»Lebt im Schatten, macht Kunst«85
Am 30. Juni 1937 bezog Oberstarzt Gottfried Benn, der zum Stab des Generalkommandos III. Armeekorps »zur Dienstleistung zum R.[eichs]K.[riegs]M[inisterium]. kommandiert«86 war, in der Nähe seiner neuen Dienststelle in der Kurfürstenstraße ein Zimmer in der Pension Horschan am Lützowufer 5a / I. Drei Wochen wohnte er hier, ehe er unter tätiger Mithilfe der sich unverzichtbar machenden Herta, die extra aus Hannover gekommen war, nach Wilmersdorf in die Kaiserallee 28 /IV zu Frau Helene von Zeschau zog. An diesem Tag erhielt er vom Verlag seine Honorarabrechnung: Verdient hatte er 26,18 M. Verkauft wurden im letzten Vierteljahr 78 Exemplare Ausgewählte Gedichte, dreizehnmal Kunst und Macht, zehnmal Der neue Staat und die Intellektuellen, zweimal Fazit der Perspektiven, Nach dem Nihilismus und Gesammelte Prosa überhaupt nicht.
»Mein Glück, wieder hier zu sein, können Sie sich denken«,87 schrieb Benn an seinen Freund Seyerlen, aber es währte nur wenige Tage. Benns oberstem Vorgesetzten, Heeressanitätsinspekteur Generaloberstabsarzt Anton Waldmann, war nämlich zu Ohren gekommen, dass im Lehmann Verlag in München, zu dessen Autoren auch Waldmann gehörte, ein Buch des Malers Wolfgang Willrich mit dem Titel Säuberung des Kunsttempels erschienen war, in dem Benns Ehre angegriffen sei. Und er fügte hinzu: »Hören Sie mal, die Sachen über Sie müssen raus. Den Verlag Lehmann kann man in unseren Kreisen nicht ignorieren. Ich gebe Ihnen hiermit den Befehl, dafür zu sorgen, daß in der nächsten Auflage die Sätze über Sie fehlen.«88 Erneut musste Benn Johst um eine Ehrenerklärung bitten, und er äußerte den Wunsch, Johst möge den Verlag auffordern, die beleidigenden Stellen in der nächsten Auflage zu eliminieren. Parallel trat Benn selbst mit dem Verleger in einen kurzen, aber unerfreulichen Briefwechsel, mit dem Ergebnis, dass er ihn abbrach und bei Waldmann seine »Niederlage melden«89 musste. Mitte Oktober, nach langen Wochen des Wartens, erfuhr er endlich, dass er bleiben konnte.
Mittlerweile hatte ihn ein Brief des strammen Nationalsozialisten Willrich erreicht, den er bis zu diesem Zeitpunkt ignoriert hatte. Der wiederholte seine Beleidigungen nicht nur, sondern er legte Benn nahe zu emigrieren und schloss in sein Drohungsszenario Hanns Johst gleich mit ein. Schließlich musste sich der mit Johst gut bekannte Reichsführer SS Heinrich Himmler mit der Angelegenheit befassen, worauf er Willrich schriftlich aufforderte, aufzuhören »wie ein Amokläufer gegen diesen Mann [G. B.] vorzugehen, der sich gerade im internationalen Leben einwandfrei für Deutschland gehalten hat«.90
Für eine Weile konnte sich Benn ungestört seinen neuen Aufgaben widmen, die sich
bei der sogenannten Versorgung ab[spielten], d. h. ich war mit der wissenschaftlichen Begutachtung von Wehrdienstbeschädigungen, später Einsatzbeschädigungen genannt, beschäftigt, ich hatte zu beurteilen, wieviel Prozent Rente einer zu beanspruchen hatte, wie hoch seine Versehrtheitsstufe war, ob er eine Badekur bekommen konnte, ob seine Heilfürsorge genügend war, es standen orthopädische Fragen, Zahnersatzprobleme zur Erörterung, kurz meine Tätigkeit begann erst bei den Entlassenen und den Folgezuständen der Feldzüge und Schlachten. Eine durchaus interessante wissenschaftliche Tätigkeit, die mich durch Einholung von Obergutachten aus den führenden Universitätskliniken mit vielen, mir bis dahin fremden Problemen in Beziehung brachte und meine ärztlichen Kenntnisse wesentlich bereicherte. So blieb es auch während des Krieges.91
Im Dezember 1937 hatte Benn endlich wieder eine eigene Wohnung. Das heißt nicht ganz, denn über eher kurz als lang sollte Herta ganz und den »regels«92 entsprechend bei ihm einziehen. Bei der Einrichtung der vier Zimmer in einem fünfstöckigen Mietshaus im Bayerischen Viertel in Schöneberg in der Bozener Straße 20 – »verschafft hat sie mir … Erich Reiss durch eine Wohnungsfirma Kamnitzer«93 – stand sie wieder tatkräftig und unter Beisteuerung »einiger hübscher Möbel u Sachen«94 an seiner Seite: »Herta ist wie das Mädchen aus der Fremde mit ihren herrlichen Sachen angekommen u wir räumen und arbeiten den ganzen Tag.«95 Drei Zimmer – das mittlere war ein Erkerzimmer und diente vorerst als Esszimmer (später als gemeinsames Wartezimmer), das dritte war ein vorerst als Wohnzimmer genutztes Balkonzimmer – gingen zur Straße. Die Möbel für das Herrenzimmer waren vorhanden; für Küche und Kammer und für das Schlafzimmer, bestehend aus Doppelbett, Nachttischen, Kleiderschrank, Frisiertoilette und Kommode mit Marmorplatte, wurden neu angeschafft (»sehr schwere Ausführung, poliert«), ebenso für das Esszimmer (»Shippendale poliert«).96 Vom vierten Zimmer aus, das bis zum Frühjahr 1950 Schlafzimmer und danach Benns Behandlungs- und Arbeitszimmer war, in dem der weiße Mantel neben dem Waschbecken in der Ecke hing und ein Sessel, zwei Stühle, ein weiß lackiertes Krankenhausbett, ein Arztschrank und ein Mikroskopiertisch standen, sah er auf Mülltonnen, die Wäsche hing über der Leine und nach dem Krieg hörte man die Hühner gackern. Vor allem aber lauschte er. Wenn er an seinem Schreibtisch – »(73 cm zu 135 cm)«97 – saß, darauf ein Telefon, ein kleines Radio, und aus dem Fenster sah, beobachtete er eine Amsel, deren Freund er wurde. Er beobachtete sie täglich und über viele Jahre bis zu seinem Tod: »… im Frühling, im Sommer u. im Schnee, sie ist sozusagen mein Totemtier geworden, ich bin mit ihr verbunden – offenbar werden Amseln alt u. ich hoffe sie noch lange auf meinem sonst sehr trüben Hof zu sehn.«98 Erich Reiss ging nach den Pogromen am 9. November 1938 »den Weg seiner Rasse«99 und konnte glücklicherweise in die USA emigrieren.
Zur selben Zeit, also etwa ein Jahr nach dem Einzug, richtete Benn unter finanzieller Mithilfe seiner Schwiegermutter ein Sprechzimmer »für uro-dermatologische Praxis einschl. Mikroskop, Untersuchungsstuhl, Cystoskop, Urethroskop, Bougies, Metallbougies, Blutdruckapparat, Mikroskopiertisch«100 ein, Gas- und Wasseranschluss wurden installiert, und ab jetzt konnten hier nach Dienstschluss am späten Nachmittag zwischen fünf und sechs Uhr Privatpatienten behandelt werden.
Das Jahr hatte begonnen, »was Salz u Brod angeht oder sonst die Wangen rot macht, mit einem Stück Baumkuchen u. hinsichtlich des Optischen mit einem Blick auf eine Schneelandschaft, deren unterste Schichten wochenlang lagen, deren Decke aber erst in der Sylvesternacht gefallen war.«101 Am 22. Januar 1938 heirateten auf dem Standesamt 2 in Berlin-Schöneberg der »Oberstabsarzt, Doktor der Medizin Gottfried Benn« und die berufslose Herta von Wedemeyer, mit der er – so drückte es die Aufwartefrau aus – »das große Los gezogen hätte«.102
Während Benn mit Oelze in den nächsten Wochen vor allem die Geist-Leben-Problematik besprach – »man muss aufhören, den Geist ins Leben zu ziehn und im Leben zu suchen«103 –, um die Fertigstellung von Weinhaus Wolf voranzutreiben, ging es »ihm nicht schlecht. Eine saubere Wohnung, ein appetitlicher, stiller, sehr bescheidener Mensch um mich herum – alles sehr angenehm!«104 »Herta backt wunderbaren Apfelkuchen und ist eine reizende Hausfrau.«105
Leider hatten dem Maler Willrich die Ereignisse um die Säuberung seines Kunsttempels in der Zwischenzeit keine Ruhe gelassen. Erst machte er Hermann Göring, den Protektor der Akademie, auf den Fall Johst / Benn aufmerksam, der wiederum wandte sich an Joseph Goebbels in dessen Eigenschaft als Präsident der Reichskulturkammer. Am 8. März ließ Goebbels Benns Akte aus der Reichsschrifttumskammer ins Propagandaministerium kommen und ließ unter Umgehung Hanns Johsts Benn per Einschreiben mit sofortiger Wirkung am 18. März aus der Kammer ausschließen.
Auf Grund dieses Beschlusses verlieren Sie das Recht zu jeder weiteren Berufsausübung innerhalb des Zuständigkeitsbereichs der Reichsschrifttumskammer.106
Daran konnten und wollten auch Johst und dessen Freund Himmler nichts ändern. Wenige Tage, nachdem Benn den Bescheid erhalten hatte, glaubte er Hanns Johst vorschlagen zu können:
ob es nicht das Beste wäre, ich verliesse die Reichsschrifttumskammer und Deutsche Akademie der Dichtung –, aber nicht in dieser Form, sondern freiwillig. Auch aus dem Grunde, um Ihnen, dem ich so sehr zu Dank verpflichtet bin, weitere Eingriffe für mich zu ersparen. Bitte schreiben Sie mir hierüber offen Ihre Meinung. Ich würde dann dafür sein, dass mein Ausschluss schriftlich zurückgenommen wird und ich Ihnen dann meinen freiwilligen Austritt mitteile.107
Johst antwortete offen: Er warnte Benn davor, dass Göring ihn vom Militärischen her belangen wolle. Bezüglich Benns Vorschlag verwies er auf den Gerichtsassessor Gentz in der Kammer, bei dem sich Benn juristischen Rat einholen könne, was dieser jedoch unterließ; er nahm den Ausschluss hin. Weitaus gefährlicher war der drohende Angriff von Seiten Görings, den Benn mit einer mündlichen wie schriftlichen Meldung, die er Waldmann am 1. April machte, entschärfen wollte. Der lange die Ereignisse zusammenfassende Brief ist insofern interessant, als er in Doppelleben nicht zum Abdruck kam. Der Grund liegt mit Sicherheit darin, dass Benn sein Wirken seit 1933 auf eine Weise rechtfertigte, die ihn nicht als Opportunisten erscheinen lassen sollte.
Mit der Meldung, dass ich, wie sich aus Anlage I ergibt, aus der Reichsschrifttumskammer, deren Mitglied ich seit Gründung war, ausgeschlossen wurde. Als Grund des Ausschlusses wird der § 10 einer Durchführungsverordnung angegeben, der ganz allgemein dahin lautet, dass die Eignung für die Ausübung der schriftstellerischen Tätigkeit als nicht vorliegend angesehen wird. Er enthält nicht die Behauptung, dass politische Unzuverlässigkeit der Grund dieser Nichteignung sei, wie ich es bei meiner Rückfrage beim Präsidenten der Kammer (vergl. Anlagen 2–5) voraussetzte. Dieser Paragraph 10 wird regelmässig bei Ausschlüssen angewendet, ganz gleich ob es sich um Redakteure, Kritiker oder Zeitungshändler handelt.
Diese Mitteilung meines Ausschlusses war für mich so überraschend, dass ich sie zunächst für einen Irrläufer oder eine Namensverwechslung hielt. Ich wendete mich infolgedessen unverzüglich an den Präsidenten persönlich und bat ihn um Angabe der Gründe. Aus der Antwort des Präsidenten (Anlagen 6 u. 7) erst ersah ich den Ernst der Lage, über die Gründe jedoch äussert sich auch diese Antwort nicht. Das Hereinziehen des Herrn Generalfeldmarschalls Göring in diese Angelegenheit erscheint mir äusserst ungewöhnlich. Sie würde sich mir erklären, wenn er in seiner Eigenschaft als Protektor der Preussischen Akademie der Künste, deren Mitglied ich bin, damit befasst würde. Dies wäre jedoch in seiner Eigenschaft als Ministerpräsident, nicht als Generalfeldmarschall. Ich habe bisher nichts von dieser Seite gehört. Ich habe mich bei dem Generalsekretär der Akademie, Herrn Werner Beumelburg, der dem Herrn Generalfeldmarschall sehr nahesteht, heute persönlich erkundigt, ob irgendeine Aktion gegen mich im Gange sei. Er antwortete mit nein, hält es auch für völlig ausgeschlossen und erklärt, es unbedingt wissen zu müssen, wenn von dieser Seite in literarischen Dingen irgend ein Schritt unternommen würde.
Da diese Angriffe gegen mich sich nunmehr fast 2 Jahre lang hinziehen und meine Stellung in der Wehrmacht zu gefährden drohen, bitte ich nochmals, über den ganzen Sachverhalt berichten und mit allen Unterlagen vorlegen zu dürfen, um ein endgültiges Urteil und eine endgültige Entscheidung hierüber herbeiführen zu wollen.
Ich bitte, vor allem in der Richtung Vorlagen machen zu dürfen, dass von einer Gegensätzlichkeit zwischen meinen Büchern und dem Nationalsozialismus nicht die Rede sein kann. Es befinden sich von mir seit Jahren nur 3 Bücher im Handel, nämlich erstens der Essay-Band »Der neue Staat und die Intellektuellen« (1933), zweitens der Essay-Band »Kunst und Macht« (1934), drittens ein Gedichtband »Ausgewählte Gedichte« (1936). Alle 3 Bücher lege ich bei. Aus den ersten beiden Büchern geht ganz unabweislich hervor, dass ich 1933, 1934 ein leidenschaftlicher Anhänger der Bewegung war. Ich habe ihr sogar innerhalb der literarischen Sphäre die erheblichsten Dienste geleistet dadurch, dass ich die Überführung der Preussischen Akademie der Künste in die neue politische Richtung im Auftrag von und in Gemeinschaft mit dem damaligen Präsidenten Max von Schillings in die Wege leitete. Ich habe weiter die Umorganisation der Deutschen Gruppe des P.E.N.-Klubs in die Union Nationaler Schriftsteller durchgeführt, gemeinsam mit dem jetzigen Präsidenten Johst und dem jetzigen Präsidenten der Reichstheaterkammer Dr. Schlösser (vergl. Anlage 8). Ich habe Herrn Johst vertreten bei dem grossen Bankett zum Empfang von Excellenz Marinetti, dem Freund Mussolinis, vergl. meine Rede in »Kunst und Macht« S. 103. Ich habe die literarischen Emigranten im Rundfunk und in der Presse darüber belehrt, dass man ein grosser Künstler sein könne und doch bei seinem Volke bleiben, vergl. »Der neue Staat« S. 24. An allen den Stellen, die ich durch weisse Streifen gekennzeichnet habe, finden sich die aufrichtigsten Bekenntnisse zum neuen Reich. Ich bitte in diesem Zusammenhang die Totenrede auf Max von Schillings zu lesen in »Der neue Staat« S. 153. Ich füge bei das parteiamtliche Führerlexikon aus dem Jahre 1934, in dem ich mit Bild und Lebenslauf enthalten bin. (obschon ich nie Pg. war). Ich lege schliesslich nochmals bei eine überaus liebenswürdige Einladung des Ministers Ru s t. Aus allen diesen Dokumenten ist zu ersehen, dass ich bis zu meinem Eintritt in die Wehrmacht am 1. 4. 35 mit den kulturell führenden Parteiinstanzen in Arbeitsgemeinschaft und in persönlich kameradschaftlicher Beziehung lebte.
Das dritte Buch, das ich beilege, ist ein Gedichtband, der im Frühjahr 1936 aus Anlass meines fünfzigsten Geburtstages von meinem Verlag und mir als Übersicht über meine lyrischen Arbeiten zusammengestellt wurde. Eine solche Zusammenstellung nimmt Gedichte aus den verschiedensten Lebensaltern und aus gegensätzlichen geistigen Perioden. Das liegt in der Natur eines solchen Auswahlbandes. Einige Gedichte dieses Bandes nun erregten jenen scharfen Angriff des Schwarzen Korps, der im Mai 1936 erfolgte. Diese Angelegenheit wurde dienstlich ohne Schwierigkeiten beigelegt durch Entscheidung meines damaligen Kommandeurs nach Eintreten des PRÄSIDENTEN Johst für mich durch ein Telegramm, dessen Abschrift ich nochmals beifüge (Anlage 9). Aufgrund dieses Angriffs verhandelte mein Verlag mit der parteiamtlichen Prüfungskommission des N.S.-Schrifttums bei Stab des Stellvertreters des Führers. Sechs Gedichte wurden in gütlicher Übereinkunft durch sechs andere ersetzt. Danach erklärte die Parteistelle, gegen einen stillschweigenden Vertrieb der Gedichte keine weiteren Einwendungen mehr erheben zu wollen (vergl. Anlage 10). Dieses Schreiben halte ich für sehr wichtig, denn ich vermute, dass dieser Gedichtband hervorgesucht wird, um meinen Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer jetzt zu begründen. Seit Erscheinen dieses Gedichtbandes habe ich nichts mehr veröffentlicht. Auch dieser Gedichtband war aus Anlass meines fünfzigsten Geburtstages ein Abschluss, eine Übersicht, ein literarisches Rückblicken auf die verflossenen Jahrzehnte. Es erscheint mir ungemein wichtig, nochmals darauf hinweisen zu dürfen, dass der in der Anlage 10 erwähnte Dr. Hederich der jetzige Vizepräsident der Reichsschrifttumskammer ist, demnach von ihm dieser Gedichtband ausdrücklich begutachtet und freigegeben ist.
Meine Gegner werden zweifellos versuchen, mich als literarische Persönlichkeit zu verdächtigen und für untragbar zu erklären in der Richtung des Militärischen, der Wehrmacht. Ich bitte daher gehorsamst, Kenntnis nehmen zu wollen von dem beigefügten Band »Was wir vom Weltkrieg nicht wissen«, in dem mein Aufsatz über die Erschiessung der Edith Cavell steht. Dieser Aufsatz erschien nachweislich 1928, also in der Hochblüte der demokratisch-pazifistischen Aera, des Kulturbolschewismus, wenn man es so ausdrücken will. Dieser Aufsatz ist national, militärisch und offiziersmässig. Er zeigt eindeutig meine positive, von Wehrwillen und militärischer Gesinnung getragene Weltauffassung. Es gehörte im damaligen Augenblick Unerschrockenheit dazu, die Dinge so darzustellen. Er ist nicht etwa durch Hinweis auf vielleicht melancholische oder tragische Gedichte aufzuheben. Ich bitte, diesen Aufsatz in der Gesamtbeurteilung meiner Person nicht ausser Acht lassen zu wollen.
Zum Schluss melde ich dienstlich hinsichtlich meiner Person
1.) in meiner Herkunft und Familie gibt es keinen Bolschewismus, weder politischen noch kulturellen: Mein Schwager ist akt. Oberfinanzpräsident, einer meiner Brüder Oberkonsistorialrat und Mitglied des Preussischen Oberkirchenrats, ein anderer Bruder ist Pg. und S.A.-Führer.
2.) Ich gehörte niemals an: einer Loge, einer kommunistischen, sozialistischen, demokratischen Vereinigung, keiner Partei, keiner legitimen oder illegitimen pazifistischen Gruppe, bin nie politisch tätig gewesen, bin weder gerichtlich noch ehrengerichtlich bestraft.
3.) Ich stehe mit keiner, aus welchem Grunde immer emigrierten Person in irgendeiner Verbindung, sei es persönlicher oder schriftlicher Art oder durch Dritte. Ausser einem kurzen Besuch bei meiner Tochter in Dänemark im Jahre 34 habe ich das Reichsgebiet nicht verlassen. Ich schreibe nicht an ausländische Zeitungen, habe mich niemals, weder vor noch nach 1933, vor irgendeinem Forum in antideutschem, antimilitärischen Sinn geäussert.
Zusammenfassend melde ich, dass mir diese hartnäckige Verfolgung völlig unverständlich ist, meine Bücher haben immer nur einen ganz kleinen Kreis von Lesern beschäftigt, sie gehören einer vergangenen Epoche an und wo sie sich der neuen Zeit zuwenden, treten sie einschränkungslos für diese ein. Ich zweifle daher nicht, dass auch hinter diesem Ausschluss aus der Kammer mein Gegner vom vorigen Sommer steht, der mir unbekannte Maler Willrich, der ungeachtet des Briefes des Reichsführers SS. an ihn (Anlage 13), offenbar in einer Art von krankhaftem Wahn, seine niemanden interessierenden öffentlichen Angriffe gegen eine bestimmte Gruppe von Künstlern fortführt. Sollte tatsächlich von seiten des Generalfeldmarschalls Göring eine dienstliche Meldung hinsichtlich meiner erfolgen, bezweifle ich nicht, dass auch hinter dieser wieder Herr Willrich steht, hinsichtlich dessen in dem Brief des Reichsführers SS. der Ausdruck »Amoklaufen« gebraucht ist. Sollte der Versuch gemacht werden, über den Herrn Generalfeldmarschall mich dienstlich zu brandmarken, bitte ich gehorsamst um Bekanntgabe, damit ich versuchen kann durch Gegenbeweise darzulegen, dass ich einen ehrenhaften, erarbeiteten, von ernsthaften Männern anerkannten Namen innerhalb des deutschen Schrifttums besitze.108
Anfang September, bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wurde Benn versetzt. Seine Dienststelle lag nun »beim Befehlshaber des Ersatzheeres, d. h. O[ber]. K[ommando des]. H[eeres], und mein Büro ist im berühmten Bendlerblock«.109 Sehr bald darauf wurde er zum Oberfeldarzt (Oberstleutnant) befördert, was er erleichtert zur Kenntnis nahm. Offensichtlich hatten Willrichs Angriffe innerhalb des Militärischen keine erkennbaren Schäden angerichtet.
Benn mochte an seinem im Parterre gelegenen Büro in der Bendlerstraße 34 am Tirpitzufer, dass es einen Garten davor gab, den er nutzte, wenn die Sonne schien: »Es ist kein Bremer Patriziergarten, sondern nur ein Fleckchen Schund und die Reinmachefrauen säen jetzt darin Radieschen. Aber er erfreut mein Herz und in der Frühstückspause von 1330 –1415 ergehe ich mich in ihm. Er schafft mir Erinnerungen an die Zeit, wo ich noch auf den Dörfern wohnte und an die Räusche der Fliederblüte u. die Fascinationen durch Jasmin.«110 Manchmal verließ er in der Pause auch das Gelände und ging »eine halbe Stunde durch den schönen alten Teil Berlins, der früher Regentenstrasse und Matthäikirchplatz hiess«.111
Am 11. Oktober 1939, als die Deutschen Polen militärisch besiegt hatten, musste Gottfried Benn außerplanmäßig Urlaub nehmen. Sein Vater war drei Tage zuvor im Alter von 83 Jahren gestorben. Er wurde in Mohrin zu Grabe getragen. Rund 300 Kilometer östlich in Świecie, nur wenige Kilometer von Oskar Loerkes Geburtsort entfernt, fanden Massenmorde statt. Polnische Frauen mussten sich mit ihren Kindern in ausgehobene Gruben legen und wurden von Angehörigen der SS erschossen. Unmittelbar nach der Beerdigung berichtete Benn seiner Tochter:
Die Feier in Mohrin war wunderbar friedlich und still. Der Sarg war in der Kirche aufgebahrt, mit herrlichen Kränzen bedeckt. Onkel Stephan hielt eine grossartige Rede u. dann gingen wir alle auf den Kirchhof vor der kleinen Stadt u. nicht weit von der alten Mauer u. begruben ihn neben meiner Mutter. Wir älteren Geschwister waren alle da; Fritz u Hansi nicht. Dann war noch Esther dabei und viele Menschen aus Sellin, Trossin u. s. w. Abends fuhren wir alle in der Dunkelheit nach Berlin zurück. Ruth u. Paul aus Münster waren auch da. Schön wäre es gewesen wenn Du hättest kommen können, aber es ging ja nicht.112
Wenn sich Benn an seinen Vater erinnerte, dachte er auch »an das Strenge und vielleicht manchmal auch Harte und Unbeugsame seiner Persönlichkeit … das wohl von Natur in ihm lag; aber dann wurde er immer gütiger und milder, und schließlich spürte man nichts mehr als diese einzigartige Güte und das Verstehen aller menschlichen Schwächen … Dieser Hauch unendlicher menschlicher Reinheit und Selbstlosigkeit, dieses Überirdische an ihm, rührte mich tief.«113 Wieder zu Hause klagte er dem letzten verbliebenen der alten Freunde: »O Egmont! … Ich bin einsam …«114
Seit der Hochzeit mit Herta verbrachte Benn bis zum Kriegsbeginn seine Urlaube aus finanziellen Gründen in Berlin. Er arbeitete nebenher in der eigenen Praxis und übernahm mehrere Vertretungen, manchmal auch nach den Bürostunden von vier bis sieben Uhr, denn erst im Oktober 1938 war klar, dass er in der Armee bleiben konnte. Nach seinem Publikationsverbot beendete er Weinhaus Wolf, die Arbeit der letzten zwei Jahre, und Herta stellte die einzige Schreibmaschinenabschrift her.115
Die fortgesetzt gegen Benn geführten Attacken hatten ihn ermüdet. Er lebte so dahin, wälzte ab neun Uhr Gutachten und wusch sich mehrmals am Tag die Hände – »eine Liebhaberei von mir«.116 Mittags nahm er im Kasino ein Frühstück zu sich »mit Fliegen u. fetten Suppen«,117 und um vier ging er nach Hause, eine halbe Stunde Fußweg bis in die Bozener Straße, verbrachte die wenigen Stunden mit seiner Frau, die abends um acht Uhr müde ins Bett ging. Später, bei Dramburg an der Ecke, dachte er an Brüssel und Doussie, an Lili Breda, an seine erste Frau Edith und hing dem Gefühl nach: »… es ist alles vorbei, ausgelaugt, bis zur Sinnlosigkeit durchdacht u. formuliert, u., wenn ich denke, spüre ich Asche im Mund.«118
Ab Juli 1938 glaubte Benn, dass der Krieg unmittelbar bevorstünde, und besorgte sich Morphium:
Er kommt, etwa in der zweiten Hälfte des August, wenn der Blick des Sommers gebrochen ist, im Lieblingsmonat der Zerstörer.119