Katastrophennotfallplan
Ein Dortmunder Geburtsexemplar
Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass eine Woche im Nu vergeht, wenn in dieser Woche nichts Außergewöhnliches geschieht? Am Samstag fragen Sie sich dann: Was habe ich in den vergangenen sieben Tagen eigentlich gemacht? Manchmal können Ihnen aber auch schon drei Tage wie eine Ewigkeit vorkommen. Das sind jene Tage, an denen zu viel passiert. Wie diese drei Tage mit Sue-Ellen Forsch im vergangenen Winter, die mit einem Besuch in Mausbach begannen.
Kennt jemand diese Stadt? Nein? Niemand? Mausbach nicht zu kennen, ist gewiss keine Bildungslücke, aber den Karneval oder Fasching, oder wie auch immer die dortigen Damen ihre Jubelausbrüche in merkwürdiger Kleidung nennen, sollten Sie vielleicht doch mal kennenlernen.
Sue-Ellen, ein Dortmunder Geburtsexemplar, hat ein recht nüchternes Gemüt und lehnt den Mausbacher Narren-trubel ab. Na ja, sie mag ja auch keine Klatschbasen, und dort wimmelt es nur so von Damen mit ihren Hast-du-schon-gehört?- oder Nein-stimmt-das-wirklich?-Fragen. Dafür hat Sue-Ellen nun gar keinen Sinn. Bügeln ist auch nicht ihr Ding, ihre T-Shirts heben sich daher von ihrem noch recht glatten Teint ab. Wenn sie etwas mit Befremden wahrnimmt, lautet ihr Lieblingsspruch im Ruhrgebietsdialekt: „Wat is dat denn?“ Dabei schaut sie über den Rand ihrer Brille, als wäre sie Fräulein Adèle aus dem Salem-Internat.
Das tat sie auch, als wir in besagtem Ort beim Italiener auf Käthe Bonsai im Faschingsdress trafen: ein laufender Meter im Trachtenlook. Ein Anblick, der Sue-Ellen die Sprache verschlug und Holly einen Kommentar von Klara einbrachte: „Konntest du das nicht verhindern?“
Mit offenem Mund starrte Sue-Ellen Käthe an und nicht einmal ein „Wat is dat denn?“ kam über ihre Lippen.
Klara Rose-Blum lief an diesem Abend mit einem offenherzigen Dekolletee herum, und ihre Halskette – ein Kreuz des Südens, das an Fluch der Karibik erinnerte – umspielte ihr Brustbein. Sie beschwerte sich über den Blick von Rhett Butler, der ihr in den Ausschnitt starrte und grinste: „Hast du neue Peeptoe-Schuhe?“
Klara, du alte Heuchlerin. Mädels, die Wonderbras tragen und tiefe Dekolletés zeigen, verlieren das Recht, sich zu beschweren, dass sie angestarrt werden! Aber dieses Outfit war immerhin erträglich. Käthes Trachtenlook hingegen wurde an diesem Abend „schöngetrunken“.
Was aber bringt am nächsten Morgen ein Gespräch beim gemeinsamen Katerfrühstück in Gang? Na klar: Klamotten! Das klappt immer und bringt die Vertrautheit vom Vorabend wieder zurück. Holly weigerte sich allerdings, Sue-Ellens Meinung zum Thema Mode zu kommentieren. Erst sollte sie mal ihre T-Shirts bügeln. Tat sie auch prompt.
Danach war ein Besuch bei Herrn Habgenug in der Alzheimer-Klinik geplant. Er erkannte uns an unserer Haarfarbe, die uns ein Begrüßungsbussi einbrachte – ein schönes Gefühl. Als wir mit ihm zu einem Spaziergang aufbrachen, blieb er im Korridor vor dem Spiegel stehen und behauptete, den Mann im Spiegel zu kennen.
„Ein Kollege von der Sparkasse“, sagte er und lächelte vergnügt. Dann machte er uns auf eine ältere Dame aufmerksam, die ihn freundlich begrüßte. Er zeigte ihr jedoch den Stinkefinger und meinte, dass die Menschen dieser Station alle verrückt seien. Als wir nach unserem Spaziergang an der alten Dame vorbeikamen, sprach sie nun mit ihrem Spiegelbild und erzählte ihm, dass ihr verstorbener Erich Ähnlichkeiten mit dem Stinkefinger-Frauenschwarm hätte. Oh … Erich war also ein Schwerenöter.
Die Situation erinnert uns zwangsläufig an den Film „Einer flog über das Kuckucksnest“. Der Spiegel ist ein akzeptabler Kommunikator für Demenz-Kranke, denn er gibt niemals Widerworte. Und im Umgang mit Alzheimer-Patienten lautet das oberste Gebot: Widersprich niemals. Als wir uns von Herrn Habgenug verabschiedeten, ahnten wir, dass es ein Abschied für immer sein würde.
Die zweite Station in dieser Woche war ein Ayurveda-Hotel in Affental. Kennen Sie das? Sie betreten ein Hotel – ein altes Gemäuer – und glauben, Sie befänden sich in einer Gruft. Statt Ayurveda sei Probeliegen auf dem Friedhof angesagt. Nach der ersten Anwendung war Sue-Ellen rot gescheckt. „Altersgruft, keine Fitness, nix! Hier stinkt's“, meckerte sie. „Wat is dat denn? Hier bleib ich nicht! Basta. Diese Esoterikfreaks haben alle einen Schuss!“ Resolut packte sie wieder ihre Koffer.
Aber wie kommt man kostengünstig aus einem Arrangement wieder raus? Holly hat für solche Fälle immer eine wirksame Lösung. Irgendjemand in der Verwandtschaft muss dann dran glauben. Holly ist wirklich gut darin, Familienmitglieder sterben zu lassen, wenn ihr ein Hotel nicht gefällt. Sie holt den verstorbenen Onkel oder die Tante aus ihrem Grab und lässt sie erneut einem Unfalltod sterben.
„Sag, sie sind alle beim Verkehrsunfall ums Leben gekommen! Bloß weg hier!“ Alle sind aber eindeutig einige zu viel. Eine Tante tat es auch. Sue-Ellen konnte es kaum erwarten, den Ort des blanken Horrors zu verlassen und hatte es so eilig, dass sie vergaß, ihre Koffer ins Auto zu legen.
O Mann!
Was macht man, wenn drei frustrierte Tage hinter einem liegen? Man geht ins „Café Wichtig“. Sue-Ellen, noch immer rot gescheckt von Ayurveda, brachte uns Aftersun-Bemerkungen ein: „Mann, habt ihr aber Farbe bekommen!“
Sollen wir sagen, dass es Ruß ist, Sue-Ellen?
Wir zogen von dannen, ab ins Kino, aber ... Nach fünfzehn Minuten Langeweile in „Lost in Translation“ und fünfzehn weiteren mit „Cold Mountain“ kam endlich der Aufschrei: „Wat is dat denn?“
„In einem Kinosaal läuft noch ein Film mit Jack Nicholson“, antwortete Holly kleinlaut. Gott sei Dank. Der Abend war gerettet. Sue-Ellen mag Jack Nicholson.
Am Freitag fuhr Holly mit Sue-Ellen nach Den Haag. Eine blöde Idee, eine wirklich blöde Idee, denn draußen herrschte das reinste Winterchaos. Den Haag sollte Sue-Ellen entschädigen, mit seinen Museen, die mit Treppen ausgestattet sind, die zu Höfen werden. Diese führen wiederum zu
Zimmern. Es sind lauschige, in „Hofjes“ versteckte gartenartige Höfe. Und ein Gartenhof, wie er idyllischer nicht vorstellbar ist. Niedliche Häuschen, die ihn umstehen, beherbergen dort unverheiratete Frauen, und das schon seit Jahrhunderten: die Beginen. Vielleicht wäre das auch ein neues Plätzchen für klimaterische geschädigte Witwen.
Aber … keine Höfe, keine lauschigen Plätzchen, kein Museumsbesuch, stattdessen blieb man im Schnee stecken.
Arme Sue-Ellen!
Später:
„Sue-Ellen, kannst du dieses blöde Handy nicht mal ausschalten. Mit wem telefonierst du denn die ganze Zeit?“
„Mit meinem Mann, Holly. Er hat vor einer Stunde angefangen, die Blumen zu gießen und er ist noch nicht fertig.“
Aber du hast doch nur eine Pflanze! „Du Ärmste. Ist es immer noch so schlimm?“
„Schlimmer.“
Hm …Versteh, dachte Holly und löschte das Licht.