Impressionen aus Oberstaufen
Die Qual der Wahl
Zwei Damen lugen auf der Terrasse des Hotels „Zum röhrenden Hirschen“ bedeutungsvoll über den Rand ihrer Designer-Sonnenbrillen. Sie wenden sich nur zum Schein den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings zu.
Sie könnten ihr Dasein als angenehm bezeichnen, ihre Verdauung ist in Ordnung, wäre da nicht dieses ständige Frieren. Ein wärmender Ehemann fehlt, er glänzt durch Abwesenheit. Der Fremdenverkehr macht die Betten leer bei den Landeskindern, hat schon Eugen Roth gesagt. Die Wechseljahre machen den Damen zu schaffen, der Hormonspiegel schwankt. Das Altern ist auch schwerer geworden. Der Einsamkeit zu entfliehen, gelingt ihnen nicht immer, jedoch immer in Oberstaufen.
Sie haben sich auf den dortigen Aufenthalt vorbildlich vorbereitet. Ihre Lippen gleichen mächtigen Schlauchbooten, die Augen wurden von einem Streichholzoperateur auseinandergerissen. Doch ihre Möpse erst: Die hadern mit der Schwerkraft. Die Damen sind zufrieden mit ihrem Aussehen, schließlich haben sie vorher auch nicht besser ausgesehen. Für den Frühschoppen in der „Enzianhütte“ reicht es allemal. Denn die Luxus-Fahrzeuge, die dort jeden Sonntag mit heulendem Motor und Aufmerksamkeit heischenden Kaiserhupen vorbeifahren, sind auch nur beim ortsansässigen Autohändler für einige Baggerstündchen ausgeliehen. Jetzt gilt: Tanzen in der „Enzianhütte“ mit aufgeschwemmten Plauzen.
Cartier schubst Dior an. Zwei brauchbare Kandidaten kommen auf sie zu, den Maserati-Schlüssel am Zeigefinger kreisend.
Wenig später werden sie umgarnt von zwei der Schrothkur nicht abgeneigten Herren, mit dem ach so lasziven Blick kurenden Ehemännern und ihren noch schlüpfrigeren Gedanken, nach dem Motto: Was soll’s?
Gewaltig baggernd flüstern die Herren den Damen heiße Worte ins Ohr, wohl wissend, dass diese danach lechzen. Ihre Designerbrillen halten ihrem lauten Lachen nicht stand. Während sie mit ihren mit zwei und drei Karat geschmückten Händen Cartier und Dior wieder in die richtige Position bringen, prägen ihre verknitterten, enttäuschten Gesichter einen Frühlingstag, der ihnen mal wieder die Illusion von Respekt nehmen wird.
Denn innerlich hüten sie sich vor jenen, die ihnen weismachen wollen, ein erfüllter Sonntag sei nur eine Frage von Körperkontakt in der Hotelsuite.
Sie sträuben sich – noch …
Die Herren, konfrontiert mit einer ihnen bekannten Problematik, mustern verstohlen die soeben eingetroffenen Damen vom Typ „Willnochmehr“, während sie den beiden neben sich am Ohr knabbern und forschend abwärts zu Leibe rücken.
Vielleicht bringt der kommende Frühlingstag Hoffnung auf das wahre Glück.