|99|5. Funktionäre

Montag. Friedhof. Wir steigen aus dem Auto, warten vor dem niedrigen, braunen Holzzaun. Eine Schlange von Autos hält eins nach dem anderen genau vor dem Eingang, einem Gartentürchen aus grauem Holz. Dunkle Audis halten und ein Mercedes: Da fehlt vorne der Stern. Ein Sohn, eine Tochter, ein Fahrer öffnen die Fahrertür, steigen aus, umkreisen das Auto, öffnen eine hintere Tür. Das wiederholt sich so lange, wie wir hier warten, ich schätze, in fünf Minuten etwa fünfmal. Immer steigt ein alter Mann heraus, in einem langen grauen oder braunen oder schwarzen Mantel und mit Schiebermütze. Am Revers tragen zwei eine rote Nelke. Ihre Gesichter sind grau, tiefe Falten wie trockene Wassergräben auf der Stirn, am Hals. Gesichter wie Denkmäler, auf die man keinen Zugriff hat, deren Grund man nicht kennt. Keine guten Gründe hier. Kalter Blick. Aschgraue Mimik. Gesichter, die nicht lachen können. Man will sie auch nicht lachen sehen, wer weiß schon, worüber so einer lacht. Die Hände wie vernarbte, alte Zweige. Sie bewegen sich mühsam, manche mit Stock, alten Stöcken aus Holz, lackiert. Sie gehen gebeugt wie Menschen, die sich bedroht fühlen. Sie wickeln sich in ihre Mäntel, als hätten sie Angst. Ich weiß nicht, wer sie sind, aber ich weiß, dass es da |100|etwas gibt, von dem ich nichts weiß, dass diese alten Säcke ein Geheimnis hüten. Sie sammeln sich neben uns, vor dem Holzzaun, und bilden ein Grüppchen. Das erinnert mich an eine Horde fetter Käfer, die über einen Misthaufen krabbeln und rangeln, wer den schönsten Platz auf dem Misthaufen bekommt. Ich weiß nicht, in welchem Dorf wir sind, welche Kirche das hier ist. Sie ist grau und einfach, ein Kirchturm, ein Dach, vielleicht ist da auch eine Glocke drin. Wir sind in das Auto gestiegen und mitgefahren. Sie hatten uns von unserer Lieblingsserie fortgezogen, Parker Lewis, drei Jungs, cool, schlagfertig, lustig, eine wichtige Überbrückungsserie bis zum Disney Club. Wir sehen fern, sobald wir von der Schule kommen, wir haben einen ganz genauen Serienplan. Wer die Fernbedienung hat, bestimmt den Nachmittag. Wir prügeln uns darum, denn es gibt zwischen meinem Bruder, der vier Jahre jünger ist, und mir generationsbedingte Differenzen, was den Fernsehkonsum betrifft. Wechselseitiges komplettes Unverständnis. Parker Lewis läuft jetzt Samstagmorgen 9 Uhr 30. Darauf einigen wir uns natürlich. Wir sehen einfach immer fern. Aus Langeweile vielleicht. Alles, was am Nachmittag läuft, und samstags auch am Vormittag. Batman zum Beispiel. Hausaufgaben machen wir fast nie. Wir sitzen im Disney Club und trinken Kakao mit Colombo. Wir haben schon vieles aus dem Fernsehen gelernt. Eigentlich alles.

Machen wir jetzt einen Uhrenvergleich. Es ist 12 Uhr 30. Samstag. 1996. Überraschend kam der Frühling. Meine Mutter trägt einen bunten Seidenschal, den ich in der Psychiatrie bemalt habe, ich hab alle Farben draufgeschmiert, die mir zur Verfügung standen. Das hat etwas Beruhigendes, weil sie so herausleuchtet und das wie ein Widerstand gegen Beerdigungen |101|aussieht. Sie wischt meinem Bruder die Rotze von der Nase. Keine Glocke läutet. Ich nehme an, es ist der Pfarrer, der herauskommt aus der Kirche, er stellt sich zu den alten Männern mit den Nelken und den Schiebermützen, daneben stehen reife Brombeeren.

Ansonsten ist alles so wie im Fernsehen: Blumen, Pfarrer, heulende Familien. Und es ist auch genauso schön wie im Fernsehen, weil die Sonne genauso schüchtern durch die alten Bäume leuchtet und ihr Licht auf die Gräber scheint, wo dann aber leider nur Stiefmütterchen stehen. Aber wenn man von da aufschaut, kann man Birken sehen, weiße Rinde, und Ahornbäume und Linden. Ich kenne die Bäume, wir haben sie alle auswendig gelernt. Bäume sind schön, es ist ein guter Ort, so ein Friedhof im Frühling.

 

Meine Eltern stehen etwas seltsam fremd herum, spähen nach Verwandten. Dann winken sie erleichtert. Mein Großvater wird von meiner Tante über die fiesen Bordsteinplatten geführt. Opa Friedrich oder Frido, wie ihn alle nennen. Er war ein sehr guter Schwimmer. Bis ihm jemand in Stalingrad drei Finger der linken Hand weggeschossen hat. Oder sind sie ihm dort abgefroren? Ich weiß nicht, will nicht fragen. Wie fragt man denn so etwas?

»Friedrich«, ruft einer der alten Männer mit zerbrechlicher, rasselnder Stimme. Bis heute ist sein Name wie ein Donnergrollen, jedenfalls auf dem Land. Die alten Männer bilden um ihn einen Kreis. Stellen Fragen, nicken, geben ihm die Hand. In seinen Wäldern wird gejagt. Es sind jetzt nicht mehr die Wälder der LPG, es sind jetzt die Wälder, Felder, Äcker der Familie. Im Januar dürfen wir als Treiber in den Wald. Dazu müssen wir orangefarbenen Signalwesten |102|anziehen, und dann rufen und schreien wir durch den Wald, damit die Wildschweine und Hirsche direkt vor die Flinte von Onkel Egon laufen, der sie dann abknallt. Dann liegen Hirsch oder Wildschwein da, und wir dürfen zuschauen, wie das Fell weggebrannt wird und die Haut abgezogen usw. usf. Und dann gibt es Wildschein oder Hirsch zum Essen. Wenn man die Anzahl der geschossenen Hirsche auf die Familienmitglieder (sagen wir 20) verteilt, kommt raus, dass jeder ungefähr schon mindestens einen ganzen Hirsch gegessen haben muss.

Onkel Egon ist auch zur Beerdigung gekommen. Der wohnt jetzt allein. Über seinem Sofa hängt ein rotes Ehrenbanner der SED. »Ehrenbanner der SED« steht da drauf, es ist aus rotem Satin mit Goldrand. Ein einziges Mal haben wir ihn besucht, vor ein paar Jahren, weil er Geburtstag hatte, und wir waren die einzigen Gäste. In der Wohnung war es kalt, weil er geizig ist mit der Wärme, die Wohnung war klein und lag eigentlich nur drei Blocks von unserer entfernt. Wir sind dort auf das Sofa gestiegen und haben das Ehrenbanner abgenommen und es uns abwechselnd um den Hals gelegt und gestritten, wer es als Nächstes tragen durfte. Wir spielten den Prinzen von der Prinzenrolle nach. Es konnte nur einen Prinzen geben. Wir fragten Egon, warum er nicht mehrere SED-Ehrenbanner bekommen habe. Wir waren enttäuscht. Seit die Firma, die Prinzenrolle produziert, in unserer Grundschule einen Wettbewerb veranstaltet hat, nämlich wer den schönsten Prinzenrollenprinz malen kann – ich weiß nicht mehr, ob jemand gewonnen hat –, seitdem jedenfalls kauft meine Mutter die Doppelkekse von JA, und wir wollen Prinzenrollenprinzen sein. Wir haben also nur noch Prinzenrolle im Kopf und jeder will einen roten Umhang |103|haben. Doch den roten Ehrenbannerumhang hatten wir nicht sehr lange um den Hals, weil Onkel Egon auf die Frage, warum’s denn nicht mehr davon gab, total ausgeflippt ist.

Egon arbeitet jetzt bei Coca-Cola. Das ist besser für ihn, sagt meine Mutter, weil da kein Alkohol drin ist. Und er schleppt immer einen Kasten Coca-Cola zur Familienfeier. Ich wette, nachher gibt’s auch Coca-Cola. Wenn Geburtstagsfeiern sind und alle schön besoffen, erklärt uns Onkel Egon den Unterschied zwischen Cherry Coke und Vanilla Coke und Coca-Cola und Cola Light, und Opa Frido zitiert Stalin. Dann werden seine Augen feucht, weil Stalin nicht mehr im Mausoleum liegt. »Die Siegergeschichtsschreibung«, sagt er und beendet den Satz mit einem Stöhnen. Leider dürfen wir nur sonntags Cola trinken.

Uns wurde erzählt, dass Onkel Egon bei Coca-Cola einen tollen Job hat. Jetzt steht er da mit den anderen zusammen. Opas mit Zukunftsangst.

 

Das Besondere an Egon ist, dass er seit einiger Zeit Jeans trägt, was sehr der Mode entspricht, aber Mode – darauf hat man sich hier wortlos geeinigt – ist eigentlich nichts Gutes, eher etwas Gefährliches. Deshalb sind hier die Väter und Onkel und die Großväter sowieso in den gleichen Anzügen, Hosen, Hemden und geriffelten Pullovern erschienen. Und deshalb kaufen sie sich nichts Neues oder lassen sich nichts Neues kaufen, also von ihren Frauen kaufen, nämlich aus Überzeugung. Doch Egon hat jetzt eine Jeans. Aber das gefällt nur den Frauen. Hab ich das Gefühl. Immer mehr Männer sind gekommen, die man nicht anders als ganz neu bezeichnen kann. Neue Männer von drüben. Sie wirken größer, breiter, lauter. Sie tragen Jeans und Trenchcoat, einige beigekarierte |104|Sakkos, und die Frauen lachen und pfeifen hinterher und tuscheln miteinander, dass dieser oder jener Typ, der zum Beispiel, der in das Büro vom Bauamt hereinkommt, eigentlich hereinplatzt in das Büro vom Bauamt, in dem meine Mutter jetzt arbeitet, wo sie jetzt knapp tausend Mark verdient und an ihrer Tür »Frau Dr. Hünninger« steht – also dort platzen oft diese Männer mit Jeans und Trenchcoat herein und stehen da rum und erzählen mit den Armen Geschichten und lachen laut von tief unten, von tief aus dem runden festen Bauch heraus, Männer, die so aussehen, als würden sie den Damen gern Blumensträuße mitbringen, Männer, die beim Herausgehen immer noch reden und erst aufhören, wenn die Tür wirklich zugezogen ist, und dann tritt für einen Moment eine Stille ein, als hätte es so etwas wie Stille niemals zuvor gegeben, und dann endlich sagen die Frauen: »Der Mann hat Schmiss.«

Solche Männer machen die alten Chefs ziemlich wütend, die stehen dann da, mit ihrem Aktenordner, und ihnen fällt nichts dazu ein. Manchmal knipst der Chef meiner Mutter auf dem Kuli herum und sagt: »Idiot.« Und die »Damen«, also meine Mutter und Tante Angelika, deren Mann sich letztes Jahr auf dem Dachboden erhängt hat – und das noch nicht einmal auf dem eigenen, sondern auf dem Dachboden, auf dem alle Hausparteien ihre Wäsche aufhängen, und das weiß jeder, weil sie im Dorf Dasdorf wohnt, wo jeder Bescheid weiß, aber niemand fragt, und deshalb steht sie genauso außerirdisch da herum im Büro vom Bauamt wie meine Mutter, die »Frau Doktor« –, diese zwei Damen jedenfalls tippen dann vom Chef wieder ein Diktat ab und kleben die Bilder ihrer Kinder an ihre Computerbildschirme. Am Computer meiner Mutter hängt ein Bild, das uns drei Kinder zeigt, pyramidenartig aufgebaut vor weißem |105|Hintergrund, und meinem Bruder läuft Rotz aus der Nase. Ihr Chef fragt mich ständig, warum meine Brüder niemals kämen, und ich erkläre immer wieder, dass sie keine Zeit haben. Ich spar’s mir zu sagen, dass ich nur einen Bruder habe und der Rest Mädchen sind, weil der Typ sich das nicht mal bis zur Kaffeemaschine merken kann. Er hat einen Schnauzbart wie eine Klobürste, wenn sie schon etwas in Benutzung war. Das ist wohl wichtig, wenn man Chef ist: dass man sich einen Schnauzbart zulegt. Männer, die herrschen, das lernt man in Geschichte, haben einen Schnauzer. Wenn ich zum Zahnarzt muss, warte ich im Bauamt, dann spielt Tante Angelika mit mir am Computer Solitär, oder ich sortiere Kugelschreiber nach Farben, oder ich suche auf den großen Grundstückskarten, wo wir wohnen. Unser Plattenbauviertel ist aber nie zu sehen.

 

»Dreifachzoom!«, sagt Egon zu meinem Vater. »Ich soll Bilder für die Kinder machen, die wollten nicht kommen. Heutzutage darf man ja niemanden mehr zwingen.« Egon trägt jetzt eben auch eine Jeans und am Handgelenk einen Fotoapparat. Der hat Zoom. Über den reden jetzt alle. Auch die Witwe. »Mein Beileid«, sagt Egon und die Frau sagt: »Danke. Der hat Zoom?« Einen Zoom zu haben ist hier, wie bei Coca-Cola zu arbeiten, und bei Coca-Cola zu arbeiten ist wie einst eine Anstellung in der Versorgungsabteilung der SED-Kreisleitung – der große Knaller. Obwohl keiner weiß, was Egon da macht, bei Coca-Cola oder als Erster Sekretär. Man muss dann gar nichts mehr tun für sein Ansehen. Man kann damit hier sehr viel hermachen.

Jetzt bewegen sich alle Richtung Kirche. In der Kirche ist es kalt. Vorn ist ein Sarg aufgebaut. Die Klappe ist offen. |106|Wir setzen uns, und vorne beginnen die Ersten zu flennen. Der Pfarrer stellt sich hinter den Sarg und sagt Worte wie: »Guter Mensch, liebevoller Vater, Ehemann, Großvater, ein guter Jäger und Schlachter. Er war sehr tierlieb und führte stets zwei bis drei Zwergpudel spazieren.« So etwa fasst der Pfarrer die Jahrzehnte eines Lebens zusammen. Eingedampft in einen Satz. Vielleicht auch ein paar Sätze, so genau hört man ja doch nicht hin. Die Rede, die einen am meisten interessiert, wird man nicht hören können. Vielleicht ein Glück. Vor mir löst ein Mann das Kreuzworträtsel der Lokalzeitung, genannt »Rätsel-Brezel«. Das Gedicht »Der Herr ist mein Hirte« gefällt mir sehr. Es ist schön, ich kann es mir richtig vorstellen, grüne Weiden kommen darin vor, und alles klingt, als sei das das Paradies. Es muss schön sein dort, wirklich schön. Ich höre genau hin, da scheint nichts verboten zu sein: »Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.« Cool.

Der Pfarrer ist fertig, das merkt man daran, dass alle aufstehen, man singt. Kurz setzen sich alle, dann stehen wir wieder auf. Unheimlich leise und selbstverständlich, als wüsste jeder genau, was zu tun ist, als hätten sie das schon hundertmal so gemacht. Dann schleichen sie aus den Reihen wie Tiere.

Egon hat in der zweiten Reihe gesessen, er geht jetzt vor zum Sarg, beugt sich darüber und fotografiert in den Sarg hinein. Es blitzt. »Die zoomt«, sagt er nach hinten, und dann schnurrt der Zoom heraus wie ein Fernglas. »Für die Kinder«, sagt er, »denn die Kinder können heute nicht dabei sein«, und er knipst noch einmal, aber nicht mehr in den Sarg, den hat er ja schon, sondern in die Menge hinein. Wieder ein Blitz, mit dem keiner gerechnet hat. Dass der |107|einen immer so kalt erwischt und für einen Moment halb blind macht! Wie Schäfchen gucken wir Onkel Egon an: »Uups, hat’s gerade geblitzt?«

Plötzlich muss ich anfangen zu lachen, ich kann es nicht aufhalten, es geht nicht. Kirche, ein offener Sarg, ein Pfarrer, flennende Frauen. Ich lache, Birgit lacht, Michel lacht. Ich gucke Birgit an und wir müssen noch heftiger lachen, es platzt einfach aus uns heraus, keine kann es noch halten. Der Blitz, der Sarg, die flennenden Frauen, Schuldgefühle, aber wir lachen. Da hilft keine Hand vor dem Mund, die Tränen kommen, wir krümmen uns, es hilft kein Blick zum Boden, es hilft auch nicht der Klaps auf den Hinterkopf. Wir können nicht aufhören. Dann zerrt uns mein Vater raus ins Licht. Ich muss blinzeln, und außerdem wird mir schlecht. Mir wird schlecht, weil es gleich Ärger gibt und der Bauch vom Lachen müde ist. Ich übergebe mich vor der Kirche in meine Hände, versuche, es aufzufangen. Dann gucke ich hoch, sage: »Uups, es hat geblitzt«, und lache und sehe meinen Vater, meine Schwester und einen Friedhof. Bei drei Kindern ist es immer so, dass nur zwei festgehalten werden können, der Dritte läuft aber trotzdem automatisch hinterher, selbst wenn es nicht zum eigenen Vorteil ist, wenn man eigentlich wegrennen sollte. Grotesk irgendwie.

Mein Vater holt sein Stofftaschentuch heraus, das nach der Wäsche gebügelt wird, und wischt mir die Kotze aus dem Gesicht, und ich grinse. Es reicht natürlich längst. Eine alte Frau gießt die Blumen auf einem Grab. Carolin guckt herüber und schüttelt den Kopf. Carolin ist meine Cousine, sie hat eine Zahnspange. Es zischelt, wenn sie redet. Ich hätte auch gern eine Zahnspange und drücke gegen die Schneidezähne und hoffe, dass sie schief werden.

|108|Zum Beerdigungsessen werden wir aber dennoch zugelassen. Das ist gut. Ich habe Hunger. Vom Friedhof aus laufen wir ein paar Minuten eine gepflasterte Straße entlang. Mein Vater zeigt auf den Wald, der um das Dorf herum die Hügel bedeckt. »Das und das und das und das gehört uns. Dahinter geht’s noch weiter. Wenn der Opa stirbt, werden wir ein Drittel von allem bekommen.« Er bleibt stehen und zeigt im 360-Grad-Winkel auf alle grünen Zipfel, die man von hier aus sehen kann. Wir gehen oft in diesen und anderen Wäldern spazieren, lange, strapaziöse Spaziergänge, besonders an Ostern. Und immer wird dann gesagt, was unserer Familie gehört. Südlich von Weimar ziemlich viel, schätze ich. Es sind ätzend lange Spaziergänge wie durch ein Museum, denn: »In unserem Wald wird nix abgebrochen! Auf dem Weg bleiben!«

 

Wir gehen in einen Saal hinein, in dem Schulbänke zu einer u-förmigen Tafel zusammengeschoben sind, auf der auf einer gelben Papiertischdecke Kuchenplatten stehen. Von draußen schon können wir Egon hören, der vor lauter Reden bereits einen roten Kopf hat. Ich beobachte, wie die um ihn Herumsitzenden, darunter der Pfarrer, etwas zurückweichen, und weiß, warum: weil Onkel Egon, wenn er sich in Rage geredet hat, wirklich unangenehm spuckt. Zumal er hier offenbar schon mehrere kleine Törtchen verspeist hat.

»Jetzt steht überall, dass die Ostdeutschen alle Neonazis sind. Aber die gab’s doch kaum. Die hatten wir doch im Griff, sag ich. Im Griff. Die war’n doch nicht gefährlich. Wenn da einer was gesagt hat, da war der doch sofort aussortiert. Tanzte einer aus der Reihe, ging – zack – die Gardine zu. Schlüssel rum und Suppe statt Schnaps! Was jetzt für Schmutzkübel |109|über die DDR ausgekippt werden. Das ist eine faschistische Aktion!«

Eine unangenehme Schweigesekunde tritt ein. »Gefährlich waren doch ganz andere!« Egon wird lauter: »Da sind wir doch nie reingekommen, die haben wir doch nicht gekriegt: diese Kirchenmäuse oder Friedensquatschkreise. Die haben wir nicht knacken können. Und wenn de so willst, das sach ich dir, wenn wir die nicht gekriegt haben, dann wenigstens der Kapitalismus.« Egon starrt in die Luft. Der Pfarrer faltet die Hände. Irgendwie kommt es mir vor, als wäre da etwas durcheinander. Wir waren in der Kirche. Waren wir jetzt auch Kirchenmäuse? Im Kommunismus, sagte mein Vater immer, gibt es keine Kirche, das wäre nur Opium gewesen, was ich jetzt auch nicht verstanden habe. Mein Kopf schmerzt schon. Ich schaue Birgit an. Sie lacht. Sie sagt: »Na, du Kirchenmaus.« Wir lachen. Egon steckt sich einen Kuchen in den Mund, der zwar auf Mundgröße geschnitten ist, aber dort zum Reden nicht viel Platz lässt. »Stasi!«, sagt er und kaut. »Stasi. Das war doch nüscht. Da hammer mal einen eingesperrt. Na und?« Er kaut. »Na und? So läuft’s nun mal. Ist doch heute auch nicht anders.«

Egon dreht sich halb herum, sieht uns über die Schulter hinweg hereinkommen. »Da is er ja.« Wir setzen uns in Hörweite. Der Pfaffe rutscht nervös auf seinem Stuhl herum. Er hat krauses rotes Haar, sehr voll, ein blasses, von vielen Beerdigungsessen etwas aufgeschwemmtes Gesicht. Er faltet die Hände im Schoß und lächelt die Witwe neben ihm still an. Sie zu ihm: »Wir hatten eben noch über das Wetter gesprochen. Der Fernseher lief, und er hat sich so aufgeregt. Da war Werbepause. Da kam Heike Drechsler mit Waschpulver. Er hat sich noch so gefreut. Wir Ossis auch mal im Fernsehen. |110|Die hat sogar gesächselt. Persil. ›Persil‹, hat sie gesagt, ›richtig sauber, und leuchtende Farben.‹ Wissen Sie, er hat mich gerufen, ich soll mir das mal anschauen, da wäscht Heike Drechsler im Fernsehen ihre Wäsche. ›Jetz is se sauber‹, hat er zu mir gesagt. Das war ein schöner Moment. Er hat sich ausgezogen und sich neben mich aufs Bett gesetzt …« Der Pfarrer unterbricht sie, indem er schnell, aber sanft ihre Hand tätschelt und verständig nickt. »Aber nein, er hatte doch das Unterhemd an. Dann ist er einfach … ›Heike‹, hat er noch gesagt, den Satz hat er nicht mehr zu Ende gesprochen, etwas über Heike Drechsler wollte er sagen, da ist er nach hinten umgekippt und …« Der Pfarrer kneift die Augen zusammen. »Ne, er ist einfach tot gewesen. Bumm«, sagt sie. Sie schüttelt den Kopf. Der Pfarrer schüttelt den Kopf. »Ja«, sagt er leise.

»Immerhin hat er nicht gelitten«, sagt meine Tante.

»Nein, Schmerzen hatte er nicht«, sagt die Witwe.

»Na ja.«

 

»Peter«, sagt Egon, »was habt ihr da gemacht? Gewinnen hätte man’s doch können. Was war da oben los in der Kampfgruppe?« Egon dreht sich zu den alten Männern, die nicken viel, mein Vater muss etwas lauter sprechen, damit er über mich, Birgit, Michel, über den Pfarrer und die Witwe auch für Egon zu hören ist. »Na ja«, sagt mein Vater. Egon winkt ab: »Im Grunde stand die Mauer zehn Jahre zu lange. Ich bin ja eigentlich froh, dass se weg is. Das Land gehört jetzt wenigstens wirklich uns.« Er lacht ein kurzes, lautes »Ha«.

»Wir standen ja schon vorher mit der Kampfgruppe oben auf dem Ettersberg, da auf dem Parkplatz von Buchenwald. Da hatten wir trainiert mit der Kampfgruppe.«

»Auch so’n Verein«, sagt Egon, vom dem wir nur den |111|Rücken sehen. Ich meine aber, sein Grinsen zu hören. »Frühjahr bis Herbst 89 haben wir immerhin sechsmal trainiert. Ich hatte das schwere Maschinengewehr. Die andern die Kalaschnikow. Die war viel leichter. Also, für mich war das sehr anstrengend. Die Verpflegung war immer gut.«

»Um die hab ich mich ja auch gekümmert«, sagt einer der Alten, der eine besonders gelbe, faltige Haut im Gesicht hat. »Erster Sekretär. Meine Herrschaften. Im Besitz des Ehrenbanners der Partei. So.«

»Die Verpflegung wurde aber später schlechter.«

»Na na.«

»Wir haben da schon angefangen, Sperrketten zu üben.«

»Auf dem Parkplatz in Buchenwald? Das ist ja, na ja, eigenartig«, sagt der Pfarrer.

»Warum? Das ist nun mal freies Gelände«, sagt einer der Alten, der Erste Sekretär.

»Na ja, Buchenwald, Kampfgruppe, Sperrketten. Also …«

»Was wollen Sie damit sagen?«

Der Pfarrer widmet sich ganz der Witwe.

»Die meiste Zeit standen wir sowieso nur herum und es wurde auf irgendetwas gewartet«, sagt mein Vater.

»Idiotenverein«, sagt Egon. »Wir haben da schon längst klar Schiff gemacht in der Zentrale.«

»Im späten Herbst wurde da erst das Feldlager aufgebaut, wir haben auf einen Befehl gewartet und die Nacht wurde auf Stroh in Zelten verbracht. Wir hatten Probleme mit der Versorgung. Und es war kalt. Es gab eigentlich nur Minzlikör und Nordhäuser Doppelkorn. Schießübungen haben wir gemacht, um sich aufzuwärmen. Was sollte man sonst machen. Wir übten an der Waffe und warteten auf den Befehl zum Einsatz der Waffen gegen Demonstranten. Dachten wir |112|uns ja, dass wir hier nicht zum Spaß oben waren und uns den Arsch abfroren. Wir diskutierten darüber. Wir wollten lieber nicht auf Demonstranten schießen. Waren ja alle Familienväter. Wir haben beschlossen, alle, den Befehl zu verweigern, und das auf einen Zettel gekritzelt und den an höhere Stellen weitergeleitet.«

 

Einer der Alten, einer mit Stock, zischelt etwas Unverständliches. »Die Leute hatten’s doch satt«, sagt mein Vater, »Wahlergebnisse von 98, 99 Prozent. Das kann man mit dem eigenen Volk doch nicht lange machen. Da fühlt sich doch jeder verarscht.«

Egon haut mit der flachen Hand auf den Tisch: »Aus dir hätte mal was werden können!« Er schaut meinen Vater an. »In Moskau studieren dürfen. In der Partei. Alle Sekretäre und Untersekretäre in der Familie und den Chef der Landwirtschaft als Vater. Mein lieber Mann.« Er knallt sich ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte auf den Teller. »Wir haben die Wahlergebnisse ja nicht mutwillig beeinflusst. Na, da hat einer angerufen und hat uns gesagt, das sei so noch nicht richtig gut. Da würden von oben 98 Prozent erwartet … Freie Wahlen, ich lach mich kaputt. Ihr denkt, 1990, das waren freie Wahlen? Da kamen die Wessis nach Weimar und Erfurt und haben in einer Nacht tausend Plakate geklebt. Das hätten uns doch hier schon die Gesetze gar nicht erlaubt. Die kamen in der Nacht mit Bussen und haben auf dem Marktplatz – damals, als der Kohl da war, da standen 100 000 Erfurter Bürger verführt vom goldenen Westen auf dem Marktplatz, und die Schwarzen verteilten nu plötzlich Kassetten und Schallplatten an unser Volk mit den Reden von Helmut Kohl, damit sie sich das zu Hause anhören. Also …«

|113|»Na, da hat er nicht unrecht. Das hätte sich die Stasi schon als Behörde nie erlauben können. Was war die Stasi? Gab’s doch ne Menge Abteilungen. Wurd halt mal einer eingesperrt, ja Gott.«

Stille.

»Nu lass mal gut sein«, sagt mein Vater.

»Dir hat der Ehrgeiz gefehlt«, sagt Egon. Und da widerspricht man nicht, weil jeder weiß, dass er am wenigsten Ehrgeiz hatte von allen. Am meisten davon hatten die Alten, die tischten ihre Kämpfe und die Opfer, alle, die sie bringen mussten, mit dem zarten Hirschfleisch auf. Denn ihnen ging es nicht »um Leben und Tod, sondern um viel mehr«. Verdammt noch mal.

»Wo ist denn deine Tochter überhaupt?«

»Hier«, sage ich und melde mich, hinter dem Tisch auf dem Boden sitzend. »Hier unten«, sagt Michel und zeigt auf mich. Über uns thronen Ursula und Sabine, sie halten ihre Hände fest umklammert, zwei vorbildlich im Sofa brütende Großmütter, deren Kinder und Enkel weggezogen sind, weshalb sie die Geburtstage aller Kinder und die aller Enkel auswendig aufsagen können und das nach ein oder zwei Gläsern Eierlikör auch tun. Wir sitzen vor ihnen auf dem Boden, sitzen hier unten, um die Augen schließen zu können, ohne dass uns jemand mit Anstand kommt.

»Soll sich das Kind doch nicht erkälten, komm, hier ist noch Platz.«

Ich setze mich mit einer Mischung aus Ekel und Gehorsam neben Onkel Egon.

 

Seine Stimme dröhnt im Ohr, ich überlege: Wahl? Welche Wahl?

|114|Ich erinnere mich an die Wahlen 1990. Ja, ich erinnere mich. Da wurde Helmut Kohl unser Kanzler. Da waren die Wahlkabinen, die in meinem ersten Klassenzimmer aufgebaut wurden, die aber keiner benutzen wollte. Eigenartig, die Eltern in der Schule zu sehen.

Jetzt würde sich alles ändern. Und »ja« war das Wort, das uns weckte. »Ja« brüllten Männer aus jedem Fenster im Block. »Nein« sagte mein Vater nebenan. Ich stieg aus dem Bett und rannte ins Wohnzimmer, ich dachte, etwas Wichtiges sei passiert, aber es geschah nichts weiter, als dass Helmut Kohl Kanzler von ganz Deutschland wurde – und von uns auch.

 

Der Pfarrer und ich (bloß weg vom Sofa) helfen meiner Großmutter das Geschirr in die Küche zu bringen. Sie stehen beide an der Spüle. »Ach ja«, sagt meine Großmutter. »Wird schon wieder«, sagt der Pfarrer. »Was?«, fragt meine Großmutter. »Öhm, alles, Gudrun, alles.« Das Wasserrauschen unterbricht das Gespräch. Ich setze mich an den Küchentisch und schneide mit einem Messer ein Muster auf die Wachstischdecke. »Ich weiß noch, wie der Bernd, er ruhe in Frieden, Silvester 1990 zu mir kam. Er schien doch sehr geknickt und sagte: ›Das, was mir am meisten zu schaffen macht, was ich am meisten bereue, das is ja nicht die Stasi, sondern dass meine Mutti nicht mehr erleben konnte, wie ich Erster Sekretär geworden bin.‹«

»Das hat er gesagt? Der war bei der Stasi?«

»Jetzt isser ja tot, Gudrun.« Er tätschelt auf die schmale Schulter meiner Großmutter und geht hinaus. Sie dreht das Radio etwas lauter und wäscht wortlos das Geschirr. Stasi, denke ich, so hat er gar nicht ausgesehen. Die eigentliche Pointe eines totalitären Systems ist, dass die Täter banal sind, |115|sie sind Beamte. Ein totalitäres System verlangt keine Bosheit. Sie ist sogar störend, weil sie so etwas Eigensinniges hat. Aber die Täter im Staat sind die, die einen Stempel und ein Stempelkissen besitzen.

 

Weltwetter im Radio: Singapur, Moskau, Paris. Nichts steht so genau unter Beobachtung wie der Himmel. Wie die Wolken ziehen.

Der Himmel hängt tief heute. Wir winken aus dem Rückfenster, bis das Auto in die Landstraße einbiegt. Das ist ein festes Ritual geworden, eine Weile umgedreht winken nach der Abfahrt, als sei das so geregelt worden irgendwann.

Was haben wir eigentlich heute erkennen können, was erfahren und nicht verstanden? Gehören wir zu den Guten? Und wer sind die Guten? Diese alten Männer, der Großvater, sein kettenrauchender Bruder, der Sohn Egon, wenig älter als mein Vater, der gleich nach seiner Kellnerlehre anfing als persönlicher Sekretär des Rates des Kreises und da Einfluss hatte. Worauf, das wusste keiner so recht, aber Wind wird da immer noch drum gemacht.

 

Auf dem Nachhauseweg hinten auf der Rückbank lachen meine Schwester und ich über das Wort »Kirchenmäuse« und wir lachen über Onkel Egon: wie gaga dieser Onkel ist. »Stasimäuse!« Hahaha! Auch gut. Zum Totlachen das Wort.

»Also das nervt langsam«, sagt mein Vater zu meiner Mutter.

»Seid ihr jetzt still«, sagt sie zu uns.

»Okay«, sagen wir und lachen und flüstern uns jetzt die Witze zu.

»Ruhe!«

|116|»Wir sind ruhig, darf man jetzt nicht mal flüstern?«, fragt Birgit, die hinter meinem Vater sitzt.

Im Radio gibt es die Wetteransage. Auch das internationale Wetter wird angesagt: Singapur, Moskau, Bangladesch, Peking.

Birgit zieht sich die Augen wie ein Chinese zur Seite. Wir lachen.

»Hör auf, gegen den Sitz zu treten«, sagt mein Vater.

»Ich berühre deinen Sitz nicht.«

»Sie berührt deinen Sitz nicht«, sage ich.

»Ich merke es doch.«

»Sie berührt deinen Sitz nicht«, sagt meine Mutter.

»Ich sag es das letzte Mal«, sagt mein Vater. »Noch ein Wort.«

»Ich habe Hunger.«

»Mir reicht’s jetzt.«

»Du hast doch gerade etwas gegessen, Mischa«, sagt meine Mutter.

»Ich habe auch Hunger.«

»Wir sind gleich zu Hause.«

»Kann ich die Toffifee aufmachen?«

»Es gibt heute für keinen mehr was Süßes«, sagt mein Vater.

»Mama?«, sage ich.

»Ihr habt Papa gehört.«

 

Zwei Sekunden Ruhe. Dann schaue ich meine Schwester an, und sie lacht und ich auch. Dann sagt sie: »Na, du Kirchenmaus.«

Und dann fuchtelt die rechte Hand meines Vaters nach hinten, mit der linken hält er das Steuer. Es ist Nacht, die Strecke kurvig, mit der Hand erwischt er uns nicht, aber wir |117|landen auf der linken Spur und er bremst noch, bevor wir in die Leitplanke knallen.

»So«, sagt er und seine Stimme zittert. »Wenn wir zu Hause sind, wird versohlt. Aber das werdet ihr euch merken. Ein für alle Mal.«

Jetzt schaut jeder aus seinem Fenster und weint.

Als wir zu Hause ankommen, hoffe ich, dass er es vergessen hat oder die Wut verflogen ist. Aber er ist gar nicht wütend, er schreit auch nicht. Er sagt: »Wer will zuerst?«

Wir treten an.