ich ging davon aus, dass sie in dem blauen Viertürer gekommen waren, der davorstand.

»Rachel«, sagte David noch einmal und zog meinen Blick damit wieder auf sich. »Das ist Howard, mein alter Partner.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Howard«, sagte ich und streckte die Hand aus.

»Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite.« Lächelnd zog er sich einen Handschuh aus, um mir seine mit kleinen Falten und Sommersprossen übersäte Hand zu reichen. »David hat mir al es von Ihnen erzählt, und ich habe mich selbst eingeladen. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus.«

»Überhaupt nicht«, sagte ich ernsthaft. »Je mehr, desto besser.«

Howard hob und senkte meine Hand dreimal, bevor er sie losließ. »Ich musste einfach kommen«, sagte er, und seine grünen Augen blitzten. »Die Chance, die Frau zu treffen, die schnel er läuft als David und sich mit seinem Arbeitsstil abfinden kann, hat man nicht al zu oft. Das mit Saladan habt ihr zwei gut gemacht.«

Seine Stimme war tiefer als ich erwartet hatte, und das Gefühl, das ich gerade abgeschätzt wurde, verstärkte sich.

»Danke«, sagte ich, ein wenig verlegen. Ich trat einladend einen Schritt von der Tür zurück. »Wir sind al e hinten beim Feuer. Kommt rein. Es ist einfacher durch die Kirche zu gehen als hintenrum durch den Garten zu stolpern.«

Howard glitt mit einem Hauch von Rotholzduft in die Kirche, während David noch den Schnee von seinen Stiefeln stampfte. Er zögerte und schaute auf das neue Schild über der Tür. »Nett«, sagte er. »Gerade erst gekriegt?«

»Yeah.« Meine leise Anspannung ließ nach, und ich lehnte mich nach draußen, um es anzuschauen. Die tief gravierte Bronzeplatte war über der Tür an der Fassade der Kirche befestigt. Sie war beleuchtet, und die einzelne Glühbirne erhel te die Türschwel e mit einem sanften Licht. »Es ist ein Sonnwendgeschenk für Ivy und Jenks.«

David gab ein anerkennendes Geräusch von sich, in dem Verständnis mitschwang. Ich schaute wieder auf das Schild.

VAMPIRISCHE HEXENKUNST; TAMWOOD, JENKS UND MORGAN GMBH. Ich liebte es, und es hatte mir überhaupt nichts ausgemacht, mehr zu zahlen, um es zu einem Eilauftrag zu machen. Ivy hatte ihre Augen weit aufgerissen, als ich sie am Nachmittag auf die Türschwel e gezerrt hatte, damit sie es sich anschauen konnte. Ich hatte gedacht, sie würde anfangen zu weinen. Also hatte ich sie sofort umarmt, einfach da oben auf der Treppe, weil es offensichtlich war, dass sie es tun wol te, aber Angst hatte, dass ich es falsch auffassen könnte.

Sie war meine Freundin, verdammt noch mal. Ich konnte sie umarmen, wenn ich wol te.

»Ich hoffe, dass das die Gerüchte über meinen Tod stoppt«, sagte ich und führte ihn in die Kirche. »Die Zeitung war wirklich schnel damit, meine Todesanzeige abzudrucken, aber weil ich kein Vampir bin, kann ich nichts in die

»Wiederauferstanden«-Rubrik einstel en, außer ich zahle dafür.«

»Das stel e man sich mal vor«, sagte David. Ich konnte das Lachen in seiner Stimme hören und warf ihm einen trockenen Blick zu, als er noch ein letztes Mal seine Stiefel abstampfte und hereinkam. »Sie sehen gut aus für eine tote Hexe.«

»Danke.«

»Ihr Haar ist fast wieder normal. Wie steht's um den Rest?«

Ich schloss die Tür und war von dem besorgten Ton in seiner Stimme geschmeichelt. Howard stand in der Mitte des Altarraums, und sein Blick wanderte über Ivys Flügel und meinen Schreibtisch. »Mir geht's halbwegs. Meine Ausdauer ist dahin, kommt aber langsam wieder. Meine Haare al erdings. .« Ich schob mir eine braun-rote Strähne hinters Ohr, unter die weiche Strickmütze, die meine Mutter mir am Nachmittag geschenkt hatte. »Auf der Packung stand, dass es sich auswäscht, nach spätestens fünfmal Waschen«, sagte ich säuerlich. »Ich warte noch.«

Ein bisschen gereizt, da ich wieder an meine Haare erinnert worden war, ging ich voraus in die Küche, und die zwei Männer folgten mir. Tatsächlich war mein Haar die kleinste meiner Sorgen. Gestern hatte ich eine Narbe mit dem inzwischen vertrauten Kreis mit Strichmuster auf meinem Fußrücken gefunden; Newts Anspruch auf einen Gefal en. Damit hatte ich Schulden bei zwei Dämonen, aber ich war am Leben. Ich war am Leben und niemandes Vertrauter. Und das Mal an dieser Stel e zu finden war immer noch besser, als mit einem großen N-förmigen Tattoo auf der Stirn aufzuwachen.

David zögerte, als er die Tel er vol er Köstlichkeiten sah, die auf dem Tisch standen. Ivys Arbeitssachen waren zu einem kleinen Haufen zusammengeschoben worden, und der Rest war vol mit Cookies, Fudge, kaltem Büffet und Crackern.

»Nehmen Sie sich«, sagte ich und beschloss, mich nicht über Dinge aufzuregen, an denen ich momentan sowieso nichts ändern konnte. »Wol en Sie Ihren Wein in die Mikrowel e stel en, bevor wir rausgehen?«, fragte ich und steckte mir eine Scheibe Salami in den Mund. »Ich habe einen Krug, in dem wir ihn aufwärmen können.« Ich hätte auch meinen neuen Zauber verwenden können, aber er war nicht zuverlässig, und ich hatte es satt, mir die Zunge zu verbrennen.

Das Klirren der Weinflasche war laut. »Sie trinken ihn warm?«, fragte David leicht angewidert, und starrte zweifelnd auf die Mikrowel e.

»Ivy und Kisten schon.« Als ich sah, wie der Werwolf zögerte, rührte ich den Topf mit gewürztem Cider, der auf dem Herd stand, einmal um. »Wir können die Hälfte aufwärmen und die andere Hälfte in einen Schneehaufen stecken, wenn Sie wol en«, fügte ich hinzu.

»Okay«, gab David sich geschlagen, und seine kurzen Finger popelten an dem folienüberzogenen Flaschenhals herum.

Howard begann damit sich einen Tel er zu fül en, zuckte aber kurz zusammen, als David ihn scharf anschaute.

»Mmmmm!«, sagte die ältere Hexe abrupt. »Ist es okay, wenn ich nach draußen gehe und mich vorstel e?« Er wedelte erklärend mit dem Zweig, den er zwischen seiner Hand und dem Styroportel er eingeklemmt hatte. »Ich war schon wirklich lange nicht mehr bei einem Sonnwendfeuer.«

Ich lächelte. »Gehen Sie nur raus. Die Tür geht vom Wohnzimmer ab.«

David und Howard tauschten noch einen Blick, dann machte sich die Hexe auf den Weg. Ich hörte im Hintergrund, wie sich Stimmen zur Begrüßung hoben, als er die Tür öffnete. David atmete langsam aus. Irgendwas war los, und es wurde noch deutlicher, als er mich plötzlich duzte.

»Rachel«, sagte er. »Ich habe ein Dokument, das du unterschreiben musst.«

Mein Lächeln gefror. »Was habe ich gemacht?«, brach es aus mir heraus. »Ist es, weil ich Lees Auto kaputt gemacht habe?«

»Nein«, sagte er, und mir wurde eng um die Brust, als er den Blick senkte. Oh Gott. Es muss schlimm sein.

»Was ist es?« Ich legte den Löffel in die Spüle, drehte mich um und umklammerte meine El bogen.

David öffnete seinen Mantel und zog ein zweimal gefaltetes Papier heraus. »Du musst es nicht unterschreiben, wenn du nicht wil st«, sagte er und warf mir unter seinem Cowboyhut hervor einen unsicheren Blick zu. »Ich werde nicht beleidigt sein. Wirklich. Du kannst Nein sagen. Es ist okay.«

Mir wurde kalt, dann heiß, als ich die einfach formulierte Erklärung las und ihm verwundert in die nervös drein-blickenden Augen sah.

»Du wil st, dass ich ein Mitglied deines Rudels werde?«, stammelte ich.

»Ich habe keins«, beeilte er sich zu erklären. »Du wärst die Einzige im Rudel. Ich bin ein registrierter Einzelgänger, aber meine Firma feuert niemanden aus einer Festanstel ung, wenn er oder sie das Alphatier eines Rudels ist.«

Ich war sprachlos, und er fül te eilig das Schweigen:

»Ich, ahm, fühle mich schlecht, weil ich versucht habe, dich zu bestechen«, sagte er. »Es ist nicht, als wären wir verheiratet oder irgendwas, aber es gibt dir das Recht, dich über mich zu versichern. Und fal s einer von uns im Krankenhaus landet, hat der andere Zugang zu den medizinischen Akten und ein Recht, zu sagen, was passieren sol , wenn der andere nicht bei Bewusstsein ist. Ich habe niemanden, der diese Art von Entscheidungen für mich trifft, und ich hätte lieber dich als ein Gericht oder meine Geschwister.« Er zuckte mit einer Schulter. »Und du kannst auch zum Firmenpicknick kommen.«

Mein Blick wanderte zu dem Dokument, hob sich dann zu seinem rauen Gesicht und kehrte wieder zu dem Papier zurück. »Was ist mit deinem alten Partner?«

Er schielte auf das Papier, um das Gedruckte zu mustern.

»Man braucht ein Weibchen, um ein Rudel zu gründen.«

»Oh.« Ich starrte wieder das Formular an. »Warum ich?«, fragte ich schließlich, zwar geschmeichelt, dass er mich fragte, aber gleichzeitig auch verwirrt. »Es muss doch eine Menge Werwolf-Frauen geben, die auf das Angebot scharf wären.«

»Gibt es. Und das ist es ja.« Er lehnte sich gegen die Kücheninsel. »Ich wil kein Rudel. Zu viel Verantwortung, zu viele Bindungen. Rudel wachsen. Und selbst wenn ich mich mit einer Werwölfin darauf einlassen würde unter der Bedingung, dass es eine Abmachung auf dem Papier ist und nichts sonst. . sie würde gewisse Dinge erwarten, ebenso ihre Verwandten.« Er schaute zur Decke, und seine Augen verrieten plötzlich sein Alter. »Und wenn diese Dinge nicht geliefert würden, würden sie anfangen, sie wie eine Hure zu behandeln statt wie eine Alphawölfin. Mit dir würde ich diese Probleme nicht haben.« Er fing meinen Blick ein. »Oder doch?« s, Ich blinzelte und zuckte leicht zusammen. »Ahm, nein.« Ein Lächeln zog an meinem Mundwinkel. Alphawölfin. Das klang so ungefähr richtig. »Hast du 'nen Stift?«, fragte ich.

David atmete auf, und Erleichterung stand in seinen Augen. »Wir brauchen drei Zeugen.«

Ich konnte nicht aufhören zu grinsen und konnte es kaum erwarten, Ivy davon zu erzählen. Sie würde junge Hunde staunen.

Wir beide wirbelten zum Fenster herum, als eine Flamme in die Höhe schoss und Schreie zu hören waren. Ivy warf noch einen Tannenast auf das Feuer, und die Flammen loderten wieder hoch. Sie befolgte meine Familientradition des Sonnwendfeuers mit unheimlichem Enthusiasmus.

»Ich weiß schon welche drei«, sagte ich und stopfte das Papier in meine hintere Hosentasche.

David nickte. »Wir müssen es nicht heute Abend machen.

Aber das Steuerjahr fängt bald an, und ich wil es zügig einreichen, damit du deine Vorsorgeleistungen in Anspruch nehmen und in den neuen Katalog aufgenommen werden kannst.«

Ich stand auf Zehenspitzen, um nach dem Krug für den Wein zu angeln, und David streckte den Arm aus und holte ihn für mich herunter. »Es gibt einen Katalog?«, fragte ich, als ich mich wieder auf die Fußsohlen stel te.

Er riss die Augen auf. »Du wil st anonym bleiben? Das kostet extra, aber okay.«

Ich zuckte mit den Schultern, weil ich es einfach nicht wusste. »Was werden sie sagen, wenn du auf dem Firmenpicknick mit mir auftauchst?«

David goss die Hälfte des Weins in den Krug und stel te ihn in die Mikrowel e. »Nichts. Die glauben sowieso al e, dass ich tol wütig bin.«

Ich grinste immer noch, als ich mir eine Tasse mit warmem Cider fül te. Sein Motiv mochte schräg sein - er wol te die zusätzliche Sicherheit für seinen Job -, aber wir hätten beide etwas davon. Also wanderten wir mit um einiges besserer Laune zur Gartentür, er mit seinem Krug vol aufgewärmtem Wein und der kalten Flasche in den Händen, ich mit meiner Tasse mit Cider. Entspannt führte ich ihn in unser Wohnzimmer.

Davids Schritte wurden langsamer, als er die Atmosphäre des sanft erleuchteten Raums in sich aufnahm. Ivy und ich hatten ihn geschmückt, und überal prangten Purpur, Rot, Gold und Grün. Ihr Lederstrumpf am Kamin hatte so einsam ausgesehen, also hatte ich einen gestrickten rot-grünen mit einer Glocke am Zeh gekauft. Warum nicht ein Fest wil kommen heißen, das mir Geschenke einbrachte? Ivy hatte sogar einen kleinen weißen Strumpf für Jenks aufgehängt, den sie sich aus der Puppensammlung ihrer Schwester geholt hatte, aber das Honigglas würde da kaum hineinpassen.

Ivys Weihnachtsbaum leuchtete in einer Ecke und sah ätherisch aus. Ich hatte noch nie einen gehabt und hatte mich geehrt gefühlt, als ich beim Schmücken helfen durfte.

Ihr Baumschmuck war vorsorglich in Taschentücher eingewickelt gewesen. Wir hatten eine Nacht Spaß gehabt, Musik gehört und das Popcorn gegessen, das nicht auf die Schnüre aufgefädelt worden war.

Unter dem Baum lagen nur zwei Geschenke: eines für mich und eines für Ivy, beide von Jenks. Er mochte weg sein, aber seine Geschenke für uns hatte er in unseren gegenüberliegenden Schlafzimmern zurückgelassen.

Ich streckte die Hand nach der Klinke der neuen Tür aus und hatte plötzlich einen Frosch im Hals. Wir hatten sie schon geöffnet - keiner von uns war gut im Warten. Ivy hatte nur dagesessen und mit verkrampftem Kiefer und kaum hörbarem Atem ihre Bite-me-Betty-Fuppe' angestarrt. Ich war nicht viel besser gewesen und hatte fast geheult, als ich die zwei Handys in ihren Styroporbehältern fand. Eines war für mich, das andere - viel kleinere - für Jenks. Nach der Quittung, die immer noch in der Kiste lag, hatte er sie letzten Monat aktiviert und sogar sich selbst auf die Schnel wahltaste eingespeichert.

Ich riss die Tür auf und hielt sie für David offen, während ich die Zähne zusammenbiss. Ich würde ihn dazu bringen, zurückzukommen. Und wenn ich einen Piloten engagieren musste, um meine Entschuldigung in den Himmel zu schreiben . . ich würde ihn dazu bringen, zurückzukommen.

»David«, sagte ich, als er an mir vorbeiging. »Wenn ich dir etwas mitgebe, würdest du es Jenks bringen?«

Er warf mir von der Stufe unter mir aus einen verhaltenen Blick zu. »Viel eicht«, sagte er wachsam.

Ich zog eine Grimasse. »Es sind nur ein paar Samen. Ich konnte in meinem >Die Sprache der Blumen<-Buch nichts finden, was sagt, >Es tut mir leid, ich bin ein Esel<, also habe ich mich an Vergissmeinnicht gehalten.«

»Okay«, sagte er locker. »Das kann ich machen.«

»Danke.« Es war nur ein Flüstern, aber ich war mir sicher, dass er mich trotz der Wil kommensrufe gehört hatte.

Ich nahm David den angewärmten Wein ab und stel te ihn in die Nähe des Feuers. Howard wirkte zufrieden, er war in ein Gespräch mit Keasley und Ceri vertieft, warf aber immer wieder unsichere Blicke zu Takata, der im sichereren Schatten der Eiche herumschlich. »Komm rüber«, sagte ich zu David, als Kisten versuchte, seine Aufmerksamkeit zu erregen. Ivys Schwester stand plappernd neben ihm, und er sah erschöpft aus. »Ich möchte dir Takata vorstel en.«

Die Mitternachtsluft war frisch und fast schmerzhaft trocken. Ich grinste, als ich sah, wie Ivy versuchte, Ceri beizubringen, wie man ein S'more machte. Die verwirrte Elfe konnte einfach nicht verstehen, was daran gut schmecken sol te, wenn man Schokolade zwischen zwei Scheiben zuckerhaltiges Weizenprodukt und gesponnenes Zuckerwerk legte. Ihre Worte, nicht meine. Ich fand, dass geschmolzene Schokolade und Marshmel ow zwischen Keksscheiben ganz fantastisch schmeckte und war mir sicher, dass sie ihre Meinung ändern würde, wenn sie es erst einmal probiert hatte.

Ich fühlte, wie Kistens Blick über die nachlassenden Flammen hinweg auf mir ruhte, und unterdrückte ein Schaudern. Das flackernde Licht spielte auf seinem Gesicht, das nach seinem Krankenhausaufenthalt dünner, aber nicht unattraktiver war. Meine Erinnerungen an Nick waren unter der Aufmerksamkeit des lebenden Vampirs zu einem leichten Schmerz dahingeschwunden. Kist war hier, und Nick war es nicht. In Wahrheit war Nick schon seit Monaten nicht wirklich hier gewesen. Er hatte nicht angerufen oder eine Sonnwendkarte geschickt, und er hatte mir absichtlich keine Möglichkeit gegeben, mich bei ihm zu melden. Es war Zeit, weiterzuziehen.

Takata rutschte vorsorglich auf dem Picknicktisch zur Seite, fal s wir uns setzen wol ten. Das Konzert früher am Abend war ohne Probleme über die Bühne gegangen, und Ivy und ich hatten es einfach vom Backstage-Bereich aus genossen, da Lee nicht mehr da war. Takata hatte »Red Ribbons«

unserer Firma gewidmet, und das halbe Publikum hatte die Feuerzeuge geschwenkt, in Erinnerung an jemanden, den sie immer noch für tot hielten.

Ich hatte eigentlich nur gescherzt, als ich ihn zu meinem Sonnwendfeuer eingeladen hatte, war aber froh, dass er gekommen war. Er schien es zu genießen, dass niemand um ihn herumscharwenzelte, während er zufrieden im Hintergrund saß. Ich kannte den abwesenden Gesichtsausdruck, den er zur Schau trug, von Ivy, wenn sie einen Auftrag plante, und fragte mich, ob sein nächstes Album wohl einen Song über Funken zwischen den frostüberzogenen Ästen einer Eiche enthalten würde.

»Takata«, sagte ich, als wir vor ihm standen, und er tauchte wieder auf. »Ich möchte Ihnen David Hue vorstel en. Er ist der Versicherungsvertreter, der mir geholfen hat, an Saladan ranzukommen.«

»David«, sagte Takata und zog seinen Handschuh aus, bevor er seine lange, dünne Hand ausstreckte. »Schön, Sie kennenzulernen. Es sieht so aus, als wären Sie unverletzt aus Rachels letztem Auftrag rausgekommen.«

David lächelte warm, ohne seine Zähne zu zeigen. »So ziemlich«, sagte er, als er Takatas Hand losließ und einen Schritt zurücktrat. »Obwohl ich mir da keineswegs so sicher war, als diese ganzen Pistolen ins Spiel kamen.« Er täuschte sein Schaudern vor und drehte sich so um, dass die Flammen ihn von vorne wärmten. »Zu viel für mich«, sagte er leise.

Ich war froh, dass er nicht mit großen Augen stammelte oder kreischend auf und ab hüpfte, wie Erica es getan hatte, bis Kisten sie am Schlafittchen gepackt und weggeschleppt hatte.

»David!«, rief Kisten, als der Gedanke meinen Blick zu ihm wandern ließ. »Kann ich mit dir über mein Boot reden? Was glaubst du, würde es mich kosten, es über deine Firma zu versichern?«

David seufzte schwer. »Der Preis, den man zahlt, wenn man im Versicherungsgeschäft ist«, sagte er leise.

Ich hob die Augenbrauen. »Ich glaube, er wil nur jemanden zwischen sich und Erica bringen. Das Mädchen hält einfach nie die Klappe.«

David setzte sich in Bewegung. »Du wirst mich nicht zu lang al ein lassen, oder?«

Ich grinste. »Ist das eine meiner Aufgaben als Rudelmitglied?« Takatas Augen weiteten sich.

»Stimmt genau.« Er hob die Hand in Kistens Richtung, ging dann zu ihm und hielt nur kurz an, um mit dem Fuß ein Holzscheit zurück ins Feuer zu schieben. Auf der anderen Seite des Feuers lachte Howard mit leuchtenden grünen Augen über ihn.

Ich drehte mich um und sah, dass Takata seine Augenbrauen hochgezogen hatte. »Rudelmitglied?«, hakte er nach.

Ich nickte und setzte mich neben ihm auf den Picknicktisch. »Zu Versicherungszwecken.« Ich stel te meinen gewürzten Cider ab, stützte meine El bogen auf die Knie und seufzte. Ich liebte die Sonnenwende, und nicht nur wegen der Parties und des Essens. Cincinnati machte von Mitternacht bis zum Morgengrauen al e Lichter aus, und diese Nacht war die einzige, in der ich den Sternenhimmel sah wie er sein sol te. Jeder, der während dieser Nacht Diebstähle beging, wurde gnadenlos verfolgt, was größere Probleme verhinderte.

»Wie geht es Ihnen?«, fragte Takata und überraschte mich, weil ich völ ig vergessen hatte, dass er da war. »Ich habe gehört, Sie waren im Krankenhaus.«

Ich lächelte betreten und wusste, dass ich nach den zwei durchgeschrienen Stunden auf Takatas Konzert wahrscheinlich müde aussah. »Ich bin okay. Sie wol ten mich noch nicht entlassen, aber Kisten war nur ein Stück den Gang runter, und nachdem sie uns dabei erwischt haben, wie wir die. . ahm. . Verstel möglichkeiten des Bettes getestet haben, haben sie beschlossen, dass wir beide gesund genug sind, um nach Hause zu gehen. Griesgrämige alte Nachtschwester.

Bei dem Aufstand, den sie gemacht hat, hätte man denken können, wir hätten irgendetwas Perverses. . -na ja, griesgrämige alte Nachtschwester eben.

Takata beäugte mich, als ich rot wurde und mir die Strickmütze tiefer über die Ohren zog. »Vor der Kirche steht eine Limo«, sagte ich, um das Thema zu wechseln. »Sol ich ihnen sagen, dass sie gehen können?«

Sein Blick wanderte rauf in die schwarzen Äste. »Sie können warten. Sie haben etwas zu essen da drin.«

Ich nickte und entspannte mich. »Wol en Sie ein bisschen angewärmten Wein?«

Er zuckte und blickte schockiert drein. »Nein. Nein, danke.«

»Dann noch mehr gewürzten Cider?«, bot ich an. »Hier. Ich habe von meinem noch nicht getrunken.«

»Schütten Sie einfach ein wenig hier rein«, sagte er und hielt mir seine leere Tasse entgegen. Vorsichtig fül te ich die Hälfte um. Ich fühlte mich irgendwie besonders, wie ich hier neben Takata saß und er mein Getränk in seiner Tasse hatte, aber ich versteifte mich, als sich ein leichtes Ziehen in mir regte. Ich erstarrte, weil ich nicht wusste, was es war, und Takatas Augen suchten meine.

»Sie haben es auch gespürt?«, fragte er, und ich nickte. Ich fühlte mich unwohl und war ein wenig besorgt.

»Was war es?«

Takatas großer Mund weitete sich zu einem al umfassenden Lächeln, dann lachte er. »Der Schutzkreis auf dem Fountain Square. Fröhliche Sonnenwende.« Er hob seine Tasse, und automatisch stieß ich mit ihm an.

Plötzlich fühlte ich mich, als wäre mit der Welt al es in Ordnung. Ich nippte an meinem Cider und entdeckte David, der mich bettelnd über den Rand des Feuers hinweg ansah.

Ericas Mund bewegte sich nonstop, und Kisten hatte eine Hand auf Davids Schulter gelegte und versuchte heldenhaft, um sie herum eine Unterhaltung aufrechtzuerhalten.

»Entschuldigen Sie mich«, sagte ich, als ich vom Tisch rutschte. »David braucht einen Retter.«

Takata lachte in sich hinein, und ich ging ohne Eile um das Feuer herum. Obwohl er nicht aufhörte mit David zu reden, ruhten Kistens Augen auf mir, und ich fühlte, wie mir warm wurde.

»Erica«, sagte ich, als ich sie erreichte. »Takata wil ein Lied für dich singen.«

Takata richtete sich abrupt auf und warf mir einen panischen Blick zu, als die junge Frau kreischte. Sowohl Kisten als auch David fielen erleichtert in sich zusammen, als sie um das Feuer herumrannte. »Gott sei Dank«, flüsterte Kisten, und ich setzte mich auf ihren Platz. »Dieses Mädchen redet einfach ununterbrochen.«

Lachend rutschte ich näher an ihn heran und drückte mich gegen seinen Oberschenkel. Er legte einen Arm um mich und zog mich an sich, wie ich es gewol t hatte. Kisten atmete langsam aus, und ich zitterte leicht. Ich wusste, dass er es gefühlt hatte, als meine Narbe anfing zu kribbeln. »Hör auf«, flüsterte ich peinlich berührt, und sein Griff wurde fester.

»Ich kann mir nicht helfen«, sagte er. »Wann gehen die al e?«

»Sonnenaufgang«, sagte ich bestimmt und stel te meinen Drink ab. »Die Liebe wächst mit der Sehnsucht.«

»Es ist nicht mein Herz, das dich vermisst«, hauchte er, und ich zitterte wieder.

»Also«, sagte Kisten dann laut, da David langsam anfing, unbehaglich auszusehen. »Rachel hat mir gesagt, dass Sie sie gebeten haben, Ihr abwesender Partner zu sein, damit Sie zwei Gehälter beziehen können und sie einen guten Versicherungssatz bekommt.«

»Äh, ja. .«, stammelte David und starrte auf seine Füße, sodass sein Hut seine Augen verdeckte. »Deswegen. .«

Ich zuckte zusammen, als Kistens kalte Hand unter meinen Mantel wanderte und meine Hüfte streichelte. »Das gefäl t mir«, murmelte er, meinte damit al erdings nicht die Tatsache, dass seine Finger kleine Kreise zogen, um mir einzuheizen. »Einfal sreich. Solche Männer lob ich mir.«

David hob den Kopf. »Würden Sie mich entschuldigen«, murmelte er und schob sich nervös seine Bril e zurecht. »Ich habe Keasley und Ceri noch gar nicht begrüßt.«

Ich kicherte, und Kisten zog mich näher an sich. »Tun Sie das, Snoopy«, sagte Kisten.

Der Werwolf blieb stehen, warf ihm einen warnenden Blick zu und ging dann weiter. Auf dem Weg holte er sich noch ein Glas Wein.

Mein Lächeln wurde weicher. Der Geruch von Leder stieg auf und mischte sich mit dem harten Aroma von brennender Asche. Ich schmiegte mich enger in Kistens Umarmung.

»Hey«, sagte ich leise und schaute ins Feuer. »David wil , dass ich ein Papier unterschreibe. Mich zu einem Teil seines Rudels machen.«

Sein Atem stockte. »Du machst Witze«, sagte er und schob mich weg, damit er mich ansehen konnte. Seine blauen Augen waren weit aufgerissen, und er musterte mich gleichzeitig überrascht und fragend.

Ich schaute auf meine kalten Finger und schob sie in seine Hand. »Ich möchte, dass du es bezeugst.«

»Oh.« Seine Augen wanderten zum Feuer, und er verschob seinen Arm ein wenig, sodass er sich von mir entfernen konnte.

Ich grinste verständnisvol und lachte. »Nein, Du Idiot«, sagte ich und schlug ihn leicht auf den Arm. »Es ist eine Mitgliedschaft im Rudel, nicht eine Interspezies-Verbindung.

Ich heirate den Kerl nicht, um des Wandels wil en. Es ist nur eine gesetzliche Abmachung, damit ich meine Versicherung über ihn abschließen kann und seine Firma ihn nicht feuert.

Er würde ein Werwölfin fragen, aber er wil kein Rudel, und das ist das, was er bekommen würde, wenn er eine fragt.«

Kisten atmete sichtbar auf, und ich konnte fühlen, wie seine Berührung wieder sanft wurde. »Gut«, sagte er und zog mich näher. »Weil du nämlich meine Alphahündin bist, Babe, und nicht die von jemand anderem.«

Ich warf ihm einen vielsagenden Blick zu, was ganz schön schwierig war, da ich quasi auf seinem Schoß saß. »Babe?«, fragte ich trocken. »Weißt du, was ich dem letzten Kerl angetan habe, der mich so genannt hat?«

Kisten zog mich noch näher. »Viel eicht später, Liebes«, flüsterte er und löste ein herrliches Kribbeln in mir aus. »Wir wol en doch deine Freunde nicht schockieren.«

Ich folgte seinem Blick zu Keasley und Howard, die lachten, während Ceri versuchte, ihren S'more zu essen, ohne sich schmutzig zu machen.

»Wirst du das Dokument für mich bezeugen?«, fragte ich.

»Sicher.« Er umarmte mich fest. »Ich glaube, dass es eine gute Sache ist, Beziehungen einzugehen.« Sein Arm fiel von mir ab, und ich sah, dass Ivy uns böse anstarrte. »Ivy sieht das viel eicht anders.«

Plötzlich besorgt entzog ich mich seinem Griff. Ivy stand auf und ging mit schnel en, langen Schritten die Verandastufen hinauf und verschwand in der Kirche. Die Gartentür schloss sich so hart, dass der Kranz darüber herunterfiel.

Erica bemerkte nichts und sprang herum, um eine Bank näher an das Feuer zu schieben. Die Gespräche um uns herum klangen jetzt erwartungsvol . Keasley und Ceri drifteten herüber, als Takata endlich seine Gitarre hervorholte, die er zwar mitgebracht, bis jetzt aber vöHig ignoriert hatte. Er setzte sich, und seine langen Finger bewegten sich langsam in der Kälte, als er sein Instrument stimmte. Es war schön. Wirklich schön. Das Einzige, was fehlte, waren Jenks' altkluge Kommentare und ein Rieseln von Pixie-staub.

Ich seufzte, und Kistens Lippen berührten mein Ohr. »Du wirst ihn zurückkriegen«, hauchte er.

Ich war überrascht, dass er wusste, woran ich gerade dachte, und sagte: »Bist du sicher?«

Ich fühlte ihn nicken. »Im nächsten Frühling, wenn er wieder rauskann, kommt er zurück. Er hält zu viel von dir, um nicht zuzuhören, sobald sein Stolz ein wenig abgekühlt ist.

Aber ich weiß al es über große Egos, Rachel. Du wirst kriechen müssen.«

»Das kann ich«, sagte ich leise.

»Er glaubt, es ist sein Fehler«, fuhr Kisten fort.

»Ich werde ihn vom Gegenteil überzeugen.«

Ich konnte seinen Atem an meinem Ohr spüren. »Das ist mein Mädchen.«

Ich lächelte bei der aufregenden Folge von Gefühlen, die er in mir auslöste. Mein Blick wanderte zu Ivys Schatten in der Küche und dann zurück zu der Stehgreifmusik. Einer erledigt. Zwei übrig. Und die würden wahrscheinlich die schwersten sein. Es war ja nicht so, als könnte ich Ceri oder Keasley fragen. Auf dem Formular hatte es eine Zeile für die Sozialversicherungsnummer gegeben. Ceri hatte keine, und ich wusste, ohne überhaupt zu fragen, dass Keasley seine nicht preisgeben wol en würde. Ich hatte anhand des Mangels an Regierungsschecks die Vermutung, dass er sich totstel te.

»Entschuldigst du mich kurz?«, murmelte ich, als Ivys Schatten unsichtbar wurde. Das heiße Wasser, das sie in die Spüle laufen ließ, beschlug das Fenster. Kistens Griff löste sich. Takatas blaue Augen trafen meine, bevor ich mich wegdrehte. In ihnen spiegelten sich fremdartige Gefühle.

Ich stoppte kurz, um den Zedernkranz wieder an seinen Platz zu hängen, bevor ich reinging. Die Wärme der Kirche traf mich, und ich nahm meine Mütze ab und warf sie in Richtung des schwarzen Ofens. Als ich die Küche betrat, lehnte Ivy an der Arbeitsfläche. Ihr Kopf war gesenkt, und ihre Hände umklammerten ihre El bogen.

»Hi«, sagte ich und zögerte auf der Schwel e.

»Lass mich den Vertrag sehen«, sagte sie schroff, hob den Kopf und streckte die Hand aus.

Meine Lippen öffneten sich. »Woher. .«, stammelte ich.

Ein leises, bitteres Lächeln huschte über ihr Gesicht und war wieder verschwunden. »Schal trägt gut über Feuer.«

Verlegen zog ich ihn aus meiner Tasche und fühlte, dass er gleichzeitig warm von meinem Körper war und kalt von der Nacht. Sie nahm ihn und runzelte die Stirn. Dann drehte sie mir den Rücken zu und faltete das Papier auf. Ich zappelte herum. »Äh, ich brauche drei Zeugen«, sagte ich. »Ich hätte gern, dass du einer davon bist.«

»Warum?«

Sie drehte sich nicht um, und ihre Schultern waren angespannt. »David hat kein Rudel«, sagte ich. »Es ist schwerer, ihn zu feuern, wenn er eines hat. Er behält seinen Job und arbeitet weiter solo, und ich kann meine Versicherung über ihn beziehen. Nur zweihundert im Monat, Ivy. Er wil nicht mehr als das, sonst würde er nach einer Werwölfin suchen.«

»Ich weiß. Meine Frage ist, warum wil st du meine Unterschrift?« Mit dem Blatt in der Hand drehte sie sich um, und ihr ausdrucksloses Gesicht weckte ein unbehagliches Gefühl in mir. »Warum ist es wichtig für dich, dass ich es unterschreibe?« *

Ich öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Meine Gedanken wanderten zu dem, was Newt gesagt hatte.

Zuhause war nicht stark genug gewesen, um mich zurückzuziehen, aber Ivy schon. »Weil du mein Partner bist«, sagte ich, und mir wurde warm. »Weil das, was ich tue, sich auch auf dich auswirkt.«

Ivy zog schweigend einen Stift aus ihrem Stiftbehälter und öffnete ihn. Plötzlich fühlte ich mich unwohl, weil mir klar wurde, dass David durch dieses Blatt Papier etwas bekam, was Ivy sich wünschte: eine erkennbare Verbindung zu mir.

»Ich habe ihn überprüft, als du im Krankenhaus warst. Er bittet dich nicht darum, damit du ihm dann bei einem schon bestehenden Problem helfen musst.«

Ich hob die Augenbrauen. Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht. »Er sagte, es gäbe keine weiteren Bedingungen.«

Ich zögerte. »Ivy, ich lebe hier mit dir«, sagte ich und versuchte so, ihr klarzumachen, dass unsere Freundschaft kein Dokument und keine Unterschrift brauchte, um real zu sein - unsere Namen standen über der Tür. Beide.

Sie schwieg, und ihre Miene war unergründlich. Ihre braunen Augen blickten starr. »Du vertraust ihm?«Ich nickte.

Ich musste meinem Bauchgefühl folgen.

Ein kaum sichtbares Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

»Ich auch.« Sie schob einen Tel er mit Cookies zur Seite und setzte vorsichtig, aber fast unlesbar ihre Unterschrift in die erste Zeile.

»Danke«, sagte ich, und sie gab es mir zurück. Mein Blick wanderte an ihr vorbei, als sich die Tür öffnete. Ivy schaute auf, und ich sah, wie sie sich entspannte, als Kistens wohlbekannte Schritte auf dem Teppich neben der Tür zu hören waren, wo er sich den Schnee von den Stiefeln trat. Er kam in die Küche, gefolgt von David.

»Unterschreiben wir nun diesen Wisch oder nicht?«, fragte Kisten, und die Anspannung in seiner Stimme verriet mir, dass er bereit war, mit Ivy zu diskutieren, fal s sie sich weigern sol te.

Ivy klickte so schnel mit ihrem Kugelschreiber, dass er fast summte. »Ich habe schon. Du bist dran.«

Er richtete sich auf und grinste, als er den Stift nahm, den Ivy ihm entgegenhielt, und seine Unterschrift unter ihre setzte. Als Nächstes fügte er seine Sozialversicherungsnummer ein und gab David den Stift.

David schob sich zwischen die beiden; neben ihrer hochgewachsenen Grazie wirkte er klein. Ich konnte seine Erleichterung sehen, als er seinen vol en Namen auf das Dokument setzte. Mein Puls beschleunigte sich, als ich den Stift nahm und das Papier näher zu mir zog.

»Also«, sagte Kisten, als ich unterschrieben hatte. »Wen wirst du bitten, der dritte Zeuge zu sein?«

»Jenks«, sagten Ivy und ich gleichzeitig, und ich schaute auf. Unsere Augen trafen sich, und ich klickte den Kugelschreiber noch einmal, damit die Mine verschwand.

»Wirst du ihn für mich fragen?«, bat ich David.

Der Werwolf hob das Dokument auf, faltete es vorsichtig und steckte es in die Innentasche seines Mantels. »Du wil st niemand anderen fragen? Viel eicht tut er es nicht.«

Ich warf einen Seitenblick zu Ivy, richtete mich auf und schob mir eine Haarsträhne hinters Ohr. »Er ist ein Teil dieser Firma«, sagte ich. »Wenn er seinen Winter damit verbringen wil , im Kel er eines Tiermenschen zu schmol en, ist das für mich in Ordnung, aber er sol te seinen kleinen Pixiearsch besser hierherschaffen, sobald das Wetter wärmer wird, oder ich werde fuchsteufelswild.« Ich holte tief Luft und fügte hinzu: »Und viel eicht wird ihn das davon überzeugen, dass er ein geschätztes Mitglied des« Teams ist und dass es mir leid tut.«

Kisten trat einen Schritt zurück.

Die Hintertür öffnete und schloss sich, und kurz darauf wirbelte Erica in die Küche. Ihre Wangen waren rot, und ihre Augen blitzten. »Hey! Kommt! Er ist bereit zu spielen. Gott rette euch, er hat sich aufgewärmt und ist bereit zu spielen, und ihr steht hier drin und esst? Schiebt eure Hintern nach draußen!«

Ivys Blick wanderte von dem Schnee, den Erica mit reingeschleppt hatte, zu mir. David setzte sich in Bewegung und schob den flatterhaften Gothic-Vampir vor sich her.

Kisten folgte ihnen und ging mit einem wunderbar kameradschaftlichen Unterton auf Ericas Geschnatter ein.

Takatas Musik setzte ein, und meine Augen weiteten sich, als Ceris ätherische Stimme sich in einem Lied erhob, das noch älter war als sie. Sie sang tatsächlich auf Latein. Ich zog die Augenbrauen hoch und sah Ivy fragend an.

Meine Mitbewohnerin schloss ihren Mantel und holte ihre Handschuhe von der Arbeitsfläche. »Du bist damit wirklich einverstanden?«

Sie nickte. »Jenks zu fragen, ob er diesen Vertrag unterschreibt, ist viel eicht der einzige Weg, in seinen Dickschädel reinzukriegen, dass wir ihn brauchen.«

Ich verzog das Gesicht und ging vor ihr her, während ich überlegte, wie ich Jenks klarmachen konnte, was für ein Riesenfehler es gewesen war, ihm nicht zu vertrauen. Ich war Algaliarepts Fal e entkommen und hatte es geschafft, nicht nur eines meiner Dämonenmale loszuwerden, sondern auch die Vertrauten-Verbindung zu Nick zu brechen -nicht, dass es jetzt noch eine Rol e spielte. Ich hatte ein Date mit Cincinnatis mächtigstem Junggesel en gehabt und hatte sogar mit ihm gefrühstückt. Ich hatte eine tausend Jahre alte Elfe gerettet, gelernt, mein eigener Vertrauter zu sein, und entdeckt, dass ich ein paar heiße Bäl e werfen konnte. Nicht zu vergessen die Erkenntnis, dass ich Sex mit einem Vampir haben konnte, ohne gebissen zu werden. Warum hatte ich das Gefühl, dass al das zusammen einfacher gewesen war als Jenks dazu zu bringen, mit mir zu reden?

»Wir kriegen ihn zurück«, murmelte Ivy hinter mir. »Wir werden ihn zurückkriegen.«

Ich stampfte die schneebedeckten Stufen hinunter, umgeben von der Musik und der Nacht vol er Sterne und schwor mir, dass wir es schaffen würden.

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KIM HARRISON: BLUTPAKT

HOLLOWS-CHRONOLOGIE

ca. 6 000 Jahre vor dem Wandel: Entstehung der Tiermenschen

ca. 5 000 Jahre vor dem Wandel: Geschätzte Auswanderung der Hexen aus dem Jenseits

ca. 2000 vor dem Wandel: Geschätzte Auswanderung der Elfen

ca. 1000 vor dem Wandel: Ceris Einsetzung als Dämonen-Familiaris unbekannt: Entstehung der Vampire 1953: Watson und Crick bauen das Model der DNS. In Zusammenarbeit mit Rosalind Franklin leiten sie im Kalten Krieg Finanzierungsgelder für die Weltraumforschung und außergewöhnliche Waffen zu sich um und bereichern das Wissen über die Genmanipulation um ein Vielfaches, sodass die USA sich der Entwicklung genetischer statt nuklearer Waffen zuwenden. Die Weltraumforschung läuft sich tot.

1958: Rosalind Franklin setzt ihre Forschungen fort und hilft zwanzig Jahre lang dabei, das genetische Verständnis voranzutreiben, was in den 60er-Jahren zu einer reichen Auswahl an durch Genmanipulation gewonnenen Medikamenten führt.

1962: Durch Genmanipulation gewonnenes Insulin wird al gemein erhältlich.

1966-1969: Der Wandel beginnt und endet. Er wird ausgelöst vom T4 Angel Virus, das von einer Tomatensorte übertragen wird, die eigentlich gezüchtet wurde, um die Menschen in der Dritten Welt zu ernähren.

1979: Ivy und Trent werden geboren.

1980: Kisten wird geboren.

1981: Rachel wird geboren. Computer kommen in den Handel.

1995: Die Väter von Trent und Rachel sterben. Leon Barns verlässt die I. S. und wird ermordet, um seine Entdeckungen unter Verschluss zu halten.

1997: Rachel schließt die Highschool ab und beginnt ihre zweijährige Ausbildung.

2000-2004: Rachel macht ihr Praktikum bei der LS.

2001: Ivy fängt nach dem Abschluss eines sechsjährigen Studiums als vol er Runner bei der I. S. an.

2003-2004: Rachel und Ivy arbeiten in Rachels letztem Praktikumsjahr zusammen.

2006: Rachel kündigt bei der I. S.

VON LEBENDEN (UND UNTOTEN) VAMPIREN

Veröffentlicht in Zusammenarbeit mit Cincinnatis FIB-Inderlander-Abteilung; FIB Inderlander Handbuch, Ausgabe 7.23

Schon vor dem Wandel hatten Vampire in der Literatur ihren Platz als mächtige und schreckliche Figuren, die es sowohl nach Blut als auch nach dem Wil en ihrer Opfer gelüstet. Sie sind ohne irgendein Gefühl von Reue zu entsetzlichen Taten fähig und flößen so sowohl Menschen als auch Inderlandern einen Respekt ein, der aus Angst geboren wird. Aber einem hungrigen Vampir entgegenzutreten ist weniger gefährlich als irgendeinem Vampir unwissend gegenüberzustehen. Aus dieser Erkenntnis heraus habe ich zugestimmt, die Unterschiede zwischen den Möchtegern-Bösen und den wirklich Bösen zu Papier zu bringen. Beide können einen töten, aber wenn man ihre Grenzen und Schwächen kennt, kann man diesen sehr mächtigen, manipulativen Zweig der Inderlander-Familie verstehen und erfolgreich mit ihm umgehen. Und fal s das nicht gelingt, schießt auf sie, bis sie sich nicht mehr bewegen.

Lebende Vampire sind entweder aus einer hohen Kaste

-Vampire, die von einem lebenden Vampir empfangen wurden und deswegen bereits in ihrem fötalen Genom ein inaktives Vampir-Virus trugen, das ihre weitere Entwicklung modifiziert, oder aus einer niedrigen Kaste - Menschen, die von einem untoten Vampir gebissen wurden und nun in einem angreifbaren, halb-verwandelten Zustand leben. Nur untote Vampire tragen die aktive Form des Virus, die Menschen infizieren kann. Das Virus nistet sich fröhlich in den Zel en des Blut produzierenden Rückenmarks seines neuen Wirtes ein und wird dann inaktiv. Der unglückselige Mensch entwickelt kaum Fähigkeiten, aber auch nicht die Schwächen eines Vampirs.

Halbverwandelte, gebissene Menschen stehen am untersten Ende der vampirischen Hierarchie. Sie bemühen sich ständig um das Wohlgefal en ihres untoten Erzeugers, in der Hoffnung, dass sie damit eine höhere Stufe des vampirischen Daseins erreichen, indem sie mehr von seinem oder ihrem Blut aufnehmen. Mit ihren menschlichen Zähnen, menschlichen Schwächen und ohne jeden Blutdurst - außer in ihrer Einbildung - sind sie wenig mehr als eine bereitwil ige Blutquel e für die Untoten und ein Ziel von Hohn und Spott für den Rest der Inderlander.

Vampire der niederen Kasten leben berechtigterweise in der Angst, dass der Untote, der sie aussaugt, unvorsichtig wird und sie aus Versehen tötet, um dann einfach zu vergessen, den Job zu Ende zu bringen und sie als Untote wiederzuerwecken. Und während Vampire hoher Kasten schon mit einem Status geboren werden, den sie oder er mit in den vampirischen Tod nimmt, müssen die Vampire niederer Kasten um diesen Status kämpfen. Sie können sehr gefährlich sein, wenn sie anfangen überzukompensieren und in ihrem Bemühen, die Erwartungen ihres Erzeugers zu erfül en, gnadenlos werden. Wenn man sie al erdings in den Bauch tritt, klappen sie zusammen wie jeder andere Mensch auch.

Das andere Extrem der vampirischen Existenz ist der wahre Untote. Dies sind die seelenlosen, verführerischen Vampire, die nur existieren, um ihre fleischlichen Gelüste zu befriedigen. Es ist ihre unglaubliche Stärke vereint mit ihrer völ igen Missachtung des Lebens, die sie so gefährlich macht. Sie empfinden kein Mitgefühl und haben kein Einfühlungsvermögen, behalten aber al ihre Erinnerungen; sie erinnern sich an Bindungen aus Liebe, aber sie erinnern sich nicht, warum sie lieben. Es ist eine tote Emotion, und sie bringt - nach meiner eingeschränkten Erfahrung -

unendliches Leid über die Lebenden, mit denen sie Umgang pflegen und um die sie sich einst gesorgt haben.

Die Untoten haben wenige Schwächen. Obwohl sie ihre Seelen verloren haben, empfinden viele das nicht als Nachteil, sondern als Geschenk. Geweihte Kreuze können wirklich Schaden auf untotem Gewebe hinterlassen, aber es ist ein Zauber, der den Schmerz verursacht, nicht ein religiöser Glaube. Ein Kreuz hervorzuziehen wird einen Vampir wahrscheinlich nur reizen und ihn nicht dazu bringen, zurückzuweichen, also sol te man noch etwas Schlagkräftigeres für hinterher dabeihaben.

Theoretisch kann der Zauber, der untotes Fleisch verbrennt, auf jedes Stück Rotholz oder Silber gewirkt werden, aber die Magie ist älter als der Ackerbau, und diejenigen, die den Zauber wirken - ob Mensch oder Hexe -

bestehen darauf, dass der Zauber an nichts außer einem Kreuz hält. Ich persönlich würde auf nichts außer ein geweihtes Kreuz vertrauen, um einen Vampir in einer brenzligen Situation abzulenken.

Meiner Erfahrung nach sind ungeweihte Artefakte jedweder Religion kaum mehr als eine Irritation und verärgern den Untoten, weil sie ihn daran erinnern, dass seine Seele schon von ihm gegangen ist und es daher nichts gibt, was sein Bewusstsein zu einer höheren Ebene tragen kann, wenn ihr Körper ein weiteres Mal versagt. Untote Vampire sind sich der Tatsache deutlich bewusst, dass, wenn ihr Körper stirbt nicht nur ihr Lebensfunke erlischt, sondern es sein wird, als hätten sie niemals existiert. Dieser Gedanke ist dem nach Unsterblichkeit strebenden Vampir ein Gräuel.

Erst für Untote wird Tageslicht gefährlich. Das Virus, das es Vampiren erlaubt, ihr Leben nach dem Verlust ihrer Seele weiterzuführen, wird von Tageslicht deaktiviert, und sie sterben einen bemitleidenswert undramatischen Tod. Aber, wenn einer der Bösen in irgendetwas anderem als vol em Sonnenlicht zu Boden fäl t, schießt man besser auf ihn, bevor man sich vergewissert, ob er tot ist. Sie bewegen sich, solange sie noch bei Bewusstsein sind. Vertraut mir -

ignoriert den folgenden Papierkram und schießt einfach auf sie. Zweimal.

Nur die Untoten können eine unwil ige Person bezaubern und sie durch hochkompliziert strukturierte Pheromone in einen Zustand der Glückseligkeit versetzen. Das ist der viel eicht gefährlichste Aspekt der Untoten und sol te mit äußerster Vorsicht behandelt werden. Macht euch nicht die Mühe, wegzuschauen; es wird nicht helfen und drückt nur die Knöpfe eines hungrigen Vampirs. Angst ist ein Blut-Aphrodisiakum; versucht, die Dinge nicht noch schlimmer zu machen.

Glücklicherweise wird der Untote - außer, ihr habt ihn verärgert oder schlottert vor Angst - euch wahrscheinlich als Blutquel e ignorieren. Die Untoten sind wählerisch in der Auswahl ihrer Blutpartner und wählen normalerweise lebende Vampire, um Gerichtsstreitigkeiten mit Menschen zu vermeiden. Ein Wort der Warnung: Menschen zu verführen und mit falschen Versprechungen in den Ruin zu treiben gibt den Untoten ein Gefühl lustvol er Beherrschung, das sie fast so sehr erregt wie Blut. Versucht, euch nicht in so etwas zu verstricken.

Die jungen Untoten können gegenüber denen, die sie nicht fürchten oder einst geliebt haben, sehr grausam sein, aber mit der Zeit legen sie sich eine Fassade von Moral und die meisten auch elegante Umgangsformen zu, mit denen sie Menschen charmant umgarnen. Das macht es nur leich-terjeuch auszusaugen, meine Lieben, also seid vorsichtig.

Eine gute Faustregel ist: Je netter der Vampir, desto verkommener wird er oder sie wahrscheinlich sein.

Während sie immer mehr Raffinesse gewinnen, mischt sich die Lust des Vampirs an Beherrschung mit seiner Blutlust und sorgt dafür, dass das Blut Betrogener süßer schmeckt als das Blut von Narren. Je älter der Vampir, desto dauernder und emotional zerstörende? kann die Jagd auf das Opfer sein.

Die »lange Jagd« ist eine Fähigkeit, die sogar lebende Vampire unwissentlich trainieren.

Gefangen zwischen den lebenden und den untoten Vampiren sind die lebenden Vampire der hohen Kasten, die in einem Zustand der Gnade existieren, um den sie von anderen Vampiren beneidet werden. Sie tragen das Beste beider Welten in sich und sind die hoch geschätzten Kinder der Untoten, gleichzeitig beschützt und belagert, geliebt und missbraucht, verdreht, manipuliert und verhätschelt von den Untoten, die sie jagen und von ihnen trinken.

Lebende Vampire der hohen Kasten werden nicht gebissen, sondern mit dem Vampir-Virus geboren, das sie bereits zu einer Zwischenexistenz geformt hat. Das Ergebnis ist, dass lebende Vampire hoher Kasten stärker sind und bessere Reflexe haben, besser hören und einen unglaublich guten Geruchssinn besitzen. Al diese Fähigkeiten stehen zwischen den menschlichen Vampiren und denen der Untoten. Noch aussagekräftiger ist, dass sie die Wil igen bezaubern können und tödlich werden, wenn ihr Blutdurst ihre anderen Gefühle ausschaltet.

Glücklicherweise kommt der Blutdurst bei lebenden Vampiren der hohen Kasten erst mit der Pubertät zum Tragen. Obwohl sie kein Blut brauchen, um nicht wahnsinnig zu werden, wie es bei den Untoten der Fal ist, löst das Virus doch ein Verlangen nach Blut in ihnen aus. Man kann lebende Vampire an ihrer charismatischen Persönlichkeit und den scharfen Reißzähnen erkennen, sol te sich dabei aber nicht auf die Zähne verlassen, da diese überkappt werden können.

Da das Virus in ihrer DNA verankert ist, werden lebende Vampire der hohen Kasten garantiert zu Untoten, selbst wenn sie mit jedem einzelnen Tropfen Blut im Körper sterben. Fal s ihr aus Versehen einen lebenden Vampir tötet, seid verantwortungsvol und ruft einen Krankenwagen, bevor die Sonne aufgeht. Sie haben das Recht, ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, selbst wenn sie euch viel eicht hinterher umbringen wol en. Wenn ihr euch entschuldigt, stehen die Chancen nicht schlecht, dass sie euch für die Beendigung ihres ersten Lebens sogar danken.

Lebende Vampire besitzen einen Rang, der sich sowohl von lebenden als auch von untoten Blutlinien ableitet, die manchmal Generationen zurückreichen. Das gibt vielen der reicheren lebenden Vampire einen »Kronprinzen«-Sta-tus, der von al en weisen Vampiren respektiert wird. Auch ihr sol tet das tun. Ein Bluterzeuger zeichnet die Blutlinien seiner lebenden Nachkommen oft mit der Sorgfalt vor, die auch auf die Zucht von Rassepferden verwendet wird. Deswegen kann die Beleidigung eines lebenden Vampirs dazu führen, dass man von seinem Meister hört. Egal, ob ihr mit ihrer Lebensart klarkommt oder nicht, ihr sol tet jemanden respektieren, der bei der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung anwesend war.

Über die Generationen hinweg haben lebende und untote Vampire viele Wege entwickelt, leicht zugängliche Quel en von Blut und Gesel schaft zu erjagen und zu behalten. Die meisten Möglichkeiten bieten ihnen hierbei die Phero-mone, die sie sowohl bewusst als auch unbewusst verströmen. Die Pheromone werden von einem wahren Cocktail von Neurotransmittern und Endorphin ausschüttenden Verbindungen im Speichel eines Vampirs unterstützt. Bei jedem Biss sammeln sich die Verbindungen im Gewebe um die Wunde an. Wenn die Wunde berührt wird, sorgt das

-sogar noch Jahre später - dafür, dass Schmerz als Vergnügen empfunden wird. Lasst euch nicht einwickeln. Es ist eine Fal e.

Mit der Erfahrung lernt der Vampir, den Biss so zu sensibilisieren, dass er der Einzige ist, der die Narbe stimulieren kann. So verhindert er effektiv das Wildern anderer Vampire in seinem Revier. Die Person ist dann mental an den Vampir gebunden und wird Schatten genannt.

Ein Schatten, der einem lebenden Vampir gehört, wird normalerweise gut behütet, erleidet aber einen erkennbaren Verlust an Wil enskraft.

Bei einem Biss ohne Bindung gibt es keine Abhängigkeit von einem bestimmten Vampir, und das Opfer kann zur Normalität zurückkehren. Al erdings bleibt das Opfer, wenn eine ausreichende Menge Vampirspeichel in die Wunde gelangt ist, in einem gefährlichen Zustand zurück, in dem es hochempfindlich auf Vampirpheromone reagiert, ohne deswegen den normalen Wil ensverlust zu erleiden. Diese ungebundenen Schatten sind für den Blutdurst eines Vampirs fast unwiderstehlich. Wenn sie nicht unter dem Schutz eines starken Vampirs stehen, sind sie Freiwild für al e.

Ungebundene Schatten haben eine sehr geringe Lebenserwartung. Sie werden von Vampir zu Vampir weitergereicht, bis sie erst ihre Persönlichkeit und dann ihre Lebenskraft verlieren, um schließlich al ein und unbetrauert zu sterben. Aber was auch immer geschieht, die Vampire existieren. Sie leben unter uns und doch für sich. Auf den Straßen ist Wissen die ultimative Waffe, und es liegt an euch, euch gegen die Gefahren zu wappnen, die der Kontakt zu Vampiren beinhaltet. Sie werden immer bereit sein, mit eurem Verlangen nach der perfekten Liebe zu spielen, und unwissend nach dieser Liebe zu suchen, könnte euren Tod oder Schlimmeres nach sich ziehen. Ich hoffe, dass ich euch genügend Angst eingejagt habe, dass ihr vorsichtig sein, und euch genügend Wissen vermittelt habe, um zu erkennen, dass Vampire die ultimativen Raubtiere von Geist und Körper sind. Die Gefahr liegt darin, dass sie menschlicher sind als Menschen, und dafür verdienen sie unseren Respekt und unser Verständnis.

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