Das Arbeitsamt ist unordentlich. Und voll. In dem langen, grauen Gang gibt es drei Stühle, auf denen drei alte Damen sitzen. Der Rest lümmelt auf dem Boden, dicht beieinander, links und rechts an die Wand gelehnt. Wenn eine Mitarbeiterin mit einem großen Aktenstapel aus einer der Türen kommt, an ihnen vorbeiläuft, ziehen sie die Beine ein, ab und an rutscht sich einer in eine gerade Position. Meine Mutter stöhnt. Sie nimmt die schmale Schneise zwischen den Wartenden, die fremden Beine ziehen sich mit jedem Schritt meiner Mutter ein. Ich schaue nicht zur Seite. Höchstens ein bisschen. »Hallo«, sagt meine Mutter zu einer dicken Frau, »hallo«, sagt sie, »na, na.«
Die Frau hat einen Stapel T-Shirts unter dem Arm. Auf dem obersten prangt Micky Maus. »Da hatte ich es endlich geschafft, an die Bügelmotive zu kommen, habe 150 T-Shirts mit Goofy und Micky Maus bebügelt und drei Wochen später kommt die Wende. Und jetzt kann jeder solche T-Shirts in der Kaufhalle kaufen. Nicht nur das. Jetzt heißt es, es sei illegal, Kopien zu machen.« Die Frau schüttelt den Kopf, meine Mutter klopft ihr auf die Schulter und dann an die Tür.
»Herein.«
Wüstes Büro.
|30|»So, Frau Hünniger, Sie kommen ja pünktlich. Akte ist auch schon da. So, dann woll’n wir mal sehen.« Genaues Blättern. »Oho, eine Frau Doktor sogar, na, das tragen wir gleich mal in der Qualifikation nach. So.« Sie kritzelt. Im Regal dudelt ein Radio. »Lambada« läuft. Die Frau summt ein bisschen mit.
»Was haben Sie gerade im Angebot?«, fragt meine Mutter.
»Was haben wir im Angebot. Nun, als Erstes könnten Sie eine Umschulung machen. Das wäre dann sogar hier in Weimar. Da müssen Sie der Kinder wegen nicht weg. Gibt ja jetzt überall neue Institute, wo man was lernen kann. Kostet natürlich teilweise was extra. Wir hätten hier einen neuen Bildungsträger in der Agraringenieurschule, die wird ja jetzt abgewickelt, da wird man jetzt umgeschult. Umgang mit Standardsoftware und Tabellen, was für Leitungspersonal aus der Landwirtschaft, steht hier.«
»Ja, hört sich gut an.«
»Danach können Sie eine ABM-Stelle haben, in der Stadtverwaltung. Da müsste das Volkseigentum zurückgeführt werden in die Gemeinde oder an die ehemaligen Eigentümer. Dazu gehört Recherche, und Sie müssen den Angestellten den Umgang mit der Software beibringen, also was Sie in der Umschulung gelernt haben.«
»Ja, hört sich gut an.«
»Sie können aber auch hier im Arbeitsamt anfangen. Wir sind vollkommen überlastet.«
»Nein, danke, das hört sich nicht gut an.«
»Na dann, schade, auf Wiedersehen.«
Und zu mir: »Pass schön auf deine Mutter auf.«
Draußen ist die Schlange an der Wand noch länger geworden. Sieht aus wie ein Tausendfüßler. Ich habe das Gefühl, |31|mich bei meiner Mutter für etwas entschuldigen zu müssen. Und das Gefühl bin ich lange nicht mehr losgeworden. Mir tat irgendwas leid. Was war hier eigentlich los? Die Routine, mit der wir seit einer Weile verschiedene Ämter besuchten, war wie der Rest einer geordneten, heilen Welt.
Wie viel Lebenszeit wir in Arbeitsämtern, Autohäusern, Möbelmärkten, in Umschulungsräumen und im Wartebereich der Bank verbracht haben, weiß ich nicht, aber sie bilden die deutlichsten Erinnerungen.
Die Frau mit den T-Shirts schenkt mir im Vorbeigehen eins mit Micky Maus. »Sei froh, dass du noch ein Kind bist«, sagt sie. Und das klingt, als gäbe es etwas, das man besser nicht wissen sollte. Als solle man froh sein, von nichts eine Ahnung zu haben oder nicht Auto fahren zu können. Und da will man sich auch gleich entschuldigen für etwas, von dem man noch nichts weiß. Es gibt unzählige Dinge, die man nicht weiß, zum Beispiel ob ein Regenwurm weiterlebt, wenn man ihn in zwei Teile schneidet, wie eine Katze den Sprung von einer Mauer unbeschadet überleben kann oder wie Eiscreme hergestellt wird. Man weiß, dass man es nicht weiß, das ist nicht schlimm. Man kann ja jemanden fragen, wie das geht. Schwieriger ist es, wenn man nicht weiß, was man nicht weiß.
Apropos Auto. Auf dem Heimweg stehen wir plötzlich im Stau, eingezwängt zwischen etwas schrottig aussehenden Autos, die weder Trabi noch Wartburg sind, aber dafür bunt und ein bisschen rostig. Sie haben ein rotes Nummernschild und so weit ich das überblicken kann, ist die Straße bis hinten zur Tankstelle auf beiden Fahrspuren wie von einer Blechlawine |32|verschüttet. Neben der Tankstelle hat jemand ein paar Fähnchen aufgehängt und die heranfahrenden Autos parken dort und bekommen ein Preisschild. Meine Mutter liebt Autos. Sie weiß über einen Sechszylindermotor mehr als die meisten, die einen haben. Wir schauen uns also gleich ein paar der Autos an.
Zu Hause macht sich meine Mutter einen Wermut mit Eis. Eis ist etwas sehr Wichtiges geworden. Und die Eiswürfelproduktion wird in der neuen Gefriertruhe ungeheuer liebevoll vorangetrieben. Wenn es an etwas nicht mangelt, dann sind es Eiswürfel. Eiswürfel im Wermut, in der Limonade, im Wein. Es ist herrlich. Es ist wie in amerikanischen Serien und Western, in denen die reichen, so gepflegt aussehenden Leute immer Eis in ihre Drinks fallen lassen. Obwohl wir das eigentlich gar nicht wollen, benehmen wir uns in dieser Hinsicht wie richtige Amerikaner. Oder so, wie ich mir einen Amerikaner vorstelle: einer, der immer Eiswürfel hat, einen Hut, ein Lasso und Kaugummis.
Es ist Wochen her, dass mein Vater zuletzt mit mir gesprochen hat. Er ist schon lange so etwas wie ein Weiser, der Dinge murmelt, kaum in ganze Sätze verpackt, die man nicht versteht, die klingen wie Wahrheiten. So etwas wie: »Wirst schon sehen!« oder »Die Vögel fliegen tief«, und das heißt dann etwas. So wie ein Horoskop.
Jetzt sitzt er auf dem Sofa, verlässt das Sofa nie, sitzt tagsüber auf dem Sofa, isst auf dem Sofa, schläft manchmal auf dem Sofa, während der Fernseher bis spät in der Nacht läuft. Das Licht einer Rotlichtlampe scheint auf sein rechtes Ohr, er hat eine Hirnhautentzündung oder noch Mumps, ich weiß nicht mehr genau. Während er seine Tage auf dem Sofa verbringt, schwimmen hinter ihm kleine Fischchen in |33|einem kleinen Aquarium, und wenn ich die Fische füttere, rieselt das Futter langsam, wie Staub, auf den Kopf meines Vaters.
Das geht schon lange so, Wochen, Monate, ich habe nicht mitgezählt, das geht so, seit ich mit meiner Mutter und meinem Bruder vor dem Fernseher saß und zugeguckt habe, wie dort im Fernsehen Menschen in Trabis und wirren Frisuren über die Grenze gefahren sind. Meine Mutter war die ganze Zeit still, murmelte nur manchmal, sie sei gespannt, wie es weitergeht. Aber die Sendung lief schon den ganzen Nachmittag. Ich saß zu Hause, weil meine Eltern mich aus dem Kindergarten herausgenommen hatten, weil ich dort eine Geschichte erzählt hatte, die meine Eltern leider nicht mochten. Wir mussten uns im Kindergarten im großen Schlafsaal alle in einen Kreis setzen, 15 Fünfjährige ungefähr und eine Kindergärtnerin, nämlich Tante Beate, und die fragte jeden: »Und was macht denn dein Papa?« – »Zu meinem Papa fällt mir nichts ein«, sagte ich, und Tante Beate schaute mich merkwürdig an. »Ich glaube, er war mal Soldat und …« Wenn ich schon nicht wusste, was mein Vater eigentlich machte, denn er war weder Maurer noch Bäcker noch Fabrikarbeiter, er machte etwas auf einem Feld und am Computer, und das habe ich überhaupt nicht verstanden. Aber wenn man nichts weiß, muss man sich etwas einfallen lassen, was alle von den Sitzen reißt: »… und fährt einen VW.« Punkt. Tante Beate hat große Augen gemacht und ich dachte: »Toll gemacht«, und habe auf die Bewunderung gewartet. »Bist du dir sicher, dass ihr einen VW habt?«
»Ja«, sagte ich, »ganz neu, steht noch in der Garage, hat noch niemand gesehen.« Das hatte ich mir gut ausgedacht. Denn Tante Beate wohnte ja auch in der Siedlung, und die |34|hatten eine Garage nicht weit von unserer, und da musste man dran denken, wenn man behauptete, dass wir ein neues Auto hätten. »Ich glaube nicht, dass sich dein Vater einen VW kaufen würde.« Das glaubte ich aber schon. Und als ich nach Hause ging, fragte ich meinen Vater, ob wir uns schnell einen VW kaufen könnten, weil ich heute im Kindergarten gesagt hätte, dass wir einen haben. Mein Vater ruft meine Mutter. »Karin?« – »Peter?« – »Karin, deine Tochter erzählt, dass wir einen VW haben.« Dann nahm er mich zu seinem Globus, der auf einem Regal stand, und zeigte mir unser Land. »Das sind wir, das ist die DDR, Deutsche Demokratische Republik. Hier gibt es keine VWs.« Sie war ganz klein. »Und was ist das?« – »Das ist die BRD, Bundesrepublik Deutschland. Da gibt es VWs und Demokratie, die ist aber keine, da wird man vom Kapital regiert.« Das habe ich überhaupt nicht verstanden, aber so getan, als hätte ich es verstanden, und genickt.
»Sprechen die auch deutsch?«
»Ja.«
»Und warum heißen die dann anders?«
»Weil es ein anderes Land ist.«
»Warum?«
»Das ist wie das Verhältnis zwischen dir und deiner Schwester. Nicht einfach.«
Ich verstand.
»Zwischen den zwei Ländern steht eine große Mauer.«
»Warum?«
»Damit die Bürger der BRD hier nicht reinkommen.«
»Schade.«
»Überhaupt nicht schade! Und jetzt räum eure Räuberhöhle auf.«
|35|Vielleicht war es an dem Tag oder an einem Tag später oder eine Woche später, als ich mit meiner Mutter in den Konsum ging, der ein Stück die Straße runter war, an einem Platz mit großen Betonplatten, nicht weit von der Klärgrube entfernt. Da tuschelten zwei Frauen hinter dem einen Regal, das es in dem Laden gab, und fragten meine Mutter, als sie wie zufällig um die Ecke bogen, ob alles so weit gut laufe. Ja, schön, da könne man sich ja auch ein Auto leisten bei den guten Verhältnissen von so manchem, da freue man sich allgemein, wenn es anderen auch mal gut gehe, wo wiederum andere ja selbst für Obst anstehen müssten, während der eine oder andere – sie schienen mir etwas durcheinanderzubringen – tatsächlich doch schon einen Westschlitten fahre. Und da sagte meine Mutter nur, dass es kein neues Auto gebe, und entfernte sich mit dem Kinderwagen und einem sozialistischen Gruß. Und wir gingen raus, und meine Mutter guckte auf die Betonplatten und sagte, dass ich zu alt sei für den Kindergarten.
Deshalb saß ich zu Hause, als die Mauer fiel, und spielte mit meinen Murmeln. Es war schon dunkel und ich hatte meinen Schlafanzug angezogen. Meine Mutter guckte fern, und mein Bruder saß auf ihrem Schoss. Er war erst im Frühling geboren und noch so klein, dass ich über ihn vorerst nur sagen kann: Er zog mich an den Haaren. Der Mann im Fernsehen saß an einem Schreibtisch und sagte, dass ab sofort jeder reisen dürfe. Sie wechselte den Sender, und da lief das Gleiche noch einmal. Nicht, dass ich mich gelangweilt hätte. Aber ich ging in die Küche und guckte von dort aus dem Fenster auf die Klärgrube und die Wiese, und unten auf der Straße sammelten sich ziemlich viele Menschen.
»Rote Socken raus«, brüllte dann einer. Ich machte das Fenster auf, steckte den Kopf raus und winkte zu ihnen runter, |36|und dann drehten sich viele Gesichter zu mir nach oben, und sie brüllten, dass rote Socken jetzt rausmüssten und dass die Mauer auch wegmuss. Auf einigen Balkonen schlurften Menschen, die man bisher nur in Straßenkleidung gekannt hatte, in Pyjamas und Pantoffeln und mit eingedrehten Haaren bis zum Geländer. Auch sie beugten sich herunter, um zu schauen, was los war.
»Was ist eine rote Socke?«, fragte ich meine Mutter, die, kaum dass sie das Fensterknarren gehört hatte, blitzschnell in die Küche kam. Dann guckte auch sie aus dem Fenster.
»Sind die betrunken?«, fragte sie.
»Was sind rote Socken?«
»Ich denke, die kommen gerade erst aus der Fabrik.«
»Oh, Fabrik!«, sagte ich, als wäre jetzt alles klar, und stellte mir die Fabrik vor wie unsere Wohnung: Die Waschmaschine läuft, der Trockner rumpelt. Papa kommt mit Kohlen aus dem Keller, während die Suppe auf dem Herd überkocht, Mama bügelt rote Socken, hört Radio, meine Schwester und ich hüpfen über den Teppich, einer fällt dann immer und knallt mit dem Kopf gegen den Wandschrank oder die Tischkante oder gegen einen der 20 Pflanzentöpfe, die aus dem Wohnzimmer so eine Art Wald machen, und heult dann, und das ist so eine richtig schöne Fabrik, unsere Fabrik mit roten Socken.
Meine Eltern gingen aber sonst in keine Fabrik. Sie hatten ein Institut und gossen dort Pflanzen, befühlten ihre Blätter im Gewächshaus, notierten sich auf ihren Feldern etwas in ein Formular. Wenn sie daraus eine bestimmte Erkenntnis gewonnen hatten, wurde diese allen landwirtschaftlichen Betrieben in der Nähe mitgeteilt. Ich saß oft auf dem Acker und atmete den Geruch der kühlen Erde ein. Im Sommer, |37|wenn das Korn auf den Feldern schon gelb und trocken geworden war, rannten meine Schwester und ich in die Felder und versteckten uns zwischen den Halmen. Bis meine Mutter mit dem Mähdrescher kam. Meine Mutter fuhr diesen Mähdrescher, und ihr von der Sonne braungebranntes Gesicht strahlte dabei. Ihr rollte auf dem Feld ein Lastwagen hinterher, und der Mann brüllte ihr immer zu, dass sie endlich geradeaus fahren solle. Sie war sehr gründlich, sehr konzentriert, und man konnte durch die Sonnenbrille nicht immer erkennen, ob sie uns sehen konnte, aber dann pfiff sie nach uns, und wir rannten zu ihr, und dann brüllte sie etwas vom Mähdrescher herunter, weil sie fast taub vom Lärm war, und wischte sich mit einem zerrissenen Lappen den Schweiß aus dem Gesicht und lachte. Sie sah aus wie ein Filmstar. Ein Filmstar, der Mähdrescher fährt. Am Abend roch sie nach Benzin und Seife. Vielleicht wäre das ein guter Moment gewesen, alles anzuhalten.
Man sprach sie mit »Frau Doktor« an und ich dachte, alle, die einen Mähdrescher führen, hießen Frau oder Herr Doktor, und ich habe dann auch alle anderen mit Herr oder Frau Doktor angesprochen, auch noch viel später, als ganz andere die Maschinen lenkten.
Oder: »Oh, deine Mutter hat einen Doktor. Ist sie denn Arzt?«
»Nein, sie fährt Mähdrescher.« Hier hat der andere dann immer gelächelt. Aber schon damals vermutete ich, dass das etwas sehr Seltenes war, dass eine Frau Doktor hieß und kein Arzt war. Warum sollte auch jemand da, wo keiner mehr als der andere hat, einen Titel vor den Namen bekommen?
Das Institut war ein langes, niedriges Gebäude mit kleinen Fenstern, dazu ein Gewächshaus und Scheunen, wo der |38|Traktor stand. Hinter dem Haus lagen ein kleiner Garten, in dem bestimmte Kartoffeltypen gezüchtet und untersucht wurden, und ein Brunnen, der auf alles aufpasste. Er war gelb und hatte einen großen Hebel, mit dem man Wasser nach oben in den Hahn pumpte. Wir warfen meist Steine in das Loch und warteten auf das Geräusch, wenn der Stein ins Wasser fiel. Es dauerte extrem lange und dann hörte man das Platschen. Es klang, als wäre er in den Pazifik gefallen. »Papa, der Stein ist bestimmt in Amerika gelandet.«
»Fein«, sagte mein Vater.
Regnete es, hockte ich im Büro und guckte Silvio zu, wie er etwas in einen Computer tippte und mit der Nase schniefte. Silvio gab mir ein Blatt Papier und Buntstifte, und ich sollte malen, während er wieder auf seinen Computer guckte, so arglos, so wie ein Eichhörnchen sah er aus, und wenn ihm etwas nicht passte, merkte man das sofort, weil er kräftig stöhnte und brummte und alles möglichst laut auf den Tisch knallte. Und ich malte dann einen Panzer, in dem eine Familie wohnte. Zum Frühstück gab es für alle Hackbrötchen mit Zwiebeln. Mittags gab es Hackbrötchen mit Zwiebeln und am Nachmittag manchmal Kuchen und Kaffee oder Hackbrötchen mit Zwiebeln.
Worüber haben sie damals gesprochen? Ich weiß es nicht. Mutter, worüber hat man damals gesprochen? Ich weiß es nicht mehr.
Es schienen modellierte Tage zu sein, nichts Unvorhergesehenes, keine Überraschung, als hätte es nichts zu beschützen, zu bekämpfen gegeben, als hätte niemand scheitern, umfallen, sterben können. Keine Eile und kein Grund, heute etwas anderes zu machen als gestern. Jeder schien genau zu |39|wissen, was zu tun war, nie stand jemand rum oder suchte etwas. Alles hatte seinen Platz. Nie Unordnung. Vielleicht war auch nicht genug da, um Unordnung zu machen. Es fühlte sich an, als könne sich nie etwas ändern, und manchmal habe ich darüber nachgedacht und gedacht, dass das eigentlich ganz schön so ist, weil man genau weiß, wann man Geschenke bekommt, also dass jedes Jahr Weihnachten und Geburtstag ist und Erntedankfest und Bastelnachmittage und das Schlachten auf dem Hof meiner Großeltern und der Geburtstag von Mama. Gut war auch, dass man jeden Tag irgendwo abgeholt wurde und dass jeder wusste, wo der andere war. Andererseits fand ich es unheimlich, dass sich nie etwas änderte. Würde ich immer das gleiche Dreirad haben und das gleiche Kinderzimmer? Später nämlich, ich weiß es genau, als alle sagten, die Mauer muss weg und jetzt wird alles anders, war ich erleichtert. Der Grund dafür schreibt sich Latzhosen. Ich hatte Latzhosen in allen Farben, rot, grün, als Cordlatzhose, als Jeanslatzhose, weiß-blaugestreifte Stofflatzhose, Latzhose mit kurzen Beinen, Winterlatzhose mit Watte gefüllt. Und ich hasste Latzhosen. Wenn sich alles änderte, dachte ich, mussten sich folglich auch die Latzhosen ändern. Und das taten sie auch. Leider kaufte meine Mutter für uns dann als Erstes zusammen mit dem Videorekorder auch Trainingsanzüge, und die waren noch bescheuerter. Ich will nicht sagen, dass die Leute keinen Geschmack hatten, aber er war sehr anders als der ihrer Kinder oder des Rests der Welt. Was war in sie gefahren? Bis zur Unkenntlichkeit geschminkte Frauen. Leuchtend blonde Strähnen in den Haaren. Als müsste jetzt nachgeholt werden, was man 40 Jahre verpasst hatte. 40 Jahre Sozialismus mussten weggefärbt werden und in bunten Trainingsanzügen verschwinden. |40|Im ersten Moment fällt es einem ja gar nicht wirklich auf, doch rückblickend betrachtet sah man in dem neonblauen, mit rosa Blitzen bedruckten Trainingsanzug aus wie ein Clown. Später behaupteten alle, man habe sich dem Westgeschmack anpassen müssen. Das Gegenteil war der Fall: Vom Musikgeschmack bis zu den Tischtüchern haben sie alles selbst ausgetauscht, ganz ohne Drohungen. Ein Verkauf des Selbst, der auf Ahnungslosigkeit basierte, so wie der Indianer das Feuerwasser nimmt und danke sagt und noch nicht weiß, dass es ihn zugrunde richten wird.
Ich suche für einen Moment im Schrank unter dem Aquarium ein Netz, um einen der glubschäugigen Fische herauszuholen, der schon längere Zeit bewegungslos im Wasser treibt, und als ich wieder hochkomme und mit dem Netz ins Wasser tauche, sehe ich meinen Vater nicht mehr. Angesichts der Wunder, die seit einiger Zeit in der Wohnung vor sich gehen, zum Beispiel das Wunder Film wird von einer schwarzen Kassette abgespielt, das Wunder Holz an der Wand, das sich anfühlt wie eine Tapete oder das Wunder Mikrowelle, das Wunder Heizung, das gegen das Wunder Eisblumen am Fenster eingetauscht wurde – angesichts dieser Wunder bin ich bereit zu glauben, mein Vater sei in den Fernseher hineingegangen oder in das eigenartige Kupferbild an der Wand mit einer Frau drauf, die ein langes Kleid trägt, das vom Wind durcheinandergebracht wurde, und einen Bogen in der Hand hält. Das habe ich mal in einem Film gesehen, also dass Menschen auch in Bildern verschwinden können. Dann raschelt hinter mir etwas, ich drehe mich um, und er steht da mit meiner Jacke und Schuhen und sagt, ich solle mich anziehen, wir müssten los.
|41|Wir fahren im Trabi raus aus dem Viertel, eine Landstraße entlang, in die Stadt hinein, die ich gut kenne, da ist das Institut. Ich habe das Gefühl, mich gut zu verstehen mit meinem Vater, auch wenn wir nichts reden. Er redet manchmal mit sich selbst, das kommt, glaube ich, von der Hirnhautentzündung. »Wohin fahren wir?« – »Zur Wahlversammlung des Demokratischen Frauenbunds.« Ich bin verwirrt. Demokratisch? Heißt das, auch sie sind vom Kapital regiert?
Vor dem Rathaus fährt mein Vater etwas langsamer. Er fährt um das Rathaus einmal herum und parkt ziemlich umständlich ein, obwohl auf dem ganzen Vorplatz nur drei Autos stehen. Als wir in das Rathaus reingehen, wird es sofort dunkel und stickig. Von weitem hören wir aus dem Saal, den ich vom Fasching kenne, schon viele Frauenstimmen und Gläserklirren, und mein Vater zittert und schwitzt, was ich auf seiner Stirn und an seinem Hemd sehen kann. Dann kommt eine Frau raus und erschreckt sich, dass da zwei stehen vor der Tür, und sagt: »Ach schön, dass doch noch ein Genosse kommt. Immer rein in die gute Stube.« Als sich die Saaltür öffnet, wird es wegen der großen Fenster im Saal gleich so hell, dass wir die Augen etwas zusammenkneifen, und die Frau sagt zu meinem Vater, dass es schön wäre, wenn er ein paar Worte an die Frauen richten würde, denn der eigentliche Redner sei nicht gekommen, überhaupt sei kein Mann und schon gar kein Genosse gekommen, und jetzt sitze man hier etwas ratlos herum. »Das verstehe ich nicht, also wirklich, das ist hier eine Wahlversammlung des Demokratischen Frauenbund Deutschlands und da ist kein Genosse, also da sind die Sitten aber wohl gleich eingebrochen«, sagt sie und stützt etwas verärgert die Hände in |42|die Hüften. »Wie, es ist kein Mann da? Kein Vertreter der Bezirksleitung?«, fragt mein Vater. »Keiner«, sagt die Frau. »Da müssen Sie jetzt reden.«
Mein Vater entsetzt: »Also, das macht doch jetzt keinen Sinn, wenn ich da etwas sage, wo doch niemand da ist.«
»Wir sind da. Also wirklich! Das ist ja, als würden Sie sagen: Die Frauen des Demokratischen Frauenbund Deutschlands sind niemand.«
»Ich meine, nein, natürlich nicht. Aber …«
Seine Augen werden ganz groß und gucken abwechselnd sie und dann die Frauen im Saal an, weil die Frau die große Flügeltür festhält, und dann merke ich, wie er eine Bewegung macht, die wie Rückzug aussieht. Aber im Saal haben sie uns sowieso schon gesehen und bitten uns jetzt unter lauten Anfeuerungen hinein. Mein Vater beugt sich zu mir runter, und das Letzte, was er zu mir sagt, ist, dass ich mich absolut unauffällig verhalten solle, mucksmäuschenstill soll ich sein, nicht stören und nichts anfassen. An vier Tischen sitzen bestimmt jeweils 15 oder 20 Frauen. Ich setze mich an einen Tisch ganz vorn vor die Bühne, neben die Frau von der Tankstelle, und meine Hausärztin schaut mich von der anderen Seite genauso streng an, wie sie es tut, wenn sie mir die Lunge abhört. Eine Frau, die mir direkt gegenübersitzt, kenne ich nicht, sie stellt mir aber gleich ein Stück Kuchen hin. Der Kuchen ist schön und die Frau ist auch schön, so was habe ich ja noch nie gesehen: einen bunten Kuchen und eine Frau mit langen blonden Haaren. Ihr Arm ist bedeckt mit einem ganz hellen Flaum und ich wünsche mir, auch ganz viele Haare auf dem Arm zu bekommen, und beschließe, in den Demokratischen Frauenbund einzutreten und Kommunistin zu werden. »Papageikuchen«, sagt sie und lächelt mich |43|an, so liebevoll, so herzlich, so vertraut, dass ich nur eines will, nämlich ihre Haare flechten.
In der Zwischenzeit ist mein Vater offenbar auf der Bühne angekommen. Ich höre ein Räuspern durch die Lautsprecher und sehe seine Hände am Mikrofon herumdrehen. Er ist ziemlich klein.
»Nun, ähm, die meisten von Ihnen kennen mich sicher. Heute spreche ich in ehrenamtlicher Funktion eines stellvertretenden Parteisekretärs der SED dieser Stadt zu Ihnen. Ich bin dann wohl der einzige von den Eingeladenen, der gekommen ist. Alle anderen Vertreter von Parteiebenen der SED, Blockparteien bzw. Massenorganisationen sind, wie es aussieht, nicht anwesend.« Grün und rot und gelb ist der Kuchen, ja, sie hat absolut recht, die blonde, schöne Frau, es ist ein Papageikuchen. Auf dem Tisch stehen auch eine Torte mit Tortenheber und ein Blumengesteck, das aber nicht echt ist, sondern aus Plastik, das teste ich immer, wenn ich Pflanzen irgendwo in Töpfen sehe, weil man ja manchmal auch denkt, dass die unecht sind, und dann knickt man sie um, und sie waren doch echte Pflanzen. Und dann hat man jemanden umgebracht. Und das gehört sich nicht. Die hier sind nicht echt, ihre bunten Blüten ziehen Fäden. Kerzen stehen auf niedrigen Porzellanständern in Form von Delphinen mit Glitzer dran.
»Denen ganz oben sollte man mal kräftig auf die Finger klopfen«, sagt die Frau von der Tankstelle.
Mein Vater stockt. Ein strenger Blick. Ich höre auf zu kauen. Dann spricht er mit dem Kronleuchter.
»Und so wurde ich in Ermangelung anderer gebeten, ein paar Worte an Sie zu richten. Doch was soll ich Ihnen sagen? Ich habe noch nie eine Rede gehalten.« Ich suche einen |44|Löffel, um den Kuchen zu essen, weil man Kuchen nicht so einfach mit den Fingern essen darf. Jedenfalls, wenn Fremde zuschauen. Eine Frau am Tisch holt zwei große Nadeln raus und ein Wollknäuel und beginnt zu häkeln.
»Langer Rede kurzer Sinn: Möglicherweise werden alle miteinander in naher Zukunft mit Dingen konfrontiert werden, die heute noch keiner glauben kann. Wichtig ist allerdings, dass man fair miteinander umgeht. Gibt es Fragen?«
Keiner sagt etwas.
»Demokratie ist ein offener Diskurs. Ich möchte Sie ermuntern, nun zu reden.«
Stille.
»Na, dann wünsche ich Ihnen einen schönen Abend.«
Mein Vater verlässt die Bühne und geht steif zur großen Eingangstür mit den bunten Gläsern, die man nur aufschubsen muss und deren Flügel noch lange hin- und herschwingen, wenn einer durchgelaufen ist. Er geht durch, die Türen schwingen. Dann stehe ich auf und renne hinterher. Draußen sehe ich meinen Vater den Trabi aufschließen und renne zu ihm. »Da bist du ja. Wo warst du?«, sagt er.
Ehe ich antworten kann, kommen zwei Männer über den Platz gelaufen und heben beide lässig die Hände, als würden sie uns kennen, und sagen »Moin«. Ich solle einsteigen, sagt mein Vater, und ich steige ins Auto, lasse aber die Tür auf. Sie haben dunkle Stimmen, viel rauher als die Stimme meines Vaters, einer hat einen dicken Vollbart, der andere ist kleiner und hat die dünnen Haare streng zur Seite gekämmt, so dass sie sich wie ein Schleier über den Schädel legen. Als sie vor meinem Vater stehen, werfen sie ihren Schatten über ihn und erscheinen mir wie Riesen. Handschlag. Der Typ |45|mit Seitenscheitel sagt zu meinem Vater: »Bist du bescheuert? Nimm das Parteiabzeichen endlich ab, sonst nehm ich es dir ab.« Mein Vater stottert, also, wie jetzt, was. Ob er wirklich noch nicht mitbekommen habe, dass alles vorbei sei, sagt der andere und wischt sich Spuke aus dem Bart. Mein Vater schaut sich um. Der Platz liegt still im Abendlicht. Ein Trabi fährt vorbei. Die Räder quietschen. Vom Bäcker her duftet es nach Brot. Vorbei?
Er dreht sich um und setzt sich auf die Fahrerseite des Trabis. Ist Demokratie jetzt gut oder schlecht?, will ich fragen. Es scheint mir ein sehr dehnbarer Begriff zu sein. Demokratie. Wenn alles Demokratie schon im Titel hat, aber jetzt erst die richtige Demokratie kommt, warum nannte man sich vorher schon Demokratische Republik und Demokratischer Frauenbund? Das ist doch albern, denke ich, das ist doch Gehirnwäsche zu behaupten, man sei in einer Demokratie, wenn die Demokratie erst jetzt kommt. Das ist, als wolle man sagen, 3 + 3 ist 7. Das ist die Logik meines Bruders und der ist drei und kann nicht rechnen. Oder war es nur ein bisschen weniger Demokratie als jetzt die neue? Aber es gibt auch kein bisschen weniger Telefonnummer, die ist dann nämlich eine falsche.
Mit dem Wort, denke ich, muss man aufpassen, es könnte eine Falle sein, das ist wie mit der Behauptung, Persil werde alle Flecken aus dem weißen Hemd waschen. Eine Behauptung, damit man dieses Waschpulver kauft und kein anderes. Das Wort ist überall.
Mein Vater nimmt den kleinen Anstecker von seinem Jackett ab, ich habe beide, also Anstecker und Jackett, vorher nie an ihm gesehen.
Ich frage: »Was ist das?«
|46|Er: »An und für sich geht es hier konkret um Dinge, die du nicht verstehst.« Im Grunde habe er den Quatsch mit Abzeichen und Parteisekretär ja auch nicht mitmachen wollen, aber dann habe es geheißen, mach das Abzeichen dran, sonst bist du kein ordentlicher Genosse, und mach du jetzt den Parteisekretär. Und er sei halt immer der Kleinste in der Runde, und in der Kampfgruppe musste er auch noch das schwere Gewehr tragen, und alle anderen durften die Kalaschnikow haben. Und jetzt kommen so Deppen, die auf jeden Befehl gehört haben. Und solche Leute sind die Ersten, die einem das Abzeichen wieder abmachen wollen, sonst knallt’s, einfach so, das müsse man ja nicht gleich mitmachen. Das gehöre sich nicht. Haben die keine Ehre?
Nie solle ich vergessen, woher ich komme.
Er tippt entschlossen auf das Kunstlederarmaturenbrett.
Das ist, denke ich, schwer zu sagen, woher man kommt.
Version I: Eltern Akademiker (haben vor allem Mähdrescher gefahren und Erde umgewälzt), im Bücherregal: Karl May, Karl Marx, Karl Valentin.
Version II: Alle scheinbar unzufrieden (Grund unbekannt). Schwierig. Platte. Rundherum viele kaputte Autos. Früh mit Alkohol konfrontiert.
In dieser Nacht träume ich, dass ein Tyrannosaurus Rex vor dem Balkon unserer Wohnung steht und zu uns hineinschaut. Sein Maul ist halb geöffnet, und man kann spitze Zähne sehen, von denen Spucke heruntertröpfelt. Unmöglich, denke ich, Dinosaurier sind ausgestorben, das weiß jedes Kind, aber hier ist einer, unmöglich, unmöglich! Ein gelbes Auge taucht genau vor dem Fenster auf. Wir springen vom Sofa weg und verstecken uns dahinter, unter dem |47|Tisch, neben der Schrankwand, hinter dem Ofen. Und dann sagt der Dinosaurier: »Ihr müsst fair zueinander sein!«, und reißt bei den Nachbarn den Balkon ab, auf dem ein kleines aufblasbares Planschbecken liegt. Und auf beidem, auf dem Planschbecken und dem Beton, kaut der Tyrannosaurus herum und geht dann weiter.
Während mein Vater eine Technik entwickelt, mit seinen neuen Filzpantoffeln Fliegen zu jagen, werde ich in die zweite Klasse versetzt. Mit den Zeugnissen ist man nicht immer zufrieden. Pulverschnee fällt auf Pappschnee. Ich bin damit vertraut und kenne den Unterschied. Pulverschnee rieselt unangenehm in den Pullover. Wenn man auf die aus Pappschnee geformten Schneebälle etwas Wasser träufelt, hat man ein paar Minuten später ein Wurfgeschoss, das dem Gegner sehr schaden kann.
Am Nachmittag stehe ich dann auf dem Kiesparkplatz vor der neu gebauten Schule, ein flacher, weißer Bau, in dem wir der erste Jahrgang überhaupt waren und alles nach frischer Farbe roch, und warte auf meine Mutter und sehe, wie die Lehrer rauskommen und die Putzfrau reingeht und mit knallblauen Tüchern den Boden zu wischen beginnt. Seit neuestem ist das jetzt so, dass meine Mutter um drei Uhr kommt, wenn man ihr zwei Uhr gesagt hat. Dann knattert sie mit einer irren Geschwindigkeit durch die Schlaglöcher über einen Bordstein über den Kies und hält mit einer Vollbremse genau vor meinen Füßen. Ich muss mich beeilen mit dem Einsteigen, dann fährt sie los.
Im Klassenraum, wo meine Mutter jetzt umgeschult wird, ist die Luft stickig.
|48|»Mama, ich glaube, ich habe Fieber.«
»Du hast kein Fieber.«
»Es ist vielleicht auch Mumps.«
»Du hast kein Mumps.«
»Ich habe Hunger und Fieber.«
»Ich habe noch einen Apfel in der Tasche.«
»Ich will keinen Apfel.«
Meine Mutter verzieht keine Miene und schaut auf den Computerbildschirm.
»Mama, ich glaube, ich habe eine Hirnhautentzündung.«
Ein paar Leute drehen sich zu uns um, die Frauen sehen besorgt aus und die Männer genervt. Dann kommt der Lehrer von meiner Mutter, gibt mir ein Milky Way und sagt: »Soll ich dir mal was zeigen?« Er klickt mit einer Maus herum und zeigt mir ein Kartenspiel am Computer und erklärt, wie es funktioniert. Farben nach Farben sortieren. Solitär heißt das Spiel. Dann geht er wieder an seinen Tisch vor der ich nenne sie mal Klasse.
»Gut, dann machen wir weiter mit der Integration in die neue Welt. He, he … Nur ein Spaß.« Er räuspert sich und fragt, ob es allen auffalle, dass er sich so räuspere, wie Beethovens Neunte klinge. So nämlich: Rämrämräm räääm. Sein Publikum tauscht Blicke aus und zieht die Schultern hoch, und ein Gemurmel geht los: »Ja, ne, irgendwie rausgehört … lag mir auch schon auf der Zunge.«
»So: Das war Excel, wir üben das nachher gleich noch mal, aber sind Sie so weit, sich an etwas anderes zu trauen? Ja? Dann gehen wir jetzt mal auf ›Start‹, ›Programme‹, und öffnen Word, W-O-R-D, das ist englisch. Wer weiß, was es heißt?«
»Genau.« Er dreht den Daumen nach oben und lächelt. »Sehr gut, sehr richtig.«
»Glauben Sie mir, ich bin nicht gekommen, um Ihnen hier ihre Fähigkeiten abzusprechen. Wir nähern uns am besten alle gemeinsam an. Man braucht Zeit, sich aneinander zu gewöhnen. Wir sind ein Volk und wollen auch ein Volk werden.«
Der Mann vorn redet die ganze Zeit, fast ununterbrochen, schon als er die Tür aufmacht, fängt er damit an: dass er sehr froh ist, mal den Osten zu sehen, und das alles superspannend findet und froh ist, dass wir jetzt alle zusammengehören. Und dann fragt er sich: »Ich frage mich, wie sich das für Sie anfühlen muss. Na ja, herzlich willkommen in der BRD, also Deutschland.« Dann verteilt er Tchibo-Aufkleber und »Ein Herz für Kinder«-Aufkleber. Und alle sagen danke.
»Was Sie lernen müssen«, sagt er jetzt, als alle noch nach diesem Programm suchen, »ist, dass Sie hier für sich kämpfen, ganz allein.« Ängstlich schauen einige auf. »Nein, das ist nicht schlecht, sondern gut, Sie sind ein Wolf, ein Tiger. Sie dürfen sich nichts gefallen lassen. Job verloren? Weitermachen. Sie waren doch nicht schlecht in der Zone, in Mathe und Sport zumindest, nicht wahr? Und was die Dresdner Stollen angeht, da hätte man gut und gerne ein paar von uns Wessis in Dresden fotografieren können, wie wir mit unseren ersten Dresdner Stollen stolz aus der Kaufhalle kamen. In anderen Städten reden die Menschen eben auch nur über andere Städte.«
Dann fordert er alle auf, an die Zukunft zu denken. Er entschuldigt sich für einen Moment und geht mit Anlauf aus dem Raum.
|50|»Verdammt noch mal, lass das«, ruft meine Mutter, als ich versuche, auf den Tisch zu steigen.
»Ich hab Fieber, ich muss mich hinlegen«, sage ich.
»Also, wer flucht denn hier?«, sagt eine Frau in der ersten Reihe.
»Kleiner Rebell«, flüstert ein Mann, der an einem Computer gleich neben meiner Mutter sitzt. »Das legt sich hoffentlich wieder«, sagt meine Mutter zu ihm, und er lacht laut, und ich denke, dass ich den schon mal bei uns am Getränkekiosk gesehen hab. Er ist groß und schmal und hat kurze, dunkle Haare, die glänzen. Er sieht jung aus. Wie einer, bei dem man noch nicht sehen kann, wie er ist und was er macht. Auf jeden Fall lacht er oft. Dann flüstern die beiden. Er sagt, er heiße Markus. »Ich heiße Markus, aber wir kennen uns vielleicht vom Sehen. Ich wohne auch drüben im Viertel, seit letztem Jahr wieder.«
»Ach, wieder?« (Wo war er?)
»Ja, wieder.« (Wohin sollte ich sonst gehen?)
»Irgendwie ist das doch hier sinnlos, oder?« (Ich fühle mich erniedrigt.)
»Hab ich auch gedacht.« (Eigentlich nicht, es ist besser, als zu Hause zu sitzen, auch wenn ich schon programmieren kann, man lernt halt Leute kennen.)
Sie schweigen. Der Lehrer kommt mit einer Tasse wieder rein, aus der es dampft. Er riecht und schließt die Augen. »Hm, ach herrlich, der Kaffee hier. Hab selten so guten Kaffee getrunken.«
»War 88 in den Bau gegangen, da ist es gut, unter die Leute zu kommen.«
(Fünf Minuten später.) »Ach so.« (Sie verbindet verschiedene Assoziationen und Schreckensbilder mit dieser Antwort.)
|51|»Weil ich nicht zur Wahl bin.« (Versteht jemand diese Sinnlosigkeit? Ich nämlich nicht.)
»Ach du Scheiße. Begreife ich nicht.« (Absolute Verblüffung. War das ein Vorwurf?)
»Ja, ich hab’s auch nicht begriffen.« (Sollte ich einen Witz machen, damit es keine unangenehme Stille gibt?)
»Saustaat«, sagt ein Mann neben Markus zu seinem Computer, dreht sich dann zu den beiden hin, und ich sehe sein Gesicht. Er hat rote Pünktchen auf der Nase und rote, gelockte Haare. »War bei den Volkspolizisten. Meistens am Schreibtisch.«
»… Und vergessen Sie bei all der Arbeit nicht, sich auch einmal selbst zu beschenken«, sagt der Lehrer. »Einmal am Tag, heißt es ja, soll man sich etwas schenken: ein Nickerchen im Bürostuhl, ein Stück Käsekuchen oder einen Saunagang. Nun … und was die Agrarreformen angeht …«
Meine Mutter nimmt meine Hand, und wir gehen zur Tür. Zwei andere Frauen folgen. Als wir draußen im Flur stehen, sagen die Frauen, sie wollten nur mal schauen, ob alles in Ordnung sei. Ob sie das mit der Kalkulation auch nicht verstanden habe. Doch, doch, irgendwie schon. Ah ja. Na, und dann habe sie sich so angeregt mit dem Herrn Schlosser unterhalten. Der war doch im Knast. Was hat er denn erzählt?
Wir gehen zum Auto, meine Mutter schließt es auf, da nähert sich von hinten der Lehrer. »Ach, Frau Hünniger, was ich Sie fragen wollte.«
»Huch, ja?« Meine Mutter erschrickt, wirft die Unterlagen in das Auto und dreht sich um.
»Brauchen Sie eigentlich eine Versicherung, also Haftschutz, Haushalts etc. pp.?«
|52|»Ne, also ich weiß nicht, ne, ne.«
»Lebensversicherung? Sie wollen Ihre Kinder doch nicht brotlos… Wenn doch mal …«
»Der Schlüssel ist im Auto. Verflucht!« Meine Mutter versucht die Autotür zu öffnen, es ist ein Opel Kadett, der eine automatische Verriegelung hat, der Knopf ist einfach heruntergeschnappt, und der Schlüssel liegt auf dem Fahrersitz zwischen den Unterlagen.
»… Man weiß ja nie. Zack sind Sie tot, und dann haben Sie den Salat.«
»Wie krieg ich das verdammte Auto jetzt auf? Das ist doch zum Mäusemelken.«
»Was? Auto? Wo hamse den denn her? Eijeijei, ist ja ein Schrotthaufen. Seh ich sofort. Ich könnte Ihnen da ein Angebot machen.«
»Es ist zu.«
»Gut! Autos muss man jetzt abschließen!«
»Nein, der Schlüssel ist drin.«
»Das haben wir gleich.«
Er wühlt in seiner Aktentasche, biegt so eine Art Kleiderbügel zurecht und werkelt am Fenster und am Schloss herum. Der Knopf springt nach oben. »Hundertmal gemacht«, sagt er stolz.
»Ähm, danke«, sagt meine Mutter.