Der Dieb

Vignette

Sonntag, 8. September 1619

Alyss hatte keine Ahnung, wie spät es war, als sie im Zelt der Schausteller aufwachte. An einem der Pfosten hatte man eine Lampe aufgehängt, in der eine Kerze flackerte. Das schummrige Licht warf geheimnisvolle Schatten an die Wände. Durch den Spalt in der Zeltplane drangen keine Sonnenstrahlen mehr, sondern nur dunkle Nacht. Hatte sie tatsächlich den ganzen Tag im Jahrmarktszelt verschlafen? Als sie sich aufsetzte, begann alles um sie herum zu kreisen, ihr Schädel brummte. Dann erklang ganz aus der Nähe ein Trommelwirbel, gefolgt von lautem Klatschen, Pfeifen und Bravorufen. Die Vorstellung hatte begonnen.

Ob es doch ein Fehler gewesen war, einem Wilden aus Virginia, einer falschen Fee und einem Riesen zu trauen? Hatten sie ihr möglicherweise statt eines Schmerzmittels ein Schlafmittel verabreicht? Vielleicht wollten sie sie betäuben, um sie später als Abendessen zu verzehren. Sie musste so schnell wie möglich hier raus.

Behutsam tastete Alyss ihren Knöchel ab. Die Schwellung war abgeklungen, doch als sie sich langsam an der Truhe hochzog und ihr Gewicht vom gesunden auf den verletzten Fuß verlagerte, tat er weh. Kein scharfer Schmerz mehr wie zuvor, aber immer noch ein unangenehmes Ziehen. Weit würde sie damit nicht kommen. Wieder begann das Zelt um sie zu kreisen. Die Hände an den Schläfen, lehnte sie sich an die Truhe. Was war nur los mit ihr?

Sie hatte keine Ahnung, wie viel Uhr es war. Vermutlich würde die Brücke schon bald wieder für die Nacht geschlossen werden, und Geld für eine Fähre hatte sie nicht. Bisher war wirklich nichts wie geplant gelaufen. Ob Sir Christopher ihr ohne den Salamander überhaupt helfen würde? Würde er tatsächlich einem Mädchen in schmutzigen Jungenhosen glauben, dass sie Ralph Sinclairs Tochter und dass Onkel Humphrey hinter Vaters Besitz her war? Nach einer Weile legte sich das Schwindelgefühl. Sie spürte nur noch, wie das Blut durch den Knöchel pulsierte, und schmeckte den leicht bitteren Geschmack der Medizin auf ihrer Zunge. Vielleicht war es doch nicht so schlimm, hier zu bleiben und bis zum nächsten Tag zu warten. Und morgen würde es ihr sicher viel besser gehen.

Der Geruch von Essen ließ Alyss plötzlich das große Loch in ihrem Bauch spüren. Durch den Spalt in der Zeltleinwand strömte der würzige Duft von gebratenem Spanferkel, gemischt mit dem süßen Hauch von karamellisiertem Zucker, in den Äpfel am Stiel getaucht wurden. Sie hatte seit dem Vorabend nichts mehr gegessen. Wenn der Dieb ihren Beutel nicht gestohlen hätte, wäre das kein Problem. Sie würde sich einfach eine Portion knuspriges Fleisch kaufen und als Nachtisch einen Zuckerapfel. Das Wasser lief ihr im Mund zusammen. Doch all diese Träumereien hatten keinen Sinn, denn sie besaß keinen Penny mehr. Ob es hier im Zelt etwas zu essen gab? Wenn die Schausteller hier schliefen und ihre Requisiten aufbewahrten, lagerten sie sicher auch ihre Vorräte hier. Irgendwo musste es doch etwas Essbares geben. Neugierig blickte sie sich um.

An einer Holzstange, die an zwei Ketten vom Dach des Zelts baumelte, waren bunte Röcke, Hosen, Hemden und Blusen aufgehängt. Eine Hose war so riesig, dass man zwei Personen gleichzeitig damit bekleiden konnte, ein Rock so winzig, dass er nur groß genug für eine Puppe schien. An einem Haken daneben flatterten mehrere glitzernde Flügel. Wenn man genauer hinsah, konnte man jedoch erkennen, dass es sich nur um Rahmen aus Draht handelte, die mit durchsichtigem Stoff bespannt und mit Perlen bestickt waren. Alyss erhob sich langsam und humpelte um die Truhe herum. Unter dem Deckel quollen Perücken, Hüte und Schuhe hervor. Vermutlich musste sich das Trio, wie im Theater, für jede Schau anders verkleiden.

Vor der gegenüberliegenden Zeltwand war mehr Stroh auf dem Boden ausgebreitet. Darauf lagen Decken. Es sah wie ein Schlafplatz aus. Essbares gab es auch dort nicht. In der Mitte des Zelts, an einem der Pfosten, lehnte ein Köcher, in dem ein Bündel Pfeile steckte. Der Behälter war mit Muscheln verziert und sah viel schöner aus als der lederne Köcher, in dem ihr Vater seine Pfeile für die Jagd aufbewahrte. Neben dem Köcher lehnte ein großer Bogen. Alyss fuhr mit der Hand die Sehne entlang. Vater hatte versprochen, dass er ihr zeigen würde, wie man mit Pfeil und Bogen umgeht, wenn er von seiner Reise zurückkam. Doch daraus war nichts geworden. Eines Tages würde sie es trotzdem lernen, denn immerhin war Bogenschießen neuerdings auch bei den feinen Damen beliebt. Neben dem Bogen standen mehrere Speere. Gleich davor lag ein Stapel Äxte, daneben stand ein Korb, in dem Messer blinkten. Wieder begann sie zu zweifeln, ob sie hier im Zelt sicher war. Wozu brauchten reisende Schausteller so viele Waffen?

Beinahe wäre sie über ein zusammengerolltes Seil gestolpert, das vor ihr auf dem Boden lag. Im letzten Augenblick hielt sie sich an einer Kiste fest. Sie schrie auf. Direkt vor ihr saß eine Raubkatze. Sie thronte zähnefletschend auf dem Kasten und blickte Alyss regungslos aus ihren funkelnden Augen an. Erst als sich das Tier einen Augenblick später immer noch nicht rührte, bemerkte Alyss, dass es ausgestopft war und die Glasaugen nur das Licht der Lampe reflektierten. Erleichtert atmete sie auf. Es handelte sich wohl nur um eine weitere Requisite, die für eine der Vorstellungen gebraucht wurde. Doch etwas zum Essen konnte sie nirgendwo finden.

Wieder hörte sie lautes Klatschen und Bravorufe. Danach klar und deutlich die Stimme des Mannes, der die Schausteller zur Arbeit angetrieben und den der Riese Tubney genannt hatte. Sie kam von der anderen Seite eines Durchgangs, der mit einem Vorhang aus Perlenschnüren verhängt war. Offenbar führte er zur Bühne oder in den Zuschauerraum.

»Nehmen Sie sich in Acht, meine Herrschaften«, kündigte der Direktor der Raritätenschau seine nächste Vorstellung an. »Der wilde Mann aus Virginia wird nicht umsonst Sassacomuwah genannt. In seiner Sprache bedeutet das ›Schlange‹. Wie eine giftige Schlange schlägt auch er zu, wenn es niemand erwartet. Sie werden Ihr Eintrittsgeld nicht bereuen und noch viele Jahre Ihren Freunden von dieser einmaligen Sensation berichten.«

»Na, dann soll er uns endlich mal zeigen, was er kann«, rief ein Mann aus dem Publikum. Er klang, als hätte er bereits mehrere Krüge Bier getrunken. »Ich will für mein Geld auch was sehen.«

»Genau!«, stimmte ein anderer ein. »Los, Dickerchen, lass den Menschenfresser los.«

Tubney ignorierte die vorlauten Zuschauer und fuhr fort: »Sassa, vom Stamm der Powhatan, ist ein Künstler im Beilwerfen. Er schafft es, die indianischen Kriegsbeile präzise auf sein Ziel zu werfen, und unsere Zielscheibe wird heute die winzige Prinzessin Aurelia aus dem Land der Feen sein. Die winzigste Frau, die Sie je gesehen haben, ist gleichzeitig die tapferste. Sassa wird die Beile um die winzige Frau herum ins Holz der Zielscheibe schleudern. Doch seien Sie gewarnt. Der Indianer braucht dazu höchste Konzentration. Auch nur ein Geräusch, und sein Kriegsbeil könnte das Ziel verfehlen und statt in der Zielscheibe im Herzen der Prinzessin landen. Oder im Zuschauerraum«, fügte er leiser hinzu. »Vergessen Sie nicht: Die Streitaxt ist die tödlichste Waffe der Indianer.« Ein Trommelwirbel erklang.

Alyss war neugierig geworden. Alle Angst wie weggeblasen, humpelte sie auf den Perlenvorhang zu. Vielleicht konnte sie durch die Schnüre erkennen, was dort vor sich ging. Doch im nächsten Augenblick stapfte Hector, der Riese, durch die Öffnung. Er musste sich bücken, um hindurchzupassen. Ohne auf Alyss zu achten, packte er die Äxte, die neben dem Korb mit den Messern lagen, und war bereits wieder durch die Öffnung verschwunden. Nur die Perlenschnüre schwangen noch leise klimpernd hin und her. Zwischen den Perlen konnte Alyss tatsächlich in den Zuschauerraum blicken. Auch hier waren die Wände aus Leinwand. Nur die Vorderwand der Bude schien aus einer Holzwand zu bestehen. In dem Raum waren mehrere Reihen Bänke aufgestellt. Die Vorstellung schien ausverkauft zu sein, denn jeder Platz war besetzt. Manche Leute hatten sogar keinen Sitzplatz mehr erwischt und mussten stehen. Wieder ertönte ein Trommelwirbel.

Da Hectors riesige Gestalt ihr die Sicht versperrte, konnte Alyss die erhöhte Bühne auf der linken Seite nur teilweise sehen. Doch zwischen Hectors Beinen hindurch sah sie den Indianer. Im Licht der Fackeln, die am Rand der Holztribüne aufgestellt waren, sah er noch furchterregender als am Vormittag aus. Sein Gesicht war verzerrt und er blickte wild um sich. Hector hatte ihm eines der Beile gereicht, und der Wilde begann, seine Knie fast bis zum Kinn zu heben und dazu rhythmisch mit den Füßen zu stampfen. Dabei stieß er in kurzer Folge kreischende Schreie aus, die es Alyss kalt über den Rücken laufen ließen. Das Kriegsbeil in seiner Hand schwang er drohend um den Kopf, während er immer schneller im Kreis tanzte. Das laute Trommeln seiner Füße auf dem Holzpodium schwoll immer mehr an, bis er plötzlich innehielt. Es war mucksmäuschenstill, fast hätte man eine Stecknadel fallen hören können, wenn nicht von draußen fröhliche Stimmen in die Schaubude gedrungen wären.

Alle Zuschauer, selbst die beiden vorlauten Männer, hatten sich inzwischen Master Tubneys Warnung zu Herzen genommen und gaben keinen Laut mehr von sich. Sie blickten erwartungsvoll zur Bühne, nur ein kleiner Junge in der ersten Reihe hatte seinen Kopf im Schoß seiner Mutter vergraben.

Und wo war Prinzessin Aurelia? Zunächst konnte Alyss die Fee nicht sehen. Erst als sie ihren Kopf durch den Vorhang steckte, entdeckte sie die winzige Gestalt auf der anderen Seite der Bühne. Sie war an eine runde Schießscheibe gefesselt, die ringsum von Fackeln erleuchtet war. Master Tubney stand einige Schritte entfernt. Sassa blickte in Richtung Scheibe und begann die Axt mehrmals in hohem Bogen um seine Schulter kreisen zu lassen, bevor er sie plötzlich losließ. Das Kriegsbeil sauste, um sich selbst rotierend, auf die Prinzessin zu, und die scharfe Kante versank dicht neben ihrem Kopf im Holz. In rascher Folge flogen weitere Äxte auf Aurelia zu. Gleichzeitig fing Master Tubney an, die Drehscheibe anzustoßen. Schneller und schneller wirbelte sie, während Sassa ein Geschoss nach dem anderen über die Bühne jagte. Dann kam die Scheibe langsam zum Stillstand. Sassa verbeugte sich vor dem Publikum und befreite die zierliche Frau. Aurelia machte einen kleinen Knicks. Die jubelnden Zuschauer applaudierten.

Weitere Vorführungen folgten, doch Alyss fand keine so atemberaubend wie Sassa und seine fliegenden Kriegsbeile. Als Nächstes wurde Hector von Master Tubney als stärkster Mann der Welt angepriesen. Er hob den Direktor des Raritätenkabinetts mit einer Hand hoch, als sei er ein Fliegengewicht. Zum Abschluss flog Aurelia singend über die Bühne. Die Zuschauer hielten staunend den Atem an. Selbst der kleine Junge in der ersten Reihe folgte mit offenem Mund der Vorführung. Da der obere Teil der Bühne nur schlecht beleuchtet war, konnte man vom Zuschauerraum sicher nicht sehen, was Alyss sah. Am Rücken der Fee war ein Seil befestigt, das durch einen Eisenring an der Decke führte. Unsichtbar, hinter einer Trennwand, die mit goldenen Sternen bemalt war, stand Hector. Wenn er am Seil zog, begann Aurelia zu schweben. Als sie ihr Lied beendet hatte und wieder sicher auf beiden Beinen stand, folgte abermals brausender Applaus. Danach war die Vorführung zu Ende. Der Direktor und seine Schausteller verbeugten sich, und die Zuschauer begannen, auf den Ausgang der Bude zuzuströmen. Dabei konnte Alyss einige Gesprächsfetzen aufschnappen.

»Das war den Penny wert«, erklärte ein junger Mann.

»Und ob«, erwiderte ein anderer. »Viel besser als die Meerjungfrau in der Bude neben der Wahrsagerin. Ihr Schwanz war nur angeklebt.«

»Tatsächlich?«

Der andere nickte. »Ich habe sie nach der Schau mit zwei Beinen herumspazieren sehen. Zwar hatte sie ihre grüne Perücke abgelegt, doch ich habe ihr Gesicht erkannt.«

»Du solltest dein Geld zurückverlangen«, war das Letzte, was Alyss den jungen Mann noch sagen hörte, bevor seine Stimme vom Gemurmel der anderen Besucher verschluckt wurde.

»Ich gehe noch kurz in die Schenke«, kündigte Tubney gleich darauf seinem Personal an. »Räumt auf und richtet die Bühne für morgen her. Meine liebe Gattin hat mal wieder Kopfweh und hat sich bereits schlafen gelegt. Stört sie nicht.« Er drängte sich an den Zuschauern vorbei auf die Straße hinaus.

Obwohl noch nicht alle Besucher den Raum verlassen hatten, fingen die drei Schausteller an, die Bühne aufzuräumen. Alyss erwog gerade, ob sie ihnen helfen oder sich lieber in den Seitenraum zurückziehen sollte, als sie im Gedränge am Ausgang einen roten Haarschopf entdeckte. Der Junge, der sie gestern angerempelt und ihren Beutel gestohlen hatte, hatte die gleichen feuerroten Haare. Aber London war eine große Stadt. Der Zufall wäre zu groß, ihn hier wiederzusehen. Jetzt schob er sich dicht hinter den Mann, der seinem Freund von der falschen Meerjungfrau erzählt hatte. Zuerst sah es so aus, als ob er sich an ihm vorbeidrängen wollte, doch dann erkannte Alyss, was der Junge vorhatte. Zwischen seinen Fingern, kaum sichtbar von den langen Hemdärmeln verborgen, sah sie die Spitze eines Messers blinken. Der Dieb! Er war schon wieder dabei, einen ehrlichen Menschen zu bestehlen. Und bevor es dem Jungen gelang, den Beutel des Mannes abzuschneiden, war sie durch den Perlenvorhang in den Raum gestürzt. Obwohl jeder Schritt schmerzhaft war, hinkte sie so schnell sie konnte um die Bänke herum auf den Jungen zu.

»Haltet den Dieb!«, rief sie. »Haltet den Dieb!«