auf den Fall Vanderhorst beziehen«, sagte Markoven. »Vanderhorst hatte eine riesige Bibliothek. Und er liebte Horrorgeschichten.«
Am Tag nach der Suche in der alten Fabrik war Skamper sofort in Markovens Hotel gefahren, um ihn von den Geschehnissen zu unterrichten.
Skamper hatte auf einem kleinen Stuhl Platz genommen, Markoven saß auf dem Bett und hörte ihm aufmerksam zu.
Skamper berichtete Markoven auch, was er im Stollen erlebt hatte. Doch er verschwieg, was er dem geheimnisvollen Fremden erzählt hatte. Während Skamper sprach, kam ihm in den Sinn, wie irreal die ganze Szene gewesen war. War das wirklich eine Pistole gewesen, die er am Hals gespürt hatte? Und wenn, war sie echt gewesen oder auch nur ein Scherzartikel wie der Halloween-Totenkopf in der Kiste?
Skamper konnte es nicht sagen.
»Was wollte dieser Kerl von Ihnen, und wenn das wirklich eine Pistole war, warum hat dieser Irre Sie laufen lassen? Was glauben Sie?«, fragte Markoven, als Skamper mit seinem Bericht fertig war.
Skamper dachte nach. »Vielleicht habe ich die richtigen Antworten gegeben.«
»Das bestimmt. Aber ich glaube, dass da noch etwas anderes war.«
Skamper sah ihn fragend an.
»Sie hatten vorhin von einem Verdacht gesprochen, dass Sie möglicherweise wissen, wer hinter Barewski steckt und wer der Verrückte in dem Stollen war.«
Skamper nickte. »Auf der Messe in Bayreuth habe ich einen Geocacher kennengelernt, einen Mann namens Simon Morlov.«
»Und wieso vermuten Sie, dass er etwas mit dieser Sache zu tun haben könnte?«
Skamper lächelte. »Ein Gefühl.« Er hatte den ganzen letzten Abend immer wieder über die Szene in dem Stollen nachgedacht. Und je länger er versuchte, sich die Szene in Erinnerung zu rufen, desto sicherer war er, dass es Morlov gewesen war, der hinter ihm gestanden und ihm eine Pistole in den Nacken gedrückt hatte.
Markoven stand auf und ging zu dem kleinen Fenster seines Zimmers, blickte nach draußen. »Nehmen wir an, dieser Geocacher ist tatsächlich Barewski, unser Stasikiller. Und Barewski veranstaltet mit seinen Verstecken so etwas wie Gedächtniscaches, Verstecke und Rätsel, die an seine früheren Morde erinnern sollen. Aus welchem Grund auch immer.« Markoven machte eine Pause, blickte zu Skamper. »Vielleicht hat die kurze Begegnung auf der Messe schon gereicht, damit Barewski in Ihnen jemand sah wie Vanderhorst. Einen Freund.«
Skamper musste an die eigenartige Spannung bei dem Gespräch denken, das er mit Morlov geführt hatte. »Das klingt absurd«, sagte er. »Aber möglich wäre es.«
»Wir sollten uns diesen Morlov unter die Lupe nehmen.«
»Ich habe schon im Internet recherchiert, Fehlanzeige. Er hat mir ja auch eine Webadresse gegeben. Aber dafür braucht man ein Kennwort, das ich nicht habe.«
»Ich werde mich mal umtun«, sagte Markoven. »Ich habe noch Verbindungen von früher. Vielleicht bekomme ich etwas heraus. Aber das Wichtigste ist, dass wir herausfinden müssen, was mit dem Friedhof der Kuscheltiere gemeint ist. Bis zum Freitag haben wir drei Tage Zeit. Haben Sie denn eine Idee?«
Skamper schüttelte den Kopf. Sie schwiegen, Markoven stand immer noch am Fenster. Jetzt wandte er sich ab und ging einige Male in dem kleinen Zimmer hin und her. Er blieb vor Skamper stehen. »Sie sollten in nächster Zeit sehr vorsichtig sein«, sagte er.
Auf einmal stieg Ärger in Skamper hoch. Was hatte er eigentlich mit diesem verrückten Killer zu tun? Er hatte einem Freund helfen wollen. Was konnte er dafür, dass dieser Barewski ihn offensichtlich für ein bizarres Spiel um Freundschaft und Tod ausgewählt hatte? »Vielleicht ist das alles auch nur ein Hirngespinst«, sagte er.
Skamper wusste nicht, was ihn geweckt hatte. Er starrte auf das Display seines Digitalweckers. Halb drei.
Sein Herz pochte. Er hatte geträumt. Die Bilder hatte er vergessen, aber das Gefühl der Angst war immer noch da. Er horchte in die Nacht. Stille. Er war allein im Haus, Arabella übernachtete bei einer Freundin und Jasmin war bei ihrer Mutter.
Skamper versuchte, sich seinen Traum zu vergegenwärtigen. Hatte es etwas mit dem Gespräch zu tun gehabt, das er mit Markoven geführt hatte?
Den ganzen Abend hatte er sich mit dem Fall Vanderhorst beschäftigt. Markoven hatte ihm Unterlagen mitgegeben, über denen er nach dem Abendessen gesessen hatte. Doch der sachliche Untersuchungsbericht hatte ihm nicht weitergeholfen.
Am 10. Juni 1986 war Vanderhorst zu einer Bergwanderung aufgebrochen. In einem kleinen Dorf im Thüringer Schiefergebirge. Er hatte in einer kleinen Pension die Nacht verbracht. Der Wirtin hatte er am Morgen erzählt, dass er sich auf dem Weg mit einem Freund treffen würde. Doch einen Namen hatte er nicht genannt.
Drei Tage später war Vanderhorst von Spaziergängern in einem kleinen Tal gefunden worden. Man war sofort von einem Absturz ausgegangen, die Verletzungen, die die Leiche aufwies, die Fundstelle, alles deutete darauf hin. Doch bestimmte Umstände hatten dazu geführt, dass man eine Autopsie vorgenommen hatte, und als man entdeckte, dass Vanderhorst vergiftet worden war, hatte das dem Fall eine ganz neue Richtung gegeben.
Skamper las den Autopsiebericht, doch die Fakten ließen den Fall nicht lebendig werden.
Skamper wusste, dass das Entscheidende fehlte. Das, was sich zwischen Barewski und Vanderhorst auf der Bergwanderung zugetragen hatte. Was sie gesprochen hatten, was Barewski gegenüber Vanderhorst empfunden hatte. Was damals gewesen war, davon konnte nur Barewski selbst erzählen.
Auch zum Rätsel im letzten Cache hatte Skamper keinen Bezug gefunden: Ich erwarte dich auf dem Friedhof der Kuscheltiere. Vanderhorst war, wie Markoven erzählt hatte, ein begeisterter Leser gewesen. Der Mord an ihm war 1986 geschehen. Ein Jahr vorher war der Roman »Friedhof der Kuscheltiere« auf Deutsch erschienen. Konnte man diesen Roman damals auch in der DDR kaufen? Skamper hatte keine Ahnung, aber vielleicht war Vanderhorst ja über Umwege an das Buch gekommen, und Barewski hatte es gesehen, als er ihn einmal besucht hatte. Oder sie hatten darüber gesprochen auf der Bergwanderung. Möglich war das. Oder der Cache hatte überhaupt nichts mit Barewski zu tun, war nicht mehr als der Scherz eines Geocaching-Witzboldes. Aber das glaubte Skamper nicht. Er war überzeugt, dass sie auf der richtigen Spur waren.
Hatte er davon geträumt? Vom Friedhof der Kuscheltiere?
Skamper lag im Bett und seine Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit. Ein vages Gefühl sagte Skamper, dass sich etwas verändert hatte. Er setzte sich im Bett auf, ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen, die Konturen wurden schärfer.
Er stand auf und ging in die Küche, wo er sich ein Glas aus der Vitrine nahm. Einen Moment lang ließ er das Wasser aus der Leitung laufen, dann füllte er das Glas voll. Er trank es in einem Zug leer und stellte es auf die Spüle.
Er sah sich wieder um. Etwas fehlte. Plötzlich wusste Skamper, dass das Artefakt nicht mehr da war. Er stürzte zurück in sein Zimmer und schaltete das Licht ein. Die Stelle, wo das Artefakt gelegen hatte, war leer.
»Und du bist dir sicher, dass du den Stein nicht verlegt hast?«
»Natürlich bin ich mir sicher. Er lag immer auf dem Nachttisch.«
Skamper und Arabella saßen am Frühstückstisch. Skamper hatte nicht mehr geschlafen, nachdem er entdeckt hatte, dass der Stein verschwunden war. Mit müden Augen und ungekämmten Haaren nippte er von einer Tasse Kaffee. Arabella saß ihm gegenüber. Sie war gerade vom Besuch bei ihrer Freundin zurückgekommen.
»Du musst das doch gemerkt haben, wenn jemand in das Zimmer gekommen ist und den Stein genommen hat.«
Skamper blickte starr vor sich hin. Genau das hatte er sich auch schon überlegt. Vielleicht hatte er so tief geschlafen. Zum Abendessen hatte er ein Bier getrunken. Dann keinen Alkohol mehr, nur Tee. Normalerweise wachte er beim kleinsten Geräusch auf. Das musste ein Profi gewesen sein. Jemand, der gelernt hatte, sich völlig lautlos zu bewegen und keine Spuren zu hinterlassen.
»Hast du irgendeine Idee, wer das gewesen sein könnte?«
Skamper zuckte mit den Schultern. »Vielleicht einer der Spinner aus den Internetforen, die glauben, dass der Stein etwas Magisches hat.«
Nachdem Skamper den Diebstahl entdeckt hatte, hatte er noch in der Nacht alle Zugänge zum Haus kontrolliert. Doch er hatte nichts Auffälliges finden können. Am Schloss der Kellertür hatte er Kratzspuren entdeckt. Skamper ärgerte sich, dass er keine Sicherheitsschlösser hatte einbauen lassen. Das hätte er schon vor Jahren tun sollen.
»Du musst zur Polizei.«
Skamper lächelte. »Zu Dora? Die hasst den Stein. Die glaubt heute noch, es hätte unsere Ehe zerstört, dass ich so besessen davon war. Außerdem ist der Stein im Grunde nichts wert. Die werden mich anhören, aber da wird sich niemand dafür interessieren.«
»Aber was willst du dann machen?«
»Ich weiß es nicht.«
Er schüttelte den Kopf. »Das ist wirklich unglaublich, dass ich nichts gemerkt habe.«
»Wenn ich schlafe, dann kann ein Erdbeben passieren. Ich schlafe einfach weiter.«
»Ich hab zu lange im Freien geschlafen. Da musst du sofort hellwach sein, wenn etwas ist. Das ist, wie wenn du eine eingebaute Alarmanlage hast.«
»Und jetzt hat diese Alarmanlage versagt.«
»So könnte man es sagen.« Skamper nahm einen Schluck von seinem Kaffee. Er war kalt geworden. Skamper schüttete den Rest in die Spüle, ging zur Kaffeemaschine und schenkte sich die Tasse nach. Er füllte etwas Milch hinein und gab einen Löffel Zucker dazu. Dann setzte er sich wieder zu Arabella.
»Vielleicht hat der Einbrecher mit einem Betäubungsgas gearbeitet«, sagte Arabella.
»Könnte sein.«
»Ich hoffe, du hast noch keine Spuren verwischt. Das ist sehr wichtig, dass du nicht mehr in das Zimmer gehst. Ich muss mir erst alles genau anschauen.«
Skamper sah sie erstaunt an. »Warum?«
»Das ist doch klar, dass ich diesen Fall übernehme. Das ist genau der Fall, den ich immer haben wollte. Er ist mysteriös, vielleicht ein bisschen gefährlich und man muss nicht weit fahren. Ich bin froh, dass du nicht zur Polizei gehst, weil du mir bei der ganzen Sache vertraust.«
»Moment mal, davon war noch überhaupt nicht die Rede.«
»Aber, was willst du sonst machen? Das ist doch der ideale Fall für die Detektei Arabella-Investigations.«
»Das kommt überhaupt nicht in Frage.«
Arabellas Gesichtsausdruck zeigte tiefe Enttäuschung. »Glaubst du, dass ich diesen Fall nicht lösen kann, weil ich zu jung bin?«
»Ich denke, es ist am besten, wenn ich mich selbst darum kümmere.«
»Aber ich könnte gleich anfangen.«
»Nein«, sagte Skamper.
Arabella sah ihn kurz an, dann wandte sie den Blick ab und starrte ausdruckslos auf den Tisch vor ihr. Skamper blickte sie forschend an.
»Was ist los?«
Arabella sagte nichts.
»Du musst doch verstehen, dass das ziemlich gefährlich sein kann.«
»Du glaubst doch, dass ich dir nicht helfen kann, weil ich nicht studiert hab so wie Jasmin, dass ich zu doof bin für ’ne Detektivin.« Sie stoppte abrupt, starrte wieder vor sich hin, biss sich auf die Lippen.
Skamper atmete durch. »Arabella, wenn du wirklich glaubst, dass ich so denke, dann bist du aber ziemlich auf dem Holzweg. Ich will doch nur nicht, dass dir was passiert.«
Arabella schwieg.
»Und dass du doof bist, das kann doch wirklich nur denken, wer selber wirklich doof ist. Ich kenn niemand, der so originelle und verrückte Ideen hat wie du.«
Arabella sagte noch immer nichts.
»Zum Beispiel die Idee mit dem magischen Wasser. Ich wäre nie auf so was gekommen.«
Arabella sah auf. Skamper schien sie überzeugt zu haben. »Oder die Idee, dass wir deinen Urin verkaufen könnten.«
»Genau«, sagte Skamper. »Auf solche Ideen muss man erst mal kommen. Das kann man nur, wenn man wirklich was in der Birne hat.«
»Aber wegen dem Artefakt könnte ich doch recherchieren, ich kann Leute befragen. Du weißt, wie gut ich mit dem Computer umgehen kann.«
Skamper sah sie nachdenklich an, dann nickte er. »Okay, wenn du unbedingt willst, dann kannst du mir bei der Suche helfen.«
Arabella war begeistert. »Dann müssen wir nur noch über die finanzielle Seite reden.«
»Die finanzielle Seite?«
»Ich verlange fünfzig pro Tag plus Spesen.«
Skamper sagte nichts.
»Gut, für dich mach ich es für vierzig.«
»Arabella, jetzt lass den Blödsinn. Ich habe auch im Augenblick kein Geld. Ich kann dir was geben, wenn du mir hilfst mit Recherche und so. Aber irgendwelche Sätze und Spesen, das lassen wir.«
Arabella zog ihre Unterlippe hoch. »Na gut«, sagte sie. »Aber du musst mir eine Erfolgsprämie zahlen, wenn ich etwas Wichtiges herausfinde.«
»Okay. Wenn du etwas Wichtiges herausfindest, kriegst du eine Erfolgsprämie.«
Seitdem das Artefakt verschwunden war, hatte sich etwas verändert. Als könnte man im Haus den Verlust spüren. Doch es war noch etwas anderes, was Skamper beunruhigte. Er fühlte sich beobachtet. Am Morgen war er im Klinikum gewesen und hatte Viktor besucht. Viktor ging es gut, in einer Woche würde er den Gips abbekommen und dann würde es auch nicht mehr lange dauern, bis er das Klinikum verlassen könnte.
Skamper gab Viktor einen Bericht über die Ereignisse der letzten Tage, und während seiner Erzählung wurde ihm immer mehr klar, dass sie auf der Stelle traten. Ein zweites Mal erzählte er von der seltsamen Begegnung im Stollen und wie bei Markoven erschien ihm die ganze Szene irreal, als hätte er sie nur in seiner Einbildung erlebt.
Er hatte den Mann im Stollen nicht gesehen, wusste nicht, ob das wirklich eine Pistole gewesen war, die er in seinem Nacken gespürt hatte.
Vielleicht war das ja eine Inszenierung gewesen. Der Geocacher phantom23 hatte sich einen Scherz erlaubt, wollte seinem Cache einen besonderen Reiz geben. Vielleicht war die Pistole nicht echt gewesen und die vermeintliche Gefahr, in der Skamper sich geglaubt hatte, war nur Einbildung gewesen.
Vielleicht war es tatsächlich Morlov gewesen und hinter Morlov steckte nicht der gefährliche Stasikiller Barewski, sondern nur ein harmloser Geocacher. Vielleicht hatte sich Skamper ganz einfach ins Bockshorn jagen lassen, und als er schließlich im Angesicht eines möglichen Todes beichtete, dass er einen Freund getötet hatte, war das zu viel für den Geocacher hinter ihm gewesen, die Situation war ihm über den Kopf gewachsen und er hatte keine andere Lösung gesehen, als Skamper niederzuschlagen und zu flüchten.
So könnte es gewesen sein, und die Tatsache, dass in dem Versteck nur ein Scherzartikel gewesen war, ein künstlicher Kopf, unterstützte diese Theorie. Bisher hatten sie keine Spur von angeblichen Leichenteilen gefunden, alles war nur Illusion und Trugbild, und als Skamper Viktor von Markovens Mutmaßungen erzählte, kamen ihm die Theorien um den Stasikiller Barewski selbst wie die überspannten Fantasien eines Kommissars im Ruhestand vor, der einer Schimäre nachjagte.
Viktor schwieg, als Skamper fertig war. Skamper sah in das nachdenkliche Gesicht seines Freundes.
»Heute ist doch der Tag, an dem man nach dem Versteck auf dem Friedhof der Kuscheltiere suchen muss«, sagte Viktor.
Skamper zuckte die Schultern. »Ehrlich gesagt habe ich keine Idee, was damit gemeint sein soll. Heute wollte mich Markoven anrufen. Er wollte einige Erkundigungen über diesen Morlov einziehen. Vielleicht ist ja dabei etwas herausgekommen.«
»Friedhof der Kuscheltiere«, sagte Viktor und lauschte dem Klang der Worte nach, als könne er auf diese Weise hinter die Bedeutung der rätselhaften Formulierung kommen.
Skamper hatte während der letzten zwei Tage den Roman von Stephen King gelesen. Aber auch das hatte ihm nicht die entscheidende Idee gebracht.
»Vielleicht gibt es ja gar keine Story«, sagte Viktor. Er starrte ausdruckslos auf sein Bettlaken.
»Wir bleiben auf jeden Fall dran«, sagte Skamper. »Und wenn da etwas Größeres dahintersteckt, dann kriegen wir das auch raus.« Skamper wusste nicht, woher er seinen Optimismus nahm, aber irgendetwas musste er sagen, um seinen Freund aufzumuntern.
Dann verabschiedete er sich und ging. Das verschwundene Artefakt hatte Skamper nicht erwähnt. Er hatte Viktor schon genug schlechte Nachrichten überbracht.
Dabei war er mehr und mehr zu der Überzeugung gekommen, dass das Verschwinden des Artefakts mit seinen Nachforschungen in der Geocaching-Szene zu tun hatte. Es war kein Zufall, dass das ausgerechnet jetzt passiert war. Skamper musste wieder an Morlov denken. Vielleicht hatte Markoven etwas herausgefunden. Als Skamper aus dem Krankenhaus zu seinem Auto ging, holte er sein Handy aus der Jackentasche und sah auf das Display. Eine SMS von Markoven war eingegangen. »Bisher nichts Neues. Rufe Sie am Nachmittag an.« Skamper steckte das Handy wieder ein.
Als Skamper aus dem Kaufhaus trat, spürte er es wieder. Jemand beobachtete ihn. Das Gefühl hatte ihn schon den ganzen Tag begleitet, seit er aus dem Krankenhaus gekommen und mit seinem Ford Kombi in die Stadt gefahren war. Er hatte nach einer neuen Jacke gesucht, doch im Grunde hatte er die ganze Zeit gehofft, ihm würde beim ziellosen Herumstöbern auf der Bekleidungsetage noch der rettende Einfall kommen, was mit dem Friedhof der Kuscheltiere gemeint sein könnte. Aber ihm war nichts eingefallen und auch Markoven hatte nicht angerufen.
Skamper stand vor dem Kaufhaus und sah sich um. Ein grauer Frühlingstag. Nach ein paar warmen, sonnigen Tagen war es wieder kalt geworden. Skamper blickte auf das Gewimmel in der Fußgängerzone vor ihm. Niemand, der sich auffällig verhielt oder ihn beobachtete. Aber Skamper spürte, dass da etwas war.
Es war kurz vor drei Uhr. Skamper ging durch die Fußgängerzone. An der Lorenzkirche wandte er sich nach links, ging weiter in Richtung Weißer Turm, bis er zu einer großen Buchhandlung kam. Dort wartete er einen Moment. Das Gefühl, dass ihn jemand beobachtete, war stärker geworden. Skamper betrat die Buchhandlung, blieb vor der Reihe von Zeitschriften stehen und sah aus den Augenwinkeln zur Tür. Eine ältere Frau drängelte sich herein, dahinter ein Mädchen mit einer Schultasche auf dem Rücken, das zielstrebig an ihm vorbei in den ersten Stock lief.
Vielleicht täuschte er sich, vielleicht bildete er sich alles nur ein.
Skamper nahm eine Computerzeitschrift in die Hand und blätterte darin. Doch was er las, erreichte sein Gehirn nicht. Aus den Augenwinkeln beobachtete er immer noch den Eingang. Aber dort tat sich nichts.
Skamper tat die Zeitschrift wieder zurück in den Ständer. Es hatte keinen Sinn. Er verließ die Buchhandlung.
Skamper nippte an seinem Cappuccino. Er stand an einem Stehtisch in einem kleinen Café neben der Buchhandlung. Er versuchte sich zu beruhigen. Es war kindisch gewesen, am Zeitschriftenstand auf potentielle Verfolger zu warten. Er war schon so weit, Gespenster zu sehen. Dabei war er wahrscheinlich nur überreizt. Seit dem Diebstahl des Artefakts spürte er diese Unruhe in sich.
Er holte sein Handy aus der Jackentasche und sah auf das Display. Immer noch keine Nachricht von Markoven. Er steckte das Gerät wieder ein.
Das Café wirkte wie ein Schlauch. Ein Gang, an dessen Seite man einige Tische gestellt hatte. Von Skampers Tisch aus hatte man einen Blick nach draußen auf die Straße.
Plötzlich spürte er, dass jemand neben ihm stand. Er drehte sich zu ihm.
Morlov. Skamper hatte ihn nicht bemerkt. Morlov sah ihn an. In seinem Gesicht zeigte sich keine Regung. »Ich hoffe, ich störe Sie nicht«, sagte er.
Skamper schüttelte den Kopf.
»Sie erinnern sich an mich?«
»Die Geocaching-Messe. Der Mann für die gefährlichen Caches.«
Morlov nickte.
»Ich war auf Ihrer Website, doch Sie hatten mir kein Kennwort gegeben«, sagte Skamper.
Morlov lächelte, sagte aber nichts. Er hielt noch einen Kaffee in der Hand, den er sich von der Theke geholt hatte. Er stellte ihn vor sich ab. »Sie haben doch nichts dagegen, dass ich mich zu Ihnen stelle.«
»Bitte.«
Morlov öffnete das Zuckertütchen, das auf der Untertasse lag, und gab etwas Zucker in seinen Kaffee. Wie auf der Geocaching-Messe trug er einen schwarzen Rollkragenpullover und dunkelbraune Jeans. Er rührte seinen Kaffee um. »Immer noch Lust auf ein Abenteuer?«, fragte er.
»Das kommt darauf an.«
»So ein Abenteuer wie in den Bergen Kolumbiens. Als Sie nach der goldenen Stadt suchten.«
Skampers Muskeln verkrampften sich. »Sie haben sich informiert.«
Morlov nickte. »Es hat mich interessiert, sehr interessiert. Als ich über Ihre Expedition las, wurde mir bewusst, dass es kein Zufall war, dass wir uns begegnet sind. Wir haben beide etwas erlebt, was andere wohl niemals verstehen werden.« Er sah Skamper an. »Ich kann Sie verstehen, niemand versteht Sie so wie ich«, sagte er. »Ich weiß, wie es ist, einen Freund zu töten.«
Skampers Körper war auf einmal steif. Er blickte auf seine Tasse Cappuccino und rührte sich nicht.
»Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen uns beiden. Sie hatten keine andere Wahl. Ich hatte eine Wahl.«
Wieder war Schweigen. Skamper hörte gedämpft die Gespräche an den Tischen hinter ihm. Von der Theke kamen die Geräusche der Kaffeemaschine, das Klacken, wenn die Bedienung das alte Espressopulver aus dem Sieb schlug, es neu auffüllte und das Sieb wieder in die Halterung drehte. Hatte Morlov neben ihm eben davon gesprochen, dass er einen Mann umgebracht hatte?
Skamper nahm einen Schluck von seinem Cappuccino. »Was wollen Sie?«, fragte er.
»Wie meinen Sie das?«
»Für das Artefakt. Sie sind doch derjenige, der es gestohlen hat.« Skamper schaute Morlov in die Augen. Morlovs Gesicht verriet nicht, was er dachte.
»Ich will, dass Sie mir helfen.«
»Wobei?«
»Sie werden es erfahren, wenn es so weit ist.«
Skamper sah nach draußen auf die Straße. Er hatte auf einmal das Bedürfnis, Morlov an die Gurgel zu gehen, ihn zu würgen, so lange, bis er ihm sagte, wo das Artefakt war. »Wer sind Sie?«, fragte Skamper. »Wer zum Teufel sind Sie?«
»Jemand, der wünscht, dass wir Freunde sein können.«
»Was soll das, ich kenne Sie nicht und Sie mich nicht.«
»Ich kenne Sie, ich weiß, wie das ist, wenn man einen Freund tötet. Wenn man Vertrauen tötet. Wenn man tötet, was man liebt.«
Der Kerl ist verrückt, dachte Skamper. Es gab keinen Zweifel, dass der Kerl neben ihm völlig durchgedreht war. Es war nicht nur, was er sagte, es war die Art, wie er es sagte. Als würden die Worte, die sie wechselten, in einer verschlüsselten Sprache bei ihm ankommen. In einer Sprache, die nur Morlovs verwirrter Geist verstand. »Ich habe niemanden umgebracht in Kolumbien. Lockroft starb in der Höhle, in die ich ihn gebracht hatte. Als ich ihn verließ, halluzinierte er, er war am Ende, genau wie ich. Wahrscheinlich hat er den nächsten Tag nicht mehr erlebt.«
Morlov lächelte, auf Skamper wirkte das Lächeln wie die verzerrte Fratze eines Irren. »Das war die Geschichte für die Zeitungen. Die Wirklichkeit war eine andere. Die Wirklichkeit war, dass Lockroft eine Gefahr war. Dass Sie taten, was jeder getan hätte in Ihrer Situation. Es war Notwehr, reine Notwehr.«
Skampers Herz klopfte schneller. Es musste Morlov gewesen sein, der ihm im Stollen eine Pistole in den Nacken gepresst hatte. Ihm hatte er alles anvertraut, er war sein Beichtvater gewesen.
»Wir wissen beide Bescheid«, sagte Morlov und seine Stimme hatte etwas Hypnotisches. »Wir wissen, dass die Zeitungen sich auf die Story gestürzt haben, aus Sensationsgier die unglaublichsten Theorien entwickelt haben, aber nur derjenige, der dabei war, weiß, wie das wirklich ist und dass es keine andere Chance gab.«
Skamper wollte sich wehren gegen die Stimme neben ihm. Es war, als würde sie in seine geheimsten Gedanken dringen.
Er musste plötzlich an Markoven denken. An das, was ihm der pensionierte Kommissar von dem Profikiller Barewski erzählt hatte. Dann war es, als ob eine Stimme in seinem Kopf flüsterte. Markoven ist tot, sagte die Stimme. Immer wieder sagte sie diesen Satz. Markoven ist tot. Es war nicht eine Ahnung, es war Gewissheit. Deshalb hatte sich der alte Kommissar nicht bei ihm gemeldet.
Skamper dachte, dass er irgendetwas tun musste, um diesen gefährlichen Irren neben sich auszuschalten, aber er war wie gelähmt, alles lief weiter und Skamper nahm seine Tasse und trank einen Schluck von seinem Cappuccino.
»Wir sehen uns wieder«, sagte Morlov plötzlich. Er wandte sich ab, ging zum Ausgang und Skamper sah ihm nach, wie er durch die Tür ging, sich nach rechts wandte und verschwand.
Skamper steckte sein Handy zurück. Er hatte zum dritten Mal versucht, Markoven zu erreichen, aber dessen Handy war abgeschaltet. Skamper saß im Foyer in einem Hotel in der Nähe der Burg. Hier war Markoven für die Dauer seines Aufenthalts in Nürnberg abgestiegen. Seit einer halben Stunde wartete Skamper schon. Er sah auf die Uhr über dem Empfang: Viertel nach fünf.
Markoven sei mittags aus dem Haus gegangen, hatte die blonde Frau am Empfangstresen gesagt. Er habe aber für sechs eine Ayurveda-Massage gebucht, was bedeutete, dass er jeden Augenblick zurückkommen musste.
Doch Markoven erschien nicht. Skamper ging noch einmal zu der Frau am Empfangstresen, die gerade telefonierte. Er wartete, bis sie aufgelegt hatte.
»Entschuldigen, ich wollte noch etwas fragen wegen Herrn Markoven.«
Die Frau nickte.
»Hat er gesagt, wo er hingegangen ist?«
Sie überlegte kurz, schüttelte den Kopf. »Nein, er hat sich nur erkundigt, ob der Termin zur Massage auch wirklich gebucht ist. Daher gehe ich davon aus, dass er bald kommt.«
Skamper überlegte. »Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen, als er mit Ihnen gesprochen hat?«
Sie sah ihn misstrauisch an. »Sind Sie von der Polizei?«
»Ich bin ein guter Bekannter von Herrn Markoven.«
Sie zögerte.
»Bitte, es ist sehr wichtig. Es könnte sein, dass sich Herr Markoven in großer Gefahr befindet. Ist Ihnen etwas aufgefallen, als Sie mit ihm sprachen?«
Sie überlegte kurz, schüttelte dann wieder den Kopf. »Er hat sich sehr höflich verabschiedet und ist gegangen.« Sie sah zu den Broschüren, die links neben ihr auf kleinen Ständern steckten. »Moment, doch, da war etwas. Er ist noch einmal zurückgekommen und hat sich eine dieser Broschüren genommen.«
»Welche?«
Die Frau nahm eine gefaltete gelbgraue Broschüre aus einem der Ständer. Die Broschüre informierte über die Sehenswürdigkeiten, die es in Nürnberg gab.
Skamper überflog die Seite. Plötzlich stockte er.
Die große Teddybär-Ausstellung im Spielzeugmuseum.
Skamper ärgerte sich, dass er nicht schon längst darauf gekommen war. Er hatte in der Zeitung von der Sonderausstellung gelesen. Der Friedhof der Kuscheltiere, nur die Teddybär-Ausstellung konnte damit gemeint sein.
Das Spielzeug-Museum befand sich nicht weit vom Hauptmarkt und war von Markovens Hotel zu Fuß in zehn Minuten zu erreichen. Skamper beschloss, sein Auto stehen zu lassen und zu Fuß zum Museum zu gehen. Mit dem Auto hätte er nur ewig nach einem Parkplatz suchen müssen.
Es war kurz nach halb sechs, als Skamper das Museum betrat. Der Raum, der zu den Sonderausstellungen führte, befand sich gleich hinter dem Eingangssaal.
»Wir schließen in einer halben Stunde«, sagte die Frau hinter dem Verkaufstresen.
»Das wird doch reichen, um sich ein paar Teddybären anzuschauen.« Skamper schlug einen lockeren Ton an. Er legte ein paar Münzen auf den Tresen. Die Frau zuckte die Schultern und gab ihm eine Eintrittskarte.
Skamper ging sofort in den hinteren Raum. Er hatte keinen Blick für die unzähligen Teddybären, die in Vitrinen ausgestellt waren. Skamper war noch nie hier gewesen und auf einmal fiel ihm die Stille auf, die hier herrschte. Er schien der einzige Besucher zu sein um diese Zeit.
Skamper ging weiter, bis er das Ende des großen Raums erreichte. Hier hatte man eine Szene arrangiert, eine Konferenz der Teddybären. Auf einem großen, länglichen Tisch standen alte Schreibmaschinen, Aktenkoffer, lose Zettel und Bleistifte. Rings um den Tisch hatte man die unterschiedlichsten Teddybären auf Bürostühlen drapiert. Einer hielt einen Telefonhörer in der Hand, die anderen saßen stumm um den Tisch, als würden sie dem Gespräch zuhören.
Am Tischende saß Markoven mit einem großen, schwarzen Teddybär auf seinem Schoß. Sein Kopf war nach hinten gegen die Stuhllehne gebeugt, als schliefe er.
Skamper ging vorsichtig näher und fasste ihn an der Schulter. »Herr Markoven.«
Keine Reaktion. Der Teddybär auf Markovens Schoß sah Skamper traurig aus seinen Glasaugen an.
Markoven war tot. Skamper musste nicht den Puls fühlen, um das zu wissen. Dann erblickte er die Nachricht. In der alten Adler-Schreibmaschine, die vor Markoven auf dem Tisch stand, steckte ein Zettel mit einer handschriftlichen Notiz. Skamper zog das Papier heraus und las es.
•
»Markoven wollte dich also anrufen?«, fragte Dora.
Sie saßen in der Wohnküche in Skampers Haus. Auf der einen Seite Dora und Schmidt und ihnen gegenüber Skamper.
»Das habe ich doch schon gesagt«, sagte Skamper. »Er hatte mir am Vormittag eine SMS geschickt, dass er sich nachmittags melden wollte.«
»Und warum bist du in sein Hotel und hast nicht einfach gewartet, bis er sich bei dir meldet?«
Skamper zögerte einen Moment. »Es klingt vielleicht blöd, aber ich hatte plötzlich das Gefühl, dass ihm etwas zugestoßen ist.«
Dora sah ihn nachdenklich an. »Was heißt, du hattest plötzlich ein Gefühl?«
»Ich kann das nicht erklären, es war so, dass ich mir auf einmal ganz sicher war, dass Markoven tot ist.«
»Du meinst also, so etwas wie eine außersinnliche Wahrnehmung, eine parapsychologische Eingebung«, sagte Schmidt.
Dora sah ihn erstaunt an.
»Ich war ein großer Fan von ›Akte X‹«, erklärte Schmidt. »Schade, dass es die Serie nicht mehr gibt. Da kam so was dauernd vor. Ich habe auch viel gelesen, über Parapsychologie und so.«
»Nenn es, wie du willst«, sagte Skamper.
»Bisher geht man davon aus, dass Markoven einen Herzanfall hatte«, sagte Dora.
Skamper zuckte die Schultern. »Mag sein.«
»Wie hast du Markoven eigentlich kennengelernt?«
»Auf der Geocaching-Messe. Es ging um diese Gerüchte in der Szene. Ich hatte Viktor versprochen, da weiter nachzuforschen.«
»Aber wie ich gehört habe, habt ihr beim letzten Cache nur eine Attrappe entdeckt. Es war kein echter Totenkopf.«
»Ich habe eigentlich auch gedacht, dass damit der Fall erledigt ist. Aber dann wurde das Artefakt gestohlen. Und ich glaube immer noch, dass das irgendwie mit meinen Recherchen in der Geocaching-Szene zusammenhängt. Und dieser Markoven hat völlig unglaubliche Dinge erzählt. Von einem Profikiller, der als Geocacher aktiv ist.«
»Was hat er euch denn genau erzählt? Hat er irgendwelche Namen genannt?«
»Namen wusste er nicht. Aber ich habe einen Verdacht.«
»Und was für einen Verdacht?«
»Ich war ja mit Arabella und Jasmin auf der Geocaching-Messe in Bayreuth. Und da habe ich einen Typen kennengelernt. Simon Morlov heißt der. Ich sag dir, ein wirklich seltsamer Typ. An dem Nachmittag gestern, als ich Markoven treffen wollte, war ich in einem Café in der Stadt. Und da ist der Typ auf einmal neben mir gestanden und hat angefangen, ganz verrücktes Zeug zu reden. Er hat im Grunde zugegeben, dass er das Artefakt hat. Und er hat gesagt, dass er jemand umgebracht hat. Und da hatte ich das Gefühl, dass Markoven tot ist. Markoven wollte nämlich genau diesem Typ auf den Zahn fühlen.«
Während Skampers Erzählung hatte Dora immer nur auf ihren Papierblock gestarrt. Sie sagte nichts, als Skamper fertig war, wechselte nur einen Seitenblick mit Schmidt.
»Ich weiß, das klingt alles verrückt«, sagte Skamper.
»Das ist nicht das Problem«, sagte Dora. »Das Problem ist, dass es nicht die geringsten Hinweise auf irgendwelche Verbrechen gibt. Das mit den Leichenteilen hat sich als Gerücht erwiesen.«
»Aber es gab Tote unter den Geocachern.«
»Es gab zwei Unglücksfälle, die untersucht wurden. Ich habe mir die Mühe gemacht, etwas nachzuforschen. Es hieß in beiden Fällen, dass ein Fremdverschulden auszuschließen ist. Und dass dein Artefakt gestohlen wurde, das können auch irgendwelche Spinner gewesen sein, das weißt du genau.«
Skamper lehnte sich zurück. Dora hatte recht. Aber sie hatte eben diesen Morlov nicht gesehen. Sie hatte nicht mit ihm gesprochen, so wie Skamper.
»Markoven war ja nicht einfach so im Spielzeugmuseum. Als wir bei der letzten Suche diese Attrappe gefunden haben, war da noch eine Nachricht. ›Suche mich auf dem Friedhof der Kuscheltiere.‹ Wir konnten damit nichts anfangen, aber Markoven muss darauf gekommen sein, dass damit die Teddy-Ausstellung im Spielzeugmuseum gemeint war. Das Versteck mit der Attrappe, das war gar kein Travel Bug, das war auch nicht der Final. Das Teddymuseum war der Final.« Skamper brach ab. Er sah in die Gesichter von Dora und Schmidt. Ihm wurde plötzlich klar, dass seine Worte für jemanden, der sich nicht mit Geocaching auskannte, wie völliger Unsinn klangen.
Einen Moment überlegte Skamper, ob er den Zettel erwähnen sollte. Die Nachricht, die er bei dem toten Markoven gefunden hatte. Aber wenn er davon anfing, dann musste er über alles reden. Auch über die Begegnung im Stollen und über das, was er dem unbekannten Mann hinter ihm erzählt hatte. Und das konnte er nicht. »Man muss Markoven gerichtsmedizinisch untersuchen«, sagte Skamper. »Wenn das stimmt, was Markoven erzählt hat, dann ist dieser Killer ein Profi. Jemand, der auf genau solche Morde spezialisiert war. Einen Mord ohne Spuren.«
»Markoven war schon über siebzig«, sagte Dora. »Und er hatte ein schwaches Herz. So viel haben wir schon herausgefunden.«
»Wir können nicht einfach eine gerichtsmedizinische Untersuchung ansetzen, nur weil du irgendeinen Verdacht hast«, sagte Schmidt.
»Hat man denn irgendwelche Unterlagen in Markovens Hotelzimmer gefunden?«, fragte Skamper.
Dora schüttelte den Kopf. »Nichts, nur eine Postkarte, die er an einen alten Freund geschrieben hat. Aber darauf stand nur, dass das Wetter hier ziemlich kalt ist.«
»Vielleicht bedeutet das etwas«, sagte Skamper.
»Dass es eben hier kalt ist«, sagte Dora.
»Dann knöpft euch wenigstens diesen Morlov vor.«
Dora sah ihn schweigend an.
»Ich brauche Informationen über den Kerl. Das muss doch möglich sein.«
»Ich werde sehen, was sich machen lässt«, sagte Dora.
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Morlov saß in der Küche, als das Telefon klingelte. Er wartete einen Moment, dann ging er in sein Arbeitszimmer und hob den Hörer ab.
»Hallo?«
»Morgen Simon, hier ist Stefan.«
Panzer. Morlov atmete tief durch. Panzer schien nach seinen Worten eine freudige Begrüßung zu erwarten, doch Morlov blieb stumm. Panzer räusperte sich. »Tja, wir haben ja jetzt einige Zeit nichts mehr voneinander gehört. Da wollte ich mich mal melden.«
»Du hast mir Birdy auf den Hals gehetzt«, zischte Morlov.
»Was meinst du damit?«
»Jetzt spiel nicht den Ahnungslosen. Du hast Birdy auf mich angesetzt.«
»Simon, du verstehst da was falsch. Das war ein Missverständnis.«
»Ein Missverständnis. Der wollte mich abknallen. Der hatte die Knarre in der Hand und wollte mich abknallen.«
»Du regst dich jetzt unnötig auf, das war ein Missverständnis, ein furchtbares Missverständnis.«
»Birdy hat es mir doch selbst gesagt. Dieser Idiot war noch blöd genug, mir alles haarklein zu erzählen.«
»Birdy hat da was falsch verstanden. Aber jetzt lass mich doch mal erklären. Warum hörst du mich nicht wenigstens an?« Panzer machte eine empörte Pause. Zumindest hatte Morlov am Telefonhörer den Eindruck, dass die Pause empört klang.
»Birdy hat da etwas falsch verstanden«, fuhr Panzer fort. »Ich habe ihm gesagt, er soll einen Warnschuss abgeben, genauso habe ich das gesagt. Aber von umbringen war nie die Rede. Mit deinen Geocaching-Spielchen, mit deinem Leichtsinn, da bringst du uns in Gefahr. Ja, ich rede von uns, von dir und mir. Und ich habe gedacht, wenn Birdy dir das deutlich macht mit so einem Warnschuss, dann begreifst du vielleicht, dass du nicht so weitermachen kannst. So war das gemeint, aber Birdy hat das falsch verstanden.«
Morlov war im ersten Moment zu verblüfft, um etwas zu sagen. Glaubte Panzer wirklich, er würde ihm diese Geschichte abnehmen?
»Du kannst doch nicht glauben, dass ich dich wirklich umbringen will. Wie schon gesagt, ein Warnschuss habe ich gesagt, freundschaftlich, ein freundschaftlicher Warnschuss. Du bist doch für mich wie ein Sohn. Als ich mit Birdy über dich geredet habe, da habe ich geweint. Wie ein Wasserfall sind die Tränen gekommen, glaub es mir.«
Morlov musste sich zusammennehmen, um nicht laut loszubrüllen. Was erzählte ihm Panzer da? Hielt er ihn schon für völlig verblödet?
»Es sollte alles nur ein Warnschuss sein«, redete Panzer weiter. »Niemand will dich umbringen, das bildest du dir nur ein. Es gab keine Anschläge auf dich.«
»Was redest du da überhaupt? Zweimal hat man schon versucht, mich umzubringen. Einmal waren da die Schüsse im Wald und dann Birdy.«
»Simon, überleg doch mal. Bei dem GEZ-Typen, da hast du dich ja schon mal ziemlich verhauen. Dann bleiben nur noch ein paar Schüsse, die jemand auf dich abgefeuert haben soll. Mitten in der Wildnis. Ich meine, in deiner Gegend gibt es doch sicher genug Typen, die mit ’ner Knarre auf Hasenjagd gehen und dann irgendwo in der Gegend rumballern. Vielleicht war das so ein Idiot, irgendein Jäger, der dich für einen Rehbock gehalten hat.« Panzer gluckste in sich hinein, als sei der Quatsch, den er erzählte, auch noch witzig. Was glaubte er überhaupt, wo Morlov wohnte. Mitten im Urwald unter lauter Hinterwäldlern?
»So ist das gewesen, einfach ein Falschalarm. Und das mit Birdy sollte nur eine kleine Warnung sein. Und du verdächtigst mich, dass ich dir an die Gurgel will.« Panzer lachte wieder. Der Kerl musste was genommen haben, Speed, irgendwelche Aufheller.
»Ich hab mir das auch noch mal überlegt, dass du diesen Typ von der GEZ kalt gemacht hast. Das hat ja im Grunde auch was Komisches. Versteh mich nicht falsch. Ich find das wirklich nicht gut, dass du deine Fernsehgebühren nicht zahlst. Aber dass du den Typen dann umbringst. Das hat was.« Panzer gluckste wieder. Morlov spürte Wut in sich aufsteigen. Man sollte Panzer eins über den Schädel schlagen.
»Dass du Birdy um die Ecke gebracht hast, das ist natürlich dann eher tragisch«, sagte Panzer.
Morlov glaubte so etwas wie einen Seufzer zu hören.
»Weil wir gerade von Birdy sprechen. Ich hab mit seiner Frau gesprochen. Und die hat jetzt ein wenig Probleme, weil Birdy erst mal nur vermisst gemeldet ist. Und sie erwartet ’ne Wahnsinns-Lebensversicherung. Und dazu muss sie beweisen, dass er tot ist. Sie hat mich gebeten, dich zu fragen, ob du da vielleicht etwas machen könntest.«
Es war das zweite Mal in dem Gespräch, dass Morlov sprachlos war. Endlich fasste er sich. »Was soll ich da machen, soll ich ihr vielleicht ein abgeschnittenes Ohr schicken?«
Panzer schien den Sarkasmus in Morlovs Stimme nicht zu bemerken. »Na ja, ein Ohr wäre gar nicht so gut«, sagte er. »Dann könnte er ja theoretisch für die Versicherungsfritzen noch am Leben sein …«
»Hör auf mit dem Scheiß.« Morlov schrie in den Hörer. Er versuchte sich zu beruhigen. Warum hörte er sich überhaupt an, was Panzer erzählte? Es hatte keinen Sinn, mit ihm zu reden. Er musste ihn umbringen. Er würde es tun, bei der nächsten Gelegenheit. Er konnte ihn einfach nicht mehr ertragen.
»Gut«, sagte Panzer. »Sprechen wir ein andermal über dieses Thema.«
Es war wieder still. Panzer schien darauf zu warten, dass er etwas sagte, aber Morlov presste nur den Hörer ans Ohr und blieb stumm.
»Wir sollten uns mal treffen«, sagte Panzer. »Ich denke, es ist wirklich das Beste, wenn wir uns mal irgendwo treffen, so unter vier Augen und diese ganzen Dinge besprechen.«
Morlov schwieg. Er wusste, was dieses Treffen bedeuten sollte. Unter vier Augen, hatte Panzer gesagt. Aber er würde sicher nicht allein kommen. Er hatte zu viel Angst. Er würde seine Leute mitbringen, gute Leute, die besten, so einen Fehler wie mit Birdy würde Panzer nicht noch einmal machen.
Wie konnte Panzer überhaupt glauben, dass er so einfach diese Einladung annehmen würde? Die einzige Erklärung war, dass Panzer auf Morlovs Schwachstelle vertraute. Du bist einfach zu naiv, hatte er ihm immer wieder gesagt. Aber Morlov war nicht naiv. Er hatte nur gehofft, vertrauen zu können. Er hatte gehofft, Freunde zu haben. Aber er hatte keine Freunde. »Wo soll denn dieses Treffen stattfinden?«, fragte Morlov.
Panzer ließ wieder sein albernes Lachen hören. »Ich schicke dir ’ne Mail«, sagte er. »Und weil du so auf dieses Versteckspielen stehst, hab ich gedacht, ich schicke dir die GPS-Daten.« Wieder lachte er.
Plötzlich wusste Morlov, warum Panzer ihm diesen Vorschlag machte und so sicher schien, dass er kommen würde. Sie trafen sich zu einem Duell. Einer von ihnen würde am Ende tot sein. Beide hatten sie den brennenden Wunsch, den anderen zu töten.
Es ging nicht mehr um die Dokumente, die Morlov immer als seine Lebensversicherung betrachtet hatte, es ging nicht mehr darum, dass Panzer Angst hatte, Morlov könnte durch seine Geocaching-Spielchen beide verraten, ihn und Panzer, es ging darum, dass nur einer von ihnen überleben konnte.
Und Panzer schien sich völlig sicher zu sein, dass Morlov auf der Strecke bleiben würde. Doch Morlov würde ihm beweisen, warum man ihn »das Phantom« nannte. Mit dem größten Vergnügen würde er diesem Gauner das Gehirn aus dem Kopf pusten. Dann müsste er endlich nicht mehr sein blödes Geschwätz ertragen.
»Wir sehen uns«, sagte Panzer.
Morlov hielt den Telefonhörer immer noch in der Hand, obwohl Panzer schon längst aufgelegt hatte. Seine Hand schmerzte, so fest hatten sich seine Finger um den Hörer gekrallt.
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Zwei Uhr nachts und Skamper saß immer noch vor dem Computermonitor. Seine Augen brannten, er sollte aufgeben und sich hinlegen, doch er suchte immer noch in den Untiefen des Webs nach Spuren zu Simon Morlov.
Er hatte Suchanfragen eingegeben, aber diese hatten ins Leere geführt. Es gab noch Menschen, über die es nichts zu googeln gab, die sich versteckt hielten, die den Moloch Internet mieden oder, wenn sie denn ins Netz gingen, dies nur mit falscher Identität taten.
Und die auch dem Drang zur Selbstdarstellung widerstanden. Es gab nichts über Simon Morlov. Für die Caches, die er im Internet veröffentlichte, hatte er Decknamen erfunden. Er versteckte sich mit irgendwelchen Fantasienamen hinter den anderen Spinnern, die besondere Verstecke anpriesen. Extreme Geocaching an gefährlichen Lost Places. Nichts für Weicheier und Anfänger.
Skamper blickte auf den Zettel, der neben seiner Tastatur lag. Der Zettel, den er bei dem toten Markoven gefunden hatte. Er las noch einmal, was darauf stand: »Und wenn der Gott der Schatzsucher gnädig war, wenn man die Zeichen richtig gedeutet hat, die Wüsten durchquert hat und den Dschungel durchwandert, wenn man die Hitze ertragen hat und die Kälte, den Hunger und den Durst, wenn man nicht verrückt geworden ist, besessen von dem Dämon Gold, dann kann man vielleicht den magischen Augenblick erleben, wo man die Schatzkiste hebt.«
Das war genau das, was Skamper bei seinem Vortrag in der Volkshochschule gesagt hatte. Diese Nachricht war von Morlov, für Skamper gab es keinen Zweifel. Morlov war bei diesem Vortrag gewesen, es war immer Morlov gewesen, der Bettler in der Fußgängerzone, der Mann mit der Pistole im Stollen der alten Fabrik und auch der Killer, der Markoven im Spielzeugmuseum getötet hatte.
Skamper starrte auf den Bildschirm. Er würde nichts mehr herausfinden. Es war Zeit, ins Bett zu gehen.
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