In Sachen Körperlotion
Herr Asche und Frau Willnochmehr
Warum müssen Rentner ihre Geldbörse immer dann nach Kleingeld durchwühlen, wenn an der Supermarktkasse eine riesige Schlange hinter ihnen steht? Warum planen sie einen Besuch auf dem Wochenmarkt und parken ihren Wagen nicht vorschriftsgemäß in einer Parklücke? Wenn Rentner es nach ihren Einkäufen eilig haben, können furchtbare Dinge geschehen. Zum Beispiel können sie beim Ausparken die Kontrolle über ihr Fahrzeug verlieren und in die Menge am Gemüsestand fahren, vor lauter Schreck danach Vollgas geben und vorwärts auf das Marktgelände rasen – durch eine Gasse, die von insgesamt sieben Marktständen am Ende des Platzes gebildet wird. Dann geraten sie hinter dem Steuer völlig außer Kontrolle, sie rasen völlig konfus weiter und rammen mit ihrem Wagen mehrere Stände. Ihre Amokfahrt endet damit, dass sie frontal in einen Bäckereiwagen fahren, in dem eine Mitarbeiterin gerade mehrere Kunden bedient. Brote und Kuchen schleudern durch den Verkaufsanhänger.
Nein, das glaube ich nicht, werden Sie jetzt sagen. Glauben Sie es ruhig. Ist vor einem Jahr in Hollys Städtchen geschehen und der Ehemann von Frau Willnochmehr saß damals am Steuer. Seien Sie also auf der Hut. Der Besuch des Wochenmarktes steht in jeder Rentneragenda.
Heute traf Holly auf dem Wochenmarkt Herrn Asche, der sie hin und wieder in Sachen wohlriechender Hautpflege berät. Er stand am Gemüsestand und war in Begleitung seiner Schwester, Frau Willnochmehr. Seit Holly Herrn Asche kennt, weiß ihr Ehemann, welche Jahreszeit wir haben: Das frühlingshafte Maiglöckchen löst winterlich Zimtiges ab und das Apfelodeur des Herbstes den sommerlichen Orangenduft. Herr Asche ist ein Fachmann auf dem Gebiet duftender Körperlotionen, da er seine Schwester häufig in die Parfümerie begleitet.
Während Herr Asche mit seiner Schwester shoppt, macht es sich ihr Ehemann im Sessel vor dem Fernseher bequem. Seit dem Desaster vor einem Jahr meidet er den Wochenmarkt. Außerdem kann er dann ohne Störung und nach Herzenslust durch die Sportkanäle zappen, Sudoku-Rätsel lösen oder den Terminplan der Müllentsorgung aktualisieren. Der Dienstag wird gelb markiert, gelb steht für die gelbe Tonne, am Mittwoch trägt er das G für die graue ein und den Freitag ziert ein grünes T für Gartenabfälle.
Früher hat er vor dem Abtransport hin und wieder einen Blick in die Tonne geworfen, da Frau Willnochmehr die Mülltrennung nur bedingt beherrscht. Doch irgendwann wurde es ihm zu viel. Heute seufzt er nur über sein altes Mädchen. Da macht er es sich lieber auf dem Sofa gemütlich, denn ein Blick in die Mülltonne bekommt seiner Linksherzinsuffizienz überhaupt nicht.
„Sportsendungen sind auch anregend, Schatz“, sagt er und zwinkert seiner Frau zu, als sie das Haus verlässt. Er lässt sie gerne gehen, denn Frau Willnochmehr wird mit Sorgfalt wieder eine wohlriechende Körperlotion aussuchen. Schließlich könne sie in der Nacht einen Herzinfarkt bekommen, aber dann würde sie dabei wenigstens gut riechen, hat sie einmal gesagt. Er jedenfalls liebte es, nachts neben seiner warmen, duftenden Herzensdame zu liegen.
An diesem Freitag gingen Herrn Asche allerdings andere Dinge durch den Kopf. Ihm war heute nicht nach Körperlotion zumute, gestand er Holly. Er war auf der Suche nach einem Innenarchitekten, dem er die Renovierung seines Hauses nach der Feng-Shui-Methode anvertrauen konnte. Die einschlägige Literatur für die Umgestaltung der Wohnräume ließ nur chinesische oder japanische Vorschläge zu. Dabei half ihm seine Schwester, die einst in der Parfümerie Lotusblüte den Architekten Gropius Teuer kennengelernt hatte.
Frau Willnochmehr war froh, sich endlich einmal bei ihrem Bruder revanchieren zu können. Schließlich lockte der Duft ihrer Körperlotion den Ehemann von Bier und Korn und Sportschau weg ins Ehebettchen.
Liebe geht eben nicht nur durch den Magen.
Was will man mehr.