10. Die Brodlyn-Zwillinge



Mitte Juni 2011

Drei Wochen sind vorüber. Klaus hat intensiv an einer kleinen Vorrichtung zur Erzeugung von Para-Abwehrstrahlung gearbeitet und sie als Ergänzung eines e-Helpers als Prototyp fertig gestellt. Er gibt eines der beiden Exemplare Marcus und erklärt ihm, auf welchen Knopf er drücken muss, um die Anti-Strahlung zu aktivieren. Wenn er dies tut, wird ein Steinchen aus Silatraviat mit Röntgenstrahlen beleuchtet und erzeugt dadurch die »frequenzvariable« Abschirmstrahlung. Der Silatraviatkern ist so geformt und die Röntgenstrahlquelle so dosiert, dass die Anti-Strahlung in etwa einen Menschen umhüllt. Ohne dass er dies Marcus erzählt, hat er auch ein größeres Modell gebaut, das allerdings fast 50 kg wiegt, mit dem eine Fläche von fast 50 Quadratmeter überdeckt werden kann. Im Gegensatz zu Marcus hat Klaus Bedenken wegen der ungehemmten Suche nach weiteren Para-Begabungen, ohne sich gegen solche auch schützen zu können.

Klaus hat das e-Helper-Modell mit der Anti-Para-Strahlung-Vorrichtung an sich und Barry ausprobiert. Wenn Klaus es benutzt, kann Monika ihn nicht mehr orten und Lena bekommt keinen Eindruck mehr von seinen Gefühlen. Wenn Barry es benutzt, kann er keinen Para-Barry mehr materialisieren lassen. Auch die T-Kraft von Marcus wird durch den Mechanismus stillgelegt. Trotzdem ist Klaus nicht zufrieden. Die Röntgenstrahlen, die er verwendet, sind für den Träger bei öfteren Einsätzen nicht ungefährlich und benötigen viel Energie, d. h., der Akku ist relativ bald erschöpft. Und ob die Anti-Strahlung wirklich gegen alle Arten von Para-Begabungen funktioniert, ist unbekannt.

Aus dem ursprünglich kleinen Ausflug nach Rotorua ist eine Art »Betriebsausflug« geworden: Maria, Marcus und ihre Kinder, Barry und Monika, Sandra und Klaus (ja, man zählt sie schon als Paar) und Aroha kommen mit. Marcus ist stolz darauf, allen, die es noch nicht kennen, Rotorua zeigen zu können. Sie fahren mit mehreren Autos von Auckland nach Süden, kommen dabei natürlich auch an der Abzweigung zu den Glühwurmhöhlen von Waitomo vorbei, an die sich Maria und Marcus mit gemischten Gefühlen erinnern. Beim Blackwater-Rafting hatten sie seinerzeit ja nur durch den Einsatz ihrer Fähigkeiten einen tödlichen Unfall ihres Freundes Bob verhindern können1.

In Rotorua, wo man schon bei der Einfahrt den Geruch der vielen Quellen merkt und wo in den Parks an mehreren Stellen heißer Dampf aus Erdlöchern herauskommt, hat Marcus sie in dem alten Hotel direkt bei den heißen Quellen von Whakarewarewa angemeldet. Von den Zimmern kann man einige der Geysire direkt sehen. Whakarewarewa ist insofern beeindruckend, als in diesem Gebiet ein auch heute noch bewohntes Maori-Dorf liegt, wo man neben den Dampffontänen, Schlammvulkanen, immer wieder ausbrechenden Geysiren und den heißen Teichen, deren Böden durch Mineralablagerung in allen Farben von Gelb bis Rot schillern, auch Maori-Kultur und Maori-Tradition erleben kann.

Beim Durchstreifen des Geländes wird klar, warum sich hier schon bald Menschen angesiedelt haben. Die Tatsache, dass man neben normalem Süßwasser heißes Wasser ständig zur Verfügung hat, ist mehr als angenehm, kann an kälteren Tagen auch zum Aufwärmen verwendet werden und mildert die hier (im Inneren der Nordinsel) schon manchmal frostigen Wintertage.

Am Abend gehen sie zu einem Hangi, dem traditionellen Maori-Essen mit Tanzvorführungen. Solche Veranstaltungen werden von allen großen Hotels angeboten und Rotorua als eines der Touristenzentren der Nordinsel verfügt über viele. Aber die echtesten Vorführungen sieht man wohl in traditionellen Maraes, jenen Gebäuden, die typisch für alle Maorisiedlungen sind und die für informelle Zusammentreffen, aber auch Kulthandlungen verwendet werden.

Der Ohinemutu Marea liegt direkt am Rotorua See, welcher mit seiner kreisrunden Mokoia Insel und den vielen Legenden und Liedern über ihn und die Insel eine der Sehenswürdigkeiten der Kleinstadt ist. Bevor die Tänze beginnen, wird eine Person, stellvertretend für alle, von den Maoris begrüßt. Die Wahl fällt auf Klaus. Er wird in Maori-Art von mehreren über und über tätowierten Maoris mit drohenden Gebärden, Geschrei und ausgestreckten Zungen begrüßt, bis ihm schließlich ein kleiner Zweig mit grünen Blättern vor die Füße geworfen wird. Klaus hebt diesen, er wurde entsprechend gewarnt, langsam auf und drückt ihn an die Brust: das traditionelle Zeichen, dass er als Freund kommt. Diese Geste, aber auch die zum Teil langsam-traurigen, zum teil rhythmisch-schnellen Tänze, die bewegenden Lieder (Marcus hat Übersetzungen der Lieder kopiert und ausgeteilt) sind für alle in der Gruppe, die noch wenig Kontakt mit den Maoris hatten, ein guter Einstieg, diese Kultur kennen zu lernen, die ihnen im Laufe der Zeit immer mehr Respekt abringen wird. Auch Stephan und Lena sind begeistert.

1 Siehe »XPERTEN - 1: Der Telekinet«, Kapitel 11 [3].

Marcus erklärt, dass es neben Whakarewarewa2 noch drei große Gebiete mit vulkanischen Aktivitäten gibt, die im Prinzip ähnlich sind. Das touristisch besonders oft erwähnte »Hell‘s Gate« ist, abgesehen von einem Wasserfall mit kochendem Wasser, vielleicht am wenigsten sehenswert. Waimangu3, auf English Thermal Valley, zirka 20 km südlich von Rotorua, bietet neben den vulkanischen Erscheinungen einen schönen Spaziergang hinunter zum Lake Rotomohano, an dessen Ufer auch die berühmten weißen Sinterterrassen waren, die allerdings durch den Vulkanausbruch des Mt. Tarawerea im Jahre 1886 zerstört wurden. Zerstört und verschüttet wurde damals übrigens auch ein kleines Dorf samt Einwohnern, das »Burried Village«, das man heute meist besichtigt, indem man von Rotorua aus zuerst beim »Blauen See« und dann beim »Grünen See« vorbeifährt.

Mt. Tarawerea ist übrigens selbst auch einen Besuch oder einen Rundflug wert: Der Ausbruch erzeugte entlang der Gipfelkette einen riesigen Riss, der sich nie mehr schloss. Noch etwas weiter südlich als Waimangu liegt Waiotapu4. Dorthin führt Marcus sie alle am nächsten Morgen: »Wir müssen um 9 Uhr dort sein, da bricht einmal am Tage der Lady Fox Geysir aus«, erklärt er. Dieser Ausbruch gehört zu den eigentümlichsten Vorgängen. Man steht um einen vielleicht drei Meter hohen Kegel, aus dessen Spitze langsam heißes Wasser herausfließt. Um 9 Uhr kommt ein Aufseher und schüttet etwas Waschmittel (!) in das Wasser. Dieses verringert die Oberflächenspannung und nach einem allmählichen leichten Schäumen - kein Wunder bei dem Waschmittel! - beginnt eine zunehmend hohe, mächtige Wasserfontäne aufzusteigen, die dann beeindruckend lange und hoch riesige Mengen kochenden Wassers aus dem zunächst unscheinbaren Kegel ausschüttet.

2 Whakarewarewa ist ein Wort, das überraschenderweise nichts mit heißen Quellen oder Geysiren zu tun hat, vielmehr erinnert es an den Beginn einer Maori-internen Schlacht.

3 Waimangu kommt von Wai (Wasser) und mangu (schwarz).

4 Waiotapu heißt »Heiliges Wasser«, von Wai (Wasser) und tapu (heilig).



Die Entdeckung dieses Phänomens ist auf einige Arbeiter zurückzuführen, die im heißen Wasser ihre Wäsche wuschen, vor dem aufsteigenden Strahl erstaunt zurückwichen und dann Probleme hatten, ihre Kleidungsstücke wieder von den Bäumen herunterzubekommen, auf die sie durch den Ausbruch des Geysirs geschleudert worden waren!


Der anschließende Spaziergang durch die vielen vulkanischen Erscheinungen hier in Waiotapu, im »Thermal Wonderland«, ist wirklich spektakulär. Am Rückweg nach Rotorua zeigt Marcus noch einen weniger bekannten heißen See:

»Hier auf der Seite, wo wir stehen, ist das Wasser warm. Auf der anderen Seite ist es kochend heiß. Es fließt unterirdisch ab und taucht dann als Bach mit heißem Wasser wieder auf, ein Bach, der bei einigen kleinen Wasserfällen herrliche Tümpel bildet, mit einer natürlichen heißen Schwalldusche. Das ist recht spektakulär, nur leider heute schon so bekannt5 und daher oft voll von Leuten, dass man am besten am frühen Morgen hingeht, wenn man allein sein will.«

»Und in dem See kann man nicht baden?«, erkundigt sich Klaus.

»Doch, man kann, aber das Wasser ist recht trübe.« Klaus lässt sich nicht zurückhalten. Er entkleidet sich rasch, springt ins Wasser, ruft noch »herrlich heißes Wasser« und beginnt dann machtvoll Richtung anderes Ufer zu kraulen.

»Gib Acht«, schreit Marcus, »im Wasser können Äste sein, die du nicht siehst.« ... Aber es ist schon zu spät. Klaus streift mit einem Bein einen unter der Wasseroberfläche liegenden Ast, erschrickt, reißt den Fuß nach oben und reißt sich damit eine tiefe Fleischwunde in den Unterschenkel.

»Ich fürchte, ich habe mich verletzt«, ruft er und schwimmt vorsichtig zum Ufer zurück. Marcus hilft mit seiner T-Kraft, dass es Klaus leichter fällt und er sich nicht noch einmal verletzt. Marcus macht sich große Vorwürfe, Klaus nicht vorher gewarnt zu haben.

5 Der »Kerosene Creek«, also der Benzinbach, ca. 20 km südlich von Rotorua, war bis 1995 ein Geheimtipp und nur durch 90 Minuten Fußmarsch erreichbar. Im Jahr 2003 scheint er schon im offiziellen Führer von Rotorua auf und eine Straße führt bis auf 100 m an die schönste Stelle heran.

Als Klaus ans Ufer kommt, bietet sein Bein einen schlimmen Anblick: eine lange, tiefe, stark blutende Wunde und noch dazu mit schwarzem Schlamm vom abgestorbenen Ast verunreinigt. »Sandra, wir müssen Klaus sofort ins King-George-V-Spital nach Rotorua bringen. Ich fahre, weil ich den Weg kenne, du kümmerst dich um Klaus. Wir treffen uns alle dann wieder beim Hotel. Maria, willst du den anderen vielleicht noch den heißen Bach zeigen?«, meint Marcus. Sie verbinden die Wunde schnell und so gut es geht mit Taschentüchern und legen Klaus auf den Rücksitz des Autos; das verletzte Bein hält Sandra in die Höhe. Marcus fährt unerlaubt schnell. Klaus verliert viel Blut und nähert sich immer mehr der Bewusstlosigkeit. Marcus verwendet seine T-Kraft, um die Wunde möglichst zu schließen, damit Klaus nicht verblutet. Er spürt, dass dies unbedingt nötig ist, aber nur durch Erhöhung seiner Indiviualgeschwindigkeit ist er in der Lage, gleichzeitig mit höchster Konzentration zu fahren.

Die Aufnahme im Spital ist professionell schnell. Eine knappe Stunde später kommt ein noch bleicher Klaus in einem Rollstuhl, sein Bein in einem dicken Stützverband. Der Arzt berichtet:

»Es ist an sich nichts Aufregendes. Das Problem war, dass eine große Arterie aufgerissen wurde. Diese und die recht beachtliche Fleischwunde mussten wir nähen. Darum hat es etwas länger gedauert. Unser Patient hat einiges Blut verloren, aber das haben wir zum Teil nachgefüllt«, lächelt er, »Herr Neidly sollte heute eher Ruhe geben, den Rollstuhl braucht er nicht. Damit können Sie ihn aber jetzt zum Auto bringen. Er kann ab morgen wieder vorsichtig gehen. In einer Woche sollte er zur Kontrolle kommen, ob alles gut heilt, und die Fäden werden wir in zwei bis drei Wochen entfernen können.« Während Sandra Klaus zum Auto bringt, hält der Arzt Marcus zurück.

»Der Unfall ist bei dem heißen See nördlich von Waiotapu passiert?« Marcus bestätigt dies.

Der Arzt schüttelt den Kopf: »Kaum glaublich, dass Herr Neidly das so gut überstanden hat. Egal, wie schnell sie fuhren, sie müssen doch einige Zeit hierher gebraucht haben. Ich kann gar nicht verstehen, dass der Blutverlust nicht noch größer und dann schon bald kritisch gewesen ist. Ich würde sagen: Herr Neidly hatte einen Schutzengel.«

Marcus verabschiedet sich mit: »Danke für Ihre rasche Hilfe. Und wir hatten also viel Glück im Unglück, wie es aussieht.« Der Arzt nickt.

Beim Auto meint Marcus: »Entschuldige, Klaus, dass ich dich nicht rechtzeitig vor Holz in dem trüben Wasser gewarnt habe«, sagt Marcus.

Klaus lacht: »Sei nicht albern. Ich bin doch kein Kind. Wenn ich so dumm bin, in einem Wasser, wo man nichts sieht, wie verrückt loszuschwimmen, dann geschieht mir schon recht. Es tut mir Leid, wenn ich euch jetzt ein paar Tage behindere. Dafür muss ICH mich entschuldigen.«

Am Nachmittag gehen Maria und Marcus mit den Kindern in den Agrodome, wo die Kinder mit Schafen spielen und zusehen können, wie Schafherden von den kleinen Schafhunden getrieben und zusammengehalten werden, wie die Schafe geschoren werden usw. Es macht allen viel Spaß, besonders Stephan: Marcus hat große Probleme zu verhindern, dass Stephan mehr macht als ein bisschen Schabernack. Ein paar Mal machen Vater und Sohn, wie noch nie zuvor, Para-Zweikämpfe: Da lenkt Stephan etwa die Schafe so, dass sie fast den Hund überrennen - zur Verblüffung der Züchter und des Hundes -, aber Marcus greift im letzten Moment mit seiner T-Kraft ein und schiebt die Schafe in die Richtung, wo sie hingehören. Stephan und Marcus schauen sich an und biegen sich vor Lachen. Die um sie Sitzenden schauen verwundert, nur Maria und Lena verstehen, was los ist, und lachen mit. Als die Schafe alle ruhig auf einem Podest stehen, springen sie zum Entsetzen des Trainers - das haben sie noch nie gemacht! - herunter, laufen von der Bühne und ins Publikum. Marcus zwingt sie telekinetisch wieder auf die Bühne zurück.

»Stephan, es wird Zeit, dass du aufhörst Unsinn zu machen«, ermahnt ihn Marcus.

»Nur noch einen Trick, bitte, nur eine Kleinigkeit.« Und zum Erstaunen des Trainers laufen zwei Schafe gebückt unter ein drittes und tragen dieses, das ganz stolz schaut, auf ihrem Rücken über die Bühne. Marcus lacht.

»Okay, das war‘s für dich, jetzt zeig ich auch noch was.« Und mit seiner T-Kraft lässt er ein Schaf auf den Rücken eines anderen steigen, ein drittes noch darauf. Dieser Drei-Schafe-Turm läuft eine Ehrenrunde auf der Bühne.

Das Publikum ist von der Vorführung total begeistert. Die Trainer bekommen viel unverdientes Lob.

»So gut wie heute war die Show noch nie!« Die Trainer wissen nicht recht, wie ihnen geschieht. Sie verstehen nicht, warum ab nun bei jeder Vorführung zwei Schafe eines auf ihrem Rücken herumtragen. Sie können ja nicht ahnen, dass jemand diesen Schafen den immerwährenden Auftrag dazu gegeben hat. Sie werden aber durch diesen für sie selbst unverständlichen Dressurakt so berühmt, dass sie später auch ins Fernsehen kommen werden. Als dies Maria durch Zufall einmal sehen wird, wird sie gleichzeitig den Kopf schütteln und lächeln ...

Auf dem Weg zu einem frühen Abendessen im Food-Court in der Rotorua Central Mall sagt Maria zu Stephan:

»Also, wenn du je einen Job brauchst: Als Trainer im Agrodome wärest du eine Sensation.« Stephan nickt, aber er träumt von sehr viel größeren Dingen.

Beim Essen zuckt Lena zusammen.

»Da drüben, dieser Mann mit dem grünen T-Shirt und die Frau neben ihm, die ‚strahlen‘ ganz stark. Papa, Mama, ich habe Angst, das sind ganz böse Menschen.«

Maria und Marcus schauen sich an.

»Hab keine Angst, Lena, wir sorgen dafür, dass sie nicht nahe kommen. Aber wir werden herausfinden, ob sie in dieser Stadt wohnen.«

Als die beiden Menschen, die Lena geortet hat, Richard und Ann Brodlyn, den Parkplatz der Shopping Mall verlassen, sind Maria, Marcus und ihre Kinder hinter ihnen. Sie notieren sich die Nummerntafel des Autos - die beiden wohnen demnach in Rotorua! - und fahren mit einigem Abstand hinter her. Offenbar ahnen die beiden vor ihnen nichts von den Verfolgern. Sie fahren zielstrebig zur Taupo Road, biegen dort nach Norden ab, nach wenigen Kreuzungen in die Sunset Road und fahren dort ohne zu zögern in eine sich automatisch öffnende Garage einer großen Villa. Maria notiert die Nummer und zeigt Marcus in dem Apartmenthaus schräg gegenüber ein Schild, auf dem »Mehrere Wohnungen zu vermieten« steht.

»Das trifft sich gut.« Marcus will gleich stehen bleiben, um eine geeignete Wohnung anzumieten - man wird ja die beiden Para-Begabten einmal einige Zeit beobachten müssen -, aber Lena ist so aufgeregt und den Tränen nahe:

»Ich möchte hier weg. Das sind ganz, ganz böse Menschen.« Daher beschließt Marcus später alleine hierher zurückzukommen.

Maria und Marcus fragen Lena, was sie damit meint, dass die beiden ganz böse sind, aber Lena kann, fast erwartungsgemäß, nicht viel mehr sagen. Sandra, die sich viel mit Lena beschäftigt hat, hat ihnen ja schon vor Wochen sehr deutlich gesagt:

»Lena ist eine eigentümliche Emotiopathin. Sie spürt die Gefühle anderer Leute sehr stark, aber sie erkennt nur etwa zwanzig Kategorien wie ‚Schlafen‘, ‚Trauer‘, ‚Freude‘, ‚Abneigung‘, ‚Böse‘ usw. Bei mir ist es fast umgekehrt: Ich kann viel feiner unterscheiden, höre aber bei weitem nicht so ‚laut‘ wie Lena.«

Im Hotel wird ein ‚Kriegsrat‘ abgehalten. Als Ergebnis mietet Marcus eine Wohnung in dem Apartmenthaus, von wo aus man die Villa der beiden Para-Begabungen beobachten kann. Marcus geht unauffällig am Tor der Villa vorbei und prägt sich die Namen ein: Richard und Ann Brodlyn. Mit dieser Information fährt er zu einem Detektivbüro: Er gibt den Auftrag, sofort, aber unauffällig möglichst viele Informationen über die Familie Brodlyn zusammenzutragen.

Am nächsten Morgen bleibt Aroha bei Lena. Barry und Monika haben beschlossen, einen Ausflug zum Lake Taupo zu machen: »Wir bringen für heute Abend ein paar Forellen mit«, verabschieden sie sich fröhlich. Die anderen vier, auch der verletzte Klaus, fahren sehr früh zur gemieteten Wohnung, um Richard und Ann beobachten zu können.

Klaus bestätigt sofort: »Ja, die beiden haben eine sehr starke Para-Begabung von einer Art, die ich noch nie kennen gelernt habe. Ich bin nicht sicher, ob das stimmt oder ob mich da Lena beeinflusst hat: Irgendwie ist die Begabung unheimlich. Wir sollten uns in Acht nehmen.«

Sandra sagt: »Wie ihr wisst, liegt die Villa an der Grenze meiner Para-Reichweite. Wahrscheinlich könnte ich gerade noch Gefühle empfangen von Personen, in die ich mich ‚eingehört‘ habe. Aber bevor ich sie nicht zumindest gesehen habe, habe ich keine Chance.«

Maria berichtet durch ihre Para-Sehfähigkeit, dass Richard und Ann offensichtlich in getrennten Stockwerken wohnen, ja gerade sogar getrennt frühstücken. Sie beschreibt das Haus in groben Zügen. Zusammen mit Marcus, der einzelne Objekte abtastet, zeichnen sie einen genauen Plan des Hauses, vor allem für Barry, falls dieser je dort seinen Para-Barry einsetzen muss. Ein Hobbyraum im Keller mit teils bequemen Möbeln, aber auch Fitnessgeräten und eigentümlichen anderen Einrichtungsgegenständen fällt Maria besonders auf. Als Marcus in einige der verschlossenen Kästen, in denen Maria wegen der totalen Finsternis ja nichts sehen kann, hineintastet, findet er Schnüre, Ketten und andere Vorrichtungen, wie man sie vielleicht in gewissen Abteilungen von Sex-Shops finden kann. Als er dies erzählt, schauen sich die vier fragend an. Noch kann sich keiner einen Reim darauf machen.

Schließlich verlässt Richard als Erster, ohne sich von Ann zu verabschieden, wie Maria berichtet, das Haus mit seinem Auto. Die kurze Zeit, die Sandra ihn sieht, genügt. Sandra ist bleich:

»Lena hatte Recht. Richard ist ein Monster. Seine Gefühle sind eine Mischung aus Gier nach Sex, nach Macht, nach Unterwerfung anderer Menschen, sie sind voll Verachtung für alle Menschen. Er fühlt sich enorm stark, irgendwie kann er offensichtlich durch seine Para-Fähigkeiten andere Menschen dominieren. Ich möchte Richard nie nahe begegnen! ... Klaus, kann deine Gruppe sofort noch mehr Anti-Para-Armbänder herstellen ... Ich glaube, wir sollten ab sofort alle ein solches Gerät tragen!«

Marcus ist über die Heftigkeit, mit der Sandra spricht, bestürzt. Richard scheint tatsächlich sehr mächtig und »böse« zu sein. Sie haben nicht viel Zeit Sandras Analyse zu besprechen, da meldet Maria, dass Ann dabei ist das Haus zu verlassen. Kaum kommt sie in Sichtweite, reagiert Sandra fast wie bei Richard:

»Ann ist Richard sehr ähnlich. Alles ganz ähnlich, die Gier nach Sex ist nicht so deutlich, dafür eine Gier nach Geld und Reichtum ... Sie ist ein Ungeheuer wie Richard. Wir sind hier einem teuflischen Paar auf der Spur.«

Da Ann zu Fuß in Richtung Stadt geht, beschließt man, sich zu trennen. Klaus mit seiner Verletzung soll sich schonen, aber einen ersten Bericht vom Detektivbüro anfordern, Sandra soll bei ihm bleiben bzw. Aroha als »Babysitter« von Lena ablösen. Maria und Marcus werden Ann vorsichtig folgen, um mehr über diese herauszufinden.

Ann geht zielstrebig zu einem der Juweliergeschäfte im Stadtzentrum. Maria und Marcus setzen sich in einen Coffee-Shop in der Nähe. Maria beobachtet Ann und berichtet laufend Marcus:

»Ann schaut sich sehr ausgiebig offensichtlich sehr teure Stücke an. Es sind noch andere Kunden im Lokal und Ann scheint sich nicht entscheiden zu können.«

»Da, jetzt ist sie alleine und hat sich für ein großes Stück entschieden. Ich kann ja nicht hören, was sie reden. Aber was ist das? Sie zahlt für dieses Stück nur zwanzig Dollar! Ist die Verkäuferin verrückt? Ann geht jetzt aus dem Geschäft. Die Verkäuferin schaut ihr ganz verduzt nach. Was da wohl geschehen ist?«

Maria und Marcus beratschlagen, ob sie nun Ann Brodlyn verfolgen oder die Verkäuferin im Juweliergeschäft befragen oder sich trennen sollen.

Maria entscheidet: »Ich möchte Ann verfolgen. Geh du in das Juweliergeschäft!«

»In Ordnung, Maria, aber hier, nimm meinen e-Helper. Wenn du einen unangenehmen Para-Einfluss spürst, drück auf diesen Knopf, dann solltest du weitgehend geschützt sein. Bitte vermeide trotzdem den Kontakt mit Ann, die Sache gefällt mir gar nicht.«

Sie werden sich im Hotel wieder treffen, vereinbaren sie, möglichst nicht später als in einer Stunde.

Maria folgt Ann. Sie hat nicht weit zu gehen! Ann geht wieder in ein großes Juweliergeschäft. Das Vorgehen, das Maria sieht, ähnelt dem von vorher. Ann wartet, bis sie alleine in dem Geschäft ist, dann bietet sie offenbar das gerade gekaufte Stück dem Juwelier an! Und dieser gibt ihr dafür nach kurzem Gespräch einen Scheck. Leider schafft es Maria nicht, den Betrag auf dem Scheck zu lesen.

Aber Ann kommt Maria entgegen, sie geht in die nächste Bank, um den Scheck einzulösen. Ohne die genaue Summe feststellen zu können, die Ann erhält, ist es offensichtlich, dass sie ein Bündel von Hundert-Dollar-Noten bekommt. Ann hat also durch den Kauf und Verkauf eines Schmuckstückes innerhalb einer halben Stunden mehrere tausend Dollar verdient. Wie ist das möglich? Wird Marcus mehr herausfinden?

»Hallo, Maria«, sagt da eine Stimme neben ihr. Es ist Aroha.

»Ist das dort diese ‚böse‘ Ann, von der Lena erzählt?«, erkundigt sich Aroha.

»Ja, das ist sie«, bestätigt Maria, »was machst du hier?«

»Ich will nur ein bisschen einkaufen«, erklärt Aroha. Sie sagt nicht, dass sie Maria schon einige Zeit verfolgt hat und Ann noch weiter nachgehen will, da sich ihr Mindcaller in der Nähe von Ann eigentümlich benimmt: Er vibriert und wird warm. Und das hat Aroha noch nie erlebt.

Marcus kommt in das Juweliergeschäft, wo Ann um zwanzig Dollar etwas gekauft hatte. Die Verkäuferin ist allein, dreht sich von Marcus weg, schnäuzt sich noch einmal und fragt dann, womit sie dienen kann. Marcus sieht, dass sie ganz rote Augen hat, sie hat offenbar geweint. Marcus geht zu dem Schaukasten, den ihm Maria beschrieben hat. Die schönen Kunstwerke, die hier ausgestellt sind, liegen preislich alle zwischen zehntausend und zwanzigtausend Dollar.

»Haben Sie in diesem Schaukasten nur so teure Stücke?«, erkundigt sicht Marcus.

»Ja«, bringt die Verkäuferin mit Mühe unter einem Schluchzen hervor.

»Das verstehe ich nicht. Ich habe vorher eine Frau getroffen, die mir ein herrliches Stück gezeigt hat«, lügt Marcus, »das gestern noch hier im Schaukasten war und das sie angeblich von Ihnen um zwanzig Dollar bekommen hat. Stimmt denn das?«

Das Mädchen schaut Marcus mit glanzlosen Augen an. Dann erzählt sie mit tränenerstickter Stimme:

»Die Frau nahm einen diamantenbesetzten Delfin um 18.000 Dollar und sagte mir dann, dass sie nur zwanzig Dollar hat, ob ich den Preis reduzieren könnte. Ich weiß nicht was in mich fuhr, aber irgendwie tat sie mir so Leid, dass ich ihr das Schmuckstück wirklich um die zwanzig Dollar gegeben habe.«

»Und Sie wurden nicht dazu gezwungen?«

»Nein, überhaupt nicht. Die Frau war sehr nett, sie bedankte sich sehr, sie freute sich. Ich allein bin schuld, ich war so unvorstellbar dumm. Ich weiß nicht, was geschehen ist.«

»Sie schulden jetzt also dem Besitzer wegen dieser Geschichte rund 18.000 Dollar. Ich nehme an, das ist ein gutes Stück Ihres Jahresverdienstes?«

»Ja, es ist eine Katastrophe. Ich habe gerade eine Wohnung gekauft, für die ich jahrelang gespart habe und natürlich auch Kredit aufnehmen musste. Das Geld ist auf allen Seiten knapp und jetzt ruiniere ich alles durch diese Dummheit.«

Marcus denkt nach. Dann zieht er sein Scheckbuch.

»Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich kaufe das schöne Modell des Marea, das mit 20.000 Dollar ausgezeichnet ist. Sie geben mir einen Rabatt von 5 %. Ich gebe Ihnen privat zusätzlich einen Scheck über die 17.980 Dollar, die Sie bei dem Delfin verloren haben. Aber ich habe drei Bedingungen: Erstens, Sie erzählen keinem Menschen, auch nicht ihren Eltern und Freunden, von der Transaktion. Zweitens, wenn diese Frau nochmals das Geschäft betritt, rufen Sie mich unter dieser Nummer sofort an; ich oder meine Freunde kommen dann, um zu helfen. Drittens, ich darf diese Miniüberwachungskamera in der Ecke dort oben anbringen. Wenn Sie mich anrufen, wird sie automatisch aktiviert.«

Die Verkäuferin braucht einige Zeit dieses Angebot zu verstehen, es erscheint ihr ja wie ein Irrsinn. Da zahlt ein Fremder für den Fehler, den sie gemacht hat, kauft noch ein teures Stück, bei dem sie laut Vereinbarung mit dem Besitzer des Juwelierladens, wie bei jedem Stück, 25 % des ausgeschilderten Preises, minus Kundenrabatt bekommt, d. h., sie verdient sogar noch 2.000 Dollar.

»Warum wollen Sie das machen? Sie wissen doch sicher, dass Sie mehr als 5 % Preisnachlass bekommen können? Und warum wollen Sie für meine Dummheit zahlen?«

Marcus zögert, dann geht er nahe an die Wahrheit heran.

»Was Sie gemacht haben, war nicht Dummheit. Sie wurden hypnotisiert. Wir wollen diese Frau ins Gefängnis bringen, da sie immer wieder Betrügereien durch ihre Hypnosefähigkeit begeht«, spekuliert Marcus. »Diese Fähigkeit ist darum so besonders gefährlich, weil die armen Opfer, so wie Sie eines waren, gar nichts davon merken, dass sie hypnotisiert werden. Wir müssen aber diesen Fall ohne Aufsehen lösen. Drum helfen wir Ihnen den Schaden zu vergessen, aber Sie müssen uns helfen, dass absolut nichts nach außen dringt. Können Sie das versprechen?«

Das Mädchen nickt und wieder strömen die Tränen, aber es sind wohl Tränen der Erleichterung, errät Marcus. »Sie sind von der Polizei?«

»Sozusagen. Eine Sondereinheit«, antwortet Marcus.

Als er das Geschäft verlässt, schaut ihm ein mehr als dankbares Mädchen nach. Marcus kommt sich vor wie ein Pfadfinder, der gerade die gute Tat des Tages erledigt hat. Er sieht den Blick der jungen Verkäuferin und einen Moment lang reitet ihn der Teufel:

»Hübsch ist sie. Sie würde wohl jetzt einiges für mich tun«, durchfährt es ihn erregt. Dann hat er sich wieder unter Kontrolle, ärgert sich über seine Gedanken und wird sich wieder einmal bewusst, wie nahe oft Gutes neben nicht so Gutem liegt.


Im Hotel hat inzwischen Klaus den ersten Bericht des Detektivbüros ausgewertet. Richard und Ann sind kein Ehepaar, sondern Zwillinge. Richard arbeitet nicht viel, ist aber im Prinzip ein begnadeter Immobilienverkäufer. Er scheint jedes Objekt jedem Käufer zu überhöhtem Preis verkaufen zu können und er schafft es, dass die Käufer sich so in das Objekt verlieben, dass sie nicht einmal wegen des überhöhten Preises verstimmt sind. Bei Frauen hat er unglaublichen Erfolg, obwohl er eher unterdurchschnittlich attraktiv aussieht. Er hat offenbar schon viele junge Frauen verführt, die nachher nicht besonders glücklich waren (wie es das Büro formuliert), und er ist für das Zerbrechen mehrerer Ehen verantwortlich; aber seine Beziehung zu den betroffenen Frauen dauerte dann nie sehr lange. Ann ist auch eine sehr geschickte Käuferin und Verkäuferin und hat durch den Kauf und Verkauf von Schmuck und Kunstwerken ein beachtliches Vermögen angehäuft. Beide sind recht beliebt, auch bei den »Opfern«, die sich nur häufig unendlich dumm vorkommen, weil sie freiwillig etwas zu billig hergaben oder zu teuer kauften. Zusammen mit dem Bericht von Maria und Marcus rundet sich das Bild ab: Richard und Ann können offenbar Menschen mit ihren Para-Kräften ohne Worte hypnotisieren.

Klaus bringt es auf den Punkt:

»Die beiden können mit Menschen das, was Stephan mit Tieren kann. Sie können ihnen Befehle erteilen, die diese Menschen ausführen, vielleicht sogar erst später, gleichgültig, ob sie das wollen oder nicht. Und die Betroffenen glauben dabei sogar aus eigenem Antrieb zu handeln.«

Die Freunde überlegen die Situation: Richard und Ann haben eine sehr starke Para-Begabung. Sie sind Betrüger und nützen ihre Fähigkeiten wie es scheint für ihren eigenen Vorteil aus, sei es für Geld oder für Sex. Das mag nicht besonders nobel sein, doch tat dies nicht auch Marcus seinerzeit bis zu einem gewissen Grad? Niemand spricht es aus, aber alle denken wohl dasselbe. Wenn man Richard und Ann »auf den richtigen Weg« bringen könnte, wäre das ein unglaublicher Gewinn für die Para-Gruppe auf Great Barrier Island. Und obwohl Lena und Sandra beide Brodlyns, Richard und Ann, als »grundböse« einstufen, ganz schlimme Verbrechen haben sie, soweit man bisher weiß, nicht begangen. Freilich, ein Vorgehen wie heute, wo Ann ohne Notwendigkeit eine junge Frau in eine sehr schwierige Situation brachte, zeigt Anns Rücksichtslosigkeit. Will man mit solchen Menschen zu tun haben?

»Wo ist eigentlich Aroha?«, fragt Klaus auf einmal.

»Wir trafen uns zufällig, als ich Ann nachspionierte«, erklärt Maria, »sie wollte noch ein paar Kleinigkeiten einkaufen.«


Nachdem sich Aroha und Maria getrennt haben, folgt Aroha, wie sie glaubt, Ann unauffällig. Als Ann in ein großes Buchgeschäft geht, tut dies auch Aroha. Der Mindcaller, den sie wie immer unter ihrer Bluse trägt, wird auf ihrer Haut fast schmerzhaft warm und vibriert, ausgelöst offenbar durch die Nähe von Ann. Aroha ist so fasziniert, dass sie nicht merkt, dass Ann plötzlich neben ihr steht und sie ansieht.

Aroha weiß auf einmal: Sie wollte schon immer mit Ann in den Park gehen und sich mit ihr unterhalten. Zielstrebig geht Aroha auf eine Bank im öffentlichen Park zu, wundert sich nicht im Geringsten, dass sie genau weiß, welche Bank sie sucht und dass sich Ann zu ihr setzt. Sie spürt, wie sympathisch diese Frau ist, sie weiß, dass sie ihr jede Frage wahrheitsgetreu beantworten wird.

»Wie heißt du?«

»Aroha.«

»Du bist mir gefolgt, warum?«

»Ich habe mich gewundert, warum du in einem Juweliergeschäft etwas gekauft hast, das du dann in einem anderen gleich wieder verkauft hast.«

Ann überlegt: Es ist ihr nicht angenehm, dass diese junge Frau das weiß. Sie ist ungeduldig, dass sie sich mit solchen Dingen abgeben muss. Hier muss kurzer Prozess gemacht werden.

»Du bist in Rotorua und schaust dir die Sehenswürdigkeiten an?«

»Ja, ich war schon in Whakarewarewa, im Thermal Wonderland ...«

Ann winkt ab: »Du bist mit deinem Freund hier?«

»Nein, ich habe keinen Freund.«

»Du wohnst in einer eigenen Wohnung im Motel?«

»Ja, in dem großen alten Hotel ...«

Wieder unterbricht Ann: »War nett mit dir zu reden. Ich muss jetzt weiter.«

Ann steht auf. Tiefe Trauer überfällt Aroha. Hier geht ein Mensch, den sie immer als Freund betrachten wird. Und sie führt ein so nutzloses Leben. Sie muss es beenden. Sie wird einen Revolver kaufen. Sie weiß intuitiv, wo sie den bekommen kann. Dann wird sie sich in dem Hotel erschießen. Sie wird den Revolver nehmen, sich in den Mund und notfalls in die Schläfe schießen ... abdrücken! Das ganze Leben hat keinen Sinn mehr.

Zielstrebig steht sie auf. Sie merkt nicht, wie der Mindcaller summt und warm ist, wie er durch seine Bestimmung oder durch seine chemische Zusammensetzung (wer kann das beurteilen?) versucht, den Para-Einfluss zu bekämpfen: Er ist zu schwach, er ist zu schwach, weil er ja nur die Hälfte eines Stückes ist und die zweite Hälfte bisher trotz der Prophezeiung [10] ihrer Großmutter nicht aufgetaucht ist.

Sie findet das Waffengeschäft ohne Probleme, kauft dort (illegal) einen Revolver mit Munition und lässt sich alles gut erklären. Dann ruft sie ein Taxi und fährt zum Hotel. Sie eilt in ihr Zimmer, schließt die Tür von innen, lädt den Revolver sorgfältig und nimmt den Lauf der Waffe in den Mund. Ohne zu zögern beginnt sie, den Abzug durchzuziehen ... Einen Augenblick stoppt sie, als sie merkt, dass sie jemand betastet. Aber sie ist so auf den Selbstmord bedacht, dass ihr das alles gleichgültig ist. Sie wird jetzt sterben.

»Da ist ja Aroha«, ruft Klaus, als er durch Zufall Aroha aus dem Taxi steigen sieht. Zur allgemeinen Verwunderung läuft sie an der großen Suite, in der sie alle sitzen, vorbei, direkt auf ihr Zimmer. Dann geht auf einmal alles drunter und drüber. Maria wirft sich auf den verwunderten Marcus und umklammert ihn fest, die anderen sind vor Verblüffung erstarrt.

»Marcus, schau mit mir, tu was!« Marcus sieht auf einmal mit Marias Augen in das Zimmer von Aroha. Er sieht, wie diese gerade einen Revolver sorgfältig lädt. Er erhöht seine Individualgeschwindigkeit, um zeitlich mehr Spielraum zu bekommen, dadurch verliert er aber den Sichtkontakt! Er verflucht sich, dass er nie vorher beim »gemeinsamen Sehen« mit Maria je eine Veränderung der Indiviualgeschwindigkeit ausprobiert hat und erst jetzt lernt, dass er beim Sehen mit Marias Augen nicht seine Individualgeschwindigkeit verändern darf. Marcus erhöht seine Individualgeschwindigkeit noch stärker und beginnt im Zimmer von Aroha, nun sozusagen blind, mit seinen Pseudohänden nach Aroha zu tasten. Endlich hat er sie gefunden. Seine Pseudohände laufen ihren Körper hinauf zum Kopf, ertasten die Waffe, reißen diese ein Stück zurück. Alle hören den Schuss.

Maria schreit erleichtert: »Du hast es geschafft, Marcus, der Schuss ging nur in die Decke.« Marcus geht auf normale Individualgeschwindigkeit zurück und hält Maria ganz eng, damit er mit ihren Augen sehen kann. Aroha steht in ihrem Zimmer und schaut ungläubig auf den Revolver, der nicht in ihren Mund, sondern auf die Decke geschossen hat. Sie will sich aber töten, sie muss sich töten. Sie richtet die Waffe auf ihre Schläfe. Aber da schleudert Marcus ihr den Revolver aus der Hand. Er hält ihre Arme mit zwei Pseudohänden fest, entriegelt die Tür von Arohas Zimmer mit einer dritten Pseudohand von innen und sagt Sandra, sie möge Aroha holen.

Sandra läuft zu Aroha, die inzwischen von den Pseudohänden Marcus‘ gegen ihren Willen gezwungen wird, Sandra entgegenzukommen.

»Aroha, was ist los?«, ruft Sandra.

»Lasst mich in Ruhe, ich will mich umbringen.« Die sonst immer ruhige und ausgeglichene Aroha ist kaum zu bändigen. Marcus hält sie mit den Pseudohänden fest, während Sandra und Maria sie liebevoll, aber fest fesseln und ihr ein Schlafmittel eingeben. Lena sagt auf einmal:

»Aroha will schlafen und nie mehr aufwachen.«

»Ja«, sagt Sandra, »das ist das überwältigende Gefühl, das Aroha hat. Sie will sich töten. Und dann ist da noch ein Gefühl der Liebe für einen bestimmten Menschen.«

Sandra zuckt zusammen: »Es ist alles klar. Ann Brodlyn hat Aroha getroffen, sie irgendwie verdächtigt und ihr mit ihrer Para-Fähigkeit den Befehle gegeben sich umzubringen und sie, Ann, immer zu lieben - oder so ähnlich. Wir können nur hoffen, dass Ann keine Fragen an Aroha gestellt hat, die zu uns führen. Dann sind wir jetzt alle in Gefahr. Klaus, du als Spürer musst nun ständig auf der Hut sein, ob sich Richard oder Ann uns nähern! Vielleicht finden wir noch genau heraus, was Aroha Ann gesagt oder nicht gesagt hat.«

Obwohl sich damit die Situation allmählich klärt, findet man keine Lösung. Der Wille sich zu töten ist so tief in Aroha eingraviert, dass sie sofort wieder versuchen wird, sich zu erschießen, wenn man sie losbindet.

Klaus steht auf und geht zu Aroha. Er greift zum Entsetzen aller Aroha in die Bluse. Bevor jemand reagieren kann, sagt er:

»Ich mache nichts Unanständiges, wenn jemand das glaubt. Ich muss nur den Mindcaller angreifen. Ja, er vibriert leicht und ist warm, was er sonst nie ist. Er hat vermutlich wie die Para-Schutzstrahlung ein bisschen von der Wucht des Befehls genommen und er ist noch immer aktiv, d. h., er versucht offenbar den Befehl auszulöschen.«

»Woher weißt du das alles?«, fragt Marcus verwundert. Klaus blickt Stephan an:

»Stephan hat mir geholfen. Erzähl du, Stephan!« Stephan sprudelt aufgeregt:

»Papa, erinnerst du dich, als ich den Splitter des Mindcallers auf Great Barrier Island fand? Damals fand ich ihn ja nur, weil ich um Ecken schauen kann und ich ihn so in einem Hohlraum unter einem Stein entdeckte. Und damals ist mir aufgefallen, dass das Stückchen ein wenig warm war und vibrierte. Es reagierte auf meine Para-Fähigkeit. Das habe ich Klaus erzählt.«

Klaus fährt fort: »Das war ganz wichtig für unsere Forschung. Jetzt, wo wir wissen, dass Para-Fähigkeiten durch gewisse ‚variable Frequenzstrahlung‘ abgeschirmt werden können und dabei Silatraviat eine große Rolle spielt, ist es da nicht auch logisch, dass die Para-Wirkung genau durch solche ‚variable Frequenzstrahlung‘ entsteht und in Silatraviat gewisse Reaktionen wie etwa Erwärmung hervorruft? Ja, wir sind inzwischen ziemlich sicher, dass viele Para-Wirkungen durch in der Frequenz sehr rasch wechselnde Strahlungen übertragen werden und dass Silatraviat als Art Transformator fungiert. Trifft auf Silatraviat Energie in gewisser Form, so wird eine Strahlung erzeugt, die der sehr ähnlich ist, die wir mit unseren Para-Begabungen können, und die dadurch genau diese Para-Begabungen auslöschen kann. Umgekehrt, trifft eine solche Para-Strahlung auf Silatraviat, erzeugt sie dort gewisse Arten von Energie. Das kann Wärme sein, kurzwellige Strahlung oder auch mechanische Energie, etwa das Zittern des Mindcallers. Noch fehlen uns einige Messinstrumente, aber wir sind am Weg das nachzuweisen, was ich grob erklärt habe und wofür uns Stephans Beobachtung den Schlüssel gegeben hat.«

Stephan genießt es, einmal im Zentrum des Interesses zu stehen:

»Wir müssen den Befehl, den Aroha erhalten hat, auslöschen. Ich kann Tieren Befehle geben; ähnlich ist es bei Richard und Ann, nur können diese sie auf Menschen anwenden. Mir ist bei meinen Befehlen an Tiere aufgefallen, dass ich sie sehr genau formulieren muss, weil die Tiere meine Befehle zwar immer ausführen, aber oft anders, als ich mir das vorstelle. Ich meine das so: Wenn ich Fischen den Befehl erteile: ,Kommt zum Ufer, weil ich euch einmal in der Luft und nicht im Wasser sehen will‘, dann passiert etwas Witziges. Sie kommen zum Ufer, dann strecken sie den Schwanz heraus, dann den Rücken, dann den Bauch, dann den Kopf oder sie springen kurz aus dem Wasser. Ich sehe ihren Körper am Ufer in der Luft, aber sie kriechen deshalb noch lange nicht aus dem Wasser heraus. Sie befolgen meinen Befehl, aber so, wie es am besten zu ihnen passt. Wenn die Tiere den Befehl befolgt haben, ist dieser weg und sie sind wieder ganz frei. Das, glaube ich, müssen wir bei Aroha ausnützen.«

Klaus hakt hier wieder ein: »Stephan hat mir das schon vorher erzählt und ich denke, er hat Recht. Vielleicht geht das so: Aroha hat vermutlich den Befehle bekommen, mit einem Revolver zu schießen. Vermutlich auch, sich in den Mund und die Schläfen zu schießen, denn das hat ja Maria berichtet. Aber wenn der Befehl nicht explizit war, sich mit dem Revolver in den Mund und Schläfen zu schießen, dann kann sie den Befehl auflösen, indem sie sich mit etwas anderem in Mund und Schläfe schießt.«

»Wie meinst du das, Klaus?«, fragt Marcus gespannt.

»Also, wenn Menschen reagieren wie Fische und Aroha, wie ich erklärt habe, nicht den expliziten Befehl erhalten hat, sich mit dem Revolver in Mund und Schläfe zu schießen, dann sollten wir ihr einen Revolver in die eine Hand, eine Wasserspritzpistole in die andere geben. Sie wird dann, dem Instinkt gehorchend, mit dem Revolver durchs offene Fenster schießen und sich mit der Spritzpistole in den Mund und in die Schläfen schießen. Sie wird damit ihren Befehl befolgt haben, aber außer ein bisschen Wasser im Mund und in den Haaren wird nichts passiert sein.«

Alle schweigen verblüfft: »Wir haben doch nichts zu verlieren. Marcus kann ja notfalls den Revolver wieder ablenken. Wir müssen nur genau darauf achten, dass sie die Befehle wirklich befolgt. Ich schlage vor: Wir öffnen ein Fenster im Zimmer Arohas; wir bringen sie in ihr Zimmer und legen griffbereit einen Revolver mit Munition und eine geladene Wasserspritzpistole für sie hin. Stephan hat mir seine gegeben. Wir lassen sie allein im Zimmer, weil das ein Teil des Befehls sein könnte. Marcus beobachtet sie durch die Augen Marias und greift notfalls ein.«

Marcus gratuliert Klaus und Stephan: »Egal, ob ihr Recht habt oder nicht, ihr habt super zusammengearbeitet.«

Aber sie haben 100%ig Recht. So fantastisch der Plan allen erscheint, er funktioniert bis ins letzte Detail.


Als Barry und Monika mit einigen riesigen Forellen6 heimkommen und diese zubereitet werden, ist Aroha wieder ganz die alte. Vorsichtig wird durch Fragen, wobei die Antworten auf ihren Wahrheitsgehalt von Sandra überprüft werden, festgestellt, dass sie insgesamt großes Glück bei dem Gespräch zwischen Aroha und Ann hatten: Aroha gab, weil sie nie explizit danach gefragt wurde, nichts über die anderen Personen bekannt. Stephan warnt allerdings alle. Aroha hat noch immer einen aufrechten Befehl: Sie betrachtet Ann als Freund. Man darf in ihrer Anwesenheit Ann Brodlyn nicht ansprechen und schon gar nicht Aktionen gegen Ann.

Die ohnehin sehr erschöpfte Aroha verabschiedet sich bald, die anderen tauschen Neuigkeiten aus. Barry und Monika sind fast unerträglich verliebt und schwärmen vom Forellenfischen in einem der Bäche, der in den Lake Taupo fließt:

»Wir haben diese Forellen, die so groß sind wie Lachse, innerhalb von einer Stunde gefangen. In einer fast unwirklichen Umgebung, die durch Steine, die im Bach schwammen,7 noch unwirklicher wurde.« Niemand ist so indiskret zu fragen, was sie den Rest des Tages taten.

6 Die aus Europa importierten Regenbogenforellen wachsen in den Zuflüssen des Lake Taupo zu Größen, die man sonst nur aus Fischerlatein kennt!

Für Klaus ist es wichtiger, dass am nächsten Tag eine Selbstmordmeldung im Hotel in der Tageszeitung steht, weil sonst Ann unruhig werden könnte. Es kostet Marcus lange Verhandlungen am Telefon und einen großen Betrag für Zeitung und Hoteladministration, dass am nächsten Tag eine entsprechende, sehr kurze Falschmeldung gedruckt wird und im WWW steht.

Das weitere Vorgehen wird geplant: Man wird mit e-Kolibris gleich am nächsten Tag, wenn die Villa von Richard und Ann leer ist, winzige Überwachungskameras installieren, denn die e-Kolibris als solche sind im Haus zu auffällig. Man erwartet von den Kameras Aufschluss über Richard und Ann Brodlyn, ob sie vielleicht für die Para-Gruppe in Great Barrier Island doch in Frage kommen bzw. ob man etwas unternehmen muss, um ihre Aktivitäten zu verhindern, wenn man sie nicht als Mitglieder gewinnen will oder kann. Nach dem Selbstmordbefehl an Aroha glaubt niemand so recht, dass Richard und Ann Partner werden können, aber nur Klaus bereitet heimlich Maßnahmen für den schlimmsten Fall vor.


Am nächsten Tag werden am Vormittag winzige Überwachungskameras in den wichtigsten Räumen der Villa von Richard und Ann installiert. Maria macht mit Lena, Stephan, Aroha und Klaus einen Ausflug ans Meer in die herrliche Bucht von Tauranga. Die andern verfolgen aus der Ferne Richard und Ann. Was Sandra am Abend in Abwesenheit von Aroha berichtet, klingt nicht erfreulich: Sie hat Richard beobachtet, wie dieser mit zwei vielleicht 17-jährigen Teenagern in seiner Villa verschwand, wobei seine Gefühle »Freude, Sex, Triumph, Gewalt« waren, die der Mädchen ganz massiv - wie bei Aroha, also vermutlich aufgezwungen - »Sex, Unterwerfung«. Als die Mädchen später weinend die Villa verlassen, haben sich die Gefühle auf »Verwunderung, Scham, Verzweiflung« geändert. Die Videos, die man von den Überwachungskameras mit Hilfe von e-Kolibris aus dem Hobbyraum im Keller am Tag darauf holt, bestätigen die Befürchtungen in unerhörtem Ausmaß.

7 In einigen südöstlichen Zuflüssen des Lake Taupo, wie etwa im Waimarino River, gibt es 40 cm große Regenbogenforellen und vielleicht das beste Forellenfliegenfischen der Welt (im Zweifelsfall im Creely Lodge in Turangi wohnen und einen Führer nehmen!); vulkanischer Bimsstein, leichter als Wasser, treibt von den Kaiwanawa Bergen kommend in den Bächen.

Die Mädchen waren offensichtlich auf Para-Befehle hin mitgegangen und hatten laufend Para-Befehle zu sehr extremen Handlungen erhalten. Kaum sind sie im Hobbyraum der Villa, bitten sie (!) Richard, ihn ausziehen und verwöhnen zu dürfen. Er setzt sich schließlich auf einen Sessel und öffnet die Beine. Eines der Mädchen kniet vor ihm nieder. Während es sich intensivst mit Richards Intimzone befasst, wird es vom anderen ganz ausgezogen. Das noch bekleidete Mädchen biegt die Hände des knienden Mädchens auf dessen Rücken und drückt seinen Kopf gegen Richard. Nach einiger Zeit beginnt das hintere Mädchen einzufordern, dass es nun an der Reihe sei. Die Rollen werden getauscht. Nun bittet das eine Mädchen, dass es streng bestraft werden muss. Die Funktion eines der Geräte im Hobbyraum wird nun klar. Als das Mädchen, offenbar gegen seinen Willen, immer noch »mehr« und »stärker« bittet, glauben alle, dass man den Höhepunkt erreicht hat. Aber Richard hat solche Sachen wohl schon öfter gemacht, denn die Mädchen bitten um immer ausgefallenere Dinge, die Richard dann »gnädig« ausführt. Schließlich verlassen die Mädchen die Villa. Ein e-Kolibri nimmt die Mädchen auf, als sie das Haus verlassen: Verwunderung, Abscheu und Scham zeigen sich in den Gesichtern, die in Tränen zerfließen.

Nur Marcus und Barry haben sich das Video bis zum Ende angesehen und so entgeht ihnen der wichtigste Teil auch nicht:

Kurz nachdem die Mädchen das Haus verlassen haben, kommt Ann ins Haus und den Hobbykeller. Sie sieht dort genug, um zu wissen, was geschehen ist. Das Gespräch zwischen den beiden ist besonders aufschlussreich.

»Die beiden heulenden Mädchen waren bei dir? Du hast dich wieder einmal ausgetobt?«

Richard zuckt die Schulter: »Sie wollten das alles. Du hast gar keine Ahnung, was für Ideen diese jungen Dinger haben!«

Ann schaut verächtlich: »Und warum hast du auch Fotos gemacht, wenn du durch deine nicht ausgesprochenen Befehle ohnehin alles haben kannst?«

»Das verstehst du anscheinend nicht, Schwesterherz. Heute mussten sie das tun, was ich wollte. Morgen zeige ich ihnen die Fotos. Da kommen sie dann freiwillig und sie müssen Vorschläge machen, bis ich zufrieden bin, sonst sehen die Eltern die Fotos. Das ist lustig, du weißt gar nicht, auf welche Ideen die Mädchen kommen mich zu amüsieren, wenn sie Angst haben, dass man sie verrät. Ich freue mich schon auf morgen«, grinst Richard.

»Du bist ein Schwein«, sagt Ann. Richard lässt das nicht auf sich beruhen:

»Also weißt du, gar so als Moralapostel musst du dich nicht aufspielen. Was war mit den beiden Burschen, die dich gemeinsam vernaschen wollten und die sich dann in deiner Wohnung sehr anders als von ihnen geplant verhalten haben? Du hast mir sehr genüsslich davon erzählt und warst ganz schön gemein zu den beiden. Und hat nicht einer davon zwei Tage danach Selbstmord begangen? Da musst du ja wahrscheinlich noch mehr angestellt haben, als du mir erzählt hast. Obwohl ich doch schon einiges gemacht habe, prozentuell ist meine Selbstmordrate bei meinen Gespielinnen viel geringer als bei dir. Apropos Selbstmord: Glaubst du, dass es gar so lustig für die Betroffenen ist, wenn sie dir wertvolle Dinge mehr oder minder schenken, weil sie dich plötzlich soooo lieben oder soooooo viel Mitleid mit dir haben? Und der Verkäufer in dem Juweliergeschäft in Wellington, wo du dieses Diamantencollier ‚so günstig‘ bekommen hast, warum hat der sich noch am selben Tag von der Brücke gestürzt?«

»Sei still, Richi, Heilige sind wir beide nicht. Wir sind den anderen Menschen so überlegen, dass es dir und mir wirklich egal ist, wenn ein paar dieser unbegabten Exemplare unter die Räder kommen.«


Klaus und Marcus schauen sich betroffen an.

»Ein schönes Paar«, sagt Klaus, »Lena hatte Recht! Wir müssen sie stoppen. Ich habe inzwischen ein Para-Gefängnis auf Great Barrier Island einrichten lassen. Entschuldige, dass ich dich erst jetzt informiere.«

Marcus winkt ab und Klaus fährt fort: »Wir sollten die beiden morgen, bevor sie aus dem Haus gehen, mit Betäubungspfeilen überwältigen, die sie bis zum Abend ruhig stellen. In der Dunkelheit werden wir sie mit dem Moller nach Great Barrier Island bringen. Eigentlich wäre der Abend besser, aber nachdem wir gehört haben, was Richard morgen mit den Mädchen vorhat, müssen wir früher handeln.«

»Betäubungspfeile?«, fragt Marcus.

Klaus zieht eine Pistole heraus: »In dieser Pistole sind Pfeilspitzen, nur 5 mm lang, die ein schnell wirkendes betäubendes Mittel enthalten. Es muss nur jemand diese Pfeile abfeuern, ein Stück Haut treffen, und zwar so, dass Richard und Ann keine Chance haben, den Schützen zu sehen und eventuell ,umzupolen‘. Leider kann Para-Barry die Pistole nicht mitnehmen, sie ist zu groß für die Materialisierung. Ich fürchte, du, Marcus, musst die Pistole in die Zimmer bringen. Para-Barry kann dann der sein, der sie benutzt. Wir vermuten, dass die Para-Kräfte von Ann und Richard dem Para-Barry nichts anhaben können.«

Marcus nickt. »Ich werde das mit dem Transport der Pistole übernehmen. Ich hoffe, deine Abschirmung hilft, aber sonst habe ich noch immer meine Zeitbeschleunigung und andere Hilfe. Lass uns das mit den anderen besprechen.«

Die Gruppe sitzt noch lange zusammen, bis sie glauben, alle möglichen Szenarien durchgeplant zu haben.


Sehr früh am Morgen fährt die »Einsatztruppe« in die gemietete Wohnung schräg vis-a-vis der Villa. Das Team besteht aus Marcus (dem die wichtige Rolle zukommt, die beiden Gegner, wenn möglich, zu fesseln, aber vor allem die Pistole ins Haus zu schaffen), Maria (die alles optisch verfolgen wird), Para-Barry (der vermutlich die Hauptrolle übernehmen wird, sobald die Pistole in der Villa ist), Sandra (die die Gefühle von Richard und Ann verfolgen soll, um daraus zu lernen), Stephan (der notfalls zur Ablenkung eingreifen soll) und Klaus (als Einsatzleiter). Gleich nach dem Eintreffen sondiert Maria optisch das Haus.

»Beide schlafen noch, wie erwartet. Marcus, schau jetzt mit meinen Augen und versuche mit deiner T-Kraft, die beiden so zu fesseln, dass sie nicht mehr zur Türe ihres Zimmer schauen können.«

Marcus umarmt Maria und bittet sie, zuerst Richard vorzunehmen. Marcus sieht in das Schlafzimmer von Richard. Über dem Sessel liegt ein Bademantel mit einer Kordel, ideal zum Fesseln geeignet. Sachte zieht Marcus die Schnur mit seiner Pseudohand heraus und nähert sich mit ihr den Armen Richards. Er hat zehn Pseudohände zur Verfügung und hat viel geübt. Er wird Richard mit zweien auf die Seite drehen und dann gleichzeitig Hände und Körper blitzschnell fesseln. Es sollte ganz einfach sein.

Kaum berührt Marcus mit seinen Pseudohänden den Körper von Richard, wacht dieser auf. Das haben sie erwartet. Was sie nicht erwartet haben, ist, dass Richard ein Anti-Parafeld aufbauen kann, das die Pseudohände in einer Weise verkürzt, wie das Marcus noch nie erlebt hat. Er hat seine Pseudohände noch, doch kann er damit nur noch einige Zentimeter ins Haus langen! Gleichzeitig sieht Marcus nichts mehr.

Er lässt Maria los: »Siehst du noch etwas?«

»Ja, aber so verschwommen, wie ich es nicht gewöhnt bin! Alle außer Klaus scheinen unsere Aufgabe unterschätzt zu haben.«

Klaus sagt ruhig: »Barry, kannst du versuchen im Hobbyraum den Para-Barry zu materialisieren?«

»Tut mir Leid, Klaus, das geht zurzeit nicht.«

»Sandra, kannst du die Gefühle von Richard lesen?«

»Ja. Er hat auch inzwischen Ann geweckt. Beide sind überrascht, aber siegessicher.«

Maria bestätigt: »Ann ist inzwischen bei Richard. Sie besprechen sich und reichen sich nun die Hände. Sie verstärken damit ihre Para-Kraft! Ich sehe nur noch ganz verschwommen«, berichtet Maria.

Richard hat gerade Ann geweckt und sie ist zu ihm gelaufen.

»Ann, wir haben oft darüber gelacht, aber jetzt ist es ernst: Wir werden mit Para-Kräften angegriffen!«

»Bruder, das wird ein Spaß. Wer immer das ist, er wird seine Wunder erleben.«

Klaus bleibt gelassen: »Marcus, du musst jetzt unter der Leitung von Maria vorsichtig mit der Pistole in die Villa eindringen. Wenn du dort bist, sehen wir weiter.« Marcus setzt seine Kommunikationsbrille auf, damit er mit dem Team in Kontakt bleiben und das Team ihm notfalls Bilder oder Skizzen einblenden kann. Klaus schickt mehrere e-Kolibris zur Haustür.

»Sobald die Tür zur Villa offen ist, fliege ich einen e-Kolibri in die wichtigsten Zimmer, damit wir eine Unterstützung der Fähigkeiten von Maria bekommen.«

Maria atmet erleichtert durch: Sie kann kaum mehr etwas sehen! Marcus läuft von der Wohnung zur Villa, klettert über den Zaun an einer vorher genau ausgesuchten Stelle, nähert sich dem Haustor. Mit einer Pseudohand greift er durch die Tür und merkt befriedigt, dass das noch geht. Er sperrt die Tür von innen auf. Sofort fliegen mehrere e-Kolibris hinein, schaffen es aber nicht, in das Schlafzimmer von Richard, wo jetzt auch Ann ist, zu fliegen: Die Türe ist geschlossen.

Marcus dringt in das Haus ein. Das ihm entgegenschlagende Anti-Para-Feld, das Richard und Ann aufgebaut haben, ist ein völlig neues Erlebnis für ihn. Seine T-Kraft reduziert sich dramatisch. Seine Pseudohände werden plötzlich auf einen Meter Länge gekürzt, seine Individualzeitbeschleunigung stark reduziert. Als er in die Nähe der entscheidenden Tür kommt, spürt er einen noch stärkeren Widerstand.

Gleichzeitig hört er Marias Stimme: »Ich sehe jetzt wieder besser. Richard und Ann liegen am Bett.«

Sandra ergänzt: »Ich kann sie lesen. Ihre Gefühle sind ‚Kampf‘, sie konzentrieren sich ganz auf die Abwehr der T-Kraft von Marcus.«

Klaus wendet sich an Stephan: »Jetzt bist du dran. Hol alle Kleintiere aus dem Haus und verunsichere damit Richard und Ann. Marcus, sobald du eine Chance hast, öffne ein Fenster im Zimmer der beiden einen Spalt.«

Als plötzlich jede Menge Ameisen und Kakerlaken zu Richard und Ann ins Bett kriechen, lässt deren Konzentration einen Augenblick nach. Dies genügt, dass Marcus die Tür zum Zimmer von innen mit einer Pseudohand aufmacht und ein Fester einen Schlitz öffnet. Klaus verfolgt alles genau:

»Stephan, versammle alle Fliegen und Mücken vor dem Fenster, lass sie noch nicht hinein, wir brauchen den Überraschungseffekt. Maria, du kannst dich ausrasten, wir haben jetzt gute Bilder von e-Kolibris. Bleib aber bitte bereit, du musst im entscheidenden Moment vielleicht helfen, Teile der Para-Kräfte unserer Gegner zu binden. Barry, kannst du Para-Barry inzwischen irgendwo im Haus materialisieren lassen?«

»Negativ.«

Klaus hört das mit Sorge. Es ist gut, dass Sandra seine Gefühle nicht lesen kann, sonst wäre sie noch besorgter.

»Marcus, jetzt liegt es bei dir. Du musst in das Zimmer und musst selbst mit der Pistole schießen.« Marcus geht rasch zur Tür, spürt einen wachsenden unbestimmten Druck im Kopf, tritt in das Zimmer mit der größten Individualzeitbeschleunigung, die ihm noch gelingt. Richard und Ann starren ihn an. Marcus hebt die Pistole. Er kann aber nicht zielen.

Der Befehl: »Lass die Pistole fallen«, den er erhält, lähmt ihn, fast entgleitet ihm die Pistole.

»Klaus, ich hoffe du hast Recht«, betet er, als er auf den Knopf drückt, der den Para-Schutz im e-Helper aktiviert. Augenblicklich ist seine T-Kraft verschwunden, aber sein Kopf ist einen Moment lang ganz klar. Aber nur einen Moment lang. Er hat Richard und Ann mit dem Anti-Para-Feld überrascht, aber als sie es merken und sich zusammen darauf einstellen, erweist sich das Feld als zu schwach. Der Befehl: »Lass die Pistole fallen« wird wieder ständig stärker.

Klaus beobachtet die Entwicklung über einen e-Kolibri. So entsetzt er ist, so ruhig ist sein Befehl:

»Vollständiger Einsatz!«

Maria konzentriert ihre Kräfte auf das Zimmer, Sandra ebenso, Stephan lässt zehntausende Insekten in das Zimmer fliegen, die sich auf Richard und Ann stürzen: Die beiden sind von dem Überfall der Insekten gelähmt. Noch strahlen sie ihren Befehl: »Lass die Pistole fallen«, doch sie verlieren die Kontrolle über alle anderen Abschirmmechanismen, als ihnen Fliegen, Mücken, Wespen in die Augen, Nasen und Ohren fliegen. Es ist ein Anblick wie in einem Horrorfilm. Para-Barry materialisiert im Zimmer, nimmt die der Hand von Marcus entgleitende Pistole und schießt auf Richard und auf Ann. Die beiden brechen zusammen. Der Spuk ist zu Ende.

In der Dunkelheit der nächsten Nacht landet der Moller600 im Garten der Villa. Die Flug- und Landegenehmigung wurde mit Tricks für Rotorua, aber nicht für diese Villa erteilt. Marcus hofft, dass dies niemand merkt. Die noch immer bewusstlosen Richard und Ann werden nach Great Barrier Island transportiert und dort im speziell für sie hergerichteten Para-Gefängnis »einquartiert«, einem Haus, das mit Gittern etc. gegen jeden Ausbruch gesichert ist und das in einem Anti-Para-Strahlen-Feld liegt, um die Para-Kräfte von Richard und Ann nach außen abzuschirmen.

»Klaus, kannst du garantieren, dass wir hier sicher sind, wenn die beiden aufwachen?«

»Marcus, ich habe sehr massiv überdimensioniert, um auf den Para-GAU8 vorbereitet zu sein. Wir haben ihn ja gerade noch vermeiden können. Insofern glaube ich, dass wir einigermaßen sicher sind, aber wir werden ständig beobachten und haben in den Räumen der beiden nicht nur e-Kolibris installiert, sondern auch Spezialanfertigungen, die bei Aktivierung automatisch Betäubungspfeile auf die beiden schießen.«

So ist man bei der Schlussbesprechung einigermaßen optimistisch. Übrigens ist auch Stephan erstmals dabei. Marcus fasst kurz, aber präzise zusammen:

»Wir haben alle ungewöhnliche Para-Eigenschaften. Wir waren aber schon mehrmals nur erfolgreich, weil wir als Team zusammengearbeitet haben. Gerade die letzte Aktion hat das wieder gezeigt. Wir haben Para-Späher gebraucht (Lena und Baumgartner), um die beiden neuen Gegner zu orten. Wir haben einen Para-Orter gebraucht, falls uns einer der beiden entkommt (Monika). Wir haben einen Para-Seher für die entscheidende Aktion gebraucht (Maria), eine Emotiopathin, um über den Zustand der Gegner Bescheid zu wissen (Sandra), einen Para-Doppelgänger, der die entscheidenden Schüsse abgab (Barry), jemanden mit T-Kraft (mich), einen Animalaktivator, der diesmal wohl das Steuer für uns entscheidend herumriss (Stephan), und einen para-begabten Freund, der wieder einmal seine Qualitäten als Leiter unter Beweis stellte (Klaus). Schließlich scheint es, dass der Mindcaller von Aroha das Schlimmste für sie abgewendet hat, ja noch abwendet. Ich glaube, wir wissen heute, dass wir nicht als Personen, aber als Team stark sind.«

Da meldet sich die kleine Lena aus dem Hintergrund: »Ich glaube, wir sollten die andere Hälfte des Mindcallers sicherstellen. Ich weiß, wo sie ist: bei Herbert in Rotorua.«

»Wer ist Herbert?«, fragt Marcus verblüfft seine Tochter.

»Der Mann, der die Getränke im Food-Court beim Mexikaner in Rotorua ausgibt«, hört Marcus zu seiner Verblüffung.

Es ist klar: Man wird dem Hinweis von Lena nachgehen müssen. Aber im Vordergrund steht nun einen andere Frage. Wie soll es mit Richard und Ann weitergehen? Man kann sie nicht ewig auf fünfzig Quadratmeter eingesperrt halten. Und sie sind, wie es aussieht, weder in die normale Gesellschaft noch in ihr Team integrierbar.


Ähnlich, aber doch aus einer ganz anderen Sicht sieht das die PM von Neuseeland. Seit der Befreiung des Sohns des Geschäftsführers der Pulvermilchfabrik hat die PM die Beobachtung von Maria und Marcus weiter verstärkt: Die ursprüngliche »Maria und Marcus Supervisory Group« aus Dick und Ken wurde durch zwei Mitarbeiter vergrößert. Ging es ursprünglich nur um die Beobachtung von Maria und Marcus, sind inzwischen weitere Personen dazugekommen: Aroha, Monika, Sandra, Barry und Klaus und vielleicht auch die Kinder Stephan und Lena. Die Para-Gruppe um Marcus hat sich stark vergrößert. Die SR-Inc. ist gewachsen und verfügt, wie der Einsatz des ferngesteuerten Roboters und des e-Carts beim Brand in der Milchpulverfabrik zeigt, über sehr weit entwickelte Technologie. Und nach den Meldungen ihrer Agenten, Dick und Ben, hat die Gruppe Marcus nun zwei unbescholtene und von allen gelobte Bürger, Richard und Ann Brodlyn, aus Rotorua entführt und hält die beiden auf Great Barrier Island gefangen. Besonders beunruhigt sie, dass der Moller600 von SR-Inc. ohne Landegenehmigung im Garten der Brodlyn Villa die Zwillinge offenbar betäubt aufnahm und nach Great Barrier Island schaffte. Das ist mehrfacher Gesetzesbruch. Wie weit kann und will sie das decken? Umgekehrt, wenn sie jetzt gegen SR-Inc. vorgeht, werden die Regierungsmitglieder, die von der ganzen Sache nichts wissen, sicher vorwurfsvoll fragen, warum sie nicht früher informiert wurden. Und nach all dem, was sie heute weiß, kann man entweder mit SR-Inc. leben und sie in Ruhe lassen oder muss ganz massiv gegen sie vorgehen. Sie sind offenbar schon recht mächtig!

8 Größter anzunehmender Unfall


So vertraut die PM noch ihrer Intuition, dass Marcus und die SR-Inc. insgesamt als positiv zu sehen sind. Aber sie beginnt allmählich auch Angriffszenarien gegen SR-Inc., Maria und Marcus auf Great Barrier Island zu überlegen ... und ihre Angst wächst. Wenn SR-Inc. über so perfekt ferngesteuerte Roboter verfügt, hat SR-Inc. dann nicht auch Drohnen, die sie und die gesamte Regierung überwachen, notfalls durch bewaffnete Drohnen auch ausschaltet?

Die PM ist nicht umsonst PM: Sie ist nahe bei der Wahrheit. Dass die Regierungsmitglieder von e-Kolibris überwacht werden, hat Marcus noch selbst angeordnet. Und dass er mit den so erfassten Bildern einen Teil der Regierung sofort zum Rücktritt zwingen kann, weiß er auch. Dass die neuesten Drohnen aber auch mit Giftpfeilen (tödlichen und betäubenden) ausgerüstet sein werden - nicht zuletzt aus der Lektion in Rotorua -, das weiß Marcus noch nicht, das ist eine der Initiativen von Klaus.


Als Marcus Sandra nach Wellington schickt, um herauszufinden, was die PM über SR-Inc. und die Gruppe um Marcus auf Great Barrier Island denkt, kommt Sandra mit alarmierenden Nachrichten zurück:

»Sie vertraut dir, mehr oder minder. Aber sie hat vorsichtshalber auch schon Szenarien im Kopf, wie sie SR-Inc. und die Gruppe in Great Barrier Island notfalls besiegen kann. Diese Pläne fühlen sich mächtig und gefährlich an.«

Marcus holt Klaus dazu und lässt Sandra berichten.

Klaus ist wie immer kühl und ohne Emotionen:

»Es überrascht mich nicht. Versetz dich einmal in die Lage der PM! Sie ist eine tolle Person, vertraut dir - nur weil ihr euch auf der verrückten Tour auf der Südinsel zum Beansburn kennen gelernt habt und du bei der Entführung des Kindes bedingungslos und ohne Forderungen geholfen hast -, aber sie riskiert auch immer mehr, weil sie niemanden eingeweiht hat. Ihre Situation wird immer schwieriger. Je länger sie wartet, umso schwieriger wird die Erklärung für das Warten sein. Und wenn sie uns erst in die Öffentlichkeit, und sei es auch nur die Öffentlichkeit der Regierung, bringt, werden wir das als Organisation sicher nicht und als Personen vielleicht nicht überleben. Wenn du gestattest, werde ich auch ein Kampfszenario vorbereiten.«

Marcus nickt. Aber er hofft noch immer, dass er die PM als Verbündete behalten kann und nicht in einen Kampf verwickelt wird. Er sieht den Verlauf der Auseinandersetzung deutlich vor sich: Sie können sich nicht ergeben. Die Gefahr, dass sie dann alle lebenslang eingesperrt oder als zu große Gefahr sogar getötet werden, wie man es ja mit ihm in Europa versuchte, ist zu groß. Wenn sie aber kämpfen, können sie, so klein ihre Gruppe ist, sehr viel Schaden anrichten, ja vielleicht auch Teilerfolge erreichen. Aber sie können nicht langfristig gegen ein ganzes Land gewinnen, es sei denn, sie errichten eine eiserne Diktatur. Das wollen sie aber nicht, dagegen wird auch Marcus eintreten. Im Übrigen würden sie eine solche Diktatur mit Para-Macht einrichten, hätten sie dann die ganze Welt gegen sich und würden erst recht verlieren.

Also gibt es, wenn es zu einer Auseinandersetzung kommt, eigentlich nur eine Lösung: Rückzug auf einen noch versteckteren Winkel, auf eine unbesiedelte Insel irgendwo in der Südsee? Marcus kann sich ein solches Leben nicht vorstellen. Er schaut aus seinem Arbeitszimmer über die freundliche Stadt Auckland, er denkt an Great Barrier Island, an seine Kinder und eine Spur von Verzweiflung steigt in ihm hoch. Soll er einfach nach Wellington fliegen und mit der PM beraten? Nein, er muss zunächst versuchen, eine Lösung für die Brodlyn-Zwillinge zu finden.