Sieht man einmal von Heinrich von Finckenstein ab, mit dem Gottfried, zumindest während der Jahre in Sellin, ein eher geschwisterähnliches Verhältnis hatte, war der zweieinhalb Jahre ältere Joachim Trowitzsch sein erster Freund. »Jochen«, dem schönen, dunkeläugigen Primaner, Sohn des ehrwürdigen Verlegers Eugen Trowitzsch, dem es 1880 gelungen war, die täglich erscheinende Frankfurter Oder-Zeitung zu etablieren, waren auch die überaus konventionellen Verse gewidmet, die ihm der junge »Dichter« am 21. Februar 1901 »zur Erinnerung an die gemeinsame Tanzstunde«54 überreichte. Kurz vor den Osterferien folgte bereits die nächste Charge, als Wiedergutmachung; scheinbar haben sich die Freunde nach Beendigung des Tanzkurses nur selten gesehen, »damit Du siehst, daß ich trotz Egoismus Dir dennoch bin von Herzen zugethan«.55
Benn und Trowitzsch machten ihre ersten Schritte auf dem Tanzparkett im Haus »Zum Breslauer Wappen«56 in der Breiten Straße Nr. 6 im Tanz-Institut des Ballettmeisters Emil Rathgeber, »der nicht nur der Terpsychore huldigte, sondern auch malte und ein Trio unterhielt«.57 Dass diese Schritte des körperlich auffallend klein geratenen Gottfried bei den Mädchen von Erfolg gekrönt waren, ist wenig wahrscheinlich. Er wird bei weitem nicht ausgewachsen gewesen sein. Er maß, wenn es hoch kommt, einen Meter sechzig und war im Schnitt ein oder zwei Jahre jünger als seine Mitschüler. Im Gegenteil: Sie machten sich lustig über den »Jünglingsknaben«. Wahrscheinlich aber nicht nur die Mädchen, sondern auch die Junkersöhne, »welche ›von‹ vorm Namen haben / und daher bei vielen Menschen / ja an erster Stelle stehen«.58 Ihr Standesdünkel war dem heranwachsenden Pastorensohn ein Dorn im Auge. Die Sozialstruktur in der Odermetropole war fest wie Beton. Ganz oben Landadel, Regierung und die Spitzen des Militärs; darunter Justiz und die städtischen Behörden; dann erst die freien Berufe, die Kaufleute und die Industriellen. Für den Pubertierenden, dem zu dieser Zeit »eine Mark dreißig lebenswichtig waren«,59 mussten alle Wege in diese Gesellschaft wie vermintes Gelände erscheinen. Und – das wurde ihm immer klarer – dort wollte er auch gar nicht hin.
Über seine erste und unglücklich verlaufende Liebe und anderes aus »schwachen und schwächsten Stunden«60 verfasste Gottfried Verse. Auch sie hat er seinem Freund Jochen gewidmet. Sie stammen aus dem Juni 1902: »Jetzt ist es still. Ich sah Dich wieder, / Doch ruhig blieb’s im Herzen mir, / Die Liebe legte sacht sich nieder / Und Freundschaft blühte auf zu Dir.«61 Das Mädchen hieß Irma, und man muss wohl annehmen, dass all das Beschriebene, wie die Verse selbst, sich ganz im Konventionellen bewegte.
Den Sommer in Sellin wird Benn damit verbracht haben, sich auf die schriftlichen Abiturprüfungen vorzubereiten, die in der ersten Septemberwoche stattgefunden haben. Von der mündlichen Prüfung wurde er befreit. Sein Reifezeugnis datiert vom 11. September 1903. Es ist durchschnittlich. Betragen und Fleiß werden als »lobenswert und gut« beurteilt, seine erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten als zur Hälfte »gut«, zur anderen »genügend«. Dass im Deutschunterricht seine »Darstellung hier und da noch ungewandt und der Ausdruck nicht überall treffend« gewesen sein sollen, hat ihn bestimmt gewurmt. Wohl auch, dass sein Prüfungsaufsatz über das Thema »Der nationale Gehalt in Lessings Minna und in Schillers Wallenstein« nur ein »genügend« bekam. Sein Schreiben sei »fest, zum Teil wenig gefällig«. Das klang gut, und es passt zu dem Stolz, den er auf einem Gruppenfoto im Kreis der Abiturienten, nahezu unbeteiligt bis arrogant posierend, ausstrahlt. Die »Turn«-Leistungen waren »gut«. Mit Ausnahme vielleicht dessen, dass er die lateinischen »Dichter und Prosaiker mit Verständnis gelesen und sich dadurch eine erfreuliche Kenntnis des antiken Lebens und Denkens erworben hat«, weswegen der Abituraufsatz ein »gut« erhielt, deutete nichts darauf hin, dass die Prüfungskommission, unter dem Vorsitz des Königlichen Kommissars, einem späteren Büchner-Preisträger »das Zeugnis der Reife zuerkannt« hat. Des Vaters Prognose, dass »der Junge nie das Gymnasium besuchen können wird«,62 da er zu unbegabt sei, ist nicht eingetroffen. Er kehrte nach insgesamt sechs Jahren Frankfurt an der Oder den Rücken. In einem Lebenslauf, den er nur wenige Wochen später verfasste, atmete er auf: »Gott sei Dank!«63