Wenn die Schulsekretärin sich mit »Viel Spaß« verabschiedet, bevor sie die Tür zumacht, ist das immer ironisch gemeint. Nachmittags um vier sitzen wir in einem Raum, gehen zum Fenster, öffnen es und machen es wieder zu, laufen hin und her. Ich lehne meinen Kopf an die Scheibe, an der eine vergilbte Spitzengardine klebt. Sie klebt da, seit ich diesen Raum kenne, seit vielen Jahren. So riecht sie auch. Die Fensterscheibe ist kalt, und ich müsste mir mal die Nägel schneiden. Es ist der Raum für Schüler, die nachsitzen müssen oder richtig was falsch gemacht haben und jetzt auf die Polizei warten. Wie wir.
David sagt: »Wir müssen was tun, was legaler ist.«
Ich kann nicht denken, weil mich der Joint völlig umgehauen hat und wir deshalb ja hier sitzen, weil ich im Englischunterricht gar nichts mehr verstanden habe. Nicht mal: »Andrea, how are you?« Woraufhin ich nur gesagt habe: »No, not now.« Und über das Buch, das ich an einer beliebigen Stelle geöffnet hatte, so dass es wenigstens so aussah, als würde ich wissen, was es in einer normalen Unterrichtsstunde zu tun gab, also hinsetzen, Buch auspacken, Buch aufklappen, irgendwas unterstreichen, Krikelkrakel an der Seite machen, irgendwas machen, um den Kopf nicht zu heben, |74|was alles nicht lange klappte, weil mir auf die Frage »How are you?« sehr schlecht wurde und ich es beim Hinausgehen nur bis zum Mülleimer schaffte, was mehrere Mülleimer waren, weil die Schule umweltfreundlich sein wollte, an einem Beste-Umwelt-Schule-Wettbewerb teilnahm und den Müll seit einigen Monaten trennte. Ich zögerte kurz, ob ich jetzt in den grünen (Kompost) oder in den weißen (Restmüll) Mülleimer kotzen sollte oder mir nur Mühe geben sollte, nicht auf das Linoleum zu kotzen, denn das war dann schwerer zu reinigen. Ich übergab mich also ungeschickt in den Wertstoffmülleimer (gelb), und Frau Rennethal schickte mich sofort ins Sekretariat. Dort traf ich David, bei dem es ähnlich gelaufen sein musste. Er sah sehr blass aus, und Schweiß stand ihm auf der Stirn. Wir hatten in der großen Pause Gras geraucht, neues Gras, wohl sehr gutes Gras, das einer aus der Oberstufe mitgebracht hatte, denn er hatte zu Hause im Garten eine riesige Pflanze herangezüchtet, die jetzt Blüten trieb, die musste man wohl ernten, und mit dieser Ernte lief er dann in der Schule herum und verteilte sie zu wirklich fairen Preisen. Auf jeden Fall rauchte ich zu viel davon, weil ich den Joint rollen sollte, was ich nicht konnte, weshalb so eine Art Rakete herauskam, dick und schwer, nur mit Marihuana gefüllt.
Während wir in der Bibliothek warten, in der ein Regal steht mit etwa zwölf Büchern, kauen wir an den Fingernägeln. Der Raum ist fast leer. Außer dem Regal ein grauer Tisch, der an den Seiten angeknabbert ist, so dass das Sperrholz herausquillt, drei Stühle, mit rotem Frotteebezug beklebt, und ein Sofa mit dem gleichen roten Frotteebezug. An den Fenstern hängen vergilbte Spitzengardinen. Es stinkt, als hätte man seit 1985 das Fenster nicht geöffnet. David blättert in den Büchern, |75|die alle ziemlich alt aussehen. Ich nehme ein Sozialkundebuch aus dem Regal, grau wie ein Grabstein, von 1989, printed in Germany. Ich schätze, damit ist nicht die DDR gemeint. »Die klassenlose Gesellschaft bei Karl Marx (1818–1883)« ist mit »Exkurs« überschrieben. Machiavelli und Rousseau sind rot unterstrichen. »Das muss man sich mal reintun«, sagt David, der in den letzten Monaten nicht nur das richtige Jointbauen erlernt, sondern sich auch zur Frankfurter Schule einiges angelesen hat, woraufhin die Eltern Sorge hatten, er sei einer Sekte beigetreten. Frankfurter Schule und Zeugen Jehovas – fremd, also gefährlich, dachten wir dann auch, und das hatte immerhin den Vorteil, dass wir schließlich an gar keine Götter glaubten, weil keiner ganz sauber schien, nicht einmal Adorno. »Das muss man sich mal reintun«, sagt David also und blättert, »dass unsere Eltern wahrscheinlich nichts von Aristoteles und Locke gewusst haben.«
»Klar haben sie davon gewusst. Die sind ja nicht blöd.«
»Vom Schutz freier Individuen durch den Staat. Locke. Was sagt man im Sozialismus dazu?«
»Wahrscheinlich das Gleiche.«
»Schade eigentlich, dass man gar nicht weiß, was Marx eigentlich wollte. Scheint aber auch auf kein Happy End hinauszulaufen.«
Dann stecken wir uns jeder zwei Bücher ein, als wir von draußen den rasselnden Schlüssel der Schulsekretärin hören, und setzen uns schnell möglichst weit voneinander entfernt auf das Sofa. »Mitkommen«, sagt sie und man kann riechen, dass sie in der Zwischenzeit ordentlich getankt hat. »So was gab’s bei uns früher nicht. Braucht ihr gar nicht zu grinsen. So lang ist das auch noch nicht her.« Wenn sie sich aufregt wie jetzt, wackelt ihr blonder Haarturm. Ihre Frisur ist jeden |76|Tag so gebaut, dass man Angst haben muss, dass sie ihr gleich vom Kopf fällt. Ganz weiß gepudert könnte man sie locker ins 18. Jahrhundert zurückschicken.
Vor ein paar Jahren hat sie endlich ihren Trabi verschrotten lassen und sich einen weißen, eckigen Golf gekauft. Ich erinnere mich, wie ich in einer Geschichtsstunde, in der es gerade um die Befreiungskriege ging und Stubendorff vor der Tafel gerade »Napoleon ist sogar bis nach Thüringen gekommen« schrie, worauf jemand fragte, ob Waterloo auch in Thüringen liege, worauf Stubendorff mit der Faust in die Luft schlug und sein Kopf ganz rot dabei wurde, so rot, wie er nur wurde, wenn er über die Oktoberrevolution sprach, die wir jedes Jahr durchnahmen – in solchen Geschichtsstunden jedenfalls gucken die meisten auf den großen Kiesparkplatz vor der Schule und beobachten die parkenden Autos. Weil ich so lange auf die Autos starrte, hielt ich es erst für eine Halluzination, aber der weiße Golf rollte ganz langsam, ohne dass jemand am Steuer gesessen hätte, rückwärts aus seiner Parklücke raus und über den Kies Richtung Hauptstraße. Ich tippte meine Tischnachbarin an, sie tippte ihre Nachbarin an, sie den nächsten, und dann beobachteten wir, wie das Auto ganz allmählich rückwärts auf die Hauptstraße rollte und fast einen Grundschüler überfahren hätte, auf die Hauptstraße drauf, Hupen, Verkehr von links und rechts, weiter über den Bordstein auf die andere Seite, in einen niedrigen Holzzaun und schließlich in einen Forsythienbusch hinein, an dem noch ein paar bunte Ostereier hingen. Dann konnte man die Schulsekretärin sehen, wie sie die Treppe zum Haupteingang hinunterfederte und verwirrt in der leeren Parklücke stehenblieb, sich dann umdrehte, suchte und zu ihrem Auto rannte. Das wiederholte |77|sich noch ein paarmal, und wir haben immer sehr darüber gelacht. Aber irgendwann ist auch ein Witz vorbei. Wenn er zu oft wiederholt wird, dann wird es traurig, dann ist das unheimlich.
»In der DDR gab es keine Drogen«, sagt jetzt der Polizist etwas zu laut, lehnt sich zurück, klatscht seine Hände auf den Tisch, als wäre der Tisch einmal die DDR gewesen. »Und höchstens drei Heroinabhängige, die ihr Zeug über den Ostblock bezogen.« Stille. Meine Mutter würde gleich vorbeikommen und mich abholen und von der ganzen Geschichte schon alles wissen, weil der Polizist ja schon alles am Telefon gesagt hat, was es zu sagen gibt. Dann verlässt er den Raum, ich höre von draußen vom Flur, wie er mit jemandem spricht, der nur flüstert. Das klingt irgendwie amüsiert, ziemlich locker jedenfalls, dann gluckst die große Kaffeemaschine, und der zweite Polizist, der bis dahin bewegungslos neben der Tür gestanden hat, gießt Kaffee in zwei Tassen. »Kaffee fertig«, ruft er durch die Tür. Das Gespräch im Gang wird beendet.
»So.« Der Polizist hustet. »Und weil es drei Heroinjunkies in der DDR gab, von denen einer auch ganz fix den Löffel …« Er lacht grundlos. »Jürgen!« Er dreht sich um, ruft durch die Yuccapalme zu seinem stillen Kollegen, der neben der Tür auf einem Stuhl sitzt und immer noch wartet: »Was passiert, wenn ein Heroinsüchtiger seinen Löffel abgibt?« Ich habe das Gefühl, ich müsse mich noch einmal übergeben. Er dreht sich wieder zu mir, zieht Schleim die Nase hoch: »Also, noch mal. Pass auf, nur weil ihr Kinder denkt, wir alten ausm Osten hätten keine Ahnung. Ich habe Ahnung und weiß, dass das, was du da heute geraucht hast, |78|keine Zigarette war.« Ich sehe in sein faltiges Gesicht und sehe, dass es sinnlos ist, ihm etwas zu erklären. Ich gucke ihn an und denke, dass ihm die ganze Sache sowieso egal ist, ihm wahrscheinlich gerade eingefallen ist, dass es größere Probleme gibt als Marihuana in der Schule, dass er nicht vergessen darf, auf dem Weg nach Hause beim Fleischer vorbeizufahren. Aber irgendjemand muss es ja tun. Die Welt in Ordnung bringen. Im Gleichgewicht halten. Verwarnungen aussprechen. Kulanz zeigen. Formulare ausfüllen. Er ist lange still, er schreibt irgendwas in ein Formular hinein, guckt mich an, als würde er sich wundern, dass ich noch da sitze, und klappt die Mappe mit den Formularen zu.
Bevor ich fragen kann, ob ich ins Gefängnis muss, lässt man meine Mutter rein. Handschlag mit dem Polizisten, ein Wie-geht’s-denn-so-Gespräch über die Kinder und die neue Garage. Er sagt, dass der Staat überall hineinfunke und zu viel Staat schlecht sei und dass es allen eigentlich ganz gut gehe. Dann sagt meine Mutter, dass von ihr aus seine Garage ruhig ein Stück höher sein darf als die erlaubten drei Meter, das werden die Nachbarn sowieso nicht merken, und sie werde ganz bestimmt nicht mit dem Zollstock nachmessen. Die beiden verstehen sich prima. Mir fällt ein, dass meine Mutter wieder einen Job hat, nämlich im Bauamt. »Na, dann woll’n wir mal nicht so streng sein.« Der Polizist nickt mir zu und lächelt und muss davon dann husten. Meine Mutter sagt, dass wir jetzt mal nach Hause fahren. »Machste nicht noch mal!«, sagt der Polizist. Seine zufriedenen Blicke verfolgen uns, bis wir die Tür hinter uns zumachen. Unterwegs halten wir an unserer Stammfiliale vom Lidl, da wissen wir genau, wo die Marmeladen stehen und wo das Klopapier, es hat etwas sehr Friedliches, jetzt erst einmal in unserem Lidl |79|einzukaufen für das Wochenende. Dann fragt sie mich, was ich eigentlich genommen hätte heute in der Schule und ob ich total bescheuert sei. Das sagt sie so freundlich, dass ich ihr zustimme und verspreche, nur noch in absolut angemessenen Momenten Gras zu rauchen. Und als ich »Gras, also Marihuana« antworte, ist das Gespräch auch schon beendet. Sie hat auch später niemals danach gefragt, und ich bin ihr dafür sehr dankbar.
Stattdessen kaufte sie drei Bücher: eines, das die Hauptdrogen wie Ecstasy, LSD, Heroin, Marihuana und Kokain mit vielen Bildern und knappen Zusammenfassungen erklärte, ein textlastigeres Sachbuch eines Arztes und Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Das bekam ich zu Weihnachten. Meine Mutter widmete sich dem Thema mit einer fast schon wissenschaftlichen Genauigkeit. Wochenlang waren die Drogenbücher ihre Bettlektüre, während mein Vater mit Wertpapier-Ratgebern ins Bett ging und später Aktien kaufte. Als ich ihn fragte, warum er das liest, wo er doch nicht einmal wählen geht, sagte er: »Man muss das System kennen, wenn man es ausnutzen will.« Das Wirtschaftssystem erschloss sich meinem Vater genau und umfassend, indem er alles darüber las.
Wann immer ihnen etwas Rätsel aufgab, bearbeiteten sie es ganz wissenschaftlich, ganz genau. Ich habe das erst nicht verstanden.
Aber jetzt muss man sich daran gewöhnen, dass ihr Land eine Erfindung war, vom Namen dieses Landes angefangen bis zu den Wahlergebnissen. Und ihre klugscheißenden Kinder fragen auch noch, wie sie an den Unsinn nur glauben konnten. Und halten Eltern, Lehrer und Polizisten für die Oberdeppen. Es war die Atmosphäre eines ich nenne es mal umfassenden Autoritätsverfalls.
|80|Als Touristen sie einmal fragten, ob sie wirklich gehungert hätten und ob man Weihnachten gefeiert habe, war das nett gemeint, war aber eigentlich das pure Gegenteil, eine Verweigerung von Anerkennung. Bei der Verweigerung von Anerkennung geht es ja nicht darum, jemanden wütend zu machen, sondern es geht darum, ein Gefühl der Scham auszulösen.
Die Scham zu überwinden hieß, keine Fehler zu machen, über alles genau Bescheid zu wissen, das Bett sauber zu halten und aufzuschütteln, die Koffer korrekt zu packen, nichts zu vergessen, sich nicht zu verfahren, kein Geld an der Börse zu verlieren. Meine Analyse.
Die Schulbibliothek wurde ebenfalls mit drei Exemplaren des, wie ich finde, Drogeneinstiegsratgebers von Christiane F. aufgefüllt. Das Buch war der erste Preis für die Gewinner der Matheolympiade, des Schachwettbewerbs und des Sportfests. Keine Ahnung, warum Eltern und Lehrer Bücher an ihre Kinder verschenken, die sie selbst nicht gelesen haben. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo jedenfalls war extrem lehrreich für uns und hatte auch Auswirkungen auf unseren Drogenkonsum.
Wenn ich mich mit Freunden unterhalte, deren Eltern in Westdeutschland leben, erzählen sie mir, dass sie schon beim leisesten Hauch des Geruchs von Alkohol Hausarrest bekommen haben. Ich bekam Bücher, als die Polizei wegen eines Joints in die Schule kam.
Es bricht allerdings eine allgemeine Panik unter den Lehrern aus. In der Lokalzeitung heißt es bald »Razzia in Drogenschule«, und unser Direktor beruft eine Sonderkommission zur Bekämpfung illegaler Substanzen an der Schule ein und grüßt uns nicht mehr. Vorträge zum Thema Drogen werden |81|gehalten. Eine Drogenbeauftragte bringt in einem kleinen Aktenkoffer etwas mit, das wohl wie Heroin oder Kokain aussehen soll, um uns zu zeigen, wie der »Tod auf Raten« aussieht. Viele Fragen werden gestellt. Wie man aus dem Pulver eigentlich flüssiges Heroin mache und wie »Drogensüchtige« Kokain klein machten. Die Frau bekommt unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Dann zeigt sie ein Bild mit der Nase eines Kokainsüchtigen. Er hat davon eine sehr unreine Haut bekommen. Ehrlich gesagt lernen wir von keinem Dealer so viel wie von der engagierten Drogenbeauftragten Frau Zöllner. Obwohl Sachsen ein Jahr zuvor, also 1998, drei Drogentote verzeichnete, Thüringen vier, Sachsen-Anhalt zwei, Mecklenburg-Vorpommern ebenfalls zwei und Brandenburg sechs, wobei drei an einer Überdosis starben und drei bei Unfällen im Rausch.
Auf jeden Fall sind die letzten zwei Jahre in der Schule für uns sehr angenehm und leicht. Die Lehrer behandeln uns wie arme, drogensüchtige Verlierer und fragen uns, schon aus Angst, uns würde Schaum vor die Münder treten, im Unterricht nichts mehr, und auch, wenn wir die Einzigen sind, die sich melden, sagt Frau Rennethal oder auch Stubendorff: »Schade, es weiß offensichtlich niemand die Antwort.« Wir stehen praktisch kurz vor dem goldenen Schuss.
Dabei haben die meisten sich mit Bier, Korn und Grüner Wiese, einem Cocktail aus blauem Likör und Orangensaft, abgeschossen, praktisch bei jeder Party ist mindestens einer mit dem Krankenwagen abgeholt worden, wegen einer Alkoholvergiftung. Ohne Alkoholvergiftung war man wie die Eltern ohne Stasiakte, also praktisch ohne Frisur. Und dann kam ein gewisses Ecstasy.
|82|Die Bravo brachte eine Aufklärungsgeschichte mit einem Jungen, der Ecstasy nahm, weil er sich für einen Pickel schämte, und zeigte eine Tortengrafik. Ich erinnere mich nur an den kleinsten Anteil in der Pille, die zehn Prozent »Dreck«. Die Epoche der Großraumdiskos, allgemein Disse genannt, begann. Mit HipHop, Soul und ganz kleinem Technokeller. Die Dorfjugend, die sich zu fünft in kleine Corsas quetschte, frequentierte meist den Neue-Deutsche-Welle-Room, wo Hits aus den Achtzigern gespielt wurden, während die zum Fahren Verdammten an der Bar standen und Multivitaminsaft tranken, bis sie so genervt waren, dass sie doch zwei oder drei Bier tankten. Die Kreuze auf den Landstraßen an den alten Kastanien wurden immer mehr, weshalb ein lokaler Politiker behauptete, die Kastanien seien an den Unfällen schuld, und forderte, sie alle abzuholzen.
Es gab im Osten zwei Möglichkeiten, die Pubertät zu überstehen. Entweder man wurde ein Vollidiot, der alles Geld für die Bassrolle im Auto oder bei Pimkie ausgab, oder man wurde ein Vollidiot, den niemand fragte, ob er zu Pimkie oder in eine Großraumdisse mitkommen wolle. Ich gehörte zur zweiten Gruppe der Vollidioten.
Deshalb mussten wir uns mit Gras zufriedenstellen und versuchten, uns auf diese Weise sehr besonders zu fühlen, hörten Janis Joplin und Velvet Underground und haben das toll gefunden, dass man so fertig sein kann und trotzdem die Welt verändern. Und wenn man die Welt nicht verändert, bleibt einem immer noch Janis Joplin.
Gab es denn sonst Helden? Auf dem Dachboden kramte ich nur einmal etwas hervor: eine alte Kunstledertasche meines Vaters und eine graue Fellmütze, auf der vorne ein kleines |83|Loch im Fell war, da war etwas abgerissen worden. Ich war begeistert von dem Retrolook und setzte die Mütze gleich auf. Mein Sozialkundelehrer Uwe Steiger, der sich in der DDR von Schule zu Schule gehievt hatte, zwischenzeitlich sogar suspendiert worden war, weil er ein Systemkritiker war, hob die Brauen, als hätte ich ein Robbenbabyfell auf dem Kopf. Und als ich in seinem Unterricht auch noch von unterschiedlichen »Klassen« sprach und einer ungerechten Gesellschaft, was ich bei meinem Vater aufgeschnappt hatte, war klar, dass es sich bei mir nur um das Kind einer weitverzweigten Stasidynastie handeln konnte. Er behielt mich nach der Stunde da und fragte mich, ob ich »Sorgen« hätte.
Der Stubendorff, der in Geschichte immer mal wieder von Stalin als großem Staatsmann spricht, aber Napoleon für einen unsachlichen Eroberer hält (ich bewundere Napoleon, er war nie ideologisch, er wollte einfach König sein). Stubendorff macht mit seiner Bewunderung immerhin vor Hitler halt, weil das dann doch ein bisschen zu doll auffallen würde. Er mag alle Diktatoren außer Hitler, so lässt sich das wohl korrekt zusammenfassen, wobei er nie über beispielsweise Honecker oder Ulbricht spricht. Die Namen kenne ich von Familienfeiern und so richtig erst, seit es Internet gibt, weil dort andere Leute drüber Witze machen. Er hat uns auch nie ein Bild gezeigt mit Honecker, dieses Porträt mit dem hellblauen Hintergrund und dem schiefen Lächeln zum Beispiel. Und ich habe oft gedacht, wenn man das einem nicht im Unterricht beibringt, dann ist das so, als hätte es sie nie gegeben – die DDR.
Irgendwann ist das sinnlose Herumgesitze in der Schule vorbei. Und die Freiheit, die sich aus der Abitururkunde ergibt, |84|ist ein so enormer Rauschzustand, dass wir auf der letzten Heimfahrt von der Schule eine wirklich brillante Idee haben. Das heißt, David hat eine Idee, und ich sage: »Gute Idee.«
Wir gehen zum Gewerbeamt. Jeder von uns sitzt auf einem kleinen, harten Stuhl, und wir schaffen es knapp über einen beigen Schreibtisch hinweg einer gemütlich desinteressierten, dicken Frau zu erklären, was jetzt als Nächstes passieren wird.
»Wir würden gern ein Gewerbe anmelden.«
»Haben Sie das Formular ausgefüllt und eine Steuernummer beantragt?«
»Ja«, sage ich und reiche die Blätter über den Tisch.
»Um welches Gewerbe handelt es sich denn?«
»Ich will Pilze verkaufen, die ich aus Holland importiere«, sagt David.
Die Frau hinter dem Schreibtisch guckt über ihre Brille und grinst. Ich weiß nicht, was es da zu grinsen gibt. »Pilze? Hm.« Sie schreibt in das Formular: »Naturkost (Pilze, Beeren etc.).«
»Wir verkaufen Stropharia cubensis und Sclerotica tampanensis.«
»Wie bitte?«
»Pilze halt.«
»Also Gastronomie oder Künstler?«
»Hä?«
»So, so.« Sie knallt einen Stempel unter ihr Formular. »Und das, glauben Sie, wird funktionieren, dass die Leutchen Pilze kaufen, wo es die doch auch im Rewe gibt und im Wald?«
»Natürlich, würden wir sonst ein Gewerbe anmelden?«
»Und warum wollen Sie diese Pilze verkaufen?«
|85|»Weil etwas geschehen muss. Etwas Monumentales. Die Erstürmung von irgendwas. Einer Stadt, einem Land. Drehen Sie die Lautstärke ihres Kofferradios jetzt hoch, dann reden wir: Sie fragen nach Pilzen? Sie werden die Welt retten, die Menschen aufrütteln, eine andere Wirklichkeit zeigen, reicher machen an Erfahrung, uns einen Porsche verschaffen. Wohin meine Augen blicken, sehe ich nichts als Risse in den Betonplatten, erwürgte Katzen, Spaßbäder, unerklärlich viele aufgeschwemmte Matratzen, noch mehr erwürgte Katzen, Handtücher, Leitz-Ordner … Was sollen wir später Außerirdischen sagen, wenn sie uns fragen, wer wir sind? Eine Generation – Name vergessen –, die von nichts eine Ahnung hatte und ohne Schmerzen friedlich an der Lidl-Kasse einschlief? Was ist eine Lidl-Kasse?, werden sie fragen, und wir werden über Lidl-Kassen sprechen. Aber wir haben eine Idee für den Super-GAU, und die Idee verkaufen wir.«
Diesen Absatz habe ich natürlich nicht gesagt, höchstens gedacht oder später gedacht, dass ich es gedacht haben muss, oder im Internet gelesen.
Ich sage: »Weil es einen Markt gibt.«
Die Frau haut einen Stempel auf das Formular, gibt David den Durchschlag, öffnet einen Leitz-Ordner.
David stellt vorsorglich schon zwei Praktikanten ein, und ich trinke eine Cola. Wenn man ganz langsam läuft, braucht man vom Nationaltheater etwa zwei Minuten zum Laden. Er ist ungefähr 16 Quadratmeter groß. Schreibtisch, Kühlschrank, zwei Praktikanten und der Laden ist voll. Ein Glasschreibtisch mit vielen Schubfächern rundet die professionelle Atmosphäre ab. David druckt Informationsmaterial, seitenweise Anleitungen und Hinweise, Tipps und Warnungen, und legt es aus |86|wie Blutspendehinweise in einer Arztpraxis. Tobi und Blume kommen und sprühen ein extrem kitschiges Bild an die Wand.
»Magic mushrooms, Verkauf ab 18 Jahren«, steht draußen auf dem Schild, sonst nichts. Ich besuche David täglich und nicke anerkennend, als er mir den vollen Kühlschrank zeigt. Frische Pilze in einer Spezialatmosphäre. Er hat einen Zettel aus dem Internet ausgedruckt, den er ich nenne sie mal Kunden zeigt. Dort kann jeder nachlesen, dass die Pilze erlaubt sind, weil sie nicht getrocknet sind, also als frische Pilze (weder Pflanzen noch chemische Substanzen, die beide laut Betäubungsmittelgesetz verboten sind) verkauft werden. Der Autor verrät, dass nach EU-Gesetz in einem Land nicht illegal sein kann, was in einem anderen Mitgliedsstaat erlaubt ist. Wenn nach dem Satz jemand komisch guckt, sagt David: »In Holland sind Pilze legal, die haben sogar eine Steuernummer, die kann man in jedem EU-Land versteuern. Marihuana ist in Holland ja nicht legal, sondern nur geduldet, deshalb ist es in anderen EU-Ländern möglich, es zu verbieten.« Es hat so einen Laden sonst noch nicht gegeben. Das kam uns für einen Moment schon komisch vor, aber wen interessierte das schon. Das waren jetzt eben die neuen EU-Gesetze. Wir dachten: »Hat im Osten einfach wieder niemand mitbekommen.«
Dass in Holland nicht Marihuana, sondern Pilze offiziell erlaubt waren, erschien mir aus Sicht des Staates absolut nachvollziehbar. Marihuana macht aus deinem Volk einen Haufen von Faulpelzen und Tagedieben, Pilze machen das erst mal nicht, im schlimmsten Fall bessere Menschen.
Nach der offiziellen Ladeneröffnung spielen wir zwei Tage lang Schach auf einem Marmorschachbrett, für das schon |87|einmal befremdlich viel Geld ausgegeben wurde, weil ja sowieso klar ist, dass wir bald reich sein werden. Dann kommt der erste Kunde zur Tür rein. »Was soll das denn hier werden?« Ewig lang dauert das Beratungsgespräch jetzt, ich geh raus, trinke irgendwo einen Kaffee, und als ich zum Laden zurückgehe, kommen mir drei Leute mit den weißen Plastikdöschen entgegen. In den Laden ist in der Zwischenzeit die halbe Stadt eingefallen. Jeder hat einen Flyer in der Hand und diskutiert mit David. So schnell schon ein großer Erfolg: rasanter Umsatz, neue Bestellung. Rasch hat David eine gewisse Routine entwickelt: feste Öffnungszeiten zwischen 12 und 18 Uhr, Flyer, die in fast allen Cafés der Stadt ausliegen. Anwälte, Uni-Professoren, Verkäuferinnen, die Kellner und Restaurantbetreiber, Studenten und ein paar Künstler kaufen in den nächsten Monaten munter ein, für sich, für Freunde, für ihre Frau, für alle zusammen. Allein der Park an der Ilm müsste in diesen Wochen voll von etwas desorientiert herumirrenden und fasziniert auf Lichtquellen zulaufenden glücklichen Pärchen sein.
Wir prüfen das selbst, kauen die Pilze, die nach Erde und Schimmel schmecken und sofort einen Brechreiz auslösen, den man mit viel Disziplin und Wasser in den Griff bekommt, packen einen Rucksack mit Orangensaft, Valium und Zigaretten und laufen Richtung Park. Die Stadt wirkt wie ausgestorben, und in den kleinen Gassen, wo man vergessen hat, Schilder hinzustellen, ist es nicht schwer, sich in eine ganz andere Zeit hineinzudenken. Eine seltsame Kulisse. In der Schule hat man uns beigebracht, wer vor 200 Jahren in Weimar lebte: Sie wissen schon, die Guten jedenfalls. Ich muss an die Bilder des Fotografen Louis Held denken, der das Gartenhaus von Goethe um 1900 fotografiert hat |88|(ich war, obwohl das Unsinn ist, wirklich überrascht, dass es das Einzige ist, was sich wirklich überhaupt nicht verändert hat) und die in schwarzen Roben wartenden Mitglieder der Nationalversammlung 1919 auf dem Theaterplatz. Als ich neulich den Namen googelte, tauchten leider nur die Bilder auf, auf denen Hakenkreuzfahnen zu Tausenden ganz nah beieinander in den Gassen hängen, so als wolle man die ganze Stadt zudecken. Weimar, total verliebt in seinen Adolf, ruft im Chor: »Lieber Führer, komm heraus aus dem Elefantenhaus.« Hunderte Menschen auf dem Rathausplatz jubeln ihrem Führer zu, der vom Balkon des Hotels Elephant zurückwinkt. Das muss schon wahnsinnig gut organisiert gewesen sein. Und ich fragte mich, warum es den Holocaust eigentlich nicht öfter in der Geschichte gegeben hat. Ist offenbar sehr leicht, ein KZ zu verstecken.
»Wir brauchen uns nicht zu verstecken!«, sagt im Herbst der Bürgermeister, wenn er mit dem original Weimarer Zwiebelkranz die neue Zwiebelkönigin auf ebendem Balkon kürt. Die sieht besser aus als Hitler.
Ich wollte da schon immer mal hineingehen. Es würde ja absolut niemanden interessieren, wenn man vor der Tür jetzt eine Demo machen würde wegen Hitler oder der Zwiebelkönigin oder sonst einem Diktator oder Helmut Kohl. Man würde uns dann wahrscheinlich hereinbitten und an einem runden Tisch mit uns diskutieren und sagen, dass es sehr lobenswert sei, dass wir als junge Leute uns engagieren, und dass es zur Jugend gehöre, auch mal zu rebellieren, dass wir das in einem von der Gesellschaft geschaffenen Rahmen ausleben können und natürlich auch sollen und dass wir, wenn wir Lust hätten, eine Ausstellung zum Thema machen |89|könnten. Ich weiß nicht, was schlimmer ist: in einem Land zu leben, in dem meine Meinung verboten ist, oder in einem Land, in dem eine eigene Meinung total egal ist. Ich habe das Gefühl, die Pilze wirken.
Es dämmert, im Ilmpark hängt nur eine Gruppe Jugendlicher ab, die meisten mit Dreadlocks, zwei Touristen laufen vorbei und fotografieren sie. Alles wie immer. Kein Goa-Gelage. Ich beobachte einen kleinen Yorkshireterrier, wie er knapp vor der weißgestrichenen Gartentür des Superdichters eine Wurst hinsetzt. Genau genommen hat der Hund direkt in ein UNESCO-Weltkulturerbe geschissen. Er kackt ganz nah am Bein einer Frau mit lila Haaren, so dass ich denke, dass sie bestimmt gleich reintritt, was sie dann auch tut, weil sie sich auf das Wühlen in ihrer Handtasche konzentriert hat und nicht gesehen hat, dass ihr Hund genau neben ihre Füße kackt. Sie zieht an der Leine und sagt: »Pfiffi, tse tse tse«, nimmt dann eine Tüte aus ihrer Tasche, und ich denke noch: »Hilfe, ist die ordentlich«, da packt sie den Haufen mit der Tüte an und wirft sie über die Hecke in den Goethe-Garten. Sie sieht, dass wir sie gesehen haben, und läuft weiter.
Wir steigen auf einen orangefarbenen Streukasten und von da über den Zaun in den Garten von Goethe. »Wird ihn wohl nicht mehr stören«, sagt David.
Es ist gar nicht schwer, sich das Museumshafte wegzudenken. Ich habe versucht, mir die Unordnung vorzustellen, die Goethes Gartenhaus erst bewohnbar gemacht haben muss.
Im Garten:
– feuchte Erde
– Gestrüpp aus Blumen
– Efeu
– wilde Erdbeeren (glaube ich)
Der Boden bebt, oder? Möglich. Wir setzen uns an die Wand des Hauses, unsere Rücken werden vom Putz ganz weiß, wir rauchen und beobachten, wie die Sonne in die Stadt fährt. Ich sehe alle Adern in meiner Hand. Etwas weiter, am Fluss, lehnt ein Mann am Baum. Ganz sicher, ein Mann mit Hut. Mir ist vorher nie aufgefallen, wie sich alles bewegt, Blätter, Gras, am Boden schleppt eine Ameise ihren toten Verwandten, was für ein Drama. Es ist warm, ein Wind geht. Die Blätter rauschen in den Bäumen. Wir reden darüber, die Welt zu retten, und sind uns irgendwann ganz sicher: Runde Dinge sind besser als eckige. Dann Dunkelheit und nirgends eine Laterne, die funktioniert. Es ist einfach nur schwarz. Zigarettenglut. Es ist, als wären wir gar nicht da.
Ein paar Wochen später ist David reich. Die Menschen sind in den Laden eingefallen, als hätte sich schon wieder eine Mauer geöffnet. Der Vater von David kauft eine Packung der Pilze von seinem Sohn. Eine Fahrgemeinschaft mit Klassenkameraden, die uns für Freaks halten, weil wir nicht im Kirmesverein sind, steigt in ihren Opel Corsa und fährt »in die Stadt«, um jetzt, wo jeder so einen Pilz hat, auch einen Pilz zu kaufen. Es ist der erwartete Super-GAU in der Stadt. An der Bushaltestelle höre ich zwei ältere Damen über den Drogenladen sprechen. Wie immer ist von Heroin die Rede. Von Teufelszeug. Sie echauffieren sich, sind entsetzt und verwirrt. Ich bin so stolz, dabei zu sein, dass ich fast heulen muss. Dann kommt ein Polizist in den Laden, schaut sich in Ruhe um, nimmt sich die Informationsblättchen und tippt |91|sich zum Gruß an den Kopf, als er geht. Ein paar Tage später kommen zwei Polizisten, sagen »Gutten Tach«, nehmen sich das Gleiche und gehen. Dann ist es lange so, als säße man direkt auf einer Goldader. Das ist er also, der wunderbare Kapitalismus.
Aus der Untersuchungshaft schreibt David einen kurzen Brief: »Ich korrigiere die Briefe von einem Nazi, der Natzie mit tz schreibt (er sagt, es leite sich ja von Nationalsozialismus ab und heiße daher ›Natzi‹). Was für ein Depp. Ich habe ihm geraten, das Wort ›Nazi‹ in überhaupt keinen Brief zu schreiben. Auch nicht in einen Brief an seine Mutter. Da fragt er zurück: Ob die auch Briefe an seine Mutter lesen würden. Unterhalte mich ansonsten viel mit einem Vietnamesen, der hier auf seine Abschiebung wartet. Lese auch viel und habe eine neue Geschäftsidee. Müssen wir bald mal drüber reden. Sag mal, kennst du einen Anwalt?«
An einem windigen Tag Ende August, nachdem unsere geliebte Stadt sagen wir mal einen wunderbaren Sommer lang high gewesen ist, hat mich David angerufen. Eine neue Lieferung sei eingetroffen. Ich könne ja am nächsten Tag um 12 Uhr vorbeikommen und einen Kaffee mit ihm trinken. Die Lieferung bestaunen, bewundern usw. Zu diesem Zeitpunkt, während unseres Telefonats, saß am anderen Ende der Leitung ein Polizist mit Kopfhörern und notierte: »Lieferung voraussichtlich am nächsten Tag, etwa 12 Uhr.«
Vor dem Laden saßen später, als ein sogenannter bemannter Kraftwagen vorfuhr, etwa fünf Polizisten, undercover, mit Zeitungen in der Sonne, alle mit schwarzem Kaffee vor sich und jeder an einem eigenen Tisch. Sie saßen seit einiger Zeit täglich vor diesem Kaffee und wir hatten uns an den |92|seltsamen Anblick gewöhnt. Wir grüßten sie voller Hohn, weil ja jeder Depp weiß, dass man keine Zeitung benutzt, um eine Observierung zu kaschieren, und man sieht auch nicht aus wie ein Alien, das versucht, sich wie ein Mensch aufzuführen. Einmal kam ein alter Mann in den Laden und fragte, ob wir wüssten, dass draußen die Stasi säße. Na ja. Als der weiße VW-Bus vor dem Laden hielt, ließen sie ihre Zeitung fallen und nahmen David und den Fahrer des LKW fest.
Ich schreibe an David, dass ich einmal etwas von einem gewissen Uwe Maeffert gehört habe, einem Anwalt, nein, einem Kettenhund. Einem, dessen Mandanten zweifelsfrei schuldig und zweifelsfrei unschuldig seien. Ob er den Fall von Marianne Bachmeier kenne, die im Gerichtssaal den Mörder ihrer Tochter erschossen habe. Oder den Fall mit dem Säuremörder? Maeffert – der sei der richtige Mann. Einer, wie ich hörte, der die Obrigkeit hasst, das selbstgewisse Justizsystem usw. Fragen kann man ja mal. Irgendwie komme ich auf die Idee, bei einer Zeitung anzurufen und mich als Reporterin auszugeben. Da gebe es etwas zu berichten usw. Ein Redakteur der Thüringer Landeszeitung ist begeistert. Er will, dass ich etwas über das Verfahren schreibe.
Ein paar Wochen später tippe ich vor dem Gerichtssaal des Amtsgerichts Weimar von einem Bein auf das andere und treffe auf die Mutter von David, und die sagt: »Na dann«, und wir gehen rein, als müssten wir jetzt nach der großen Pause in die Mathestunde.
David grinst und winkt vom Anklagestuhl ins Publikum, während sein Anwalt Uwe Maeffert schon steht, schon die auf dem Tisch liegende Akte durchblätternd, schon bereit. |93|Er hat kurzes, welliges, graues, lockiges Haar, eine silberne Nickelbrille und obwohl er immer sehr vergnügt schien, verfinstert sich seine Miene, als er die schwarze Robe überzieht. Dann schlurft der Richter hinter den Schöffen her, die schon dasitzen, was man jetzt erst merkt, weil sie sich nicht bewegen, wie zwei schlafende Hunde. Der Richter knipst seinen Kugelschreiber. Es ist, glaube ich, so was wie das Klingeln in der Schule, denn Maeffert fängt sofort an: »Ich beantrage die Einstellung des Verfahrens«, sagt er. »In das Betäubungsmittelgesetz sind Pilze noch nicht aufgenommen worden. Da steht, dass pflanzliche oder chemische Substanzen verboten sind. Pflanzen. Pilze sind keine Pflanzen. Pilze sind Pilze.«
»Für die Masse der Bevölkerung sind Pilze natürlich Pflanzen«, sagt der Staatsanwalt.
»Nennen Sie das ein juristisches Argument?«, fragt Maeffert.
»Jeder weiß, dass Pilze Pflanzen sind!«, sagt der Staatsanwalt.
»Hat die Justiz darüber zu entscheiden oder Wissenschaftler, ob ein Wal ein Fisch oder die Erde flach oder ob ein Pilz eine Pflanze ist?«
Staatsanwalt: »Sie übertreiben maßlos. Das können Sie in Hamburg machen, aber nicht hier.«
Maeffert: »Ich beantrage hiermit einen Biologen als Sachverständigen.«
Richter: »Die Verhandlung wird unterbrochen.«
Maeffert erhebt Einspruch, er unterbricht, verliest Prozesserklärungen, legt Beschwerden ein, liest Beweisanträge und Protokolle vor. Von den ersten vier Stunden, die das Gericht tagt, spricht Maeffert knappe drei. Es ist ein Schöffengericht. |94|Links vom Richter sitzt eine blonde, froh gelockte, kräftige Dame Mitte 50, rechts der Typ Chemielehrer. Beide drehen den Kopf immer fast synchron mal nach links, mal nach rechts. Zur Anklage oder zur Verteidigung. Augen halb geschlossen. Es sieht aus, als seien sie das unbeteiligte Publikum einer Theateraufführung. Manchmal hustet der Chemielehrer und alle erschrecken darüber, dass er noch da ist.
Nach der Pause sagt der Richter, dass der Biologe als Sachverständiger abgelehnt ist. Maeffert: »Wir sind hier in Weimar. Ich habe in der sehr langen Pause die Zeit genutzt und mir die Gedenktafeln der Justizopfer sowohl unter den Nationalsozialisten als auch unter den Kommunisten anzusehen. Wir bewegen uns hier in historischen Mauern, in denen im Namen der Gerechtigkeit Verbrechen verübt worden sind. Es kann doch nicht sein, dass erneut ein Beschuldigter über das Gesetz hinweg bestraft und nun einfach relevante Sachverständige nicht gehört werden. Und die Justiz sich auch noch über die Wissenschaft hinwegsetzt. Wie kann es eigentlich sein, dass in einem Prozess, in dem es um Betäubungsmittel geht, der Staatsanwalt in einer Pause sofort nach einer Zigarette greift, wo doch auf der Packung steht: »Rauchen ist tödlich«? Sie sind ein schlechtes Vorbild in einem Betäubungsmittelprozess.«
Staatsanwalt: »Jetzt reicht’s aber! Sie glauben wohl, Sie kommen aus dem großen Hamburg und müssen uns hier Recht und Ordnung erklären?«
Maeffert: »Ich habe Jura studiert, danke.«
»Ich auch«, sagt der Staatsanwalt.
»Ich auch«, sagt der Richter, verdreht die Augen. »So, da wir das jetzt geklärt haben …«
|95|Maeffert: »Wie lange gedenken Sie, diese Verhandlung noch zu führen? Ich habe den Zug heute Morgen um 6 Uhr 45 aus Hamburg genommen.«
Richter: »Auch ich bin heute um 6 Uhr 30 aufgestanden und habe meine Tochter in den Kindergarten gebracht.«
Maeffert: »Ich gehe nicht davon aus, dass die Verhandlung länger als bis 22 Uhr geführt wird!«
Richter stimmt zu.
Maeffert: »Ich bitte darum, diesen Verlauf der Verhandlung zu dokumentieren.«
Richter stimmt zu.
Maeffert: »Sie bereiten mir Bedingungen, die schlicht unerträglich sind.«
Kurze Pause.
Maeffert: »Wissen Sie eigentlich, dass in diesem Fall der ganze Apparat aus Behörden, Gewerbe- und Steueramt selbst hätte Zweifel an der Richtigkeit der Sache, die mein Mandant verschiedenen, vielen verschiedenen Amtsträgern vorgetragen hat, äußern müssen? Hier hat der Apparat versagt, nicht die Leichtgläubigkeit eines jungen Menschen, der etwas machen wollte. Er hat sich beim Gewerbeamt angemeldet, er hat jedes verkaufte Päckchen Pilze versteuert, alle Einnahmen in seine Steuererklärung geschrieben. Und die Frage, die sich stellt, Sie werden sich wundern, ist die alte leninsche Frage: Wer wen? Wer hat wem geschadet? Ich muss sagen, hier hat das ganze System versagt und meinem Mandanten geschadet, und nun will die Justiz ihn zum Verbrecher machen. Und die Ungenauigkeit eines Gesetzes lasten Sie zu allem Überfluss nun Herrn David Grau an. Mein |96|Mandant hätte diese Pilze nie verkauft, wenn er damit Menschen ernsthaft geschädigt hätte, er ist ein verantwortungsbewusster, junger Mann.«
Staatsanwalt: »Das ist Heuchelei!«
Richter zu Maeffert: »Wollen Sie sonst noch etwas sagen?«
Maeffert: »Natürlich will ich noch etwas sagen.« (Blättert in der Gerichtsakte.) »Wer ist für die Schmierereien in einer polizeilichen Akte verantwortlich?«
Niemand antwortet.
Maeffert: »Ich fühle mich schlecht behandelt. Ist es hier eine Selbstverständlichkeit, dass man nichts mehr sagt? Wer ist für die Schmierereien verantwortlich?«
Richter: »Ich habe keine Veränderungen getätigt. Herr Staatsanwalt, möchten Sie sich dazu äußern? Vielleicht wissen Sie ja, wer es war.«
Staatsanwalt: »Ich weiß es.«
Richter: »Wollen Sie uns auch sagen, was Sie wissen?«
Staatsanwalt stammelt: »Ich habe die eine oder andere Korrektur vorgenommen.«
Richter greift sich an den Kopf.
Maeffert (fassungslos): »Das ist so etwas Abwegiges, dass ein Staatsanwalt in einer Gerichtsakte ›Korrekturen‹ vornimmt.«
Staatsanwalt: »Mir fällt dazu nichts mehr ein, und ich will mich jetzt dazu nicht mehr äußern.«
Richter: »Verteidigung? Gibt es von Ihrer Seite noch Fragen?«
Maeffert ironisch: »Nur noch weniges!«
Richter ruft den Polizisten herein, der das Geschäft durchsucht und David festgenommen hat.
Richter: »Die Verteidigung hat das Wort.«
Maeffert: »Vielen Dank, Herr Richter.«
|97|Maeffert wendet sich dem Zeugen zu: »Herr Krohl, haben Sie …?«
Zeuge: »Nein!«
Maeffert: »Jetzt ist aber wirklich gut.«
Zeuge: »Ich wusste doch, was Sie für eine Frage stellen wollen.«
Maeffert: »Sie haben mich doch nicht mal ausreden lassen, Sie konnten doch gar nicht wissen, was ich Sie fragen wollte.«
Zeuge: »Sie wollen darauf hinaus, dass ich vielleicht einen Fehler gemacht habe. Habe ich nicht.«
Maeffert: »Welche Kollegen waren mit Ihnen zusammen bei der Durchsuchung?«
Zeuge: »Ich weiß nicht.«
Maeffert: »Haben Sie keinen Ihrer Kollegen vor Augen? Wie kann das sein, dass Sie sich an keinen einzigen erinnern können? Haarfarbe? Größe?«
Der Staatsanwalt stellt dem Zeugen eine Frage, die man wegen des Gequassels im Zuschauerraum nicht verstehen kann.
Maeffert: »Die Frage ist unerheblich.«
Staatsanwalt: »Dann ist Ihre Frage auch unerheblich.«
Maeffert: »Tja, Sie haben sie aber nicht beanstandet.«
Das geht ewig so weiter. Inzwischen raten Staatsanwalt und Richter David, er solle sich lieber einen Anwalt aus Weimar nehmen, das sei viel einfacher, die kenne man, da wisse man, was man hat, da könne man sicher schnell fertig werden. Sieben Verhandlungstage werden es schließlich, in denen auch ein Gerichtssachverständiger gehört wird, der die Anteile des Wirkstoffs Psilozybin in den Pilzen berechnet, und während |98|der Verhandlung beweist Maeffert, dass sich der Sachverständige um eine Kommastelle verrechnet hat, worauf dieser »huch« sagt und der Richter seinen Kugelschreiber knipst. Der Richter will das Verfahren einstellen. Der Staatsanwalt möchte eine öffentliche Hinrichtung. Am Ende wird David verwarnt, bekommt Sozialstunden und sitzt fünf Wochen als Nachtpförtner in einem Altersheim.
Maeffert schreibt einen Antrag auf Kostenerstattung, lehnt ein Honorar aber ab, er schickt David die Kopie: »Hier mein Schriftsatz, ich hoffe, er gefällt Ihnen. Grüßen Sie Ihre Eltern ganz herzlich.« Die Kosten des Verfahrens trägt der Angeklagte.
PS: Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass es sich bei Psylozibin in Deutschland um eine illegale Substanz handelt. Sollten Sie dennoch mit ihr in Berührung kommen, beachten Sie Folgendes: Gehen Sie unbedingt in die Natur, dorthin, wo es schön ist, wo Sie vor allem keine nüchternen Junge-Frau-Sie-können-doch-nicht-Spaziergänger treffen. Achten Sie auf Ihre Freunde. Danke.