Verlust eines Freundes

             

 

Manchmal geht eine Freundschaft zu Ende und dieser Prozess geht mit ähnlich schmerzlichen Gefühlen einher wie ein langsamer, schleichender Tod. Plötzlich beginnen sich Freunde nach jahrzehntelanger Freundschaft zu analysieren und verstehen sich nicht mehr. Warum, kann keiner genau sagen, es geschieht einfach. Unterschiedliche Standpunkte und daraus resultierende Entscheidungen werden seziert.

Einen Freund zu verlieren, stimmt traurig. Aber einen Freund zu verlieren, den man liebt, entspricht einer Katastrophe, schwer verdaulich, weil dadurch das Vertrauen in die Freundschaft grundsätzlich erschüttert wird. Besonders dann, wenn dabei nicht nur äußere Einflüsse eine Rolle spielen, sondern ein Reden miteinander nicht mehr möglich ist. Jeder hat das gewiss schon einmal erlebt.

Wir wollen Freunde für ein ganzes Leben, echte Freunde – keine Facebook- und Twitter-Junkies. Durch Facebook hat das Wort Freund eine andere Bedeutung gewonnen. Dieses oberflächliche Portal, in dem man Freunde liked, wenn sie etwas Nettes sagen, oder die erbarmungslos niedergemacht werden, wenn es den anderen nicht behagt, was sie dort posten. Jeder kann irgendwas über irgendwen posten, und viele tun das nicht sehr differenziert. Leute äußern sich dort, wie sie es im realen Leben nie tun würden. Nicht umsonst gibt es das Phänomen „Troll“, also Menschen, die sich einen Sport daraus machen, andere zu beleidigen.

Und es gibt wahrscheinlich einen Haufen solcher Typen dort draußen, im „WWW“ zeigt sich das in trauriger und erschreckender Weise. Entweder findet man dort alles ganz toll oder bezeichnet alles als totalen Schrott. Im Internet gibt es keine Grautöne. Wo kämen wir da auch hin? Schwarz oder weiß lautet die Devise. Das sehen Sie auch in jedem Nachrichtenforum. Diese virtuelle Welt hat schon Jugendliche in den Tod getrieben. Wie bemitleidenswert sind doch jene, die glauben, auf diesen Plattformen echte Freunde zu finden.

Was machen Sie, wenn Sie einen echten Freund verlieren, der Ihnen viel bedeutet? Twittern sie einen Tweet oder posten Sie die Neuigkeit bei Facebook? Oder reichen Sie ihm die Hand, in der Hoffnung, dass Sie nach einem Gespräch „gereinigt“ die Chance wahrnehmen können, neu zu beginnen?

Ein dummer Fehler, behaupten Sie? Warum glauben Sie das? Weil der Begriff Verlust für jeden von uns eine andere Bedeutung hat. Vielleicht ist für Sie Verlust gekoppelt an Verlassenheit, die Sie als Chance betrachten, alte schmerzhafte Gefühle aus Ihrer Vergangenheit endlich zu verarbeiten, Gefühle, die womöglich viele Jahre zurückliegen. Vielleicht ein nicht verarbeitetes Kindheitstrauma, das plötzlich an die Oberfläche kommt. Nur gelingt Ihnen das nicht. Und dann kommt ein Freund und hält Ihnen den Spiegel vor. Schluss mit lustig.

Was ist los mit Ihnen? Sind Sie irritiert? Stellen Sie fest, dass sich Ihr Verhalten nach einem klärenden Gespräch nicht verändert hat? Nein, Sie verstehen sich trotz des Gespräches nicht mehr. Die Freundschaft weist tiefe Risse auf. Das Spüren, und vor allem das Ausdrücken von Bedürfnissen und Wünschen, besonders wenn es um Nähe und Zuneigung geht, verleugnen Sie nun und warten lieber ab, was der Freund von sich aus bereit ist zu geben.

Seien Sie doch einmal ehrlich. Bei Facebook wäre Ihnen das nicht passiert. Sie legen sich einen Nicknamen zu, legen los, trollen durch die virtuelle Landschaft und sind erstaunt über Ihre Wortfindungswahl, wenn es um Beschimpfungen geht. WORD-Thesaurus und die DUDEN-Synonymkiste helfen dabei gerne.

Warum sprechen Sie nicht mit Ihrem Freund? Vielleicht aus Scham? Weil Sie wissen, dass Scham auch ein Risiko beinhaltet, nämlich die Angst vor Ablehnung durch andere, sich bloßzustellen, um gekränkt und verachtet zu werden und als liebenswerte Person zu verschwinden. Sie stellen plötzlich fest, dass Sie auf die Spiegelung und Bestätigung durch andere angewiesen sind.

„Ja, dann gehe ich doch lieber zu Facebook“, werden Sie sich sagen. „Die kennen mich nicht.“ – Noch nicht!

Der Verlust eines echten Freundes bringt in Ihnen das verzweifelte Kind zutage, das nach Anerkennung und Spiegelung seiner Identität hungert. Dabei wollen Sie sich nur angenommen fühlen. Holen Sie sich diese Anerkennung bloß nicht bei Web on Demand.

Ein Mensch mit stabilem Selbstwertgefühl wird auf Verhaltenskritik traurig oder zornig reagieren. Das ist sein gutes Recht. Beantworten Sie niemals Kritik, indem Sie zu Facebook gehen, um Ihr Gegenüber zu verunsichern. Dort können sie ihr Selbstwertgefühl nicht auf ewig aufrechterhalten. Dort werden sie eines Tages laut brüllen: „Holt mich hier raus!“

Wenn Ihr Freund aus der realen Welt dann vor Ihrer Tür steht, bitten Sie ihn herein und lassen Sie ihn nie wieder los.

Und noch eins sollten Sie nicht vergessen. Wenn zwei Menschen stets die gleichen Ansichten haben, ist einer von ihnen überflüssig.