9. Silatraviat und Technologie
Mai 2011
Marcus erläutert Klaus in seinem Büro in der SR-Inc. ausführlich die zehn Aspekte der Para-Forschung, wie SR-Inc. sie gegenwärtig betreibt.
»Was meinst du, Klaus, kannst du dir vorstellen, bei SR-Inc. mitzuarbeiten?«
»Sonst wäre ich wohl nicht hier«, antwortet Klaus, »ja, ich möchte gerne helfen. Was willst du, dass ich mache? Und übrigens, wurde der Bericht von der PPU schon entschlüsselt?«
»Leider haben meine Leute den Bericht noch
nicht entziffern können. Sie sind aber nach wie vor optimistisch,
dass sie es schaffen. Sie wissen inzwischen, welche prinzipielle
Methode verwendet wurde.«
Klaus ist neugierig: »Kannst du mir mehr dazu erzählen?«
Marcus nickt: »Du kennst ja sicher die Public Key Kryptographie? [17]«
»Ja, natürlich«, erwidert Klaus, »du meinst das Verfahren, das Diffie-Hellmann 1975 das erste Mal vorgeschlagen haben?«
»Ja, so ist es«, entgegnet Marcus, »die erste praktikable Methode, den Diffie-Hellmann-Vorschlag zu implementieren, wurde von Rivest, Shamir und Adelmann auf der Basis der Schwierigkeit der Zerlegung großer Zahlen in Primfaktoren vorgeschlagen. Dieser ‚RSA‘-Algorithmus wurde ab zirka 1995 immer öfter eingesetzt. Du weißt ja, die Public Key Kryptographie ist darum so wichtig, weil es nur so leicht möglich wird, elektronische Dokumente unfälschbar und authentifizierbar zu machen, sie nicht nur zu verschlüsseln. Leider wurden die Faktorisierungsalgorithmen immer besser, die Codes damit immer knackbarer.«
»Was ist dann das Problem?«, wundert sich Klaus.
Marcus erklärt: »Weil die RSA-Methode nicht mehr 100%ig sicher war, wurden allmählich neue Algorithmen, zuletzt immer häufiger auf der Basis so genannter L-Systeme, entwickelt. Und ein solcher und zurzeit noch fast unknackbarer Algorithmus wurde für das vorliegende Dokument verwendet. Wir haben aber durch die Universität Auckland hervorragende Mathematiker zur Hand - etwa meinen Freund Mike, der mit mir am Beansburn war - und die sind sicher, dass sie es schaffen werden, nur benötigen sie noch etwas Zeit.«
Klaus hat die Erläuterungen mit Interesse verfolgt. »Und welche Aufgaben willst du mir übertragen?«
Marcus erklärt: »Erstens würde ich dich natürlich bitten, beim Aufspüren von weiteren Para-Begabungen zu helfen. Und zweitens wäre es toll, wenn du dich um den Problemkreis 10 kümmern würdest, nämlich wie weit man -vor allem mit Computertechnologie - Fähigkeiten technisch realisieren kann, die an Para-Fähigkeiten herankommen bzw. an sich interessant sind. Wir haben in dieser Richtung einige Erfolge, die ich dir zuerst einmal zeigen möchte.«
Klaus ist vom weitgehend feuerfesten Bergungsroboter, wie er bei dem Brand in der Milchpulverfabrik eingesetzt wurde, sehr beeindruckt. Er beschäftigt sich stundenlang damit.
»Marcus, es ist unglaublich, was man mit dem Roboter alles machen kann. Aber noch unglaublicher ist, dass man nach einiger Zeit beginnt, sich mit dem Roboter zu identifizieren. Weil man über die Steuerungsbrille durch sein optisches System sieht, durch seine Arme etwas angreift und seine Sensoren benutzt, vergisst man auf einmal, dass man in Wirklichkeit ganz woanders ist. Man glaubt, man ist im Roboter!« Marcus stimmt zu:
»Du hast ganz Recht. Schon in ,The Mind‘s I‘ [14] wird an mehreren Stellen spekuliert, dass wir als den Sitz unseres Bewusstseins einen Ort in der Nähe unserer Sensorik und unserer ,Werkzeuge‘ (Arme, Beine) empfinden. Beim normalen Menschen ist das im menschlichen Körper, vor allem im Kopf. Wenn wir aber mit von uns gesteuerten Robotern arbeiten, dann verlagert sich das Empfinden, wo das Bewusstsein sitzt, auf einmal dorthin!«
Auch e-Cart und andere Bergungsfahrzeuge beeindrucken Klaus durch die ausgeklügelte Elektronik, die manche Einsätze erst ermöglicht. Besonders der »Variable-Cart« hat es ihm angetan. Dieser ist so groß wie ein Kleinbus, kann aber seine Form in Höhe, Breite und Länge verändern. Er kann sich so ausdehnen, dass er viele Menschen auf einmal transportieren kann, und verringert dabei sein spezifisches Gewicht so stark, dass er im Wasser schwimmt1. Er kann mit einer Person »an Bord« aber auch so klein wie ein größerer Sessel werden!
Die Kommunikationsbrille2 geht noch weit über die Steuerungsbrille hinaus und ist ein Meisterwerk moderner Computertechnologie. Es gibt sie in Ausführungen mit den verschiedensten Funktionalitäten, weil nicht immer alles benötigt wird. Marcus zeigt das universellste Modell. Es besteht aus zwei drahtlos miteinander verbundenen Teilen. Der eine Teil ist ein visitkartengroßer Computer, den man zum Beispiel in der Hosentasche tragen kann. Er ist sehr schnell und hat gigantisches Speichervermögen auf so genannten »Memory Cards«: Diese länglichen, weniger als ein Millimeter dicken Kärtchen haben keine beweglichen Teile und sind daher sehr robust, haben aber dennoch eine Kapazität von mehreren hundert Terrabytes3. In diesem Computer sind eine drahtlose Verbindung zu Telefon- und Computernetzen sowie ein GPS-System eingebaut, sodass der Computer immer weiß, wo man auf der Welt ist. Der zweite Teil, nach dem das Gerät seinen Namen hat, schaut aus wie eine Brille, nur ist sie mit Elektronik gespickt. Ein zusätzliches Halsband hat ein eingebautes Kehlkopfmikrofon. Dieses nimmt Worte, die man auch bei geschlossenem Mund (!) sprechen kann, auf und verwendet sie als Befehle für den Computer, als Spracheingabe für irgendwelche Informationen, oder gibt sie in der Funktion eines Handys an einer andere Person weiter. Wenn diese auch mit einer solchen Brille ausgerüstet ist, dann wird die Sprache oder auch andere akustische Informationen direkt auf den Gehörknochen übertragen. Man kann dann mit einer beliebig weit entfernten Person reden, ohne dass andere in der Nähe befindliche Menschen etwas davon merken.
Marcus erklärt weiter: »Wenn man unter Telepathie die Kommunikation zwischen zwei Menschen, die eine solche Kommunikation wünschen, versteht, und zwar so, dass andere nichts davon merken, dann bedeutet allein diese Eigenschaft der Brille, dass wir Telepathie technisch nachgebildet haben.«
1 Nach Archimedes, dem griechischen Para-Mathematik-Begabten (der seine besten Ideen immer in der Badewanne hatte, wenn er in leicht silatraviathaltigem Wasser badete, wie seine berühmte »Heureka«-Geschichte beweist), schwimmt ein Objekt genau dann, wenn das Gewicht des durch das Objekt verdrängten Wassers größer ist als das Gewicht des Objektes. Ein 1.000 Tonnen schweres Schiff muss also durch genug Hohlräume größer als 1000 Kubikmeter sein. Der Variable-Cart ist zwar schwer, da er seinen Hohlraum innen »beliebig« vergrößern kann, schwimmt er aber auf Wunsch problemlos. (Seite 185)
2 Siehe zur Erläuterung auch das Bild Seite 260!
3 Auf hundert Terrabyte kann man alle Bücher, die je geschrieben wurden speichern, Milliarden von Bildern und Tausende von Spielfilmen!
»Ist es nicht möglich, dass man auf das Sprechen verzichtet? Könnte man nicht einfach über die Abnahme von Gehirnimpulsen arbeiten?«, erkundigt sich Klaus.
»In gewissem Sinn, ja. Wir können auch heute noch nicht Gedanken aus der Gehirnaktivität rekonstruieren, davon sind wir weit entfernt. Aber wir können verschiedene Zustände des Gehirns erkennen und das kann verwendet werden, dass man zum Beispiel Worte buchstabiert, indem man für jeden Buchstaben an ein anderes Ding denkt, ohne zu sprechen. Dazu dient die Kopfspange des Gerätes. Damit sind wir noch näher an der Telepathie.«
Marcus setzt die Erklärung der Kommunikationsbrille fort. »Über die Bügel der Brille kann also Raumton erzeugt werden, der vom lokalen Computer, aus dem weltweiten Computernetz oder eben auch (Handyfunktion!) von anderen Menschen kommen kann. In den Brillengläsern sind winzige Spiegelchen. Siehst du?« Klaus nickt.
»Über die können Bilder durch die Pupillen direkt auf die Netzhaut projiziert werden. Diese Bilder können natürlich Text sein oder Standbilder oder Filme. Und da beide Augen benutzt werden, kann alles dreidimensional sein.«
»Und wo kommen die Bilder bzw. Filme her?«, erkundigt sich Klaus.
»Sie können wieder aus dem Computer oder Computernetz kommen oder von einer Kamera, die irgendwie im Netz hängt. Das können Kameras sein, die ein Freund von dir in seiner Brille hat, oder die Kameras eines Bergungsroboters oder die Kameras in einem winzigen ferngesteuerten Flugzeug - das zeige ich dir nachher -, aber es können auch die Bilder von einer deiner Kameras sein.«
»Was meinst du mit: von einer meiner Kameras?«
Marcus lächelt: »Schau dir einmal die Brille genau an! Dann siehst du, dass sie in der Mitte eine ganz kleine Kamera hat, die man übrigens herausnehmen kann. Damit kannst du jemand anderem genau das zeigen, was du gerade siehst. Du kannst sie herausnehmen und zum Beispiel deinen Rachen aufnehmen, damit der Computer oder dein weit entfernter Arzt diagnostizieren kann, was dir fehlt, wenn du Halsweh hast. Du kannst die Kamera zu einer Blume halten und der Computer kann dir auf Wunsch alle Informationen über die Blume geben. Du kannst aber auch über die Kamera sehen.«
»Warum soll ich das, wenn ich ohnehin durch die Brillengläser sehe?«
»Weil du mit der Kamera auch in der Nacht oder im Nebel sehen kannst, in Frequenzbereichen, die die Kamera beherrscht, aber das menschliche Auge nicht, oder in Frequenzbereichen, bei denen man durch einige Stoffe durchsehen kann; weil diese Kamera eine Zoomfunktion hat; weil sie herausgenommen wie ein Mikroskop verwendet werden kann.«
Klaus schaut Marcus ganz verblüfft an: »Willst du damit sagen, dass die Para-Fähigkeiten von zum Beispiel Maria gar nicht notwendig sind, wenn man solche Brillen verwendet?«
»Nicht ganz. Maria kann schon noch mehr. Aber es ist interessant zu sehen, wie nahe wir an manche Para-Fähigkeiten schon herankommen, sie manchmal auch übertreffen.«
»Übertreffen?«, ist Klaus neugierig.
»Ja, in gewissen Fällen schon. Maria hat ihre Augen fix montiert. Die Kamera aus der Brille kannst du aber auch am Hinterkopf montieren, dann siehst du durch deine Augen nach vorne, durch die Kamera gleichzeitig nach hinten. Oder du kannst sie an der Schuhspitze montieren, damit du beim Herunterklettern in einer Felswand besser siehst, wo du hinsteigst.« »Ist eigentlich noch mehr Elektronik in der Brille?«
»Ja«, sagt Marcus, »und mächtige Programme, die die technischen Fähigkeiten ausnutzen. Damit kannst du mit der Brille Gesichter von Menschen erkennen, wenn du jemanden wiedertriffst, bei dem du dich nicht mehr an den Namen oder andere Details erinnerst. Du kannst durch Bewegungen deiner Hände und Finger dem Computer Befehle bzw. Eingabeinformationen geben oder eben einen Roboter fernsteuern, weil über die in die Brille eingebaute Kamera deine Hände und Arme beobachtet und die Bewegungen durch ein ‚Gestenerkennungsprogramm‘ ausgewertet werden. Du kannst die Entfernung jedes Gegenstands messen, die Temperatur jedes Punktes der Umgebung, du kannst in eine bestimmte Richtung beliebig verstärkt hören, ja sogar in Zimmer hinein, indem man durch einen auf das Fenster des Zimmers gerichteten Laser aus der Vibration des Fensters das Gespräch im Inneren rekonstruiert. Da du in der Brille auch einen elektronischen Kompass hast, weiß der Computer genau, wo du hinschaust - wo du bist, weiß er durch das GPS ohnehin - d. h., er kann dir jederzeit erklären, welches Gebäude oder welchen Berg du dir gerade ansiehst. Dies sind nur ein paar der vielen, vielen Möglichkeiten. Vergiss nicht, du bist in einem weltweiten Computernetz, aus dem du jederzeit fast jede Information herausholen kannst und über welches du mit einem oder mit mehreren Menschen gleichzeitig kommunizieren kannst. Vergiss ferner nicht, dass du über beliebige Distanzen Roboter und auch fliegende Modelle davon, wir kommen noch dazu, steuern kannst. Wenn ich zum Beispiel mit meiner T-Kraft in 100 Meter Entfernung einen kleinen Baum umbreche, dann kannst du das auch, wenn du in der Nähe des Baumes einen Roboter steuern kannst, der die Werkzeuge hat, um einen Baum umzubrechen.«
Klaus sagt nachdenklich: »Ist die Technik also wirklich im Begriff Para-Phänomene zu entzaubern?«
»Bis zu einem gewissen Grad, ja. Wie weit wir wirklich kommen, ist noch unklar. Aber du hast ja gesehen: Schwache Versionen der Telepathie, der Telekinese, des Telesehens usw. sind wirklich simulierbar. Noch aber sind gute Para-Fähigkeiten nicht zu erreichen. Aber lass dir noch etwas zeigen, was ich für besonders beeindruckend halte. Unsere ‚Drohnen‘, das sind sozusagen ferngesteuerte fliegende Roboter.«
Marcus zeigt Klaus eines der neuesten Modelle. Es ist kleiner als ein Kolibri, verfügt über Kamera, hochwertiges Mikrofon, fliegt ferngesteuert schnell und fast unhörbar.
»Klaus, setz diese Kommunikationsbrille auf und ich verbinde dich mit einem unserer ‚e-Kolibris‘, wie wir sie nennen.« Klaus setzt die Brille auf und sieht plötzlich das Anwesen von Maria und Marcus auf Great Barrier Island.
»Dein e-Kolibri sitzt auf einem Baum in der Nähe des Hauses. Wenn du fliegen willst, mach mit der rechten Hand kurz eine Faust, wenn du aufhören willst, machst du das noch einmal. Dann fliegt der e-Kolibri automatisch zu seiner Ausgangsposition zurück ... Ja, jetzt hast du ihn aktiviert. Mit der linken Hand steuerst du seine Geschwindigkeit, mit der rechten Hand lenkst du ihn. Indem du den rechten Arm hebst oder senkst, zoomt die Kamera des e-Kolibris hinein oder hinaus.« Klaus fliegt mit dem e-Kolibri durch die Gegend, immer mehr ist es ihm, als wäre er der Kolibri. Er entdeckt am Strand Sandra, die heute zu Hause geblieben ist und die sich textilfrei in einer kleinen Bucht am Strand auf Great Barrier Island sonnt.
»Ich sehe Sandra«, sagt Klaus mit rauer Stimme.
»Du meinst wieder sonnenbadend?«, fragt Marcus, der sich nun auch eine Kommunikationsbrille aufsetzt. »Übrigens, Klaus, ich fliege jetzt bei dir im e-Kolibri mit. Du steuerst ihn, aber alles, was du siehst und hörst, erlebe auch ich.«
Klaus schluckt ein bisschen, fliegt aber dann doch noch näher an Sandra heran. »Ein Voyeurerlebnis erster Klasse«, kommentiert er, »kann ich auch mit Sandra reden?«
»Im Prinzip ja. Du aktivierst den Lautsprecher, indem du mit der linken Hand kurz eine Faust ballst. Die Lautstärke regelst du durch Heben bzw. Senken des linken Arms. Aber mach es jetzt nicht, du erschreckst Sandra damit sehr. Es ist, glaube ich, besser, du hörst jetzt auf. Ich muss dir einiges erklären.« Zögernd ballt Klaus die rechte Hand. Bild- und Ton verschwinden, der e-Kolibri fliegt zu seiner Ausgangsposition zurück und deaktiviert sich.
Klaus nimmt die Kommunikationsbrille ab. »Marcus, das ist technisch toll. Aber es ist ja auch eine Katastrophe; damit wird ja eine totale Überwachung möglich. Das ist furchtbar!«
Marcus schaut Klaus lange an: »Ja, die immer weiter fortschreitende Technologie wirft große moralische Probleme auf. Ferngesteuerte fliegende Roboter, ‚Drohnen‘, werden seit den späten 1990er Jahren vom Militär eingesetzt; Mini-Überwachungskameras und Mikrofone gibt es auch fast schon so lange. Alle Menschen haben diese und andere Überwachungseinrichtungen aus Bequemlichkeit immer ignoriert. Ein so kleines und leistungsfähiges System wie den e-Kolibri haben zurzeit allerdings nur wir, aber vielleicht wissen wir nur nicht genau genug, was andere machen. Als du auf Great Barrier Island kamst, habe ich dir eine gedruckte Broschüre und das Ganze noch besser verdaulich in elektronischer Form gegeben. Du hast das bis heute offenbar nicht angesehen und vermutlich auch Sandra nicht. Dort steht genau beschrieben, welche Teile von Great Barrier Island von e-Kolibris eingesehen werden können und welche nicht. Du hast doch beim Fliegen mit dem e-Kolibri bemerkt, dass er manchmal nicht mitmachte, oder?«
Klaus bemerkt: »Ach so, das war das! Ich habe mich etwas gewundert.«
»Ja, wir können für die e-Kolibris Sperrbereiche angeben und bewahren uns damit eine gewisse Privatsphäre. Mehr noch: Diese Bereiche werden ständig auch nach Objekten, die nicht von uns stammen, durchsucht, falls jemand probieren sollte, eine Drohne auf uns anzusetzen. Außerdem haben wir diesen Warnchip. Steck ihn in deinen e-Helper4 und gib auch Sandra einen. Er meldet euch dann, wenn ein e-Kolibri in Sicht- oder Hörweite kommt.«
Klaus ist etwas verlegen. »Marcus, wurden Sandra und ich schon mehrmals beobachtet?«
Marcus lacht entschuldigend: »Klaus, du bist erst drei Tage hier. Aber es ist ziemlich offensichtlich, dass Sandra und du euch sehr gut versteht. Und damit ihr eure Privatsphäre habt, darum habe ich dir auf so dramatische Art gezeigt, was unsere Technik kann ... Hast du jetzt von der Technik genug oder willst du noch mehr sehen?«
»Habt ihr denn noch mehr? ... Und wie ist das überhaupt, wie viel von dem, was du mir gezeigt hast, sind Eigenentwicklungen, wie viel ist einfach eingekauft?«
»Zuerst zur zweiten Frage: Wir kaufen sehr viel ein, entwickeln es dann aber weiter. Der Bergungsroboter zum Beispiel ist nichts Neues. Es gibt hunderte Varianten der Kommunikationsbrille und der e-Kolibris. Soweit wir wissen, sind wir da aber absolut führend. Wir geben unser Wissen auch nicht nach außen, obwohl viel Geld damit zu verdienen wäre. Die Holoprojektion ist unser größtes Geheimnis. Nur ganz wenige, die nicht direkt an der Entwicklung beteiligt sind, wissen davon. Ich werde dir jetzt ein wenig davon zeigen.«
Marcus führt Klaus in einen anderen Raum. Da steht ein einfacher Tisch mit Sesseln. Sonst ist nichts zu sehen.
»Klaus, leg einmal deine Hand auf den Tisch.« Klaus legt vorsichtig die Hand auf den Tisch, er fühlt keinen Widerstand, die Hand versinkt im Tisch.
»Ja, der Tisch ist nur ein Hologramm ... Das Holodeck der Enterprise wird langsam Wirklichkeit!«, erklärt Marcus. »Was wir hier haben, ist nicht grundsätzlich neu, es ist ein großes Hologramm, nur haben wir entscheidende Fortschritte gemacht. Erstens, es ist ein Hologramm, das man von allen Seiten5 betrachten kann. Zweitens, die Projektoren sind klein«, Marcus zeigt auf vier faustgroße Kästchen in den Ecken des Raumes, »und drittens sind wir erstmals in der Lage, auch bewegte Szenen direkt in Hologramme umzusetzen. Schau einmal.« Marcus ruft den Befehl »Waldszene«. Da verschwindet der Tisch und ein Stück Wald, ein Bach und einige Vögel sind zu sehen.
4 Der e-Helper ist ein kleiner, aber mächtiger Mehrzweckcomputer, häufig als Ring anstelle der Armbanduhren der Vergangenheit getragen und oft mit einer Kommunikationsbrille verbunden.
»Das ist eine Life-Szene von Great Barrier Island«, sagt Marcus. »Wenn es uns gelingt, das noch stark zu verbessern, dann können wir bald ein bisschen von dem, was Barry kann.«
Klaus ist von der Flut der Eindrücke so überwältigt, dass er die Bedeutung der letzten Aussage nicht so richtig registriert.
»Klaus, es ist Zeit für eine Unterbrechung und einen Kaffee. Lass uns nachher weiterreden.«
Während des Kaffeetrinkens erkundigt sich Klaus genauer: »Du hast gesagt, dass ich diese technischen Aspekte betreuen könnte. Was hast du damit genau gemeint?«
»Niemand kennt alle diese Entwicklungen im Detail, am ehesten noch ich, doch auch ich kenne sie nur sehr oberflächlich. Es wäre wichtig, dass eine Person sich alles ansieht, sich überlegt, wie man vielleicht Dinge kombinieren kann, was noch fehlt, was man von Para-Begabungen lernen kann usw. Zum Beispiel hatten wir e-Helper, e-Kolibris und auch die Kommunikationsbrille schon einige Zeit. Aber dass man sie in offensichtlicher Weise kombinieren kann, wie du es heute erlebt hast, diese Idee hatte ich vielleicht nur, weil ich die Funktionen beider Subsysteme kannte. Diese Art von Koordination wäre deine Aufgabe.«
Klaus ist davon sehr begeistert. »Lass mich das einige Zeit machen. Wenn ich mehr davon verstehe, treffen wir zusammen eine endgültige Entscheidung.« Marcus nickt zustimmend. Er überlässt die weitere Einführung in seinen Aufgabenbereich dem wissenschaftlichen Leiter der Informatikabteilung, der wie Marcus schon lange auf eine zentrale Koordinationsstelle, auf einen »Knowledge Manager«, gewartet hat.
Marcus findet auf seinem Schreibtisch einen Zwischenbericht der Silatraviat Forschungsgruppe.
5 Die Holografietechnik im Jahr 2003 erlaubte nur, Hologramme innerhalb eines beschränkten Winkels (weniger als 90 Grad) zu sehen; Holografieerstellung und Projektion waren sehr aufwändig und wenig robust.
Es ist endgültig nachgewiesen, dass Silatraviat Para-Fähigkeiten manchmal verstärkt oder sogar auslöst. Offenbar genügt schon der Hautkontakt mit Silatraviat, doch wirkt die Einnahme über Speisen und Getränke meist stärker. Silatraviat findet sich in gewissen Steinen, die meist aus tieferen Erdschichten stammen. Es kommt in zahlreichen, aber nicht allen heißen Quellen vor. Das Wasser im »Yellowstone Neuseelands«, in Rotorua, ist besonders reich an Silatraviat, wobei es nach der Tabelle auch dort starke lokale Unterschiede gibt. Die Geysire im amerikanischen Yellowstone sind überraschend silatraviatarm, im Gegensatz etwa zu den Strawberry Springs in Colorado; einige heiße Quellen in Mitteleuropa, allen voran Baden-Baden, Gastein und die steirischen Thermen, sind besonders silatraviathaltig. Aber auch einige Quellen in Ägypten haben überdurchschnittlich viel Silatraviat. Eine Weltkarte der Verteilung von Silatraviat in Quellen wird in etwa vier Wochen fertig sein.
Die Früchte aus der Familie der Cucurbitaceae, Gattung Cucurbita, tendieren am stärksten dazu, Silatraviat anzureichern.
Besonders auffällig ist das Verhalten von Silatraviat beim Beleuchten mit kurzwelligen Strahlen. Es reflektiert diese nicht, sondern erzeugt ein »zufällig rasch variables Frequenzspektrum«, wie man es technisch bisher kaum erzeugen konnte. Dieses ungewöhnliche Verhalten wird intensiv weiter untersucht.
Hätte Marcus mehr von Botanik verstanden und hätte er mit dem Begriff Cucurbitaceae etwas anfangen können, vielleicht hätte es die teilweise Entschlüsselung von Para-Phänomenen schneller vorangetrieben.
Wie es sich ergibt, ist Marcus mehr von den letzten Zeilen fasziniert. Ist man hier einer wichtigen Entdeckung auf der Spur? Er wird sich persönlich einschalten, als Ex-Physiker interessiert ihn das Entstehen eines »zufällig rasch variablen Frequenzspektrums« sehr.
Bevor Marcus aber noch etwas anderes machen kann, wird er verständigt, dass der von Klaus mitgebrachte verschlüsselte Bericht der PPU entziffert wurde und ihm sofort übermittelt wird. Er verständigt Klaus. Dieser und der Bericht treffen fast gleichzeitig ein. Klaus und Marcus vertiefen sich in die Beschreibung des Projektstandes. Als sie beide fertig sind, bittet Marcus Klaus seinen Eindruck zusammenzufassen.
Klaus erklärt: »Offenbar spielt Silatraviat eine bedeutende Rolle bei Para-Phänomenen. Es scheint so, als ob Personen, die mit dieser Substanz oft in Berührung kommen, eher dazu neigen, Para-Fähigkeiten zu entwickeln, als andere Personen. Ferner bewirkt die Berührung von oder die Einnahme des Salzes der Silansäure im Normalfall eine Steigerung der Para-Begabung. Faszinierend ist, dass dieselbe Verbindung auch ein Mittel gegen Para-Phänomene zu sein scheint. Behandelt man es mit kurzwelliger Strahlung, dann wird diese weder absorbiert noch unverändert reflektiert, sondern die Energie der Strahlung wird in einer ganz ungewöhnlichen Form zurückgeworfen: als eine Strahlung, deren Frequenz millionenmal pro Sekunde und noch dazu anscheinend ganz unregelmäßig oder zufällig variiert, ein Grund, warum sie sehr schwer nachweisbar ist und bisher kaum untersucht wurde.
Allerdings scheint es so zu sein, dass diese so erzeugte stark frequenzvariable Strahlung Para-Fähigkeiten in ,beide Richtungen‘ blockiert. Mit anderen Worten, ein Telekinetiker, der von einer solchen Strahlung umgeben ist, verliert zum Beispiel nach den Angaben in diesem Bericht seine Fähigkeiten, solange die Strahlung ihn umgibt, aber Personen, die von der Strahlung umhüllt sind, scheinen andererseits vor Para-Kräften sicher zu sein. Wenn etwa ich von einer solchen Strahlung umhüllt wäre, dann könnte, wenn die Aussagen hier stimmen, auch Lena nicht mehr ihre schwache emotiopathische Funktion ausüben, Monika könnte mich nicht mehr orten usw. Liest du dieses Ergebnis, sehr vereinfacht, auch so?«
Marcus nickt kräftig. »Ja, genau so verstehe ich, was da steht. Wir haben in unserer Forschungsgruppe die eigentümliche Eigenschaft der frequenzvariablen Strahlung als Ergebnis der Bestrahlung von Silatraviat auch festgestellt, nur wurden bisher bei uns weder die erhaltenen Frequenzen noch die Auswirkungen so gründlich analysiert wie in dieser Studie. Es scheint ja, wenn ich die Zahlen richtig lese, dass man mit vergleichsweise geringer Energie eine Person mit einer ,para-zerstörenden‘ Strahlung umgeben kann ... Ich verstehe da aufs Erste die Berechnungen nicht ganz. Ich habe übrigens von meiner Forschungsgruppe gerade einen Bericht erhalten, dass in Rotorua einige der Quellen besonders viel Silatraviat beinhalten. Es wäre fast ein ungewöhnlicher Zufall, wenn die Fähigkeiten von Barry, der in Rotorua jahrelang Bademeister war, nicht mit dieser Tatsache in Verbindung stehen. Ich glaube, es wäre sinnvoll, wenn wir mit dir und vielleicht Lena nach Rotorua fahren, weil dort anscheinend die Chance, weitere Para-Begabte zu finden, besonders groß ist. Was glaubst du?«
Klaus antwortet sehr energisch. »Ich glaube, dass unsere Priorität jetzt nicht sein darf, weitere Para-Begabte zu finden. Wir müssen zuerst versuchen, ob wir auf Grund der vorliegenden Daten in der Lage sind, eine Art Schutzschild gegen Para-Begabungen zu entwickeln. Bitte vergiss nicht:
Die PPU hat hier drei Jahre Vorsprung. Die sind vielleicht jetzt schon in der Lage, versteckte Para-Fähigkeiten massiv zu verstärken, sich andererseits gegen unerwünschte abzuschirmen bzw. unerwünschte Begabungen auszuschalten. Das könnte für uns alle sehr gefährlich werden. Du solltest mir gestatten, mit der Technologiegruppe möglichst rasch die Entwicklung eines einfachen Schutzschirms voranzutreiben. Es ist höchste Zeit.«
Marcus hat das Gefühl, dass Klaus die Situation viel zu schwarz sieht, und so zielt er auf einen Kompromiss ab: »Klaus, ich gebe dir zehn Tage. Wir haben genug Silatraviat im Haus. Versuche damit in Richtung Schutzschild zu arbeiten. Aber dann machen wir einmal eine Runde in Rotorua. Wenn wir dort Begabungen entdecken, müssen wir ja nicht gleich mit diesen Kontakt aufnehmen. Aber ich möchte doch wirklich wissen, ob bei günstigen Verhältnissen - und Quellen mit Silatraviat scheinen das zu sein - mehr Para-Begabte zu finden sind als sonst. Kannst du damit leben?«
»Ich bin bereit nachzugeben und zu machen, was du vorschlägst. Nur in einem Punkt erlaube mir eine Warnung: Du hast bisher noch nie, oder fast nie, mit bösen Para-Begabungen zu tun gehabt. Mich hast du letztendlich, obwohl ich einige Zeit gegen dich gearbeitet habe, auf deine Seite gezogen ... und ich bin froh darüber. Und Justo kennst du nur aus seiner harmlosen Phase. Was ist aber, wenn wir eine wirklich gefährliche Para-Begabung in Rotorua finden? Bist du dagegen gerüstet?«
Marcus sieht, dass Klaus erregt ist und gibt daher etwas nach. »Gut, verschieben wir die Reise nach Rotorua um drei Wochen. Das müsste doch genügen, dass du erste Versuche mit einer ,Para-Abwehrstrahlung‘ durchführen kannst.«
»Ich werde es versuchen.«
Marcus erzählt am Abend Maria von den Berichten aus der eigenen Forschungsabteilung und von dem drei Jahre alten aus der PPU, den sie nun entschlüsselt haben. Sie fragt Marcus nach dem Namen der Früchte, die Silatraviat anreichern, doch Marcus hat den komplizierten Namen ‚Cucurbitaceae‘ vergessen. Maria hätte ihm sagen können, dass es sich dabei um die Familie der Kürbisgewächse handelt, und vielleicht hätte die Kombination steirische Thermen und Kürbisse sie jetzt schon auf eine neue Spur geführt. Denn Kürbisse werden in der Steiermark ja als Suppe und als Gemüse verwendet, man röstet die (schalenlosen) Kerne oder macht aus ihnen Kürbiskernöl, selbst Kürbiskompott und Kürbiskuchen findet man in der steirischen Küche. Kurzum, die Dosis Silatraviat, die ein Steirer zu sich nimmt (über Kürbis und Thermen), ist mehr als durchschnittlich hoch.
Maria war schon lange nicht mehr in Rotorua und freut sich auf einen Besuch. Sie denkt, dass dieser auch Stephan und Lena Spaß machen wird. Klaus und Sandra werden ein für sie neues und interessantes Stück ihres jetzigen Heimatlandes kennen lernen. Sie ermutigt daher Marcus, Rotorua mit dem ganzen Team zu besuchen.
Klaus erzählt Sandra von den e-Kolibris und dass nicht alles, was man macht und für privat hält, auch privat ist. Sandra wird ganz unruhig, wenn sie daran denkt, was Klaus und sie an der Stelle, wo sie heute sonnenbaden war, schon gemacht haben, während vielleicht mehrere Menschen über einen e-Kolibri sozusagen dabei waren!
Klaus scheint eher amüsiert: Er hat sich total in Sandra verliebt. Schon damals in der PPU hatte er Sandra für interessant und attraktiv gehalten, aber trotz der Zuneigung zu ihr war sein Prinzip: »Als Chef hat man kein Verhältnis mit Mitarbeitern zu haben«, so stark, dass er damals alle Gefühle unterdrückte.
Bei Sandra ist es anders. Sie ist zwar auch verliebt in Klaus, doch hat sie starke Selbstzweifel. Sie litt immer so stark darunter Gefühle lesen zu können, dass sie an keine Beziehung mehr hatte glauben wollen. Durch den Hypnoseblock bei Klaus, durch den sie seine Gefühle nicht erraten kann, erlebt sie die Liebe, ja die Beziehung zu einem anderen Menschen, ganz neu: immer unsicher, ob man »ankommt«, ob man das Richtige tut. Es ist so aufregend und anders, so voll Spannung, dass sie »normale« Menschen noch mehr beneidet als früher. Aber gleichzeitig fragt sie sich ganz rational, ob das vielleicht der Grund ist, warum sie Klaus so liebt, und nicht, weil sie wirklich zusammengehören. Sie wird mit diesen Zweifeln noch einige Zeit leben müssen. Ihre Vertraute ist die dreieinhalbjährige Lena, die als schwache Emotiopathin manchmal Sandra mitteilt, dass Klaus sie sehr liebt ...